Mittwoch, 11. Mai 2016

Das Denken ist weniger leistungsfähig als wir glauben

(Nishijima Roshi)

In der Schule lernen wir nur die Philosophie einer Kultur kennen, die auf dem Denken und auf Ideen basiert. Dieser Standpunkt beruht auf dem Glauben, dass es möglich ist, alle Dinge zu verstehen und alle Probleme mit dem Verstand zu lösen. Mit einem solchen Ansatz können wir die Buddha-Natur jedoch niemals verwirklichen.

Viele Menschen reagieren allerdings sehr ablehnend angesichts der Behauptung, dass Probleme nicht allein durch Denken gelöst werden können, sondern dass wir praktisch handeln müssen. Aber ist das Denken wirklich so leistungsfähig für die Lösung unserer existenziellen und alltäglichen Probleme?

Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass die Menschen die denkerisch begabtesten Lebewesen sind, denn das menschliche Gehirn ist wesentlich größer als das Gehirn eines Affen. Wir haben mehr Gehirnzellen und Verschaltungen als alle unsere tierischen Verwandten. Dieser Umstand hat es der menschlichen Rasse erlaubt, sich selbst wegen der intellektuellen Fähigkeiten in die Nähe von Göttern zu positionieren. Tatsächlich ist dies auch die Position, in die die westliche Kultur den Menschen in der Abfolge der Entwicklungen auf der Erde einordnet. Für eine solche Perspektive ist es ganz natürlich, den Schluss zu ziehen, dass wir die Kraft haben, alles durch Denken zu verstehen.

Die Wissenschaft ist ein Kind der menschlichen Intelligenz, und die vielen innovativen Entwicklungen im Bereich der Wissenschaft haben uns große Vorteile gebracht, die in der Menschheitsentwicklung ohne Parallelen sind. Unser materieller Fortschritt ist so erstaunlich, dass wir fast selbstverständlich meinen und fühlen, es gebe nichts, was im Laufe der Zeit nicht intellektuell und wissenschaftlich verstanden werden könnte. Der Intellekt wird deshalb von vielen als das Höchste angesehen. Wenn wir allerdings unser tägliches Leben betrachten, können wir ganz klar sehen, dass wir uns darin selbst fundamental täuschen.

Das Leben funktioniert nicht auf diese Weise. Wir können in eine Buchhandlung gehen und werden mit Hunderten und Tausenden von Büchern zu allen möglichen Themen konfrontiert. Wenn wir eines kaufen, es mit nach Hause nehmen und lesen, wird aber schnell klar, dass es uns keine wirklich fundierten Antworten auf unsere Lebensprobleme geben kann.

Selbst wenn wir große Mengen von Informationen und Wissen ansammeln, sind wir überhaupt nicht in der Lage, dieses Wissen einfach oder gar vollständig in die Praxis unseres wirklichen Lebens umzusetzen. Es ist zu schwierig, ein Thema erschöpfend zu verstehen und ein Problem allein mit dem Verstand zu lösen.

Unsere Anstrengungen können sogar dazu führen, Dinge zu tun, die wir gerade vermeiden wollten. Wenn wir nur mit der Perfektion einer Idee leben und versuchen, unser Leben darauf aufzubauen, werden wir immer über die Ergebnisse unserer Anstrengungen enttäuscht sein. Dies ist die wirkliche Situation in der Welt.

Andere Menschen denken im Gegensatz dazu, dass es klüger wäre, sich mit einem Leben ohne jede Anstrengung zu arrangieren. Sie werfen Ideen, Ideale und Ziele weg, indem sie sich ohne eigenes Streben einfach der Situation anpassen und sich treiben lassen. Aber als Folge davon finden sie keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Auch das Vergnügen daran, zum Beispiel etwas Gutes zu essen und Geld für schöne Kleidung auszugeben, gibt uns nur vorübergehend ein gutes Gefühl. Selbst wenn wir reich werden und in großartigen Häusern leben, ist es sehr zweifelhaft, ob wir tatsächlich mit unserem Leben zufrieden sind.

Weder der Idealismus noch der Materialismus kann uns also wirklich befriedigen, die Buddha-Natur bleibt uns verschlossen.


