Samstag, 3. Dezember 2016

Buddhismus entschlacken: Der Mittlere Weg und die Populisten


Die Präambel
Eine Ouvertüre des Mittleren Weges

Die Präambel des Mittleren Weges (MMK) von Nagarjuna beschreibt in sehr kompakter Form vier Eckpunkte. Sie lenkt unseren Geist und unser Leben auf das große Anliegen Nagarjunas, eine belastbare Grundlage für den authentischen Buddhismus zurück zu gewinnen und gleichzeitig die philosophische Entwicklung in Indien seit Buddha zu berücksichtigen.

Damit wird m. E. das Tor für die weite Verbreitung der buddhistischen Lehre und Praxis bis hin zur Moderne im Westen geöffnet. Was sind nun die Kern-Aussagen der Präambel, die in den folgenden Kapiteln des MMK im Einzelnen bearbeitet werden?

Im ersten Teil werden acht wichtige buddhistische Begriffe verneint, z. B. „nicht zur Ruhe kommen“ und „nicht Entstehen“. Damit fordert der Autor uns auf, die nur oberflächlich verstandenen Begriffe in Frage zu stellen, die nicht selten dogmatisch verhärtet sind und zu Worthülsen verkommen. Sie sollen entschlackt und zu neuer Kraft und zu neuem Leben erweckt werden.

Nagarjuna will m. E. ganz klar zwischen den Vorstellungen und Dogmen in unserem Gehirn und der Realität unterscheiden. Es geht ihm darum, wann und wo diese Vorstellungen und Dogmen sich in unserem Gehirn verselbständigt und isoliert haben. Dann haben sie den Bezug zur Wirklichkeit verloren, sind meistens Täuschungen und es gibt keine Wechsel-Wirkung von Realität zu unserem Denken. In der heutigen Zeit ist dies unser Problem mit den lügenden Populisten, die bewusst zu ihrem eigenen Vorteil eine von der Realität getrennte Scheinwelt in unseren Gehirnen erzeugen wollen. Bei Buddhisten haben Sie damit keinen Erfolg!

Dem Autor geht keineswegs um die totale Ablehnung der Realität, wie nihilistische Interpreten behauptet haben.

Dann kommt die zentrale Botschaft des MMK:
Die Realität der Welt und des Lebens kann durch das „wechsel-wirkende gemeinsame Entstehen“ treffend verstanden werden. Diese Wechsel-Wirkung ist die wirklich belastbare Grundlage für unseren eigenen Weg der Befreiung, Emanzipation und Weiter-Entwicklung, also der Überwindung des Leidens und des Erwachens.

Auf dem buddhistischem Weg kommen vielfache Fehlentwicklungen unseres Leben zur Ruhe, die uns häufig hemmen und verwirren. Sonst würde unser fast unbegrenztes menschliches Potential ungenutzt bleiben, wir würden es schlicht vergeuden.


Gautama Buddha zeigte uns als vollkommen Erwachter diesen Weg der Befreiung. Nagarjuna verehrt ihn als den größten Lehrer und den „besten der Sprechenden“.

Freitag, 25. November 2016

Die Buddha-Natur hier und jetzt erfahren: Oder doch weiter weg?



Die Buddha-Natur wirklich zu kennen, bedeutet, dass wir sie genau hier und jetzt erfahren. Sie ist die wahre Natur des Menschen und der Welt, die nicht von Ideologien, Täuschungen, Illusionen, aber auch nicht von Gier, Hass, Ablehnung und Neid abhängt. Und die Buddha-Natur hat in uns sehr viele positive Potentiale, mehr als Sie vielleicht denken.

Psychische Phänomene wie Enttäuschung, Verzweiflung oder Lebensangst verstellen dagegen die direkte Erfahrung der Buddha-Natur. Dasselbe gilt für gedachte oder gar konstruierte Ursachen und Umstände, dass zum Beispiel der Lehrer oder Meister in uns von außen die Buddha-Natur erzeugt und uns gibt. Solche Vorstellungen beziehen sich nicht auf den Augenblick hier und jetzt und haben keine Klarheit. Im Augenblick zu leben und den Geist gerade nicht herumwandern zu lassen, bringt uns Freude und Ruhe.

Wandernde Gedanken und einer herumwandernder Geist drückt unsere Stimmung und macht uns einsam und Grübeln erzeugt Elend. Das hat die Gehirnforschung und Psychologie ganz klar nachgewiesen! Im Zen ist das schon seit Langem bekannt.

