Dienstag, 26. Januar 2016

Dogens existentielle Frage: Unsere Buddha-Natur





Was ist die Buddha-Natur? Und warum müssen wir überhaupt intensiv und ausdauernd praktizieren, wenn die Buddha-Natur unser wahres Wesen ist? Das behaupteten damals namhaft Buddhisten. Diese Fragen waren für Meister Dôgen von existenzieller Bedeutung und wurden zum zentralen Bezugspunkt in seinem Leben.

Er hatte ein schweres persönliches Schicksal, denn als er erst zwei Jahre alt war, starb sein Vater; er konnte sich nicht mehr an ihn erinnern. Leider starb auch seine Mutter, als er erst sieben war. Mit ihr war er sehr eng verbunden – nicht zuletzt, weil sie wohl nicht mit Dôgens Vater verheiratet gewesen war und er deshalb nicht als eheliches Kind angesehen wurde. Seine Mutter förderte ihn sehr, er scheint ein ungewöhnlich intelligentes und sensibles Kind gewesen zu sein

Es heißt, dass er bereits in sehr jungen Jahren fließend Chinesisch lesen und schreiben konnte und in dieser Sprache sogar Gedichte verfasste. Ich vermute, dass er durch den Tod seiner Mutter unausweichlich mit den existenziellen Fragen des Lebens konfrontiert wurde. Daraus muss sich auch die eindringliche Suche nach der Erkenntnis über die Buddha-Natur ergeben haben.

Schon mit zwölf Jahren trat Dôgen in ein Kloster ein, in dem das Lotos-Sûtra die wesentliche Grundlage des Buddha-Weges bildete. Man könnte annehmen, dass sich in dieser Umgebung jemand gefunden hätte, der ihm seine Fragen nach der Buddha-Natur umfassend und zufriedenstellend beantworten konnte. Dies war aber wohl nicht der Fall.

Als Mönch befragte er laut Überlieferung die berühmtesten buddhistischen Äbte und Meister seiner Zeit, er studierte zudem die vorhandene buddhistische Literatur mit aller Gründlichkeit, aber auf seine Frage nach der Wahrheit der Buddha-Natur erhielt er damals in Japan keine Antwort.

Zu dieser Zeit kehrte der erste Japaner als Zen-Meister aus China zurück, denn bis dahin waren der Zen-Buddhismus und vor allem die Zen-Praxis und die einfache direkte buddhistische Lebensweise des Zen in Japan noch unbekannt gewesen. Dôgen hoffte nun, die Wahrheit der Buddha-Natur mithilfe des Zen-Buddhismus zu finden.

Er beschäftigte sich intensiv mit den neu in Japan gelehrten Kôans des Zen. Schließlich reifte bei ihm der Plan, selbst nach China zu reisen, um dort bei den großen Meistern zu erfahren, was die Buddha-Natur sei. Sein damaliger Meister Myozen, der der Rinzai-Linie des Zen angehörte, entschloss sich, mit ihm zusammen die damals nicht ungefährliche Schiffsreise nach China zu unternehmen, um dort nach der Wahrheit des Buddha-Weges zu suchen. Leider starb Meister Myozen während des Aufenthalts in China.

Dôgen war 25 Jahre alt, als er in China ankam und sich auf die Suche nach einem Kloster und einem Meister machte, um den Zen-Buddhismus sorgfältig zu erlernen und das Wesen der Buddha-Natur zu ergründen. Bald musste er jedoch enttäuscht feststellen, dass in vielen Klöstern in China der Buddhismus bereits im Niedergang begriffen war. So schwand seine Hoffnung, hier die Antwort auf seine Fragen zu finden.

Er war bereits wieder auf dem Heimweg nach Japan – so wird berichtet –, als er ein Kloster zum zweiten Mal besuchte, das er schon kurz nach seiner Ankunft kennengelernt hatte. Dort fand er endlich für sich den Meister Tendô Nyojô, der auf ganz überraschende und verblüffende Weise das mit dem Intellekt nicht zu lösende Geheimnis der Buddha-Natur klärte.

