Freitag, 24. Juni 2016

Buddha-Natur des Reinen Landes im harten Alltag



Nishijima Roshi erklärte mir einmal, dass der Buddhismus des Reinen Landes vor allem für die schwer arbeitenden Menschen sehr wichtig gewesen sei, denn sie hatten kaum Zeit und keine finanziellen Möglichkeiten, sich intensiver mit der buddhistischen Lehre und der speziellen Praxis zu beschäftigen.

Ein Großteil der japanischen Bevölkerung wurde viele Jahrhunderte hindurch ständig von Existenznot bedroht. Um ihr nacktes Überleben zu sichern, musste die ganze Familie von morgens bis abends hart arbeiten. Der Glaubens-Buddhismus des Reinen Landes war leichter mit dem Alltag zu verbinden und verlieh innere Ruhe und Sicherheit – gerade bei großen Entbehrungen und in Notsituationen. In den folgenden Jahrhunderten waren die Klöster bereits verhältnismäßig wohlhabend und verfügten oft über nicht unerheblichen Landbesitz, der zum Beispiel durch Schenkungen der reichen Oberschicht zustande gekommen war. In den Klöstern gab es daher wesentlich bessere Bedingungen als für die übrige Bevölkerung, sich intensiv mit der Lehre und Praxis des Buddhismus zu beschäftigen.

Ähnlich wie beim praxisnahen Ansatz des Reinen Landes hat sich die deutsche Nonne Ayya Khema intensiv mit der Buddha-Natur beschäftigt und diese in ihre praxisorientierte Lehre integriert. Sie war zwar eine Vertreterin des frühen Buddhismus, hielt jedoch die Lehre der Buddha-Natur für ganz zentral, um den Buddha-Weg gerade in der heutigen Zeit zu gehen.[i]

Von ihrer Schülerin Traudel Reiß wird sie mit der folgenden Aussage zitiert:

„Die Buddha-Natur bedeutet das Erleuchtungsprinzip, das Potential für Erleuchtung, das Potential der absoluten Wahrheitserkenntnis, das wir alle in uns tragen.“ [ii]

Für Traudel Reiß und Ayya Khema sind daher Buddha-Natur und das wahre Wesen, das Erleuchtung und Befreiung erreichen kann, weitgehend identisch. Obgleich Gautama Buddha in seinen Lehrreden die Buddha-Natur selten explizit erwähnt, ist seine radikal neue Befreiungslehre mit dem Thema der Buddha-Natur unlösbar verbunden. Denn er lehrte, dass jeder Mensch erwachen kann, also Erleuchtung erlangen kann – und genau das ist die Kernaussage zur Buddha-Natur.

Ayya Khema sieht eine direkte Verbindung zum deutschen Mystiker Meister Eckhart, der von dem „Fünkelein“ des Menschen spricht. Für sie besteht nicht der geringste Zweifel, dass alle Religionen die zentrale Kernaussage des Fünkeleins oder der Buddha-Natur beinhalten. Alle Menschen, welche die absolute Wahrheit gesucht und gefunden haben, hätten das Gleiche entdeckt:

„Wie wäre es anders möglich, wie kann es mehrere absolute Wirklichkeiten geben?“[iii]

Der Fehler liege darin, dass die verschiedenen Religionen zu oft in ideologisch übersteigerter Weise dazu neigen, sich voneinander abzugrenzen, und sich letztlich an Äußerlichkeiten und Ritualen festhalten, ohne den wesentlichen Kern des Gemeinsamen zu sehen. Nach Buddha und Nagarjuna handelt es sich dabei um Extreme, die keine Wirklichkeiten besitzen und daher zu Leiden, Hass oder Illusionen führen. Daher lehren beide den Mittleren Weg, der ganz neue Kräfte für ein wirklich gelungenes Leben entwickelt.





[i] ebd., S. 123 ff.
[ii] ebd., S. 123
[iii] ebd., S. 124 f.

