Montag, 27. März 2017

Buddha-Natur und Leerheit: Einfach und wunderbar


Die Buddha-Natur ist kein Ding, keine Entität wie ein Atom oder ein Wort, sondern die wahre Natur des ganzen Menschen in dieser Welt. Sie überschreitet die Grenzen der verbalen Formulierungen, der Intellektualität und hat keine metaphysischen Extreme wie absolute Substanz oder unsichtbare übernatürliche Essenz. "Natürlich" heißt auch, dass die wahre Natur keine intellektuelle absolute Wahrheit ist, die von manchen verkopften Philosophen behauptet aber nie gefunden oder beobachtet wurde. Nicht umsonst unterstreicht Dôgen in diesem Zusammenhang, wie wichtig die Zazen-Praxis ist, denn sie ist Verwirklichung der Buddha-Natur jäh im Augenblick oder, wie Nishijima Roshi es ausdrückt: das ist die erste Erleuchtung.

Dôgen zitiert den fünften Nachfolger im Dharma in China:

„Die Buddha-Natur ist Leerheit.[i] Daher nennen wir sie ‚ohne sein‘"

Sie ist ganz ohne metaphysische Spekulationen, ohne irgendetwas außer der Soheit: einfach, direkt, unverstellt und wunderbar.

Der Begriff „Leerheit“ wird häufig missverstanden und mystifiziert. Auf keinen Fall bedeutet Leerheit, dass es keine Wirklichkeit gibt, und einen isolierten Geist gibt es auch nicht: Geist und Form treten nicht getrennt auf. Leerheit meint auch nicht das Nichts, denn das wäre Nihilismus, der m. E. meist unecht oder sogar verlogen daher kommt. Das Gegenteil ist richtig: Sie bedeutet die nicht auslotbare Wirklichkeit selbst, die einfach so erfahren und gesehen wird, wie sie ist.[ii] Im Japanischen wird dafür häufig das Wort ku verwendet. Man kann es mit „Himmel“, „Raum“, „Luft“ und „Leerheit“ übersetzen; ku hat auch eine materielle Bedeutung der Form. Denn wie gesagt Form und Geist können nicht getrennt werden.

Der Begriff „Leerheit“ stammt ursprünglich aus dem Sanskrit und lautet dort shunyata. Aufgrund einer eingeengten philosophischen Semantik wurde dieser Begriff mit „Nichts“, „Nicht-Existenz“, „Nicht-Wirklichkeit“ und „illusorische Natur aller weltlichen Phänomene“ wiedergegeben. Eine solche Erklärung geht jedoch völlig in die Irre und an der Zen-buddhistischen Bedeutung vorbei.

Shunyata steht nämlich für „nackt“, „rein“ oder „transparent“ und heißt aus meiner Sicht vor allem, frei zu sein von Täuschungen, Illusionen, affektiven Verzerrungen, Selbstsucht usw., und vor Allem frei sein von extremen Ideologien der Extremisten. Buddha große Leistung ist es nicht zuletzt, dass er sich von den damaligen Ideologien im Gewande der Religion des Brahmamismus frei machte, nämlich dass die Menschen-verachtende totale Trennung in Kasten und sogar Kastelose von Gott gewollt, bestimmt und ewige Wahrheit sei, die nicht zerstört werden kann. Aber genau diese Zerstörung leistete Buddha.

Von Etwas leer zu sein bedeutet, frei von davon zu sein. Der Begriff „Freiheit“ wird im Westen überwiegend nur politisch verstanden und meint in diesem Sinne, frei zu sein von Repressionen, Unterdrückung, Ausbeutung oder politischer Entmündigung. Das ist sicher nicht ganz falsch. Die psychischen und spirituellen Aspekte dürfen jedoch nicht außer Acht gelassen werden. Solche Freiheit ist zum Beispiel die Unabhängigkeit von psychischen Fesseln, Fixierungen, Verdrängungen, Affektsteuerungen oder Suchtabhängigkeiten und andere vielfältige Unterdrückungen. Das ist mit Leerheit ausgedrückt.

Psychische und politische Freiheit bedeutet aber auf keinen Fall, verantwortungslos und auf Kosten anderer in der Gemeinschaft zu leben und seine Aufgaben im Beruf, in der Familie usw. zu vernachlässigen:

"Erleuchtung ist Feuerholz tragen und Wasser schöpfen",

einfach und unkompliziert. Freiheit bedeutet auch nicht, sich wichtigen Lernprozessen zu verschließen und zu behaupten, ein bestimmter psychisch-sozialer Zustand sei Ausdruck der eigenen großartigen Persönlichkeit oder sogar Gott-gewollt. Das glauben vor Allem Narzisten. Aber sie irren gründlich!




