Donnerstag, 28. August 2014

Der erdhafte Schatz des Menschen


Wann sind die Wasser wirkliche Wasser, und wann sind die Berge wirkliche Berge? Das hört sich recht einfach an. Ist es aber wirklich so einfach? Und was sagt Dōgen?

Wenn wir in Ideen, Überlegungen, Erinnerungen und Illusionen versunken sind, haben wir keinen direkten Zugang zur Natur in ihrer ganzen überwältigenden Vielfalt – daran erinnert uns Dōgen immer wieder. Auch müssen wir genau die Begriffe „Berg“ und „Wasser“ von der deren Wirklichkeit unterscheiden. Es gibt dabei eine Vielfalt von Bergen, zum Beispiel spitze, pyramidenartige Berge, wie in den Alpen das Matterhorn, oder Tafelberge, die in China häufiger vorkommen. Diese jeweils sehr konkreten Berge sind hier gemeint, und Dōgen fordert uns auf, nicht in allgemeine Abstraktionen und Vorstellungen abzuschweifen.

Es geht sowohl um die Form und materielle Sicht der Berge in der Natur und als auch um immaterielle, aber sehr konkrete psychische Realitäten: Wenn wir zum Beispiel ein Hindernis, also einen „emotionalen Berg“, überwinden und dann in ein „schönes Tal der Freiheit“ gelangen. Dōgen bezieht die in den indischen Mythen genannten Berge und Seen mit ein, will sie aber so verstanden wissen, dass es sich um konkrete, spirituelle Wirklichkeiten handelt und nicht um seelenlos angelerntes Wissen oder spirituelle Illusionen und Träumereien.

Mit der Erde ist hier nicht nur der Erdboden gemeint, sondern es werden auch Felsen und felsige Hochebenen einbezogen. Dōgen geht hier ganz konkret vor und erwähnt ausdrücklich auch Blumenerde in einer Pflanzschale oder in einem aufgehängten Topf. Die Lotospflanzen werden zum Beispiel in Japan in großen Tonkübeln gehalten, die eine geeignete Erdschicht für die Wurzeln aufnehmen und mit Wasser gefüllt sind.

Dōgen verwendet für die Erde den japanischen Begriff chi, den man auch als Adjektiv mit „erdhaft“ übersetzen kann. Er sagt, dass auch ein mentaler oder psychischer Zustand in diesem Sinne erdhaft und fundiert sein kann; er ist dann der Ort eines wertvollen „Schatzes“. „Erdhaft“ hat im Japanischen also eine vielfältige Bedeutung, etwa im Sinne von „fest“, „solide“, „vertrauenswürdig“ und auch „wertvoll“.
Außerdem ist die subjektive Sichtweise der Menschen unterschiedlich. Zum Beispiel werden die Sonne, der Mond und die Sterne sehr verschiedenartig wahrgenommen. Können wir daher überhaupt abstrakt von der Sonne, dem Mond und den Sternen reden? Damit leitet Dōgen zur Frage des einen Geistes der Wahrheit über und fügt einen erstaunlichen Satz hinzu:

„Obgleich diese (Vielfalt) so ist, ist das, was durch den Geist der Einheit gesehen wird, selbst einheitlich.“

Dies scheint ein Widerspruch und eine Paradoxie zu sein, die angeblich so typisch für den Zen ist. Was ist gemeint? Meine Erklärung lautet: Erst durch den balancierten Geist, also durch den Zustand im Gleichgewicht, der auch als ganzer, ungeteilter und konzentrierter Geist bezeichnet wird, ist es überhaupt möglich, die wirkliche Vielfalt dieser Welt insgesamt und umfassend zu erkennen.