Mittwoch, 15. Juni 2016

Die Buddha-Natur im Reinen Land



Der buddhistische Studienverlag hat in einem Themenschwerpunkt-Band das Thema „Buddha-Natur“ verschiedener buddhistischer Schulrichtungen zusammengeführt und dadurch einen ausgezeichneten Überblick ermöglicht. Diese buddhistischen Übertragungslinien sind im Westen, auch in Deutschland, angekommen und beeinflussen sich gegenseitig: „Dies hat zum Beispiel den Theravâda-Buddhismus dazu bewegt, sich mit dem Begriff ‚Buddha-Natur‘ auseinanderzusetzen, obwohl er mit seinem Sinngehalt in klassischen Lehrgebäuden des Theravâda allenfalls in Anfangsgründen präsent war.“[i]

Das heißt, im frühen Buddhismus gab es zwar gewisse Ansätze zur Buddha-Natur, aber erst im Mahâyâna, im tantrischen Buddhismus (siehe Diamant-Sûtra) und im Zen wurde diese buddhistische Lehre ausgebaut.

Ähnlich wie im Zen versteht die buddhistische Schule des Reinen Landes die Buddha-Natur vor allem durch Praxis, aber anders als im Zen auch durch Glauben, und betrachtet sie „weniger als theoretisches Lehrgebäude“[ii]. Der Buddhologe Roland Berthold zitiert in diesem Zusammenhang aus einem bekannten Sûtra:

Klares Licht ist dieser Geist, er ist durch hinzukommende Befleckungen befleckt“ und „wird von hinzukommenden Befleckungen losgelöst“.[iii]

Das klare Licht wird als die ursprüngliche wesentliche Essenz des Menschen und der Welt erfahren und verstanden und mit der Buddha-Natur weitgehend gleichgesetzt. Nach dieser Lehre können die Befleckungen der Buddha-Natur gereinigt werden; eine solche Befreiung ist mithilfe der Vier Edlen Wahrheiten und des Achtfachen Pfades möglich. Wenn die Befleckungen verschwunden sind, verwirklicht sich zudem die Leerheit.

Zusammenfassend nennt Berthold die folgenden drei wichtigen Merkmale der Buddha-Natur in der Lehre des Reinen Landes:

1. Sie sei die Essenz und die ursprüngliche Fähigkeit aller Wesen, Buddhaschaft zu erlangen.
2. Ontologisch betrachtet sei die Leerheit des Ich identisch mit der Buddha-Natur und der Erkenntnis der „eigentlichen Nichtzweiheit von Prinzip und Erscheinung“.
3. Die Verwirklichung der Buddha-Natur sei ein Heilungsprozess und die Überwindung des Leidens, also ein soteriologischer Vorgang: „Das Vertrauen in die Existenz der Buddha-Natur ist dabei die Grundlage, den Weg des Buddha zu gehen.“[iv]

Wesentlich für die buddhistische Linie des Reinen Landes sind der Glaube und das tiefe Vertrauen in die Identität des wahren Selbst mit Buddha, oder anders ausgedrückt: die Wesensgleichheit der Buddha-Natur mit dem Selbst. Diese Lehre kam von China nach Japan und erlangte seit dem 13. Jahrhundert erhebliche Bedeutung. Sie besagt, dass es uns durch den tiefen Glauben an Buddha und die eigene Buddha-Natur möglich sei, das Dharma-Tor zu durchschreiten und alle Ich-zentrierten Vorstellungen zu überwinden.

Dazu bedarf es einer klaren Entscheidung und festen Entschlossenheit, den Weg Buddhas zu gehen. Dann werde sich die Sichtweise des eigenen Selbst, der anderen Menschen und der ganzen Welt grundlegend verändern.





[i] Wachs, Marianne (Hrsg.): Buddha-Natur, Themenschwerpunkt. In: Form ist Leere – Leere Form, S. 7
[ii] ebd., S. 31 ff.
[iii] ebd., S. 39
[iv] ebd., S. 42

Sonntag, 5. Juni 2016

Buddhas Suche nach der Wahrheit

(Nishijima Roshi)

Gautama Buddha befand sich im Zwiespalt: Weder der Brahmanismus, die Religion, die zu seinen Lebzeiten vorherrschte[i], noch die philosophischen Lehren der Materialisten und Skeptiker führten ihn bei seiner Suche nach der Wahrheit weiter. In dieser Situation praktizierte er intensiv Zazen-Meditation. Nach einiger Zeit, früh am Morgen, sah er den klaren Morgenstern am Himmel und erkannte, dass die Welt hier und jetzt wunderbar ist: „Die Erde und alle Lebewesen sind wunderbar“, so steht es in den Sûtras.