Die wahre Bedeutung der Aussage im Zen:„wenn die Zeit gekommen ist“ kann daher nur sein: „Die Zeit ist schon gekommen“, sie ist die Gegenwart, sie ist jetzt. Daran kann es keinen Zweifel geben. Aber selbst Zweifel kann die Sein-Zeit sein: Wenn wir uns des Zweifels bewusst werden, gibt das zusätzliche Klarheit und die Möglichkeit, ihn zu überwinden – dann ist laut Dôgen die Buddha-Natur schon verwirklicht: Aus dem Zweifel in die Klarheit.

Er betont, dass wir die Zeit nicht vergeuden sollen. Den ganzen Tag, also 24 Stunden lang, existiert die Buddha-Natur genau hier und jetzt. Es geht dabei nur um die Gegenwart: Wir sollen zum Beispiel verantwortungsvoll handeln, Zazen praktizieren, die Dinge und Phänomene klar und genau ansehen, ganzheitlich hören und ohne eigenen Vorteil anderen helfen. Auch das Smartphone einmal ganz ausschalten, nicht immer erreichbar sein, und so im Jetzt zur Ruhe kommen. Präzise ausgedrückt heißt dies, „dass die Buddha-Natur nicht (irgendwann von irgendwoher) ankommt“, sie wartet oder versteckt sich nicht in der Ferne, auch nicht im Internet, sondern sie ist bereits da. Die Buddha-Natur ist selbst direkt offenbar; es hat niemals irgendeine Zeit gegeben, die nicht Buddha-Natur war.

Nun zitiert Dôgen den ehrwürdigen Ashvaghosha, den zwölften indischen Dharma-Nachfahren.[i] Ashvaghosha lehrte seinen Nachfolger Meister Kapimala den Ozean der Buddha-Natur:

„Die Berge, die Flüsse und die Erde sind alle auf der Grundlage (der Buddha-Natur) geschaffen.
Der Samâdhi und die sechs Kräfte manifestieren sich selbst und beruhen auf ihr.“[ii]

Nishijima und Cross erläutern dazu, dass Dôgen mit diesen Worten Ashvaghoshas überwiegend theoretische Untersuchungen der Buddha-Natur abschließt und auf die konkrete Welt, hier die Berge, Flüsse und die Erde, überleitet. Er bezeichnet sie als den umfassenden Ozean der Buddha-Natur und fügt hinzu, dass es genau um den Augenblick geht, in dem die Berge, Flüsse und die Erde entstehen und geschaffen werden. Dann sind sie wirkliche Berge und Flüsse.

Der Ozean verweist auf die Grenzenlosigkeit und All-Gegenwart des Lebens. Nishijima Roshi sieht den Ozean als Symbol für die vierte und höchste Lebensphilosophie, also den Zustand des Erlangens der Wahrheit. Ein solches Leben ist jedem zugänglich. Eingeengte materielle Dimensionen wie innen, außen und in der Mitte haben damit ihre Bedeutung verloren. Dasselbe gilt für Ideologien und Dogmen.

„Die Berge und Flüsse anzuschauen, ist dasselbe wie die Buddha-Natur anzuschauen.“

In dieser Aussage kommt das tiefe Verständnis des Zen-Buddhismus für die Natur zum Ausdruck, die Dôgen in mehreren Kapiteln poetisch beschreibt.[iii] Wenn wir Tiere erleben, erfahren wir die Buddha-Natur, erklärt er und spricht in diesem Zusammenhang ganz konkret vom „den Kiefern des Esels“ und den „Nüstern des Pferdes“. Dabei wird das subjektive und objektive Verständnis, also die dualistische getrennte Sicht des Universums überschritten, es geht um die Ganzheit und Einheit mit uns selbst.
Das führt zum großen Frieden.






[i] Kap. 15, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 141 ff.: „Die Buddhas und Vorfahren im Dharma (Busso)“
[ii] Shobogenzo, Bd. 2, S. 6, Fußnote 24
[iii] vgl. Seggelke, Yudo J.: Umwelt-ZEN

Samstag, 19. November 2016

Buddha warnt vor der giftigen Schlange

 Nishijima Roshi arbeitet an seinem Buch zu Nagarjunas Mittlerem Weg

In dem Gleichnis von der giftigen Schlange geht es um das falsche und damit gefährliche Verständnis der buddhistischen Lehre oder aber um deren richtige Verwirklichung. Buddha wird deutlich:

