Montag, 15. August 2016

Die Buddha-Natur bei Dôgen (Busshô)


Der japanische Begriff Busshô setzt sich zusammen aus dem Wort butsu, das „Buddha“ bedeutet, und shô, was im Deutschen „Natur“ heißt. Busshô ist gleichbedeutend mit dem Sanskrit-Begriff buddhata und lässt sich übersetzen mit „Buddha-Natur“.

In den meisten buddhistischen Traditionen wurde buddhata als einen Kern oder ein Potenzial und eine Möglichkeit verstanden, die Wahrheit oder das Erwachen zu erlangen. Dabei entstand die Vorstellung, dass es sich quasi um einen „Buddha-Kern“ handelt, der durch gute Taten und gutes Karma wachsen würde und sich so weiterentwickeln könnte. Es gab daher auch die Theorie, dass es eine spezielle Eigenschaft des Menschen sei, die entwickelt werden müsste und in irgendeiner Weise wiedergeboren würde.

Nishijima und Cross erklären jedoch in ihrer Einleitung zu diesem Kapitel des Shôbôgenzô:

„In der Sicht (von Meister Dôgen) ist die Buddha-Natur weder ein Potenzial noch eine natürliche Eigenschaft, sondern ein Zustand oder eine Bedingung von Körper und Geist im gegenwärtigen Augenblick.“[i]

Das heißt nichts anderes, als dass die Buddha-Natur sich im Handeln im Augenblick verwirklicht und keine abstrakte oder spezielle Eigenschaft ist, die zum Beispiel in der Zukunft durch bestimmtes Training realisiert werden kann. Man könne auch nicht sagen, dass die Buddha-Natur der Inhalt vom Körper oder Geist sei.

Jede Vorstellung, dass die Buddha-Natur etwas Dinghaftes innerhalb des Menschen ist, das sich entwickeln kann und muss, ist auch aus Dôgens Sicht unsinnig. Er betont, dass das berühmte Zitat Gautama Buddhas „Wir alle haben die Buddha-Natur“ nicht in diesem Sinne falsch verstanden werden darf.

Die Buddha-Natur geht über das Dinghaftes hinaus
An den Anfang des Kapitels stellt Dôgen die folgenden Worte von Shâkyamuni Buddha:

„Alle Lebewesen haben vollständig die Buddha-Natur:
Der Tathâgata weilt (in ihr) andauernd, ohne sich überhaupt zu verändern.“[ii]

Nishijima und Cross erläutern hierzu, dass das entsprechende japanische Wort sowohl „haben“ oder „besitzen“, aber auch „existieren“ bedeuten kann.[iii]
Dôgen interpretiert „haben“ als die Wirklichkeit selbst, also als die verwirklichte Existenz. Er unterstreicht die zentrale Bedeutung dieses Zitats für die Lehre und Praxis, er bezeichnet es als das „Drehen des Dharma-Rades“.

Es sei eine der wichtigsten Aussagen Buddhas, und Dôgen nennt sie auch das „Löwengebrüll“. Buddhas Worte seien das Gehirn, die Augen und die Praxis seit circa 2.000 Jahren; sie wurden authentisch über 50 Generationen von den indischen Meistern bis zu seinem Meister Tendô Nyojô übertragen. Und in der Tat können wir die Buddha-Natur selbst in der Übungspraxis verwirklichen!

Dôgen verändert dann das Zitat nach seinem eigenen tiefen Verständnis und ersetzt „haben“ durch „existieren“: „Alle Lebewesen existieren vollständig als Buddha-Natur.“ Damit überwindet er die Gefahr, dass die Buddha-Natur nur als eine bestimmte Fähigkeit oder Eigenschaft verstanden wird, die man haben kann oder auch nicht haben kann, so wie man zum Beispiel eine besondere musikalische Begabung hat oder bestimmte erlernte Fähigkeiten besitzt oder nicht. Er unterstreicht die existenzielle Einheit von Lebewesen und Buddha-Natur, welche die wahre Natur der Lebewesen ist.



[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 1
[ii] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 1
[iii] ebd., Fußnote 1

Montag, 1. August 2016

Der Diamant: Die Unzerstörbarkeit der Buddha-Natur.



