Donnerstag, 18. Dezember 2014

Wir Menschen sind eine Einheit mit dem Geist und mit Buddha


Eine negative oder gar zynische ´idealistische´ Weltanschauung ist nicht mehr weit vom Nihilismus entfernt, der grundsätzlich abstreitet, dass es überhaupt irgendetwas Wirkliches und irgendeine Erkenntnis geben kann. Ethischer Zynismus verbunden mit dem heutigen Materialismus ist sicher ein großes Problem der jetzigen westlichen Welt.

Zurück zur Leerheit: Es mag auch nicht verwundern, dass der große indische Meister Nāgārjuna in früheren westlichen Interpretationen des Buddhismus dem Nihilismus zugerechnet wurde. Die gegenwärtigen Buddhologen distanzieren sich davon jedoch grundsätzlich, und Nishijima Roshi, der die neue Übersetzung von Nāgārjunas grundlegendem Werk zum Mittleren Weg (MMK) erarbeitet hat, hält eine solche Zuordnung für völlig absurd.[i] Nāgārjuna selbst sagte:

„Wer Weisheit hat, kennt die Natur der Wirklichkeit“, und wir sollen „Anschauungen aufgeben, welche die Wirklichkeit für nicht existent erklären.“ Weiter:
„Dies sind die zehn leuchtenden Pfade des Handelns.“

Wie man angesichts dieser Aussagen weiterhin behaupten kann, Nāgārjuna sei ein Nihilist, kann ich nun wirklich nicht nachvollziehen.

Im MMK beschreibt Nāgārjuna die dreifache Welt, die identisch ist mit dem Geist, als einzig mögliche Welt und als einzig möglichen Geist. Danach gibt es nichts außerhalb dieses Geistes. Auch dadurch wird deutlich, dass es sich nicht um den isolierten Geist im Sinne der europäischen Philosophie handelt, denn dieser steht ja gerade dem Körper und dem Materiellen fremd gegenüber. Außerdem wird klar, dass dieser umfassende Geist identisch mit Buddha, der Wahrheit und den Lebewesen ist. Diese drei bilden daher ebenfalls eine Einheit.

Wir kommen damit zu dem Schluss, dass die Bereiche des Denkens, des Materiellen und Fühlens sowie des Handelns eine Einheit mit dem Geist, Buddha und den Lebewesen bilden. Das heißt, die Menschen sind ursprünglich eine Einheit mit dem Geist und mit Buddha. Das ist eine fundamentale Aussage von weitreichender Bedeutung, die zum Beispiel beinhaltet, dass das Denken nicht abgespalten werden darf von dem umfassenden Geist und Buddha. Das Erwachen ist damit nicht zuletzt die Verwirklichung dieser Einheit und die Anerkennung der grundsätzlichen Realität der Welt. Außerhalb dieser Einheit gibt es laut Nāgārjuna und Dōgen überhaupt nichts.

Dōgens Lehre, dass auch die Welt der Formen – und damit des Materiellen – zum Geist des Buddha-Dharma gehört, mag für uns Menschen im Westen ein überraschendes Verständnis sein. Unsere Vorstellungen vom Universum, also von der sichtbaren und unsichtbaren Materie im Weltraum, konzentrieren sich meistens auf das Materielle.

Aber selbst für die naturwissenschaftlich klar nachgewiesene Energie, die nach heutiger Kenntnis etwa Dreiviertel des Universums ausmacht, ist der Begriff der Materie nicht mehr korrekt, weil Energie sich grundsätzlich in Materie umwandeln kann und umgekehrt. Das heißt aber nichts anderes, als dass unsere üblichen Vorstellungen von festen materiellen Dingen, aus denen die Welt angeblich besteht, nur von sehr begrenzter Aussagekraft und eingeschränktem Wahrheitsgehalt sind.