Allein durch das Studium der buddhistischen Texte, durch Überlegungen und tiefgründige Dialoge mit anderen Meistern ist die ureigene Erfahrung des Mysteriums der Buddha-Natur nämlich nicht zu verstehen, sondern nur in der Einheit von Körper-und-Geist im lebendigen Strom des Lebens und der Praxis – und nicht zuletzt durch

die Zazen-Meditation, bei der man Körper und Geist gleichsam „fallen lässt“, das Bewusstsein also von Denken und Emotionen entleert wird.


Donnerstag, 14. Januar 2016

Den Ziegel zu polieren ist der Tür-Öffner des Erwachens




 Dōgen gibt die berühmte und oft nur halb verstandene Koān-Geschichte vom Polieren eines Ziegels wieder: Der alte Meister Nangaku besuchte seinen Schüler Baso, der später selbst ein großer Zen-Meister wurde, als dieser zehn Jahre lang in einer einfachen Hütte unter oft unwirtlichen Bedingungen praktiziert hatte. Er fragte seinen Schüler, was er gerade mache, und Baso antwortete:

„Diese Tage sitzt Baso nur.“

Daraufhin fragte Meister Nangaku:
„Was ist das Ziel, in Zazen zu sitzen?“

Sein Schüler Baso erwiderte:
„Das Ziel des Sitzens in Zazen ist, Buddha zu werden.“

Was hätten Sie geantwortet? Ist doch ganz richtig, oder?
Meister Nangaku nahm aber überraschend einen Ziegel und schliff und rieb ihn an einem Felsen. Als Baso dies sah und hörte, fragte er verwundert, was der Meister tue. Dieser antwortete:

„Einen Ziegel polieren.“

Der Schüler benutzte dann eine ähnliche Formulierung wie vorher der Meister und fragte:
„Was ist der Nutzen, einen Ziegel zu polieren?“

Der Meister antwortete:
„Ich poliere ihn zu einem Spiegel.“

Erstaunt fragte der Schüler:
„Wie kann das Polieren eines Ziegels ihn zu einem Spiegel machen?“

Nun antwortete der Meister mit einer berühmten Gegenfrage:
„Wie kann das Sitzen im Zazen dich zu einem Buddha machen?“

Dōgen warnt davor, dass wir uns bei diesem Kōan mit einfachen und schnellen Antworten zufriedengeben, die wir vielleicht irgendwo gehört haben oder schnell "ablassen"! Er schätzte dieses Gespräch zur Lehre des Buddha-Dharma außerordentlich. In der Tat entwickelte diese Kōan-Geschichte eine große Kraft im Buddhismus, die sie auch heute noch besitzt. Was würden Sie antworten?

Durch das direkte Handeln ohne viele Worte wollte der Meister seinem Schüler zur intuitiven Klarheit von Körper-und-Geist verhelfen. Der Sinn dieses Kōans liegt vor allem darin, dass sowohl beim Zazen als auch beim Polieren des Ziegels das Erstreben eines Ergebnisses nicht maßgeblich ist, sondern der Vorgang und das Tun selbst. Ohne ausdauerndes Zazen ist es allerdings unmöglich, den Buddhismus ganzheitlich mit klarem Körper-und-Geist zu erfahren.

Das Handeln im Zazen wird aber nachhaltig gestört, wenn wir mit aller Anstrengung des Willens das Ziel der Erleuchtung anstreben, denn das Zazen-Sitzen selbst bedeutet nach Nishijima Roshi nichts anderes, als dass wir die erste Erleuchtung unmittelbar erfahren und damit Buddha sind.[i] Das klingt paradox ist es aber überhaupt nicht. Man darf nicht vergessen, dass der Schüler Baso mit großer Intensität und Eindeutigkeit Zazen praktizierte und dass er zum Zeitpunkt dieses Gesprächs schon einen weiten Weg im Buddhismus gegangen war. Durch Zazen erfährt man also den ewigen Spiegel, der als Symbol des umfassenden intuitiven Geistes zu verstehen ist.

