Freitag, 27. Februar 2015

Was ist Meister Joshu?




Dōgen bezieht sich auf ein Kōan-Gespräch mit dem großen Meister Jōshū, der den gleichen Namen wie eine Stadt hatte: er wurde von einem Mönch gefragt: „Was ist Jōshū?[i]

Meister Jōshū antwortete jedoch in dem Sinne, als ob die Frage auf die gleichnamige Stadt zielen würde und sagte, dass diese verschiedene konkrete Tore habe. Damit beantwortet er die doch etwas eigenartige Frage des Mönchs über seine eigene Persönlichkeit gerade nicht, sondern kommt auf ganz konkrete Bereiche der Wirklichkeit zu sprechen, nämlich die Stadt Jōshū mit ihren Toren.

Denn welchen Sinn hätte auch eine Antwort darauf, was seine eigene Persönlichkeit ist? Sie könnte nicht konkret sein und würde den gedanklichen Fantasien des Mönchs nur unnötig Nahrung geben. Analog können wir die Aussage von Meister Keichin so verstehen, dass er Meister Gensa dazu bringen möchte, noch konkreter und direkter zu werden.
Das ist echter Zen: hier und jetzt!

Zu der Aussage Gensas

„Ich bezeichne dies als Bambus und Holz“

sagt Dōgen:

Ihr solltet dieses beispiellose und nicht wiederholbare Stück einer Aussage meistern, bevor es gesagt wurde und nachdem es zu Worten wurde.“

Die Bezeichnungen „Bambus“ und „Holz“ sind in der Tat konkreter als der Begriff „Stuhl“, weil sie nicht die Funktionen für den Menschen beinhalten, sondern nur das Material selbst benennen und von dem Vorgang des Bezeichnens und Benennens ziemlich unabhängig sind. Daher fragt Dōgen:

Vor der Benennung, die jetzt stattgefunden hat: Wie wurde (der Bambus und das Holz) benannt?“

Er nennt diesen vorherigen Zustand „brillant in allen Aspekten“, schätzt ihn also höher als die Wortebene, die im Dialog verwendet wird. Dieses sei der Zustand, der mit der Formulierung Die dreifache Welt ist der Geist allein“ gemeint ist. Wir sollten bei diesem intuitiven, umfassenden Verständnis hiervon die Bezeichnungen beiseite lassen und uns davon unabhängig machen.

Dōgen äußert seine große Wertschätzung für Meister Gensa an mehreren Stellen des Shōbōgenzō und hebt dabei vor allem die nüchterne Klarheit dieses alten Meisters hervor, der jeder Spekulation abgeneigt war und immer wieder auf den Unterschied von Vorstellungen und Worten einerseits und der Wirklichkeit andererseits hinwies. Dōgen stellt Meister Gensa die fiktive Frage:

„Was ist es, das du ‚die ganze Welt‘ nennst?“

Er gibt dazu aber keine Antwort und bittet stattdessen uns (!), dass wir uns selbst genau mit der Frage und den möglichen Antworten beschäftigen. Wir sollen also keineswegs gläubig und unreflektiert den alten Lehren der großen Meister folgen, nicht einmal denen von Dōgen, sondern sie im Gegenteil durch vielfältige, tief gehende eigene Fragen untersuchen.

So müssen wir auch den Inhalt dieses Kapitels des Shōbōgenzō in der Praxis erfahren und erforschen. Diese ist unauflösbar mit dem Handeln im Hier und Jetzt verbunden, und ohne Moral kann es keine wahre buddhistische Lehre und kein Leben und Lernen auf dem Buddha-Weg geben. Es reicht wirklich nicht, buddhistische Lehren zu intellektualisieren.




[i] Shinji Shōbōgenzō, Band 1, Nr. 46

Dienstag, 10. Februar 2015

Wer versteht den Buddha-Dharma?


Was bedeutet der Satz von Meister Gensa, dass man auf der ganzen Erde keinen Menschen finden würde, der den Buddha-Dharma „versteht“?

Der Begriff „verstehen“ bezieht sich dabei auf den unterscheidenden Verstand, mit dem man tatsächlich die Lehre des Buddhismus nicht vollständig erfassen kann. Im Sinne der vier Lebensphilosophien von Nishijima Roshi ist „das Instrument“ des Denkens und Unterscheidens von Subjekt und Objekt für die ersten beiden Ebenen des Idealismus und Materialismus geeignet und oft sogar notwendig. Beim Handeln im Augenblick ist intellektuelles Denken jedoch wenig nützlich und oft sogar schädlich. Das Denken ist auch zu langsam, um in der Kürze des Augenblicks überhaupt zu funktionieren.

