Mittwoch, 19. November 2014

Tätigen Handeln ist selbst das Erwachen des Bodhi-Geistes


Nach der  buddhistischen Lehre, die seit über 2500 Jahren erprobt ist, kann man die Wahrheit und Befreiung nur dadurch erlernen, dass man sowohl den Geist als auch den Körper schult. Beide gehören nämlich in der Wirklichkeit unauflösbar zusammen und bilden eine Einheit. Der Lehre vom Handeln und Tun kommt im Buddhismus eine sehr große Bedeutung zu, und zum Handeln gehören immer sowohl der Geist als auch der Körper.

Während wir in der westlichen Philosophie den Intellekt und Geist meist völlig losgelöst vom Körper des Menschen behandeln, wird eine solche Trennung im Buddhismus als sinnlos abgelehnt. Wenn Dōgen zunächst den Lernvorgang des Geistes und dann den des Körpers beschreibt, geschieht dies lediglich aus didaktischen Gründen, um die jeweiligen Bereiche möglichst klar herausarbeiten zu können.
Er betont, wie wichtig es ist, den klaren Entschluss für den Buddha-Weg zu fassen. Und er bemerkt hierzu:

„Wenn ihr euch nicht entschließen könnt, die Wahrheit zu erlernen, entfernt sie sich immer mehr von euch.“

Das bedeutet, dass man durch den Entschluss allein zwar noch nicht zur Wahrheit erwacht ist, aber dass man sich ohne eine solche grundsätzliche Entscheidung in seinem Leben immer mehr verirrt und sich zum Beispiel im Materialismus verliert.
Wesentlicher Teil dieses Wahrheitsweges ist ethisches Denken und Handeln. Die Ethik darf nicht im Denken und bei den Ideen stehen bleiben, sondern muss durch das Handeln umgesetzt und im Hier und Jetzt verwirklicht werden. Gleichwohl ist der Entschluss zum ethischen Handeln zunächst im Geist und Willen angesiedelt. Der Entschluss ist der Beginn eines Lebens auf einem neuen Weg.

Dōgen geht auf verschiedene Arten des Geistes ein, die ursprünglich aus der altindischen Buddha-Lehre stammen. Er warnt uns jedoch davor, diese Einteilungen nur rein theoretisch zu verstehen, und fordert uns stattdessen auf:

„Dann erlernt und erforscht ihr es im tätigen Handeln, das selbst das Erwachen des Bodhi-Geistes ist.“

Weiter führt er aus, dass es auf die Gegenwart und den Augenblick beim geistigen Handeln ankommt. Der Lernvorgang im Geist soll dabei den unterscheidenden Intellekt überschreiten. Und man soll sowohl durch das Denken als auch durch das Nicht-Denken üben. Vor allem mit dem Nicht-Denken spricht er zweifellos die Zazen-Praxis an. Außerdem sei die Verbindung vom Meister zum Schüler, der später eventuell selbst Meister wird, von fundamentaler Wichtigkeit, und Dōgen spricht davon, dass bei dieser Verbindung „der Geist durch den Geist lernt“. Der Geist des zukünftigen Meisters wird von dem des vorherigen im direkten ganzheitlichen Kontakt als Lernprozess erfasst und dreht damit das Dharma-Rad.


Dōgens umfassende Vorstellung vom Geist und von der Einheit mit der konkreten Wirklichkeit wird darin deutlich, dass er Berge, Flüsse, die große Erde, Sonne und Mond einbezieht und erklärt, dass sich dies alles je im gegenwärtigen Augenblick realisiert. Er übersteigt dabei die materielle Sichtweise der äußeren Form und auch die Begriffe wie „Berg“ oder „Fluss“. Daher sind Maßangaben und Bezeichnungen wie „innen“ oder „außen“, „groß“ oder „klein“ und dergleichen ebenfalls ungeeignet, um diese Einheit von Geist und konkreter Wirklichkeit zu erfassen.

Donnerstag, 13. November 2014

Leben-und-Tod als Kopf und Schwanz


Dōgen formuliert kurz und prägnant zu unserem Leben hier und jetzt: Es geht ganz einfach um Kommen-und-Gehen in der Praxis, und das ist genau Leben-und-Tod.