So ist die Vielfalt der Dinge und Phänomene erst durch den ungeteilten Geist des Gleichgewichts und Mittleren Weges überhaupt zu sehen. Auf diese Weise kann die scheinbare Paradoxie von Einheit und Vielfalt relativ einfach erklärt werden und ist keinesfalls ein der Vernunft unzugängliches Rätsel. Dōgen fordert uns immer wieder auf, Fragen zu stellen und uns selbst Antworten zu erarbeiten. Auch Martin Heidegger sagt: Philosophie ist nicht Wissen sondern Denken.

Die Vielfalt der Natur kann aus materialistischer Sicht allerdings nur eingeengt und oft eindimensional verstanden werden. Dies entspricht der naturwissenschaftlichen Forschung und Sichtweise. Auch dafür sind allerdings ein klarer Verstand, saubere Methoden und ein genaues Unterscheidungsvermögen notwendig.

Wenn ein Mensch jedoch darüber hinaus in der Einheit des Gleichgewichtsgeistes die Vielfalt und Schönheit dieser Welt wahrnimmt, gewinnt er eine neue Dimension und Tiefenschärfe der Welt und von sich selbst. Diese Dimension geht über die materielle Sicht weit hinaus. Wir können sie mit der Sichtweise eines Künstlers vergleichen, der dem Materiellen einen neuen Geist und eine neue Spiritualität verleihen kann. Etwas vereinfacht möchte ich diesen Zusammenhang so formulieren:

Durch das Gleichgewicht des Körper-und-Geistes im Sinne des Zen-Buddhismus ist es erst wirklich möglich, die verschiedenen Sichtweisen der Menschen zu verstehen und gleichzeitig die Vielfalt der Dinge und Phänomene in der Welt zu erfassen.

Donnerstag, 21. August 2014

Die Berge, die Flüsse, die Erde und die Sonne sind der Geist



„Die Wahrheit ... zu lernen bedeutet, sich ohne Darstellungsdrang die Nasenlöcher eines buddhistischen Meisters zu leihen und durch sie die Luft ausströmen zu lassen. (Ein solches Verhalten) ist der Wegweiser von zehntausend Zeitaltern, die Hufe eines Pferdes oder Esels zu benutzen, um das Siegel der wirklichen Erfahrung zu prägen.“

Mit der Erwähnung der Nasenlöcher der buddhistischen Meister geht Dōgen auf das konkrete Atmen und Leben der Menschen ein. Die Nasenlöcher sind im Zen Symbole für das Leben selbst. Dies wird noch verstärkt, indem er Pferd und Esel einbezieht, die im alten China und Japan den geschäftigen Alltag wesentlich bestimmten. Der Abdruck der Hufe wird hier als Siegel der Wirklichkeit und Erfahrung bezeichnet – eine tiefgründige poetische Formulierung, die den Zen treffend charakterisiert.

Er betont, dass es auf die Gegenwart und den Augenblick gerade beim geistigen Handeln ankommt, wie er es im Kapitel „Die Sein-Zeit der Wirklichkeit im Hier und Jetzt“ in großartiger Weise darlegt. Der Lernvorgang im Geist soll dabei den unterscheidenden Intellekt überschreiten, der die Dualität von Subjekt und Objekt nicht beseitigen kann. Übrigens findet sich ein ähnlicher Ansatz bei Martin Heidegger, der in Japan besonders in Zen-Kreisen von allen westlichen Philosophen am bekanntesten ist:

"Das Bedenklichste in dieser bedenklichen Zeit zeigt sich daran, dass wir noch nicht denken".

Er meint damit ganz besonders die Überwindung der Trennung von Subjekt und Objekt und verwendet dafür oft die Bindestriche zwischen den Worten. Er schätzt das Denken viel höher als das Wissen, die Kluft dazwischen kann nur im Sprung überwunden werden. Das gilt auch für uns: mit buddhistischem Wissen allein, ist es nicht getan, selbst wenn das Wissen in Bezug auf die Quellen korrekt ist (was nicht immer der Fall ist). Denken lebt von Fragen, wer nicht fragt und in Frage stellt, kann nicht in das Denken kommen. So gibt es bei Dōgen kaum ein Kapitel, in dem keine Fragen gestellt werden. Und er beantwortet selbst nur einige davon, die anderen überlässt er uns.