„Manche unverständigen Leute lernen die Lehrsätze auswendig, erforschen aber nicht weise deren Sinn. Dann gewähren die Lehrsätze ihnen aber keine Einsicht. Sie erlernen sie nur, um darüber zu reden und Meinungen äußern zu können, aber den Zweck, zu dem man diese Lehren erlernt, begreifen sie nicht. Ihnen werden die falsch aufgegriffenen Lehren für lange Zeit zum Unheil und Leiden gereichen, weil sie sie falsch begriffen haben. Das ist so, wie wenn ein Mensch eine Schlange fangen möchte, tatsächlich eine große Schlange findet und sie am Körper oder am Schwanz ergreift.“

Dann würde die Schlange sich blitzschnell umwenden und ihm in die Hand, in den Arm oder in ein anderes Glied beißen. Wer so leichfertig mit der Schlange umgeht, müsste tödliche Schmerzen oder sogar den Tod erleiden, weil er sie völlig falsch ergriffen habe. Und dass es giftige Schlangen in unserer Welt gibt, wird sicher niemand bezweifeln!

In diesen kurzen Sätzen wird von Buddha unmissverständlich gesagt, dass es keinen Sinn macht, die buddhistische Lehre nur auswendig zu lernen und sich sogar damit zu brüsten, um sich vor anderen aufzuwerten. Es geht um die wirkliche Verarbeitung und Verwirklichung der Lehre als je eigenen Befreiungs- und Emanzipations-Prozess.

Man sollte die authentischen Texte sowohl verstehen als auch im eigenen Erleben konkretisieren und damit die eigenen Verhaltensweisen und Handlungen verändern und voranbringen. Die Lehre kommt damit in Wechsel-Wirkung zum eigenen Leben, verändert dieses und erreicht erst dadurch die klare Wirkung auf dem Weg der Befreiung und Emanzipation.

Buddha redet sehr praktisch und betont bei der giftigen Schlange, dass es einen gegabelten Stock gibt, mit dem der Mensch die Schlange richtig packen kann, ohne dass er selbst in Gefahr gerät und

„sie dann mit festem Griff am Halse ergreift. Wenn dann die Schlange seine Hand und seinen Arm oder ein anderes Glied mit ihrem Leib umringelt, so erleidet er deswegen doch nicht den Tod oder tödliche Schmerzen.“

Im mittleren Weg können wir bei Nâgârjuna in dem besonders wichtigen Kapitel zu den Vier Edlen Wahrheiten dieses Gleichnis wieder finden, wo er es für die falsch verstandene Leerheit benutzt. In der Tat wird mit dem Begriff und einer dogmatischen Vorstellung der Leerheit im Buddhismus vielfältige Verwirrung gestiftet oder sogar erhebliches Unheil angerichtet, ohne dass der Zusammenhang und die Bedeutung wirklich geklärt ist.

Es geht dann nach dem Motto: In der Leerheit verschwinden alle Unterschiede und Schwierigkeiten der Realität, daher ist alles das Selbe und egal. Dabei wurde Bedeutung der Leerheit nicht wirklich gründlich durchdacht, erarbeitet und erfahren. Das ist auch nicht so einfach.

Nâgârjuna verwendet den Begriff der Leerheit für die Bezeichnung der Wechsel-Wirkung beim gemeinsamen Entstehen (pratitya samutpada) in der Wirklichkeit der Welt und unseres Leben. Die Leerheit bezeichnet gerade kein Nichts, sondern das Gegenteil: die lebendigen vernetzten Prozesse der Emanzipation und Befreiung, für sich selbst in der Meditation und im verantwortlichen Zusammenleben mit anderen.


Sonntag, 13. November 2016

Die freudige Achtsamkeit des Drechslers


Buddha nennt die Arbeit eines Handwerkers, des Drechslers, um die fundamentale Bedeutung der Achtsamkeit zu erläutern. Es ist dabei bedeutsam, dass das Handeln des Drechslers eine ganz praktische und von ihm häufig ausgeführte Tätigkeit ist und nicht in der Abgeschiedenheit eines Klosters vollzogen wird.

Hier ergibt sich eine enge Verbindung zum Zen – Buddhismus, der das praktische Handeln im Hier und Jetzt des Alltags bei Klarheit und ethischer Verantwortung in den Mittelpunkt stellt: „Erleuchtung ist Feuerholz tragen und Wasser schöpfen“ heißt es von einem berühmten Zen – Meister. Eine andere Formulierung lautet: „Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen“, die einem anderen alten Meister zugeschrieben wird, dem die Mönche im Kloster die Werkzeuge zur Bearbeitung der Felder und des Gartens weggenommen hatten, weil sie meinten, er sei zu alt und gebrechlich, um arbeiten zu können.

