Freitag, 19. September 2014

Die Wahrheit hat die Kraft einen Edelstein herauszuziehen


 Wenn Dōgen davon spricht, dass man im Alltagsleben durch den „Schlamm geht und im Wasser steht“, bezieht er sich im Hinblick auf die große Wahrheit auf die täglichen Gegebenheiten im alten China und Japan. Er erklärt, dass wir uns selbst wie mit einem Seil an die große Wahrheit binden, und meint damit die Selbststeuerung des Zen, die alle Extreme vermeidet und mit dem buddhistischen Ethos im Einklang ist.

„(Die Wahrheit) hat die Kraft, einen Edelstein herauszuziehen und auch achtsam in das Wasser zu gehen und eine Perle zu finden. Wir sollen uns nicht dadurch irritieren lassen, dass die Wahrheit sich manchmal verabschiedet, dass sie auseinanderfällt oder auch plötzlich ganz verschwindet.“

Das heißt, dass wir im Lernprozess der Wahrheit manchmal das Bewusstsein und die Klarheit über diese Wahrheit selbst verlieren, aber dadurch kann sich das Problem der Wahrheitsfindung durch das Bewusstsein gerade auflösen. Wir handeln dann unmittelbar und ohne dualistisches Denken von Subjekt und Objekt.

Die Wahrheit besteht keinesfalls nur aus materiellem Beobachten und intellektuellem Denken, denn beides vollzieht sich in der Trennung von Subjekt und Objekt und ermöglicht keinen direkten, umfassenden Zugang zur Wirklichkeit.

Indem wir einen (geistigen) Salto machen, lernen wir die Wahrheit.“

Jeder besitzt laut Dōgen den natürlichen Zustand, den Umständen und Gesetzen der Welt und des Lebens zu folgen, also in Harmonie und Kreativität mit ihnen zu handeln. Dadurch fallen je im Augenblick die einengenden Mauern zusammen, und wir lernen, offen in den zehn Himmelsrichtungen zu leben.

Den Wahrheits- oder Bodhi-Geist beschreibt Dōgen in mehreren Kapiteln. Es sei von zentraler Bedeutung, dass wir genau diesen Geist erwecken, denn damit erlangen die Lebensbereiche von Leben-und-Tod und von Nirvāna sowie alle anderen Lebensumstände eine neue Bedeutung; sie überschreiten das herkömmliche Verständnis.

Der geografische Ort für den Aufenthalt des Menschen ist unwesentlich, wenn wir den Wahrheitsgeist erwecken und entwickeln. Dieser ist frei von Vorurteilen, psychischen Blockaden, Ängsten und gierigem Willen. Philosophische Begriffe und Bedeutungen wie Existenz oder Nicht-Existenz sind ebenfalls weitgehend bedeutungslos und werden einfach beiseite gelassen. Auch die üblichen Bewertungen wie gut oder schlecht, moralisch vorbildlich oder falsch sowie Begriffe wie Sünder, Zöllner und Gescheiterte verlieren ihre Bedeutung – und zwar für uns selbst und -nicht zuletzt- im Zusammenleben und Handeln mit anderen Menschen.

Dōgen betont, dass die Bodhi-Wahrheit weder eine Belohnung für früheres gutes karmisches Handeln ist, noch eine Folge davon, sondern es komme genau auf den jetzigen Augenblick und auf die Befreiung von karmischen Bindungen an.

Ein Mensch der Bodhi-Wahrheit mag sich so fühlen, als ob er „unter Fremden weilt“, deren Sprache er nicht mehr versteht, denn er hat die gewöhnlichen Lebensphilosophien verlassen. Der Wahrheitsgeist verlässt ihn allerdings nicht, gerade wenn er in schwierige Situationen kommt und mit Menschen Umgang hat, die gierig wie Tiere ihren Vorteil verfolgen oder mit verblendetem Geist verhärteten Ideologien nachjagen.

Der Wahrheitsgeist gibt den Menschen Stabilität, innerer Ruhe und Lebensfreude.