Dōgen sagt, dass es dasselbe ist, einen ewigen Spiegel zu erzeugen und ein Buddha zu werden. Durch das Handeln und Praktizieren entsteht dieser ewige Spiegel, also die intuitive Klarheit des Geistes, und dies kann auch durch das Schleifen eines Ziegels geschehen. Genau das hat in der Kōan-Geschichte der Schüler Baso erkannt, denn ihm wurde schlagartig klar, dass die Zazen-Praxis selbst das wesentliche Handeln – der ewige Spiegel – ist. So kann man sagen, dass der materielle Ziegel durch Meister Nangaku für den Schüler Baso zum spirituellen Spiegel, zum plötzlichen Türöffner des Erwachens geworden ist und dass durch den Spiegel die Menschen zu Buddha werden.

Dōgen stellt uns die folgende Frage:
„Wer kann (wirklich) erkennen, dass es Spiegel gibt, in denen die Ziegel erscheinen, (wenn) die Ziegel kommen. Und wer kann (wirklich) erkennen, dass es Spiegel gibt, in denen die Spiegel erscheinen, wenn die Spiegel kommen?“

Der erste Satz bezieht sich darauf, dass bei Baso die intuitive Weisheit, also der Spiegel des klaren Geistes, entstanden ist, weil sein Meister den Ziegel poliert hat. Den zweiten Satz kann man so deuten, dass es sehr selten vorkommt, dass ein klarer, intuitiver Geist einem anderen genauso klaren Geist begegnet, der ein ewiger Spiegel ist, und dass sich beide als solche unmittelbar erkennen.




[i] Nishijima, Gudo Wafu: Aus meinem Leben. Wirklichkeit und Buddhismus, S. 47 ff.

Freitag, 8. Januar 2016

Die Affen tragen den ewigen Spiegel


In einem anderen bekannten Kōan begegnen die beiden großen Meister Seppō und Sanshō E-nen einer Herde Affen, und der eine Meister sagt:

„Auch die Affen tragen den ewigen Spiegel auf dem Rücken.“

Was soll denn dass heißen? Das bedeutet laut Dōgen, dass auch die Tiere, also nicht nur der Mensch, den Geist der intuitiven Weisheit besitzen, auch wenn sie nicht sprechen und schreiben können und nicht, wie wir Menschen, über einen hoch entwickelten Verstand verfügen.

In der Äußerung über die Affen wird die hohe Wertschätzung deutlich, die im Buddhismus allen Lebewesen ohne Unterschied erwiesen wird: Alle sind „Buddha hier und jetzt“. Haben wir nicht oft bei Tieren den Eindruck, dass sie an einer höheren intuitiven Weisheit teilhaben als wir selbst?

Diese Geschichte besagt also gerade nicht, dass der menschliche Geist in jeder Hinsicht einzigartig und allem überlegen und der Mensch daher grundsätzlich wertvoller als die Tiere ist, sondern im Gegenteil: Die intuitiven Fähigkeiten der Affen werden mit dem ewigen Spiegel und dem intuitiven Geist in Verbindung gebracht. In gleicher Weise bezieht Dōgen in diesem Kapitel über die intuitive Weisheit andere Lebewesen ein, zum Beispiel: "Hat auch ein Hund die Buddha-Natur?"

Er verdeutlicht durch seine Gleichnisse, dass sowohl ein Kind, das nicht lesen und schreiben kann, als auch Tiere den Geist des ewigen Spiegels besitzen. Damit will er sagen, dass erlerntes Wissen und die Schärfe des Verstandes nicht allein das Wesentliche des intuitiven Geistes sind. Er warnt davor, voreilig und unbedarft „schöne“ Begriffe zu verwenden und diese mit der intuitiven Weisheit selbst gleichzusetzen.

Es besteht immer die Gefahr, dass Worte und Begriffe sich verselbstständigen und ein gefährliches Eigenleben in der Kommunikation entwickeln. Dies bringt uns nicht der Wirklichkeit und Wahrheit näher, sondern führt uns weiter oft von ihr fort. Gerade psychische Probleme dürfen nicht durch falsche oder ungenaue Begriffe, die vielleicht sogar durch Scheinmoral legitimiert werden, verdeckt werden. Nur wenn es gelingt, die problematische psychische Wirklichkeit so klar wie möglich zu erkennen und zu benennen, kann ein Lösungsweg gefunden werden.

