Mittwoch, 29. Oktober 2014

Gleichgewicht im Handeln: Schritte vorwärts und rückwärts


 „Indem wir fortfahren, Augenblick für Augenblick den (bisherigen) Körper aufzugeben und den (wahren) Körper zu empfangen, ist es der gegenwärtige Zustand, die Wahrheit durch Schritte vorwärts und Schritte rückwärts zu lernen.“

Diese Formulierung mit den vorwärts und rückwärts gerichteten Schritten wird im Shōbōgenzō häufig verwendet, um das Handeln näher zu charakterisieren. Die Schritte vorwärts bezeichnen ein aktives, vorwärts gerichtetes Handeln, während die Schritte rückwärts bedeuten, etwas Sinnvolles geschehen zu lassen oder sogar einige Schritte zurückzutreten und der gesamten Situation die Freiheit zu geben, sich harmonisch und natürlich zu entwickeln.

Eine dauernd vorwärts drängende Hektik kann niemals zu einem ausgeglichenen Leben für sich selbst oder für andere führen. Es mag Phasen geben, wo eine solche drängende, konzentrierte Kraftanstrengung notwendig und sinnvoll ist, um eine Hürde zu überwinden oder in einen ganz neuen Lebens-Zustand zu gelangen. Aber dann sollte man wieder einen Schritt zurücktreten, das Ganze genau beobachten, um nicht zu sagen darüber meditieren, um keinen unnötigen Zwang auf die gesamte Situation auszuüben.

Die neue Situation ist dann die Ausgangslage für das weitere Vorgehen, das einer konkretisierten Analyse bedarf, die vorher gar nicht möglich war. Erst dadurch ergibt sich die nötige Offenheit: Zen-Geist ist Anfängergeist.[i] Andauernder Aktivismus erzielt oft eine schlechte Wirkung und kostet viel unnötige Kraft. Wer sich ohne Gleichgewicht verausgabt, landet im Burnout.

Dōgen verwendet für die Ruhe und das Gleichgewicht gern Wendungen aus bekannten Kōan-Geschichten des Zen, zum Beispiel: „ein polierter Ziegel“, ein Baum mit „verwelkten Blättern“ der falschen gierigen Emotionen oder die „tote Asche“ des Egoismus. Das sind Bereiche, die auf dem Weg der Zen-Praxis verwelken  und vergehen. Es geht um positive Eigenschaften der ausgeglichenen Zazen-Praxis, die aus ihr entstehen, und keineswegs um Askese, die alles Lebendige abtötet und die Menschen zu gefühllosen Baumstümpfen werden lässt. Wenn der Körper abstirbt, stirbt auch der Geist und mit ihm unsere menschliche Kreativität. Denn Lebensfreude und Kreativität sind ein "Geschwister-Paar".

Es geht darum, den Mittleren Weg zu gehen und überschießende Extreme zu vermeiden. Der Mittlere Weg führt aus der Abhängigkeit und Mittelmäßigkeit zur Selbstbestimmung. Das Streben nach der Wahrheit und die meditative Praxis sollten ohne Unterbrechungen und kontinuierlich durchgeführt werden. Wenn wir einmal nachlässig waren bei der Praxis oder im täglichen Handeln, sollten wir möglichst schnell wieder zum guten Rhythmus zurückkehren.

Das Leben im Zen ist zunächst keine bequeme Angelegenheit. Aber der wahre Zen es ist auch nicht rau, trostlos und ärmlich, wie Außenstehende manchmal behaupten; das ist blanker Unsinn:

„(Unser) Leben ist eine Anstrengung, aber wir sind gleichzeitig keine armen Gestalten. Vergleicht uns nicht mit Begriffen wie Täuschung oder gut und böse. Geht nicht in die Falle der Bereiche von falsch und richtig oder wahr und unwahr.“

Dōgen fügt weitere Kōan-Formulierungen hinzu: Wahres „Leben-und-Sterben, Gehen-und-Kommen sind der wirkliche menschliche Körper.“ Das fortlaufende, ziellose Wandern im Leben der gewöhnlichen Menschen, welche die Bodhi-Wahrheit nicht anstreben und erlangen, ist etwas anderes als das nur scheinbar ziellose Leben der praktizierenden Buddhisten. Denn es geht nicht um materielle Ziele, um Ansehen oder äußerer Ruhm. Besser ist Handeln im Gleichgewicht.