Samstag, 30. April 2016

Buddhismus als wesentliches System in der Welt-Erfahrung

(Nishijima Roshi)


Ich möchte nun den Buddhismus vor dem Hintergrund der Entwicklung von Glaubenssystemen bis zum heutigen Tag genauer untersuchen. Im Mittelalter war der spirituelle Glauben vorherrschend; die Kraft des Materiellen war noch nicht in der Gesellschaft verankert: Die Zeit des Materialismus und der Natur-wissenschaften hatte noch nicht begonnen. Aber schon gegen Ende des 19. Jahr-hunderts fingen die Menschen an, ihr Vertrauen in die höchste Kraft des Materialismus zu verlieren, und dies führte zur gegenwärtigen Lage in der Welt, in der die Menschen aufrichtig nach alternativen Möglichkeiten für ihr Leben suchen.

Nach meiner festen Überzeugung ist in diesem Entwicklungsstrom unserer Geschichte und in der jetzigen Zeit der Buddhismus mit seiner Grundlage des klaren Handelns, auch und gerade in der Meditation, in ausgezeichneter Weise geeignet, ein ganz wesentliches System in der Welterfahrung zu werden. Er ist ein sehr praktisches philosophisches System, das alle anderen vereinen kann, ohne sie von sich selbst zu entfremden.

Dies ist meine Schlussfolgerung, nachdem ich viele Jahrzehnte lang das Shôbôgenzô studiert habe. Denn was Meister Dôgen über das Handeln aufgrund der Lehren Gautama Buddhas sagt, zeigt, dass die buddhistische Weise der Welterfahrung, die auf das Handeln zentriert ist, dazu bestimmt ist, eine zentrale Lebensphilosophie für die Welt zu werden.

An dem jetzigen Zeitpunkt der Entwicklung kann die Menschheit nicht länger an die mittelalterlichen spirituellen Systeme glauben und ebenso wenig die Vorherrschaft der Naturwissenschaft akzeptieren, wenn es um die dringenden Antworten geht. Die Menschen suchen nach etwas, das weder erlernter Glauben noch materialistische Naivität ist und auf das sie sich wirklich in ihrem Leben verlassen können. In dieser Situation kann der Buddhismus den Menschen das geben, was sie dringend suchen.

Aber was bedeutet menschliches Handeln genau? Diese Frage ist von zentraler Bedeutung. Im Shôbôgenzô findet man viele Erklärungen über die wahre Natur des Handelns, zum Beispiel im Kapitel Shoaku Makusa oder „Erzeugt nichts Falsches“[i]: Ein berühmter chinesischer Dichter, Haku-Raku-Tem (Künstlername Haku Kyo-i), unterhielt sich mit seinem Meister Choka Dorin. Haku-Raku-Tem war auch als Politiker bekannt und ein begeisterter Schüler des Buddhismus.

Als er für verschiedene Distrikte in China zum Gouverneur ernannt worden war, wurde er Schüler von Meister Choka Dorin. Eines Tages fragte er seinen Meister: „Was ist die große Absicht des Buddha-Dharma?“ Meister Choka antwortete: „Nichts Falsches zu begehen. Die vielen Arten des Rechten zu praktizieren.“ Haku-Raku-Tem hatte wohl gehofft, dass sein Meister ihm eine gelehrte und philosophisch tiefgründige Antwort geben würde, die ihn intellektuell zufriedenstellte. Aber Meister Choka antwortete ihm einfach, nichts Falsches zu tun und die vielen Arten des Rechten zu praktizieren.

Haku-Raku-Tem war sehr enttäuscht über diese simple und direkte Antwort auf seine tiefgründige Frage und sagte zu seinem Meister: „Wenn dies so ist, kann sogar ein Kind von drei Jahren so etwas sagen.“ Damit offenbarte er, dass er dachte, der Buddhismus sei ein viel komplizierteres Lehrgebäude und anspruchsvolles philosophisches Streben. Er müsse mehr beinhalten als einfache Aussagen über das Verhalten in unserem täglichen Leben. Meister Choka erwiderte daraufhin: „Ein Kind von drei Jahren kann die Wahrheit sagen. Aber selbst ein alter erfahrener Mann von 80 Jahren kann sie nicht praktizieren.“ Denn der entscheidende Punkt dabei ist, dass es tatsächlich sehr schwierig ist, diese einfache Ermahnung, das Richtige zu tun, in der Praxis umzusetzen. Auch ein alter Mann kann damit Schwierigkeiten haben.

