Freitag, 3. Juli 2015

ZEN-Kurzfim auf Festival in Berlin


Die jungen Filmemacherin Beatrice Madach hat einen viel beachteten

Kurzfim zum ZEN gedreht.

Er wurde für ein Festival in Berlin ausgewählt und wird am

Montag, den 8. Juli

im Rahmen eines spannenden Programm gezeigt.

Das Festival ist für jeden geöffnet!

Hier der Link:
ZEN-Kurzfilm
http://www.berlinshort.com/screenings-2015


Mit herzliche Grüßen
Yudo Seggelke


Donnerstag, 25. Juni 2015

Meister Eka antwortete mit „Mu“!



Weder die Buddha-Natur noch die Dharma-Natur lässt sich gedanklich voll erfassen, denn sie würden dann nur in der Lebensphilosophie des Idealismus bleiben. Auf dieser Ebene kann man auch zum Beispiel die Frage, ob es die Buddha-Natur gibt oder nicht, überhaupt nicht beantworten und nicht einmal sinnvoll angehen. Es ist die falsche Ebene. Dōgen sagt dazu:

„Der Geist, den die großen buddhistischen Meister ausdrücken (und lehren), ist die Haut, das Fleisch, die Knochen und das Mark. Die Essenz, die die großen buddhistischen Meister bewahren, ist ein Bambusrohr und ein Stab.“

Der Geist umfasst damit die ganze Wirklichkeit des Denkens, Redens, Lehrens, der materiellen Wirklichkeit der Natur sowie das Handeln und ist das erwachte Leben selbst.

Dōgen betont im Hinblick auf den Geist in besonderer Weise das Handeln beim Hören, Darlegen, Praktizieren und Erfahren dieses Zustandes des Geistes. Genau dieses Handeln sei der Geist und die Essenz des Buddhismus:

„(Die großen Meister) bewahren und lernen im Handeln diesen Zustand des Tiefgründigen und Feinen.“

Wer kein solches Verständnis und Erleben hat, taumelt durch die Zeiten seines Lebens und schwankt zwischen Erlangen und Nicht-Erlangen der Wahrheit hin und her. Nach Nishijima und Cross geht es um die intuitive Betrachtung „unmittelbar vor und nach einer Handlung“. Dies sei nichts anderes, als den Geist zu erklären und die Natur darzulegen.[i] Einen anderen Weg und eine andere Möglichkeit gibt es im Buddhismus nicht.

Dōgen zitiert dann den ersten Zen-Meister Bodhidharma, der zu seinem Nachfolger Taiso Eka sagte:

„Wenn du genau die externen Bindungen enden lässt und in deinem Geist keine Unruhe und keine Hektik sind, wird dein Geist wie Hecken und Mauern sein, und du kannst in die Wahrheit eingehen.“

Eka konnte mit diesen Aussagen zunächst nichts anfangen. Aber plötzlich erlangte er eine tiefe Betrachtung und Einsicht und sagte zu Bodhidharma, dass er zum ersten Mal die Bindungen an die Außenwelt beendet habe. Dieser erkannte, dass Eka bereits im Zustand der Verwirklichung und des Erwachens war und wollte von ihm eine genaue Bestätigung dazu haben. Deshalb stellte er die scheinbar entgegengesetzte Frage:

„Du hast die Beendigung (der Bindung an die äußere Welt) nicht verwirklicht. Nicht wahr?“

Eka antwortete mit „Mu“, dessen Bedeutung sich etwa mit dem deutschen Ausdruck umschreiben lässt „nein es gibt nichts“ oder „ich habe nichts“. Mu ist keine einfache Negation und überhaupt keine nihilistische Aussage, sondern verweist auf eine Ebene, die mit simplen Worten und dem unterscheidenden Verstand nicht zu erfassen ist. Sie verweist also auf die Unfassbarkeit des Geistes.