Samstag, 13. September 2014

Hingabe an den Augenblick


Dōgen unterstreicht seine zentralen Aussagen, dass wir die Wahrheit erlernen, indem wir das bisher Gewohnte und sogar die lieb gewonnene Umgebung verlassen und uns radikal auf Neuland begeben: Wir müssen „den eigenen Käfig verschrotten“.

Dieses eigene Erfahren und Lernen geht über das Nachahmen der großen buddhistischen Meister hinaus und kann keine Kopie des Lebens anderer Menschen sein. Wirkliche Lernprozesse sind je eigenständig und verlaufen nach den eigenen karmischen Bedingungen. Aber dabei gibt es den einen Wahrheitsgeist.

Ein solches Lernen kann auch nicht mit den Worten beschrieben werden, dass der Mensch zur Erleuchtung aufsteigt und sich dann als erleuchteter Meister wieder auf die Schüler hinab bewegt, um sie zu lehren. Dōgen beschreibt das Erlernen der Wahrheit als „Entwicklung der Dinge“ und „Hingabe an den Augenblick“.

Er sagt also ganz konkret, wie der Lernprozess beschaffen ist, und zwar für uns selbst und für andere. Für die Hingabe an den Augenblick verwendet er auch die Formulierung „sich in den Augenblick werfen“ und kennzeichnet damit nicht zuletzt die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit aller täglichen Handlungen und Verpflichtungen.

Die Wahrheit im Alltag erlernen

Nachdem Dōgen mit seinen Ausführungen ein umfassendes und gleichzeitig differenziertes Spektrum aufgezeigt hat, wie wir die Wahrheit mit dem Geist erlernen, kommt er auf unsere ganz konkrete Welt zu sprechen:

„Weil das Erlernen der Wahrheit so wie das (oben Dargestellte) ist, sind die Hecken, die Wände, die Ziegel und die Kiesel Geist.“

Was will er damit sagen? Das ist kein abgehobenes, esoterisches Verständnis des Geistes, und der Geist wird auch nicht isoliert vom Körper und der Welt betrachtet, etwa im Sinne der Ur-Ideen Platons, denn diese bestehen ewig ganz für sich selbst und besitzen keine materielle Form. Nach Platon ist es für die Menschen das Höchste, an diesen Ur-Ideen durch rein geistig-philosophische Übungen so viel wie möglich teilzuhaben. Er behauptet sogar, dass allein dadurch eine Befreiung des Menschen erreicht würde – aus meiner Sicht ein schwerwiegender Irrtum.

Dōgen erinnert in diesem Sinne an den großen chinesischen Meister Sozan, der von seinem eigenen Erlernen der Wahrheit sagt, dass es sich zunächst nur an der Peripherie der buddhistischen Wahrheit bewegt habe und erst später über alle Vorstellungen der buddhistischen Lehre und Begriffe vom Geist hinausgegangen sei.

Damit seien die vorherigen Erwartungen über die große buddhistische Wahrheit gegenstandslos geworden und „zerbrochen“:

Das ist der Durchbruch zur erlebten Wirklichkeit und Wahrheit.


Donnerstag, 4. September 2014

Unser Geist hat die Kraft, die Wahrheit aus sich selbst zu erlernen



Es ist wirklich nicht sinnvoll, spirituelle und künstlerische Lebensbereiche nach Maß, Zahl und Gewicht allein anzugehen, und es ist nicht besonders erhellend zu fragen, was das Innere und was das Äußere sei. Wenn wir uns zum Beispiel eine aus Marmor geschaffene Figur von Michelangelo anschauen, so ist die Frage nach der Größe und dem Gewicht wirklich nicht relevant. Genauso wenig interessiert es, wie der Stein im Inneren beschaffen sein mag. Der Künstler hat nämlich aus dem materiellen Stein etwas Lebendiges geschaffen, das uns als Wirklichkeit erfasst und zu uns redet, wenn wir uns ihm öffnen. Das ist wichtig!