Dōgen hebt hervor, dass man sowohl durch das bewusste Denken als auch durch das Nicht-Denken auf dem Weg der Wahrheit üben soll. Damit meint er zweifellos die Zazen-Praxis, aber auch den ganz normalen Alltag. Die moderne Gehirnforschung bestätigt, dass unser Gehirn, von uns unbemerkt, umfassende Informationen verarbeitet und sie oft erst nach der Bearbeitung bewusst werden lässt, gewissermaßen an das Bewusstsein weiterleitet. Geben wir dem Gehirn eine Chance dazu! Mit Aktionismus und Multi-Tasking kommen wir dabei nicht weiter.

Außerdem ist die Verbindung vom Meister zum Schüler, der später selbst Meister wird, von fundamentaler Wichtigkeit, und Dōgen spricht davon, dass bei dieser Verbindung „der Geist durch den Geist lernt“. Der Geist des zukünftigen Meisters wird von dem des vorherigen im direkten ganzheitlichen Kontakt als Lernprozess erfasst und dreht damit das Dharma-Rad.

Schließlich kommt er auf die Natur zu sprechen:

„Kurz gesagt: Die Berge, die Flüsse, die Erde und die Sonne, der Mond und die Sterne, sie sind der Geist. Aber genau in dem Augenblick, wenn dies so ist: Welcher Zustand wird dabei direkt vor uns verwirklicht?“

Was meint er damit? Diese für einen westlichen Leser sicher überraschenden Aussagen erklären sich aus der Überwindung der Dualität, also der Aufhebung der Trennung von Ich und Welt: Wenn diese eigentlich künstliche Trennung beendet ist, gibt es zwischen uns und der Natur keinen Unterschied. Sie wird dann nicht auf getrennte Objekte reduziert, die unser Verstand vielleicht denkt oder unsere Wahrnehmung angeblich „objektiv“ erkennt. Dōgen hat die Kraft und Reinheit der Natur, die uns unmittelbar die Wahrheit Buddhas lehren kann, in mehreren Kapiteln umfassend beschrieben; sie lehrt uns die große Buddha-Wahrheit.


Donnerstag, 14. August 2014

Wie lernen wir mit dem Geist?


Gerade beim Erlernen neuer Zusammenhänge steht bei Dōgen die Einheit von Körper-und-Geist im Zentrum seiner Aussagen. Er behandelt zuerst den Weg, wie die Wahrheit mit dem Geist erlernt wird. Dies ist aber wohlgemerkt nur ein pädagogisches, schrittweises Vorgehen, nicht zuletzt um wichtige Aussagen und tiefgründige Erfahrungen der großen buddhistischen Meister einzubringen. Die Einheit von Körper-und-Geist als Wirklichkeit bleibt davon unberührt, wie sich im Laufe der weiteren Ausführungen immer wieder zeigen wird.

Auch in der modernen Gehirnforschung wird beim Lernen betont, dass ein isolierter Geist nur geringe Lernfähigkeit besitz, das motorische System unsere Gehirns macht etwas ein Drittel der gesamten Kapazität unseres neuronalen Netzes aus. Warum soll die riesige "Intelligenz" des Körpers und der Motorik ausgeklammert werden? Das wäre der falsche Ansatz? Wenn sich das Lernen bei Kindern z. B. überwiegend auf digitale Medien stützt, kommt es nach Manfred Spitzer zur digitalen Demenz, also zur gravierenden Verminderung des Intelligenz des Kindes. Das verschlechtert die Lebens-Chancen ganz entscheident: der soziale Abstieg ist dann vorprogrammiert. Leider sind diese empirisch eindeutig nachgewiesenen Tatsachen noch viel zu wenig bekannt. Digitale Lernprogramme für Kinder sind generell nicht nur unwirksam sondern sogar gefährlich, die existentiell wichtige "Körper-Intelligenz" verkümmert.