Dōgen betont immer wieder, dass man damit nicht einmal die materielle Welt und die Formen wirklich verstehen kann, denn dazu ist die Intuition für den umfassenden Geist der Buddha-Lehre erforderlich, und sie muss mit der Praxis und dem Handeln verbunden werden. Dieser letzte Satz Gensas gehört damit zur vierten, umfassenden Lebensphilosophie, die wir Erwachen, Erleuchtung, Gleichgewicht oder Leerheit nennen.

Dōgen verdeutlicht, dass es also nicht um ein intellektuelles Verstehen oder Nicht-Verstehen geht, wenn sich die beiden Meister über den dreifachen Welt-Geist unterhalten. Auf der unterscheidenden Ebene des Denkens kann man die Aussage „die dreifache Welt ist der Geist allein“ überhaupt nicht erfassen. Um aus dieser falschen Sichtweise herauszufinden, zeigt Meister Keichin auf den Stuhl. Das ist ein konkreter Gegenstand, auf dem man sitzt. Er hat für die Menschen zudem eine wichtige Funktion, sodass dabei der Zweck und ein Sinn assoziiert werden.

Die Frage Gensas nach der dreifachen Welt wird nicht verbal beantwortet, sondern Meister Keichin zeigt auf den konkreten Stuhl – dies ist seine Antwort. Aber die von Gensa zunächst angebotene Bezeichnung „Stuhl“ ist für ihn noch zu abstrakt, und daher bittet er Meister Gensa um eine bessere konkrete Bezeichnung. Er sagt seinem eigenen Meister sogar, dass dessen zu abstrakte Antwort zeigen würde, dass er die Lehre „Die dreifache Welt ist der Geist allein“ nicht verstehe.

Gensa widerspricht seinem Schüler nicht, sondern möchte selbst einen Schritt weiter gehen und konkreter werden. Daher verwendet er die Worte „Holz“ und „Bambus“. Dōgen fragt uns:

„Sind dies Worte, welche die dreifache Welt nicht verstehen?“ Und weiter: „Werden (die Worte) durch den Stuhl ausgedrückt? Werden sie durch den großen Meister ausgedrückt?“

Wir sollen diese Fragen ganz gründlich untersuchen und darauf eigene Antworten finden. Dies ist eine typische Wendung von Dōgens eigenem Meister Tendō Nyojō, der immer wieder darauf abhebt, dass eigene Überlegungen, eigenes intuitives Verstehen und die eigene gründliche Analyse von zentraler Bedeutung sind. Durch solche Fragen werden wir unmittelbar konfrontiert mit den Kernpunkten der buddhistischen Lehre und sollen dabei nicht auf gelerntes Wissen zurückgreifen.

Wenn wir die vier Lebensphilosophien nach Nishijima Roshi hier anwenden, könnte man zusammengefasst Folgendes feststellen: Die überlieferte Aussage über die dreifache Welt und den Geist gehört zur Lebensphilosophie des Denkens und der buddhistischen Lehre. Der materielle Stuhl gehört zur zweiten Lebensphilosophie des Materialismus. Reden und Dialog sind, wenn sie mit der buddhistischen Wahrheit eine Einheit bilden, die Lebensphilosophie des Handelns und damit für den Buddhismus von großer Bedeutung.

Wenn wir diese drei Ebenen überschreiten, nennt das Nishijima Roshi die vierte Lebensphilosophie der umfassenden Wirklichkeit, die häufig auch als Erwachen oder Erleuchtung bezeichnet wird. Bei genauerer Analyse des obigen Dialogs kommen wir daher zu dem Schluss, dass diese verschiedenen Ebenen oder Lebensphilosophien nacheinander wirksam werden und dass die beiden Meister sich jeweils darüber verständigen und vollständig übereinstimmen.

Dōgen betont, dass wir durch die Bearbeitung dieses Kōan-Gesprächs Wesentliches über uns selbst lernen und klarer werden.


