Sonntag, 25. Januar 2015

Keine Unterscheidung von Vater und Kind im Jetzt



Es gibt viele verschiedene Wesen in der Welt, die jeweils ihr eigenes Leben haben; im Zitat aus dem Lotos-Sūtra werden sie als „meine Kinder“ bezeichnet. Dies verweist auf das Gleichnis des brennenden Hauses und auf die Beziehung Gautama Buddhas zu den Menschen; sie offenbaren und manifestieren sich mit ihrem Handeln und ihren Funktionen.

Der mitfühlende Vater gibt den Kindern laut Dōgen „ihren Körper, ihre Haare und ihre Haut“, sodass sie nicht verletzt werden und keinen Mangel leiden. Nishijima und Cross vermuten hier auch einen Bezug zur Lehre des Konfuzius, der die gute und loyale Beziehung von Kindern zu ihren Eltern besonders schätzte.[i]

Dōgen kommt dann auf den Augenblick zu sprechen und betont, dass eine Unterscheidung von Vater und Kind im Jetzt der Gegenwart nicht aussagekräftig ist, weil es hier um die Einheit untereinander und mit der dreifachen Welt geht. Damit übersteigt er die Aussage von Konfuzius.

„Dieser Zustand wurde empfangen, (aber) nicht gegeben, wurde erlangt, (aber) nicht mit Gewalt genommen.“

Die üblichen Unterscheidungen zwischen Geben und Nehmen, Gehen und Kommen, Maßangaben wie groß und klein oder Diskussionen über alt und jung seien für den gegenwärtigen Zustand nicht angemessen. Sie haben für das obige Gleichnis keine Bedeutung.

Aber Dōgen bittet uns, diese Aussagen nicht einfach hinzunehmen, zum Beispiel weil sie im Lotos-Sūtra stehen, sondern wir sollten ohne Hast gründlich darüber nachdenken. Der Zustand Buddhas, der im Gleichnis mit dem Vater gemeint ist, ist für alle Menschen durch den Buddhismus erreichbar, wenn sie vertrauensvoll und dauerhaft praktizieren und die buddhistische Lehre gründlich studieren.

Das Mitgefühl des Vaters ist letztlich allerdings für die Kinder gar nicht erforderlich, wenn diese sich nach ihrer wahren Natur selbst verwirklichen. Im Lotos-Sūtra ist allgemein von Kindern die Rede, ob sie sich nun ihrer wahren Natur bewusst sind oder nicht. Die Wirklichkeit des Buddha-Dharma ist nämlich unabhängig davon, ob sie uns bewusst ist, weil sie die Wirklichkeit als solche ist.

Dann zitiert Dōgen weiter aus dem Lotos-Sūtra, indem er schildert, dass die Buddhas ihren „Dharma-Körper“ so verwandeln, dass sie den Menschen wirkungsvoll helfen können.
Deshalb sind die Blüten und Früchte aller Dinge Buddhas eigener Besitz. Die Felsen und Steine, große und kleine, sind eigener Besitz Buddhas. Er verweilt friedlich in Wald und Feldern. Der Wald und die Felder sind schon frei.“

Damit spricht Dōgen die Natur in ihrer ganzen Schönheit und Kraft an: Nicht nur die Blumen und Bäume sind gemeint, sondern auch die Felsen, Kiesel usw. In einem anderen Kapitel erklärt er, dass die Natur den wahren Buddha-Dharma lehrt[ii] und bezeichnet sie als „nicht-empfindende Wesen“.




[i] Shobogenzo, Bd. 3, S. 45, Fußnote 12
[ii] Kap. 53, ZEN Schatzkammer, Bd. 3, S. 246 ff.: „Die Natur und die nicht-empfindenden Wesen lehren den Buddha-Dharma (Mujō seppō) und mein Buch: Umwelt-ZEN. Im Auge des Zen, Bd. 3, S. 151 ff.

