Dienstag, 29. September 2020

Neue Interpretation des Yogacara und Übersetzung aus dem Urtext des Vasubandhu


Die Kernlehren des Yogacara sind in der Literatur umstritten und verwirrend. Ich habe versucht, mir anhand der Litratur ein stimmiges und überzeugendes Bild von der authentischen Lehre des Meisters Vasubandhu zu machen. Leider ist mir das nicht gelungen: Zu weit divergieren diese sicher intelligenten Aussagen.1)

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Was ist zu tun
? Wir müssen eine neue möglichst wortgetreue Übersetzung aus dem Urtext des Sanskrit machen. Von einer Übersetzung aus anderen Sprachen ist daher abzuraten. Dieser neu übersetzte Urtext muss die Grundlage einer zeitgemäßen Interpretation sein.

Die erste Kernfrage lautet: Sollen wir von einer weitgehenden Überstimmung mit dem authentischen Text des frühen Buddhismus ausgehen oder nicht? Ich meine ja. Begründung: Buddha ist ein so überragendes Genie der Menschheit, dass die Falsifizierung seiner Lehre mir abenteuerlich oder ignorant erscheint. Weder Nagarjuna, Mittlerer Weg, noch Vasubandhu, Yogacara, und auch nicht Dogen, Zen-Buddhismus, haben etwas anderes behauptet. Es geht die Weiterentwicklung und Integration des Buddhismus mit dem Zeitgeist und den verschiedenen Kulturen.

Danach kann Yogacara also nicht abstrakt-metaphysisch, überspitzt philosophisch oder idealistisch sein. Yogacara ist auch kein grundsätzlich neuer Buddhismus, sondern konzentriert sich auf die Ganzheit von Geist und Psyche des realen Menschen, wie Du und ich. Yogacara lehnt weder Form und Körper noch Wahrnehmung des Menschen grundsätzlich ab.

Vasubandhu hat die buddhistische falsche Doktrin von unveränderlichen ewigen Substanz von Menschen und Phänomenen, Dharmas, durchschaut. Er hat diese Fehlentwicklung detailliert dokumentiert und falsifiziert. Es handelt sich bei dieser Doktrin um zwar schönes, illusionäres aber falsches Wunschdenken, das reales Leiden nicht überwinden kann.


Er hat auch die Ideologie von metaphysischen zeitlichen Atome durchschaut und abgelehnt, die unendlich klein sind. Das ist die Ideologie der statischen kleinsten Substanzen und Momente. Sicher die super intelligente Denkleistung einer philosophischen Minderheit, aber unbrauchbar und kein authentischer Buddhismus. Vasubandhu ist dieser Ablehnung der modernen Physik zuvor gekommen,weil die Atome wirklich teilbar sind und sich sogar in Prozesse umwandeln können. Materie kann sich auch in Strahlung und Energie umwandeln.

Beide Doktrinen werden übrigens auch von Nagarjuna im Mittleren Weg präzise falsifiziert. Diese Doktrinen sind statisch, starr und unveränderlich und letztlich ideologisch. Bei ihnen gibt es kein Fließen des Geistes und keine Emanzipation. Die buddhistischer Wahrheit ist leer von diesen Doktrinen. Wie sollen wir damit Freiheit verwirklichen? Das ist nicht möglich! Genau dabei setzt der Yogacara präzise an.

Vasubandhu hat meines Wissens auf der Grundlage des authentischen frühen Buddhismus die mentalen und psychischen Phänomene des menschlichen Handeln, Fühlens und Denkens mit neuer Frische vertieft untersucht. Seine große theoretische und praktischer Erfahrung kommen ihm dabei zugute. Sehr vereinfacht gesagt: Beim Menschen läuft alles mit Geist und Gehirn. Aber wie?

Aus meiner Sicht ist seine Kern-Lehre: Bei Allem was wir tun, fühlen, sehen und denken müssen wir die Wechselwirkung mit mentalen und psychischen Informationen von innen und außen einbeziehen. Das wahre Leben ist nicht isolierbar, nicht ideologisch sondern dynamisch vernetzt, eben in Wechselwirkung und im Gleichgewicht. Ähnlich wie die dynamischen Kräfte unseres Sonnen-Systems. Deswegen können wir hie relativ sicher leben. Diese fortlaufend geistigen Kräfte können bewusst oder unbewusst sein. Das ist übrigens auch die Kern-Aussage der aktuellen Gehirnforschung.