[i] Kap. 2, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 36 ff.: „Die große intuitive Weisheit, die das Denken überschreitet (Makahannya haramitsu)“; Kap. 43, ZEN Schatzkammer, Bd. 2, S. 154 ff.: „Die wahre Bedeutung der Blumen im Raum (Kûge)
[ii] vgl. Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 10, Fußnote 44

Freitag, 17. März 2017

Was fragt uns die die Buddha-Natur?


Was fragt Dôgen, um den zentralen Punkt der Buddha-Natur – des Zustandes und Handelns ohne Täuschungen – vertieft zu klären: In welchem Augenblick sind wir ohne Täuschungen? Haben wir bereits am Anfang unseres buddhistischen Lebens den Zustand ohne Täuschungen, Übertreibungen und ohne einengende Fixierungen, oder ist dies der Zustand nach dem Erlangen der Wahrheit, also nach der Erleuchtung?

Dieser im Zen-Buddhismus häufig mithilfe des Wortes „ohne“ beschriebene Zustand verwirklicht sich nach Dôgen im Augenblick des Samâdhi, also des Zazen. Wenn die Buddha-Natur Mensch wird, zum Beispiel Gautama Buddha, hat dieser den Zustand ohne Täuschungen, Anhaftungen und Fixierungen. Gleichzeitig ist er frei vom Begriff und der Vorstellung von der Buddha-Natur, denn sie haben ihre isolierte Bedeutung in der Wirklichkeit des Augenblicks verloren.

Die Wirklichkeit der Buddha-Natur sei identisch mit den Pfeilern der Tempel, und
„wir sollten uns von diesen äußeren Pfeilern nach der (Buddha-Natur) fragen lassen, und wir sollten die äußeren Pfeiler fragen“,
sagt Dôgen. Ich interpretiere dies so, dass wir uns ganz für die Dinge und Phänomene der Umgebung – in diesem Fall die einzelnen Teile der Klöster – öffnen und sie auf uns einwirken lassen sollen, indem wir die Grenzen von Subjekt und Objekt fallen lassen. In diesem Sinne bringen wir dann zum Beispiel die Pfeiler der Tempel dazu, dass sie uns nach unserer wahren Natur fragen.

„Wir sollten bewirken, dass die Buddha-Natur diese Frage stellt“,

fügt Dôgen hinzu. Das heißt, dass die Wirklichkeit selbst uns befragt und wir uns zum Beispiel unserer Täuschungen und Fixierungen bewusst werden.

Dôgen unterstreicht die große Bedeutung des Dialoges zwischen den Meistern Dai-i und Daiman zur Buddha-Natur, die den Zen-Buddhismus in China und damit bis heute wesentlich geprägt und gestaltet haben. Die großen Meister von Obai, vom Joshu-Distrikt und Dai-i-Berg haben später auf diesen fundamentalen Aussagen zur Buddha-Natur aufgebaut.

Die Buddha-Natur zielt zentral auf die Frage nach dem Was eines Menschen und nach der Unfassbarkeit des Körper-und-Geistes. Mit dem Dies liegt der Fokus auf dem Hier und Jetzt des Augenblicks. Ohne diese Eckpunkte geht jedes Verständnis der Buddha-Natur in die Irre. Sie wird auch mit dem berühmten japanischen Wort mu beschrieben, das keineswegs das Nichts der Nihilisten bedeutet, sondern dass wir Täuschungen „nicht haben“ oder „ohne“ sie sind.


Solche Formulierungen sind für uns Menschen des Westens zunächst schwer verständlich. Aber sie sind für das wahre Verständnis der Buddha-Natur von großer Bedeutung und erfordern einen radikalen Paradigmenwechsel in unserer westlichen Vorstellung, die im Allgemeinen sehr dinghaft, Idee-orientiert und durch unterscheidendes trennendes Denken geprägt ist.