Montag, 19. Januar 2015

Die Wirklichkeit ist nur im Augenblick real




Dōgen unterstreicht, dass das ganze Universum hier und jetzt auch die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst, er meint damit aber nicht die lineare mechanische Zeit, die wir denken, sondern die Sein-Zeit der Existenz.[i] Dazu zitiert er Shākyamuni Buddha aus dem Lotos-Sūtra:[ii]

„Die dreifache Welt jetzt
alles ist mein Besitz.
Und die Lebewesen in ihr
sind alle meine Kinder.“

Der Hinweis auf die Kinder stellt den Bezug zu dem berühmten Gleichnis im Lotos-Sūtra her, in dem die spielenden Kinder von ihrem Vater aus dem brennenden Haus gerettet werden, weil er sie schließlich überzeugen kann, das Haus zu verlassen und in die schön geschmückten Kutschen einzusteigen. Diese sind das Symbol für die Befreiung durch die Buddha-Lehre.

Das Gleichnis des Vaters steht für die Liebe Buddhas, der dafür sorgt, dass seine Kinder aus der brennenden und lodernden Welt der Extreme, Emotionen und Ideologien herausfinden. Damit ist aber keine Weltflucht gemeint, sondern das Erwachen zur wahren Wirklichkeit in dieser Welt, die Dōgen hier als die dreifache Welt bezeichnet.

„Die Wirklichkeit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft versperrt nicht das Hier und Jetzt. Die Wirklichkeit des Hier und Jetzt blockt (aber Unrealistisches) der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ab.“

Mit dem Hier und Jetzt sind die Sein-Zeit des Augenblicks und das Unmittelbare des hiesigen Ortes gemeint, also die existenzielle Erfahrung im Leben als direktes Handeln. In diese Gegenwart wirkt zwar die Vergangenheit durch das Gesetz von Ursache und Wirkung hinein, aber die Wirklichkeit ist nur im Augenblick real vorhanden – in ihrer ganzen unmittelbaren und intuitiven Fülle und ohne unterscheidendes Denken. Die existenzielle Sein-Zeit wird als wahre Wirklichkeit nicht durch die erinnerte Vergangenheit oder erwartete Zukunft behindert oder, wie es hier heißt, versperrt.

Dōgen legt großen Wert darauf, dass sowohl die Sein-Zeit im gegenwärtigen Augenblick wirklich existiert als auch das Gesetz von Ursache und Wirkung gilt, und zwar nicht zuletzt beim ethischem Handeln. Beides ist wirklich und keine ausgedachte oder beliebige Theorie, gerade nicht die Ethik.

Er arbeitet im Kapitel „Tiefes Vertrauen in das Gesetz von Ursache und Wirkung“[iii] heraus, dass dieses Gesetz niemals vernachlässigt oder abgelehnt werden darf. Damit distanziert er sich eindeutig von einigen Strömungen im Zen-Buddhismus, die behaupten, dass ein Erleuchteter nicht mehr unter das Gesetz von Ursache und Wirkung falle und zum Beispiel im Krieg beliebig töten darf.

Das obige Zitat hat eine spannende, unsymmetrische Form: Die Wirklichkeit der Gegenwart wird durch die Vergangenheit nicht behindert, aber blockt ihrerseits die Vergangenheit. Was bedeutet das? Die Augenblicke der Gegenwart sind die einzig kraftvolle Wirklichkeit, sie werden nicht von der Vergangenheit, der nur erinnerten und gedachten, aber nicht wirklichen Gegenwart und der Zukunft determiniert. Insofern ist der Augenblick im Hier und Jetzt unabhängig und frei.

Der zweite Satz geht vom Augenblick der Gegenwart, also von der Wirklichkeit, aus und hat damit allein die Kraft der Realität. Dagegen sind Erinnerungen aus der Vergangenheit, das Nachdenken über die Gegenwart und die Erwartungen für die Zukunft lediglich Aktivitäten des menschlichen neuronalen Netzes, also des Gehirns. Sie haben nicht die Qualität und Durchschlagskraft der Wirklichkeit.