Sonntag, 8. Februar 2015

Ein Kōan-Gespräch über den klaren Geist


Dōgen zitiert ein wichtiges und verblüffendes Kōan-Gespräch zwischen Meister Gensa[i] und seinem Schüler, dem jüngeren Meister Keichin[ii]. Meister Gensa hat in besonders klarer Weise zwischen Fantasien und Spekulationen einerseits und der Wirklichkeit andererseits unterschieden, dies wird in mehreren berühmten Kōan-Geschichten berichtet: Er lehnte romantisierende und spekulative buddhistische Theorien unmissverständlich ab, eine wahrer Zen-Meister auf der Suche nach Wirklichkeit und Wahrheit.

Das folgende Kōan erscheint zunächst fast banal und kaum verständlich, zumindest aber sehr eigenartig. Ich werde es nach meinem Verständnis interpretieren.

Meister Gensa fragte: „Wie verstehst du, dass die dreifache Welt der Geist allein ist?

Meister Keichin antwortete nicht direkt auf diese Frage und zeigte auf einen Stuhl, indem er seinerseits fragte: „Wie bezeichnest du dies, Meister?“

Gensa antwortete: „Als einen Stuhl.

Keichin erwiderte darauf fast unhöflich: „Der Meister versteht nicht, dass die dreifache Welt der Geist allein ist.“

Gensa ließ sich jedoch nicht beirren und setzte das Gespräch fort:
Ich bezeichne dies als Bambus und Holz, wie bezeichnest du es?“

Keichin antwortete: „Auch ich bezeichne dies als Bambus und als Holz.“

Dem fügte Gensa hinzu:

„Wenn wir die ganze Erde nach einem Menschen absuchen, der den Buddha-Dharma (mit seinem unterscheidenden Denken) versteht, ist es unmöglich, einen zu finden.“

Worum geht es eigentlich bei dieser Kōan-Geschichte? Die Dinge und die materiellen Gegebenheiten werden in diesem Fall durch die Begriffe „Bambus“ und „Holz“ gekennzeichnet, sie sind konkreter als der Begriff „Stuhl“. Die Bezeichnung „Stuhl“ beinhaltet schon eine Abstraktion und Verallgemeinerung, denn sie verweist vor allem auf die Funktion des Sitzens und meint nicht allein das Holz und den Bambus als Baumaterial. Durch die Zweckbestimmung, die im Begriff eines Stuhles enthalten ist, wird also der Bereich der Zwecke, der Gedanken und Funktionen in den Vordergrund gestellt. Wir befinden uns dann nicht mehr im Bereich der konkreten Dinge und der Materie.

Eine solche Unterscheidung ist typisch für die Kōan-Geschichten mit Meister Gensa. Indem Dōgen sie aufgreift, möchte er wieder auf das Konkrete und das Materielle abheben und erläutert uns, dass auch diese Dimension eine der drei Welten und damit identisch mit dem Geist im buddhistischen Sinne ist.

Dass der alte Meister Gensa zunächst den Stuhl erwähnt, kann man laut Nishijima Roshi in diesem Kōan-Gespräch als eine Art Test für seinen Schüler ansehen. Der jüngere Meister Keichin antwortet auch in richtiger Weise, dass Gensa dann nicht verstehen würde, dass die drei Welten nichts anderes als Geist seien. Er verfängt sich nicht in der aufgestellten Falle. Beide Meister sind sich einig, dass der direkte Bezug zum Bambus und Holz genau richtig ist, wenn man die Welt der Formen und der Materie ansprechen will.

Die Dinge und die Materie, hier also Bambus und Holz, sind nach der buddhistischen Lehre auch der Geist.



[i] Meister Gensa Shibi lebte von 835 bis 907.
[ii] Meister Rakan Keichin lebte von 867 bis 928.

Montag, 2. Februar 2015

Keine Illusionen und keine Gifte für den Geist



Dōgen sagt in aller Deutlichkeit:

„Außerhalb der dreifachen Welt (der Realität) gibt es keine Lebewesen. Welche Objekte könnten die Buddhas daher lehren? Aus diesem Grund sage ich, dass die Lehre, es gebe eine andere Welt der Lebewesen außerhalb der dreifachen Welt, eine (falsche) Lehre der nicht-buddhistischen Schrift der (sogenannten) ‚Großen Existenz‘[i] ist, aber nicht die Lehre der Sieben Buddhas.“

Damit unterstreicht Dōgen, dass es außerhalb der dreifachen Welt überhaupt keine Wirklichkeit und keine Objekte gibt: der Mut zur Wirklichkeit ist typisch für den Zen, denn illusorische Träume bedienen zwar die unklare Sehnsucht vieler Menschen manchmal zunächst besser als die Realität.