Diese totale und vorbehaltlose Annahme aller Dinge, so wie sie sind, gaben Gautama Buddha die sichere Grundlage, auf der er sein Denken aufbaute und formte. Wenn wir die vielen buddhistischen Sûtras studieren, die über Buddhas Verwirklichung geschrieben wurden, kommen wir zu dem Schluss, dass er diesen Zustand erreichte, weil er sich auf das Handeln im gegenwärtigen Augenblick, auch als Meditation, bezog.

Ganz gleich, welche Fehler wir in der Vergangenheit begangen haben, wir können nicht zu dem vergangenen Augenblick zurückkehren, um dann die Dinge richtig zu machen, auch wenn wir den Fehler bedauern. Gleichzeitig können wir niemals verlässlich in die Zukunft sehen, ob wir zum Beispiel unseren Traum einmal verwirklichen werden.

Aber wenn wir erkennen, dass das Leben auf das Handeln zentriert ist, sehen wir, dass wir nur wirklich in der Gegenwart existieren können. Wir können niemals in die Vergangenheit zurückkehren, und wir können niemals bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt in die Zukunft gehen.

Dies ist die Essenz dessen, was Gautama Buddha lehrt – die wirkliche Existenz im gegenwärtigen Augenblick. Und das ist die zentrale Aussage Dôgens zur Verwirklichung der Buddha-Natur. Gautama Buddha erkannte klar, dass es der einzig realistische Weg zu leben ist, wenn wir genau im gegenwärtigen Augenblick das Beste tun, das wir können.

Solange wir auf diese Weise leben, gibt es nichts, was wir fürchten müssen und was uns Sorgen bereiten könnte. Das Universum bewegt sich vorwärts unter dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Alles was wir in unserem Leben tun können, besteht darin, ganz in der Gegenwart zu handeln und zu leben. Dies ist Gautama Buddhas Lehre.

Wenn wir diese Sichtweise haben, ist nichts in unserem Leben unmöglich. Obgleich die Probleme kommen und gehen, werden sich die Dinge mit aufrichtigem Handeln und der Entfaltung von Ursache und Wirkung verbessern. Aber wir müssen uns auch in glücklichen Zeiten anstrengen, diesen guten Zustand aufrechtzuerhalten, denn alles ist im Wandel. Die Veränderungen müssen wir als Chance begreifen, anstatt zu resignieren. Wenn die Menschen auf das Handeln fokussiert sind, können sie alle ihre Probleme lösen.

Wir sind sehr glücklich, dass Gautama Buddhas Lehren durch die Jahrhunderte zu uns gekommen sind, und wir können seine große Güte fühlen.

Ich ermutige die Menschen, Buddhas Lehren zu studieren und ihnen mit ihrer ganzen Energie zu folgen, um seine Lehre des Handelns zu verwirklichen!




[i] Seele, Katrin: „Das bist Du!“Das Selbst“ (âtman) und das „Andere“ in der Philosophie der frühen Upanisaden und bei Buddha

Mittwoch, 11. Mai 2016

Das Denken ist weniger leistungsfähig als wir glauben

(Nishijima Roshi)

In der Schule lernen wir nur die Philosophie einer Kultur kennen, die auf dem Denken und auf Ideen basiert. Dieser Standpunkt beruht auf dem Glauben, dass es möglich ist, alle Dinge zu verstehen und alle Probleme mit dem Verstand zu lösen. Mit einem solchen Ansatz können wir die Buddha-Natur jedoch niemals verwirklichen.

Viele Menschen reagieren allerdings sehr ablehnend angesichts der Behauptung, dass Probleme nicht allein durch Denken gelöst werden können, sondern dass wir praktisch handeln müssen. Aber ist das Denken wirklich so leistungsfähig für die Lösung unserer existenziellen und alltäglichen Probleme?

Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass die Menschen die denkerisch begabtesten Lebewesen sind, denn das menschliche Gehirn ist wesentlich größer als das Gehirn eines Affen. Wir haben mehr Gehirnzellen und Verschaltungen als alle unsere tierischen Verwandten. Dieser Umstand hat es der menschlichen Rasse erlaubt, sich selbst wegen der intellektuellen Fähigkeiten in die Nähe von Göttern zu positionieren. Tatsächlich ist dies auch die Position, in die die westliche Kultur den Menschen in der Abfolge der Entwicklungen auf der Erde einordnet. Für eine solche Perspektive ist es ganz natürlich, den Schluss zu ziehen, dass wir die Kraft haben, alles durch Denken zu verstehen.