Die Buddha-Natur wird manchmal so beschrieben, dass der vollkommen Erwachte alle Hüllen der Befleckungen entfernt hat, wodurch das Leiden beendet wurde: „Wenn er in der höchsten Wirklichkeit weilt und eine Stufe erreicht, die alle Lebewesen in Licht taucht“, und „wenn er die ihrer Natur nach von allen Verwirrungen, Zerstörungen freie Macht über alle Erscheinungen verwirklicht hat.“[i]

Im Tantra-Buddhismus, der späten Phase des indischen Buddhismus, sind die Lehren und Erfahrungen der Buddha-Natur bereits fester Bestandteil der Überlieferung und werden nicht weiter in Zweifel gezogen.

Der tantrische Buddhismus stellte fest: „Alle Lebewesen seien schon Buddha (nicht nur potentiell oder embryonal)“.[ii] Und er prägte Begriffe wie Diamant-Wesen und Diamanten-Träger. Der Diamant ist ein Symbol für die Unzerstörbarkeit und Klarheit der Buddha-Natur. Dieser um eine psychologische Dimension erweiterte Tantra-Buddhismus geht davon aus, dass zum Beispiel „Gier und Hass als reduzierte Bestandteile der Buddha-Natur angesehen werden, (sie sind der) destruktive Rest der konstruktiven Tendenzen zur Distanz (die empirisches Leben erst möglich macht) und zur Wiederherstellung von Ganzheit “notwendig.[iii]

Das ist eine beachtliche Weiterentwicklung, die sicher mit den ursprünglichen Aussagen Gautama Buddhas im Einklang ist. Ich möchte dazu einige Überlegungen anfügen: Auch Nishijima Roshi fragt, ob die Gier allein die Ursache für das Leiden der Menschen ist, da beispielsweise die Notwendigkeit zu essen oder zu trinken das Leben überhaupt erst ermöglicht. Eine solche abgeschwächte „Gier“ sei ganz natürlich. Gier kann man als starke psychische Kraft verstehen, die einem Menschen oder einer Sache möglichst nahe kommen will, also die Nähe sucht.

Das heißt, dass nur ein Übermaß an Gier und die fehlende Selbst-Kontrolle ins Unglück, Elend und Leid führen. Das Übermaß ohne Selbst-Kontrolle ist damit entscheidend für die „Befleckung“ der Buddha-Natur. Das Maß der Mitte und die Steuerbarkeit sind dann noch nicht erreicht.

Analoge Überlegungen gelten für den Hass, der auch Ablehnung und Abstand bedeutet. Damit ist jedoch nicht unbedingt die Zerstörung oder Vernichtung des anderen impliziert. Es ist in unserem Leben durchaus sinnvoll und notwendig, sich von bestimmten Dingen fernzuhalten, um Verletzungen und daraus entstehendes Elend zu verhindern. Denn wer sich nicht abzugrenzen gelernt hat, ist gemäß psychologischer Forschung psychisch krank und außerordentlich gefährdet.

 Die Fähigkeit, Grenzen zu ziehen, ist nach meiner festen Überzeugung durchaus im Einklang mit der Vorstellung eines offenen Systems der Tiefenökologie[iv] und nicht identisch mit einer hermetischen Ich-Grenze, also einem egozentrierten, isolierten Geist, der schwere psychische Schäden zur Folge hat. Auch und gerade ein Buddhist sollte die Kraft haben, Grenzen zu ziehen. Denn gute Grenzen sind auch immer Verbindungen und können wahre Verbindungen werden, oder wie der französische Philosoph Derrida sagt differance.

Das Haben-Wollen und die Fähigkeit, Abstand zu halten, sind also für die Gestaltung unseres praktischen Lebens in bestimmten Situationen unerlässlich. Und sie stehen keineswegs im Gegensatz zur authentischen Lehre Gautama Buddhas.

Zweifellos ist die Lehre von der Buddha-Natur von zentraler Bedeutung für den indischen Buddhismus, der häufig wunderbare poetische Formulierungen dafür findet. Aber auch Dôgen soll unbedingt gehört werden, der aus meiner Sicht weitere existenzielle Dimensionen des Zen von großer Intensität und Klarheit hinzufügt, die gerade für den Buddhismus der Gegenwart höchst aktuell sind.