Vadubandhu geht sogar über die Gehirnforschung hinaus: Für ihn ist die lebendige Spiritualität eine wichtige Voraussetzung für die Erleuchtung. Dem möchte ich zustimmen.

1) David J. Kalupahana: ThePrinciple of Buddhist Psychology, 1987, schätze ich besonders. Ich stimme überein mit meinem Lehrer Nishijim Roshi beim Zen und dem Mittleren Weg. 


Sonntag, 20. September 2020

Buddhas Gesang der großen ökologischen Verbundenheit

 

Buddhas Lehre ist ein großer Gesang der Verbundenheit mit der Gemeinschaft der Menschen und dem ganzen Universum. Was sagt Meister Dogen dazu? In einem berühmten Kapitel seines Shobogenzo heißt es, dass Buddha in der Meditation beim Aufleuchten des Morgensterns erkannte:

Die ganze Erde und alle Lebewesen verwirklichen zusammen die Wahrheit.“

 Ihm wurde plötzlich umfassend klar, dass er über das gewöhnliche unterscheidende Denken und die isolierende Wahrnehmung hinausgehen konnte. Dann war es möglich, diese Wahrheit und Wirklichkeit der Welt direkt zu erfahren und zu erleben. Das ist die große ökologische Verbundenheit, die manche Menschen heute leider vergessen haben. Das ist die Sehnsucht besonders der jungen Menschen, wenn sie den Raubtier-Kapitalismus der heutigen Großkonzerne und der verantwortungslose Macht-Eliten angreifen:  Das sind menschlich verkrüppelte Narzisten. Sie zerstören unsere ökologische Verbundenheit und unser Erwachen. Sie stecken fest in der Sackgasse des Ego-Materialismus und der sinnlosen Verschwendung!

So verstärken die scheinbar sozialen Netze unsere Einsamkeit, und die digitalen Konzerne verkaufen unsere persönlichen Daten an kapitalistische Gewinn-geile Firmen. Aber wir sollten uns erinnern und aufwachen: Zurück zur Natur und zur ökologischen Verbundenheit mit der Natur. Buddha war wohl der Erste, der diese Einheit mit der wunderbaren, dynamisch vernetzten Ökologie wirklich und tiefgreifend erkannt hat. Das hat der Westen vergessen, verdrängt und die Natur missbraucht. Buddha erkannte die große wunderbare ökologische Harmonie und Wechselwirkung von Menschen und Natur. Er sagte zu den Menschen: Meditiert bitte unter einem schützenden Baum, in der Harmonie des Waldes. Das ist der Gesang des "Großen Wir" mit der Natur.

 Durch das meditative Sitzen im Augenblick, also im Hier und Jetzt verlassen wir das verarmte dualistische Bewusstsein der Trennung von Ich und Du. Wir erfahren unser Leben im Einklang und in der Harmonie mit dem Universum, ganzheitlich und unmittelbar. Das geht natürlich über dualistisches Denken und Fühlen hinaus.

In der großen Lehrrede von den Grundlagen der Achtsamkeit beschreibt Buddha im Gegensatz dazu die fünf Hemmnisse des Erwachens.[i] Sie blockieren unsere Befreiung und Emanzipation und hemmen unsere Entfaltung. Wir sollten tatkräftig gegensteuern und die Hemmnisse wegbeamen. Welches sind sie?

- Auf oberflächlichen Genuss und Sinnlichkeit gerichtetes Wollen, z. B. durch materielle und sexuelle Gier

- Übelwollen gegenüber anderen Menschen. Das schafft Trennung, Isolation und überhaupt keine  Verbundenheit

- Erstarren und Trägsein ohne aktives Handel, also ohne Dynamik in der Gemeinschaft

-  Aufgeregtheit, Stress und Unruhe ohne inneres Gleichgewicht und ohne Gelassenheit

- Zerstörerische Zweifelsucht durch tiefgreifenden Pessimismus und Nihilismus, oft mit materieller Gier gekoppelt

 Diese Hindernisse und Blockaden versperren uns den Weg zum Erwachen: Sie kennzeichnen ein verengtes Spektrum menschlichen Handelns, Fühlens und Denkens. Buddha sagt zu seiner Sangha über die Achtsamkeit:

„Da weilt ein Mönch bei fünf Hemmnissen.“ Er würde dann erkennen, dass sie eigentlich leer sind. Und wenn er dies erkannt und überwunden hat, ist er "frei und haftet an nichts in der Welt". Frei für das Große Wir.