„Mit Leben-und-Tod als Kopf und Schwanz kann der wirkliche menschliche Körper einen Salto machen und das Gehirn umwenden. (Das ist der wahre) menschliche Körper, der das ganze Universum in den zehn Richtungen ist.“

Das Denken und der Geist können jäh geändert und gedreht werden, meint Dōgen, wenn die Bodhi-Wahrheit anwesend ist. Wir sind tatsächlich fähig, in unserem Leben einen plötzlichen Salto zu springen, wenn dies erforderlich ist, weil wir dazu auf dem Buddha-Weg die Freiheit gewonnen haben. Wir dürfen nicht den Fehler machen, nur zu denken, dass unser wirklicher menschlicher Körper ganz konkret im Hier und Jetzt handeln würde. Es geht um die Wirklichkeit jenseits des linearen Denkens. Wie die Gehirnforschung heute nachgewiesen hat: nur in einem sehr kleinen Teil unseres Neuronalen Netzes läuft das lineare sog. logische Denken, aber unsere Weisheit und Praxis gehen weit darüber hinaus; und sie sind gut trainierbar.

Der Bezug zum Universum darf genauso wenig dazu führen, dass wir nur diffusen abstrakten Ideen vom Weltall und Universum nachhängen. Dōgen unterstreicht, dass der zitierte Salto und das „Drehen des Gehirns“ genauso konkret sind wie die Größe einer Münze und das Innere eines Atoms. Schwierige Lebensprobleme, die manchmal im Zen als tausend Fuß hohe Mauer bezeichnet werden, sind oft gar nicht so unüberwindlich, wie sie zunächst erscheinen, wenn sie in der Wirklichkeit des Gleichgewichts von Körper-und-Geist tatkräftig behoben werden.

Dann seien sie keine hohen Mauern mehr, sondern würden zu einem Weg, der fast als eben und flach bezeichnet werden könne. Wir sollten die wirklichen Situationen und Zusammenhänge und die wirklichen Eigenschaften der Dinge und Phänomene in der Einheit von Körper-und-Geist genau untersuchen, denn das ist der Weg, die Wahrheit zu erlernen.

In seiner typischen Weise sagt Dōgen schließlich:

„Die Knochen und das Mark des Nicht-Denkens und des nicht Nicht-Denkens existieren (wirklich). Nur wenn wir uns der Idee einer Wirklichkeit, die nur im Gehirn beheimatet ist, entschieden widersetzen, lernen wir die Wahrheit.“

Das sei für alle Dimensionen des Geistes besonders wichtig.


Mittwoch, 5. November 2014

Das Leben hängt nicht vom Tod ab


Der "Tod" alter Zustände, Vorurteile, Abwertungen und alter Fesseln führt laut Dōgen zu einem besseren Leben, zu einem Neuanfang. Dadurch treffen wir das wahre Leben, bevor uns der Tod ereilt:

Das Leben hindert nicht den Tod, und der Tod hindert nicht das Leben.“

Es ist also sinnlos, den Tod zu verdrängen, denn dadurch wird man die Bedrohung durch das eigene Ende nicht los. Wer sich aber permanent panischen Todesgedanken ausliefert, verpasst das Leben genauso. Wenn wir leben, sollten wir das umfassend tun, aktiv handeln und uns ganz dem Augenblick öffnen.

Dōgen unterstreicht, dass gewöhnliche Menschen, welche die buddhistische Wahrheit nicht erlangt haben, weder das Leben noch den Tod wirklich kennen. Der Tod sollte natürlich in das Leben integriert werden. Aber das Leben hängt nicht vom Tod ab und sollte durch das Leben selbst gesteuert werden. In diesem Sinne sagte auch Zen-Meister Engo Kokugon, der etwa 130 Jahre vor Dōgen lebte:

„Das Leben ist die Verwirklichung aller (seiner) Aufgaben und Funktionen.
Der Tod ist die Verwirklichung aller (seiner) Aufgaben und Funktionen.
Sie erfüllen den ganzen Raum.
Der reine, bloße Geist ist immer Augenblick für Augenblick.“[i]

Dōgen fordert uns auf, diese Zeilen sorgfältig zu bedenken und zu analysieren. Sie erscheinen zunächst recht unverständlich und der Vernunft nicht zugänglich. Was bedeuten sie? Die ersten beiden Zeilen sollen die Wirklichkeit von Leben und Tod ungeschminkt, aber auch ohne Panik beschreiben.