Gleichwohl hält Dōgen Fragen und Antworten zum Buddha-Dharma für außerordentlich wichtig, vorausgesetzt man ist sich darüber im Klaren, welche Grenzen und Möglichkeiten dabei bestehen. Denn wenn man sich wichtigen Fragen nicht stellt und keine Antworten sucht, bleibt vieles ungeklärt und beliebig: Der Körper-und-Geist bleibt unklar und verschwommen.

Dabei schätzt Dōgen das gütige und zugewandte Verhalten der buddhistischen Meister auch bei törichten oder sogar unverschämten Fragen, denn die Meister lassen sich nicht provozieren, und es liegt ihnen fern, den Fragenden wegen seines eventuell ungebührlichen Verhaltens zu erniedrigen und abzustrafen. Das bringt wirklich niemanden etwas.

Es zeigt wohl eher, dass der sog. Meister selbst narzistische Probleme hat. Ist er dann überhaupt eine Meister? Aus meiner Sicht gerade nicht!


Montag, 28. Dezember 2015

Plötzlich kommt ein klarer Spiegel daher



Dōgen zitiert einen berühmten Dialog zwischen den beiden großen Zen-Meistern Seppō und Gensa. Der ältere Seppō fragte:

„Wenn plötzlich ein klarer Spiegel daherkommt, was dann?“

Damit wird das Gleichnis des Spiegels aus einer anderen Perspektive betrachtet: der Spiegel kommt daher und nicht ein Mensch. Vorher hatte Meister Seppō erläutert, dass sein eigenes Gesicht wie ein ewiger Spiegel sei, er also über den intuitiven buddhistischen Weisheits-Geist verfüge und deshalb einen Fremden genau als Fremden und einen Chinesen genau als Chinesen sehe, wenn sie kommen. Damit will er ausdrücken, dass er die Wirklichkeit genau so sieht, wie sie ist.

Der jüngere Meister Gensa war mit dieser Aussage jedoch nicht ganz zufrieden, denn er wollte noch stärker zwischen Vorstellung und Wirklichkeit unterscheiden. Daher antwortete er:

„Zerschlagen in hundert Teile und Stücke!“

Diese Bemerkung klingt zunächst unverständlich oder gar unhöflich. Warum zerbirst der ewige Spiegel in hundert Stücke, wenn vor ihm ein anderer Spiegel erscheint? Also zwei ewige Spiegel begegnen sich wirklich, sie sind dann in Wechsel-Wirkung. M. E. ist das ein Super-Kōan.

Nishijima Roshi deutet diese Aussage so, dass im konkreten Hier und Jetzt auch der ewige Spiegel nur eine Idee ist und so verstanden werden muss. Diese Idee habe in Bezug auf die Wirklichkeit und den Körper-und-Geist selbst keinen eigenständigen Bestand. So tiefgründig und poetisch das Gleichnis des ewigen Spiegels für den intuitiven klaren Geist auch sei, so sehr müsse man sich davon auch wieder lösen, um die volle Wirklichkeit und Wahrheit der Gegenwart zu erfahren und zu erfassen. Die Idee eines Geistes ist etwas anderes als der wirkliche Körper-und-Geist.


Deshalb sagte Meister Gensa, dass der Spiegel als Gleichnis und Idee in hundert Stücke zerspringt, wenn er mit der Wirklichkeit selbst konfrontiert wird. Denn Gleichnisse und Worte können die Wirklichkeit des Buddha-Dharma immer nur teilweise beschreiben und dürfen nicht mit der Wirklichkeit selbst verwechselt werden. Worte dienen der Verständigung zwischen den Menschen und auch der Weitergabe der Lehre des Buddhismus. Sie sind wichtig und unverzichtbar in der menschlichen Kultur, aber sie haben auch ihre Grenzen und bergen Gefahren.

Im Zen-Buddhismus geht es darum, durch die Praxis, vor allem des Zazen, zur Wirklichkeit selbst zu gelangen, die durch Worte zwar in einem gewissen Umfang beschrieben und vorbereitet, aber nicht ersetzt werden kann. So sind Gleichnisse wie zum Beispiel das Symbol des ewigen Spiegels wie ein Fingerzeig auf den Mond, aber nicht die Wirklichkeit des Mondes selbst.