In der Gemeinschaft, der Verbundenheit mit der Natur und der Meditation befreien wir uns von diesen Hemmnissen: Fridays for Future.


[i] Gäng, Peter: Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 39ff.

Donnerstag, 10. September 2020

Wie erlangt man Erleuchtung, Entscheidungskraft und den großen Frieden? Das Ego weg-beamen!

(Aus meinem Buch "Sternstunden des Buddhismus Band 1")

 1.) Meditation und Sammlung

Von großer Bedeutung für den großen inneren Frieden ist die meditative Vertiefung, die meistens als Sammlung bezeichnet wird. Bei den Vier Edlen Wahrheiten ist dies ein wichtiger Teil des Achtfachen Pfades. Ohne Meditation kommt man bei der Erleuchtung nicht voran. Sehr wirkungsvolle Meditationen werden im Sitzen praktiziert. Im Zazen  sagen wir: "Körper und Geist fallen lassen". Durch Zazen konnte ich mich aus einer fast aussichtslosen Berufs-Krise befreien. Ähnliches gilt für die Koan-Meditation.  Dabei ist der gerade und senkrechte Rücken von zentraler Bedeutung. Diese Sammlung ist das Gegenteil von Hektik, Stress, Zerstreutheit und Fragmentierung der Gedanken und Gefühle. Derartiges oberflächliches Multitasking widerspricht unserem wahren Geist und ist ihm grundsätzlich fremd. Oder um es klarer auszudrücken, solches Multitasking im Stress kann von unserem Geist überhaupt nicht geleistet werden und ist ein gravierendes Hemmnis auf dem Erleuchtungs-Weg: Großer Frieden und wunderbarer Flow.

Ich habe auch gute Erfahrung mit meditativer Bewegung gemacht, also Flow: Bogenschießen und Zen-Flöte.

 Wir sollten jeden Tag mindestens einmal am Tag  aus Stress, Hektik und Zukunfts-Angst aussteigen. Das ist der natürliche Weg zur Erleuchtung. Diese Wahrheiten der Erleuchtung sind seit über zweitausend Jahren erprobt und helfen dir bestimmt!

Das Tor durch aktives Handeln öffnen!

2.) Aktiv handeln und das Ego vergessen

Kürzlich habe ich mich in der Chariteé in Berlin untersuchen lassen und kam mit dem erfahrenen Arzt über Leben und Tod ins Gespräch: Er sagte kurz und trocken: "Wer im Bett liegt stirbt". Wer also nicht aktiv ist und bequem herumliegt, fühlt sich halb tot und stirbt früher. Das gilt natürlich besonders für unsere zweite Lebenshälfte. Und sind nicht manche Menschen schon geistig und spirituell tot, wenn sie körperlich noch leben? Die wichtigsten Zivilitations-Krankheiten sind bekanntlich Bewegungsmangel und Einsamkeit. Und beides erhöht die Gefahr der Demenz. Der Mensch ist nämlich das sozialste Wesen mit wechselwirkenden Handeln auf dieser Erde.

Denn Geben ist besser als nehmen, das ist die große Wahrheit des Mahayana und Zen für ein gutes und sinnvolles Leben.  Die aktuelle Gehirnforschung hat diese Wahrheit übrigens eindeutig bestätigt! Das ist auch die Wahrheit des Bodhisattva-Handelns. Und der Sinn des Lebens wird uns nicht von außen irgenwie zugereicht oder gar vorgeschrieben, sondern den schaffen wir uns selbst durch aktives Handeln. Aber Egoismus schadet vor allem uns selbst und verarmt unser Leben, das ist kein soziales Handeln. Diese tiefe Wahrheit will die heutige, materiell orientierte Werbung allerdings vergessen machen. Aber sie irrt grundsätzlich!

Daher: Aktiv handeln lässt Kummer, Gram und Unsicherheit zur Ruhe kommen und löst sie auf. Gutes Handeln macht frei und heilt seelische und körperliche Schmerzen. Und besonders wichtig die fast mystische Wirkung den Zen-Weges: In zentralen Momenten des Lebens, entscheidet man schnell, mit großer Klarheit und richtig. So verstehe ich die wahre Bedeutung der Leerheit im Augenblick.