Der Meister hat daraufhin abgelehnt zu essen, ist also in den Hungerstreik getreten, um klar zu machen, dass er nicht bereit ist ohne seinen machbaren Anteil der Arbeit am Klosterleben und dem Funktionieren des Ganzen weiterzuleben. So musste man ihm sein Werkzeug wieder geben. Die Arbeit war sicher wegen seiner körperlichen Einschränkung nicht in demselben Maße möglich wie bei den jungen kräftigen Mönchen. Ist das wichtig?

Buddha erwähnt dieses Gleichnis im sutta „Grundlagen der Achtsamkeit“ und formuliert:

„Gleichwie ihr Mönche ein geschickter Drechsler oder Drechslergeselle, wenn er lang anzieht erkennt: `ich ziehe lang an`, wenn er kurz anzieht: ich ziehe kurz an`“ .

In derselben Weise solle beim Atmen in der Meditation vorgegangen werden und ein bewusstes klares Beobachten ermöglichen. Deutlich ist dabei auch, dass das Handeln im Vordergrund steht und dass der Geist, die Beobachtung dabei gewissermaßen „mit läuft“ und dadurch das Handeln bewusst wird. Handeln und Geist sind in Wechsel-Wirkung und nicht voneinander zu trennen.

Es ist nicht davon die Rede, dass der Wille und das Bewusstsein allein steuern; der Drechsler muss selbstverständlich eine gründliche lange Ausbildung durchlaufen haben, um die Aufgaben seiner handwerklichen Arbeit genau und präzis durchführen zu können. Es kann für den Drechsler sogar hoch gefährlich werden, denn bei unachtsamer Arbeit kann er sich schwer verletzen!

Es geht darum, sein Handwerk durch permanente Übung und Verfeinerung so weit zu vervollkommnen, dass die Feinkoordinierung mit offenem Geist ohne Schwierigkeiten und Ungenauigkeiten arbeitet und dass dabei der Geist in Achtsamkeit weilt. Dieser wird weder ausgeschaltet oder ist Störfaktor, noch ist er umgekehrt durch Ehrgeiz, Ängste, Doktrinen, Ich – Zentriertheit usw. unkonzentriert. Buddha spricht sogar von unbewussten Bereichen des Geistes, die für ein sinnvolles und erfülltes Leben auch und gerade bei der Achtsamkeit wichtig sind. Dies leuchtet beim Drechsler sofort ein: Die meisten seiner feinmotorischen Steuerungen laufen unbewusst ab und haben sich im Laufe des Übungsweges im neuronalen Netz immer feiner ausgebildet.

Das Wichtige ist also die gute Wechsel-Wirkung von bewusster Achtsamkeit und unbewussten Steuerungen und darauf aufbauender Fähigkeiten. Wie wir aus der Gehirnforschung wissen, werden dabei die speziellen Teilsysteme immer weiter trainiert.

Und wer ganz bei seinem Tun weilt, hat eine tiefe fast unerklärliche Freude, er ist zur Ruhe gekommen: Ruhe in Ruhe, Bewegung in der Ruhe und Ruhe in der bewussten Bewegung.

Samstag, 5. November 2016

Konnte der Mörder Angulimala Erleuchtung erlangen? Ja er konnte


In der mittleren Sammlung des Buddhismus wird von einem grausamen Räuber und Mörder, Angulimala, berichtet, der ohne Erbarmen und mit äußerster Brutalität sein Unwesen trieb, ohne durch sein Gewissen oder seine Ethik kontrolliert zu werden. Er verachtete seine Opfer und fädelte triumphierend einen Fingerknochen der ermordeten Opfer zu einer Kette auf, die er stolz um den Hals trug. Er war in allen Kämpfen und Mordtaten äußerst geschickt und bisher unbesiegt, vor Allem, weil er extrem schnell laufen konnte und von großer körperlicher Beweglichkeit war. Er prahlte, dass er Elefanten, Pferde und Menschen jederzeit einholen könnte und hielt sich für unbesiegbar. So griff er meist von hinten an und hatte alle Opfer fast ohne Gegenwehr überwältigt. Der Wald, in dem Angulimala hauste, war weit und breit gefürchtet, ihn zu durchqueren glich dem eigenen Todesurteil.