Aber mit Täuschungen und Illusionen kann kein gutes Leben gelingen, sie führen unweigerlich in die Sackgasse!!

Daher tritt Dōgen verschiedenen Glaubenslehren und Dogmen entgegen, die eine jenseitige andere Welt behaupten, die verschieden von der hiesigen Wirklichkeit sei. Es gibt also kein Außen von der dreifachen Welt.

„Genau wie die dreifache Welt kein Außen hat, haben die Lebewesen kein Außen. Was ist der Gegenstand, den Buddhas lehren, an dem Ort, wo es keine Lebewesen gibt?“

Die Buddhas lehren immer die Lebewesen, damit sie aus ihren Schwierigkeiten und Leiden herausfinden und sich befreien. Dies findet nach der buddhistischen Lehre aber immer innerhalb der Wirklichkeit des Hier und Jetzt und damit in der dreifachen Welt statt. Als Bestandteile dieser Welt zählt Dōgen Folgendes auf: Hecken, Mauern, Ziegel, Kieselsteine, Berge, Flüsse und die ganze Erde.

Aber vor allem geht es um die Einheit mit der höchsten Wirklichkeit des Buddha-Dharma, nämlich „die Haut, das Fleisch, die Knochen und das Mark und (Buddhas) Emporhalten einer Blume und (Mahākāshyapas) lächelndes Gesicht.“ Die aufgezählten Begriffe bezeichnen scheinbar materielle und formgebundene Dinge, haben aber in Wirklichkeit eine umfassende und viel tiefer gehende Bedeutung in der Buddha-Lehre und deren authentischer Übertragung.

„Es gibt den bewussten und unbewussten Geist. Und es gibt den Geist, der dem Körper innewohnt, und den Geist, der nicht dem Körper innewohnt.“

Das sind Aussagen, die jeder heutige Gehirnforscher unterschreiben kann: der größte Teil unserer Gehirnleistungen ist unbewusst, aber von großer Bedeutung für ein gelungenes Leben. Wir dürfen diesen Teil nicht vernachlässigen sondern sollten ihn trainieren, z. B. in der Meditation.

Auch Farben und Formen, zum Beispiel lang, kurz, eckig oder rund, sind Teil der genannten Lebensdimension und gehören zu dem umfassenden Geist, der mehr als die Wahrnehmung, das Denken und das Bewusstsein ist. Der Geist in diesem Sinne ist die Wirklichkeit des Lebens selbst. Er ist also Leben-und-Sterben und Kommen-und-Gehen. Nicht zuletzt ist die Zeit unauflösbar mit dem Geist verbunden, und zwar die lineare mechanische Zeit der materiellen Sicht, aber vor allem die existenzielle Sein-Zeit des Augenblicks. Das gibt Klarheit und Weitsicht.

Dōgens Beschreibung des Geistes ist sehr konkret und nicht idealistisch überhöht. Dies ist für uns westliche Menschen vielleicht überraschend und dürfte in unserer Kultur auch auf Widerstand stoßen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns intensiv mit dem Zen-Geist beschäftigen und praxisorientiert erfahren, welche Wirklichkeit damit gemeint ist.

Außerhalb dieser Wirklichkeit gibt es nach der buddhistischen Lehre überhaupt nichts, und die illusorischen Fantasiegebilde oder düsteren pessimistischen Szenarien sind nicht Teil der wirklichen Welt, sie müssen abgestreift und überwunden werden, damit wir zur Befreiung gelangen können.

Wird unser Geist nicht täglich von den Massenmedien mit düsteren, hoffnungslosen und katastrophalen Unwahrheiten der Welt belastet, die mit der dargestellten Wirklichkeit nur entfernt zu tun haben? In Wirklichkeit soll dabei die Illusions-Werbung verkauft werden. Und warum vergiften wir unseren Geist mit brutalen Menschen verachtenden sog. Spielprogrammen? Das ist nicht die buddhistische Wirklichkeit des Zen!






[i] Die Quelle des Zitats ist nicht bekannt. Eventuell handelt es sich um eine generelle Aussage. 