[i] Kap. 11, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 110 ff.: „Die Sein-Zeit der Wirklichkeit im Hier und Jetzt (Uji) und mein Buch: Strahlende Zeit zum Handeln. Im Auge des Zen, Bd. 2, S. 15 ff.
[ii] Lotos-Sūtra, Kap. 1.198
[iii] Kap. 89, ZEN Schatzkammer, Bd. 3, S. 262 ff.: „Tiefes Vertrauen in das Gesetz von Ursache und Wirkung (Shinjin-inga)

Samstag, 10. Januar 2015

Lernen: Befreiung aus dem Leiden der dreifachen Welt



Dōgen zitiert aus dem Lotos-Sūtra:

„Es gibt die Befreiung der dreifachen Welt, und es gibt die dreifache Welt, die hier und jetzt ist.“

Die dreifache Welt ist eine Einheit und wir müssen diese Wirklichkeit zu Grunde legen, um den buddhistischen Weg der Befreiung zu finden und zu gehen. Es gibt keine isolierten Geist, wie wir häufig umgangssprachlich sagen.

Nishijima und Cross[i] erläutern, dass Dōgen damit das Gleichnis des brennenden Hauses aus dem Lotos-Sūtra anspricht, das davon handelt, dass ein tatkräftiger Vater seinen Kindern, die in einem brennenden Haus spielen, dabei hilft, der großen Gefahr des Feuertodes entfliehen zu können. Die Kinder hatten sich im isolierten Geist ihres Spielens verloren und die gefährliche Wirklichkeit des Brandes gar nicht bemerkt. Dies ist das Gleichnis für die Befreiung aus dem Leiden der dreifachen Welt mithilfe von Gautama Buddha.[ii]

Wenn die Wirklichkeit der dreifachen Welt, in der Ideen, sinnliche Wahrnehmung und Handeln zu einer Einheit verschmolzen sind, nicht konkret erkannt und erfahren wird, können philosophische und theoretische Abstraktionen niemals die Befreiung von den Leiden der Welt ergeben. Unser bewusstes Denken ist nur ein sehr kleiner Teil unserer großen praktisch unbegrenzten Gehirnkapazität, dazu gehört z. B die intuitive Klugheit des Sehens, des Hörens, der Motorik, der Gefühle, der Ethik usw, wie uns auch die gesicherte moderne Gehirnforschung lehrt. Dies alles ist der einheitliche Geist.

Dōgen betont, dass das obige Zitat aus dem Lotos-Sūtra von ganz zentraler Bedeutung ist und einen fundamentalen Wahrheitsgehalt besitzt. Es beschreibt die unauflösbare Verknüpfung der drei Bereiche, die oft fälschlich getrennt werden, was dazu führt, dass es keinen einheitlichen Geist mehr gibt und alles zersplittert, verwirrend und ohne befreienden Ausgang ist. In der heutigen Zeit muss dabei die Fragmentierung des Geistes und das total falsche Ziel des Multitasking genannt werden: das führt nach M. Spitzer zur digitalen Demenz!

Wenn es bei Dōgen heißt, dass die dreifache Welt als Objekt gesehen wird, so bedeutet dies gleichzeitig, dass das handelnde Subjekt die „dreifache Welt“ als Objekt sieht. Beides ist aber eine Einheit, und durch das Sehen als Handeln wird die Welt realisiert.[iii] Eine Trennung von Subjekt und Objekt wird damit grundsätzlich ad absurdum geführt, weil eine wechselseitige, unauflösbare Verbindung besteht. Lernendes Handeln und Sehen können nicht sinnvoll getrennt werden. Und Lernen ist die zentrale Botschaft des Buddhismus.

Die dreifache Welt zu sehen, bedeutet sie zu verwirklichen, wie Dōgen im Kapitel „Das verwirklichte Leben und Universum“ tiefgründig darstellt. Das heißt, dass Sehen gleichzeitig wirkliches, unverstelltes Handeln ist und nicht in der materialistischen Lebensphilosophie hängen bleibt, in der es nur um die sinnliche Wahrnehmung der äußeren Form oder Materie geht. Ein Leben nach dieser Maxime höhlt sich selbst aus und verliert seinen Sinn.