Chokas Antwort ist eine sehr gute Beschreibung der wirklichen Situation in unserem Leben. Die Tatsache, dass ein drei Jahre altes Kind etwas sagen kann, was aber nicht einmal von einem 80 Jahre alten Mann in die Praxis umgesetzt werden kann, zeigt uns klar die enorme Kluft zwischen dem, was wir denken und sagen, und dem, was tatsächlich getan werden kann. Theorie und Handeln existieren in vollständig verschiedenen Welten, sie liegen weit auseinander!






[i] Kap. 10, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 100 ff.: „Erzeugt kein Unrecht und erlangt die Freiheit! (Shoaku makusa)“ 

Freitag, 15. April 2016

Buddhismus als Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens

(Nishijima Roshi)

In der schwierigen Situation der Gegenwart möchte ich anregen, dass wir auf den Buddhismus schauen. Er ist keine der bekannten rein spirituellen Religionen und auch kein materialistisches System. Buddhismus ist eine Lebensweise, die auf dem Handeln basiert.

Die Haupt-Charakteristik der buddhistischen Philosophie besteht darin, dass sie auf der wahren Natur des Handelns selbst beruht. Und das ist identisch mit der Verwirklichung der Buddha-Natur, die weder idealistisch noch materialistisch ist.

Im Folgenden möchte ich aufzeigen, warum der Buddhismus wichtige Impulse für zukünftige Glaubenssysteme dieser Welt geben kann. Als ich ein Student von 17 oder 18 Jahren war, faszinierte mich ein Buch mit dem Titel Shôbôgenzô. Ein buddhistischer Mönch, Meister Dôgen, hatte es im 13. Jahrhundert verfasst.

 Für mehr als 50 Jahre beschäftigte ich mich mit diesem großen Werk, habe es in modernes Japanisch übersetzt und wieder und wieder studiert. Indem ich es immer wieder durcharbeitete, gewann ich Klarheit über seine Bedeutung. Über sechstausend Mal und an vielen Orten habe ich über das Shôbôgenzô gelehrt.

Diese lang andauernde, intensive Beschäftigung hat mich dazu geführt, ganz klar zu erkennen, dass das, was Meister Dôgen im Shôbôgenzô unternimmt, die Erklärung der Natur der Wirklichkeit ist. Seine tiefgründigen Überlegungen konzentrieren sich auf die Natur des Handelns. Das Kriterium für das wahre Leben, das Dôgen erklärt, beruht nicht auf spirituellem Glauben oder materiellen „Tatsachen“, sondern konsequent auf unserem Handeln. Dieses Kriterium kann die Grundlage für eine neue Sicht der Welt bilden, eine neue tragfähige Philosophie für die Zukunft.

Zu dieser Überzeugung bin ich folgendermaßen gekommen: In einem Kapitel im Shôbôgenzô über das tägliche Leben (Kajô)[i] zitiert Meister Dôgen seinen eigenen chinesischen Meister Tendô Nyojô:

„Die goldene und strahlende Form ist, gekleidet zu werden und Mahlzeiten zu essen.“

Die Formulierung „goldene und strahlende Form“ bezieht sich hier auf die Figur Gautama Buddhas selbst, von dem man sagt, dass ihn eine goldene Aura umgibt. Tendô Nyojôs Worte bedeuten, dass unser tägliches Handeln, also zum Beispiel zu essen und sich anzuziehen, den goldenen Glanz Buddhas beinhaltet; diese täglichen Handlungen leuchten aus sich selbst heraus.

Diese klare Aussage enthält die Essenz des Buddhismus, die sich direkt auf unser reales Handeln im Alltag bezieht. Handlungen formen das wirkliche Zentrum unserer wahren Existenz.

