Samstag, 17. November 2018

Der Drechsler: Gleichnis gegen Stress und Angst



Die fundamentale Bedeutung der Achtsamkeit erläutert Buddha neben der Meditation  durch der Arbeit eines Handwerkers, eines Drechslers.[i] Dabei ist wichtig, dass das Handeln des Drechslers eine ganz praktische und von ihm häufig ausgeführte Tätigkeit ist und er nicht in der Abgeschiedenheit eines Klosters arbeitet. Hier zeigt sich eine enge Verbindung zum Zen-Buddhismus, der das praktische Alltagshandeln zum Beispiel bei Handwerkern im Hier und Jetzt bei Klarheit und sozialer Verantwortung in den Mittelpunkt stellt.

So erklärte ein berühmter Zen-Meister: „Erleuchtung ist Feuerholz tragen und Wasser schöpfen.“ Eine andere Formulierung mit ähnlicher Bedeutung lautet: „Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen.“ Diese Aussage wird einem alten Meister zugeschrieben, dem die Mönche im Kloster die Werkzeuge für die Arbeit auf dem Feld und im Garten weggenommen hatten, weil sie meinten, er sei zu gebrechlich, um noch arbeiten zu können.

Der Meister hat daraufhin abgelehnt zu essen, ist also in den Hungerstreik getreten, um klarzumachen, dass er nicht bereit war weiterzuleben, ohne seinen Anteil an der im Kloster anfallenden Arbeit beizutragen. So musste man ihm sein Werkzeug zurückgeben. Gewiss konnte er nicht mehr so viel leisten wie die jungen kräftigen Mönche. Aber ist das wichtig?

Zurück zum Gleichnis vom Drechsler, in dem Buddha sagt:
„Gleich wie ihr Mönche ein geschickter Drechsler oder Drechslergeselle, wenn er lang anzieht, erkennt: ‚ich ziehe lang an‘, wenn er kurz anzieht: ‚ich ziehe kurz an‘."

In der gleichen Weise solle man in der Meditation beim Atmen vorgehen und bewusst und klar beobachten. Das Handeln steht dabei im Vordergrund, und der Geist, die Beobachtung, läuft gewissermaßen mit; dadurch wird das Handeln selbst bewusst und Geistes-klar. Handeln und Geist befinden sich in einer harmonischen Wechselwirkung und sind nicht voneinander zu trennen. Dadurch entstehen wahre Glücksgefühle. Das ist der Flow!


Es ist nicht davon die Rede, dass der Wille und das Bewusstsein allein steuern. Das gilt auch für den Drechsler, der selbstverständlich eine gründliche Ausbildung durchlaufen haben muss, um seine Arbeit präzise ausführen zu können. Wenn er unachtsam ist, kann er sich schwer verletzen! Es geht darum, sein Handwerk durch gründliche und andauernde Übung so weit zu vervollkommnen, dass die Feinkoordinierung mit offenem, achtsamem Geist ohne Schwierigkeiten, Ungenauigkeiten und mit innerer Befriedigung erfolgt. Der Geist ist dabei weder ein Störfaktor, noch ist er umgekehrt durch Ehrgeiz, Ängste, Doktrinen oder Ich-Zentriertheit in der Konzentration beeinträchtigt: Der Geist "fühlt sich wohl".

Buddha spricht sogar von unbewussten Bereichen des Geistes, die für ein sinnvolles und erfülltes Leben zusammen mit der Achtsamkeit wichtig sind. Dies leuchtet beim Drechsler sofort ein: Die meisten seiner feinmotorischen Steuerungen laufen unbewusst ab und haben sich im Lauf des Übungsweges im neuronalen Netz immer feiner ausgebildet. Oder buddhistisch ausgedrückt: Alle fünf Komponenten des Menschen (skandhas) sind aktiv und miteinander harmonisch vernetzt.

Das Wichtige ist also die gute Wechselwirkung von bewusster Achtsamkeit und unbewussten Steuerungen sowie erlernter Fähigkeiten. Wie wir aus der Gehirnforschung wissen, werden dabei die speziellen Teilsysteme immer weiter trainiert und verfeinert. Und wer ganz bei seinem Tun weilt, empfindet eine tiefe, fast unerklärliche Freude, er ist zur Ruhe gekommen: Ruhe im Flow der bewussten Bewegung: Angst und Stress sind verschwunden.




