Mittwoch, 12. Juni 2013

Die Erweckung des Bodhi-Geistes



Diese Erweckung ist der erste Schritt, um den Willen zur Wahrheit zu erwecken und entschlossen zu handeln, damit andere befreit werden und ihnen geholfen wird. Dōgen nennt dies „die erste Erweckung des Geistes“. Damit eröffnet sich eine neue Welt und eine neue Lebensphilosophie, und man „begegnet zahllosen Buddhas“ und ehrt sie.

Im heutigen Sprachgebrauch würden wir sagen, dass eine selbstverstärkende Entwicklung und Klärung in Gang gekommen ist. Der Weg des Helfens und des Bodhisattva wird dadurch nachhaltig beschritten und entwickelt eine sich beschleunigende Kraft. Auf diese Weise eröffnen sich für Geist und Handeln völlig neue Bereiche, die harmonisch zueinander passen und auf spannendes Neuland führen. Der Mensch beginnt, den „eigenen Käfig zu verschrotten“. Dōgen sagt dazu:

Wenn ihr „fortfahrt, den Bodhi-Geist zu erwecken, fügt ihr dem Schnee noch den Frost hinzu“. Damit meint er, dass der Bodhi-Geist nicht wieder verschwindet, sondern sich kräftigt und stabilisiert, so wie der Frost dafür sorgt, dass der Schnee erhalten bleibt und fest wird.

Anschließend weist Dōgen auf die enge Beziehung zwischen der Erweckung des Bodhi-Geistes und dem vollkommenen Erwachen hin. Dies sei das Höchste, weil man dann Buddha werde. Er schätzt es deutlich höher ein, diese große Verwirklichung zu erreichen, als den Bodhi-Geist zu erwecken, aber dessen Erweckung ist der erste maßgebliche Schritt dazu. Das große Erwachen vergleicht er mit dem großen Feuer am Ende eines Weltzeitalters und den Bodhi-Geist mit dem Licht eines Leuchtkäfers. Aber er fügt hinzu, dass beide letztlich eine Einheit bilden und es daher außerordentlich wichtig ist, den Bodhi-Geist real zu erwecken – und zwar unbedingt zuerst.

Dōgen ermahnt uns, ständig an Folgendes zu denken:
„Wie kann ich die Lebewesen dazu bringen,
dass sie in die höchste Wahrheit eingehen können,
und schnell einen Körper Buddhas verwirklichen?“
Damit stellt er eine Verbindung zum Lotos-Sūtra her, bei dem im Kapitel „Die Lebensdauer des Tathāgata“ die gleichen Zeilen erscheinen. Wenn man den Lebewesen helfen will, ist es laut Dōgen sehr wichtig, auch bei ihnen den Bodhi-Geist zu erwecken, damit sie ebenfalls den klaren Entschluss fassen, andere zu befreien, bevor sie selbst Erleuchtung erlangt haben. Er weist ausdrücklich darauf hin, dass ein egoistischer und berechnender Wille, durch dieses Handeln die Befreiung und Erleuchtung selbst zu erlangen, falsch sei und ein Hindernis dafür darstelle. Dadurch werden Körper und Geist unruhig und unklar.

Genauso irrig sei es, sich bei der Zazen-Praxis das egoistische Ziel zu setzen, ein berühmter Buddha zu werden. Auch das Bodhisattva-Handeln sei falsch verstanden, wenn man nur das eigene Karma verbessern und sich dadurch spirituelle Vorteile verschaffen wolle. Es gehe immer darum, die wachsenden Kräfte und die sich entwickelnde Klarheit im Handeln den anderen Menschen zugutekommen zu lassen und keine egoistischen Ziele zu verfolgen.

Nachdem der Bodhi-Geist erweckt worden ist, verwandelt sich die Erde vollständig zu Gold, wenn wir sie umarmen. Und wenn wir den Ozean umrühren, wird er sofort zu süßem Tau.“

Dann bilden sogar einfache Handlungen, zum Beispiel einen Kieselstein aufzuheben oder Sand zu schaufeln, eine Einheit mit dem Bodhi-Geist. Genau dies meint Dōgen, wenn er davon spricht, dass sich die Erde zu Gold verwandelt. Demgegenüber sind beispielsweise weltliche Güter wie Ehrungen, hohe Positionen sowie die eigene „großartige“ materielle Körperlichkeit von untergeordneter Bedeutung.