Die Wissenschaft ist ein Kind der menschlichen Intelligenz, und die vielen innovativen Entwicklungen im Bereich der Wissenschaft haben uns große Vorteile gebracht, die in der Menschheitsentwicklung ohne Parallelen sind. Unser materieller Fortschritt ist so erstaunlich, dass wir fast selbstverständlich meinen und fühlen, es gebe nichts, was im Laufe der Zeit nicht intellektuell und wissenschaftlich verstanden werden könnte. Der Intellekt wird deshalb von vielen als das Höchste angesehen. Wenn wir allerdings unser tägliches Leben betrachten, können wir ganz klar sehen, dass wir uns darin selbst fundamental täuschen.

Das Leben funktioniert nicht auf diese Weise. Wir können in eine Buchhandlung gehen und werden mit Hunderten und Tausenden von Büchern zu allen möglichen Themen konfrontiert. Wenn wir eines kaufen, es mit nach Hause nehmen und lesen, wird aber schnell klar, dass es uns keine wirklich fundierten Antworten auf unsere Lebensprobleme geben kann.

Selbst wenn wir große Mengen von Informationen und Wissen ansammeln, sind wir überhaupt nicht in der Lage, dieses Wissen einfach oder gar vollständig in die Praxis unseres wirklichen Lebens umzusetzen. Es ist zu schwierig, ein Thema erschöpfend zu verstehen und ein Problem allein mit dem Verstand zu lösen.

Unsere Anstrengungen können sogar dazu führen, Dinge zu tun, die wir gerade vermeiden wollten. Wenn wir nur mit der Perfektion einer Idee leben und versuchen, unser Leben darauf aufzubauen, werden wir immer über die Ergebnisse unserer Anstrengungen enttäuscht sein. Dies ist die wirkliche Situation in der Welt.

Andere Menschen denken im Gegensatz dazu, dass es klüger wäre, sich mit einem Leben ohne jede Anstrengung zu arrangieren. Sie werfen Ideen, Ideale und Ziele weg, indem sie sich ohne eigenes Streben einfach der Situation anpassen und sich treiben lassen. Aber als Folge davon finden sie keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Auch das Vergnügen daran, zum Beispiel etwas Gutes zu essen und Geld für schöne Kleidung auszugeben, gibt uns nur vorübergehend ein gutes Gefühl. Selbst wenn wir reich werden und in großartigen Häusern leben, ist es sehr zweifelhaft, ob wir tatsächlich mit unserem Leben zufrieden sind.

Weder der Idealismus noch der Materialismus kann uns also wirklich befriedigen, die Buddha-Natur bleibt uns verschlossen.


Samstag, 30. April 2016

Buddhismus als wesentliches System in der Welt-Erfahrung

(Nishijima Roshi)


Ich möchte nun den Buddhismus vor dem Hintergrund der Entwicklung von Glaubenssystemen bis zum heutigen Tag genauer untersuchen. Im Mittelalter war der spirituelle Glauben vorherrschend; die Kraft des Materiellen war noch nicht in der Gesellschaft verankert: Die Zeit des Materialismus und der Natur-wissenschaften hatte noch nicht begonnen. Aber schon gegen Ende des 19. Jahr-hunderts fingen die Menschen an, ihr Vertrauen in die höchste Kraft des Materialismus zu verlieren, und dies führte zur gegenwärtigen Lage in der Welt, in der die Menschen aufrichtig nach alternativen Möglichkeiten für ihr Leben suchen.

Nach meiner festen Überzeugung ist in diesem Entwicklungsstrom unserer Geschichte und in der jetzigen Zeit der Buddhismus mit seiner Grundlage des klaren Handelns, auch und gerade in der Meditation, in ausgezeichneter Weise geeignet, ein ganz wesentliches System in der Welterfahrung zu werden. Er ist ein sehr praktisches philosophisches System, das alle anderen vereinen kann, ohne sie von sich selbst zu entfremden.