„Wir sollten (die Sonne, den Mond usw.) nicht als etwas sehen, das erscheint oder verschwindet.“

Das wäre nämlich nur gedacht oder vermutet. Da die Klarheit des balancierten Geistes im gegenwärtigen Augenblick wirksam ist, kommt der Frage nach dem Erscheinen und Vergehen vor und nach diesem Augenblick keine große Bedeutung zu. Im Allgemeinen denken wir nämlich, dass im Augenblick der Geburt etwas bisher nicht Vorhandenes hinzugefügt wird und dass beim Tod etwas Wesentliches fortgenommen wird. Aber solche Fragen sind meines Erachtens für den Zustand des Gleichgewichts genau im Augenblick von untergeordneter Bedeutung, und sie sind auch für diesen ganz kurzen Moment gar nicht zu beantworten. Dōgen erklärt entsprechend dazu:

„Die Vergangenheit war einfach ein Augenblick des Geistes, und die Gegenwart ist dann ein zweiter Augenblick des Geistes.“

Die wirkliche Vielfalt der Dinge und Phänomene wird erst durch den Augenblick des Geistes im Gleichgewicht erfahrbar. Dies halte ich für eine zentrale Aussage im Zen, und sie ist eigentlich ganz einfach.

Dōgen bezieht die Berge, Flüsse, die Erde usw. in einen solchen gegenwärtigen Augenblick des Geistes ein und sagt, dass nur in diesem Augenblick die Berge wirkliche Berge und die Flüsse wirkliche Flüsse sind. Die Überwindung der üblichen Dualität des gewöhnliches Geistes führt uns zur Wahrheit der Erleuchtung und zu den wahren Bergen, Flüssen usw. Eine solche Wirklichkeit der Natur geht über Begriffe wie Existenz oder Nicht-Existenz hinaus.

Auch andere Vorstellungen und Begriffe wie klein und groß, erlangen oder nicht erlangen, erkennen oder nicht erkennen, können den Zustand des Gleichgewichts im Augenblick nicht angemessen beschreiben. Letztlich ist dieser Zustand sogar jenseits dessen, was wir mit den Begriffen und der Vorstellung von Verwirklichung oder Nicht-Verwirklichung überhaupt beschreiben können.

„Wir sollten ganz darauf vertrauen, dass die Worte‚ der Geist lernt die Wahrheit‘ (seine Eigenschaft) bezeichnet, dass der so beschriebene Geist durch sich selbst die Fähigkeit des Erlernens der Wahrheit erwirbt. Dieses Vertrauen ist selbst jenseits von groß und klein, Existenz und Nicht-Existenz.“

Damit erklärt Dōgen, dass der Geist aus sich selbst heraus immer mehr lernt, die Wahrheit zu erlangen. Das heißt, diese Fähigkeit findet er durch sich selbst und nicht durch jemand anderes. Den Wahrheitsgeist muss also jeder aus sich selbst entwickeln.
Heute würden wir sagen, es handelt sich um einen selbstähnlichen und selbstverstärkenden Realisierungsvorgang – übrigens ein typisches Merkmal für jeden lebenden Prozess und für das Leben selbst. Entscheidend ist dabei, dass man den festen Willen hat, diesen Weg zu gehen.

Vertrauen ist aber nicht Glauben und bedeutet, dass wir zwar vertrauensvoll den Weg beschreiten, aber genau feststellen und erproben, ob er richtig ist und die richtige Wirkung hat. Vertrauen ist im Gegensatz zum Glauben nicht blind für die empirische Überprüfung und Falsifizierung. Beim Glauben wird zu oft die Vernunft ausgeschaltet.

Beim vertrauensvollen Beginn eines Lernprozesses sind dagegen die klare Selbstbeobachtung und Selbstreflexion durch die Vernunft erforderlich, und daraus ergibt sich erst die realitätsnahe Feinsteuerung. Dies sind zweifellos Kernpunkte des Zen-Buddhismus.