Ein anderes wichtiges Kapitel im Shôbôgenzô heißt Jinzû oder auf Deutsch „Die mystischen Kräfte“[ii]. Es untersucht die Wirklichkeit der besonderen Kräfte, welche die Menschen durch das buddhistische Training erlangen. Meister Dôgen zitiert darin einen Chinesen mit dem Namen Ho-on, der Laie war und den Buddhismus studierte, während er in der sozialen Gesellschaft arbeitete:

„Die mystische Kraft und wundersame Funktion, Wasser zu schöpfen und Feuerholz zu tragen.“

Dieser Vers besagt, dass die buddhistische Bedeutung der mystischen Kraft und wundersamen Funktion in dem enthalten ist, was damals zum täglichen Handeln gehörte, nämlich Wasser zu holen und Feuerholz zu tragen – Wasser zum Trinken und zum Kochen, Feuerholz fürs Kochen und Heizen.

Was ist mystisch und wunderbar bei diesen Aktivitäten? Sie geben uns tatsächlich das Leben – sie sind unser Leben selbst. Wenn wir den Buddhismus auf diese Weise betrachten, können wir sehen, dass er keine Religion ist, die auf etwas beruht, das wir nur in unserem Geist erzeugen. Er ist eine Religion, die uns klar lehrt, wie wir unser Leben Tag für Tag führen können.






[i] Kap. 64, ZEN Schatzkammer, Bd. 3, S. 53 ff.: „Der Alltag im Hier und Jetzt (Kajô)“
[ii] Kap. 25, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 221 ff.: „Die mystische Kraft des Lebens und Universums (Jinzû)“

Montag, 4. April 2016

Religiöse Ideologien führen in die Sackgasse


 (Nishijima Roshi)
Die objektiven Beobachtungen der Sterne führten Kopernikus zu der Schlussfolgerung, dass die Sonne das Zentrum des Universums sei und die Erde sich um die Sonne bewege. Dies stand im krassen Gegensatz zum Ptolemäischen Weltbild, welches das Christentum in jener Zeit als absolutes Dogma vertrat. Das Vertrauen auf die kopernikanische Sichtweise des Universums setzte sich jedoch trotz des z. T. unmenschlich harten Widerstandes der Kirche durch und ist heute völlig unbestritten.

Im Zusammenhang damit wurden die ersten naturwissenschaftlichen Theorien entwickelt. Die Menschen begannen, die wirklichen konkreten Tatsachen, die direkt vor ihnen lagen, zu sehen und genau zu beobachten. Die Naturwissenschaft machte rasch Fortschritte und ließ viele, bis dahin unbestrittene christliche dogmatische Glaubensbereiche nach und nach zerbrechen. Dies war unvermeidlich.

Die europäische Kultur trat in die Periode der Renaissance ein – eine Periode, in der sich die Gesellschaft in eine mehr am Menschen orientierte Existenz zurückbewegte, deren Leitbild die römischen und griechischen Zeiten waren. Mit der Renaissance reformierte sich auch die Katholische Kirche, der christliche Glauben bekam ein menschlicheres Antlitz.

Am Ende des 18. Jahrhunderts war die Französische Revolution maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Glauben an die göttliche Kraft der Könige zerbrach. Das erlaubte den Menschen, politische Systeme völlig neu zu sehen, zu entwickeln und sich selbst eine Regierung zu geben, wie man sie haben wollte.

Das 19. Jahrhundert brachte eine signifikante Verstärkung des Materialismus. Im Einklang damit entwickelten Denker wie Karl Marx eine Philosophie, die besagte, dass alle Dinge und Phänomene der Welt aus der Materie und der materiellen Energie erklärt werden könnten und müssten. Dies führte mit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Situation, in welcher der Philosoph Nietzsche ausrief: „Gott ist tot!“ Damit wollte er ausdrücken, dass die Kraft der damaligen spirituellen Religionen so stark geschwächt war, dass sie nicht länger als Basis für das tägliche Leben von Bedeutung waren. Und vor allem: Religiöse unmenschliche Dogmen schaden dem Menschen!