„In der Lage zu sein, dass die dreifache Welt den Geist (zur Wahrheit) erweckt, Schulungen durchzuführen, die Bodhi-Wahrheit (zu verwirklichen) und Nirvāna (zu erfahren), ist genau der Zustand, in dem alles mein Besitz ist.“

In diesen hoch verdichteten Aussagen Dōgens über die dreifache Welt und den mit ihr identischen Geist geht es nicht um theoretisches Erkennen allein, sondern die Übungspraxis und die Verwirklichung der Bodhi-Wahrheit sind ebenso maßgeblich. Dann erfahren wir das Nirvāna des Hier und Jetzt genau in dieser dreifachen Welt. Dies ist der befreite und erwachte Zustand, in dem alles in der dreifachen Welt mein Besitz ist, also mit mir identisch ist. Wo gibt es da noch die Trennung von Subjekt und Objekt?




[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 3, S. 44, Fußnote 5
[ii] vgl. auch Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 44, Fußnote 6
[iii] Kap. 3, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 43 ff.: „Das verwirklichte Leben und Universum (Genjō-kōan) und mein Buch: ZEN ohne Mythos und Ideologie. Im Auge des Zen, Bd. 1, S. 15 ff.

Sonntag, 4. Januar 2015

Der Geist der Wirklichkeit hilft uns




Unser Geist kann nicht außerhalb der dreifachen Welt sein, die die ganze Welt ist, deshalb sagt Dōgen ganz konkret:

„Innerhalb, außerhalb, in der Mitte, am Anfang und am Ende ist alles die dreifache Welt.“

Da nach dieser Formulierung auch „außerhalb“ zur dreifachen Welt gehört, gibt es nach der Geometrie überhaupt nichts, was darüber hinaus irgendwo sein könnte. Die dreifache Welt als umfassende Wirklichkeit ist genau so, wie wir sie sehen. Eine davon abweichende Sichtweise kann nur eine falsche Sicht sein, und sie basiert auf irrealen Illusionen, Vorstellungen oder falschen Hoffnungen. Wenn wir innerhalb der wirklichen Welt leben, können wir uns dauerhaft von Sichtweisen und Meinungen über andere angebliche Wirklichkeiten befreien und die Welt direkt, unmittelbar und unverzerrt sehen.

Das ist eine radikale Aufforderung, die Wirklichkeit hier und jetzt von Illusionen und Träumen zu unterscheiden, auch wenn sie noch so verlockend sind, uns aber genau so wenig in pessimistischen Befürchtungen und Ängsten zu verlieren!

Hierbei kommt den Augen und dem Sehen als Wahrnehmung eine besonders große Bedeutung zu. Wir wissen heute, dass etwa ein Drittel des Gehirns zum Sehen gehört, also großartige Kapazitäten enthält: Wir sollten sie nutzen. Außerdem sind die mit den Sinnen verbundenen Glücksgefühle, die durch unsere Sinnesorgane und deren Reizung erzeugt werden, ein wichtiger Teil dieser Lebensdimension der Formen und Farben. Und Freude und Lernen gehören zusammen.

Aber es darf nicht zur Abhängigkeit von den Sinnesobjekten kommen, die durch die Gier gesteuert wird. Der im Buddhismus hoch geschätzte Mittlere Weg der Selbststeuerung als Möglichkeit, das Leiden und die Katastrophen in unserem Leben entweder ganz zu vermeiden oder in der Wirkung wesentlich abzumildern, besteht gerade darin, dass man sich nicht den extremen sinnlichen Leidenschaften hingibt. Genauso müssen wir vermeiden, dass wir bei Ideen, Vorstellungen und Idealen zu extremen und vor allem zu gewaltsamen Bewertungen neigen und entsprechend unkontrolliert handeln. Dann verlieren wir uns in Ideologien, die großen Schaden anrichten könne, wie wir täglich erfahren.