Keinesfalls darf die Ethik im Denken und bei den Ideen stehen bleiben, sondern sie muss durch das Handeln umgesetzt und im Hier und Jetzt verwirklicht werden. Gleichwohl ist der Entschluss zum moralischen Handeln zunächst im Denken und Willen angesiedelt. Dies ist dann der Beginn eines Lebens auf einem neuen Weg, der eine klare Kontur erhält.

Bei diesem Lernvorgang geht Dōgen auf verschiedene Arten des Geistes ein. Insbesondere erwähnt er dabei die altindische Buddha-Lehre, die in China übernommen wurde. Er warnt uns jedoch davor, diese Unterscheidung nur rein theoretisch zu verstehen und fordert uns stattdessen auf:

„Nachdem wir weiterhin durch offenen und verständnisvollen Umgang mit der Wahrheit den Wahrheits-Geist erweckt haben, nehmen wir Zuflucht zur großen Wahrheit der buddhistischen Vorfahren und lernen das konkrete Handeln, welches das Erwecken des Wahrheits-Geistes ist.“

Dōgens Verständnis des Wahrheits-Geistes umfasst also die drei Arten des aus Indien überlieferten Geistes, geht aber darüber hinaus, indem er das konkrete Handeln im Augenblick einbezieht. Das sei der wirkliche Bodhi-Geist. Er rät uns nachdrücklich, die Methoden der alten großen Meister zu übernehmen, auch wenn der Wahrheitsgeist bei uns noch nicht voll entwickelt ist. Er nennt ihn den „unverhüllten, nackten Geist“, Augenblick für Augenblick. Dies sei der Geist der ewigen Buddhas, den er auch als „normalen Geist“ bezeichnet. Normal heißt in diesem Fall jedoch nicht gewöhnlich oder durchschnittlich, sondern gemeint ist der natürliche Geist, der sich beim reinen Handeln verwirklicht.

Diese Arten des Geistes sollen wir auf dem Buddha-Weg „wegwerfen und wieder aufgreifen“, uns also nicht an irgendetwas klammern und mental verhärten. Dazu bedarf es zweifellos einer gewissen Leichtigkeit bei aller Zielstrebigkeit, die notwendig ist. Verkrampfungen und falsche Fixierungen müssen verhindert werden. Lernen und Kreativität hängen immer mit Freude zusammen, Angst und psychischer Druck machen dumm.

Dann knüpft Dōgen an die reiche Geschichte des Buddhismus an und spricht von der authentischen Dharma-Übertragung von Gautama Buddha auf die Meister in Indien, China und Japan. Diese authentischen Meister haben durchaus sehr verschiedene Charaktere, sie alle gewinnen jedoch die Freiheit in ihrem Leben, indem sie gemäß ihren karmischen Gegebenheiten handeln, aber nicht stagnieren, sondern sich immer weiter entwickeln.

Spannend sind auch Dōgens Ausführungen darüber, dass es unwesentlich ist, ob andere Menschen das eigene Streben nach der Buddha-Wahrheit anerkannt haben oder nicht. Dadurch wird die jeweilige Eigenständigkeit des Handelns betont, die sich nicht durch die oft vordergründige Einschätzung oder Abwertung von anderen beeinflussen oder hemmen lässt.

Die Wahrheit auf diese Weise zu lernen bedeutet, sich ohne Darstellungsdrang die Nasenlöcher eines buddhistischen Meisters zu leihen und durch sie die Luft ausströmen zu lassen. (Ein solches Verhalten) ist der Wegweiser von zehntausend Zeitaltern, die Hufe eines Pferdes oder Esels zu benutzen, um das Siegel der wirklichen Erfahrung zu prägen.“


Donnerstag, 7. August 2014

Die Wahrheit mit Körper und Geist erlernen


In diesem komplexen Kapitel des Shōbōgenzō, Shinjin gakudō, sagt Dōgen in aller Klarheit, dass wir nach der buddhistischen Lehre die Wahrheit und Befreiung nur dadurch erlernen können, wenn wir sowohl den Geist als auch den Körper schulen. Das japanische Wort shinjin heißt „Körper und Geist“, und gakudō bedeutet „die Wahrheit zu erlernen“. Daher lautet die wörtliche Übersetzung von shinjin gakudō: „Die Wahrheit mit Körper und Geist zu erlernen“.