Buddha wollte nun auf einer Wanderung seinen Weg durch den Wald des Mörders nehmen, wurde aber von den dortigen Einwohnern auf das Heftigste vor diesem Mörder gewarnt. Er solle einen Umweg machen, um zu überleben. Buddha ließ sich trotz dieser mehrfachen Warnungen nicht davon abhalten, seinen Weg durch diesen Wald zu nehmen. Als Angulimala ihn kommen sah, war er sich sicher, ein neues Opfer gefunden zu haben. Er wartete zunächst ab, um dann von hinten anzugreifen:
„Er ergriff Schwert, Schild, Bogen und Pfeile und verfolgte den Erhabenen. Dieser aber bewirkte durch seine außergewöhnlichen Kräfte, dass Angulimala ihn nicht einholen konnte, obwohl Buddha selbst nicht schneller als gewöhnlich ging, während jener mit Aufbietung aller Kräfte lief“, um schneller voran zu kommen.

Das heißt, dass seine überlegene Schnelligkeit und seine brutalen Kräfte gegenüber Buddha unwirksam waren, er konnte sie nicht einsetzen. Obgleich er immer hoch aktiviert und schnell war, konnte er hier nichts ausrichten. So etwas war ihm noch nicht passiert.

Er rief daher Buddha verblüfft direkt an, er solle sofort stehen bleiben. Zu seinem Erstaunen antwortete Buddha, der sich zu ihm umgedreht hatte aber weiterging, dass der Mörder ja selbst stehen würde. Denn gegen seinen eigenen Willen kam der Mörder keinen Schritt näher an sein vermeintliches Opfer heran. Er sagte daher sogar in Gedichtform

„Du gehst Asket und sagst ich stehe still.
Obwohl ich stehe, nennst du mich ruhelos.
Wie soll ich das verstehen? Sag mir das:
Du ständest still und ich sei ruhelos.“

Es geht hier sowohl um die körperliche Dimension des Gehens, Laufens und Stehens, aber sicher noch um noch mehr, nämlich um die geistigen, spirituellen und psychischen Kräfte. Es ist nicht verwunderlich, dass ein Mörder keine Ruhe findet, obgleich er körperlich still steht und dass der erleuchtete Buddha geht, aber dabei ruhig erscheint. Buddha sagte in diesem Sinne:

Ich stehe still Angulimala, sag ich, weil ich den lebenden Wesen nichts zu Leide tue. Du aber wütest gegen Lebewesen, drum steh ich still und du kommst nicht zur Ruhe.“
Dies verblüffte und verwirrte den Mörder Angulimala zutiefst und er gestand dem Buddha:

Längst hätte ich das Böse aufgegeben, wäre mir dein Wahrheits-Wort zuteil geworden.“

Buddha erkannte sofort das positive Potential und die Entwicklungsmöglichkeiten dieses Mörders und sagte ganz einfach: „Tritt ein und sei ein Mönch" (Mitglied in seiner Sangha). Buddha weihte ihn als Mönch sogar höchst persönlich.
Die unglaubliche Verwandlung des gefürchteten Mörders und die Aufnahme in Buddhas Sangha erregte in der Umgebung großes Aufsehen, wie man sich denken kann. Inzwischen hatten die Menschen sogar den König Pasenadi um Hilfe gerufen und dieser hatte sich mit seinen 500 Reitern auf den Weg gemacht, um den Mörder endlich auszuschalten.
Aber nun musste er überhaupt nicht gegen den Mörder vorgehen, weil der bereits ein friedlicher Mönch der buddhistischen Sangha geworden war. Er war sehr bescheiden und einfach geworden, ihm verlangte nicht nach Reichtum und zweifelhaftem Ruhm, er lebte das Leben eines Wald-Einsiedlers. Wie es heißt praktizierte Angulimala ausdauernd und

„übte einsam für sich unermüdlich und eifrig und erreichte bald das höchste Ziel des reinen Lebenswandels schon in diesem Leben.“

Eines Tages wurde er allerdings auf einem Almosengang erkannt und von den empörten und aufgebrachten Einwohnern wutentbrannt verprügelt, er entkam mit großer Mühe und lebensgefährlichen Verletzungen. „Mit blutendem Kopf, zerbrochener Schale und zerrissenem Gewand kam er zum Erhabenen“. Buddha sagte zu ihm: “Nimm es geduldig hin, Heiliger. Die Taten für die du sonst viele tausend Jahre in der Hölle büßen müsstest, die büßt du schon jetzt in diesem Leben ab.“