In ähnlicher Weise entfällt auch die Bedeutung der unteilbaren kleinsten Atome oder der Elementarteilchen als Grundbausteine der Welt, obgleich diese Vorstellungen im sogenannten gesunden Menschenverstand immer noch tief verankert sind und fast selbstverständlich erscheinen. Dōgens Ansatz reicht jedoch weit darüber hinaus: Ihm geht es um die Einheit von Ideen, Materie und Handeln, und diese dreifache Identität versteht er als Geist!




[i] Nagarjuna: Fundamental Wisdom of the Middle Way. Nagarjuna’s Mulamadhyamakakarika (MMK), Commentary by Gudo Wafu Nishijima and Brad Warner, Kap. 1, Vers 2, S. 5 f.

Sonntag, 7. Dezember 2014

Die dreifache Welt der Ideen, der Formen und des Handelns ist der umfassende Geist (Sangai yuishin)


 Das japanische Wort san entspricht im Deutschen „drei“ oder „dreifach“, und gai heißt „Welt“. Sangai bedeutet daher „drei Welten“ oder „dreifache Welt“. In der alten, traditionellen buddhistischen Theorie, die schon in Indien entwickelt wurde, gibt es drei Bereiche der insgesamt jedoch einheitlichen Welt:

1) Denken und Ideen,
2) Fühlen, sinnliche Wahrnehmung und Materielles,
3) Handeln (Nicht-Materie).

Der Wille zählt dabei zur Ideenwelt, und in der Tat besteht hier eine ganz enge Verbindung. Der Bereich des Handelns wird auch als Nicht-Materie bezeichnet.

Dōgen versteht den Begriff der dreifachen Welt oft als die wirkliche Welt des Hier und Jetzt, also als die ganze Welt, so wie sie ist. Diese enthält dann das Denken, das Fühlen, die Materie und nicht zuletzt das Handeln, und die Welt wird immer als real und einheitlich erfahren. Die Gliederung in die drei oben genannten Bereiche hat im Grunde genommen lediglich erklärenden und pädagogischen Charakter und ist keine Unterteilung und Trennung der Wirklichkeit selbst, wie es im gewöhnlichen Verständnis durch das subjektive Denken suggeriert wird.

Das japanische Wort yui bedeutet „nur“ oder „allein“, und shin heißt „Geist“. Daraus ergibt sich als Übersetzung des Titels „Die dreifache Welt ist der umfassende Geist“ oder auch: „Die dreifache Welt ist der Geist allein“. Die Formulierung „Die dreifache Welt ist nur der Geist“, die ebenfalls gebräuchlich ist, kann zu schwerwiegenden Irrtümern führen. In idealistisch dominierten buddhistischen Gruppen wird daraus nämlich gefolgert, dass es überhaupt keine wirkliche Welt gibt, also keine Materie und kein Handeln, sondern dass es nur den Geist als Ideen gibt. Alles sei allein im Denken und im menschlichen Geist real vorhanden, und dieser abgegrenzte und auf das Gehirn beschränkte Geist sei die einzige Realität. Daher sei die Materie unwirklich, nur ein Schatten und etwas Nicht-Existentes.

Ein solches Verständnis bezeichnet Dōgen als schweren Fehler. Schon unter logischen Gesichtspunkten ist es absurd anzunehmen, dass es keine materielle Wirklichkeit gibt. Nach Dōgens tiefer Erkenntnis ist die wirkliche Welt überhaupt nicht vom Geist getrennt und bildet eine unauflösbare Einheit mit ihm. Dabei sind insbesondere die subjektiven Bereiche des Denkens sowie die objektiven Bereiche des Wahrgenommenen eine Einheit, und die Wirklichkeit ist Handeln im Schnittpunkt von Subjekt und Objekt.