[i] ebd., S. 158
[ii] ebd., S. 178
[iii] ebd., S. 178
[iv] vgl. Macy, Joanna: Geliebte Erde, gereiftes Selbst. Mut zu Wandel und Erneuerung

Dienstag, 26. Juli 2016

Die Buddha-Natur ist klares Licht


Der Begriff der Buddha-Natur ist nicht philosophisch oder ontologisch geprägt, sondern stammt aus der Erfahrungs- und Erlebniswelt. Daher wird die Buddha-Natur häufig auch als klares Licht bezeichnet, womit die eigene wahre Erfahrung bei der Meditation gemeint ist. Diese Erfahrung ist spirituelles Erleben und keine philosophische Abstraktion oder Theoriebildung. So heißt es im Pali-Kanon:

„Die Dunkelheit ist verschwunden, und das Licht ist aufgegangen.“[i]

Dies ist eine Umschreibung des Erwachens, das mit dem Erleben des Lichts verbunden ist.

Außerdem bringt man die Buddha-Natur, wie bereits weiter oben erwähnt, häufig mit dem Begriff der Leerheit – in Sanskrit shunyata – in Verbindung. Ich folge Peter Gäng darin, dass die Übersetzung mit „Leerheit“ zwar nicht ganz falsch, aber verengt und eventuell missverständlich ist. Auch Nishijima Roshi beschreibt shunyata lieber mit dem Gleichgewicht von Körper und Geist, bei dem Gier und Hass verschwunden sind und wo der Mensch seine ursprüngliche Natur erlebt, ohne dinghafte Vorstellungen im Bewusstsein zu haben.

Durch solche Leerheit sind wir offen für wahres spirituelles Erleben, das ich nach dem Mittleren Weg Nagarjunas auch als "Sein-Werden" ohne Oberflächlichkeit, Doktrinen und Schein-Aktivitäten des Alltags bezeichnen möchte.

Peter Gäng weist darauf hin, dass die abgegrenzte Eigenständigkeit des Ich im Buddhismus entschieden abgelehnt wird. Es besteht immer eine Einheit mit anderen Menschen und der Umwelt: Es gibt keine eigene Existenz aus sich selbst. Deshalb kann man für shunyata auch sagen: „leer von einer eigenen isolierter Existenz“.

Die wichtigsten Sûtras zur Buddha-Natur lassen sich auf die Zeit von 250 vor bis 900 nach unserer Zeitrechnung festlegen. Besonders hervorzuheben ist eine Schrift, welche die damals bekannten Texte zusammenfasst, die etwa zwischen 250 und 350 erarbeitet wurden, und Erläuterungen und Kommentare ergänzt.[ii] Folgende Formulierungen wurden im Laufe der buddhistischen Geschichte in diesen Sûtras für die Buddha-Natur verwendet:

„Klares Licht ist dieser Geist, er ist durch hinzukommende Befleckungen befleckt.“
„Klares Licht ist dieser Geist, er wird von hinzukommenden Befleckungen losgelöst.“

„Es ist nicht die Natur (des Geistes), dass er befleckt wird. Von-Natur-aus-klares-Licht-sein, ist unbefleckt sein.“
„Etwas Reines wird nicht gereinigt, es ist eben rein.“

„(Die Buddha-Natur) ist gerade wie das, was geschieht, wenn Gold versunken ist im schmutzigen Abfall, wenn niemand es sehen kann.“
„(Sie) ist wie ein Schatz, der aufbewahrt ist, im Haus eines verarmten Mannes.“

„(Sie) ist gerade wie der Kern im Innern der Mangofrucht, welche nicht zerfällt: Pflanze ihn in die Erde, und es wird zwangsläufig ein großer Baum wachsen.“

„Es ist wie bei einem, der in ein anderes Land reist und eine goldene Statue mit sich trägt und sie in schmutzige abgetragene Lumpen einwickelt und sie in einem brachliegenden Feld ablegt.“