Im folgenden Gedicht heißt es:
„Wer früher träge war und sich dann tüchtig macht,
der leuchtet wie der Mond in wolkenloser Nacht.
Wer alte Übeltat durch Guttat ausgeglichen, der leuchtet wie der Mond,
wenn Wolken sind gewichen.“

Dies ist eine wirklich spektakuläre Geschichte: durch eine fundamentale Begegnung und Weichenstellung eröffnen sich dem Mörder völlig neue Alternativen für ein friedliches und erfülltes Leben. Bei ihm war es die direkte Begegnung mit Buddha, die ihn zur vollständigen Änderung seines Lebens brachte und sich radikal von seinen menschenverachtenden Taten abwenden konnte. Wie es heißt, erlangte er schon in diesem Leben durch die buddhistische Praxis Erleuchtung und die höchste menschlich mögliche Lebensform.


Nun leben wir heute nicht im Zeitalter Buddhas, haben aber nach der buddhistischen Lehre mindestens dieselben Chancen und Möglichkeiten wie der Mörder Angulimala. Es kommt darauf an, dass wir tatkräftig die möglichen guten Chancen ergreifen und uns neue Lebensdimensionen eröffnen. Solche Chancen gibt es immer, wir müssen sie nur erkennen und entschlossen angehen. Dabei kommt dem ethischen Handeln eine hohe Bedeutung zu, was heute oft unterschätzt wird.

Freitag, 28. Oktober 2016

Den gefährlichen Wald-Dämon überlisten


Buddha berichtet die Geschichte des Dämons Mara, um den es in diesem aussagekräftigen Gleichnis als Wild-Fütterer geht und der unserem Teufel gleicht. Dieses Gleichnis ist aus meiner Sicht besonders treffend für die Praxis gerade unseres heutigen Lebens in einer gefährlichen Welt. Wir werden ohne Zweifel immer wieder von gefährlichen Menschen und Mächten bedroht. Wie können wir uns dabei schützen, wo lauern unbekannte Gefahren und wie können wir mit Klugheit und Klarheit unser Leben verbessern?

Es geht darum, dass eine Herde von harmlosen und edlen Wildtieren, wie zum Beispiel Rehe oder Hirsche, vom bösen Mara nur gefüttert werden, um sie in die Falle zu locken, zu fangen und zu töten. Er lockt sie an eine bestimmte Stelle im Wald und sie finden dort köstliches Futter, das der gefährliche Dämon Mara dort absichtlich gestreut und ausgelegt hat. Sein Ziel ist es die Tiere der Herde auf diese Weise zu fangen, zu töten und zu fressen. Er ist also kein Wildhüter, der den Tieren hilft, sondern das Gegenteil, nämlich ein gerissener Fallensteller und Wilderer, der die Tiere fangen und töten will.

Buddha unterscheidet in diesem Gleichnis nun vier verschiedene Verhaltensweisen der Tiere, je nach dem, wie sie sich zu dem ausgelegten Futter locken lassen oder nicht und welche List Mara anwendet, um sie zu fangen.

„Da kam ein erstes Rudel angelockt von dem ausgestreuten Futter, fraß es unbedacht, wurde nachlässig und unvorsichtig und konnte deshalb dem Machtbereich des Wild-Fütterers nicht entgehen.“

Das erste Rudel wird also so beschrieben, dass es keine Selbststeuerung und Selbstkontrolle hatte, sich sofort ungebremst an dem Futter erfreute, nicht weiter darüber nachdachte, ob es gefährlich war und wie es für sie weiter ging und so dem Dämon erlag.

„Ein zweites Rudel merkte, wie es dem ersten ergangen war und wollte es nicht ebenso machen. Es hielt sich deshalb von dem ausgestreuten Futter ganz fern und zog sich in die Wildnis zurück. Im letzten Sommermonat aber, als Gras und Wasser vertrockneten, wurden die Tiere äußerst mager und verloren ihre Widerstandskraft.“

Sie konnten durch diese Schwächung der Verlockung des ausgestreuten Futters nicht widerstehen, weil es für sie auch keine Alternative mehr gab, überhaupt zu überleben. Es kam wie es kommen musste: Mara brachte sie in seine Gewalt; sie hatten keine Chance! Wie könnte nun das dritte Rudel der tödlichen Gefahr entgehen?