Auch die Materie gehört zum Geist
In diesem Kapitel des Shōbōgenzō wird vor allem die Einheit der materiellen Welt mit dem Geist analysiert. Das ist für das westliche Denken sicher erstaunlich, da wir gerade zwischen dem Denken und dem Materiellen streng unterscheiden und diesem Gegensatz kaum entkommen können. Vier Kapitel im Shōbōgenzō haben speziell den Materialismus beziehungsweise die materialistische Lebensphilosophie, wie Nishijima Roshi diese Weltsicht bezeichnet, zum Inhalt. Dazu gehören außer diesem Kapitel auch drei weitere.[i]

Dōgen macht in ihnen deutlich, dass er alle buddhistischen Ideologien ablehnt, die behaupten, dass es keine Wirklichkeit und insbesondere keine materielle Wirklichkeit gebe. Allerdings handelt es sich bei Dōgen nicht um den Materialismus im westlichen Sinne, der nur die Materie als alleinige Wirklichkeit anerkennt. Dieses Kapitel ist also eine radikale Kritik an idealistischen Interpretationen des Buddhismus, die sich häufig auf den Begriff der Leerheit (shunyata) stützen und sagen, dass alle Materie leer sei.

Ein solches Verständnis der Leerheit ist nach Nishijima und Warner auch für den Mittleren Weg bei Meister Nāgārjuna ein tiefgreifender Irrtum. Hierbei wird die idealistische Lebensphilosophie mit dem höchsten Zustand der Wirklichkeit verwechselt, für den dieser Begriff der Leerheit ursprünglich geprägt wurde.




[i] ZEN Schatzkammer, Bd. 3, S. 42 ff., Kap. 63: „Die Buddha-Augen (Ganzei)“; Bd. 3, S. 59 ff., Kap. 65: „Die Drachen singen in den kahlen Bäumen (Ryūgin) und Bd. 3, S. 162 ff., Kap. 77: „Die Wirklichkeit des Raumes (Kokū)

Sonntag, 30. November 2014

Der Indianer und die Wölfe




Ein alter Indianer erzählte seinem Enkel von einer großen Tragödie und wie sie ihn nach vielen Jahren immer noch beschäftigte.

"Was fühlst Du, wenn du heute darüber sprichst?" fragte der Enkel. 


Der Alte antwortete: "Es ist, als ob zwei Wölfe in meinem Herzen kämpfen. Der eine Wolf ist rachsüchtig und gewalttätig. Der andere ist großmütig und liebevoll." 

Der Enkel fragte: "Welcher Wolf wird den Kampf in deinem Herzen gewinnen?" 

"Der Wolf, den ich füttere!" sagte der Alte.  

 Quelle unbekannt

 

Mittwoch, 26. November 2014

Der Geist erlernt auf natürliche Weise von selbst die Wahrheit !


Besonders bemerkenswert ist die folgender Aussage Dōgen:

„Ihr solltet deshalb fest darauf vertrauen und annehmen, dass dieser Geist sich auf natürliche Weise von selbst daran gewöhnt, die Wahrheit zu erlernen. Dies nennen wir das Erlernen der Wahrheit mit dem Geist.“

In diesen Worten kommt sein tiefes Vertrauen zum Leben im Buddhismus zum Ausdruck. Für ihn handelt es sich um einen natürlichen Lernvorgang, wenn man auf dem Buddha-Weg das Erwachen oder die Erleuchtung und damit Befreiung erlebt. Das ist nichts Aufgezwungenes und durch pure Disziplin Erlerntes, sondern unsere wahre Natur, die sich entfaltet.

Neben der Zazen-Praxis ist das Handeln im Alltag mit den jeweiligen Pflichten und Aufgaben ein wesentlicher Teil des Buddha-Weges: "Erleuchtung ist Feuerholz tragen und Wasser schöpfen"

Dabei darf man sich nicht entmutigen lassen, wenn es Rückschläge gibt oder der Lernprozess „in Stücke zerfällt“, sondern wir sollen vertrauensvoll in den jeweiligen Situationen unseres Lebens nach der Buddha-Lehre handeln. Auch der von Angst gesteuerte Gedanke an den kommenden Tod führt nicht weiter, sondern wirkt meist wie ein Hindernis für das Handeln im gegenwärtigen Augenblick. Denn das Leben gehört dem Leben und nicht dem Tod.