In diesem Sinne äußerte sich auch Meister Eka:

„Ich erkenne es immer sehr klar, daher kann ich es nicht mit Worten ausdrücken.“
Meister Bodhidharma bestätigte daraufhin, dass dies genau die wesentliche Essenz des Geistes ist, die seit der Vergangenheit von den Buddhas weitergegeben wird:

„Nun hast du es erlernt, du musst es jetzt selbst gut bewahren.“




[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 3, S. 54, Fußnote 17

Montag, 8. Juni 2015

Die Täuschung von sich selbst


Dōgen zitiert folgende Aussage Sōkōs:

„Weil die Menschen es heute schätzen, über den Geist zu lehren und über die Natur Aussagen zu machen, und sie es zudem lieben, über das Tiefgründige und Feine zu diskutieren, erlangen sie die Wahrheit (nur) langsam. Wenn wir einfach die Dualität von Geist und Natur weggeworfen und sowohl das Tiefgründige als auch das Feine vergessen haben, dann erfahren wir wirklich den Zustand (der Wahrheit), sodass keine dualistischen Formen entstehen.“

Wenn man Sōkōs Ausführungen nicht genau liest, wirken sie durchaus eingängig. Aber stimmen sie mit dem Buddha-Dharma wirklich überein? Bevor ich Dōgens Interpretation untersuche, möchte ich einige eigene Anmerkungen vorwegschicken. In seinem zweiten Satz sagt Sōkō, dass wir die Dualität von Geist und Natur „einfach wegwerfen“ sollen.

Dies ist sicher leichter gesagt als getan. Gleiches gilt für seine Aufforderung, dass wir das Tiefgründige und Feine „einfach vergessen“ sollen. Wegwerfen und Vergessen sind mentale Willensentscheidungen und keine ganzheitlichen Erfahrungen, die der kritischen Reflexion über deren Realität standhalten.

Nach Nishijima Roshi bewegen sich die Aussagen Sōkōs in der Dimension der Ideen und des Idealismus, sie sind weder konkret noch in die buddhistische Praxis eingebunden. Allein mit der Lebensphilosophie des Idealismus ist es aber unmöglich, den Zustand der Wirklichkeit und Erleuchtung zu erlangen.

Aufschlussreich ist es auch, eine Verbindung zum Kapitel über die Verwirklichung des Lebens und des Universums herzustellen. Dort sagt Dōgen, dass es auf dem Buddha-Weg notwendig ist, sich selbst zu vergessen.[i] Das ist aber etwas ganz anderes, als bestimmte Objekte des Bewusstseins wie Dualität, Tiefgründiges und Feines zu vergessen.

Das Vergessen von uns selbst ist ein ganzheitlicher Ablösungsprozess von den bisherigen vorgefassten Meinungen, Selbsttäuschungen, Illusionen und Verdrängungen. Nach Dōgen ergibt sich dabei auf natürliche Weise und gewissermaßen als automatische Folge, dass der Dualismus bei der Verwirklichung der höchsten Lebensphilosophie überwunden wird, da er nur im Idealismus und Materialismus vorkommt.

Sōkō spricht aber vom Dualismus wie von einem Objekt des Bewusstseins. Er behauptet, dass wir den Dualismus einfach vergessen sollen und können, und damit sei das Problem des Dualismus gelöst. Durch diesen einfachen Entschluss zu vergessen, würden wir direkt in der Wirklichkeit und Wahrheit ankommen.

Das ist jedoch ein fataler Irrtum! Sōkōs „Patentrezept“ beruht auf schweren spirituellen, existentiellen und sogar psychologischen Fehlern. Etwas bewusst vergessen zu wollen, heißt ja im Kern, etwas bewusst zu verdrängen. Aber eine solche Verdrängung gelingt entweder überhaupt nicht oder hat die bekannten psychischen Probleme zur Folge.