Samstag, 11. März 2017

Haiku-Gedicht auf dem ZEN-Retreat

(Stephan Shinshi Albrecht)


Ich freue mich in diesem Blog die Gelegenheit zu haben über meine zufälligen Eingebungen auf einem Zen-Retreat im Jahr 2016 in Südtirol zu schreiben. Es soll um Haikus gehen. Ein Haiku ist eine japanische Gedichtform. Diese Gedichtform hat eine wichtige Eigenheit, die ich hervorheben möchte:

Im Gegensatz zu unseren europäischen Gedichten, speziell denen aus der Romantik, steht beim Haiku nicht der Autor im Vordergrund. Sie kennen das, in einem romantischen Gedicht geht es um Liebe, Sehnsucht oder Leidenschaft. Und es spricht der Schriftsteller zu uns, durch Personen und Handlung. Mit seiner vollen Subjektivität und Emotionalität. Anders das Haiku. Das Haiku entsteht durch eine klare Beobachtung. Und nur darum geht es. Eine klare Beobachtung der Umgebung. Meine Eindrücke finden Sie am Ende dieses Artikels. Zuvor möchte ich Sie noch über die Entstehung der Haikus informieren, da dies möglicherweise nicht jedem Leser bekannt ist.

Die Entstehung des Haikus und geht in das zwölfte Jahrhundert Japans zurück. Es stammt vom „Ranga“ ab. Ein Ranga ist ein verbundenes Lied oder Gedicht. Einzelne Dichter oder Gruppen von ihnen improvisierten über die Renga-Vers-Struktur. So entstanden Werke mit über 10000 Versen. Ein Ranga  war ein zusammenhängendes Gedicht mit 17 Silben in Folge oder als Nachfolger von einem Vers mit 14 Silben. Vier Jahrhunderte später erlebten die traditionellen japanischen Künste auch bei den gewöhnlichen Leuten einen starken Auftrieb.

So entstanden „Haikais“. Sie waren ungewöhnlich und unkonventionell. Möglicherweise eine Gegenbewegung zu der Hof-Poesie dieser Zeit, die sogenannte „Sprache der Götter“. Haikais waren in der Alltagssprache verfasst, hatten Humor und das Element der Überraschung. Im siebzehnten Jahrhundert wurden die Haikais feinfühliger und würdevoller. Sie wurden als „Hokku“ zur eigenständigen Versfrom. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde aus dem Wort „Hokku“ das Wort „Haiku“. Haiku bedeutet „ungewöhnlicher Vers“. So hat unser Haiku eine neunhundertjährige Reise vom „Ranga“ bis zum modernen Haiku hinter sich gebracht.

Das Haiku konnte sich glücklicherweise auch außerhalb Japans ausbreiten. In Deutschland und im englischen Sprachraum hat sich eine Versform mit 17 Silben entwickelt und das Schreiben von Haikus hat viele Anhänger gefunden. Es hat sich eine dreizeilige Versform mit dem Silbenschema 5-7-5 etabliert. In Japan gibt es allerdings die meisten aktiven Haiku-Verfasser: dort gibt es wohl eine Million von ihnen. Haikus werden dort z.B. täglich in Tageszeitungen veröffentlicht. Somit ist das Haiku zwar immer noch in Japan beheimatet, aber auch in unseren Breiten gibt es viele Anhänger.

Wie ist das Haiku nun in mein Leben getreten, oder wieso schreibe ich spontan zwei Haikus auf einem Zen-Retreat? Haikus sind mir aus meinen frühen Begegnungen mit dem Zen-Buddhismus bekannt. Ich habe zumindest von Ihnen gelesen, als ich mich mit 16 Jahren mit Zen beschäftigt habe. Ein paar Jahre später habe ich mich nur sehr kurz mit dem Schreiben von Haikus beschäftigt und möglicherweise bis zu zehn Haikus selbst geschrieben. Nur für meine eigene Unterhaltung.



Im August 2016, zwanzig Jahre später, sitze ich in einem Zen-Retreat mit Yudo in einem Bergkloster in Südtirol und beginne spontan innerhalb einer Woche zwei Haikus zu schreiben. Warum sich das Haiku-Schreiben so spontan und gänzlich unbewusst wieder bei mir gezeigt hat, kann ich nicht sicher beantworten. Sicherlich hat es sich durch die Umgebung und die Materie eines Zen-Retreats so angebahnt.

Nun zu den Haikus selbst: Viele Haikus die ich früher gelesen habe beschäftigen sich mit der Natur und dem unmittelbaren Erleben. Heute scheint es mir, als ob dies ein Fenster zur buddhistischen Sein-Werden-Zeit ist (vgl. Meister Dôgen: Uji). So wie ein Schluck herben Matcha-Tees oder ein guter Bogenschuss die Unendlichkeit erfahrbar macht. 

So scheint es mir nicht verwunderlich, dass auch meine kleinen Haikus diese Inhalte etwas reflektieren. Wenn ich jetzt einen Blick auf die Haikus werfe, dann aktivieren sich die beschriebenen Erlebnisse auf einer sensorischen Ebene sehr stark, ebenso entsteht wieder ein Gefühl von Einheit oder Unendlichkeit. Ich bin gespannt darauf, wie es Ihnen geht. In der Folge die beiden versprochenen Haikus.