Der Zen-Buddhismus hebt die Einheit mit der uns umgebenden konkreten Realität hervor. Das zeigt sich auch im Dialog zwischen einem großen Landesmeister und einem Mönch, den Dōgen zitiert. Der Mönch fragte den Meister: „Was ist der Geist der ewigen Buddhas?“ Und der Meister antwortete mit dem berühmten Satz:

Die Zäune, die Mauern, die Ziegel und die Kieselsteine.“

Diese Orientierung an den konkreten Gegebenheiten ist nach Dōgens Überzeugung der richtige Weg, um den Geist für die Wahrheit zu schulen und nicht in intellektuelle Spekulationen abzugleiten. Er erläutert hierzu:

„Die Worte sind im Gleichgewicht, der Geist ist im Gleichgewicht, und die Welt ist im Gleichgewicht.“

Damit ist der erwachte Zustand des Handelns im Hier und Jetzt gemeint, der ausführlich im Kapitel „Das verwirklichte Leben und Universum dargestellt wird.

Zum Schluss rät uns Dōgen dringend, die nur übernommenen, erlernten und dadurch verengenden Theorien wieder abzuschütteln und unmittelbar im Gleichgewicht von Körper-und-Geist zu leben und zu handeln.


Mittwoch, 19. November 2014

Tätigen Handeln ist selbst das Erwachen des Bodhi-Geistes


Nach der  buddhistischen Lehre, die seit über 2500 Jahren erprobt ist, kann man die Wahrheit und Befreiung nur dadurch erlernen, dass man sowohl den Geist als auch den Körper schult. Beide gehören nämlich in der Wirklichkeit unauflösbar zusammen und bilden eine Einheit. Der Lehre vom Handeln und Tun kommt im Buddhismus eine sehr große Bedeutung zu, und zum Handeln gehören immer sowohl der Geist als auch der Körper.

Während wir in der westlichen Philosophie den Intellekt und Geist meist völlig losgelöst vom Körper des Menschen behandeln, wird eine solche Trennung im Buddhismus als sinnlos abgelehnt. Wenn Dōgen zunächst den Lernvorgang des Geistes und dann den des Körpers beschreibt, geschieht dies lediglich aus didaktischen Gründen, um die jeweiligen Bereiche möglichst klar herausarbeiten zu können.
Er betont, wie wichtig es ist, den klaren Entschluss für den Buddha-Weg zu fassen. Und er bemerkt hierzu:

„Wenn ihr euch nicht entschließen könnt, die Wahrheit zu erlernen, entfernt sie sich immer mehr von euch.“

Das bedeutet, dass man durch den Entschluss allein zwar noch nicht zur Wahrheit erwacht ist, aber dass man sich ohne eine solche grundsätzliche Entscheidung in seinem Leben immer mehr verirrt und sich zum Beispiel im Materialismus verliert.
Wesentlicher Teil dieses Wahrheitsweges ist ethisches Denken und Handeln. Die Ethik darf nicht im Denken und bei den Ideen stehen bleiben, sondern muss durch das Handeln umgesetzt und im Hier und Jetzt verwirklicht werden. Gleichwohl ist der Entschluss zum ethischen Handeln zunächst im Geist und Willen angesiedelt. Der Entschluss ist der Beginn eines Lebens auf einem neuen Weg.

Dōgen geht auf verschiedene Arten des Geistes ein, die ursprünglich aus der altindischen Buddha-Lehre stammen. Er warnt uns jedoch davor, diese Einteilungen nur rein theoretisch zu verstehen, und fordert uns stattdessen auf:

„Dann erlernt und erforscht ihr es im tätigen Handeln, das selbst das Erwachen des Bodhi-Geistes ist.“

Weiter führt er aus, dass es auf die Gegenwart und den Augenblick beim geistigen Handeln ankommt. Der Lernvorgang im Geist soll dabei den unterscheidenden Intellekt überschreiten. Und man soll sowohl durch das Denken als auch durch das Nicht-Denken üben. Vor allem mit dem Nicht-Denken spricht er zweifellos die Zazen-Praxis an. Außerdem sei die Verbindung vom Meister zum Schüler, der später eventuell selbst Meister wird, von fundamentaler Wichtigkeit, und Dōgen spricht davon, dass bei dieser Verbindung „der Geist durch den Geist lernt“. Der Geist des zukünftigen Meisters wird von dem des vorherigen im direkten ganzheitlichen Kontakt als Lernprozess erfasst und dreht damit das Dharma-Rad.