Am Ende seiner Erläuterung zu diesem Kōan stellt Dōgen selbst eine Frage an den damals jungen Meister Gensa:

„Mag es sein, dass das, was sich vor uns offenbart, nur die Zungenspitze als Sand, Kieselsteine, Zäune und Mauern (materielle Wahrnehmung) geworden ist und auf diese Weise zu ‚Zerschlagen in hundert Teile und Stücke‘ wurde. Welche Form nimmt das ‚Zerschlagen‘ an? Ewige blaue Tiefe; der Mond im Raum.“

Vielleicht hatte Gensa in der Tat zwar die symbolische und abstrakte Sichtweise des ewigen Spiegels kritisiert, wäre aber selbst nicht über ein begrenztes Verständnis der äußeren Form und des Materiellen und der sie beschreibenden Sprache hinausgekommen. Dem folge ich nicht.

Dōgen selbst antwortet im selben Sinne poetisch, man könnte wohl sagen paradox. Dem möchte ich gerne folgen:

"Ewige blaue Tiefe; der Mond im Raum !"

Freitag, 18. Dezember 2015

Der klare Spiegel braucht auch keinen Ständer


Der große Zen-Meister Daikan Enō (Hui Neng) wird im Buddhismus auch wegen eines Gedichts verehrt, das er verfasste, um seine tiefe Erfahrung zur Frage des ewigen Spiegels in Worte zu fassen. Er erhielt daraufhin die Dharma-Übertragung und wurde Nachfolger des fünften Vorfahren im Dharma, obgleich er nur Arbeiter (!) im Kloster und nicht als Mönch ordiniert gewesen war.[i] Dōgen zitiert Daikan Enōs berühmtes Gedicht an dieser Stelle:

„Im Bodhi-Zustand gibt es ursprünglich keinen Baum.
Der klare Spiegel braucht auch keinen Ständer.
Ursprünglich haben wir kein einziges Ding.
Wo können Staub und Schmutz existieren?“

Diese Zeilen sind von großer einfacher Kraft, aber wurden oft missverstanden von selbstgerechten Schülern. Widerspricht die Aussage nicht der herkömmlichen Lehre, dass wir uns selbst wie einen Spiegel immer reinigen und polieren sollten, um die Erleuchtung zu erlangen? Gibt es nicht viele Übungen, die authentisch auf Gautama Buddha zurückgehen, um den eigenen Geist zu reinigen?

Der japanische Name Daikan bedeutet „Großer Spiegel“ und soll auf die umfassende buddhistische Weisheit und den klaren Geist dieses Meisters hinweisen, der zu den herausragenden Persönlichkeiten des Zen-Buddhismus gehört. Er hatte zwar keine Ausbildung im Sinne von Schulwissen und Universitätsgelehrsamkeit, verfügte aber über die große intuitive Kraft und Klarheit des Buddha-Dharma.

In dem Gedicht wird deutlich, dass der klare Spiegel über die materielle Sicht der Dinge hinausgeht und dass auch die Vorstellung von Gautama Buddha, der unter dem Bodhi-Baum Erleuchtung gefunden hatte, nicht die jetzige Wirklichkeit ist, sondern eine Überlieferung, ja ein metaphysischer Glaube. Aber so kommen wir nicht weiter. Diese lenkt eher vom intuitiven klaren Geist des Hier und Jetzt ab. Erlerntes und angehäuftes Wissen ist nicht der klare intuitive Geist. Staub und Schmutz sind Bewertungen, die vom Menschen hinzugefügt werden und die das großartige Universum, so wie es ist, nicht wirklich beschreiben, sondern eher verzerren. Sie sind unklare psychisch gesteuerte Sichtweisen. Gleichwohl werden diese Verschmutzungen in der buddhistischen Lehre häufig zu sehr betont und dienen manchmal sogar der Abwertung anderer: „Du bist unklar und nicht rein!“

Meister Dōgen schätzte dieses Gedicht außerordentlich, und er bezeichnet es als Herz-Geist des Zen und ich folge ihm. Aber er warnt uns auch davor, die Aufgabe und Praxis des „Polierens“ und Reinigens des eigenen Geist-Spiegels leichtfertig abzulehnen und herabzusetzen, denn in diesem Reinigen offenbare sich der Wille zur Wahrheit.