Dōgen bezeichnet diesen Unterschied als „zwei der sieben Arten von Leben-und-Tod“ und meint damit das eingeengte Leben gewöhnlicher Menschen, die nur zwei verschiedene Lebensweisen kennen, zum Beispiel Unterscheidung und Veränderung im Äußeren. Im Gegensatz dazu haben praktizierende Buddhisten zusätzliche Varianten, Möglichkeiten und Freiheiten, die hier mit den „sieben Arten“ symbolisiert werden.[ii] Wenn wir die vielfältigen Arten zu leben vollkommen verwirklichen, brauchen wir uns nicht zu fürchten und keine Ängste für die Zukunft zu haben. Wer in seinem jetzigen Leben alte Zustände und Fesseln abgelegt hat, ist damit schon eines Todes seines früheren negativen Lebens gestorben.



[i] vgl. Suzuki, Shunryu: Zen-Geist, Anfänger-Geist
[ii] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 255, Fußnote 65

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Wir sind im Gleichgewicht, wenn der Weg des Buddha gegangen wird


Im Zustand des Gleichgewichts sehen wir also alles ganz klar und realisieren, dass der menschliche Körper nach der Überwindung der Dualität das Ganze der zehn Richtungen ist. Dabei sei es von geringer Bedeutung, dass der menschliche Körper „durch sich selbst und andere begrenzt ist.“[i] Das heißt nichts anderes, als dass der menschliche Körper zu einem konkreten Menschen gehört und in Wechselwirkung mit anderen Menschen und Situationen steht.

Diese Aussage unterstreicht, dass das Leben im Gleichgewicht ist und das ganze Universum der zehn Richtungen ebenfalls balanciert ist. Zum menschlichen Körper gehören nach buddhistischer Vorstellung die vier materiellen Elemente und die fünf Komponenten des Menschen (skandas). Auch sie sind im Gleichgewicht, wenn der Weg des Buddha gegangen wird. Das Gleichgewicht ist nicht nur eine Angelegenheit des Gehirns oder der Psyche: So ist zum Beispiel die Körperhaltung bei der Zen-Meditation von zentraler Bedeutung.[ii]

Die intellektuellen Fähigkeiten sind im Gegensatz zum umfassenden Körper-und-Geist sehr begrenzt:

Weder die großen Elemente noch die kleinsten Partikel können von den gewöhnlichen Menschen vollständig erkannt werden, aber sie werden in der Erfahrung durch die Heiligen (mit Körper-und-Geist) gemeistert.“

Wer also nicht die im Buddhismus gelehrte Wahrheit und Freiheit erlangt hat, besitzt zwangsläufig nur ein eingeengtes Bewusstsein sowie ein eingeengtes Wahrnehmungsvermögen. Auch die Konzentrationsfähigkeit wird durch die regelmäßige Zazen-Praxis ganz wesentlich verbessert. Ich habe das selbst bei der Entwicklung neuartiger und komplexer Informatiksysteme erfahren.

Es geht also bei der Zen-Praxis nicht um einen Ausstieg aus dem Alltag, um für eine begrenzte Zeit die Wohltaten einer esoterischen, „rein geistigen“ Meditation zu genießen und dann wieder in den alten Stress, die alten Einengungen und Fixierungen zurückzufallen. Der Zen-Buddhismus ist aus meiner Sicht gerade besonders dafür geeignet, das Leben in allen Dimensionen des Körpers und Geistes zu verbessern. Ein elitärer Geist, der sich von allem Körperlichen und Materiellen abgelöst hat und in höheren Sphären schwebt, ist wenig hilfreich.