Die Funktionen und Aufgaben unseres Lebens sind von unserer Verantwortung und der Ethik des Handelns mit und für andere nicht zu trennen. Esoterische Isolation vom täglichen Leben und der Rückzug in Nischen falsch verstandener Spiritualität und weltfremder Philosophien sind gefährliche Sackgassen im Leben. Sie besitzen keine Dynamik, nur sehr begrenzte Kreativität und führen leicht zum Vertrocknen des Körper-und-Geistes. Aber wir sollen uns auch nicht von der Angst vor dem körperlichen Tod einengen lassen.

Als Tod verstehe ich hier nicht nur den physischen Tod, sondern vor allem das Ende von Täuschungen und den Neuanfang nach Irrtümern und Fehlern. Das ergibt die Voraussetzung für einen Neubeginn, denn nach Shunryu Suzuki ist Zen-Geist genau Anfänger-Geist. Um neu anzufangen, muss man etwas Falsches beenden, das Falsche muss also vertrocknen und sterben.

Wer starr an seinem eigenen Käfig festhält, kann sich nicht entwickeln und nicht den schwierigen aber erfüllenden Weg zur Freiheit finden. Das Universum befindet sich in einem dynamischen Gleichgewicht, und auch unser Leben sollte in einem solchen dynamischen Gleichgewicht ablaufen.

Der zitierte Raum hat im Zen-Buddhismus verschiedene Bedeutungen, die vielfältige Lebensdimensionen wiedergeben. Er ist nach der alten indischen Lehre ein materielles Element, wird aber auch häufig als Symbol für das Gleichgewicht, die Befreiung und sogar die Leerheit verwendet. Er steht damit auch für die Zazen-Praxis, bei der die Gedanken und Emotionen sich auflösen und wir häufig ein umfassendes, intuitives Raumgefühl erleben:

"Zazen ist Nicht-Denken.“[ii]

In der letzten Zeile steht der einfache, ungekünstelte Geist im Mittelpunkt, der auch als nackt und bloß bezeichnet werden kann und sich jäh im Augenblick verwirklicht.





[i] Kap. 41, ZEN Schatzkammer, B. 2, S. 143 ff.: „Das Universum ist dynamisches Handeln (Zenki)
[ii] Nishijima, G. W.; Seggelke, Yudo J.: Die Kraft der ZEN-Meditation. Im Auge des Zen, Bd. 4, S. 36 ff.

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Gleichgewicht im Handeln: Schritte vorwärts und rückwärts


 „Indem wir fortfahren, Augenblick für Augenblick den (bisherigen) Körper aufzugeben und den (wahren) Körper zu empfangen, ist es der gegenwärtige Zustand, die Wahrheit durch Schritte vorwärts und Schritte rückwärts zu lernen.“

Diese Formulierung mit den vorwärts und rückwärts gerichteten Schritten wird im Shōbōgenzō häufig verwendet, um das Handeln näher zu charakterisieren. Die Schritte vorwärts bezeichnen ein aktives, vorwärts gerichtetes Handeln, während die Schritte rückwärts bedeuten, etwas Sinnvolles geschehen zu lassen oder sogar einige Schritte zurückzutreten und der gesamten Situation die Freiheit zu geben, sich harmonisch und natürlich zu entwickeln.

Eine dauernd vorwärts drängende Hektik kann niemals zu einem ausgeglichenen Leben für sich selbst oder für andere führen. Es mag Phasen geben, wo eine solche drängende, konzentrierte Kraftanstrengung notwendig und sinnvoll ist, um eine Hürde zu überwinden oder in einen ganz neuen Lebens-Zustand zu gelangen. Aber dann sollte man wieder einen Schritt zurücktreten, das Ganze genau beobachten, um nicht zu sagen darüber meditieren, um keinen unnötigen Zwang auf die gesamte Situation auszuüben.