Allerdings darf die Idee und Vorstellung eines Spiegels als Symbol für den intuitiven Geist nicht dazu führen, dass man sich in Abstraktionen, Bildern und Idealisierungen verliert. Der Zen-Buddhismus weist nämlich ganz klar darauf hin, dass man zum wirklichen Hier und Jetzt gelangen muss und nichts hinzufantasiert und weggelassen werden darf. Am gefährlichsten sind für uns Ideologien und Dogmen.

Deshalb sind zum Beispiel Fragen danach, wo denn der Glanz eines Spiegels bleibt, wenn das Metall in eine Figur umgegossen wird, nur theoretischer, abstrakter Natur und führen für unsere eigene Klarheit meist nicht weiter. Im Gegenteil: Der Geist verirrt sich auf der Suche nach einer logischen Erklärung immer mehr und wird dabei kleinlich und unsicher. Dann überwiegt der gewöhnliche unterscheidende Verstand, der zergliedert, bewertet, kritisiert, immer stärker zweifelt und anderen Menschen sogar Übles wünscht.

Über den Spiegel wird im Buddha-Dharma häufig gesagt, dass sich in ihm alles genau so spiegelt, wie es wirklich ist. Dies wird am Beispiel eines Fremden oder eines Chinesen erläutert, die sich jeweils genau als Fremder oder Chinese spiegeln. Dabei unterscheidet man zwischen der äußeren, materiellen Form eines Menschen, die sich als bloße Erscheinung widerspiegelt, und dem wahren, umfassenden Menschen, denn nur dieser entspricht dem ewigen Spiegel, also dem intuitiven klaren Geist in seiner ganzen Wirklichkeit und Unfassbarkeit.

Vorher und Nachher – also die lineare Zeit – haben beim ewigen Spiegel keine Bedeutung, denn das wirkliche Erleben und die Wahrheit der Sein-Zeit gibt es nur im gegenwärtigen Augenblick. Dieser wird vom Spiegel ganz genau reflektiert.
Wer das direkt und unmissverständlich erlebt, hat ein Erleuchtungserlebnis, so wie es ist.




[i] vgl. Kap. 12, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 120 ff: „Das Verdienst des buddhistischen Kesa-Gewandes (Kesa kudoku)

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Der ewige Spiegel: intuitiver, klarer Weisheitsgeist (Kokyō)


In diesem tiefgründigen und poetischen Kapitel[i] erläutert Dōgen anhand berühmter Kōan-Geschichten und Gleichnisse des Zen-Buddhismus einen ganz wesentlichen Bereich der buddhistischen Lehre, nämlich den intuitiven, klaren Weisheits-Geist.

Schon in alten Zeiten und lange, bevor sich der Buddhismus in Süd- und Ostasien verbreitete, schrieb man dort den Spiegeln ganz besondere Eigenschaften zu, sie dienten als wichtige Gleichnisse. Spiegel sind Symbole für die intuitive, umfassende Weisheit und den klaren Geist der Menschen, aber auch aller anderen Lebewesen. Das ist für den Westen verblüffend: Haben also zum Beispiel auch Tiere diesen Weisheitsgeist?

Mit der griechischen Tradition ist es geradezu das Privileg des Menschen, dass er im Gegensatz zu den Tieren ein geistiges Wesen ist, und darauf gründet er seine Überlegenheit. Ob Sklaven auch den griechischen und römischen Freiheitsgeist und eine Seele hatten, war damals ein umstrittenes Diskussionsthema der Intellektuelle; die meisten lehnten eine solche Idee rundweg ab. Der intuitive Geist, den Dōgen meint, überschreitet aber bei Weitem den denkenden Verstand und die unterscheidende Intelligenz, die im Westen so sehr geschätzt werden.

Die Spiegel wurden zur Zeit Dōgens in China und Japan in einem aufwändigen und langwierigen Arbeitsprozess hergestellt: Zunächst goss man eine dünne Platte aus Messing oder Bronze, die dann in zahllosen, immer feiner werdenden Arbeitsgängen geschliffen und spiegelblank poliert werden musste, bis alle Unebenheiten verschwunden waren und man die sich darin spiegelnden Dinge klar sehen konnte. Den Spiegeln wurde oft magische Kraft zugeschrieben.