Auf dieser Basis (ist das ganze Universum) aufgebaut, und dieser Aufbau ist auf dieser Basis verwirklicht.“


Durch das Erlangen der umfassenden Wahrheit bekommt man also sowohl ein umfassendes intuitives Verständnis der Einheit der Welt, die immer aus Körper und Geist als Einheit besteht, als auch die Präzision und Klarheit für das Detail, für die Dinge und Phänomene. Nicht zuletzt sind solche erwachten Menschen durch abstrakte Ideologien kaum zu beeinflussen, und sie laufen keinen charismatischen Verführern nach, die manchmal sogar kriminelle Energie besitzen.

Eine Gehirnwäsche zum Beispiel ist bei solchen Menschen völlig wirkungslos, weil sie den gesagten oder geschriebenen Worten nur begrenzt vertrauen. Außerdem besitzen sie ein präzises Beobachtungsvermögen sowie Kombinationsintelligenz und erkennen, ob zum Beispiel das wirkliche Handeln mit den rhetorisch schön formulierten Zielen übereinstimmt.






[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 254, Fußnote 57
[ii] vgl. hierzu: Nishijima, G. W. und Seggelke, Y. J.: Die Kraft der ZEN-Meditation. Im Auge des Zen, Bd. 4

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Sind wir von Natur aus Buddha, auch ohne Praxis ?



Dōgen kritisiert in aller Klarheit die Ideologie, dass wir uns nicht anstrengen müssten, da wir ja schon von Natur aus Buddha, also erwacht und erleuchtet seien. Er zitiert dazu den großen Meister Hyakujo, der das Anhaften an dieser oberflächlichen und falschen Lehre als besonders verhängnisvoll bezeichnet. Er selbst hat, wie die Überlieferung berichtet, intensiv und ausdauernd praktiziert und sich auf diese Weise von seinen eigenen Fesseln und seinem eigenen Käfig befreit.

Er bezeichnet die Naturalisten, die aus einer Sicht nicht dem Buddhismus angehörten, schlicht als Müßiggänger. Im Gegensatz dazu habe Hyakujo durch seine intensive Praxis große Verdienste und Tugenden beim Lernen der Wahrheit zum Beispiel für seine Nachfolger erworben. Er sei dadurch in „die Freiheit gesprungen“, wie sich Dōgen ausdrückt. Er bewundert die große Anstrengung und den hohen körperlichen Einsatz von Meister Hyakujo auf dem Weg, die Bodhi-Wahrheit zu erlernen. Seinen Aussagen könne man unbedingt vertrauen.

Solche zielstrebigen und ausdauernden Menschen vergleicht Dōgen mit dem für uns vielleicht etwas eigenartig wirkenden Bild, dass sie wie Kletterpflanzen seien, zum Beispiel Glyzinien, die an einem Baum hochranken. Ich interpretiere das so, dass der Buddha-Dharma einem festen Baum gleicht, der uns Halt gibt, sodass wir zum Licht wachsen und wie die Glyzinie Blütentrauben bilden können.

Dann stellt Dōgen eine Verbindung zum handelnden Bodhisattva und zu berühmten Passagen des Lotos-Sūtra her:
„Manchmal manifestieren (Menschen wie Hyakujo) einen (bestimmten) Körper, um andere zu retten und sie den Dharma zu lehren, und manchmal manifestieren sie (gerade) einen anderen Körper, um (diese Menschen) zu retten und den Dharma zu lehren.“

Er spricht damit das Bodhisattva-Ideal an, das beinhaltet, dass man sich jeweils in der Form oder wie es im Lotos-Sūtra heißt mit dem Körper manifestiert, der für die anderen Menschen jeweils der beste und geeignete ist, um helfen zu können. So hat es zum Beispiel wenig Sinn, einem armen Menschen Lebensmut geben zu wollen, damit er mit seiner Armut fertig wird, wenn man selbst erkennbar reich ist, teure Kleidung trägt oder mit einem Luxusauto vorfährt. Wer anderen Wasser predigt und selbst teuren Wein trinkt, besitzt nur eine geringe Überzeugungskraft, wenn er direkt mit den anderen Menschen zusammenkommt. Daran sollten sich auch unsere christlichen Kirchen halten, deren "Oberschicht" nicht selten dem Luxus frönten. Daher sei es auch sinnvoll, eine bestimmte Form, die dem anderen nicht helfen könnte, gerade nicht zu offenbaren.