Im ersten Teil des Zitates meint Sōkō etwas abfällig, dass es leider modisch sei, über den Geist und die Essenz des Buddhismus zu reden. Dies sei überhaupt nicht notwendig und sinnvoll, weil wir ja einfach den Dualismus wegwerfen sollen. Er vertritt sogar die Ansicht, dass es für den buddhistischen Weg und das Erreichen der Wahrheit schädlich sei, wenn wir über den Geist reden und das Wesentliche des Buddhismus erläutern und in Gesprächen vertiefen. Auch daran wird deutlich, dass Sōkō im krassen Gegensatz zu Dōgens Ausführungen steht.

Nach meinem Verständnis hat Sōkō den Geist und die Essenz des Buddha-Dharma falsch gelehrt und irreführend dargelegt. Das Ergebnis kann nur die Täuschung von sich selbst und anderen sein.




[i] Kap. 3, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 43 ff.: „Das verwirklichte Leben und Universum (Genjō-kōan)

Donnerstag, 4. Juni 2015

Die spirituelle Einheit der großen Meister im Augenblick


Dōgen zählt mehrere Beispiele aus der buddhistischen Überlieferung auf, die veranschaulichen, wann und wie der Geist gelehrt und die Natur-Essenz dargelegt wird:

eine Blume in den Händen zu halten,
ein Zeichen mit den Augen zu geben,
ein Gesicht, in dem ein Lächeln erscheint,
Niederwerfungen zu machen und
bei der Dharma-Übertragung auf seinem Platz zu stehen.



Diese Beispiele sprechen die Dharma-Übertragung von Gautama Buddha auf Mahākāshyapa und von Bodhidharma auf Meister Eka an. In diesen besonderen Augenblicken werden keine Worte verwendet, denn die spirituelle Interaktion vollzieht sich durch Handeln in vollständiger Übereinstimmung der Menschen.

Auch in den anderen Beispielen aus der Zen-Geschichte, die Dōgen noch aufführt, haben die Meister vor allem durch Handeln und Gesten den umfassenden Geist gelehrt und die Essenz des Buddhismus dargelegt.

Diese Zustände des Geistes präzisiert Dōgen, indem er die Augenblicke der Wirklichkeit anspricht sowie die Einheit von Geist und konkreten Dingen und Phänomenen betont:

„(Es sind Augenblicke,) wenn die Wahrheit verwirklicht wird, dass das Entstehen des Geistes (gleichzeitig) das Entstehen der vielfältigen wirklichen Dharmas (Dinge und Phänomene) ist. Außerdem wird die Wahrheit verwirklicht, dass das Vergehen des Geistes das Vergehen der vielfältigen wirklichen Dharmas ist. In diesen Augenblicken wird der Geist gelehrt, und in diesen Augenblicken wird die Natur dargelegt.“

Damit unterstreicht er die Einheit von Geist und konkreten Dingen und Phänomenen, die sich genau in den Augenblicken verwirklichen, die kommen und gehen, entstehen und vergehen. Demgegenüber behaupten diejenigen Menschen, die den Buddha-Dharma nicht kennen, dass der Geist unabhängig von den konkreten Dingen und Phänomenen wie den Zäunen, Hecken, Ziegeln und Kieselsteinen und überhaupt der Natur sei. Sie lehren nicht den Geist und legen nicht die Essenz dar, sondern sie reden nur über den Geist.

Sie sind fest davon überzeugt, dass kluges, intellektuelles Reden das Wesentliche sei und dass sich dabei der Geist und die Natur manifestieren würden. Dōgen distanziert sich von dieser Sichtweise, weil Lehre und praktisches Handeln beim Geist und bei der Natur im Augenblick immer identisch sind und es keinen von dieser umfassenden Wirklichkeit losgelösten, denkenden oder redenden Geist gibt. Dem Irrtum eines unabhängigen Geistes unterliegen diese Menschen laut Dōgen hauptsächlich deshalb,

weil sie nicht kritisch darüber nachdenken, ob sie die große Wahrheit durchdrungen haben oder nicht.“

Dann berichtet er von einem gewissen Meister Sōkō, der gleichzeitig mit dem großen Meister Wanshi im 12. Jahrhundert lebte. Er kritisiert Sōkōs oberflächliches und nicht authentisches Verständnis des Geistes und der Wirklichkeit, das er leider auch als Buddha-Lehre im damaligen China verbreitet habe.