Sonntag, 25. Januar 2015

Keine Unterscheidung von Vater und Kind im Jetzt



Es gibt viele verschiedene Wesen in der Welt, die jeweils ihr eigenes Leben haben; im Zitat aus dem Lotos-Sūtra werden sie als „meine Kinder“ bezeichnet. Dies verweist auf das Gleichnis des brennenden Hauses und auf die Beziehung Gautama Buddhas zu den Menschen; sie offenbaren und manifestieren sich mit ihrem Handeln und ihren Funktionen.

Der mitfühlende Vater gibt den Kindern laut Dōgen „ihren Körper, ihre Haare und ihre Haut“, sodass sie nicht verletzt werden und keinen Mangel leiden. Nishijima und Cross vermuten hier auch einen Bezug zur Lehre des Konfuzius, der die gute und loyale Beziehung von Kindern zu ihren Eltern besonders schätzte.[i]

Dōgen kommt dann auf den Augenblick zu sprechen und betont, dass eine Unterscheidung von Vater und Kind im Jetzt der Gegenwart nicht aussagekräftig ist, weil es hier um die Einheit untereinander und mit der dreifachen Welt geht. Damit übersteigt er die Aussage von Konfuzius.

„Dieser Zustand wurde empfangen, (aber) nicht gegeben, wurde erlangt, (aber) nicht mit Gewalt genommen.“

Die üblichen Unterscheidungen zwischen Geben und Nehmen, Gehen und Kommen, Maßangaben wie groß und klein oder Diskussionen über alt und jung seien für den gegenwärtigen Zustand nicht angemessen. Sie haben für das obige Gleichnis keine Bedeutung.

Aber Dōgen bittet uns, diese Aussagen nicht einfach hinzunehmen, zum Beispiel weil sie im Lotos-Sūtra stehen, sondern wir sollten ohne Hast gründlich darüber nachdenken. Der Zustand Buddhas, der im Gleichnis mit dem Vater gemeint ist, ist für alle Menschen durch den Buddhismus erreichbar, wenn sie vertrauensvoll und dauerhaft praktizieren und die buddhistische Lehre gründlich studieren.

Das Mitgefühl des Vaters ist letztlich allerdings für die Kinder gar nicht erforderlich, wenn diese sich nach ihrer wahren Natur selbst verwirklichen. Im Lotos-Sūtra ist allgemein von Kindern die Rede, ob sie sich nun ihrer wahren Natur bewusst sind oder nicht. Die Wirklichkeit des Buddha-Dharma ist nämlich unabhängig davon, ob sie uns bewusst ist, weil sie die Wirklichkeit als solche ist.

Dann zitiert Dōgen weiter aus dem Lotos-Sūtra, indem er schildert, dass die Buddhas ihren „Dharma-Körper“ so verwandeln, dass sie den Menschen wirkungsvoll helfen können.
Deshalb sind die Blüten und Früchte aller Dinge Buddhas eigener Besitz. Die Felsen und Steine, große und kleine, sind eigener Besitz Buddhas. Er verweilt friedlich in Wald und Feldern. Der Wald und die Felder sind schon frei.“

Damit spricht Dōgen die Natur in ihrer ganzen Schönheit und Kraft an: Nicht nur die Blumen und Bäume sind gemeint, sondern auch die Felsen, Kiesel usw. In einem anderen Kapitel erklärt er, dass die Natur den wahren Buddha-Dharma lehrt[ii] und bezeichnet sie als „nicht-empfindende Wesen“.




[i] Shobogenzo, Bd. 3, S. 45, Fußnote 12
[ii] Kap. 53, ZEN Schatzkammer, Bd. 3, S. 246 ff.: „Die Natur und die nicht-empfindenden Wesen lehren den Buddha-Dharma (Mujō seppō) und mein Buch: Umwelt-ZEN. Im Auge des Zen, Bd. 3, S. 151 ff.

Montag, 19. Januar 2015

Die Wirklichkeit ist nur im Augenblick real




Dōgen unterstreicht, dass das ganze Universum hier und jetzt auch die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst, er meint damit aber nicht die lineare mechanische Zeit, die wir denken, sondern die Sein-Zeit der Existenz.[i] Dazu zitiert er Shākyamuni Buddha aus dem Lotos-Sūtra:[ii]

„Die dreifache Welt jetzt
alles ist mein Besitz.
Und die Lebewesen in ihr
sind alle meine Kinder.“

Der Hinweis auf die Kinder stellt den Bezug zu dem berühmten Gleichnis im Lotos-Sūtra her, in dem die spielenden Kinder von ihrem Vater aus dem brennenden Haus gerettet werden, weil er sie schließlich überzeugen kann, das Haus zu verlassen und in die schön geschmückten Kutschen einzusteigen. Diese sind das Symbol für die Befreiung durch die Buddha-Lehre.