3.) Beobachten und Achtsamkeit

Achtsamkeit ist nach Buddha die Klarheit des Augenblicks für Denken, Fühlen, Körper und Handeln. Wie Boris Becker zum Tennis sagt: "Wenn der Moment bleibt". Das ist die möglichst offene und ungehinderte Achtsamkeit des ganzen Menschen für sich selbst und für die wunderbare Klarheit des Augenblicks. Dafür braucht es wirklich mehr als intellektuelle Spitzfindigkeit und komplizierte Philosophie. Von zentraler Bedeutung ist ein realistisches und spirituelles Selbst, das dogmatische Ideologien und Extreme überwunden hat. Und genau so wichtig ist ein lebendiges Wir, also die positive Wechselwirkung mit anderen Menschen, mit und ohne Worte. Das ist gute Empathie und das Gegenteil von Narzissmus und aufgeblasenem Ich-Stolz. Auch das Ich-Gejammer führt nicht weiter. Die großen Meister Nagarjuna und Dogen haben diese Wahrheiten der Achtsamkeit ganz neu zum Leben erweckt. Aus der Gehirnforschung wissen wir übrigens, dass es für Empathie bestimmte neuronale Leistungen gibt, die von vernetzten Spiegel-Neuronen erbracht werden.

Durch das Training der Achtsamkeit kommen wir auf dem Weg der Erleuchtung wirklich voran. Und wie Dogen es nach seinem großen Erleuchtungs-Erlebnis sagte: "Ich bin weicher geworden" ! Er hatte nämlich erst in China die wahre Zen-Meditation erfahren und verwirklicht.

4.)  Genaue Unterscheidungen und richtige Entschlüsse

Buddha nennt als wichtigen Faktor der Erleuchtung die rechte Unterscheidung. Warum? Dadurch lernen wir uns selbst kennen: unser Denken,  Fühlen und Handeln. Uns wird dann immer klarer, was heilsam ist für uns und was nicht. Mit diesen echten Erfahrungen können wir unsinnige Weltanschauungen, Ideologien und Fake-News durchschauen und entkräften. Der Erleuchtungs-Faktor Unterscheidung ist besonders wichtig, weil manche buddhistischen Linien der gründlichen Unterscheidung von Dingen, Phänomenen und Entwicklungen eine viel zu geringe Bedeutung geben. Ganzheit und Genauigkeit im Detail sind keine Gegensätze, sondern haben eine besonders gute Wechselwirkung. Sie sind beide wichtige Faktoren des Erwachens.

Es kommt darauf an, die ganzheitliche Sichtweise einerseits und die präzise Unterscheidung andererseits zu üben und weiter zu entwickeln. Das ist von großer Bedeutung, um die Praxis des Lebens selbständig zu meistern und frei zu werden. Und dieser Entwicklungsprozess verläuft dabei in mehreren Schritten, in einer fortlaufenden, verbundenen Kette, wie Vasubandhu sagt. Also dran bleiben!

Wie wir im Zen sagen: "Mit der Faust die Eisenplatte durchschlagen!" Sich nicht wegducken, wenn es wirklich darauf ankommt und auch nicht in die Komfort-Zone oberflächlicher und falscher Spiritualität flüchten. Dann braucht man manchmal im Augenblick sogar den Kampf-Modus. Wie beim Bogenschießen: Der Schuss entscheidet sich im Moment des Abschusses, nicht vorher und schon gar nicht nachher. Der Schuss wird dann gut, wenn das Ego nicht stört! Richtige Entscheidungen sind besonders wichtig für den großen Frieden. Das ist auch meine eigene Erfahrung.

 5.) Energie und Freude

 Und wie entwickeln wir bisher ungekannte Energien? Durch Freude! Denn Freude macht klug und kreativ, das wissen wir aus der aktuellen Gehirnforschung. Also beobachte dich selbst: Was bringt dir wirkliche Freude und damit Energien, und was nicht? Oder anders ausgedrückt: Die tiefgründigen Entwicklungs-Prozesse auf dem Weg zur Befreiung sind nicht zuletzt wahre Freude. Künstlich erzeugte Glückszustände sind schlimme Sackgassen, etwa durch Drogen und Illusionen.