Dies ist meine Schlussfolgerung, nachdem ich viele Jahrzehnte lang das Shôbôgenzô studiert habe. Denn was Meister Dôgen über das Handeln aufgrund der Lehren Gautama Buddhas sagt, zeigt, dass die buddhistische Weise der Welterfahrung, die auf das Handeln zentriert ist, dazu bestimmt ist, eine zentrale Lebensphilosophie für die Welt zu werden.

An dem jetzigen Zeitpunkt der Entwicklung kann die Menschheit nicht länger an die mittelalterlichen spirituellen Systeme glauben und ebenso wenig die Vorherrschaft der Naturwissenschaft akzeptieren, wenn es um die dringenden Antworten geht. Die Menschen suchen nach etwas, das weder erlernter Glauben noch materialistische Naivität ist und auf das sie sich wirklich in ihrem Leben verlassen können. In dieser Situation kann der Buddhismus den Menschen das geben, was sie dringend suchen.

Aber was bedeutet menschliches Handeln genau? Diese Frage ist von zentraler Bedeutung. Im Shôbôgenzô findet man viele Erklärungen über die wahre Natur des Handelns, zum Beispiel im Kapitel Shoaku Makusa oder „Erzeugt nichts Falsches“[i]: Ein berühmter chinesischer Dichter, Haku-Raku-Tem (Künstlername Haku Kyo-i), unterhielt sich mit seinem Meister Choka Dorin. Haku-Raku-Tem war auch als Politiker bekannt und ein begeisterter Schüler des Buddhismus.

Als er für verschiedene Distrikte in China zum Gouverneur ernannt worden war, wurde er Schüler von Meister Choka Dorin. Eines Tages fragte er seinen Meister: „Was ist die große Absicht des Buddha-Dharma?“ Meister Choka antwortete: „Nichts Falsches zu begehen. Die vielen Arten des Rechten zu praktizieren.“ Haku-Raku-Tem hatte wohl gehofft, dass sein Meister ihm eine gelehrte und philosophisch tiefgründige Antwort geben würde, die ihn intellektuell zufriedenstellte. Aber Meister Choka antwortete ihm einfach, nichts Falsches zu tun und die vielen Arten des Rechten zu praktizieren.

Haku-Raku-Tem war sehr enttäuscht über diese simple und direkte Antwort auf seine tiefgründige Frage und sagte zu seinem Meister: „Wenn dies so ist, kann sogar ein Kind von drei Jahren so etwas sagen.“ Damit offenbarte er, dass er dachte, der Buddhismus sei ein viel komplizierteres Lehrgebäude und anspruchsvolles philosophisches Streben. Er müsse mehr beinhalten als einfache Aussagen über das Verhalten in unserem täglichen Leben. Meister Choka erwiderte daraufhin: „Ein Kind von drei Jahren kann die Wahrheit sagen. Aber selbst ein alter erfahrener Mann von 80 Jahren kann sie nicht praktizieren.“ Denn der entscheidende Punkt dabei ist, dass es tatsächlich sehr schwierig ist, diese einfache Ermahnung, das Richtige zu tun, in der Praxis umzusetzen. Auch ein alter Mann kann damit Schwierigkeiten haben.

Chokas Antwort ist eine sehr gute Beschreibung der wirklichen Situation in unserem Leben. Die Tatsache, dass ein drei Jahre altes Kind etwas sagen kann, was aber nicht einmal von einem 80 Jahre alten Mann in die Praxis umgesetzt werden kann, zeigt uns klar die enorme Kluft zwischen dem, was wir denken und sagen, und dem, was tatsächlich getan werden kann. Theorie und Handeln existieren in vollständig verschiedenen Welten, sie liegen weit auseinander!






[i] Kap. 10, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 100 ff.: „Erzeugt kein Unrecht und erlangt die Freiheit! (Shoaku makusa)“ 

Freitag, 15. April 2016

Buddhismus als Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens

(Nishijima Roshi)

In der schwierigen Situation der Gegenwart möchte ich anregen, dass wir auf den Buddhismus schauen. Er ist keine der bekannten rein spirituellen Religionen und auch kein materialistisches System. Buddhismus ist eine Lebensweise, die auf dem Handeln basiert.