Die Wirklichkeit der drei Welten sehen wir laut Dōgen „einerseits durch das alte Nest der Gewohnheiten und andererseits in jedem Augenblick frisch und neu“.

Im alten China wurde der Begriff „Nest“ für gedankliche Verstrickungen und festgefahrene Vorstellungen verwendet, die nicht zuletzt durch Ideologien und Vorurteile bestimmt sind: kein schlechter Begriff. Es ist ein erklärtes Ziel des Buddha-Weges, sich aus diesen Nestern zu befreien, die Verstrickungen zu lösen und daraus zu erwachen.
Dōgen wiederholt dann die scheinbar einfache Aussage „Diese dreifache Welt ist genau so, wie sie gesehen wird“ und lehnt komplizierte philosophische Theorien ab, die damals intellektuell diskutiert wurden, den direkten Blick auf die Wirklichkeit jedoch verschleierten. Sie drehten sich zum Beispiel um die Begriffe „ursprüngliche Existenz“ oder „gegenwärtige Existenz“. Dasselbe gilt für Vorstellungen über eine wundersame, „neue Erleuchtung“. Auch vordergründige Kausal-Erklärungen, dass die dreifache Welt aus behaupteten Ursachen und Bedingungen entstehe, führen laut Dōgen nicht weiter, denn sie sei jenseits von Theorien über Anfang, Mitte oder Ende. Dabei ist Dōgen sicher kein Feind des sinnvollen Denkens, ganz im Gegenteil.


Samstag, 27. Dezember 2014

Außerhalb des umfassenden Geistes gibt es nichts


Dōgen zitiert Shākyamuni Buddha nach einem Werk Nāgārjunas[i]:
„Die dreifache Welt ist nur der eine Geist,
es gibt nichts anderes außerhalb des Geistes.
Der Geist, Buddha und die Lebewesen –
diese drei sind ohne Unterschied.“

Wie mehrfach im Shōbōgenzō ausgeführt, darf man auch hier den Geist auf keinen Fall im Sinne der europäischen Philosophie oder der Umgangssprache als etwas Immaterielles im Gegensatz zum Körper und zu Emotionen verstehen. Denn dann wäre der Geist nur eingeengt auf das serielle Denken und das Bewusstsein oder vielleicht sogar identisch mit einem gedachten „absoluten Weltgeist“ wie bei Hegel.[ii]

Eine solche Trennung von Geist und Körper führt aus der Sicht des Buddhismus vollständig in die Sackgasse. Wenn das Gleichgewicht oder die Erleuchtung wirksam ist, eröffnet sich uns die Einheit der sogenannten dreifachen Welt, also des Lebens und Universums, und genau dies ist der hier angesprochene buddhistische Geist. Dōgen ergänzt:

„Dieses (Gedicht Buddhas) ist die ganze Anstrengung (seiner) ganzen Lebenszeit. Die ganze Anstrengung seiner Lebenszeit ist die vollständige Ganzheit seiner totalen Anstrengung. Während es bewusstes Handeln ist, mag es auch Handeln im natürlichen Strom von Sprache und Handeln sein.“

Dōgen geht hier auf das Erwachen ein und spricht von der ganzen Anstrengung oder Praxis Gautama Buddhas während seiner Lebenszeit: Erwachen gibt es nicht zum Nulltarif oder im Schnellverfahren von geschickten aber unseriösen Geschäftmachern.

Dōgen stellt die Verbindung zum Handeln her, das er einerseits als bewusst charakterisiert und andererseits als natürlichen Strom von Rede und Handeln. Gautama Buddha hat die umfassende Ganzheit von Geist und Lebewesen durch sein Handeln verwirklicht, zum Beispiel indem er den Menschen direkt und praktisch mit seinen tiefgründigen und umfassenden Dharma-Reden bei ihren Lebensproblemen geholfen hat.