Donnerstag, 28. August 2014

Der erdhafte Schatz des Menschen


Wann sind die Wasser wirkliche Wasser, und wann sind die Berge wirkliche Berge? Das hört sich recht einfach an. Ist es aber wirklich so einfach? Und was sagt Dōgen?

Wenn wir in Ideen, Überlegungen, Erinnerungen und Illusionen versunken sind, haben wir keinen direkten Zugang zur Natur in ihrer ganzen überwältigenden Vielfalt – daran erinnert uns Dōgen immer wieder. Auch müssen wir genau die Begriffe „Berg“ und „Wasser“ von der deren Wirklichkeit unterscheiden. Es gibt dabei eine Vielfalt von Bergen, zum Beispiel spitze, pyramidenartige Berge, wie in den Alpen das Matterhorn, oder Tafelberge, die in China häufiger vorkommen. Diese jeweils sehr konkreten Berge sind hier gemeint, und Dōgen fordert uns auf, nicht in allgemeine Abstraktionen und Vorstellungen abzuschweifen.

Es geht sowohl um die Form und materielle Sicht der Berge in der Natur und als auch um immaterielle, aber sehr konkrete psychische Realitäten: Wenn wir zum Beispiel ein Hindernis, also einen „emotionalen Berg“, überwinden und dann in ein „schönes Tal der Freiheit“ gelangen. Dōgen bezieht die in den indischen Mythen genannten Berge und Seen mit ein, will sie aber so verstanden wissen, dass es sich um konkrete, spirituelle Wirklichkeiten handelt und nicht um seelenlos angelerntes Wissen oder spirituelle Illusionen und Träumereien.

Mit der Erde ist hier nicht nur der Erdboden gemeint, sondern es werden auch Felsen und felsige Hochebenen einbezogen. Dōgen geht hier ganz konkret vor und erwähnt ausdrücklich auch Blumenerde in einer Pflanzschale oder in einem aufgehängten Topf. Die Lotospflanzen werden zum Beispiel in Japan in großen Tonkübeln gehalten, die eine geeignete Erdschicht für die Wurzeln aufnehmen und mit Wasser gefüllt sind.

Dōgen verwendet für die Erde den japanischen Begriff chi, den man auch als Adjektiv mit „erdhaft“ übersetzen kann. Er sagt, dass auch ein mentaler oder psychischer Zustand in diesem Sinne erdhaft und fundiert sein kann; er ist dann der Ort eines wertvollen „Schatzes“. „Erdhaft“ hat im Japanischen also eine vielfältige Bedeutung, etwa im Sinne von „fest“, „solide“, „vertrauenswürdig“ und auch „wertvoll“.
Außerdem ist die subjektive Sichtweise der Menschen unterschiedlich. Zum Beispiel werden die Sonne, der Mond und die Sterne sehr verschiedenartig wahrgenommen. Können wir daher überhaupt abstrakt von der Sonne, dem Mond und den Sternen reden? Damit leitet Dōgen zur Frage des einen Geistes der Wahrheit über und fügt einen erstaunlichen Satz hinzu:

„Obgleich diese (Vielfalt) so ist, ist das, was durch den Geist der Einheit gesehen wird, selbst einheitlich.“

Dies scheint ein Widerspruch und eine Paradoxie zu sein, die angeblich so typisch für den Zen ist. Was ist gemeint? Meine Erklärung lautet: Erst durch den balancierten Geist, also durch den Zustand im Gleichgewicht, der auch als ganzer, ungeteilter und konzentrierter Geist bezeichnet wird, ist es überhaupt möglich, die wirkliche Vielfalt dieser Welt insgesamt und umfassend zu erkennen.

So ist die Vielfalt der Dinge und Phänomene erst durch den ungeteilten Geist des Gleichgewichts und Mittleren Weges überhaupt zu sehen. Auf diese Weise kann die scheinbare Paradoxie von Einheit und Vielfalt relativ einfach erklärt werden und ist keinesfalls ein der Vernunft unzugängliches Rätsel. Dōgen fordert uns immer wieder auf, Fragen zu stellen und uns selbst Antworten zu erarbeiten. Auch Martin Heidegger sagt: Philosophie ist nicht Wissen sondern Denken.