Die Haupt-Charakteristik der buddhistischen Philosophie besteht darin, dass sie auf der wahren Natur des Handelns selbst beruht. Und das ist identisch mit der Verwirklichung der Buddha-Natur, die weder idealistisch noch materialistisch ist.

Im Folgenden möchte ich aufzeigen, warum der Buddhismus wichtige Impulse für zukünftige Glaubenssysteme dieser Welt geben kann. Als ich ein Student von 17 oder 18 Jahren war, faszinierte mich ein Buch mit dem Titel Shôbôgenzô. Ein buddhistischer Mönch, Meister Dôgen, hatte es im 13. Jahrhundert verfasst.

 Für mehr als 50 Jahre beschäftigte ich mich mit diesem großen Werk, habe es in modernes Japanisch übersetzt und wieder und wieder studiert. Indem ich es immer wieder durcharbeitete, gewann ich Klarheit über seine Bedeutung. Über sechstausend Mal und an vielen Orten habe ich über das Shôbôgenzô gelehrt.

Diese lang andauernde, intensive Beschäftigung hat mich dazu geführt, ganz klar zu erkennen, dass das, was Meister Dôgen im Shôbôgenzô unternimmt, die Erklärung der Natur der Wirklichkeit ist. Seine tiefgründigen Überlegungen konzentrieren sich auf die Natur des Handelns. Das Kriterium für das wahre Leben, das Dôgen erklärt, beruht nicht auf spirituellem Glauben oder materiellen „Tatsachen“, sondern konsequent auf unserem Handeln. Dieses Kriterium kann die Grundlage für eine neue Sicht der Welt bilden, eine neue tragfähige Philosophie für die Zukunft.

Zu dieser Überzeugung bin ich folgendermaßen gekommen: In einem Kapitel im Shôbôgenzô über das tägliche Leben (Kajô)[i] zitiert Meister Dôgen seinen eigenen chinesischen Meister Tendô Nyojô:

„Die goldene und strahlende Form ist, gekleidet zu werden und Mahlzeiten zu essen.“

Die Formulierung „goldene und strahlende Form“ bezieht sich hier auf die Figur Gautama Buddhas selbst, von dem man sagt, dass ihn eine goldene Aura umgibt. Tendô Nyojôs Worte bedeuten, dass unser tägliches Handeln, also zum Beispiel zu essen und sich anzuziehen, den goldenen Glanz Buddhas beinhaltet; diese täglichen Handlungen leuchten aus sich selbst heraus.

Diese klare Aussage enthält die Essenz des Buddhismus, die sich direkt auf unser reales Handeln im Alltag bezieht. Handlungen formen das wirkliche Zentrum unserer wahren Existenz.

Ein anderes wichtiges Kapitel im Shôbôgenzô heißt Jinzû oder auf Deutsch „Die mystischen Kräfte“[ii]. Es untersucht die Wirklichkeit der besonderen Kräfte, welche die Menschen durch das buddhistische Training erlangen. Meister Dôgen zitiert darin einen Chinesen mit dem Namen Ho-on, der Laie war und den Buddhismus studierte, während er in der sozialen Gesellschaft arbeitete:

„Die mystische Kraft und wundersame Funktion, Wasser zu schöpfen und Feuerholz zu tragen.“

Dieser Vers besagt, dass die buddhistische Bedeutung der mystischen Kraft und wundersamen Funktion in dem enthalten ist, was damals zum täglichen Handeln gehörte, nämlich Wasser zu holen und Feuerholz zu tragen – Wasser zum Trinken und zum Kochen, Feuerholz fürs Kochen und Heizen.

Was ist mystisch und wunderbar bei diesen Aktivitäten? Sie geben uns tatsächlich das Leben – sie sind unser Leben selbst. Wenn wir den Buddhismus auf diese Weise betrachten, können wir sehen, dass er keine Religion ist, die auf etwas beruht, das wir nur in unserem Geist erzeugen. Er ist eine Religion, die uns klar lehrt, wie wir unser Leben Tag für Tag führen können.