Das Gleichnis des Vaters steht für die Liebe Buddhas, der dafür sorgt, dass seine Kinder aus der brennenden und lodernden Welt der Extreme, Emotionen und Ideologien herausfinden. Damit ist aber keine Weltflucht gemeint, sondern das Erwachen zur wahren Wirklichkeit in dieser Welt, die Dōgen hier als die dreifache Welt bezeichnet.

„Die Wirklichkeit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft versperrt nicht das Hier und Jetzt. Die Wirklichkeit des Hier und Jetzt blockt (aber Unrealistisches) der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ab.“

Mit dem Hier und Jetzt sind die Sein-Zeit des Augenblicks und das Unmittelbare des hiesigen Ortes gemeint, also die existenzielle Erfahrung im Leben als direktes Handeln. In diese Gegenwart wirkt zwar die Vergangenheit durch das Gesetz von Ursache und Wirkung hinein, aber die Wirklichkeit ist nur im Augenblick real vorhanden – in ihrer ganzen unmittelbaren und intuitiven Fülle und ohne unterscheidendes Denken. Die existenzielle Sein-Zeit wird als wahre Wirklichkeit nicht durch die erinnerte Vergangenheit oder erwartete Zukunft behindert oder, wie es hier heißt, versperrt.

Dōgen legt großen Wert darauf, dass sowohl die Sein-Zeit im gegenwärtigen Augenblick wirklich existiert als auch das Gesetz von Ursache und Wirkung gilt, und zwar nicht zuletzt beim ethischem Handeln. Beides ist wirklich und keine ausgedachte oder beliebige Theorie, gerade nicht die Ethik.

Er arbeitet im Kapitel „Tiefes Vertrauen in das Gesetz von Ursache und Wirkung“[iii] heraus, dass dieses Gesetz niemals vernachlässigt oder abgelehnt werden darf. Damit distanziert er sich eindeutig von einigen Strömungen im Zen-Buddhismus, die behaupten, dass ein Erleuchteter nicht mehr unter das Gesetz von Ursache und Wirkung falle und zum Beispiel im Krieg beliebig töten darf.

Das obige Zitat hat eine spannende, unsymmetrische Form: Die Wirklichkeit der Gegenwart wird durch die Vergangenheit nicht behindert, aber blockt ihrerseits die Vergangenheit. Was bedeutet das? Die Augenblicke der Gegenwart sind die einzig kraftvolle Wirklichkeit, sie werden nicht von der Vergangenheit, der nur erinnerten und gedachten, aber nicht wirklichen Gegenwart und der Zukunft determiniert. Insofern ist der Augenblick im Hier und Jetzt unabhängig und frei.

Der zweite Satz geht vom Augenblick der Gegenwart, also von der Wirklichkeit, aus und hat damit allein die Kraft der Realität. Dagegen sind Erinnerungen aus der Vergangenheit, das Nachdenken über die Gegenwart und die Erwartungen für die Zukunft lediglich Aktivitäten des menschlichen neuronalen Netzes, also des Gehirns. Sie haben nicht die Qualität und Durchschlagskraft der Wirklichkeit.





[i] Kap. 11, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 110 ff.: „Die Sein-Zeit der Wirklichkeit im Hier und Jetzt (Uji) und mein Buch: Strahlende Zeit zum Handeln. Im Auge des Zen, Bd. 2, S. 15 ff.
[ii] Lotos-Sūtra, Kap. 1.198
[iii] Kap. 89, ZEN Schatzkammer, Bd. 3, S. 262 ff.: „Tiefes Vertrauen in das Gesetz von Ursache und Wirkung (Shinjin-inga)

Samstag, 10. Januar 2015

Lernen: Befreiung aus dem Leiden der dreifachen Welt



Dōgen zitiert aus dem Lotos-Sūtra:

„Es gibt die Befreiung der dreifachen Welt, und es gibt die dreifache Welt, die hier und jetzt ist.“

Die dreifache Welt ist eine Einheit und wir müssen diese Wirklichkeit zu Grunde legen, um den buddhistischen Weg der Befreiung zu finden und zu gehen. Es gibt keine isolierten Geist, wie wir häufig umgangssprachlich sagen.