Buddha nennt gesammelte Energie als einen wichtigen Faktor von sieben zur Erleuchtung . Ein erwachter Mensch entwickelt durch Freude im Augenblick die Energie zum Handeln und zu geistigem und psychischem Tun. Wer sich in seinem Leben überhaupt nicht anstrengen will und keine eigene Energie entfaltet, wird auf dem Weg der Erleuchtung nicht vorankommen. Der Ausspruch "Nichts tun" darf nicht falsch verstanden werden, wie es bei manchen Aussteigern und angeblichen Querdenkern zu beobachten ist. Es geht auch um „geschenkte“ Energie, zum Beispiel von der Natur, von anderen Menschen und dem Kosmos, aber vor allem um die eigenen Energie: "dran bleiben". Wir dürfen nicht vergessen: Der Buddha-Weg eröffnet und verstärkt gerade die eigenen Energien und bisher ungeahnte Potentiale!

6.) Gleichgewicht, Gestilltheit und Gleichmut

Die Gestilltheit ist bei Buddha ein sehr wichtiger Faktor des Erwachens. Es geht vor allem darum, nicht immer etwas Anderes haben zu wollen, das man nicht hat, und mit dem zufrieden zu sein, was man jetzt hat. Gestilltheit führt zu Gleichgewicht, Ruhe und Gleichmut. Es handelt sich dabei um das Gleichgewicht unseres Gemüts, um es altdeutsch zu sagen, also unsere ausgeglichene Gestimmtheit und unseren zufriedenen geistig-psychischen Zustand. Also kurz: Wie und Wann bist du gut drauf. Das möchtest du doch sicher häufig erleben?

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Freitag, 4. September 2020

Erwachen, Erleuchtung und Leerheit. Wie passt das zusammen?

 

 


 Buddha sagt: Die wunderbare Fülle des Lebens, Erwachens und der Erleuchtung entstehen durch die Leerheit von schädlichen Ideologien, Vorurteilen und Ego-Stolz! Und vor allem durch die Befreiung von Gier, Hass und Verblendung. Dadurch kommt unser Leiden zur Ruhe. Durch diese Reduktion entsteht also die Fülle und Vielfalt des Lebens: Durch Einfachheit zu Glück und Vielfalt! Das ist auch das wahre Herz des Zen.
Sein Anliegen und der Sinn dieser Worte sind die Verbesserung genau unseres Lebens, unabhängig von Kultur und Land. Das heißt auch für Dich und mich, hier und jetzt. Er wollte seine tiefen praktischen und spirituellen Erfahrungen zur  Verbesserung des Lebens an uns weitergeben. Gerade durch die Entleerung von unheilsamen Denken und Fühlen entsteht bei uns also das volle Leben. Das ist es! Der Sinn der Leerheit ist also volles befreites Leben.  Buddha war kein intellektueller abgehobener Philosoph, das hatte er hinter sich. Er redete einfach und verständlich. Er war also ein Therapeut und Heiler für die Menschen. 

Die Behauptung ist daher unsinnig, Buddha habe gelehrt, dass alles Leiden sei. Er hat auch nicht gesagt, dass alles Leerheit sei. Sein Ziel war und ist die Befreiung vom jeweiligen Leiden. Eines seiner wichtigsten Faktoren auf dem Weg der Erleuchtung ist nämlich die Freude. Wie die Gehirnforscher heute wissen, macht Freude klug und kreativ und hilft uns auf dem Weg der Befreiung vom Leiden. Das ist der Weg zum großen Frieden und zum befreienden Flow. 

 Und welches sind die zentralen Faktoren auf dem Befreiungs-Weg, um unsere Buddha-Natur zu verwirklichen? Indem wir uns durch rechtes Handeln, Denken und Fühlen verändern und entwickeln. Das macht Sinn! Und umgekehrt: Wie blockieren wir eigentlich unsere gute Entwicklung? Wenn wir erstarrt daran festhalten, dass wir uns aus dem Leid nicht verändern können, weil ja andere die Schuld haben. Oder mit einem aufgeblasenen Ego. Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass unser Gehirn und Geist sich viel mehr verändern können, als bisher angenommen wurde. Das Gehirn hat eine große Plastizität. Buddha hatte also recht, wenn er auf unsere gute Veränderung setzt.