Die Vielfalt der Natur kann aus materialistischer Sicht allerdings nur eingeengt und oft eindimensional verstanden werden. Dies entspricht der naturwissenschaftlichen Forschung und Sichtweise. Auch dafür sind allerdings ein klarer Verstand, saubere Methoden und ein genaues Unterscheidungsvermögen notwendig.

Wenn ein Mensch jedoch darüber hinaus in der Einheit des Gleichgewichtsgeistes die Vielfalt und Schönheit dieser Welt wahrnimmt, gewinnt er eine neue Dimension und Tiefenschärfe der Welt und von sich selbst. Diese Dimension geht über die materielle Sicht weit hinaus. Wir können sie mit der Sichtweise eines Künstlers vergleichen, der dem Materiellen einen neuen Geist und eine neue Spiritualität verleihen kann. Etwas vereinfacht möchte ich diesen Zusammenhang so formulieren:

Durch das Gleichgewicht des Körper-und-Geistes im Sinne des Zen-Buddhismus ist es erst wirklich möglich, die verschiedenen Sichtweisen der Menschen zu verstehen und gleichzeitig die Vielfalt der Dinge und Phänomene in der Welt zu erfassen.

Donnerstag, 21. August 2014

Die Berge, die Flüsse, die Erde und die Sonne sind der Geist



„Die Wahrheit ... zu lernen bedeutet, sich ohne Darstellungsdrang die Nasenlöcher eines buddhistischen Meisters zu leihen und durch sie die Luft ausströmen zu lassen. (Ein solches Verhalten) ist der Wegweiser von zehntausend Zeitaltern, die Hufe eines Pferdes oder Esels zu benutzen, um das Siegel der wirklichen Erfahrung zu prägen.“

Mit der Erwähnung der Nasenlöcher der buddhistischen Meister geht Dōgen auf das konkrete Atmen und Leben der Menschen ein. Die Nasenlöcher sind im Zen Symbole für das Leben selbst. Dies wird noch verstärkt, indem er Pferd und Esel einbezieht, die im alten China und Japan den geschäftigen Alltag wesentlich bestimmten. Der Abdruck der Hufe wird hier als Siegel der Wirklichkeit und Erfahrung bezeichnet – eine tiefgründige poetische Formulierung, die den Zen treffend charakterisiert.

Er betont, dass es auf die Gegenwart und den Augenblick gerade beim geistigen Handeln ankommt, wie er es im Kapitel „Die Sein-Zeit der Wirklichkeit im Hier und Jetzt“ in großartiger Weise darlegt. Der Lernvorgang im Geist soll dabei den unterscheidenden Intellekt überschreiten, der die Dualität von Subjekt und Objekt nicht beseitigen kann. Übrigens findet sich ein ähnlicher Ansatz bei Martin Heidegger, der in Japan besonders in Zen-Kreisen von allen westlichen Philosophen am bekanntesten ist:

"Das Bedenklichste in dieser bedenklichen Zeit zeigt sich daran, dass wir noch nicht denken".

Er meint damit ganz besonders die Überwindung der Trennung von Subjekt und Objekt und verwendet dafür oft die Bindestriche zwischen den Worten. Er schätzt das Denken viel höher als das Wissen, die Kluft dazwischen kann nur im Sprung überwunden werden. Das gilt auch für uns: mit buddhistischem Wissen allein, ist es nicht getan, selbst wenn das Wissen in Bezug auf die Quellen korrekt ist (was nicht immer der Fall ist). Denken lebt von Fragen, wer nicht fragt und in Frage stellt, kann nicht in das Denken kommen. So gibt es bei Dōgen kaum ein Kapitel, in dem keine Fragen gestellt werden. Und er beantwortet selbst nur einige davon, die anderen überlässt er uns.