Wenn der Bodhi-Geist erweckt wurde und das Bodhisattva-Handeln begonnen hat, stellen sich viele Hilfen in unserem Leben wie von selbst ein. Die Gegenstände dieser Welt, die Umgebung und ihre Bedingungen werden dann in vorher nicht gekannter Weise nützlich und hilfreich sein


Mittwoch, 5. Juni 2013

Wie erweckt man den Bodhi-Geist?


Der Bodhi-Geist (Wahrheits-Geist) ereignet sich auf unerklärbare Weise und hat eine wunderbare, um nicht zu sagen mystische Verbindung zu Gesprächen über die Wahrheit – dies gilt vor allem zwischen Meister und Schüler sowie zwischen Buddhas, also den Vorfahren im Dharma und wahren Meistern. Dōgen bemerkt hierzu:

„(Der Bodhi-Geist) wird uns nicht von den Buddhas und Bodhisattvas verliehen, und er ist jenseits unserer eigenen Fähigkeiten.“

Woher dieser Bodhi-Geist eigentlich kommt, könne man nicht mit Sicherheit sagen, denn er komme nicht von uns selbst und auch nicht von anderen. Seine Erweckung geschieht in unserem täglichen Leben und im menschlichen Körper. In manchen Gebieten ereignet er sich häufiger als in anderen, laut Dōgen vor allem im legendären südlichen Kontinent der indischen Mythologie. Vermutlich geht er auch davon aus, dass im buddhistisch hoch entwickelten Indien der Bodhi-Geist häufiger erweckt wird als in anderen Ländern, in denen der Buddhismus nicht gelehrt und nicht praktiziert wird.

Dōgen betont, dass es falsch wäre, nicht mehr zu praktizieren, wenn der Bodhi-Geist einmal erweckt worden ist: Die Praxis und das Bodhisattva-Handeln müssen ständig fortgesetzt und verfeinert werden, um die Klarheit nicht wieder zu verlieren. Es geht darum, anderen Lebewesen zu helfen und das Ziel der eigene Erleuchtung zurückzustellen, und genau dann kann sich der Bodhi-Geist verwirklichen. Wenn wir so handeln, befinden wir uns in vollständigem Einklang mit dem Bodhi-Geist und erleben Bodhi mit Freude und Glück.

Im Allgemeinen handelt der Bodhi-Geist ohne Unterbrechung auf drei verschiedene Arten: durch den Körper, durch das Sprechen und durch den denkenden Geist. Durch das Handeln im Bodhi-Geist wird den Menschen und allen anderen Lebewesen wirklich geholfen.

Dieses praktische Leben und Handeln ist kein vordergründiges und oberflächliches Vergnügen in einer materialistischen Weise, denn dieses lenkt bekanntlich eher vom Wesentlichen ab oder macht es sogar unmöglich. Das Handeln im Bodhi-Geist hat auch die „Fassaden von Täuschung und Erleuchtung“ überschritten, ist also die klare Wirklichkeit selbst. An dieser Stelle zitiert Dōgen den Bodhisattva Mahākāshyapa:

„Den Geist und das Höchste erwecken:
Diese beiden sind ohne Trennung.
Von diesen beiden Zuständen ist der erste schwieriger (zu verwirklichen):
Andere zu befreien, bevor man selbst Befreiung erlangt hat.
Aus diesem Grund verbeuge ich mich vor (deiner) ersten Erweckung des Geistes.“

Und weiter:
„Eine solche Erweckung des Geistes überschreitet die dreifache Welt.
Wir können ihn daher als das Höchste bezeichnen.“

Dōgen geht es in diesem Zitat vor allem um den Anfang des Buddha-Weges, bei dem zum ersten Mal der Bodhi-Geist der Wahrheit erweckt wird. Ich folge ihm dabei ohne Wenn und Aber: Es bedarf eines kleinen Wunders, um den „schlummernden“ Wahrheitsgeist im Menschen zu erwecken. Damit beginnt eine völlig neue Lebensdimension, die sich von herkömmlichen Vorstellungen und Ideologien befreit und auch nicht blind den scheinbar so wertvollen Dingen des Materialismus nachjagt, die gerade in unserer heutigen Konsumgesellschaft eine meist nicht hinterfragte Dominanz erlangt haben.