Wir müssen uns immer im Klaren darüber sein, dass beide in der Wirklichkeit unauflösbar zusammengehören und eine Einheit bilden. Während in der westlichen Philosophie der Intellekt und Geist meist völlig losgelöst vom Körper des Menschen behandelt werden und im Idealismus, zum Beispiel bei Platon und Hegel, als überlegen gelten, wird eine solche Trennung im Buddhismus als sinnlos und realitätsfremd abgelehnt.

Nishijima und Cross betonen in ihrer Einleitung zu diesem Kapitel, dass viele Menschen glauben, man könne die große Wahrheit erlernen, indem man tiefgründig darüber nachdenkt und reflektiert. Der Buddhismus lehrt aber ganz klar, dass intellektuelles Denken allein unzureichend ist und konkretes Handeln im Hier und Jetzt des Augenblicks hinzukommen muss. Die Wahrheit ist also sowohl durch physisches als auch durch mentales Streben gekennzeichnet, außerdem kann sie nicht von der Ethik getrennt werden.

Wenn Dōgen in diesem Kapitel zunächst den Lernvorgang des Geistes und dann den des Körpers behandelt, geschieht dies lediglich aus didaktischen Gründen, um die jeweiligen Bereiche möglichst klar herausarbeiten zu können.

Zu Beginn seiner Ausführungen geht er darauf ein, wie wichtig es ist, den klaren Entschluss zu fassen, den Buddha-Weg gehen zu wollen. Auch bei den Vier Edlen Wahrheiten und dem Achtfachen Pfad Gautama Buddhas steht am Anfang die eindeutige Entscheidung, diesen Weg zu gehen, um das Leiden zu überwinden. Dōgen bemerkt hierzu:

„Wenn wir nicht beabsichtigen, (die Wahrheit) zu erlernen, entfernt sie sich immer mehr.“

Wir benötigen also den festen Willen und die Absicht, die Wahrheit anzustreben und zu erlernen, weil wir uns sonst im Laufe unseres Lebens immer weiter von ihr entfernen und gewissermaßen ohne Kompass abirren und uns zum Beispiel im Materialismus, Idealismus oder Aktionismus verlieren.

Die Wahrheit anzustreben bedeutet natürlich nicht, dass wir sie allein durch den mentalen Willen erreichen können, sondern dass es ebenso der physischen und geistigen Praxis bedarf, um auf diesem Wege voranzukommen. Ein wesentlicher Teil dieses Wahrheitsweges ist ethisches Denken und Handeln. Hierzu zitiert Dōgen den Zen-Meister Nangaku, einen Dharma-Nachfolger von Meister Daikan Enō:

„Praxis-und-Erfahrung sind nicht nicht-existent (es gibt sie also wirklich), aber sie müssen nicht beschmutzt werden.“

Was will er damit sagen?
Dieses Zitat wird auch im Kapitel „Sich waschen und den Körper-Geist reinigen“ erörtert. Es ist im Zen-Buddhismus ganz berühmt, wird aber nicht immer richtig verstanden. Es bedeutet, dass die Praxis und die Erfahrung der Wahrheit, also die Erleuchtung, immer im selben Augenblick verwirklicht werden, und genau dann sind sie rein und unverschmutzt. Werden sie getrennt, entsteht eine Diskrepanz zwischen der Wahrheit und dem praktischen Handeln, das heißt, das Handeln entfernt sich von der buddhistischen Wahrheit, die immer auch ethisch bestimmt ist.