Dōgen hebt hervor, dass man sowohl durch das bewusste Denken als auch durch das Nicht-Denken auf dem Weg der Wahrheit üben soll. Damit meint er zweifellos die Zazen-Praxis, aber auch den ganz normalen Alltag. Die moderne Gehirnforschung bestätigt, dass unser Gehirn, von uns unbemerkt, umfassende Informationen verarbeitet und sie oft erst nach der Bearbeitung bewusst werden lässt, gewissermaßen an das Bewusstsein weiterleitet. Geben wir dem Gehirn eine Chance dazu! Mit Aktionismus und Multi-Tasking kommen wir dabei nicht weiter.

Außerdem ist die Verbindung vom Meister zum Schüler, der später selbst Meister wird, von fundamentaler Wichtigkeit, und Dōgen spricht davon, dass bei dieser Verbindung „der Geist durch den Geist lernt“. Der Geist des zukünftigen Meisters wird von dem des vorherigen im direkten ganzheitlichen Kontakt als Lernprozess erfasst und dreht damit das Dharma-Rad.

Schließlich kommt er auf die Natur zu sprechen:

„Kurz gesagt: Die Berge, die Flüsse, die Erde und die Sonne, der Mond und die Sterne, sie sind der Geist. Aber genau in dem Augenblick, wenn dies so ist: Welcher Zustand wird dabei direkt vor uns verwirklicht?“

Was meint er damit? Diese für einen westlichen Leser sicher überraschenden Aussagen erklären sich aus der Überwindung der Dualität, also der Aufhebung der Trennung von Ich und Welt: Wenn diese eigentlich künstliche Trennung beendet ist, gibt es zwischen uns und der Natur keinen Unterschied. Sie wird dann nicht auf getrennte Objekte reduziert, die unser Verstand vielleicht denkt oder unsere Wahrnehmung angeblich „objektiv“ erkennt. Dōgen hat die Kraft und Reinheit der Natur, die uns unmittelbar die Wahrheit Buddhas lehren kann, in mehreren Kapiteln umfassend beschrieben; sie lehrt uns die große Buddha-Wahrheit.


Donnerstag, 14. August 2014

Wie lernen wir mit dem Geist?


Gerade beim Erlernen neuer Zusammenhänge steht bei Dōgen die Einheit von Körper-und-Geist im Zentrum seiner Aussagen. Er behandelt zuerst den Weg, wie die Wahrheit mit dem Geist erlernt wird. Dies ist aber wohlgemerkt nur ein pädagogisches, schrittweises Vorgehen, nicht zuletzt um wichtige Aussagen und tiefgründige Erfahrungen der großen buddhistischen Meister einzubringen. Die Einheit von Körper-und-Geist als Wirklichkeit bleibt davon unberührt, wie sich im Laufe der weiteren Ausführungen immer wieder zeigen wird.

Auch in der modernen Gehirnforschung wird beim Lernen betont, dass ein isolierter Geist nur geringe Lernfähigkeit besitz, das motorische System unsere Gehirns macht etwas ein Drittel der gesamten Kapazität unseres neuronalen Netzes aus. Warum soll die riesige "Intelligenz" des Körpers und der Motorik ausgeklammert werden? Das wäre der falsche Ansatz? Wenn sich das Lernen bei Kindern z. B. überwiegend auf digitale Medien stützt, kommt es nach Manfred Spitzer zur digitalen Demenz, also zur gravierenden Verminderung des Intelligenz des Kindes. Das verschlechtert die Lebens-Chancen ganz entscheident: der soziale Abstieg ist dann vorprogrammiert. Leider sind diese empirisch eindeutig nachgewiesenen Tatsachen noch viel zu wenig bekannt. Digitale Lernprogramme für Kinder sind generell nicht nur unwirksam sondern sogar gefährlich, die existentiell wichtige "Körper-Intelligenz" verkümmert.