Sōkōs Aussagen wirken zunächst recht glaubhaft und stimmen scheinbar mit der wahren buddhistischen Lehre und Praxis überein. Bei genauerer Untersuchung stellen wir jedoch fest, dass es sich um theoretische und intellektuelle Aussagen, um nicht zu sagen Behauptungen, handelt, die keine Einheit von Lehre, Praxis und Zazen beinhalten.

In einem anderen Kapitel[i] schildert Dōgen die Geschichte von Sōkō detaillierter und stellt fest, dass dieser den wahren Dharma nicht erlangt und keinen Zugang zu einem wahren Meister gefunden hat. Sōkō war auch einer der Initiatoren und Gründer einer bestimmten Richtung des Kōan-Zen, die Dōgen nicht immer schätzte. Der dabei versprochene schnelle Weg zur Erleuchtung erweist sich meist als Sackgasse. Ich folge Dōgen, wenn er betont, dass seine und Wanshis Praxis des Zazen in der Einheit mit der authentischen Lehre weniger Gefahren birgt, vom wahren buddhistischen Weg abzuirren.






[i] Kap. 75, ZEN Schatzkammer, Bd. 3, S. 134 ff.: „Der Samâdhi als Erfahrung des Selbst (Jishō-zanmai)

Sonntag, 31. Mai 2015

Funken beim Schüler und Zuhörer zu erzeugen.




Es wird berichtet, dass Meister Tozan das tiefe Erkennen der buddhistischen Lehre und Praxis erfuhr, klar, eindeutig und direkt. Seine überkommenen Vorstellungen und festgefahrenen Emotionen lösen sich auf, und er erlebt eine neue Vitalität und Lebendigkeit. Nishijima Roshi sagt, dass Meister Tozan

„den Zustand erlangt hat, der Leben und Tod vollständig übersteigt, und dass er den Zustand des gegenwärtigen Augenblicks vollständig erlangt hat.“

Dabei werden alle vorgefassten Vorstellungen und Konzepte über Leben und Tod, die „sich von der Wirklichkeit direkt vor uns unterscheiden“, fallen gelassen.

Nishijima und Cross erklären, dass für Dōgen „Natur“ und „Essenz“ dieselbe Bedeutung haben.[i] Im Folgenden werde ich sie deshalb ebenfalls als Synonyme verwenden. Die Bedeutung des Begriffs Natur ist allerdings im Buddhismus wesentlich umfassender, als wir es im Westen gewöhnt sind. Sehr häufig verstehen wir Geist und Natur als Gegensatz und meinen, dass nur ein Mensch Geist besitzt, also über geistige Fähigkeiten und Kompetenzen verfügt.

Dōgen hingegen beschreibt mit „Natur“ gleichzeitig das natürliche Gleichgewicht oder den natürlichen Zustand, der sich in der konkreten Wirklichkeit des Buddha-Dharma ereignet und auch als Erwachen oder Erleuchtung bezeichnet wird.[ii] Diesen Zustand grenzt man von den gekünstelten und übersteigerten Zuständen ab, die nicht zum Mittleren Weg gehören, sondern ins Unglück und Leiden führen; typisch dafür sind Illusionen, Täuschungen und Verdrängungen.