In diesen Reden verwendete er häufig Gleichnisse aus dem Alltag der Menschen. Wie Nishijima Roshi betont, ist das Handeln maßgeblich für die Verwirklichung des menschlichen Lebens und der Welt, und damit ist es unauflösbar mit dem buddhistischen Geist verbunden. Dies ist ein grundsätzlicher Unterschied zum philosophischen Denken des Westens, in dem der Geist mit dem Handeln kaum in Verbindung gebracht oder oft sogar im Gegensatz dazu gesehen wird.

Wichtig ist auch die Feststellung, dass das bewusste Handeln ein natürlicher Strom ist, also nichts Ausgedachtes oder Künstliches, das beispielsweise nur durch Glauben oder Illusionen verursacht ist und der Wirklichkeit demnach nicht entspricht.

Dass sich Dōgen bei diesen Aussagen auf den indischen Meister Nāgārjuna bezieht, untermauert das Argument, dass dieser kein Nihilist ist. Das zeigt sich auch in Nāgārjunas Girlanden-Sūtra, das ganz praktische Ratschläge für das Leben hier und jetzt enthält.

„Deshalb sind die jetzt gesprochenen Worte des Tathāgata, dass die dreifache Welt nur der eine (umfassende) Geist ist, die ganze Verwirklichung des ganzen Tathāgata; und sein ganzes Leben ist das Ganze dieses einen Gesagten.“

Die dreifache Welt ist genau so, wie sie ist, die ganze Wirklichkeit und Wahrheit. Dōgen führt aus, dass es außerhalb dieses Geistes, der mit der dreifachen Welt identisch ist, nichts anderes gibt und geben kann: nämlich Ideologien Fantasien und Täuschungen. Es geht ihm besonders um die Lebensdimension der Dinge, der Vielfalt in der Welt und der Materie. Nach Nishijima Roshi ist unsere Wahrnehmung mit dieser zweiten Lebensphilosophie der Formen und der Materie unauflösbar verbunden.






[i] Dieses Zitat ist aus dem Girlanden-Sūtra von Meister Nâgârjuna übernommen. In diesem Sūtra gibt der Meister Ratschläge für das praktische Leben nach dem Buddha-Dharma; es entstand vermutlich im zweiten Jahrhundert.
[ii] Hügli, Anton; Lübcke, Poul (Hrsg.): Philosophie-Lexikon. Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart, S. 232 ff.

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Wir Menschen sind eine Einheit mit dem Geist und mit Buddha


Eine negative oder gar zynische ´idealistische´ Weltanschauung ist nicht mehr weit vom Nihilismus entfernt, der grundsätzlich abstreitet, dass es überhaupt irgendetwas Wirkliches und irgendeine Erkenntnis geben kann. Ethischer Zynismus verbunden mit dem heutigen Materialismus ist sicher ein großes Problem der jetzigen westlichen Welt.

Zurück zur Leerheit: Es mag auch nicht verwundern, dass der große indische Meister Nāgārjuna in früheren westlichen Interpretationen des Buddhismus dem Nihilismus zugerechnet wurde. Die gegenwärtigen Buddhologen distanzieren sich davon jedoch grundsätzlich, und Nishijima Roshi, der die neue Übersetzung von Nāgārjunas grundlegendem Werk zum Mittleren Weg (MMK) erarbeitet hat, hält eine solche Zuordnung für völlig absurd.[i] Nāgārjuna selbst sagte:

„Wer Weisheit hat, kennt die Natur der Wirklichkeit“, und wir sollen „Anschauungen aufgeben, welche die Wirklichkeit für nicht existent erklären.“ Weiter:
„Dies sind die zehn leuchtenden Pfade des Handelns.“

Wie man angesichts dieser Aussagen weiterhin behaupten kann, Nāgārjuna sei ein Nihilist, kann ich nun wirklich nicht nachvollziehen.