Keinesfalls darf die Ethik im Denken und bei den Ideen stehen bleiben, sondern sie muss durch das Handeln umgesetzt und im Hier und Jetzt verwirklicht werden. Gleichwohl ist der Entschluss zum moralischen Handeln zunächst im Denken und Willen angesiedelt. Dies ist dann der Beginn eines Lebens auf einem neuen Weg, der eine klare Kontur erhält.

Bei diesem Lernvorgang geht Dōgen auf verschiedene Arten des Geistes ein. Insbesondere erwähnt er dabei die altindische Buddha-Lehre, die in China übernommen wurde. Er warnt uns jedoch davor, diese Unterscheidung nur rein theoretisch zu verstehen und fordert uns stattdessen auf:

„Nachdem wir weiterhin durch offenen und verständnisvollen Umgang mit der Wahrheit den Wahrheits-Geist erweckt haben, nehmen wir Zuflucht zur großen Wahrheit der buddhistischen Vorfahren und lernen das konkrete Handeln, welches das Erwecken des Wahrheits-Geistes ist.“

Dōgens Verständnis des Wahrheits-Geistes umfasst also die drei Arten des aus Indien überlieferten Geistes, geht aber darüber hinaus, indem er das konkrete Handeln im Augenblick einbezieht. Das sei der wirkliche Bodhi-Geist. Er rät uns nachdrücklich, die Methoden der alten großen Meister zu übernehmen, auch wenn der Wahrheitsgeist bei uns noch nicht voll entwickelt ist. Er nennt ihn den „unverhüllten, nackten Geist“, Augenblick für Augenblick. Dies sei der Geist der ewigen Buddhas, den er auch als „normalen Geist“ bezeichnet. Normal heißt in diesem Fall jedoch nicht gewöhnlich oder durchschnittlich, sondern gemeint ist der natürliche Geist, der sich beim reinen Handeln verwirklicht.

Diese Arten des Geistes sollen wir auf dem Buddha-Weg „wegwerfen und wieder aufgreifen“, uns also nicht an irgendetwas klammern und mental verhärten. Dazu bedarf es zweifellos einer gewissen Leichtigkeit bei aller Zielstrebigkeit, die notwendig ist. Verkrampfungen und falsche Fixierungen müssen verhindert werden. Lernen und Kreativität hängen immer mit Freude zusammen, Angst und psychischer Druck machen dumm.

Dann knüpft Dōgen an die reiche Geschichte des Buddhismus an und spricht von der authentischen Dharma-Übertragung von Gautama Buddha auf die Meister in Indien, China und Japan. Diese authentischen Meister haben durchaus sehr verschiedene Charaktere, sie alle gewinnen jedoch die Freiheit in ihrem Leben, indem sie gemäß ihren karmischen Gegebenheiten handeln, aber nicht stagnieren, sondern sich immer weiter entwickeln.

Spannend sind auch Dōgens Ausführungen darüber, dass es unwesentlich ist, ob andere Menschen das eigene Streben nach der Buddha-Wahrheit anerkannt haben oder nicht. Dadurch wird die jeweilige Eigenständigkeit des Handelns betont, die sich nicht durch die oft vordergründige Einschätzung oder Abwertung von anderen beeinflussen oder hemmen lässt.

Die Wahrheit auf diese Weise zu lernen bedeutet, sich ohne Darstellungsdrang die Nasenlöcher eines buddhistischen Meisters zu leihen und durch sie die Luft ausströmen zu lassen. (Ein solches Verhalten) ist der Wegweiser von zehntausend Zeitaltern, die Hufe eines Pferdes oder Esels zu benutzen, um das Siegel der wirklichen Erfahrung zu prägen.“


Donnerstag, 7. August 2014

Die Wahrheit mit Körper und Geist erlernen


In diesem komplexen Kapitel des Shōbōgenzō, Shinjin gakudō, sagt Dōgen in aller Klarheit, dass wir nach der buddhistischen Lehre die Wahrheit und Befreiung nur dadurch erlernen können, wenn wir sowohl den Geist als auch den Körper schulen. Das japanische Wort shinjin heißt „Körper und Geist“, und gakudō bedeutet „die Wahrheit zu erlernen“. Daher lautet die wörtliche Übersetzung von shinjin gakudō: „Die Wahrheit mit Körper und Geist zu erlernen“.