Es ist von fundamentaler Bedeutung, sich darüber klar zu werden, dass die beiden Wege des Materialismus und Idealismus, wenn sie unreflektiert und bedenkenlos gegangen werden, in Sackgassen führen, aus denen man sich nur sehr schwer wieder befreien kann.

Bei vielen Menschen nehmen daher heute in der zweiten Lebenshälfte und im hohen Alter die Enttäuschungen immer mehr zu, sie haben das Gefühl, dass sie Wesentliches im Leben verpasst haben und vieles wirklich sinnlos war. Ein solches Eingeständnis könnte auch den Wahrheitsgeist erwecken, aber das erfordert eine gute Portion Mut.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass viele stattdessen auf die Angebote der medialen Unterhaltungsindustrie zurückgreifen, um nicht über verpasste Möglichkeiten nachdenken zu müssen. Damit wird aber nur die Unklarheit des wahren Selbst verstärkt. Zum Handeln ist es jedoch nie zu spät!


Mittwoch, 22. Mai 2013

Die Erweckung des Wahrheitsgeistes



Durch den Bodhi-Geist oder Wahrheitsgeist entsteht der klare Entschluss, sich auf den Buddha-Weg zu begeben und anderen Menschen und Lebewesen zu helfen und sie zu befreien, bevor man selbst die große Befreiung erlangt hat. Wie hängt nun der Bodhi-Geist mit dem Handeln zusammen? Kann man beide voneinander trennen und allein auf den Geist setzen? Gibt es überhaupt einen vom Körper getrennten, eigenständigen Geist, wie sicher viele annehmen?

Kann man umgekehrt nach der buddhistischen Lehre ohne Bewusstsein und Klarheit „nur so“ handeln, in den Tag hineinleben und den Geist und die Vernunft vernachlässigen? Manche Zen-Buddhisten sind tatsächlich dieser Meinung. Solche Fragen möchte ich im Folgenden anhand von Dōgens Ausführungen klären.

Zur Erweckung des Wahrheitsgeistes auf dem Weg zum Erwachen finden sich im Shōbōgenzō zwei Kapitel. Fachleute nehmen an, dass das Kapitel „Die Erweckung des Willens zur höchsten Wahrheit“ als Dharma-Rede für Laien bestimmt war, vor allem für die Handwerker und Arbeiter, welche die Tempelanlage von Eihei-ji – den Haupttempel der Sōtō-Übertragungslinie – unter der Leitung Dōgens erbauten. Den Schwerpunkt seiner Ausführungen legt er daher auf die praktische buddhistische Arbeit, zum Beispiel das Errichten von Stupas und das Erstellen von Buddha-Bildnissen.

Das andere Kapitel „Die Erweckung des Bodhi-Geistes “ war vermutlich als Dharma-Vortrag für Mönche konzipiert. Es stimmt inhaltlich weitgehend mit dem vorherigen Kapitel überein, bezieht aber darüber hinaus auch tiefgründige theoretische Aspekte der buddhistischen Lehre mit ein. Da es die wichtigen Aussagen über die Sein-Zeit und Augenblicklichkeit des Universums enthält, dient es für die folgenden Untersuchungen als Grundlage.

Ich möchte auch im Deutschen meist den Begriff „Bodhi-Geist“ für den Wahrheitsgeist verwenden, damit keine Unklarheiten entstehen, was mit dem Begriff „Geist“ gemeint ist, und deutlich wird, dass der Geist nicht vom Körper und Handeln getrennt werden kann. Er hat nämlich einen wesentlich breiteren semantischen Umfang, als im westlichen Verständnis des Begriffs üblich.