In der richtigen Zazen-Praxis gibt es diese Einheit, die Nishijima Roshi die erste Erleuchtung nennt. Darin liegt gerade die einzigartige unmittelbare Wirkung dieser Übungspraxis. Nangaku sagt damit, dass es keine reine Praxis und keine reine Erfahrung geben kann, die zeitlich auseinanderfallen.


Mittwoch, 30. Juli 2014

Der indische Gelehrte kann den Geist des Zen-Meisters nicht erkennen


Dōgen berichtet in einer Kōan-Geschichte von dem indischen Gelehrten Sanzō, der nach China gekommen war und von sich behauptete, er könne den Geist der Menschen erkennen. Der große Meister Daisho sollte dies auf Bitten des Kaisers der damaligen Tang-Dynastie prüfen. Er stellte dem Gelehrten die scheinbar einfache Frage: „Sage mir, wo (dieser) alte Mönch jetzt ist?“ Sanzō antwortete ohne wirklichen Bezug zur Frage und auf seltsame Weise konkretistisch.

Das Gleiche wiederholte sich, als der Meister seine Frage erneut stellte. Da diese Antwort den großen Meister Daisho ebenfalls keineswegs zufriedenstellte, wiederholte er seine Frage noch ein drittes Mal, erhielt dann aber überhaupt keine Antwort mehr. Daraufhin kritisierte er den Gelehrten scharf: „Du Geist eines wilden Fuchses, wo ist deine Kraft, den Geist anderer zu erkennen?“

Bei dieser recht harschen Kritik blieb der indische Gelehrte wiederum sprachlos, weil er offensichtlich nicht in der Lage war, ein sinnvolles Gespräch im Sinne des Buddha-Dharma mit einem wahren Meister zu führen. Seine beiden Antworten waren in der Tat recht vordergründig und viel zu einfach, nämlich nur materiell. Der indische Gelehrte Sanzō konnte also keineswegs den Geist des großen Meisters erkennen, wie er es vorher vollmundig gegenüber dem Kaiser behauptet hatte.

Dōgen macht hier deutlich, dass der Gelehrte nicht einmal in der Lage war, die konkreten Gedanken des anderen zu lesen. Wie viel schwieriger ist es, so sagt er, den Geist eines anderen umfassend zu erkennen, und dies umso mehr, wenn es sich um einen großen Meister und ewigen Buddha wie Daisho handelt. Gelehrtes Wissen und die Beherrschung mehrerer Sprachen haben also wenig damit zu tun, dass man den Geist anderer oder den eigenen Geist im Sinne des Buddha-Dharma erkennen kann. Nach dem Diamant-Sūtra gibt es hier grundsätzliche Grenzen, denn „der Geist kann nicht mit dem Verstand erfasst werden“.

Dōgen betont, dass man den Körper-und-Geist der buddhistischen Lehre nur erkennen, bewahren und weitergeben kann, wenn man theoretische und praktische Übungen der Buddha-Wahrheit verbindet, und er meint damit vor allem, dass man regelmäßig Zazen praktiziert.

Besonders bedauerlich fand es Dōgen im Falle von Sanzō allerdings, dass dieser seine einmalige Chance nicht erkannte, bei einem wahren Meister zu lernen. Darin besteht auch der grundsätzliche Unterschied zu einem anderen Gelehrten, Tokuzan. Dieser lernte aus seinem Misserfolg bei der alten Reiskuchenverkäuferin und wurde selbst Meister, während Sanzō seine große Chance, den wahren Buddha-Dharma zu lernen, vergab und so beschränkt weiterlebte wie vorher. Da ändern kleine Kunststücke wenig, die Sanzo vielleicht vorführen konnte, sie können nur einfache Gemüter beeindrucken.