Dampfendes Dach
Die Wolke fällt vom Himmel
kalt, feucht - einatmen

Weiße Marmorwand
Klänge erfüllen die Luft
Buddha spiegelt sich

Stephan Shinshi Albrecht












Sonntag, 26. Februar 2017

Die Fünf Hemmnisse der Achtsamkeit und des Erwachens


In der großen Lehrrede von den Grundlagen der Achtsamkeit beschreibt Buddha recht genau die Fünf Hemmnisse des Erwachens[1] Durch diese Hemmnisse werden zentrale Prozesse der Befreiung und Emanzipation des Menschen blockiert und dauerhaft gehemmt, sodass es für uns kein Erwachen und keine Erleuchtung geben kann. Welche Hemmnisse nennt Buddha?

Auf Sinnlichkeit gerichtetes Wollen
Übelwollen
Erstarren und Trägsein
Aufgeregtheit und Unruhe
Zweifelsucht

Sind diese Hindernisse und Blockierungen auch heuten aktuell und von großer Wichtigkeit und verhindern ein  gelungenes Leben? Das wir wohl niemand bestreiten! Sie stellen sich uns auf dem Weg zum Erwachen entgegen und umfassen ein weites Spektrum menschlichen Handelns, Fühlens und Denkens. Sie werden auch im Zen von Dōgen in vielen Kapiteln behandelt und sind auch im MMK Nagarjunas von zentraler Bedeutung, genauso wie im Herz-Sutra.
Im Abschnitt über die geistigen Gegebenheiten sagt Buddha zu den Fünf Hemmnisse:

„Da weilt, ihr Mönche, ein Mönch bei den geistigen Gegebenheiten in Betrachtung der geistigen Gegebenheiten, und zwar bei den fünf Hemmnissen.“[2]

Gäng hat bei seiner Übersetzung die Wiederholungen Buddhas akkurat beibehalten, obwohl das vielleicht für uns etwas umständlich klingt. Wir müssen aber bedenken, dass es sich damals um einen mündlichen Vortrag handelte und Gautama Buddha ungewöhnlich große pädagogische Fähigkeiten besaß, die nicht einfach zu verstehenden Lehr-Inhalte rhetorisch so aufzubauen, dass sie wirklich zu tiefgreifenden Veränderungen des Lebens bei den Zuhörern führten. Dazu sind Wiederholungen unumgänglich. Ich folge Gängs Entscheidung der genauen Übersetzung daher ausdrücklich.

Beim ersten Hemmnis handelt es sich um das auf Sinnlichkeit gerichtete Wollen. Damit sind starke sinnlich-psychische und affektive Energien gemeint, die eine vollständige Dominanz über den Menschen in seinem Körper-und-Geist erlangen können. Buddha betont, dass es sehr wichtig ist, seine eigenen Motive klar zu erkennen und sich nicht mit Selbsttäuschungen zufrieden zu geben. Sicher ist es gerade für Mönche und Nonnen, die dem Zölibat verpflichtet ist, nicht leicht sich einzugestehen, dass in ihnen sinnliches Wollen – auch in sexueller Hinsicht – die Oberhand gewonnen hat.

Buddha beschreibt die notwendige Vorgehensweise relativ sachlich: Der Mönch erkennt ein solches Wollen bei sich selbst, oder er stellt fest, dass es nicht vorhanden ist. Weiterhin erkennt er,

wie nicht entstandenes auf Sinnlichkeit gerichtetes Wollen entsteht“,

wie es also überhaupt dazu kommen kann, oder wie bereits entstandenes Wollen dieser Art wieder vergeht. Dann überlegt er,

wie vergangenes auf Sinnlichkeit gerichtetes Wollen künftig nicht mehr entsteht“.

In der Psychologie würde man dieses von Buddha geschilderte Wollen als triebgesteuertes Wollen bezeichnen. Aber es gibt selbstverständlich eine Vielfalt von sinnlichen Genüssen, auf die sich die Gier der Menschen beziehen kann, zum Beispiel auf Essen und Trinken oder Luxusgegenstände. Alle Arten von Übertreibungen und Abhängigkeiten, die eine Selbststeuerung der Affekte und des sinnlichen Wollens ausschalten und lebendige Prozesse verhindern, gehören in diesen Bereich.