Dieses vielschichtige buddhistische Wort darf nicht mit „Bewusstsein“ oder „Denken“ im westlichen Sinne verwechselt werden. Der Bodhi-Geist ist wirksam, wenn wir anderen helfen, nach der Wahrheit zu streben, und nicht nur die eigene Vervollkommnung und Erleuchtung zum Ziel haben. Es geht immer um die Einheit von Körper-und-Geist sowie um Ethik, also moralisch klares Denken und Handeln.

Für diese Haltung ist es laut Dōgen sehr wichtig, dass wir uns der Vergänglichkeit unseres Lebens bewusst sind, damit wir es nicht verpassen, sondern im Augenblick ganz präsent sind und unsere Aufgaben in der Gesellschaft wahrnehmen. Wir sollen also angesichts der Vergänglichkeit nicht niedergeschlagen und depressiv werden, sondern im Gegenteil im Gleichgewicht und in der Fülle des Augenblicks leben und handeln. Daraus wird ersichtlich, wie wichtig diese beiden Kapitel über den Bodhi-Geist für die buddhistische Lehre sind.

Mittwoch, 15. Mai 2013

Gier der sinnlichen Wahrnehmung



Wo kann Gier entstehen, und wo setzt sie sich fest? In dem Sūtra der Achtsamkeit werden dafür die Bereiche der sinnlichen Wahrnehmung durch Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper und Geist genannt.

Auch durch das Denken kann nämlich bei der sinnlichen Wahrnehmung eine Abhängigkeit und Gier entstehen, so üben zum Beispiel der verführerische Glanz des Goldes und das magische Glitzern von Diamanten eine starke Anziehungskraft auf manche Menschen aus; sexuelle Gier kann durch die äußere Attraktivität und Schönheit eines Menschen ausgelöst werden.

Im Zentrum der Vier Edlen Wahrheiten steht der rechte Weg zur Aufhebung des Leidens, der aus den folgenden acht Gliedern besteht:
rechte Sichtweise, rechter Entschluss, rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebenswandel und rechter Beruf, rechte Bemühung und Anstrengung, rechte Achtsamkeit sowie rechter Samādhi (Sammlung).

Beim Begriff des „Rechten“ sind auch ethische Bereiche relevant. Man kann auch den Begriff „heilsam“ verwenden. Das heißt, das praktische, umfassende Leben ist der Weg zur Überwindung des Leidens und ein wesentlicher Bereich der geistigen Bereiche des Menschen. Aber die klare Sichtweise von sich selbst ist der wesentliche Anfang des Heilungsprozesses: Erkenne dich selbst.

Für moderne Menschen ist bedeutsam, dass der ganze Umfang der Achtsamkeit, also der Betrachtung von uns selbst, und die meditative Sammlung mit den sogenannten Vier Vertiefungen für die Befreiung aus dem Leiden unbedingt notwendig sind. In der heutigen westlichen Welt steckt die Meditation als Methode der Leidensüberwindung noch in den Kinderschuhen, es gibt sie außerhalb des Buddhismus überhaupt nicht oder nur in Ansätzen.

Gerade die Vierte Vertiefung beim Samādhi, die frei ist von Objekten des Denkens und Fühlens und im Zen-Buddhismus als Zazen bezeichnet wird, ist aber nach meiner Erfahrung von zentraler Bedeutung.

Dōgen beschreibt die Zazen-Praxis zum Beispiel in seiner ersten Schrift Fukan zazengi sehr detailliert. Er hatte diese Übung erst auf seiner Chinareise bei seinem eigenen Meister und Lehrer Tendō Nyojō erlernt und als Schlüssel zum Erwachen und zur Klarheit erfahren.

Samstag, 4. Mai 2013

Die Betrachtung der geistigen Gegebenheiten



Diese tiefgründige Betrachtung bildet eine der vier Grundlagen der Achtsamkeit. Sie werden sehr detailliert behandelt und umfassen etwa die Hälfte dieses Sūtra. Sie sind also von ganz entscheidender Bedeutung und berücksichtigen viele Bereiche des Lebens und der Wirklichkeit des Geistes.