Dienstag, 22. Juli 2014

Der Geist ist das ganze Leben und Sterben



Wie Dōgen in dem zentralen Kapitel des Shōbōgenzō „Die Sein-Zeit der Wirklichkeit im Hier und Jetzt“ ausführt, gibt es im Buddhismus eine unauflösbare Einheit der Wirklichkeit und Wahrheit einerseits und der wahren Zeit andererseits. Außerdem sind Geist und Zeit ohne jeden Abstand und ohne jede Unterscheidung, sodass „kein Haar dazwischen passt“.

Diese Einheit, die Überwindung des Dualismus, kann durch unterscheidendes Denken nicht erfahren werden, denn dies basiert auf der Tätigkeit des Verstandes und kann daher nur die gedankliche und theoretische Teilsicht der Wirklichkeit und Wahrheit vermitteln. Solche Gedanken und Ideen des Menschen, und seien sie noch so intelligent, sind damit nur ein kleiner Teil des hier von Dōgen beschriebenen Geistes, der nicht erfasst werden kann, und dürfen nicht mit ihm verwechselt werden.

Wir gelangen mit Dōgen zu der wesentlichen Aussage:

Der Geist ist das ganze Leben und Sterben sowie Kommen und Gehen, ist also das Handeln und das Leben selbst.

Diese totale Wirklichkeit kann nicht durch Denken erfasst werden, sondern es gibt nur einen umfassenden intuitiven Zugang in der Gegenwart, im klaren Hier und Jetzt und im tätigen Handeln. Damit verschiebt sich die Frage, ob man den Geist erfassen kann oder nicht, dahingehend, dass die umfassende Wirklichkeit des Hier und Jetzt nicht vollständig begriffen und schon gar nicht mit dem unterscheidenden Verstand gedacht werden kann.

Diese Wirklichkeit umfasst sowohl die Lehre des Buddhismus als auch alle konkreten Gegebenheiten und Dinge wie Mauern, Zäune, Ziegel und Kieselsteine - in der Tat eine für westliches Denken erstaunliche Aussage. Dann ist diese Wirklichkeit also ganz real, vielfältig und unser Alltag. Der Geist offenbart sich laut Dōgen in der Wirklichkeit, der buddhistischen Praxis und im Alltag. Er ist nichts Dauerhaftes oder Statisches und bleibt nicht irgendwo konstant am Ort oder im Ablauf der Zeit. Aber je nach Klarheit des Menschen gibt es sehr unterschiedliche konkrete Zustände eines solchen handelnden Geistes:

"Erleuchtung ist Feuerholz tragen und Wasser schöpfen"

Das Denken über den Geist kann also mit dem Bild des Reiskuchens verglichen werden, auf das Dōgen im Kapitel „Die Stimmen des Tales und die Form der Berge“ eingeht. Dieses Bild ist ein stark vereinfachtes Modell der Wirklichkeit. Als solches ist es durchaus von gewissem Nutzen. Aber man kann dieses Modell nicht essen, um seinen Hunger zu stillen und sich zu ernähren.


In diesem Sinne kannte der Gelehrte Tokuzan zunächst nur die Theorie des Diamant-Sūtra, hatte also nur das Abbild oder Modell der Wirklichkeit erfasst. Erst durch das Lernen in der Praxis unter einem wahren buddhistischen Meister konnte er zur Wirklichkeit, Wahrheit und Freiheit vorstoßen. Erst dadurch wurde er von einem Gelehrten zu einem buddhistischen Lehrer und Meister, der anderen Menschen den Buddha-Dharma lehren konnte.