Dōgen hält fest, dass alle großen Meister und Buddhas durch die Tugend verwirklicht werden, den umfassenden Geist zu erklären und die Natur, also die Essenz, darzulegen. Es ist demnach eine ganz wesentliche Qualität und Funktion, die buddhistische Lehre und Praxis sowohl für sich selbst zu verwirklichen als auch an andere weiterzugeben. Andernfalls wäre es unmöglich, das strahlende Dharma-Rad weiterzudrehen. Das heißt, dass die Lehre wesentlicher Bestandteil des Handelns der großen Meister ist.

Aber es darf sich dabei nicht nur um geschickte oder intelligente Rhetorik handeln, die sich vom wahren Kern des Buddhismus entfernt hat und nur angelerntes Wissen übermittelt. Der Meister muss selbst den konkreten höchsten Zustand des Menschen erlangt haben, um über den wahren Geist lehren zu können. Dies ist umso bedeutender, weil der Geist nicht vollständig erfasst werden kann und daher auch der Mensch unfassbar ist, wenn er über das intellektuelle Denken und angelernte Wissen hinausgeht.

Den Geist zu lehren und die essentielle Wahrheit darzulegen, ist sowohl natürliches konkretes Handeln als auch mystische Tiefgründigkeit. Der lehrende Geist bedeutet, „Funken“ beim Schüler und Zuhörer zu erzeugen und Energien freizusetzen. Ich möchte hier an das berühmte Kōan-Gespräch zwischen den Meistern Seppō und Gensa erinnern, die sich einig waren, dass „Buddha in der Flamme ist“.[iii] Diese für westliche Leser ungewöhnliche Formulierung lässt aus meiner Sicht die Präzision und den Mut wahrer Dharma-Gespräche aufleuchten.

Nicht zuletzt durch praktisches Training wird der Geist erweckt, und dabei wird laut Dōgen

„die Wirklichkeit gleichzeitig mit der ganzen Erde und mit allen Lebewesen verwirklicht“.[iv]

Dies ist ohne die Buddha-Natur[v] nicht möglich.






[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 3, S. 52, Fußnote 5
[ii] vgl. mein Buch: Umwelt-ZEN. Im Auge des Zen, Bd. 3
[iii] Kap. 23, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 202 ff.: „Wahres und reines Handeln der Buddhas (Gyōbutsu yuigi)“ und mein Buch: Strahlende Zeit zum Handeln. Im Auge des Zen, Bd. 2
[iv] Kap. 3, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 43 ff.: „Das verwirklichte Leben und Universum (Genjō-kōan)
[v] Kap. 22, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 192 ff.: „Das Geheimnis der Buddha-Natur (Busshō)

Freitag, 22. Mai 2015

Geist und Essenz: Im Tod bin ich lebendig geworden


Dōgen legt großen Wert darauf, dass die Begriffe Geist und Essenz sehr konkret und real erfahren und begriffen werden müssen. Dies heißt im Umkehrschluss, dass ein Meister oder Lehrer, der selbst zur Wahrheit von Körper und Geist gelangt ist, diese beiden Begriffe mit voller gelebter Wirklichkeit erfüllt und an andere Menschen weitergeben kann. Ein Theoretiker und Gelehrter der Schriften kann also die wahre Bedeutung von Geist und Essenz der buddhistischen Lehre nicht erklären und vermitteln, weil er überhaupt keinen Zugang zur buddhistischen Wirklichkeit hat.

Hierin liegt auch die zentrale Bedeutung dieses Kapitels, denn wenn die buddhistische Lehre und Praxis nicht mit Worten beschrieben und für die Lernenden erklärt worden wäre, hätte sie überhaupt nicht von einer Generation zur anderen bis in die Gegenwart übermittelt werden können. Für diese Weitergabe ist Dōgens Shōbōgenzō, „Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges“, der beste Beweis. Eine Abwertung aller schriftlichen buddhistischen Lehre ist daher Unsinn.