 Wie hängt nun die buddhistische Leerheit mit dem Befreiungs-Weg aus Leid, Depression, Verzweiflung und Gram zusammen? Warum entwickelten Buddha und der große Meister Nagarjuna den Begriff und die Wahrheit der Leerheit? Auch der Dalai Lama sagt bekanntlich, dass unser Lebensziel das Glück sei und betont in aller Klarheit die zentrale Bedeutung der Leerheit? Beides muss also zusammen gehören. Aber wie?

 Der Zen-Meister Dogen vermeidet allerdings meist den Begriff der Leerheit, weil damit so viel Verwirrung und geistiges Chaos erzeugt wurde. Und auch heute vagabundiert die falsch verstandene Leerheit in manchen buddhistischen Gruppen umher.

Meine Antwort dazu: Leerheit, shunyata, bezeichnet den Zustand unseres Geistes undunserer Psyche  wenn wir sind frei und leer von unheilsamen Gedanken, Gefühlen, Handlungen und extremen Ideologien. Und diese werden bewusst oder unbewusst vor allem durch Gier, Hass, Übelwollen und radikale Ideologien gesteuert. Das konnte man in Berlin bei der kürzlichen Demonstration von rechten Randgruppen der Gesellschaft sehen. Und durch dieses Leerheit von schädlichen Ideologien und Netzen von Fake-News eröffnet sich der Weg zum vollen Leben.

Der große Meister Nagarjuna sagt in seinem berühmten Werk, MMK, dass die Leerheit von unheilsamen Dogmen und Weltanschauungen der Statik und Extreme  uns den Zugang zum Mittleren Weg der Befreiung und des Glücks öffnet. Leerheit ist also ist kein abgehobener philosophischer Begriff, dessen Sinn kaum ein normaler Mensch versteht. Im Gegenteil: Der Sinn der Leerheit ist ein wichtiger Schlüssel für ein gutes, zufriedenes und erfülltes Leben.

 Vor nicht langer Zeit hörte ich einen Vortrag eines klugen Mönchs, der zur Leerheit befragt wurde. Er zitierte dazu Sutren des Buddhismus und wiederholte, was er in seiner Ausbildung gelernt hatte. Allerdings wurde die darauf folgende Diskussion immer verwirrter und unverständlicher. Ich meldete mich und sagte, dass ich die Leerheit am besten in der Zen-Meditation erfahren würde: "Einfach sitzen, Körper und Geist fallen lassen". Das sei eine direkte Erfahrung und eigentlich ziemlich einfach. Ganz ohne komplizierte Theorie und ohne die metaphysische Aussagen zu grübeln wie: "Alles ist Leerheit" oder "Alles ist Leiden". Diese Aussagen versteht ohnehin kaum ein normaler Mensch. Schließlich leben und handeln wir wirklich hier und jetzt.

 Vereinfacht sagt Nagarjuna: Durch den Begriff der Leerheit öffnet sich der Weg zu einem sinnvollen Leben. Man bekommt dann zunehmend Klarheit über die Natur des Lebens und der Welt. Sie ist ein großartiges vernetztes dynamisches System. Buddha charakterisiert diese wahre Natur daher als "Gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung".  Und als handelnder Teil dieser wunderbaren Dynamik können wir den Sinn unseres Lebens finden und verwirklichen. Der Sinn der Leerheit liegt also darin, dass wir unheilsame und falsche Ideologien der Statik, Starrheit und Unveränderlichkeit zur Ruhe kommen lassen. Das ist nicht die wahre Natur, sondern sie ist fiktiv und ausgedacht. Das stört uns und unsere Entwicklung und lenkt uns in falsche Richtungen.

 Wir sollten uns also von der Ideologie entleeren, dass wir statisch sind und uns nicht zu einem sinnvollen Leben umwandeln können. Solche "Geist-Jauche und Gefühls-Jauche" sollten wir entleeren. Das ist der Sinn des Herz-Sutras: Das rechte Verständnis der buddhistische Leerheit führt zur Wirklichkeit von Wahrnehmung, Körper, Denken, Fühlen und zu den Vier Edlen Wahrheiten. 

 Und wie können wir Klarheit dazu gewinnen? Indem wir uns selbst und unsere Veränderungen des Lebens beobachten. Das nennt Buddha die Achtsamkeit und sie ist der Kompass für ein sinnvolles Lebens. Es ist wirklich sinnvoll, die  Komfort-Zone des Lebens zu verlassen. Das ist auch der wahre Sinn der Leerheit.

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