Die große Frage ist, ob die Menschen tatsächlich ohne Glauben an eine Religion leben können. Ohne Glauben zu leben bringt mit sich, ohne definiertes Ziel und ohne Werte auskommen zu müssen. So verliert die Frage nach dem Sinn des Lebens schließlich jede Bedeutung.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts begann die intensive Suche nach etwas, das weder auf die Religion zugeschnitten war, noch allein auf die materielle Welt der Naturwissenschaft abzielte. Philosophen wie Kierkegaard, Nietzsche, Jaspers und Heidegger entwickelten eine existenzielle Sichtweise der Welt, in der sie erklärten, dass wir im Augenblick der Gegenwart existieren. Der amerikanische Philosoph John Dewey vertrat eine pragmatische Sichtweise, in der die maßgeblichen Kriterien nicht spirituell und auch nicht materiell sind, sondern sich im Einklang mit der Praxis und Ethik befinden. So könne man den Wert von etwas nach diesen Kriterien einschätzen, ob es nämlich nützlich für das menschliche Leben ist.

Diese Entwicklungslinien des philosophischen Denkens zeigen uns, dass die Menschen des 20. Jahrhunderts mit einem idealistischen Glauben, der sich allein auf den Geist konzentrierte, nicht zufrieden waren, allerdings auch nicht mit dem materialistischen Glauben der Naturwissenschaft.

Diese Unzufriedenheit, auch mit den vorhandenen Glaubenssystemen, begleitet uns bis heute. Vielleicht ist das größte Problem, dem sich die Menschheit im 21. Jahrhundert gegenübersieht, die Frage, welches Glaubenssystem wir als maßgebliches Kriterium für die menschliche Kultur annehmen und welche Glaubensgrundlage unsere Gesellschaft in Zukunft bestimmen wird.


Welche Aufgabe hat dabei der Buddhismus für die Menschheit? Was meinen Sie?


Samstag, 26. März 2016

Buddhismus und Handeln

(Nishijima Roshi)
Der Buddhismus ist eine Religion, die wesentlich auf Lernen und auf Training basiert, und zwar vor allem in der Praxis und beim Handeln. Man könnte sogar von einem „Primat der Praxis des Handelns“ sprechen. Dieses besondere Kennzeichen unterscheidet den Buddhismus von anderen Religionen. Auch die buddhistische Theorie hat sich auf dieser Basis entwickelt.

Dieses Typische des Buddhismus als Religion des Handelns ist von großer Bedeutung, wenn wir die Richtung der Entwicklung einbeziehen, in die sich die Weltgeschichte bewegt. Um eine Zusammenfassung der Entwicklung der modernen westlichen Kultur geben zu können, möchte ich aus meiner Sicht als Japaner eine kurze Analyse dieser Kultur- und Geistesgeschichte voranstellen.

Wir nehmen an, dass die uns bekannte Weltkultur in Ägypten, Mesopotamien und Indien ihren Anfang nahm. Neue Entdeckungen weisen darauf hin, dass die menschliche Entwicklung in Äthiopien begann. In der Ägäis und auf den Inseln Griechenlands keimten die Samen der westlichen Kultur. Die moderne Kultur und Zivilisation verdankt diesen Ursprüngen bis heute sehr viel.

In der Gruppe großer Denker des alten Griechenlands nimmt der Philosoph Plato einen besonderen Platz ein. Er entwickelte eine Philosophie, deren Zentrum das rationale Wirken des Geistes ist; wir nennen sie heute Idealismus. Dieses Grundkonzept verbreitete sich von Griechenland aus und fand Eingang in das Römische Reich, von wo es sich zusammen mit der römischen Kultur rasch in alle Richtungen des damaligen Europa verbreitete. Die Zeit war also reif für den Idealismus.

In der späten Phase des Römischen Reiches traf der Idealismus schließlich mit dem sich entwickelnden Christentum zusammen und verband sich mit dem Glauben an einen vollkommenen, allwissenden und allmächtigen Gott. Beide Bereiche befruchteten und verstärkten sich gegenseitig.