Die neue Situation ist dann die Ausgangslage für das weitere Vorgehen, das einer konkretisierten Analyse bedarf, die vorher gar nicht möglich war. Erst dadurch ergibt sich die nötige Offenheit: Zen-Geist ist Anfängergeist.[i] Andauernder Aktivismus erzielt oft eine schlechte Wirkung und kostet viel unnötige Kraft. Wer sich ohne Gleichgewicht verausgabt, landet im Burnout.

Dōgen verwendet für die Ruhe und das Gleichgewicht gern Wendungen aus bekannten Kōan-Geschichten des Zen, zum Beispiel: „ein polierter Ziegel“, ein Baum mit „verwelkten Blättern“ der falschen gierigen Emotionen oder die „tote Asche“ des Egoismus. Das sind Bereiche, die auf dem Weg der Zen-Praxis verwelken  und vergehen. Es geht um positive Eigenschaften der ausgeglichenen Zazen-Praxis, die aus ihr entstehen, und keineswegs um Askese, die alles Lebendige abtötet und die Menschen zu gefühllosen Baumstümpfen werden lässt. Wenn der Körper abstirbt, stirbt auch der Geist und mit ihm unsere menschliche Kreativität. Denn Lebensfreude und Kreativität sind ein "Geschwister-Paar".

Es geht darum, den Mittleren Weg zu gehen und überschießende Extreme zu vermeiden. Der Mittlere Weg führt aus der Abhängigkeit und Mittelmäßigkeit zur Selbstbestimmung. Das Streben nach der Wahrheit und die meditative Praxis sollten ohne Unterbrechungen und kontinuierlich durchgeführt werden. Wenn wir einmal nachlässig waren bei der Praxis oder im täglichen Handeln, sollten wir möglichst schnell wieder zum guten Rhythmus zurückkehren.

Das Leben im Zen ist zunächst keine bequeme Angelegenheit. Aber der wahre Zen es ist auch nicht rau, trostlos und ärmlich, wie Außenstehende manchmal behaupten; das ist blanker Unsinn:

„(Unser) Leben ist eine Anstrengung, aber wir sind gleichzeitig keine armen Gestalten. Vergleicht uns nicht mit Begriffen wie Täuschung oder gut und böse. Geht nicht in die Falle der Bereiche von falsch und richtig oder wahr und unwahr.“

Dōgen fügt weitere Kōan-Formulierungen hinzu: Wahres „Leben-und-Sterben, Gehen-und-Kommen sind der wirkliche menschliche Körper.“ Das fortlaufende, ziellose Wandern im Leben der gewöhnlichen Menschen, welche die Bodhi-Wahrheit nicht anstreben und erlangen, ist etwas anderes als das nur scheinbar ziellose Leben der praktizierenden Buddhisten. Denn es geht nicht um materielle Ziele, um Ansehen oder äußerer Ruhm. Besser ist Handeln im Gleichgewicht.

Dōgen bezeichnet diesen Unterschied als „zwei der sieben Arten von Leben-und-Tod“ und meint damit das eingeengte Leben gewöhnlicher Menschen, die nur zwei verschiedene Lebensweisen kennen, zum Beispiel Unterscheidung und Veränderung im Äußeren. Im Gegensatz dazu haben praktizierende Buddhisten zusätzliche Varianten, Möglichkeiten und Freiheiten, die hier mit den „sieben Arten“ symbolisiert werden.[ii] Wenn wir die vielfältigen Arten zu leben vollkommen verwirklichen, brauchen wir uns nicht zu fürchten und keine Ängste für die Zukunft zu haben. Wer in seinem jetzigen Leben alte Zustände und Fesseln abgelegt hat, ist damit schon eines Todes seines früheren negativen Lebens gestorben.