[i] Gäng, Peter, Hrsg. Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 19 f.

Freitag, 2. November 2018

Wahrer Lebens-Entwurf: Kernpunkte des Buddhismus


Retreat in Schleswig-Holstein



Das kürzliche Retreat Im Blockhaus von Kükelühn, nicht weit von der Ostsee, haben wir nach dem Muster meines Lehrers, Nishijima Roshi, durchgeführt: Insgesamt sechs Zazen-Sitzperioden, auch mit Kinhin-Meditation. Für den Geist habe ich mehrere buddhistische Beiträge zu meinem Buch "Sternstunden des Buddhismus" gegeben, Themen: Authentische Buddha-Worte, Kraft des Mittleren Weges mit Leerheit und ZEN.

Bei den authentischen Buddha-Texten ging es um die Fünf Hemmnisse auf dem Weg der Befreiung, z. B. Aufgeregtheit und Unruhe, Trägsein und Übelwollen. Dagegen setzt Buddha die Sieben Faktoren der Erleuchtung, also Achtsamkeit, Freude, Energie, Gleichmut, Genauigkeit usw.. Daraus wird mehr als deutlich, dass Buddha nicht gelehrt hat, dass alles Leid sei; das ist schlicht ein Übersetzungsfehler. Buddhismus ist ein Lebensentwurf der Freude, Energie und Entwicklung. Angst macht dumm, Freude macht klug und kreativ.

Denn es heißt beim Buddha zwar: "Dies ist das Leiden" aber gerade nicht "Alles ist Leiden". Dann zählt er die wichtigsten Bereiche des Leidens und der Plagen auf, wie Krankheit, Altern, Kummer, Jammer, Gram, Verzweiflung usw. auf. Also ist der Buddhaweg der Befreiung vor allem Freude, Energie und Meditation. Im Achtfachen Pfad werden dann die verschiedenen Lebensbereiche für die Verwirklichung im Einzelnen aufgezählt.

Der Mittlere Weg Nagarjunas warnt eindringlich vor den Extremen von Ideologien, Fake-News und absolutistischen Verdrehungen, Verfälschungen usw.. Die Wirklichkeit wird ganz modern als Vernetzungen in der Welt und beim Menschen herausgearbeitet: "Gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung" und wie wir Stress, Leid, Angst und Einsamkeit zur Ruhe kommen lassen. Diese natürliche reale Wechselwirkung ohne Ideologien, Doktrinen, Verfälschungen und Vorurteilen nennt Nagarjuna die Leerheit

Welches sind nun die wichtigsten verfälschenden Doktrinen? Antwort: Dass die Dinge und Phänomene (Dharmas) eine unveränderliche Eigen-Substanz haben und dass der Mensch ein unveränderliches ewiges âtman-Selbst hat. Dann könnten wir dem Leiden nicht entkommen und wir könnten Freude und Gleichmut nicht entwickeln.

Da es diverse illusorische und verfälschte Aussagen zur authentischen Erleuchtung gibt, hier deren vollständige und erschöpfende Gliederung:
- Achtsamkeit
- Unterscheidung
- Energie
- Freude
- Gestilltheit
- Sammlung und Meditation
- Gleichmut

Die Erleuchtung oder Befreiung wird auf dem Achtfachen Pfad Buddhas geübt und praktiziert. Das ist als Ganzes das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung (pratitya samutpada), und zwar ohne Doktrinen, Vorurteile und Ideologien.

Und welches sind die Kernaussagen des ZEN? In der Meditation Körper und Geist und deren Fixierungen fallen lassen. Und im Alltag: "Erleuchtung ist Feuerholz-Tragen und Wasser-Schöpfen". Im Hier und Jetzt können wir also Befreiung erlangen, dieses Hier und Jetzt ist so das wahre Nirvana.

Das ist nach meiner festen Überzeugung ein sehr wirkungsvoller Lebens-Entwurf der heutigen Zeit zur Überwindung von Stress, Angst, Leiden und Einsamkeit!