„Es ist wie bei einer verarmten Frau, die nur scheinbar niedrig ist und gemein aussieht, aber einen edlen Sohn in sich trägt.“




[i] ebd., S. 142
[ii] ebd., S. 144 ff.: Ratnagotravibhagâshâstra, auch als Uttara Tantra bezeichnet

Mittwoch, 6. Juli 2016

Das mystische Erlebnis der Buddha-Natur


Im Folgenden möchte ich einen kurzen Überblick über die Überlieferung zur Buddha-Natur und des klaren Lichts in Indien geben; dabei folge ich den Ausführungen von Peter Gäng.[i] Er verdeutlicht, dass die Lehre der Buddha-Natur im frühen Buddhismus erst in Ansätzen vorhanden war, sich dann aber umfassend weiterentwickelte und sich auch mit der Yoga-Praxis verband. Da es sich bei der Buddha-Natur letztlich um ein Erlebnis und eine Erfahrung handelt, die häufig dem mystischen Bereich zugeordnet werden, gibt es hierzu verschiedene Ansätze der sprachlichen

Formulierung. Durch die Buddha-Natur entsteht laut Peter Gäng „für Andere eine Art von spiritueller Landkarte, die ihnen die Orientierung erleichtern kann“.[ii] Allerdings sei eine Landkarte nicht die Erfahrung selbst, sondern nur ein Hilfsmittel und ein Hinweis auf die Wirklichkeit, die mit dem Begriff Buddha-Natur belegt ist.

Basis jeder Lehre über die Buddha-Natur ist die Grundwahrheit, dass jeder Mensch das vollständige Erwachen oder die Erleuchtung erfahren kann und sich dadurch von vielfältigen Zwängen des Lebens befreit, die immer wieder Leiden, Angst, Gram und Verzweiflung verursachen. Dieses Potenzial sei nicht auf die Menschen beschränkt, sondern Wesensmerkmal der Natur aller Lebewesen. Es gibt verschiedene Faktoren, die verhindern, dass sich diese wahre Natur verwirklicht, es gibt laut Peter Gäng etwas, das „hinzugekommen ist und demnach auch wieder verschwinden kann“.[iii]

Jeder Meditierende habe die Erfahrung einer friedvollen Stille gemacht, einer Gelassenheit, die in sich selbst ruht, ohne sich vor der Welt abzuschließen, und der wunderbaren Ausgeglichenheit.

Dieser Zustand existiert wirklich, ist keine Einbildung und verbale oder dichterische Konstruktion. Aber gemäß der Lehre Gautama Buddhas darf dieser Zustand nicht mit der altindischen âtman-Lehre verwechselt werden, die einen unveränderlichen Wesenskern postuliert, der sich in verschiedenen Wiedergeburten vervollständigt, bis er sich schließlich mit dem Allgeist (brahman) verbinden und das Ziel des Nirvâna erreichen würde, bei dem es keine Individualität des Menschen mehr gebe. Jede buddhistische Theorie müsse darauf bedacht sein, erklärt Peter Gäng, sich fundamental von der âtman-Lehre abzusetzen, das habe Gautama Buddha in aller Deutlichkeit gelehrt.

Das frühe Verständnis der Buddha-Natur klammerte negative, unheilsame Bereiche des Menschen im Hinblick auf die Buddha-Natur aus. Spätere, stärker psychologisch orientierte Entwicklungen des tantrischen Buddhismus bezogen diese unheilsamen Bereiche auch und gerade ein, anstatt sie einfach zu negieren.

Der Sanksrit-Begriff für „Buddha-Natur“ lautet tathagata garbha, wobei tathagata wörtlich übersetzt der „Vollendete“, „so Gekommene“ oder der „so Gegangene“ heißt. Ein solcher Mensch hat seinen wahren Weg gefunden, ist ihn gegangen und am Ziel angekommen. Manchmal wird dafür der Begriff der Soheit verwendet; das ist eine Wirklichkeit, die genauso ist, wie sie ist, der nichts hinzugefügt und nichts weggenommen wird. Dôgen benutzt häufig die Formulierung

Es ist, wie es ist“ – und meint damit also die Soheit.