Dōgen vertieft dann die körperlich-konkrete Seite des wahren Lernens, das nicht abgehoben in der Studierstube oder in esoterischen Sondersituationen erfolgen kann. Es geht in den konkreten zehn Himmelsrichtungen vor sich, also in den geografischen Dimensionen dieser Welt. Sie bezeichnen die gesamte umfassende Welt und das ganze Universum. Mit diesen konkreten Angaben soll verhindert werden, dass wir in abstrakte, nebulöse Vorstellungen zum Geist abgleiten. In Bezug auf die Sein-Zeit sagt Dōgen zu den Himmelsrichtungen:

„Wir sollten den Augenblick (so) denken, dass seine Vorderseite und Rückseite sowie Länge und Breite vollkommen das Ganze sind.“

Das heißt, dass auch die Lebensphilosophie des Augenblicks ganz konkret und direkt in den zehn Himmelsrichtungen verwirklicht werden muss; theoretische, modellartige Annahmen, zum Beispiel dass die Augenblicke wie Perlen auf einer Kette zu verstehen seien, sollte man vermeiden.


Dienstag, 30. September 2014

Der „normale“ Geist und der Körper


Normaler Geist
Dōgen behandelt eingehend den sogenannten „normalen Geist“; damit meint er einen im Gleichgewicht befindlichen natürlichen Geist. Der Begriff „normal“ darf hier also keineswegs so verstanden werden, dass es sich um den gewöhnlichen Geist der Menschen handelt, die nicht zur Bodhi-Wahrheit gelangt sind und in den üblichen Denkmustern und Vorurteilen ihrer jeweiligen Zeit und Kultur fixiert sind.

Nishijima und Cross erklären dazu:
Mit anderen Worten ist das Normale der augenblickliche Zustand des natürlichen Tuns und Handelns, gerade auch in einer bestimmten Verantwortung des Alltags.“

Das ist ebenfalls eine ganz typische Aussage des Zen-Buddhismus, der fordert, dass der Wahrheitsgeist nicht nur von einsamen Heiligen und hinter Klostermauern wirksam ist, sondern auch und gerade im ganz normalen täglichen Leben und Handeln. Dies wird durch die Fokussierung auf den gegenwärtigen Augenblick und damit auf das unmittelbare Erfahren in der Praxis ermöglicht.

Für den normalen Geist gilt nämlich die Feststellung: „Die Worte sind im Gleichgewicht, der Geist ist im Gleichgewicht, und der Dharma ist im Gleichgewicht.“ Es mag durchaus sein, dass die meisten Menschen wenig vertraut sind mit der Bedeutung der Formulierung „Worte im Gleichgewicht“, dem Geist und der Dharma-Wahrheit. Dōgen erklärt dazu Folgendes:
„Der ganze Himmel und die ganze Erde der Gegenwart sind wie eine Sprache, die ungewohnt ist, wie eine Stimme, die aus dem Grund der Erde hervorkommt.“

Er fährt fort, dass ein solches Gleichgewicht maßgeblich für das Kommen und Gehen im Augenblick unseres Lebens ist und dass wir oft von großer Ignoranz gegenüber dem „höchsten Körper“ der Verwirklichung des gegenwärtigen Lebens auf der Erde sind.

Obgleich wir unwissend sind, versichert Dōgen, würden wir gewiss Fortschritte auf dem Bodhi-Weg machen, wenn wir diesen „normalen Geist“ erwecken. Es besteht überhaupt kein Zweifel, dass dieser Weg gegenwärtig ist, und selbst wenn wir hin und wieder Zweifel haben, schreiten wir mit der Buddha-Wahrheit voran, wenn wir einmal den klaren Entschluss dazu gefasst haben.
Mit diesen Aussagen schließt Dōgen das Erlernen der Bodhi-Wahrheit durch den Geist ab und wendet sich dem Körper zu.