Dōgens umfassende Vorstellung vom Geist und von der Einheit mit der konkreten Wirklichkeit wird darin deutlich, dass er Berge, Flüsse, die große Erde, Sonne und Mond einbezieht und erklärt, dass sich dies alles je im gegenwärtigen Augenblick realisiert. Er übersteigt dabei die materielle Sichtweise der äußeren Form und auch die Begriffe wie „Berg“ oder „Fluss“. Daher sind Maßangaben und Bezeichnungen wie „innen“ oder „außen“, „groß“ oder „klein“ und dergleichen ebenfalls ungeeignet, um diese Einheit von Geist und konkreter Wirklichkeit zu erfassen.

Donnerstag, 13. November 2014

Leben-und-Tod als Kopf und Schwanz


Dōgen formuliert kurz und prägnant zu unserem Leben hier und jetzt: Es geht ganz einfach um Kommen-und-Gehen in der Praxis, und das ist genau Leben-und-Tod.

„Mit Leben-und-Tod als Kopf und Schwanz kann der wirkliche menschliche Körper einen Salto machen und das Gehirn umwenden. (Das ist der wahre) menschliche Körper, der das ganze Universum in den zehn Richtungen ist.“

Das Denken und der Geist können jäh geändert und gedreht werden, meint Dōgen, wenn die Bodhi-Wahrheit anwesend ist. Wir sind tatsächlich fähig, in unserem Leben einen plötzlichen Salto zu springen, wenn dies erforderlich ist, weil wir dazu auf dem Buddha-Weg die Freiheit gewonnen haben. Wir dürfen nicht den Fehler machen, nur zu denken, dass unser wirklicher menschlicher Körper ganz konkret im Hier und Jetzt handeln würde. Es geht um die Wirklichkeit jenseits des linearen Denkens. Wie die Gehirnforschung heute nachgewiesen hat: nur in einem sehr kleinen Teil unseres Neuronalen Netzes läuft das lineare sog. logische Denken, aber unsere Weisheit und Praxis gehen weit darüber hinaus; und sie sind gut trainierbar.

Der Bezug zum Universum darf genauso wenig dazu führen, dass wir nur diffusen abstrakten Ideen vom Weltall und Universum nachhängen. Dōgen unterstreicht, dass der zitierte Salto und das „Drehen des Gehirns“ genauso konkret sind wie die Größe einer Münze und das Innere eines Atoms. Schwierige Lebensprobleme, die manchmal im Zen als tausend Fuß hohe Mauer bezeichnet werden, sind oft gar nicht so unüberwindlich, wie sie zunächst erscheinen, wenn sie in der Wirklichkeit des Gleichgewichts von Körper-und-Geist tatkräftig behoben werden.

Dann seien sie keine hohen Mauern mehr, sondern würden zu einem Weg, der fast als eben und flach bezeichnet werden könne. Wir sollten die wirklichen Situationen und Zusammenhänge und die wirklichen Eigenschaften der Dinge und Phänomene in der Einheit von Körper-und-Geist genau untersuchen, denn das ist der Weg, die Wahrheit zu erlernen.

In seiner typischen Weise sagt Dōgen schließlich:

„Die Knochen und das Mark des Nicht-Denkens und des nicht Nicht-Denkens existieren (wirklich). Nur wenn wir uns der Idee einer Wirklichkeit, die nur im Gehirn beheimatet ist, entschieden widersetzen, lernen wir die Wahrheit.“

Das sei für alle Dimensionen des Geistes besonders wichtig.