Der Begriff garbha hat laut Peter Gäng eine doppelte Bedeutung: Gebärmutter und Embryo, also der weibliche Schoß und „das in ihm heranwachsende Kind“.[iv] Diese symbolische Bedeutung lässt sich um die folgenden erweitern: „Herkunftsort“, „Höhle“, „Inneres“, „Kern“, „Essenz“ und „Keim“.

Tathagata-garbha kann daher vor allem heißen:
Alle Lebewesen sind embryonale Buddhas“ und „Alle Lebewesen sind ein Schoß, in dem ein Buddha heranwächst“.

Dementsprechend sagt Dôgen über die Buddha-Natur:
„Alle Wesen haben die Buddha-Natur.“ Umgehend erweitert er ihn jedoch auf die Bedeutung

„Alle Wesen sind Buddha-Natur“.




[i] ebd., S. 137 ff
[ii] ebd., S. 138
[iii] ebd., S. 138
[iv] ebd., S. 141

Freitag, 24. Juni 2016

Buddha-Natur des Reinen Landes im harten Alltag



Nishijima Roshi erklärte mir einmal, dass der Buddhismus des Reinen Landes vor allem für die schwer arbeitenden Menschen sehr wichtig gewesen sei, denn sie hatten kaum Zeit und keine finanziellen Möglichkeiten, sich intensiver mit der buddhistischen Lehre und der speziellen Praxis zu beschäftigen.

Ein Großteil der japanischen Bevölkerung wurde viele Jahrhunderte hindurch ständig von Existenznot bedroht. Um ihr nacktes Überleben zu sichern, musste die ganze Familie von morgens bis abends hart arbeiten. Der Glaubens-Buddhismus des Reinen Landes war leichter mit dem Alltag zu verbinden und verlieh innere Ruhe und Sicherheit – gerade bei großen Entbehrungen und in Notsituationen. In den folgenden Jahrhunderten waren die Klöster bereits verhältnismäßig wohlhabend und verfügten oft über nicht unerheblichen Landbesitz, der zum Beispiel durch Schenkungen der reichen Oberschicht zustande gekommen war. In den Klöstern gab es daher wesentlich bessere Bedingungen als für die übrige Bevölkerung, sich intensiv mit der Lehre und Praxis des Buddhismus zu beschäftigen.

Ähnlich wie beim praxisnahen Ansatz des Reinen Landes hat sich die deutsche Nonne Ayya Khema intensiv mit der Buddha-Natur beschäftigt und diese in ihre praxisorientierte Lehre integriert. Sie war zwar eine Vertreterin des frühen Buddhismus, hielt jedoch die Lehre der Buddha-Natur für ganz zentral, um den Buddha-Weg gerade in der heutigen Zeit zu gehen.[i]

Von ihrer Schülerin Traudel Reiß wird sie mit der folgenden Aussage zitiert:

„Die Buddha-Natur bedeutet das Erleuchtungsprinzip, das Potential für Erleuchtung, das Potential der absoluten Wahrheitserkenntnis, das wir alle in uns tragen.“ [ii]

Für Traudel Reiß und Ayya Khema sind daher Buddha-Natur und das wahre Wesen, das Erleuchtung und Befreiung erreichen kann, weitgehend identisch. Obgleich Gautama Buddha in seinen Lehrreden die Buddha-Natur selten explizit erwähnt, ist seine radikal neue Befreiungslehre mit dem Thema der Buddha-Natur unlösbar verbunden. Denn er lehrte, dass jeder Mensch erwachen kann, also Erleuchtung erlangen kann – und genau das ist die Kernaussage zur Buddha-Natur.

Ayya Khema sieht eine direkte Verbindung zum deutschen Mystiker Meister Eckhart, der von dem „Fünkelein“ des Menschen spricht. Für sie besteht nicht der geringste Zweifel, dass alle Religionen die zentrale Kernaussage des Fünkeleins oder der Buddha-Natur beinhalten. Alle Menschen, welche die absolute Wahrheit gesucht und gefunden haben, hätten das Gleiche entdeckt:

„Wie wäre es anders möglich, wie kann es mehrere absolute Wirklichkeiten geben?“[iii]

Der Fehler liege darin, dass die verschiedenen Religionen zu oft in ideologisch übersteigerter Weise dazu neigen, sich voneinander abzugrenzen, und sich letztlich an Äußerlichkeiten und Ritualen festhalten, ohne den wesentlichen Kern des Gemeinsamen zu sehen. Nach Buddha und Nagarjuna handelt es sich dabei um Extreme, die keine Wirklichkeiten besitzen und daher zu Leiden, Hass oder Illusionen führen. Daher lehren beide den Mittleren Weg, der ganz neue Kräfte für ein wirklich gelungenes Leben entwickelt.