Das Erlernen mit dem Körper
Ohne den Körper ist das Lernen der Wahrheit unmöglich. Dabei geht es Dōgen ganz konkret um unseren Körper aus Fleisch und Blut, der ja eine Einheit mit dem Geist bildet. Er zitiert hierzu Meister Chosa Keishin, der im 9. Jahrhundert lebte: „Das ganze Universum der zehn Himmelsrichtungen ist genau der wirkliche menschliche Körper.“ Meister Engo Kokugon formulierte in gleichem Sinne:

„Leben-und-Sterben, Gehen-und-Kommen sind der wirkliche menschliche Körper.“

Wir handeln immer ganz wesentlich mit dem Körper, zum Beispiel um Unrechtes zu vermeiden, die Gelöbnisse einzuhalten und die Zuflucht zu den drei Kostbarkeiten Buddha, Dharma und Sangha zu nehmen. Eine nur materialistische Sicht des Körpers führt hier in die Irre, insbesondere wenn sie ohne jede ethische Bindung verstanden wird.

Dōgen bezeichnet diese Sichtweise als naturalistisches Weltbild und betont den fundamentalen Unterschied zum Natürlichen im Buddhismus, der immer im Einklang mit den Gesetzen des Universums, des Lebens und des Ethos ist. Wie er bei den 108 Toren zur Erleuchtung[i] sagt, gehören die vier himmlischen Verweilungen – also die liebevolle Zuwendung, das Mitgefühl, die Mitfreude und der Gleichmut – unauflösbar zum Buddhismus und offenbaren den großen Gegensatz zum materialistischen und naturalistischen Weltbild.






[i] Shobogenzo, deutsche Fassung, Bd. 3, S. 311 ff.

Donnerstag, 25. September 2014

Die Stacheln der Wasserkastanie: Symbole für die reinen Augenblicke



Was ist „der nackte, reine Geist, Augenblick für Augenblick“?,

fragt Dōgen. Das entsprechende japanische Wort seki, das ich mit „nackt“ und „rein“ übersetzt habe, soll den direkten Augenblick in der Gegenwart treffend bezeichnen. Es geht dabei nicht um Vorstellungen und Ideen über den Augenblick, sondern um die Wirklichkeit selbst, Augenblick nach Augenblick. Das heißt auch, dass im Augenblick nichts verdeckt oder weggelassen und nichts hinzu fantasiert wird.

Die Rundheit des Mondes ist im Zen-Buddhismus häufig ein Symbol für die Erleuchtung, also für den Wahrheitsgeist. Auch die runden Blätter des Lotos und die im alten China gebräuchlichen runden Spiegel aus fein poliertem Metall sind von der Sein-Zeit des Augenblicks nicht zu trennen. Gleiches gilt für den reinen Geist, Augenblick für Augenblick.

Dōgen erwähnt in diesem Zusammenhang die Wasserkastanie, wobei deren einzelne Stacheln als Symbol für die Augenblicke stehen. Er spricht davon, dass die spitzen Stacheln gleichzeitig wie ein Bohrer wirken. Ich interpretiere diese Aussage so, dass die Stacheln zum Kern des reinen und bloßen Geistes vordringen können und damit Fantasievorstellungen und theoretische Abstraktionen durchstoßen. Dōgen verwendet also die Rundheit und die Spitzigkeit als Symbole für den Geist in der Sein-Zeit.

Im existenziellen und spirituellen Bereich kann es keine Dinge und Phänomene geben, die unabhängig von der Sein-Zeit sind. Nur im Augenblick gibt es die Wirklichkeit, die frei von Illusionen, emotionalen Bewertungen und Verzerrungen durch Affekte ist. Dies ist der „nackte Geist“ der nackten Wahrheit.