Und was sagt Buddha: "Unabhängig lebt er und haftet an nichts in der Welt"

Montag, 29. Oktober 2018

Dokumentation Buddhismus und La Gomera: Spendenaufruf

Mein Freund, der Filmemacher Ronald Urbanczyk, bat mich, einen Beitrag zum Buddhismus für seine Doku von La Gomera einzubringen. Dem bin ich gerne nachgekommen: Die seit langem bewährten Lebenshilfen Buddhas sind aktueller und wirkungsvoller den je, um gerade Stress und Vereinsamung in unserer Industriegesellschaft zu überwinden.

Ronald wollte sich nicht von Auftraggebern abhängig machen und drehte den Film daher in eigener Verantwortung und Finanzierung. Bitte unterstützt hiermit sein gutes Projekt:

Link:

Mit Dank
Yudo

Sonntag, 21. Oktober 2018

Stress, Angst und Buddhismus


(Aus meinem neuen Buch "Sternstunden des Buddhismus")

Buddha sagt bei den Fünf Hemmnisses der Befreiung und des Erwachens zum Stress und der damit verbundenen Angst Aufgeregtheit und Unruhe.
Stress und Angst sind neben der Einsamkeit die Haupt-Leiden der modernen Welt und die häufigsten Ursachen für Krankheit. Denn sie schwächen unser Immunsystem ganz entscheident.

Die hektische Betriebsamkeit ohne Rast und Ruh ist also ein typisches Merkmal der postindustriellen Gesellschaft. Oft ist sie mit materieller Gier gepaart und führt letztlich zu ineffizientem Handeln, sodass der Zeit- und Energieaufwand höher ist als bei einer Vorgehensweise, die auf Ausgeglichenheit und Übersicht basiert. Wenn wichtige Entscheidungen in einem Zustand der Aufgeregtheit und Unruhe gefasst werden, ist der Prozentsatz an Fehlentscheidungen hoch, die wiederum zu erhöhtem Aufwand führen, weil sie korrigiert werden müssen. Wer dagegen im Zustand des inneren und äußeren Gleichgewichts und mit guter Übersicht auch in schwierigen Situationen sich selbst und die gegebene Situation beobachten kann, wird schnell und sogar intuitiv die richtigen Entscheidungen fällen können. Diese Kräfte entwickeln wir im ZEN-Buddhismus. Hierbei ist es von großer Bedeutung, sich selbst klar zu analysieren und Defizite mutig zu erkennen, um vorhandene Hektik und Stress abzubauen und in Zukunft zu vermeiden. Stress ist immer selbst gemacht, auch wenn er von außen erregt wird. Er kann auch selbst gesteuert werden.

Von großer Bedeutung im Buddhismus ist daher die meditative Vertiefung, die meistens als Sammlung bezeichnet wird. Buddha nennt sie bei den Sieben Gliedern der Erleuchtung und beim Achtfachen Pfad . Man kann diese Sammlung als Vollendung der acht Bereiche auf dem Weg der Befreiung ansehen. Sie ist das Gegenteil von Zerstreutheit und Fragmentierung der Gedanken und Gefühle, von Stress, Übelwollen und Kritiksucht. Das bedeutet zum Beispiel auch, dass oberflächliches Multitasking unserem natürlichen Geist grundsätzlich fremd ist, oder um es klarer auszudrücken, dass es von unserem Geist überhaupt nicht geleistet werden kann.

Der Gehirnforscher Manfred Spitzer formuliert es so: „Man kann nicht zwei Bücher gleichzeitig lesen.“[i] Es ist also eine Illusion, dass unser Geist in der Lage wäre, mehrere Bereiche gleichzeitig gründlich zu analysieren oder, wie es bei Buddha heißt, achtsam zu behandeln. Ähnliches gilt für die sozialen Netze: Wie kann man achtsam leben, wenn uns das Smartphone all sechs bis zehn Minuten unterbricht, denn das ist der gegenwärtige Durchschnittswert in Deutschland. Achtsamkeit und Multitasking schließen sich aus. Solche Netze sind Informations-Epidemien!