Zu diesen Gegebenheiten zählen nicht zuletzt die Vier Edlen Wahrheiten mit dem Achtfachen Pfad. Dessen achtes Glied ist der Samādhi (Sammlung), zu dem die Zazen-Praxis gehört. Weiterhin nennt Buddha bei den geistigen Gegebenheiten zum Beispiel die Fünf Hemmnisse des Erwachens: auf Sinnlichkeit gerichtetes Wollen, Übelwollen, Erstarren und Trägsein, Aufgeregtheit und Unruhe sowie Zweifelsucht.

Bedeutsam ist, dass Gautama Buddha für alle diese Hemmnisse betont, dass wir erkennen sollen, ob sie in uns sind oder nicht, ob sie bereits entstanden sind oder vergehen und abgebaut werden und wie sie in der Vergangenheit und Zukunft entstehen oder vergehen. Dabei wiederholt er seine Aussage über den Übenden: „Unabhängig lebt er, und er haftet an nichts in dieser Welt.“

Ebenfalls in den Bereich der geistigen Gegebenheiten fällt die Anhaftung oder – wie Peter Gäng es formuliert – das „Anhangen“ an die Fünf Komponenten (skandas) des Lebens. Diese Komponenten sind nach der buddhistischen Lehre: Form, Gefühl, Wahrnehmung, formende Kräfte und Bewusstsein.

Zu der sinnlichen Wahrnehmung beziehungsweise den „sechs Wahrnehmungsfeldern“ gehören laut Buddha das Sehen mit den Augen, Hören mit den Ohren, Düfte erkennen mit der Nase, Geschmäcke erkennen mit der Zunge und Berührungen erkennen mit dem Körper. Alle diese Formen der Wahrnehmung sind zweifellos mit geistigen Aktivitäten verbunden oder, genauer gesagt, ohne geistige Gegebenheiten überhaupt nicht funktionsfähig. Es muss also eine wichtige buddhistische Übung sein, wirklich realitätsgetreu wahrzunehmen und nicht in unklaren geistigen und gefühlsmäßigen Energien hängen zu bleiben.

Als Nächstes führt Buddha die ebenfalls zu den geistigen Gegebenheiten gehörenden Sieben Glieder des Erwachens auf:
Achtsamkeit, Unterscheidung der Gegebenheiten, Energie, Freude, Gestilltheit, Sammlung und Gleichmut.

Wir dürfen uns nicht davon irritieren lassen, dass hier wiederum die Achtsamkeit aufgeführt wird, denn das gesamte Sūtra behandelt deren Grundlagen. Gautama Buddha geht nach meinem Verständnis meistens nach der Bedeutung und Wichtigkeit vor und legt auf die logische Gliederung weniger Wert. Daher kann es sein, dass bestimmte Bereiche seiner Lehre mehrfach an verschiedenen Stellen aufgeführt und in verschiedene Gruppierungen eingeordnet werden.

Bei den Gliedern des Erwachens verwendet Buddha in diesem gesamten Kapitel die Formulierung, ob sie völlig „entfaltet“ sind oder nicht. Damit wird auch gesagt, dass Erwachen ein natürlicher Zustand des Menschen ist, der sich „entfaltet“, so wie er wirklich ist und nicht künstlich erzeugt oder gelernt wird.

Das Kernstück der buddhistischen Lehre und Praxis sind Buddhas Aussagen in den Vier Edlen Wahrheiten über das Leiden: Welches Leiden gibt es, wie entsteht das Leiden, und wie wird es aufgehoben und überwunden?

Was nun, ihr Mönche, ist die Edle Wahrheit von der Aufhebung des Leidens, eben jenes Durstes restlose von Gier freie Aufhebung, sein Aufgeben, seine Entäußerung, die Befreiung davon, das ohne Grundlage sein?