Dōgen erwähnt dann das Zen-Zitat „Der Geist der ewigen Buddhas“ und verbindet es mit dem Kōan-Gespräch des großen Meisters Daisho, der von einem Mönch gefragt wurde:

Was ist der Geist der ewigen Buddhas?“
Der Meister gibt eine wirklich verblüffende Antwort:

„Hecken, Mauern, Ziegel und Kieselsteine.“

Diese Dinge dürfen wir jedoch nicht materialistisch verstehen, weil damit die Verbindung zu dem Geist der großen Meister verloren ginge. Genauso falsch wäre es, sich in abstrakten Theorien darüber zu verlieren, was der Geist der großen Meister sei. Um auf die konkrete Welt hier und jetzt zurückzukommen und den Mönch von unnützen Spekulationen seines „Denk-Käfigs“ wegzubringen, antwortet daher der Meister mit der Aufzählung der Hecken, Mauern, Ziegel und Kieselsteine, denn sie bilden mit dem wahren Geist, den Dōgen meint, eine unauflösbare Einheit.

Eine abstrakte Welt der Urideen, die losgelöst von der materiellen Wirklichkeit der Welt existieren, wie der griechische Philosoph Platon gelehrt hat, ist daher im Zen-Buddhismus völlig unsinnig und gehört in den Bereich der Spekulationen. Gerade die Vorstellungen vom Geist der großen Meister können leicht zu idealisierenden und utopischen Konstrukten führen.


Dem will Dōgen hier konsequent einen Riegel vorschieben.

Freitag, 19. September 2014

Die Wahrheit hat die Kraft einen Edelstein herauszuziehen


 Wenn Dōgen davon spricht, dass man im Alltagsleben durch den „Schlamm geht und im Wasser steht“, bezieht er sich im Hinblick auf die große Wahrheit auf die täglichen Gegebenheiten im alten China und Japan. Er erklärt, dass wir uns selbst wie mit einem Seil an die große Wahrheit binden, und meint damit die Selbststeuerung des Zen, die alle Extreme vermeidet und mit dem buddhistischen Ethos im Einklang ist.

„(Die Wahrheit) hat die Kraft, einen Edelstein herauszuziehen und auch achtsam in das Wasser zu gehen und eine Perle zu finden. Wir sollen uns nicht dadurch irritieren lassen, dass die Wahrheit sich manchmal verabschiedet, dass sie auseinanderfällt oder auch plötzlich ganz verschwindet.“

Das heißt, dass wir im Lernprozess der Wahrheit manchmal das Bewusstsein und die Klarheit über diese Wahrheit selbst verlieren, aber dadurch kann sich das Problem der Wahrheitsfindung durch das Bewusstsein gerade auflösen. Wir handeln dann unmittelbar und ohne dualistisches Denken von Subjekt und Objekt.

Die Wahrheit besteht keinesfalls nur aus materiellem Beobachten und intellektuellem Denken, denn beides vollzieht sich in der Trennung von Subjekt und Objekt und ermöglicht keinen direkten, umfassenden Zugang zur Wirklichkeit.

Indem wir einen (geistigen) Salto machen, lernen wir die Wahrheit.“

Jeder besitzt laut Dōgen den natürlichen Zustand, den Umständen und Gesetzen der Welt und des Lebens zu folgen, also in Harmonie und Kreativität mit ihnen zu handeln. Dadurch fallen je im Augenblick die einengenden Mauern zusammen, und wir lernen, offen in den zehn Himmelsrichtungen zu leben.

Den Wahrheits- oder Bodhi-Geist beschreibt Dōgen in mehreren Kapiteln. Es sei von zentraler Bedeutung, dass wir genau diesen Geist erwecken, denn damit erlangen die Lebensbereiche von Leben-und-Tod und von Nirvāna sowie alle anderen Lebensumstände eine neue Bedeutung; sie überschreiten das herkömmliche Verständnis.

Der geografische Ort für den Aufenthalt des Menschen ist unwesentlich, wenn wir den Wahrheitsgeist erwecken und entwickeln. Dieser ist frei von Vorurteilen, psychischen Blockaden, Ängsten und gierigem Willen. Philosophische Begriffe und Bedeutungen wie Existenz oder Nicht-Existenz sind ebenfalls weitgehend bedeutungslos und werden einfach beiseite gelassen. Auch die üblichen Bewertungen wie gut oder schlecht, moralisch vorbildlich oder falsch sowie Begriffe wie Sünder, Zöllner und Gescheiterte verlieren ihre Bedeutung – und zwar für uns selbst und -nicht zuletzt- im Zusammenleben und Handeln mit anderen Menschen.