Es leuchtet ein, dass in solchen Fällen eine bewusste Willens-Entscheidung gerade nach ethischen Gesichtspunkten kaum zu erwarten ist. Besonders dramatisch sind Suchtabhängigkeiten wie Drogen, Alkohol, Tabletten, aber immer stärker auch ein Übermaß des Konsums von Internet, Fernsehen und den sogenannten sozialen Netzwerke. Das führt eventuell zu Spielsucht und ungesteuertem "Daddeln" und kann schließlich, wie der Gehirnforscher Manfred Spitzer warnt, in die digitale Demenz abgleiten.

Mithilfe der Vier Edlen Wahrheiten und des Achtfachen Pfades können wir uns von solchen Hemmnissen befreien. Im Zen-Buddhismus hilft dabei vor allem die Meditation der Zazen-Praxis, also die Entleerung unseres Geistes von Hemmnissen, weil sie Gleichmut und Gleichgewicht ermöglicht und den Entscheidungsraum für uns Menschen ganz maßgeblich vergrößert. Karmische Abhängigkeiten von früheren Fehlern werden durch diese Praxis reduziert oder ganz ausgeschaltet, und genau dies ist die Befreiung von den Hemmnissen.





[1] Gäng, Peter (Hrsg.): Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 39 ff.
[2] S. 39

Montag, 20. Februar 2017

Die sieben Glieder des Erwachens


Bevor Buddha die Vier Edlen Wahrheiten zur Überwindung des Leidens und zum Erlangen des Erwachens also der Erleuchtung behandelt, gibt er einen Überblick über die wichtigen sieben Glieder des Erwachens. Hier wird das Befreiungsziel des Buddhismus klar aufgezeigt und in den wesentlichen Eckpunkten kurz beschrieben. Im vorherigen Kapitel des sutta wurden die wichtigen Wahrnehmungsfelder von Sehen, Hören, Tasten usw. behandelt, die zentrale Realitäts-Grundlage zum Erwachen sind. Darauf wird im ZEN ganz klar hingewiesen: Abstrakte Träume in Selbstbespiegelung bringen dabei wenig- oder jetzt im Frühling "Die Pflaumenblüten sind die Augen Gautamas."

Welche Bereiche des Erwachens führt Buddha nun im sutta an?
Es ist aufschlussreich, dass er zunächst die Achtsamkeit selbst nennt, die für das Erwachen entscheidend sei:
 „Da erkennt ihr Mönche, einen Mönch, wenn in ihm das Glied des Erwachens ´Achtsamkeit´ da ist: In mir ist das Glied des Erwachens Achtsamkeit da.

Die Umkehrung wird wie genannt, wenn also die Achtsamkeit nicht da ist. Es wird fortgeführt, wie wir erkennen, dass das noch „unentstandene Glied des Erwachens ´Achtsamkeit´ entsteht.“ Schließlich heißt es, dass diese Achtsamkeit als Teil des Erwachens „sich völlig entfaltet, auch das erkennt er“.

Diese so beschriebene Achtsamkeit wird im Zen-Buddhismus meines Erachtens mit dem Ansatz der Klarheit des Augenblicks und der vollen Präsenz in der Gegenwart weiter ausgearbeitet und nicht zuletzt mit dem klaren Handeln verbunden. Dadurch ergibt sich eine stimmige Lehre der Theorie und Praxis des Handelns im Augenblick bei voller Achtsamkeit, die von Dôgen an uns übermittelt wurde. Im MMK hat Nâgârjuna zudem deutliche Fehlinterpretationen mit erstaunlicher Präzision beschrieben und aus meiner Sicht dadurch schon die Aussagen Dôgens, die etwa eintausend Jahre später entstanden, sichtbar gemacht. Nagarjuna hat so zentrale Grundlagen für die weitere Entwicklung im Buddhismus geschaffen und die Notwendigkeit von Entwicklungsprozessen und der Emanzipation des Menschen radikal betont.

Buddha führt dann die Unterscheidung als wesentlich ein. Dies ist besonders beachtlich, da es manche buddhistische Linien und Traditionen gibt, die der genauen und gründlichen Unterscheidung der Dinge, Phänomene und Prozesse, der Dharmas, nur eine geringe Bedeutung zuordnen. Manchmal werden derartige Unterscheidungen sogar marginalisiert, um die angebliche alleinige Ganzheitlichkeit der buddhistischen Lehre zu unterstreichen. Dies scheint mir eine unzureichende Vereinfachung, denn zweifellos sind präzise einzelne Unterscheidungen zum Beispiel bei der sinnlichen Wahrnehmung, bei der psychischen Selbstanalyse und den Gefühlen von großer Bedeutung und lassen sich nicht wegdiskutieren. Es kommt also darauf an, die

ganzheitliche Sicht einerseits und die präzise Unterscheidung im Detail andererseits auf dem Weg der Befreiung zu üben, zu trainieren und weiter zu entwickeln. Nur diese Verbindung bringt uns weiter.