Donnerstag, 3. Juli 2014

Die alte Frau verkauft keinen Reiskuchen an den großen Gelehrten





Dōgen gibt eine bekannte Geschichte über die Begegnung eines Gelehrten mit einer einfachen Frau wieder, die am Wegesrand Reiskuchen verkauft. Er zitiert dabei eine zentrale Aussage aus dem Diamant-Sūtra:

„Der vergangene Geist kann nicht erfasst werden, der gegenwärtige Geist kann nicht erfasst werden, und der zukünftige Geist kann nicht erfasst werden.“

Um zu erfahren, was dieser Satz wirklich bedeutet und was es heißt, dass der Geist nicht erfassbar ist, sind nach Dōgen theoretische Studien unzureichend, da die Lehre des Buddha-Dharma unauflösbar mit der Praxis und der authentischen Übertragung durch einen wahren Meister verbunden ist. Dies wird durch die Geschichte von der alten Verkäuferin und dem berühmten Gelehrten Tokuzan beleuchtet.

Er war der große Experte des Diamant-Sūtra und hatte umfangreiche Kommentare dazu verfasst. Auf sein intellektuelles Können war er sehr stolz, und er nahm sich selbst außerordentlich wichtig. Auf einer Reise zu einem konkurrierenden Meister begegnete er der alten Reiskuchenverkäuferin. Tokuzan stellte sich ihr als „König des Diamant-Sūtra“ vor und bat sie, ihm Reiskuchen zu verkaufen, weil er seinen Geist erfrischen wolle.

Sie wollte ihm jedoch nur Kuchen verkaufen, wenn er ihr eine Frage beantworten könne, und sie sagte:

„Ich habe gehört, dass es im Diamant-Sūtra heißt: ‚Der vergangene Geist kann nicht erfasst werden, der gegenwärtige Geist kann nicht erfasst werden, und der zukünftige Geist kann nicht erfasst werden.‘ Welchen Geist willst du mit meinem Reiskuchen erfrischen?“

Der Gelehrte war verblüfft, und es verschlug ihm tatsächlich die Sprache. Daraufhin weigerte sich die alte Frau konsequent, ihm die gewünschten Reiskuchen zu verkaufen. Er empfand das Ganze als eine sehr bittere Niederlage.

Schließlich überwand Tokuzan jedoch seinen geistigen Hochmut und setzte seine Reise zu dem großen Meister fort, den er nicht mehr als Konkurrent ansah. Er wurde dessen Schüler und erhielt schließlich die Dharma-Übertragung und Bestätigung als buddhistischer Meister. Sein bisheriges rein theoretisches Verständnis hatte er überwunden und die Praxis von Körper-und-Geist erlernt. Erst damit hatte er Zugang zum wahren Inhalt des Diamant-Sūtra gefunden.

Was bedeutet nun die Aussage, dass der Geist nicht erfasst werden kann? Dōgen lehnt die Spekulation ab, dass es gar keinen Geist gibt und dass man ihn schon deswegen nicht erfassen könne. Das wäre zu einfach. Er widerspricht auch der Vorstellung, dass der Geist jedem einzelnen Menschen schon immer auf selbstverständliche Weise innewohnt und deshalb nicht erfasst werden kann. Diese beiden Ansichten entspringen theoretischem Denken und stimmen nicht mit dem Buddha-Dharma überein.

Allerdings sei es in Bezug auf die obige Geschichte nicht klar, ob die alte Frau wirklich mit ihrem Reden und Handeln in der Wahrheit des Buddha-Dharma gewesen ist, gibt Dōgen zu bedenken. Der Gelehrte Tokuzan hätte sie selbst nach dem Geist befragen müssen, damit sie ihrerseits hätte erklären müssen, wie sie die Aussage des Diamant-Sūtra versteht. Das war aber nicht geschehen.

Dōgen sagt, dass eine solche Frage nur jemand stellen kann, der
das strahlende Licht und die klare Erscheinung eines ewigen Buddhas hat“.



Dabei müsse es zu einem buddhistischen Handeln des „Aufgreifens und wieder Loslassens“ kommen, und man dürfe sich weder auf die eine noch auf die andere Idee und Antwort versteifen und daran festhalten. Das habe Gautama Buddha ganz eindeutig gelehrt: Der Buddhismus ist keine Ideologie sondern eine praktische Lebens-Philosophie.