Ein drittes Rudel merkte, wie es den beiden anderen ergangen war und wählte deshalb seinen Standort zwar in der Nähe des ausgestreuten Futters, fraß das Futter aber bedachtsam, wurde nicht nachlässig und nicht unvorsichtig.“

Zunächst war diese Strategie erfolgreich, weil Mara nicht wusste, dass das Rudel sich nun direkt an der Stelle der Fütterung aufhielt und schnell bei Gefahr reagieren und sich in Sicherheit bringen konnte. So ging Mara sehr zu seinem Ärger ins Leere. Er sann auf List. Durch diese Misserfolge angestachelt, untersuchte er das Verhalten des Rudels sehr genau und stellte fest, dass es sich unmittelbar in der Nähe des Futterplatzes aufhielt und von dort aus dann zum Futter vorkam, wenn die Luft rein war. Mara dachte:

„Dieses dritte Rudel ist schlau und verschmitzt. Es ist wie verhext. Die Tiere fressen das Futter und wir wissen nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen.“

Er errichtete mit seinen Gesellen heimtückisch einen Holzzaun um den Aufenthaltsort dieses Rudels und brachte sie damit ebenfalls in seine Gewalt. Auch hier war er also erfolgreich. Und das Rudel fiel ihm zum Opfer.

Buddha fuhr dann fort: Ein viertes Rudel merkte, wie es den anderen ergangen war und wollte nicht so handeln wie die anderen. Es wählte einen Standort dort, wohin der Wild-Fütterer und seine Gesellen keinen Zugang hatten.

„Die Tiere ließen sich von dem ausgestreuten leckeren Futter nicht anlocken, fraßen es nicht unbedacht, wurden nicht nachlässig und nicht unvorsichtig und ließen sich nicht fangen.“

Mara hatte nun seine Möglichkeiten ausgeschöpft, denn er konnte um den Standort dieses Rudels keinen Zaun errichten, weil er den Ort nicht kannte und keinen Zugang hatte. Mara und seine Gesellen kamen zu dem weisen Schluss: „Kümmern wir uns also nicht mehr um dieses vierte Rudel!“ Es gebe auch andere Rudel, die leicht zu fangen seien. Sie verloren das Interesse an dem geschickten unauffälligen vierten Rudel. Und tatsächlich kümmerten sich die Wild-Fütterer und seine Gesellen dann nicht mehr um das vierte Rudel, und so konnte dieses dem Machtbereich des Maras entgehen.

Es liegt auf der Hand, dass sich Buddhas Geschichte direkt auf unser eigenes praktisches Leben mit seinen Gefahren und auch seinen Feinden bezieht. Wenn man sich den Verlockungen hingibt und die Selbststeuerung verliert, hat man nur geringe Chancen gut zu leben und zu überleben. Besonders muss aus psychologischer Sicht unterstrichen werden, dass sich derartige unkontrollierte Verhaltensweisen beim Menschen mit der Zeit immer mehr verfestigen und immer mehr zur unbewussten und unkontrollierten Sucht werden können. Dies gilt natürlich besonders für Suchtmittel wie Drogen, Alkohol, Glücksspiel, aber auch für Sex, Überernährung, ungesundes Essen und Bewegungsmangel.

Aber auch die total entgegengesetzte Lebensweise der Askese und der überzogenen Entsagung bringt nichts, weil dadurch Körper und Geist soweit geschwächt werden, dass irgendwann der Widerstand und die Lebenskraft aufgebraucht sind und dass es dadurch zu Abhängigkeit und Aufgeben der Selbststeuerung kommt.

Die mittlere obige Strategie der Tiere, die aber zu durchsichtig ist und von den listigen Gegnern durchschaut werden kann, bringt wenig, weil diese dann an der empfindlichen Stelle angreifen und ihre Opfer in ihre Gewalt bringen können.
Die vierte Alternative ist die erfolgreiche! Sie bezeichnet den Mittleren Weg, der die Extreme der ungesteuerten Genusssucht und der Askese vermeidet und auch keine durchsichtigen Manöver zum eigenen Schutz ergreift. Die vierte Gruppe entwickelt und realisiert eine geschickte und wirksame Strategie in der Situation und überlebt unbeschadet. Dabei ist es besonders wichtig, dass der Gegner die eigene Strategie nicht durchschauen kann, sodass er schließlich von seinem Vorhaben ablässt und sich anderen für ihn interessanteren und vorteilhaften Aktivitäten zuwendet. Böse Akteure haben selten Geduld und Ausdauer. Das ist der gute mittlere Weg.