Den Begriff Durst verwendet Peter Gäng in seiner Übersetzung für die Abhängigkeit von der Gier, denn der Durst muss gelöscht werden, damit der Mensch überhaupt leben kann. Gautama Buddha benutzt also sehr lebensnahe Begriffe, die in einem heißen Land wie Indien besonders anschaulich sind. Wer bei der Hitze Durst hat und nichts zu trinken bekommt, stirbt schon nach wenigen Tagen. Der psychisch-geistige Druck, der beim Menschen zum Beispiel durch die Gier und Sucht erzeugt wird, ist subjektiv von gleicher Qualität. Der Mensch ist fest davon überzeugt, dass er dieser Gier nachgeben muss, damit er überhaupt existieren kann. Dies ist nach Gautama Buddha eine zentrale Ursache für das Leiden, und seine Übungen zielen vor allem darauf ab, die Abhängigkeit von der Gier aufzuheben und existentiell zu erfahren, dass es dafür überhaupt keine realen Grundlagen gibt.

Dienstag, 23. April 2013

Grundlagen der Achtsamkeit



Das Sūtra von den Grundlagen der Achtsamkeit ist zweifellos eine wesentliche Basis der authentischen Lehre Gautama Buddhas. Am Anfang dieser Lehrrede heißt es:

„Der eine Weg ist dies, ihr Mönche, zur Läuterung der Lebewesen, zur Überwindung von Kummer und Klage, zum Untergang von Leiden und Betrübtheit, zum Erlangen des Richtigen, zur Verwirklichung vom Nibbāna: Das sind die vier Grundlagen der Achtsamkeit.“

Wie der Buddhologe Peter Gäng überzeugend darlegt, wird der Begriff „Achtsamkeit“ im heutigen Sprachgebrauch im Allgemeinen viel zu eng verstanden, denn er bezieht sich meist nur auf individualpsychologische Bereiche und wird in diesem Sinne oft auch für psychotherapeutische Verfahren verwendet. Dieser Ansatz entspricht nicht dem umfassenden Verständnis und der Praxis von Gautama Buddha. Denn wie er in diesem Sūtra sehr genau ausführt, handelt es sich um die Achtsamkeit bei der klaren Betrachtung des Körpers, der Gefühle, des Geistes und der sogenannten geistigen Gegebenheiten. Dies sind die vier Grundlagen der Achtsamkeit.

Eifrig, klar erkennend und achtsam nach Abwendung von Begierde und Betrübtheit in der Welt“ soll die Betrachtung dieser Grundlagen erfolgen, sagt Buddha. Seine sehr praktisch formulierten Aussagen über den Geist und die geistigen Gegebenheiten, mit deren Hilfe das Leiden überwunden werden kann, bilden mit der Untersuchung des Körpers und der Gefühle eine Einheit; es ist überhaupt nicht sinnvoll, sie isoliert zu betrachten.

Bei allen vier Grundlagen der Achtsamkeit weist Gautama Buddha den Übenden auf die richtige Körperhaltung hin:
„(Der Mönch) setzt sich mit gekreuzten Beinen nieder, den Körper gerade aufgerichtet und errichtet ringsum die Achtsamkeit.“

Dabei geht es um achtsames Atmen, klares Empfinden, Beruhigung der verschiedenartigen Aktivitäten sowie die Betrachtung, die von innen und von außen stattfindet: „So weilt er innen (...), oder er weilt außen (...), oder er weilt innen und außen.“ Bei diesen Prozessen der Achtsamkeit sollen wir sowohl das Entstehen als auch das Vergehen betrachten.

Buddha verwendet zudem die folgende interessante Formulierung für alle vier Grundlagen: „So ist seine Achtsamkeit gegenwärtig, soweit es eben dem Wissen dient, soweit es der Achtsamkeit dient, unabhängig lebt er und haftet an nichts in der Welt.“ Aus diesen Worten spricht die große Lebenserfahrung und Weisheit Buddhas. Achtsamkeit und Klarheit von Körper und Geist sind verbunden mit der Unabhängigkeit und Freiheit von Anhaftungen des Menschen.