So nahm man zum Beispiel an, dass in einem Spiegel die Vergangenheit, Gegenwart und sogar die Zukunft klar erkennbar seien, sodass der Kaiser mithilfe des Spiegels sein Land mit großer Weisheit und Umsicht in die Zukunft führen könne. Er könne damit auch Lügner und gefährliche Aufrührer erkennen und somit sich und den Staat schützen. Im Zen-Buddhismus hat das keine Bedeutung, denn dort liegt der Schwerpunkt auf der intuitiven Klarheit des Augenblicks; dort ist der Spiegel ein ganz wichtiges Symbol für einen klaren, offenen Geist.

Dōgen erzählt vom frühen buddhistischen indischen Meister Geyāshata, von dem berichtet wurde, dass er seit seiner Geburt einen Spiegel mit sich führte, der ihn bei allen Handlungen und Bewegungen während des Tages und der Nacht begleitete. Dies war ein Symbol für die große intuitive Weisheit, die Geyāshata bereits als Kind besessen haben soll. Haben wir nicht alle einen solchen Weisheits-Spiegel seit der Geburt mit uns?

Anhand dieses Gleichnisses erklärt uns Dōgen, dass der Geist dieser intuitiven Weisheit des Spiegels kein oberflächlich angelerntes Wissen und auch keine intellektuelle Kombinationsfähigkeit ist, denn Kinder hätten diese mentalen Fähigkeiten noch nicht. Wer Kinder genau beobachtet, ist immer wieder erstaunt, wie verständig und offen sie für alles Neue sind, und stellt fest, dass die Überheblichkeit mancher Erwachsener ihnen gegenüber völlig unangebracht ist. Shunryu Suzukis berühmtes Buch hat nicht zufällig den Titel Zen-Geist, Anfänger-Geist.[ii] Kinder besitzen oft eine intuitive Klarheit, über die wir nur staunen können.

Durch den Spiegel konnte der indische Meister Geyāshata nach der Legende bereits als Kind die Gegenwart und die Vergangenheit klar und transparent erkennen. Wie es in dieser Geschichte heißt, zeigte sich im Spiegel alles ohne jede Verzerrung, also ohne dass etwas weggelassen oder hinzugesetzt wurde. Der reine Geist sei wie ein klarer Spiegel.

Eine solche intuitive, klare Sicht ist genau die Weisheit, die auch im Zen-Buddhismus hoch geschätzt wird und die es ermöglicht, die ganze umfassende Wirklichkeit so zu erkennen, wie sie ist. Sie wird nicht durch Fantasien, Hoffnungen, Theorien usw. verstellt, verkleinert oder vergrößert. Dieser große, runde Spiegel der Buddhas weist laut Dōgen keinen trüben Fleck auf. Durch ihn können zwei Menschen im Buddha-Dharma dasselbe sehen. Sie haben denselben Geist, und ihre Augen sind vollkommen gleich.

 Der Spiegel wird so zum Symbol der echten Wahrheit, die jenseits von angehäuftem Wissen, kalter Intelligenz und Logik sowie auch von Begriffen wie Substanz, âtman, Ich-Kern oder Form ist. Der ewige Spiegel wird im Gleichnis treffend als die überragende Eigenschaft der Buddhas bezeichnet; das ist der erwachte, klare Geist. Dabei sollten wir uns erinnern, dass im Buddhismus das Denken und die schöpferische Kreativität keineswegs gering geschätzt oder gar abgelehnt werden, ganz im Gegenteil. Aber man muss sich immer bewusst sein, dass man damit nur einen Teil der Wirklichkeit erfassen kann.





[i] Shobogenzo, deutsche Fassung, Bd. 1, S. 270 ff.; englische Fassung, Bd. 1, S. 239 ff.
[ii] Suzuki, Shunryu: Zen-Geist, Anfänger-Geist

Donnerstag, 26. November 2015

Das Es jenseits des bewegten Windes


Dōgen schildert eine wichtige Kōan-Geschichte des ES, die allerdings häufig Anlass zu Fehlinterpretationen und Missverständnissen gegeben habe. Er berichtet, dass Meister Daikan Enō (Hui Neng) hinzukam, als sich zwei Mönche ein heftiges Wortgefecht lieferten.