Buddha fährt dann in pädagogisch geschickten Weise fort: „In mir ist das Glied des Erwachens ´Unterscheidung der Gegebenheiten ´ da“. Wir sollten uns darin klar sein, wann diese Unterscheidung nicht da ist und wie das „unentstandene Glied des Erwachens ´Unterscheidung der Gegebenheiten´ entsteht.“ Er wiederholt dann die wichtige Aussage, dass dieses Glied voll entfaltet werden solle und dass man dies genau erkennt.

Im Folgenden werden die verschiedenen Glieder des Erwachens aufgezählt. Zunächst die Energie. Das heißt nichts anderes, als dass ein erwachter Mensch Energie zum Handeln und zu geistigen Tätigkeiten durch Achtsamkeit selbst entwickelt und entfaltet. Wenn sich Manche keine eigene Energie entfalten, werden sie Erleuchtung leider nicht erlangen. Es geht auch nicht um „geschenkte“ Energie, z. B. aus dem Kosmos, sondern um die Entfaltung der je eigenen Energie.

Für mich ist das nächste Glied des Erwachens besonders wichtig, die Freude. Sie wird in gleicher Weise wie die vorherigen Glieder behandelt. Es ist also unsinnig zu behaupten, dass wir durch Leiden das Erwachen erlangen. Im Gegenteil, die erforderlichen wichtigen und tiefgründigen Lern-Prozesse zur Befreiung sind ganz wesentlich durch Freude gekennzeichnet sind. Dies stimmt mit der heutigen Gehirnforschung voll überein: maßgebliche Lernprozesse erfordern Freude und keine Freudlosigkeit. 

Glück und Freude sind auch evolutionsgeschichtlich mit wichtigen positiven Lernprozessen verbunden. Nicht zuletzt sind deswegen künstlich erzeugte Glückszustände durch Drogen eine Fehlentwicklung, da sie von den abhängigen Menschen als Genuss-Zustand ersehnt werden, bei dem es nicht um Lernen und Befreiung geht. Dies widerspricht der Evolution und Weiterentwicklung vollkommen und führt in die Sackgasse menschlicher Verzweiflung.
.
Als nächstes wird die Gestilltheit als Teil des Erwachens aufgeführt. Buddha behandelt dieses Glied in seiner pädagogisch geschickten Art und Weise und spricht davon, dass dieses Glied des Erwachens voll entfaltet wird.

Von großer Bedeutung im Buddhismus ist die meditative Vertiefung, die meistens als Sammlung oder Zazen bezeichnet wird. Beim Achtfachen Pfad ist dieser Bereich der Sammlung das achte Glied. Man kann sie als Vollendung der acht Bereiche auf dem Weg der Befreiung ansehen. Sammlung ist das Gegenteil von Zerstreutheit, und Fragmentierung der Gedanken und Gefühlen. Dass selbe gilt für oberflächliches Multitasking, das unserem natürlichen Geist grundsätzlich fremd ist, oder um es klarer auszudrücken, das von unserem Geist überhaupt nicht geleistet werden kann.


Als siebtes Glied wird die Gleichmut genannt. Ihre Semantik leitet sich nicht von Begriff des Mutes ab sondern des Gemütes. Es geht also nicht darum, besonderen Mut für die Gleichmut aufzubringen, sondern es geht im Gegenteil um das Gleichgewicht unseres Gemütes also unsere Gestimmtheit und unseres geistig-psychischen Zustandes
.
Die wirkungsvolle Vorgehensweise ist wiederum, dass wir die Achtsamkeit innen, außen und sowohl innen und außen haben, vertiefen und üben. Gleiches gilt für das Entstehen und Vergehen von Gleichmut.


Sonntag, 12. Februar 2017

Klare Existenz ist unser wahre Buddha-Name


Im Gespräch zwischen Meister Dai-i und dem ungewöhnlichen Jungen Daiman heißt es: Die Aussage des Jungen „Ich habe einen Namen, aber es ist kein gewöhnlicher Name“ besagt, dass es nicht um den Familiennamen geht, sondern um das wahre Leben und die klare Existenz selbst. Nach Dôgen sagt Daiman also nichts anderes als:

„Klare Existenz ist unser (wahre Familien-)Name“,

und fügt hinzu, dass das existenzielle Leben im Hier und Jetzt gemeint ist – ganz konkret und nicht im abstrakten allgemeinen Sinne.