Ich möchte daher seine Kernsätze zum Thema Geist im Folgenden zusammenfassen: Es gibt die Wirklichkeit des Geistes als Lehre und Praxis in der Einheit von Körper und Geist. Der Geist ist aber mit dem Verstand nicht vollständig zu erfassen. Er kann sich also weder allein auf der idealistischen, noch auf der materialistischen Ebene verwirklichen, sondern wird darüber hinausgehend im Handeln des Augenblicks und auf der höchsten Ebene der Wahrheit erfahren.

Ein solcher wahrer Geist existiert nicht außerhalb der Ethik, und er kann von echten Meistern und Lehrern direkt erklärt und dargelegt werden. In diesem Zusammenhang möchte ich auf das Kapitel „Der Geist hier und jetzt ist Buddha“  im Shōbōgenzō verweisen.

Dōgen gibt dann ein Kōan-Gespräch zwischen Meister Tozan[i] und Meister Shinzan wieder. Die beiden Meister machten zusammen einen Spaziergang, dabei zeigte Tozan auf einen kleinen Tempel abseits des Weges und sagte:

„Dort drinnen ist jemand, der den Geist darlegt und die Natur (und Essenz des Buddhismus) erklärt.“

Tozan drückte damit aus, dass der Abt dieses Tempels die Einheit von Geist, Materie, Natur und Essenz der Wahrheit lehrte.
Der etwas ältere Shinzan fragte:

„Wer ist es?“

Dies scheint vordergründig betrachtet eine relativ belanglose Frage zu sein, mit der sich Shinzan nur nach dem Namen des Abtes erkundigen möchte.

Aber Tozan antwortete umfassend und tiefgründig:

„(Dadurch dass) eine Frage durch dich, älterer Bruder, gestellt wurde, habe ich direkt den Zustand erlangt, (in dem ich) vollständig gestorben bin.“

Was meint Tozan mit der Formulierung, dass er vollständig gestorben sei? Nishijima Roshi interpretiert das so, und ich folge ihm darin, dass theoretische Vorstellungen und emotionale, sinnliche Eindrücke verschwunden und damit gestorben sind, dass also Meister Tozan in der Situation vollständige Klarheit hat.
Meister Shinzan fügte hinzu:

„Jener konkrete Zustand, den Geist zu erklären und die Essenz (als Wahrheit) darzulegen, ist wer?“ Damit stellt er die Verbindung zu dem Meister in dem kleinem Tempel her, der in der Lage ist, die große Wahrheit zu lehren und zu erläutern.

Tozan fuhr daraufhin fort:

„Im Tod bin ich lebendig geworden.“

Dieses Kōan-Gespräch über die Frage, wie der Geist und das Wesentliche des Buddhismus behandelt und dargelegt werden, ist auch in Dōgens Kōan-Sammlung Shinji Shōbōgenzō[ii] enthalten. Die Formulierungen lauten dort jedoch zum Teil etwas anders, zum Beispiel sagt Meister Tozan, dass er in den Zustand eingetreten ist, der Leben und Tod vollständig übersteigt. Meister Shinzan ergänzt, dass ein Mensch, der Geist und Materie lehrt, selbst unfassbar ist, weil sein Geist nicht erfasst werden kann.

Nishijima Roshi legt bei seiner Interpretation dieses Kōan-Gesprächs den Schwerpunkt auf die Bedeutung des Wortes „wer“, das ganz einfach die Frage nach dem Namen eines Menschen beinhalten könnte. Aber diese Frageform bedeutet im Zen-Buddhismus darüber hinaus, dass der wahre Mensch unfassbar ist, nicht in starre Kategorien eingeordnet werden kann und in keine Schablone passt. Wer Körper und Geist lehrt, hat die Essenz des Buddhismus verwirklicht und kann sie anderen darlegen. Mit einfachen Worten kann man ihn nicht erschöpfend beschreiben.




