Dienstag, 29. September 2020

Neue Interpretation des Yogacara und Übersetzung aus dem Urtext des Vasubandhu


Die Kernlehren des Yogacara sind in der Literatur umstritten und verwirrend. Ich habe versucht, mir anhand der Litratur ein stimmiges und überzeugendes Bild von der authentischen Lehre des Meisters Vasubandhu zu machen. Leider ist mir das nicht gelungen: Zu weit divergieren diese sicher intelligenten Aussagen.1)

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Was ist zu tun
? Wir müssen eine neue möglichst wortgetreue Übersetzung aus dem Urtext des Sanskrit machen. Von einer Übersetzung aus anderen Sprachen ist daher abzuraten. Dieser neu übersetzte Urtext muss die Grundlage einer zeitgemäßen Interpretation sein.

Die erste Kernfrage lautet: Sollen wir von einer weitgehenden Überstimmung mit dem authentischen Text des frühen Buddhismus ausgehen oder nicht? Ich meine ja. Begründung: Buddha ist ein so überragendes Genie der Menschheit, dass die Falsifizierung seiner Lehre mir abenteuerlich oder ignorant erscheint. Weder Nagarjuna, Mittlerer Weg, noch Vasubandhu, Yogacara, und auch nicht Dogen, Zen-Buddhismus, haben etwas anderes behauptet. Es geht die Weiterentwicklung und Integration des Buddhismus mit dem Zeitgeist und den verschiedenen Kulturen.

Danach kann Yogacara also nicht abstrakt-metaphysisch, überspitzt philosophisch oder idealistisch sein. Yogacara ist auch kein grundsätzlich neuer Buddhismus, sondern konzentriert sich auf die Ganzheit von Geist und Psyche des realen Menschen, wie Du und ich. Yogacara lehnt weder Form und Körper noch Wahrnehmung des Menschen grundsätzlich ab.

Vasubandhu hat die buddhistische falsche Doktrin von unveränderlichen ewigen Substanz von Menschen und Phänomenen, Dharmas, durchschaut. Er hat diese Fehlentwicklung detailliert dokumentiert und falsifiziert. Es handelt sich bei dieser Doktrin um zwar schönes, illusionäres aber falsches Wunschdenken, das reales Leiden nicht überwinden kann.


Er hat auch die Ideologie von metaphysischen zeitlichen Atome durchschaut und abgelehnt, die unendlich klein sind. Das ist die Ideologie der statischen kleinsten Substanzen und Momente. Sicher die super intelligente Denkleistung einer philosophischen Minderheit, aber unbrauchbar und kein authentischer Buddhismus. Vasubandhu ist dieser Ablehnung der modernen Physik zuvor gekommen,weil die Atome wirklich teilbar sind und sich sogar in Prozesse umwandeln können. Materie kann sich auch in Strahlung und Energie umwandeln.

Beide Doktrinen werden übrigens auch von Nagarjuna im Mittleren Weg präzise falsifiziert. Diese Doktrinen sind statisch, starr und unveränderlich und letztlich ideologisch. Bei ihnen gibt es kein Fließen des Geistes und keine Emanzipation. Die buddhistischer Wahrheit ist leer von diesen Doktrinen. Wie sollen wir damit Freiheit verwirklichen? Das ist nicht möglich! Genau dabei setzt der Yogacara präzise an. 

Nach Meister Nishijima wirken im Zen vier Lebens-Philosophien zusammen:  Materialismus, Idealismus und Handeln, aber diese sind nur Teil-Philosophien. Durch die Erleuchtung, (Kensho, Satori)  werden sie  zusammengebracht und vor allem zur Wahrheit überschritten und erweitert. Die Teil-Philosophie des Idealismus kann nicht die Gesamtheit des authentischen Buddhismus sein. Diese Philosophie ist einseitig. Der Idealismus kann sich sogar zu schädlichen Ideologien, extremen Dogmen, Illusionen und Fake News verkehren. Ein solches Verständnis des Yogacara wäre nach meiner Einschätzung verengt und von geringem Mehrwert an Informationen.

Vasubandhu hat meines Wissens auf der Grundlage des authentischen frühen Buddhismus die mentalen und psychischen Phänomene des menschlichen Handeln, Fühlens und Denkens mit neuer Frische vertieft untersucht. Seine große theoretische und praktischer Erfahrung kommen ihm dabei zugute. Sehr vereinfacht gesagt: Beim Menschen läuft alles mit Geist und Gehirn. Aber wie?