Bei dem Gespräch geht es um ein konkretes „Dieses hier“ und um das unfassbareWas“ des Menschen. Dôgen formuliert:

„Wir können (das Was) zum Beifuß-Tee[i], zum Grünen Tee und zum alltäglichen Tee und zum Essen jedes Tages machen.“

Dann verdeutlicht er, dass „Dies“ die Buddha-Natur und unser natürliches Leben ist. Damit betont er das Konkrete des Hier und Jetzt und schließt das Ausweichen auf abstrakte Vorstellungen und Theorien von der Buddha-Natur aus. Was und Dies sind identisch mit Buddha, also mit dem erwachten

Zustand. Nishijima und Cross[ii] erläutern hierzu, dass die konkrete Wirklichkeit genau im Hier und Jetzt, in jeder Umgebung und unter allen Umständen immer die Buddha-Natur ist. Dies ist eine ganz zentrale und bedeutsame Aussage, denn die Wirklichkeit gibt es nur im Handeln und der Klarheit des gegenwärtigen Augenblicks. Das ist unsere wahre Natur, die aber nicht durch ein abgegrenztes Ich verwirklicht werden kann, sondern nur in der ethischen, verantwortungsvollen Ganzheit mit anderen Menschen, der Umwelt und dem ganzen Universum. Diese Wirklichkeit besteht auch, wenn wir falsch handeln, also das „Dies“ nicht richtig ist. Aber dann entwickeln wir uns an der Wahrheit des "Dies". Die Wirklichkeit ist ja unabhängig von Fehlleistungen und Bewertungen.

„Daher ist Dieses (hier) das Was, und es ist Buddha. Und wenn es frei und rein geworden ist, ist es zur gleichen Zeit immer ein Name.“

Das ist ein typische scheinbar paradoxe Zen-Aussage. Aber scheinbare Paradoxien habe oft gerade eine wahren starken Kern, der in der Umgangssprache durch die Logik "weg-geschafft" wurde, weil diese Wahrheit umgangen werden sollte. Was sagt nun Dôgen? Er erläutert, dass ein solcher Name auch der Familienname sein kann, der dann aber über seine herkömmliche gesellschaftliche Bedeutung hinausgeht. Dann sind Name und Buddha-Natur identisch! Damit ist jedoch der gewöhnliche Familienname nicht überflüssig, denn er hat durchaus eine notwendige Funktion in der Gesellschaft.

In diesem Sinne sind laut Dôgen auch Bilder und Vorstellungen nicht sinnlos, denn auch sie haben eine bestimmte, aber begrenzte Funktion in der sozialen Welt, in der wir leben. Er erläutert dies an dem berühmten Beispiel vom Bild eines Reiskuchens, das im Zen-Buddhismus von Schülern oft fälschlicherweise nur negativ verstanden wird, da man das Bild eines Reiskuchens nicht essen könne.[iii] Das ist zweifellos richtig, denn Bilder sind keine physische Nahrung. Aber sie können eine sehr wichtige Bedeutung erhalten und haben wichtige Funktionen auch und gerade im Buddhismus. Analog haben Bilder, Fresken und die Glasmalerei im Christentum tiefe spirituelle Bedeutungen.[iv] Es kommt darauf an, ob das Bild uns die direkte Wirklichkeit und spirituelle Wahrheit bringt oder nicht.[v] Und ob eine weiterführende Wechsel-Wirkung mit uns in Gang kommt: Buddha-Natur in diesem Augenblick!



[i] Englisch: mugwort
[ii] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 9, Fußnote 39
[iii] Kap. 40, ZEN Schatzkammer, Bd. 2, S. 133 ff.: „Was bedeutet das Bild eines Reiskuchens? (Gabyô)
[iv] vgl. Avila, Teresa von: Wohnungen der Inneren Burg
[v] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 9, Fußnote 40, Kap. 40

Sonntag, 5. Februar 2017

Buddhas Achtsamkeit und der Stress der Moderne


Nach zuverlässigen Ergebnissen der Gehirnforschung kann kurzfristiger Stress nützlich sein, aber langfristiger Stress ist eine große Gefahr für unsere Gesundheit und zudem eine psychisch gefährliche Sackgasse.

Solcher Stress hat folgende Wirkungen: Angst, bleibende Gehirnschäden für Verhalten im Alltag und in neuen Situationen, Schwächung des Immun-System, Depression, Isolation, Verschlechterung der Kreativität, erhöhter Blutdruck und letztlich Verminderung der Lebenserwartung. Zudem besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die Demenz früher einsetzt. Stress und Angst bedingen sich gegenseitig: Angst löst Stress aus und Stress erzeugt Angst. Beides ist also gefährlicher als man denkt!