[i] Meister Tozan lebte von 807 bis 869; er ist der 38. Meister in Dōgens Übertragungslinie.
[ii] Dōgens Kōan-Sammlung „Shinji Shobogenzo“, erläutert von G. W. Nishijima, deutsche und englische Fassung, Bd. 1, Nr. 62

Dienstag, 12. Mai 2015

Paradoxer Wortsalat ist kein Zen-Buddhismus



Zur Zeit Dōgens und auch heute noch gibt es buddhistische Gruppen, die jede Erläuterung zum Geist und zur Essenz der Buddha-Wahrheit grundsätzlich ablehnen.

Sie behaupten, dass solche Erklärungen nur auf den Bereich intellektueller Anstrengung beschränkt bleiben und deshalb für den wahren Zen bedeutungslos oder sogar schädlich wären. Worte und Beschreibungen, sogar die Sūtras, seie durch die intellektuelle Sphäre beschränkt, könnten also niemals zum Kern der buddhistischen Wahrheit vordringen und würden ein solches Streben sogar vereiteln.

 Die buddhistische Wahrheit sei ihrem Wesen nach immer anti-intellektuell und anti-theoretisch. Solche Behauptungen lassen vermuten, dass diese angeblichen Buddhisten den Intellekt und den umfassenden Zen-Geist miteinander verwechselt haben: prajna paramita, die höchste Weisheit, die über das Wissen hinausgeht.
Dōgen distanziert sich von solchen Auffassungen mit großem Nachdruck.

Im Kapitel „Das Sūtra der Berge und Wasser[i] findet er scharfe Worte gegen angebliche Buddhisten, die der Ansicht sind, Zen sei niemals rational und vernünftig, sonst sei es gerade kein wirklicher Zen-Buddhismus. Außerdem schätzt er die verlässlichen Schriften des Buddhismus außerordentlich. Wie sollten wir ohne sie überhaupt Buddhismus studieren. Die Sutras bezeichnet Dōgen als die wahren Reliquien Buddhas, nicht seine Knochen und Zähne (wenn sie denn überhaupt echt sind).

Ich kenne selbst einige Zen-Buddhisten im Westen, die sich fast genüsslich in Paradoxien und Widersprüchen ergehen und erklären, dies sei der wahre Zen. Auch manche „Lehrer“ möchten auf diese Weise gläubige Schüler beeindrucken und sich den Nimbus eines großen Zen-Meisters verleihen. Sie erwecken den Eindruck, dass sie die Paradoxien selbst „durchschauen“, weil sie erleuchtet sind und den Dualismus überwunden haben, die anderen aber nicht.

Im Shōbōgenzō betont Dōgen immer wieder eindeutig, dass ein nur intellektuelles Verstehen der buddhistischen Lehre und Praxis allerdings unzureichend ist. Er behauptet aber niemals, dass der Buddhismus irrational und paradox sei, sondern sagt im Gegenteil, dass die menschliche Vernunft und die Kraft der Worte ausgeschöpft werden müssen, um die buddhistische Lehre so weit wie möglich zu „verstehen“.

Sein gesamtes schriftliches Werk, vor allem das Shōbōgenzō, zeugt von seiner geistigen ja dichterischen Kraft und Scharfsinnigkeit, die heute der Zen-Lehre gerade im Westen eine große Anziehungskraft verleihen. Dem nur intellektuellen Verstand nicht zugängliche Wahrheiten haben nämlich oft tiefgründige Inhalte und poetische Kraft, sie verstoßen aber nicht gegen eine erweiterte intuitive Vernunft, die typisch für spirituelle und psychische Sphären ist. Und sie machen Sinn!

Wenn sich buddhistische Aussagen dagegen nur in Paradoxien ergehen, können sie die Essenz dieser Lehre nicht mehr an die Menschen übermitteln.

Paradoxer Wortsalat ist keine buddhistische Lehre.






[i] Kap. 14, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 129 ff.: „Das Sūtra der wirklichen Berge und Wasser (Sansui gyō)