[i] ebd., S. 123 ff.
[ii] ebd., S. 123
[iii] ebd., S. 124 f.

Mittwoch, 15. Juni 2016

Die Buddha-Natur im Reinen Land



Der buddhistische Studienverlag hat in einem Themenschwerpunkt-Band das Thema „Buddha-Natur“ verschiedener buddhistischer Schulrichtungen zusammengeführt und dadurch einen ausgezeichneten Überblick ermöglicht. Diese buddhistischen Übertragungslinien sind im Westen, auch in Deutschland, angekommen und beeinflussen sich gegenseitig: „Dies hat zum Beispiel den Theravâda-Buddhismus dazu bewegt, sich mit dem Begriff ‚Buddha-Natur‘ auseinanderzusetzen, obwohl er mit seinem Sinngehalt in klassischen Lehrgebäuden des Theravâda allenfalls in Anfangsgründen präsent war.“[i]

Das heißt, im frühen Buddhismus gab es zwar gewisse Ansätze zur Buddha-Natur, aber erst im Mahâyâna, im tantrischen Buddhismus (siehe Diamant-Sûtra) und im Zen wurde diese buddhistische Lehre ausgebaut.

Ähnlich wie im Zen versteht die buddhistische Schule des Reinen Landes die Buddha-Natur vor allem durch Praxis, aber anders als im Zen auch durch Glauben, und betrachtet sie „weniger als theoretisches Lehrgebäude“[ii]. Der Buddhologe Roland Berthold zitiert in diesem Zusammenhang aus einem bekannten Sûtra:

Klares Licht ist dieser Geist, er ist durch hinzukommende Befleckungen befleckt“ und „wird von hinzukommenden Befleckungen losgelöst“.[iii]

Das klare Licht wird als die ursprüngliche wesentliche Essenz des Menschen und der Welt erfahren und verstanden und mit der Buddha-Natur weitgehend gleichgesetzt. Nach dieser Lehre können die Befleckungen der Buddha-Natur gereinigt werden; eine solche Befreiung ist mithilfe der Vier Edlen Wahrheiten und des Achtfachen Pfades möglich. Wenn die Befleckungen verschwunden sind, verwirklicht sich zudem die Leerheit.

Zusammenfassend nennt Berthold die folgenden drei wichtigen Merkmale der Buddha-Natur in der Lehre des Reinen Landes:

1. Sie sei die Essenz und die ursprüngliche Fähigkeit aller Wesen, Buddhaschaft zu erlangen.
2. Ontologisch betrachtet sei die Leerheit des Ich identisch mit der Buddha-Natur und der Erkenntnis der „eigentlichen Nichtzweiheit von Prinzip und Erscheinung“.
3. Die Verwirklichung der Buddha-Natur sei ein Heilungsprozess und die Überwindung des Leidens, also ein soteriologischer Vorgang: „Das Vertrauen in die Existenz der Buddha-Natur ist dabei die Grundlage, den Weg des Buddha zu gehen.“[iv]

Wesentlich für die buddhistische Linie des Reinen Landes sind der Glaube und das tiefe Vertrauen in die Identität des wahren Selbst mit Buddha, oder anders ausgedrückt: die Wesensgleichheit der Buddha-Natur mit dem Selbst. Diese Lehre kam von China nach Japan und erlangte seit dem 13. Jahrhundert erhebliche Bedeutung. Sie besagt, dass es uns durch den tiefen Glauben an Buddha und die eigene Buddha-Natur möglich sei, das Dharma-Tor zu durchschreiten und alle Ich-zentrierten Vorstellungen zu überwinden.