Wir müssen uns immer im Klaren darüber sein, dass beide in der Wirklichkeit unauflösbar zusammengehören und eine Einheit bilden. Während in der westlichen Philosophie der Intellekt und Geist meist völlig losgelöst vom Körper des Menschen behandelt werden und im Idealismus, zum Beispiel bei Platon und Hegel, als überlegen gelten, wird eine solche Trennung im Buddhismus als sinnlos und realitätsfremd abgelehnt.

Nishijima und Cross betonen in ihrer Einleitung zu diesem Kapitel, dass viele Menschen glauben, man könne die große Wahrheit erlernen, indem man tiefgründig darüber nachdenkt und reflektiert. Der Buddhismus lehrt aber ganz klar, dass intellektuelles Denken allein unzureichend ist und konkretes Handeln im Hier und Jetzt des Augenblicks hinzukommen muss. Die Wahrheit ist also sowohl durch physisches als auch durch mentales Streben gekennzeichnet, außerdem kann sie nicht von der Ethik getrennt werden.

Wenn Dōgen in diesem Kapitel zunächst den Lernvorgang des Geistes und dann den des Körpers behandelt, geschieht dies lediglich aus didaktischen Gründen, um die jeweiligen Bereiche möglichst klar herausarbeiten zu können.

Zu Beginn seiner Ausführungen geht er darauf ein, wie wichtig es ist, den klaren Entschluss zu fassen, den Buddha-Weg gehen zu wollen. Auch bei den Vier Edlen Wahrheiten und dem Achtfachen Pfad Gautama Buddhas steht am Anfang die eindeutige Entscheidung, diesen Weg zu gehen, um das Leiden zu überwinden. Dōgen bemerkt hierzu:

„Wenn wir nicht beabsichtigen, (die Wahrheit) zu erlernen, entfernt sie sich immer mehr.“

Wir benötigen also den festen Willen und die Absicht, die Wahrheit anzustreben und zu erlernen, weil wir uns sonst im Laufe unseres Lebens immer weiter von ihr entfernen und gewissermaßen ohne Kompass abirren und uns zum Beispiel im Materialismus, Idealismus oder Aktionismus verlieren.

Die Wahrheit anzustreben bedeutet natürlich nicht, dass wir sie allein durch den mentalen Willen erreichen können, sondern dass es ebenso der physischen und geistigen Praxis bedarf, um auf diesem Wege voranzukommen. Ein wesentlicher Teil dieses Wahrheitsweges ist ethisches Denken und Handeln. Hierzu zitiert Dōgen den Zen-Meister Nangaku, einen Dharma-Nachfolger von Meister Daikan Enō:

„Praxis-und-Erfahrung sind nicht nicht-existent (es gibt sie also wirklich), aber sie müssen nicht beschmutzt werden.“

Was will er damit sagen?
Dieses Zitat wird auch im Kapitel „Sich waschen und den Körper-Geist reinigen“ erörtert. Es ist im Zen-Buddhismus ganz berühmt, wird aber nicht immer richtig verstanden. Es bedeutet, dass die Praxis und die Erfahrung der Wahrheit, also die Erleuchtung, immer im selben Augenblick verwirklicht werden, und genau dann sind sie rein und unverschmutzt. Werden sie getrennt, entsteht eine Diskrepanz zwischen der Wahrheit und dem praktischen Handeln, das heißt, das Handeln entfernt sich von der buddhistischen Wahrheit, die immer auch ethisch bestimmt ist.

In der richtigen Zazen-Praxis gibt es diese Einheit, die Nishijima Roshi die erste Erleuchtung nennt. Darin liegt gerade die einzigartige unmittelbare Wirkung dieser Übungspraxis. Nangaku sagt damit, dass es keine reine Praxis und keine reine Erfahrung geben kann, die zeitlich auseinanderfallen.