Die beiden stammten aus Indien, also aus dem Land, von dem der Buddhismus nach China gekommen war und das dort ein hohes Ansehen genoss. Man könnte demnach meinen, dass diese Mönche in der Lehre und Praxis des Buddhismus besonders klar und erfahren gewesen waren.

Der eine behauptete:
„Die Flagge bewegt sich!“

Der andere widersprach vehement:
„Der Wind bewegt sich!“

So ging die erhitzte Diskussion hin und her. Wer hatte recht? Daikan Enō war zu jener Zeit einfacher Laienarbeiter, also von tiefem Rang im Klostern, er besaß, aber ohne Zweifel bereits die große Klarheit im Buddha-Dharma. Er sagte:

„Jenseits des sich bewegenden Windes und der sich bewegenden Flagge ist das ES. Ihr selbst seid (nur) der sich bewegende Geist.“

Was bedeutet nun dieses berühmte Kōan? Ist es nicht richtig, dass Wind und Flagge sich bewegen? Haben vielleicht beide recht? Aber wozu dann der heftige Streit?

Häufig wird dieses Kōan viel zu eng verstanden, dass Daikan Enō nämlich die Mönche berichtigte, weil sie ein nur materielles Verständnis der Situation von Wind und Flagge hatten aber beide einen unruhigen, streitsüchtigen subjektiven Geist besaßen. Laut Dōgen trifft dies jedoch nicht zu. Er betont, dass Daikan Enō sagte,

„dass der Wind, die Fahne und das Bewegen alles der Geist (des umfassende ES) ist.“

Er unterschied also nicht vordergründig nach Ursache und Wirkung, nach Subjekt und Objekt, nach diskutierenden Mönchen und deren streitendem subjektiven Geist, sondern sprach von der umfassenden Wahrheit, die Dōgen hier als das Es bezeichnet. Die große Einheit von Menschen, Wind, Fahne, Flaggenmast usw. übersteigt eine spitzfindige Diskussion auf der physikalisch-materiellen aber auch auf der subjektiven Ebene, ob sich der Wind oder die Fahne bewegt.

Streitende Menschen verlieren sich im Streit der Egos. Das ES ist die Einheit der großen wunderbaren Wirklichkeit; das Es ist beruhigt wie Buddha im sutta des Mittleren Weges sagt.

Dōgen zitiert weiterhin den berühmten Dialog zwischen dem großen Meister Sekito Kisen und Yakusan Igen. Letzterer kannte sich mit der Lehre und Praxis des Buddhismus sehr gut aus und fragte Sekito Kisen, was es bedeute, dass das direkte Zeigen auf den menschlichen Geist die Verwirklichung der Natur und des Buddha-Werdens ist. Dies habe er noch nicht klären können. Der große Meister Sekito antwortete scheinbar paradox:

"Wie jenes ES zu sein, ist unmöglich. Aber wie jenes ES nicht zu sein, ist (ebenfalls) unmöglich."

Auch beides zusammen sei nicht möglich. Dieses Kōan ist nicht leicht zu verstehen, was bedeutet es?

Dōgen erläutert, dass mit der begrenzten Möglichkeit von Worten und der Logik das ES, das uns je als Wahrheit begegnet, unmöglich ausgedrückt werden kann. Das ist mit der Formulierung gemeint, direkt auf den Geist und das Herz des Menschen zu zeigen. Die Wirklichkeit dieses Geistes ist eine andere Ebene und eine andere Lebensdimension als Denken und Reden. Solche Grenzen des Denkens und Redens sollten wir in aller Klarheit anerkennen, um der Wirklichkeit des ES und des Geistes zu begegnen, sie zu erfahren und mit ihr eins zu werden.

„Das ES (vollständig) zu verstehen, ist unmöglich. Das ES (vollständig) zu erkennen, ist unmöglich“,

hält Dōgen abschließend fest. Und Geist und ES sind klare Wirklichkeit. Aber ohne das Reden diesseits des ES geht es oft nicht, gerade durch diese Grenze können wir eine Ahnung vom ES bekommen.