Das Christentum konnte die logische Stringenz des griechischen Idealismus nutzen, um eine klare Theologie zu entwickeln. Umgekehrt formten die Ideale des Christentums zentrale neue philosophische Denkimpulse. Diese Entwicklungsphase schuf die Grundlagen für das Christentum, das auf einer idealistischen Sichtweise der Welt aufbaute und sich geografisch in die verschiedenen Länder der damaligen europäischen Kulturen ausbreitete.

Das Christentum ist eine Religion, deren Zentrum der Glaube an einen jenseitigen Gott ist, nach dessen Bild die Menschen erschaffen wurden. Mit diesem Glauben erzeugten die Menschen in Europa Gesellschaften, die auf den christlichen Idealen gründeten, die sie in ihrem Geist prägten.

Sie versuchten, ihr tägliches Leben an diesen Idealen auszurichten. Dies passte durchaus zu den damaligen schweren Zeiten, als die Lebensbedingungen sehr hart und arm waren; der Glaube an die „Erlösung“ im Jenseits bot einen tröstenden Ausweg aus den Mühen des Alltags.

Am Ende des Mittelalters begann die wirtschaftliche Produktivität jedoch zu steigen, und das Leben der Menschen in Europa verbesserte sich langsam. Befreit von dem Kampf um das nackte Überleben, fingen sie an zu erkennen, dass der Mensch eine körperliche Existenz hat, die nicht verachtet oder vernachlässigt werden kann. Kurz gesagt entwickelte sich allmählich eine ganz neue Sicht des Lebens. Die objektiven Naturwissenschaften nahmen ihren Anfang.


Sonntag, 20. März 2016

Die Wirklichkeit der Buddha-Natur erfahren wir durch Handeln

(Nishijima Roshi)

Mit Dôgen stimme ich überein, dass sich die Buddha-Natur nur durch das Handeln selbst verwirklichen kann, nicht durch Denken, Vorstellungen oder Glauben.

Gautama Buddha benutzte das Sanskrit-Wort Dharma, um die Wirklichkeit zu beschreiben. Aber er sagte auch, dass es letztlich unmöglich ist, diese Wirklichkeit vollständig in Worte zu fassen. Wir können den Idealismus, den Materialismus oder auch die Philosophie des Handelns gut mit Worten erklären, aber die

Wirklichkeit selbst widersetzt sich der genauen Beschreibung.

Dies offenbart das zentrale Problem unseres Lebens, das Gautama Buddha klar erkannte. Er ermutigte uns, die Zen-Meditation – Zazen – zu praktizieren, weil wir dann die Wirklichkeit erkennen können. Wir sitzen in ihr mit unserem ganzen Körper und Geist, wenn wir Zazen praktizieren. Es ist das Ziel der buddhistischen Praxis, uns selbst von Täuschungen zu befreien und die Buddha-Natur zu verwirklichen. Dann haben wir den großen Sinn unseres Lebens gefunden, und das ist die Überwindung des Leidens.

Beim Zazen ist es nicht nötig, über irgendetwas nachzudenken, und es ist nicht nötig, irgendwelche bestimmten Gefühle währenddessen zu erzeugen und zu haben. Wenn wir in der Wirklichkeit ohne Denken und Fühlen sitzen, können wir das sehr einfach erkennen, es ist eine einfache Tatsache. Und es ist genau diese Erfahrung, welche die Basis der buddhistischen Philosophie formt. Buddhismus zu studieren bedeutet, die Wirklichkeit zu studieren. Zazen zu praktizieren, ist das direkte Studium der Wirklichkeit. Daraus ergibt sich die Erfahrung der Buddha-Natur, der liebevollen Zuwendung, der Mitfreude und des Mitgefühls im Alltag.

Es ist schwierig, eine vergleichbare direkte und einfache Philosophie in dieser Welt zu finden. Normalerweise versuchen wir, die Probleme unseres Lebens allein mit dem Verstand zu lösen. Fast alle heutigen Zivilisationen sind auf dem Vorrang des Intellekts aufgebaut. Der Buddhismus lehrt uns aber die Philosophie des Handelns, die zunächst selbst eine Lehre und Konstruktion des Geistes ist. Wir müssen das Handeln praktizieren, um die Wirklichkeit dieser Welt tatsächlich zu erkennen und zu erfahren.