Ein weiters Glied des Erwachens ist die Gleichmut. Es handelt sich dabei um das Gleichgewicht unseres Gemüts und unseres Geistes, also unsere Gestimmtheit und unseren geistig-psychischen Zustand. Die wirkungsvolle Vorgehensweise gegen Stress und Angst besteht darin, dass wir die Achtsamkeit innen, außen und sowohl innen als auch außen vertiefen und üben. Gleiches gilt für das Entstehen und Vergehen von Gleichmut.

Und so heißt es bei Buddha: "Unabhängig lebt er und haftet an nichts"




[i] Spitzer, Manfred: Cyberkrank, S. 61

Sonntag, 30. September 2018

Geistiges Wachsen durch Achtsamkeit



Durch geistiges und spirituelles Wachsen erleben wir ganz individuell eigene Sternstunden des Lebens, so wie es uns Buddha und die großen buddhistischen Meister vorgemacht haben. In den Sternstunden des Buddhismus haben die genialen Menschen wie Budhha, Nagarjuna und Dogen eine ganz neue Philosophie der Entfaltung unseres wahren Selbst entwickelt. Von ihnen können wir gut lernen.

Denn sie erkannten, dass in den meisten Menschen viel mehr geistiges und spirituelles Potential steckt, als die Menschen vielleicht selbst ahnen. Sie können durch die Achtsamkeit wirklich wachsen: Geistig und spirituell größer und freier werden.

Ich möchte ein Beispiel geben für die körperliche Größe und das mögliche genetische Potential: In Japan sind die Menschen in den letzten 20 Jahren im Durchschnitt über 12 cm größer geworden. Wie kann man das erklären, da sich die Gene der Japaner in diesen 40 Jahren nicht verändert haben?

Ganz einfach: Sie konnten sich vorher nicht richtig ernähren, weil die dortigen verfügbaren Nahrungsmittel nicht ausreichten. Ihnen fehlten es durch die Mangelernährung an Calcium, daher blieben sie kleiner, als es genetisch eigentlich "vorgesehen" (Manfred Spitzer). Umgekehrt war die geistige und spirituelle "Ernährung" in Japan nicht zuletzt durch den Buddhismus besonders gut.

Bei uns im Westen ist es wohl umgekehrt: Wir haben eine ausreichende körperliche Ernährung. Aber wie steht es mit unsere geistigen und psychischen Ernährung? Nutzen wir wirklich unser eigenes psychisches Potential? Sind wir geistig vielleicht deutlich kleiner als wir sein könnten? "Ernähren" wir uns also geistig richtig: wohl kaum!

Die buddhistische Achtsamkeit, Meditation und das Bodhisattva-Handeln sind bewährte wirksame Mittel, um sich geistig und spirituell zügig weiter zu entwickeln. Sie sind die geistige Nahrung, die wir im Westen heute so dringend benötigen. Und diese geistige Entfaltung kann im ganzen Leben weitergehen, bis in das hohe Alter.

Dann entwickeln sich unsere eigenen Sternstunden. Das ist der Morgenstern, den Buddha zum ersten Mal mit seiner Erleuchtung klar und wirklich sehen konnte.

Unser wahres Selbst und unseren Geist können wir also viel besser "ernähren", als die meisten glauben. Denn die wahre Natur der Befreiung und des Erwachens führen zur Entfaltung eines gelungenen und erfüllten Lebens: Dann starten wir zu einem neuen Weg. Und er beginnt mit einem ersten realisierten Schritt. Das schafft Vertrauen zu uns selbst und für unsere weitere Entfaltung. Auf die Veränderung kommt es an.

Passiver Konsum minderwertiger Informationen macht uns einsam und depressiv. Wir sollten uns also geistig und psychisch gut ernähren und aktiv auswählen. Dabei hilft der Buddhismus in bewährter Weise. Das erkannte intuitiv bereits der Buddha:

Unser Lern-Zentrum der Entfaltung in unserem Gehirn ist gleichzeitig unser Glücks-Zentrum.
Das ist in der Neuro-Wissenschaft eindeutig nachgewiesen.