Mittwoch, 5. November 2014

Das Leben hängt nicht vom Tod ab


Der "Tod" alter Zustände, Vorurteile, Abwertungen und alter Fesseln führt laut Dōgen zu einem besseren Leben, zu einem Neuanfang. Dadurch treffen wir das wahre Leben, bevor uns der Tod ereilt:

Das Leben hindert nicht den Tod, und der Tod hindert nicht das Leben.“

Es ist also sinnlos, den Tod zu verdrängen, denn dadurch wird man die Bedrohung durch das eigene Ende nicht los. Wer sich aber permanent panischen Todesgedanken ausliefert, verpasst das Leben genauso. Wenn wir leben, sollten wir das umfassend tun, aktiv handeln und uns ganz dem Augenblick öffnen.

Dōgen unterstreicht, dass gewöhnliche Menschen, welche die buddhistische Wahrheit nicht erlangt haben, weder das Leben noch den Tod wirklich kennen. Der Tod sollte natürlich in das Leben integriert werden. Aber das Leben hängt nicht vom Tod ab und sollte durch das Leben selbst gesteuert werden. In diesem Sinne sagte auch Zen-Meister Engo Kokugon, der etwa 130 Jahre vor Dōgen lebte:

„Das Leben ist die Verwirklichung aller (seiner) Aufgaben und Funktionen.
Der Tod ist die Verwirklichung aller (seiner) Aufgaben und Funktionen.
Sie erfüllen den ganzen Raum.
Der reine, bloße Geist ist immer Augenblick für Augenblick.“[i]

Dōgen fordert uns auf, diese Zeilen sorgfältig zu bedenken und zu analysieren. Sie erscheinen zunächst recht unverständlich und der Vernunft nicht zugänglich. Was bedeuten sie? Die ersten beiden Zeilen sollen die Wirklichkeit von Leben und Tod ungeschminkt, aber auch ohne Panik beschreiben.

Die Funktionen und Aufgaben unseres Lebens sind von unserer Verantwortung und der Ethik des Handelns mit und für andere nicht zu trennen. Esoterische Isolation vom täglichen Leben und der Rückzug in Nischen falsch verstandener Spiritualität und weltfremder Philosophien sind gefährliche Sackgassen im Leben. Sie besitzen keine Dynamik, nur sehr begrenzte Kreativität und führen leicht zum Vertrocknen des Körper-und-Geistes. Aber wir sollen uns auch nicht von der Angst vor dem körperlichen Tod einengen lassen.

Als Tod verstehe ich hier nicht nur den physischen Tod, sondern vor allem das Ende von Täuschungen und den Neuanfang nach Irrtümern und Fehlern. Das ergibt die Voraussetzung für einen Neubeginn, denn nach Shunryu Suzuki ist Zen-Geist genau Anfänger-Geist. Um neu anzufangen, muss man etwas Falsches beenden, das Falsche muss also vertrocknen und sterben.

Wer starr an seinem eigenen Käfig festhält, kann sich nicht entwickeln und nicht den schwierigen aber erfüllenden Weg zur Freiheit finden. Das Universum befindet sich in einem dynamischen Gleichgewicht, und auch unser Leben sollte in einem solchen dynamischen Gleichgewicht ablaufen.

Der zitierte Raum hat im Zen-Buddhismus verschiedene Bedeutungen, die vielfältige Lebensdimensionen wiedergeben. Er ist nach der alten indischen Lehre ein materielles Element, wird aber auch häufig als Symbol für das Gleichgewicht, die Befreiung und sogar die Leerheit verwendet. Er steht damit auch für die Zazen-Praxis, bei der die Gedanken und Emotionen sich auflösen und wir häufig ein umfassendes, intuitives Raumgefühl erleben:

"Zazen ist Nicht-Denken.“[ii]

In der letzten Zeile steht der einfache, ungekünstelte Geist im Mittelpunkt, der auch als nackt und bloß bezeichnet werden kann und sich jäh im Augenblick verwirklicht.





[i] Kap. 41, ZEN Schatzkammer, B. 2, S. 143 ff.: „Das Universum ist dynamisches Handeln (Zenki)
[ii] Nishijima, G. W.; Seggelke, Yudo J.: Die Kraft der ZEN-Meditation. Im Auge des Zen, Bd. 4, S. 36 ff.