Richtige Achtsamkeit und Meditation nach Buddha (z. B. Achtfacher Pfad) sind auch und gerade heute wirkungsvolle Gegenmaßnahmen. Was ist nun maßgeblich für die Achtsamkeit?

Der Begriff Achtsamkeit ist leider in den letzten Jahren fast zu einem Modewort geworden, sodass es sinnvoll ist, sich deren Bedeutung genauer anzusehen und von seichten Bedeutungen zu entschlacken. Ganz wichtig ist es nach Peter Gäng, dass man etwas vergegenwärtigt, hier den Stress und seine Nebenwirkungen, die eigentlich gar nicht unbekannt aber weniger bewusst ist. Viele "Gefühlsregungen" sind z.B. nicht unbekannt doch weitgehend unbewusst und nur durch Übung und Training ins Bewusstsein zu holen und damit auch steuerbar zu machen

Es geht um die Zustände und Veränderungen unserer geistigen Phänomene und deren Tönungen, die ein hohes Maß an Wirklichkeit beinhalten, nicht zuletzt bei den Gefühlen. Buddha, Nagarjuna (Weg der Mitte) und Dogen (Shobogenzo) beschäftigen sich intensiv mit der Achtsamkeit, z. B. bei den fünf Hemmnissen und den sieben Gliedern der Erleuchtung.

Achtsamkeit ist niemals ein rein passiver Vorgang, der vielleicht nur mit gefühlsmäßiger Neutralität durchgeführt wird, sondern betrifft uns wirklich selbst und hat eine hohe Bedeutung und Aktualität für ein Leben, das von Angst, Stress, Panik aber auch von Dumpfheit und Abhängigkeit befreit werden kann und soll. Die Achtsamkeit betrifft uns also selbst ganz zentral, nicht zuletzt wie in den Vier Edlen Wahrheiten Buddhas.

Das sutta der Grundlagen der Achtsamkeit beschreibt die zeitliche Entwicklung für acht zentrale Teilbereiche des Menschen und des Lebens aus Abhängigkeit und Leiden zur Freiheit und Offenheit. Diese acht Glieder des Weges sind mit einander vernetzt und in gemeinsamer Wechsel-Wirkung, die Nagarjuna in der Präambel des MMK als zentrale Aussage des Buddhismus herausstellt.

Dieses wechsel-wirkendes gemeinsames Entstehens (pratitya samutpada), beinhaltet daher sowohl die Vernetzung als auch die prozesshafte Entwicklung und Emanzipation des Menschen. Um solche Zusammenhänge zu erkennen, sich also selbst auf die Schliche zu kommen, kommt der Achtsamkeit ohne Zweifel eine zentrale Bedeutung zu. Sie darf nicht verengt und oberflächlich verstanden werden, vielmehr geht es auch um unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven und einen ganzheitlichen und umfassenden Begriff der Achtsamkeit.

Peter Gäng formuliert wie folgt:
Die Achtsamkeitsmeditation beginnt damit, die Achtsamkeit ringsum zu errichten, also so gut wie möglich eine allgemeine nach außen gerichtete Vergegenwärtigung dessen zu erreichen, was da ist“.

Danach ginge es aber um uns als Menschen selbst, zum Beispiel, dass ich atme und daher lebe.

Das erlebe ich in mir und außen. Ich erlebe das Leben um mich herum und ich erlebe ... auf jeden Fall die Teilhabe am Lebensprozess ganz allgemein“.

Es geht bei der Achtsamkeit ganz umfassend darum, wie ich überhaupt lebe, wie ich „funktioniere“ und wie ich „meine Gier, meinen Hass, meine Dummheit, etc.“ aber auch mein besser werdendes Gleichgewicht und meine wachsende Lebenskraft beobachten kann und schließlich nicht zuletzt, wie ich mit anderen Menschen verbunden bin, also prozesshaft in Wechselwirkung mit ihnen stehe.
Das Herz-Sutra sagt dazu (meine Übersetzung):

Die Bodhisattvas beruhen auf der höchsten Weisheit. Daher haben sie Achtsamkeit für die Hindernisse im Geist. Und so überwinden sie die Hindernisse und sind ohne Angst. Sie lassen alle verwirrten Traumbilder weit hinter sich. Und verwirklichen im Hier und Jetzt den höchsten Zustand des Nirvana.