Im MMK beschreibt Nāgārjuna die dreifache Welt, die identisch ist mit dem Geist, als einzig mögliche Welt und als einzig möglichen Geist. Danach gibt es nichts außerhalb dieses Geistes. Auch dadurch wird deutlich, dass es sich nicht um den isolierten Geist im Sinne der europäischen Philosophie handelt, denn dieser steht ja gerade dem Körper und dem Materiellen fremd gegenüber. Außerdem wird klar, dass dieser umfassende Geist identisch mit Buddha, der Wahrheit und den Lebewesen ist. Diese drei bilden daher ebenfalls eine Einheit.

Wir kommen damit zu dem Schluss, dass die Bereiche des Denkens, des Materiellen und Fühlens sowie des Handelns eine Einheit mit dem Geist, Buddha und den Lebewesen bilden. Das heißt, die Menschen sind ursprünglich eine Einheit mit dem Geist und mit Buddha. Das ist eine fundamentale Aussage von weitreichender Bedeutung, die zum Beispiel beinhaltet, dass das Denken nicht abgespalten werden darf von dem umfassenden Geist und Buddha. Das Erwachen ist damit nicht zuletzt die Verwirklichung dieser Einheit und die Anerkennung der grundsätzlichen Realität der Welt. Außerhalb dieser Einheit gibt es laut Nāgārjuna und Dōgen überhaupt nichts.

Dōgens Lehre, dass auch die Welt der Formen – und damit des Materiellen – zum Geist des Buddha-Dharma gehört, mag für uns Menschen im Westen ein überraschendes Verständnis sein. Unsere Vorstellungen vom Universum, also von der sichtbaren und unsichtbaren Materie im Weltraum, konzentrieren sich meistens auf das Materielle.

Aber selbst für die naturwissenschaftlich klar nachgewiesene Energie, die nach heutiger Kenntnis etwa Dreiviertel des Universums ausmacht, ist der Begriff der Materie nicht mehr korrekt, weil Energie sich grundsätzlich in Materie umwandeln kann und umgekehrt. Das heißt aber nichts anderes, als dass unsere üblichen Vorstellungen von festen materiellen Dingen, aus denen die Welt angeblich besteht, nur von sehr begrenzter Aussagekraft und eingeschränktem Wahrheitsgehalt sind.

In ähnlicher Weise entfällt auch die Bedeutung der unteilbaren kleinsten Atome oder der Elementarteilchen als Grundbausteine der Welt, obgleich diese Vorstellungen im sogenannten gesunden Menschenverstand immer noch tief verankert sind und fast selbstverständlich erscheinen. Dōgens Ansatz reicht jedoch weit darüber hinaus: Ihm geht es um die Einheit von Ideen, Materie und Handeln, und diese dreifache Identität versteht er als Geist!




[i] Nagarjuna: Fundamental Wisdom of the Middle Way. Nagarjuna’s Mulamadhyamakakarika (MMK), Commentary by Gudo Wafu Nishijima and Brad Warner, Kap. 1, Vers 2, S. 5 f.

Sonntag, 7. Dezember 2014

Die dreifache Welt der Ideen, der Formen und des Handelns ist der umfassende Geist (Sangai yuishin)


 Das japanische Wort san entspricht im Deutschen „drei“ oder „dreifach“, und gai heißt „Welt“. Sangai bedeutet daher „drei Welten“ oder „dreifache Welt“. In der alten, traditionellen buddhistischen Theorie, die schon in Indien entwickelt wurde, gibt es drei Bereiche der insgesamt jedoch einheitlichen Welt:

1) Denken und Ideen,
2) Fühlen, sinnliche Wahrnehmung und Materielles,
3) Handeln (Nicht-Materie).

Der Wille zählt dabei zur Ideenwelt, und in der Tat besteht hier eine ganz enge Verbindung. Der Bereich des Handelns wird auch als Nicht-Materie bezeichnet.