Ohne hier die physische Betrachtung des Körpers im Einzelnen zu vertiefen, möchte ich auf eine besondere Übung Buddhas hinweisen, bei der er seinen Schülern rät, sich den eigenen Tod ganz konkret vorzustellen, also der Frage nicht auszuweichen, wie der eigene Körper nach dem Tod zerfällt und verwest. Das mag uns recht ungewöhnlich vorkommen, denn in der modernen westlichen Gesellschaft werden Krankheit und Tod weitgehend tabuisiert und als unfassbare Katastrophen empfunden. In früheren Zeiten war der Tod aber noch viel gegenwärtiger und wegen der für unsere heutigen Vorstellungen nur rudimentären medizinischen Versorgung fast alltäglich. Neuere Forschungen haben zum Beispiel ergeben, dass zur Zeit von Jesus in Palästina 50 Prozent der Kinder bis zu ihrem fünften Lebensjahr gestorben sind, im alten Tibet sollen sogar die Hälfte der Neugeborenen im ersten Lebensjahr gestorben sein.

Auch Gautama Buddha selbst war tief bewegt, als er die Unausweichlichkeit von Krankheit, Alter und Tod erfahren hat, nachdem er laut der Überlieferung in seiner Jugend von diesen Lebensbereichen ferngehalten wurde. Nach seinem Verständnis gehört es jedoch zur Überwindung des Leidens, dass wir uns mit dem eigenen Tod sehr realistisch und pragmatisch beschäftigen und ihn nicht verdrängen.
Bei der Betrachtung der Gefühle unterscheidet Buddha freudige, leidige und weder freudige noch leidige Gefühle. Er sagt uns, dass wir sie ganz konkret betrachten und ihnen durch die Übung der Achtsamkeit eine unnötige Dramatik und überschießende Emotionalität nehmen sollen.


Er versucht in diesem Sūtra nicht, den Geist zu definieren und philosophische Grundsatztheorien darüber zu entwickeln. Bei der Betrachtung des Geistes erklärt er einfach, dass wir uns klar darüber sein sollen, ob der Geist mit Lustverlangen, Hass oder Verblendung erfüllt ist, oder ob er frei von diesen drei „Giften“ ist, wie es im Buddhismus heißt. Lustverlangen wird häufig verkürzt als Gier bezeichnet und Verblendung auch als Dummheit.

Ganz wesentlich sei es, dass wir klar erkennen, „wenn der Geist befreit ist, oder wenn er nicht befreit ist“. Dabei wird deutlich, dass ein mit Lustverlangen oder Verblendung erfüllter Geist niemals befreit sein kann, weil er gerade dadurch gefesselt und unklar ist. Die Aussagen Buddhas decken sich weitgehend mit den Erkenntnissen der heutigen Psychologie und der psychischen Therapie im Hinblick auf die Aufgabe, Klarheit zu gewinnen, was im Bereich der Gefühle und des Geistes wirksam ist. Daraus können die wirklichen psychischen Tatsachen klarer und unverstellter erkannt werden, die dann Grundlage einer erfolgreichen Therapie sind.

Buddha differenziert außerdem, ob der Geist gefasst oder zerstreut ist, und ob er „weit geworden ist“ oder „nicht weit geworden ist“. Und er ordnet dem Geist die Begriffe niedrig und hoch zu, die wir auch ethisch verstehen sollen. Sicher ist damit nicht nur die intellektuelle Scharfsinnigkeit des Verstandes und des Geistes gemeint.

Donnerstag, 11. April 2013

Einheit von Körper und Geist



Am 3. Juli 2012 ergab die Suchanfrage „Geist“ bei Google im Internet die kaum vorstellbare Zahl von ca. 49 Millionen Treffern. Es wäre sicher eine Mammut-Aufgabe, in dieser Vielfalt den roten Faden bei der Frage zu finden, was der Geist wirklich ist und wie er in verschiedenen Kulturen und Traditionen verstanden wird. Einen solchen Versuch möchte ich nicht unternehmen, sondern die Frage nach dem Geist auf den Zen-Buddhismus zuschneiden.