[i] vgl. Suzuki, Shunryu: Zen-Geist, Anfänger-Geist
[ii] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 255, Fußnote 65

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Wir sind im Gleichgewicht, wenn der Weg des Buddha gegangen wird


Im Zustand des Gleichgewichts sehen wir also alles ganz klar und realisieren, dass der menschliche Körper nach der Überwindung der Dualität das Ganze der zehn Richtungen ist. Dabei sei es von geringer Bedeutung, dass der menschliche Körper „durch sich selbst und andere begrenzt ist.“[i] Das heißt nichts anderes, als dass der menschliche Körper zu einem konkreten Menschen gehört und in Wechselwirkung mit anderen Menschen und Situationen steht.

Diese Aussage unterstreicht, dass das Leben im Gleichgewicht ist und das ganze Universum der zehn Richtungen ebenfalls balanciert ist. Zum menschlichen Körper gehören nach buddhistischer Vorstellung die vier materiellen Elemente und die fünf Komponenten des Menschen (skandas). Auch sie sind im Gleichgewicht, wenn der Weg des Buddha gegangen wird. Das Gleichgewicht ist nicht nur eine Angelegenheit des Gehirns oder der Psyche: So ist zum Beispiel die Körperhaltung bei der Zen-Meditation von zentraler Bedeutung.[ii]

Die intellektuellen Fähigkeiten sind im Gegensatz zum umfassenden Körper-und-Geist sehr begrenzt:

Weder die großen Elemente noch die kleinsten Partikel können von den gewöhnlichen Menschen vollständig erkannt werden, aber sie werden in der Erfahrung durch die Heiligen (mit Körper-und-Geist) gemeistert.“

Wer also nicht die im Buddhismus gelehrte Wahrheit und Freiheit erlangt hat, besitzt zwangsläufig nur ein eingeengtes Bewusstsein sowie ein eingeengtes Wahrnehmungsvermögen. Auch die Konzentrationsfähigkeit wird durch die regelmäßige Zazen-Praxis ganz wesentlich verbessert. Ich habe das selbst bei der Entwicklung neuartiger und komplexer Informatiksysteme erfahren.

Es geht also bei der Zen-Praxis nicht um einen Ausstieg aus dem Alltag, um für eine begrenzte Zeit die Wohltaten einer esoterischen, „rein geistigen“ Meditation zu genießen und dann wieder in den alten Stress, die alten Einengungen und Fixierungen zurückzufallen. Der Zen-Buddhismus ist aus meiner Sicht gerade besonders dafür geeignet, das Leben in allen Dimensionen des Körpers und Geistes zu verbessern. Ein elitärer Geist, der sich von allem Körperlichen und Materiellen abgelöst hat und in höheren Sphären schwebt, ist wenig hilfreich.

Auf dieser Basis (ist das ganze Universum) aufgebaut, und dieser Aufbau ist auf dieser Basis verwirklicht.“


Durch das Erlangen der umfassenden Wahrheit bekommt man also sowohl ein umfassendes intuitives Verständnis der Einheit der Welt, die immer aus Körper und Geist als Einheit besteht, als auch die Präzision und Klarheit für das Detail, für die Dinge und Phänomene. Nicht zuletzt sind solche erwachten Menschen durch abstrakte Ideologien kaum zu beeinflussen, und sie laufen keinen charismatischen Verführern nach, die manchmal sogar kriminelle Energie besitzen.

Eine Gehirnwäsche zum Beispiel ist bei solchen Menschen völlig wirkungslos, weil sie den gesagten oder geschriebenen Worten nur begrenzt vertrauen. Außerdem besitzen sie ein präzises Beobachtungsvermögen sowie Kombinationsintelligenz und erkennen, ob zum Beispiel das wirkliche Handeln mit den rhetorisch schön formulierten Zielen übereinstimmt.






[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 254, Fußnote 57
[ii] vgl. hierzu: Nishijima, G. W. und Seggelke, Y. J.: Die Kraft der ZEN-Meditation. Im Auge des Zen, Bd. 4

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Sind wir von Natur aus Buddha, auch ohne Praxis ?



Dōgen kritisiert in aller Klarheit die Ideologie, dass wir uns nicht anstrengen müssten, da wir ja schon von Natur aus Buddha, also erwacht und erleuchtet seien. Er zitiert dazu den großen Meister Hyakujo, der das Anhaften an dieser oberflächlichen und falschen Lehre als besonders verhängnisvoll bezeichnet. Er selbst hat, wie die Überlieferung berichtet, intensiv und ausdauernd praktiziert und sich auf diese Weise von seinen eigenen Fesseln und seinem eigenen Käfig befreit.