Dōgen versteht den Begriff der dreifachen Welt oft als die wirkliche Welt des Hier und Jetzt, also als die ganze Welt, so wie sie ist. Diese enthält dann das Denken, das Fühlen, die Materie und nicht zuletzt das Handeln, und die Welt wird immer als real und einheitlich erfahren. Die Gliederung in die drei oben genannten Bereiche hat im Grunde genommen lediglich erklärenden und pädagogischen Charakter und ist keine Unterteilung und Trennung der Wirklichkeit selbst, wie es im gewöhnlichen Verständnis durch das subjektive Denken suggeriert wird.

Das japanische Wort yui bedeutet „nur“ oder „allein“, und shin heißt „Geist“. Daraus ergibt sich als Übersetzung des Titels „Die dreifache Welt ist der umfassende Geist“ oder auch: „Die dreifache Welt ist der Geist allein“. Die Formulierung „Die dreifache Welt ist nur der Geist“, die ebenfalls gebräuchlich ist, kann zu schwerwiegenden Irrtümern führen. In idealistisch dominierten buddhistischen Gruppen wird daraus nämlich gefolgert, dass es überhaupt keine wirkliche Welt gibt, also keine Materie und kein Handeln, sondern dass es nur den Geist als Ideen gibt. Alles sei allein im Denken und im menschlichen Geist real vorhanden, und dieser abgegrenzte und auf das Gehirn beschränkte Geist sei die einzige Realität. Daher sei die Materie unwirklich, nur ein Schatten und etwas Nicht-Existentes.

Ein solches Verständnis bezeichnet Dōgen als schweren Fehler. Schon unter logischen Gesichtspunkten ist es absurd anzunehmen, dass es keine materielle Wirklichkeit gibt. Nach Dōgens tiefer Erkenntnis ist die wirkliche Welt überhaupt nicht vom Geist getrennt und bildet eine unauflösbare Einheit mit ihm. Dabei sind insbesondere die subjektiven Bereiche des Denkens sowie die objektiven Bereiche des Wahrgenommenen eine Einheit, und die Wirklichkeit ist Handeln im Schnittpunkt von Subjekt und Objekt.

Auch die Materie gehört zum Geist
In diesem Kapitel des Shōbōgenzō wird vor allem die Einheit der materiellen Welt mit dem Geist analysiert. Das ist für das westliche Denken sicher erstaunlich, da wir gerade zwischen dem Denken und dem Materiellen streng unterscheiden und diesem Gegensatz kaum entkommen können. Vier Kapitel im Shōbōgenzō haben speziell den Materialismus beziehungsweise die materialistische Lebensphilosophie, wie Nishijima Roshi diese Weltsicht bezeichnet, zum Inhalt. Dazu gehören außer diesem Kapitel auch drei weitere.[i]

Dōgen macht in ihnen deutlich, dass er alle buddhistischen Ideologien ablehnt, die behaupten, dass es keine Wirklichkeit und insbesondere keine materielle Wirklichkeit gebe. Allerdings handelt es sich bei Dōgen nicht um den Materialismus im westlichen Sinne, der nur die Materie als alleinige Wirklichkeit anerkennt. Dieses Kapitel ist also eine radikale Kritik an idealistischen Interpretationen des Buddhismus, die sich häufig auf den Begriff der Leerheit (shunyata) stützen und sagen, dass alle Materie leer sei.

Ein solches Verständnis der Leerheit ist nach Nishijima und Warner auch für den Mittleren Weg bei Meister Nāgārjuna ein tiefgreifender Irrtum. Hierbei wird die idealistische Lebensphilosophie mit dem höchsten Zustand der Wirklichkeit verwechselt, für den dieser Begriff der Leerheit ursprünglich geprägt wurde.




[i] ZEN Schatzkammer, Bd. 3, S. 42 ff., Kap. 63: „Die Buddha-Augen (Ganzei)“; Bd. 3, S. 59 ff., Kap. 65: „Die Drachen singen in den kahlen Bäumen (Ryūgin) und Bd. 3, S. 162 ff., Kap. 77: „Die Wirklichkeit des Raumes (Kokū)