Dōgen betont, dass die Bodhi-Wahrheit weder eine Belohnung für früheres gutes karmisches Handeln ist, noch eine Folge davon, sondern es komme genau auf den jetzigen Augenblick und auf die Befreiung von karmischen Bindungen an.

Ein Mensch der Bodhi-Wahrheit mag sich so fühlen, als ob er „unter Fremden weilt“, deren Sprache er nicht mehr versteht, denn er hat die gewöhnlichen Lebensphilosophien verlassen. Der Wahrheitsgeist verlässt ihn allerdings nicht, gerade wenn er in schwierige Situationen kommt und mit Menschen Umgang hat, die gierig wie Tiere ihren Vorteil verfolgen oder mit verblendetem Geist verhärteten Ideologien nachjagen.

Der Wahrheitsgeist gibt den Menschen Stabilität, innerer Ruhe und Lebensfreude.


Samstag, 13. September 2014

Hingabe an den Augenblick


Dōgen unterstreicht seine zentralen Aussagen, dass wir die Wahrheit erlernen, indem wir das bisher Gewohnte und sogar die lieb gewonnene Umgebung verlassen und uns radikal auf Neuland begeben: Wir müssen „den eigenen Käfig verschrotten“.

Dieses eigene Erfahren und Lernen geht über das Nachahmen der großen buddhistischen Meister hinaus und kann keine Kopie des Lebens anderer Menschen sein. Wirkliche Lernprozesse sind je eigenständig und verlaufen nach den eigenen karmischen Bedingungen. Aber dabei gibt es den einen Wahrheitsgeist.

Ein solches Lernen kann auch nicht mit den Worten beschrieben werden, dass der Mensch zur Erleuchtung aufsteigt und sich dann als erleuchteter Meister wieder auf die Schüler hinab bewegt, um sie zu lehren. Dōgen beschreibt das Erlernen der Wahrheit als „Entwicklung der Dinge“ und „Hingabe an den Augenblick“.

Er sagt also ganz konkret, wie der Lernprozess beschaffen ist, und zwar für uns selbst und für andere. Für die Hingabe an den Augenblick verwendet er auch die Formulierung „sich in den Augenblick werfen“ und kennzeichnet damit nicht zuletzt die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit aller täglichen Handlungen und Verpflichtungen.

Die Wahrheit im Alltag erlernen

Nachdem Dōgen mit seinen Ausführungen ein umfassendes und gleichzeitig differenziertes Spektrum aufgezeigt hat, wie wir die Wahrheit mit dem Geist erlernen, kommt er auf unsere ganz konkrete Welt zu sprechen:

„Weil das Erlernen der Wahrheit so wie das (oben Dargestellte) ist, sind die Hecken, die Wände, die Ziegel und die Kiesel Geist.“

Was will er damit sagen? Das ist kein abgehobenes, esoterisches Verständnis des Geistes, und der Geist wird auch nicht isoliert vom Körper und der Welt betrachtet, etwa im Sinne der Ur-Ideen Platons, denn diese bestehen ewig ganz für sich selbst und besitzen keine materielle Form. Nach Platon ist es für die Menschen das Höchste, an diesen Ur-Ideen durch rein geistig-philosophische Übungen so viel wie möglich teilzuhaben. Er behauptet sogar, dass allein dadurch eine Befreiung des Menschen erreicht würde – aus meiner Sicht ein schwerwiegender Irrtum.

Dōgen erinnert in diesem Sinne an den großen chinesischen Meister Sozan, der von seinem eigenen Erlernen der Wahrheit sagt, dass es sich zunächst nur an der Peripherie der buddhistischen Wahrheit bewegt habe und erst später über alle Vorstellungen der buddhistischen Lehre und Begriffe vom Geist hinausgegangen sei.

Damit seien die vorherigen Erwartungen über die große buddhistische Wahrheit gegenstandslos geworden und „zerbrochen“:

Das ist der Durchbruch zur erlebten Wirklichkeit und Wahrheit.