Ich möchte hinzufügen, dass ich die obige Strategie im Berufsleben mehrfach angewendet habe. Und zwar mit Erfolg.


Sonntag, 23. Oktober 2016

Das Floß zum anderen Ufer, zum großen Frieden


Buddha erklärt seinen Schülern das Gleichnis vom Floß, das zum Überqueren des trennenden Wassers benutzt wird. Er fragt: Sollte das Floß danach auch am anderen sicheren Ufer aufbewahrt und weiter benutzt werden? Sollen wir es auf dem Rücken mühsam an Land weiter tragen?
„Ein Wanderer sieht auf seinem Wege vor sich eine große breite Wasserflut. Das diesseitige Ufer ist unsicher und gefährlich, das jenseitige Ufer dagegen sicher und ohne Gefahr. Er möchte daher unbedingt an das andere Ufer. Es ist aber kein Schiff zum Übersetzen und keine Brücke zum anderen Ufer vorhanden. Da überlegt er: vielleicht könnte ich Holzstämme, Zweige, Schilf und trockene Blätter sammeln, mir daraus ein Floß bauen und auf diesem Floß mit Händen und Füßen rudernd heil an das andere Ufer gelangen?“

Diesen Plan führt er aus und kommt tatsächlich heil an das andere Ufer. Dort angelangt denkt er: „Dieses Floß war mir von großem Nutzen, ich will es mir auf den Kopf und auf die Schultern laden und mitnehmen, wohin ich auch an Land weiter gehen werde.“

Buddha fragt daraufhin seine Mönche, ob dies ein sinnvolles, praktikables und wirkungsvolles Vorgehen sei, denn in der Tat war das Floß ein ausgezeichnetes Hilfsmittel, um auf das sichere Ufer zu gelangen und sich aus Schwierigkeiten und Problemen an die andere Seite zu retten.
Die Mönche antworteten völlig zu Recht, dass das kein sinnvolles Verhalten sei, weil das Floß auf dem hiesigen sicheren Lande überhaupt keinen Nutzen mehr habe. Es sei daher besser, das Floß zurückzulassen, nicht weiter mit sich zu schleppen und in der neu gewonnenen Freiheit auf dem Land unbeschwert seinen neuen Weg zu gehen.

Dieses Gleichnis formuliert den buddhistischen Weg der Emanzipation und Befreiung, für dessen schwierigen Teil man Hilfen und Werkzeuge gut gebrauchen kann oder deutlicher gesagt: Ohne solche Hilfsmittel ist das Übersetzen in eine bessere Lebenswelt kaum möglich. Solche Hilfsmittel sind für die Unterstützung durch die buddhistische Lehre sinnvoll: zum Beispiel die Vier Edlen Wahrheiten und die Vermeidung von Extremen, durch Beratung, die gemeinsame Arbeit mit Lehrern und anderen Menschen und durch buddhistische Werkzeuge.

Das Ziel des Buddhismus ist es also, dass man die Theorie der buddhistischen Lehre übersteigt und überflüssig macht und sich auch von Lehrern und Meistern durch eigene Praxis und Erfahrung unabhängig macht. Jeder geht schließlich seinen eigenen Wahrheits-Weg, entsprechend seiner ganz bestimmten Konstitution und nach seinen Möglichkeiten und Potentialen für die Weiterentwicklung und Emanzipation. Die buddhistische Lehre ist also keine Doktrin, abstrakte Metaphysik oder Ontologie, die immer und überall in gleicher Weise für alle Menschen die absolute Wahrheit garantieren soll. Diese gibt es nicht als Paket. Es kommt viel mehr auf das eigene Erleben und die sich laufend erweiternde Klarheit und Weitsichtigkeit auf dem buddhistischen Weg an. Dieser ist zum Beispiel im Achtfachen Pfad der Vier Edlen Wahrheiten zur Überwindung des Leidens beschrieben, aber kein Dogma.

Wo liegt denn eigentlich das trennende Wasser, das mit dem Floß überquert werden muss, um den großen Frieden in unserem Leben zu finden und darin zu verweilen und zu handeln?
Allein in uns selbst und besonders in unserem trennenden und getrennten Geist! Der große Frieden ist aber von uns selbst eigentlich überhaupt nicht getrennt. Unsere Vorurteile, inneren Schranken und zementierte Ideologien trennen uns ab. Und das ist ganz unnatürlich und überflüssig, um im großen Frieden zu leben!