Dazu bedarf es einer klaren Entscheidung und festen Entschlossenheit, den Weg Buddhas zu gehen. Dann werde sich die Sichtweise des eigenen Selbst, der anderen Menschen und der ganzen Welt grundlegend verändern.





[i] Wachs, Marianne (Hrsg.): Buddha-Natur, Themenschwerpunkt. In: Form ist Leere – Leere Form, S. 7
[ii] ebd., S. 31 ff.
[iii] ebd., S. 39
[iv] ebd., S. 42

Sonntag, 5. Juni 2016

Buddhas Suche nach der Wahrheit

(Nishijima Roshi)

Gautama Buddha befand sich im Zwiespalt: Weder der Brahmanismus, die Religion, die zu seinen Lebzeiten vorherrschte[i], noch die philosophischen Lehren der Materialisten und Skeptiker führten ihn bei seiner Suche nach der Wahrheit weiter. In dieser Situation praktizierte er intensiv Zazen-Meditation. Nach einiger Zeit, früh am Morgen, sah er den klaren Morgenstern am Himmel und erkannte, dass die Welt hier und jetzt wunderbar ist: „Die Erde und alle Lebewesen sind wunderbar“, so steht es in den Sûtras.

Diese totale und vorbehaltlose Annahme aller Dinge, so wie sie sind, gaben Gautama Buddha die sichere Grundlage, auf der er sein Denken aufbaute und formte. Wenn wir die vielen buddhistischen Sûtras studieren, die über Buddhas Verwirklichung geschrieben wurden, kommen wir zu dem Schluss, dass er diesen Zustand erreichte, weil er sich auf das Handeln im gegenwärtigen Augenblick, auch als Meditation, bezog.

Ganz gleich, welche Fehler wir in der Vergangenheit begangen haben, wir können nicht zu dem vergangenen Augenblick zurückkehren, um dann die Dinge richtig zu machen, auch wenn wir den Fehler bedauern. Gleichzeitig können wir niemals verlässlich in die Zukunft sehen, ob wir zum Beispiel unseren Traum einmal verwirklichen werden.

Aber wenn wir erkennen, dass das Leben auf das Handeln zentriert ist, sehen wir, dass wir nur wirklich in der Gegenwart existieren können. Wir können niemals in die Vergangenheit zurückkehren, und wir können niemals bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt in die Zukunft gehen.

Dies ist die Essenz dessen, was Gautama Buddha lehrt – die wirkliche Existenz im gegenwärtigen Augenblick. Und das ist die zentrale Aussage Dôgens zur Verwirklichung der Buddha-Natur. Gautama Buddha erkannte klar, dass es der einzig realistische Weg zu leben ist, wenn wir genau im gegenwärtigen Augenblick das Beste tun, das wir können.

Solange wir auf diese Weise leben, gibt es nichts, was wir fürchten müssen und was uns Sorgen bereiten könnte. Das Universum bewegt sich vorwärts unter dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Alles was wir in unserem Leben tun können, besteht darin, ganz in der Gegenwart zu handeln und zu leben. Dies ist Gautama Buddhas Lehre.

Wenn wir diese Sichtweise haben, ist nichts in unserem Leben unmöglich. Obgleich die Probleme kommen und gehen, werden sich die Dinge mit aufrichtigem Handeln und der Entfaltung von Ursache und Wirkung verbessern. Aber wir müssen uns auch in glücklichen Zeiten anstrengen, diesen guten Zustand aufrechtzuerhalten, denn alles ist im Wandel. Die Veränderungen müssen wir als Chance begreifen, anstatt zu resignieren. Wenn die Menschen auf das Handeln fokussiert sind, können sie alle ihre Probleme lösen.

Wir sind sehr glücklich, dass Gautama Buddhas Lehren durch die Jahrhunderte zu uns gekommen sind, und wir können seine große Güte fühlen.

Ich ermutige die Menschen, Buddhas Lehren zu studieren und ihnen mit ihrer ganzen Energie zu folgen, um seine Lehre des Handelns zu verwirklichen!




[i] Seele, Katrin: „Das bist Du!“Das Selbst“ (âtman) und das „Andere“ in der Philosophie der frühen Upanisaden und bei Buddha