Nishijima und Cross[i] erläutern, dass Dōgen damit das Gleichnis des brennenden Hauses aus dem Lotos-Sūtra anspricht, das davon handelt, dass ein tatkräftiger Vater seinen Kindern, die in einem brennenden Haus spielen, dabei hilft, der großen Gefahr des Feuertodes entfliehen zu können. Die Kinder hatten sich im isolierten Geist ihres Spielens verloren und die gefährliche Wirklichkeit des Brandes gar nicht bemerkt. Dies ist das Gleichnis für die Befreiung aus dem Leiden der dreifachen Welt mithilfe von Gautama Buddha.[ii]

Wenn die Wirklichkeit der dreifachen Welt, in der Ideen, sinnliche Wahrnehmung und Handeln zu einer Einheit verschmolzen sind, nicht konkret erkannt und erfahren wird, können philosophische und theoretische Abstraktionen niemals die Befreiung von den Leiden der Welt ergeben. Unser bewusstes Denken ist nur ein sehr kleiner Teil unserer großen praktisch unbegrenzten Gehirnkapazität, dazu gehört z. B die intuitive Klugheit des Sehens, des Hörens, der Motorik, der Gefühle, der Ethik usw, wie uns auch die gesicherte moderne Gehirnforschung lehrt. Dies alles ist der einheitliche Geist.

Dōgen betont, dass das obige Zitat aus dem Lotos-Sūtra von ganz zentraler Bedeutung ist und einen fundamentalen Wahrheitsgehalt besitzt. Es beschreibt die unauflösbare Verknüpfung der drei Bereiche, die oft fälschlich getrennt werden, was dazu führt, dass es keinen einheitlichen Geist mehr gibt und alles zersplittert, verwirrend und ohne befreienden Ausgang ist. In der heutigen Zeit muss dabei die Fragmentierung des Geistes und das total falsche Ziel des Multitasking genannt werden: das führt nach M. Spitzer zur digitalen Demenz!

Wenn es bei Dōgen heißt, dass die dreifache Welt als Objekt gesehen wird, so bedeutet dies gleichzeitig, dass das handelnde Subjekt die „dreifache Welt“ als Objekt sieht. Beides ist aber eine Einheit, und durch das Sehen als Handeln wird die Welt realisiert.[iii] Eine Trennung von Subjekt und Objekt wird damit grundsätzlich ad absurdum geführt, weil eine wechselseitige, unauflösbare Verbindung besteht. Lernendes Handeln und Sehen können nicht sinnvoll getrennt werden. Und Lernen ist die zentrale Botschaft des Buddhismus.

Die dreifache Welt zu sehen, bedeutet sie zu verwirklichen, wie Dōgen im Kapitel „Das verwirklichte Leben und Universum“ tiefgründig darstellt. Das heißt, dass Sehen gleichzeitig wirkliches, unverstelltes Handeln ist und nicht in der materialistischen Lebensphilosophie hängen bleibt, in der es nur um die sinnliche Wahrnehmung der äußeren Form oder Materie geht. Ein Leben nach dieser Maxime höhlt sich selbst aus und verliert seinen Sinn.

„In der Lage zu sein, dass die dreifache Welt den Geist (zur Wahrheit) erweckt, Schulungen durchzuführen, die Bodhi-Wahrheit (zu verwirklichen) und Nirvāna (zu erfahren), ist genau der Zustand, in dem alles mein Besitz ist.“

In diesen hoch verdichteten Aussagen Dōgens über die dreifache Welt und den mit ihr identischen Geist geht es nicht um theoretisches Erkennen allein, sondern die Übungspraxis und die Verwirklichung der Bodhi-Wahrheit sind ebenso maßgeblich. Dann erfahren wir das Nirvāna des Hier und Jetzt genau in dieser dreifachen Welt. Dies ist der befreite und erwachte Zustand, in dem alles in der dreifachen Welt mein Besitz ist, also mit mir identisch ist. Wo gibt es da noch die Trennung von Subjekt und Objekt?




[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 3, S. 44, Fußnote 5
[ii] vgl. auch Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 44, Fußnote 6
[iii] Kap. 3, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 43 ff.: „Das verwirklichte Leben und Universum (Genjō-kōan) und mein Buch: ZEN ohne Mythos und Ideologie. Im Auge des Zen, Bd. 1, S. 15 ff.