Vielleicht gewinnt sie durch die jüngsten Ergebnisse der Gehirnforschung sogar eine ganz neue Pragmatik und zusätzliche Dimensionen. Das heißt nichts anderes, als dass unsere westliche, scheinbar überwiegend materialistische Gesellschaft ein außerordentlich hohes Interesse gerade an den spirituellen, philosophischen und psychischen Bereichen hat, die mit dem Begriff Geist verbunden werden.

Die meisten Menschen möchten nicht zuletzt Befreiung von vielfältigen Fesseln des Geistes erleben. Sie möchten mehr Klarheit über sich selbst, das soziale Zusammenleben und die politischen Abhängigkeiten gewinnen. Denn es ist sicher unbestritten, dass unsere Welt eine bisher in der Menschheit völlig unbekannte, gewaltige Komplexität erreicht hat. Allein die Überflutung mit verschiedensten Informationen und Daten, zum Beispiel durch die Medien, hat ungeahnte Dimensionen angenommen.

Dabei verwirrt nicht nur die gewaltige Informationsmenge, sondern auch die unüberschaubare Vielfalt und Widersprüchlichkeit der moralischen Werte und Bewertungen. Kann der Zen-Buddhismus hier fulminante Impulse geben und den Aufbruch zu neuer Klarheit ermöglichen? Ich meine ja, auf jeden Fall! Die suggestiven Versprechungen der Konsumgesellschaft und die sehr begrenzten Möglichkeiten, die der materielle Reichtum bietet, können den meisten von uns offenbar auf dem Weg zur geistigen Freiheit und Klarheit nicht helfen.

Wie ist es dazu gekommen, dass Gautama Buddha den Weg der Befreiung von den Fesseln von Körper-und-Geist und der Überwindung psychisch-geistiger Leiden mit großem Scharfsinn und unermüdlicher Ausdauer gegangen ist? Er musste einen ganz neuen, eigenen Weg suchen. Und tatsächlich fand er neben anderen Lehren vor allem mit den Vier Edlen Wahrheiten und dem Achtfachen Pfad den Weg zum Erwachen des Geistes und zur Überwindung des menschlichen Leidens.

Dieser Weg ist wesentlicher Teil der sogenannten „Geistigen Gegebenheiten“ im Sūtra der Grundlagen der Achtsamkeit. Dabei spielen die umfassend verstandene Achtsamkeit und die Sammlung, der Samādhi, mit den vier Vertiefungsstufen (Jhana) eine zentrale Rolle. Die vierte Stufe der Vertiefung ist nach meiner festen Überzeugung identisch mit der Zazen-Praxis des Zen-Buddhismus, die für Meister Dōgen zum Schlüssel des Erwachens, der Erleuchtung und der Klärung von Körper-und-Geist wurde.

Für Dōgens Weg zur Befreiung und Klarheit ist es zwingend, die Einheit von Körper, Psyche, Geist und Universum zu erlernen und zu praktizieren. Dabei sind abstrakte Theorien und Lehren nur von begrenzter Wirksamkeit, denn das Lernen und die Klarheit des Geistes sind nicht auf unser Neuhirn beschränkt, und selbst das ist Teil unseres Körpers. Mit Dōgen lernen wir, ganz konkret und mit intuitiver Klarheit im Hier und Jetzt zu handeln, nicht zuletzt durch die Zen-Meditation. Diese Klarheit schließt gerade Ethik und Moral mit ein. Von großer Bedeutung ist dabei ein ausgeprägter Realitätssinn, wo die Grenzen unserer Vernunft liegen, denn Dōgen sagt: „Der Geist kann nicht (vollständig) erfasst werden.“

Nach meinem Verständnis ist eine solche Bescheidenheit notwendig, um die Qualität intuitiver Vernunft und Klarheit so auszubauen, wie es unserer wahren Natur entspricht. Wer seinen Geist permanent überschätzt, kann sein eigenes, fast unbegrenztes Potential in seinem Leben niemals wirklich entwickeln und ausschöpfen. Dadurch sind schwere Existenzkrisen vorprogrammiert und kaum zu vermeiden.