[i] Kap. 64, ZEN Schatzkammer, Bd. 3, S. 53 ff.: „Der Alltag im Hier und Jetzt (Kajô)“
[ii] Kap. 25, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 221 ff.: „Die mystische Kraft des Lebens und Universums (Jinzû)“

Montag, 4. April 2016

Religiöse Ideologien führen in die Sackgasse


 (Nishijima Roshi)
Die objektiven Beobachtungen der Sterne führten Kopernikus zu der Schlussfolgerung, dass die Sonne das Zentrum des Universums sei und die Erde sich um die Sonne bewege. Dies stand im krassen Gegensatz zum Ptolemäischen Weltbild, welches das Christentum in jener Zeit als absolutes Dogma vertrat. Das Vertrauen auf die kopernikanische Sichtweise des Universums setzte sich jedoch trotz des z. T. unmenschlich harten Widerstandes der Kirche durch und ist heute völlig unbestritten.

Im Zusammenhang damit wurden die ersten naturwissenschaftlichen Theorien entwickelt. Die Menschen begannen, die wirklichen konkreten Tatsachen, die direkt vor ihnen lagen, zu sehen und genau zu beobachten. Die Naturwissenschaft machte rasch Fortschritte und ließ viele, bis dahin unbestrittene christliche dogmatische Glaubensbereiche nach und nach zerbrechen. Dies war unvermeidlich.

Die europäische Kultur trat in die Periode der Renaissance ein – eine Periode, in der sich die Gesellschaft in eine mehr am Menschen orientierte Existenz zurückbewegte, deren Leitbild die römischen und griechischen Zeiten waren. Mit der Renaissance reformierte sich auch die Katholische Kirche, der christliche Glauben bekam ein menschlicheres Antlitz.

Am Ende des 18. Jahrhunderts war die Französische Revolution maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Glauben an die göttliche Kraft der Könige zerbrach. Das erlaubte den Menschen, politische Systeme völlig neu zu sehen, zu entwickeln und sich selbst eine Regierung zu geben, wie man sie haben wollte.

Das 19. Jahrhundert brachte eine signifikante Verstärkung des Materialismus. Im Einklang damit entwickelten Denker wie Karl Marx eine Philosophie, die besagte, dass alle Dinge und Phänomene der Welt aus der Materie und der materiellen Energie erklärt werden könnten und müssten. Dies führte mit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Situation, in welcher der Philosoph Nietzsche ausrief: „Gott ist tot!“ Damit wollte er ausdrücken, dass die Kraft der damaligen spirituellen Religionen so stark geschwächt war, dass sie nicht länger als Basis für das tägliche Leben von Bedeutung waren. Und vor allem: Religiöse unmenschliche Dogmen schaden dem Menschen!

Die große Frage ist, ob die Menschen tatsächlich ohne Glauben an eine Religion leben können. Ohne Glauben zu leben bringt mit sich, ohne definiertes Ziel und ohne Werte auskommen zu müssen. So verliert die Frage nach dem Sinn des Lebens schließlich jede Bedeutung.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts begann die intensive Suche nach etwas, das weder auf die Religion zugeschnitten war, noch allein auf die materielle Welt der Naturwissenschaft abzielte. Philosophen wie Kierkegaard, Nietzsche, Jaspers und Heidegger entwickelten eine existenzielle Sichtweise der Welt, in der sie erklärten, dass wir im Augenblick der Gegenwart existieren. Der amerikanische Philosoph John Dewey vertrat eine pragmatische Sichtweise, in der die maßgeblichen Kriterien nicht spirituell und auch nicht materiell sind, sondern sich im Einklang mit der Praxis und Ethik befinden. So könne man den Wert von etwas nach diesen Kriterien einschätzen, ob es nämlich nützlich für das menschliche Leben ist.

Diese Entwicklungslinien des philosophischen Denkens zeigen uns, dass die Menschen des 20. Jahrhunderts mit einem idealistischen Glauben, der sich allein auf den Geist konzentrierte, nicht zufrieden waren, allerdings auch nicht mit dem materialistischen Glauben der Naturwissenschaft.

Diese Unzufriedenheit, auch mit den vorhandenen Glaubenssystemen, begleitet uns bis heute. Vielleicht ist das größte Problem, dem sich die Menschheit im 21. Jahrhundert gegenübersieht, die Frage, welches Glaubenssystem wir als maßgebliches Kriterium für die menschliche Kultur annehmen und welche Glaubensgrundlage unsere Gesellschaft in Zukunft bestimmen wird.


Welche Aufgabe hat dabei der Buddhismus für die Menschheit? Was meinen Sie?