Das ist der Grund, warum Meister Dôgen rät:

Praktiziert nur Zazen. Zazen zu praktizieren, ist Buddhismus. Buddhismus ist, Zazen zu praktizieren.“

Dies ist die Lehre und das Zentrum des Buddhismus selbst. Wenn wir die Natur der wirklichen Welt erkennen, können wir Buddhas sein. Buddha zu werden bedeutet, die Wirklichkeit zu erkennen und entsprechend zu handeln. Dies ist das Höchste des Buddhismus.


Dienstag, 8. März 2016

Die Wirklichkeit der Buddha-Natur

(Nishijima Roshi)


Nach Dôgens Lehre gibt es vier Phasen oder Sichtweisen auf dem Buddha-Weg: Idealismus, Materialismus, Lehre des Handelns und die Erleuchtung. Die höchste Phase der Erleuchtung ist unauflöslich mit der Wirklichkeit der Welt, der Buddha-Natur und unseres Lebens verknüpft.
Die Sichtweisen des Idealismus und Materialismus sind für das Verständnis der Buddha-Natur zwar wichtig, aber sie decken nur einen Teilbereich ab. Als polare Lebensphilosophien, die sich fundamental widersprechen, sind sie für ein Leben im Gleichgewicht auf dem lebendigen Mittleren Weg wenig geeignet. Deshalb werden diese beiden entgegengesetzten Gesichtspunkte im Buddhismus in einer dritten, realistischen Sichtweise zusammengeführt: der Lebensphilosophie des wahren Handelns, die eine praktikable Synthese schafft. Nach meiner festen Überzeugung schließen diese drei grundlegenden philosophischen Standpunkte alle existierenden philosophischen Systeme der Welt ein. Jedes System kann daher einer dieser drei Kategorien zugeordnet werden.
Gautama Buddha war der erste Mensch, der eine sehr einfache, aber wichtige Tatsache herausarbeitete und auf dieser festen Grundlage seine Lehre und Praxis aufbaute. Er bestand darauf, dass wir nicht entsprechend einem philosophischen System des Denkens und der Theorie leben, sondern in der wirklichen Welt selbst. Obgleich dies eigentlich eine offensichtliche und selbstverständliche Schlussfolgerung ist, glauben dennoch viele Menschen, dass die wirkliche Welt, in der wir leben, dieselbe sei, die wir in unserem Kopf aufbauen. So haben sie vielleicht eine feste Vorstellung von einer ganz wunderbaren Buddha-Natur und verfehlen aber damit gerade das existenziell Wesentliche. Andere vertrauen auf die materielle Welt, die wir direkt mit unseren Sinnen wahrnehmen, und halten sie für die ganze Wirklichkeit. Die überwiegende Mehrheit der Menschen nimmt entweder die eine oder andere dieser Positionen und Weltanschauungen ein. Das bedeutet, dass sie bewusst oder unbewusst entweder an den Idealismus oder an den Materialismus glauben.
Eine vergleichbare Situation existierte im alten Indien. In der Auseinandersetzung damit erkannte Gautama Buddha, dass alle Menschen tatsächlich in der realen Welt leben. Große Wahrheiten sind oft ganz einfach! Und er sah, dass die Menschen dazu neigen, fälschlich die Repräsentation der Welt, die sie in ihrem Gehirn gebildet haben, als die wirkliche Welt selbst zu nehmen, oder zu denken, dass die Welt, die ihre Sinne wahrnehmen, die gesamte existierende Welt sei. Beide Ansichten sind jedoch nur Theorien im Gehirn und nicht die Wirklichkeit.
Gautama Buddha wurde nicht müde, darauf zu drängen, genau diese wirkliche Welt, in der wir leben, zu sehen und zu erfahren. Sein ganzes Leben widmete er der Aufgabe, die Menschen dies zu lehren. Er erklärte, dass es für uns notwendig ist, die intellektuellen Gedanken zu überschreiten, um zu erkennen, dass wir in der Wirklichkeit leben.
Und diese Wirklichkeit ist das eigentlich Wunderbare, sie ist die Buddha-Natur.