Er bezeichnet die Naturalisten, die aus einer Sicht nicht dem Buddhismus angehörten, schlicht als Müßiggänger. Im Gegensatz dazu habe Hyakujo durch seine intensive Praxis große Verdienste und Tugenden beim Lernen der Wahrheit zum Beispiel für seine Nachfolger erworben. Er sei dadurch in „die Freiheit gesprungen“, wie sich Dōgen ausdrückt. Er bewundert die große Anstrengung und den hohen körperlichen Einsatz von Meister Hyakujo auf dem Weg, die Bodhi-Wahrheit zu erlernen. Seinen Aussagen könne man unbedingt vertrauen.

Solche zielstrebigen und ausdauernden Menschen vergleicht Dōgen mit dem für uns vielleicht etwas eigenartig wirkenden Bild, dass sie wie Kletterpflanzen seien, zum Beispiel Glyzinien, die an einem Baum hochranken. Ich interpretiere das so, dass der Buddha-Dharma einem festen Baum gleicht, der uns Halt gibt, sodass wir zum Licht wachsen und wie die Glyzinie Blütentrauben bilden können.

Dann stellt Dōgen eine Verbindung zum handelnden Bodhisattva und zu berühmten Passagen des Lotos-Sūtra her:
„Manchmal manifestieren (Menschen wie Hyakujo) einen (bestimmten) Körper, um andere zu retten und sie den Dharma zu lehren, und manchmal manifestieren sie (gerade) einen anderen Körper, um (diese Menschen) zu retten und den Dharma zu lehren.“

Er spricht damit das Bodhisattva-Ideal an, das beinhaltet, dass man sich jeweils in der Form oder wie es im Lotos-Sūtra heißt mit dem Körper manifestiert, der für die anderen Menschen jeweils der beste und geeignete ist, um helfen zu können. So hat es zum Beispiel wenig Sinn, einem armen Menschen Lebensmut geben zu wollen, damit er mit seiner Armut fertig wird, wenn man selbst erkennbar reich ist, teure Kleidung trägt oder mit einem Luxusauto vorfährt. Wer anderen Wasser predigt und selbst teuren Wein trinkt, besitzt nur eine geringe Überzeugungskraft, wenn er direkt mit den anderen Menschen zusammenkommt. Daran sollten sich auch unsere christlichen Kirchen halten, deren "Oberschicht" nicht selten dem Luxus frönten. Daher sei es auch sinnvoll, eine bestimmte Form, die dem anderen nicht helfen könnte, gerade nicht zu offenbaren.

Dōgen vertieft dann die körperlich-konkrete Seite des wahren Lernens, das nicht abgehoben in der Studierstube oder in esoterischen Sondersituationen erfolgen kann. Es geht in den konkreten zehn Himmelsrichtungen vor sich, also in den geografischen Dimensionen dieser Welt. Sie bezeichnen die gesamte umfassende Welt und das ganze Universum. Mit diesen konkreten Angaben soll verhindert werden, dass wir in abstrakte, nebulöse Vorstellungen zum Geist abgleiten. In Bezug auf die Sein-Zeit sagt Dōgen zu den Himmelsrichtungen:

„Wir sollten den Augenblick (so) denken, dass seine Vorderseite und Rückseite sowie Länge und Breite vollkommen das Ganze sind.“

Das heißt, dass auch die Lebensphilosophie des Augenblicks ganz konkret und direkt in den zehn Himmelsrichtungen verwirklicht werden muss; theoretische, modellartige Annahmen, zum Beispiel dass die Augenblicke wie Perlen auf einer Kette zu verstehen seien, sollte man vermeiden.


Dienstag, 30. September 2014

Der „normale“ Geist und der Körper


Normaler Geist
Dōgen behandelt eingehend den sogenannten „normalen Geist“; damit meint er einen im Gleichgewicht befindlichen natürlichen Geist. Der Begriff „normal“ darf hier also keineswegs so verstanden werden, dass es sich um den gewöhnlichen Geist der Menschen handelt, die nicht zur Bodhi-Wahrheit gelangt sind und in den üblichen Denkmustern und Vorurteilen ihrer jeweiligen Zeit und Kultur fixiert sind.

Nishijima und Cross erklären dazu:
Mit anderen Worten ist das Normale der augenblickliche Zustand des natürlichen Tuns und Handelns, gerade auch in einer bestimmten Verantwortung des Alltags.“

Das ist ebenfalls eine ganz typische Aussage des Zen-Buddhismus, der fordert, dass der Wahrheitsgeist nicht nur von einsamen Heiligen und hinter Klostermauern wirksam ist, sondern auch und gerade im ganz normalen täglichen Leben und Handeln. Dies wird durch die Fokussierung auf den gegenwärtigen Augenblick und damit auf das unmittelbare Erfahren in der Praxis ermöglicht.

Für den normalen Geist gilt nämlich die Feststellung: „Die Worte sind im Gleichgewicht, der Geist ist im Gleichgewicht, und der Dharma ist im Gleichgewicht.“ Es mag durchaus sein, dass die meisten Menschen wenig vertraut sind mit der Bedeutung der Formulierung „Worte im Gleichgewicht“, dem Geist und der Dharma-Wahrheit. Dōgen erklärt dazu Folgendes:
„Der ganze Himmel und die ganze Erde der Gegenwart sind wie eine Sprache, die ungewohnt ist, wie eine Stimme, die aus dem Grund der Erde hervorkommt.“

Er fährt fort, dass ein solches Gleichgewicht maßgeblich für das Kommen und Gehen im Augenblick unseres Lebens ist und dass wir oft von großer Ignoranz gegenüber dem „höchsten Körper“ der Verwirklichung des gegenwärtigen Lebens auf der Erde sind.

Obgleich wir unwissend sind, versichert Dōgen, würden wir gewiss Fortschritte auf dem Bodhi-Weg machen, wenn wir diesen „normalen Geist“ erwecken. Es besteht überhaupt kein Zweifel, dass dieser Weg gegenwärtig ist, und selbst wenn wir hin und wieder Zweifel haben, schreiten wir mit der Buddha-Wahrheit voran, wenn wir einmal den klaren Entschluss dazu gefasst haben.
Mit diesen Aussagen schließt Dōgen das Erlernen der Bodhi-Wahrheit durch den Geist ab und wendet sich dem Körper zu.

Das Erlernen mit dem Körper
Ohne den Körper ist das Lernen der Wahrheit unmöglich. Dabei geht es Dōgen ganz konkret um unseren Körper aus Fleisch und Blut, der ja eine Einheit mit dem Geist bildet. Er zitiert hierzu Meister Chosa Keishin, der im 9. Jahrhundert lebte: „Das ganze Universum der zehn Himmelsrichtungen ist genau der wirkliche menschliche Körper.“ Meister Engo Kokugon formulierte in gleichem Sinne:

„Leben-und-Sterben, Gehen-und-Kommen sind der wirkliche menschliche Körper.“

Wir handeln immer ganz wesentlich mit dem Körper, zum Beispiel um Unrechtes zu vermeiden, die Gelöbnisse einzuhalten und die Zuflucht zu den drei Kostbarkeiten Buddha, Dharma und Sangha zu nehmen. Eine nur materialistische Sicht des Körpers führt hier in die Irre, insbesondere wenn sie ohne jede ethische Bindung verstanden wird.

Dōgen bezeichnet diese Sichtweise als naturalistisches Weltbild und betont den fundamentalen Unterschied zum Natürlichen im Buddhismus, der immer im Einklang mit den Gesetzen des Universums, des Lebens und des Ethos ist. Wie er bei den 108 Toren zur Erleuchtung[i] sagt, gehören die vier himmlischen Verweilungen – also die liebevolle Zuwendung, das Mitgefühl, die Mitfreude und der Gleichmut – unauflösbar zum Buddhismus und offenbaren den großen Gegensatz zum materialistischen und naturalistischen Weltbild.






[i] Shobogenzo, deutsche Fassung, Bd. 3, S. 311 ff.