Aus meiner Sicht ist seine Kern-Lehre: Bei Allem was wir tun, fühlen, sehen und denken müssen wir die Wechselwirkung mit mentalen und psychischen Informationen von innen und außen einbeziehen. Das wahre Leben ist nicht isolierbar, nicht ideologisch sondern dynamisch vernetzt, eben in Wechselwirkung und im Gleichgewicht. Es ist ähnlich wie das dynamischen Gleichgewicht unseres Sonnen-Systems. Deswegen können wir hier relativ sicher leben. 

Die fortlaufend aktiven Kräfte des Geistes können bewusst oder unbewusst sein. Das ist übrigens auch die Kern-Aussage der aktuellen Gehirnforschung. Vasubandhu geht sogar über die Gehirnforschung hinaus: Für ihn ist die lebendige Spiritualität eine wichtige Voraussetzung für die Erleuchtung. Dem möchte ich zustimmen.

1) David J. Kalupahana: ThePrinciple of Buddhist Psychology, 1987, schätze ich besonders. Ich stimme überein mit meinem Lehrer Meister Nishijima für Zen und den Mittleren Weg. 

Zum Weiterlesen: Die vier Lebensphilosophien



Kommentare:

Gensa Hutmacher hat gesagt…

Nachdem seit einigen Jahren der vorgebliche Idealismus Hegels dekonstruiert ist, wird nun hoffentlich auch der vergleichbaren Fehlinterpretation von Vasubandhus Yogacara ein Ende bereitet. Wir sind jedenfalls gespannt auf fundierte neue Erkenntnisse!

Yudo J. Seggelke hat gesagt…

Lieber Gensa,
ja, die umfassende Praxis und Philosophie der Erleuchtung kennt das westliche Denken bisher wenig oder überhaupt nicht. Idealismus und Materialismus bleiben oft in der intellektuellen Kontroverse stecken, während das Handeln sogar vernachlässigt wird.
Durch die Erkenntnisse der aktuellen Gehirnforschung ist der Yogacara von Meister Vasubandhu von vor 1.600 Jahren m. E. super aktuell!
Herzlich
Yudo

Oliver Speiser hat gesagt…

Es ist wirklich spannend die Geschichte und Entwicklungen der buddhistischen Philosophie und den damit verbundenen Kulturen genauer zu untersuchen.
"Es geht um die Weiterentwicklung und Integration des Buddhismus mit dem Zeitgeist und den verschiedenen Kulturen."
Ich denke, dass solche Perspektiven uns helfen, Buddhismus als lebendige Philosophie und Praxis ernst zu nehmen und lebendig werden zu lassen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass dies vernachlässigt wird und stattdessen aus einem Wunsch nach Klarheit nach absoluten Wahrheitsaussagen gesucht wird - die nun mal, wie bei Religionen, vor langer, langer Zeit ausgesprochen wurden.
Gerade aus dieser zeitlichen Distanz scheint eine gewisse Magie auszugehen, die faszinieren kann. Ich kann gut verstehen, dass soetwas fasziniert. Ich bin fasziniert, dass Buddhas, Nagarjunas oder Dogens Aussagen immernoch so eine Wirk- und Überzeugungskraft haben. Jedoch besteht meiner Ansicht nach ein unscheinbarer, aber fundamentaler Unterschied zwischen einer historisch/sozio-kulturellen Perspektive, wie sie aus dem obigen Zitat hervorgeht und einer Perspektive, die nach Absolutheiten sucht.
Auf der anderen Seite gelangt eine reine Historisierung auch nicht an das Potenzial jener Philosophien, solange dies nur im Dienste der Wissenschaft geschieht. Erst in Verbindung mit einer lebendigen Praxis kann eine Wechselwirkung zwischen damaligen buddhistischen Denkweisen und heutiger Philosophie entstehen und dies ist gleichzeitig die Vorraussetzung dafür, eine spirituelle Praxis, wie den Buddhismus, und deren Geschichte überhaupt erst zu verstehen.
Man stelle sich vor ein zwei Tausend Jahren gräbt ein Historiker psychoanalytische Literatur aus und versucht diese zu verstehen. Erst in der angewandten Gesprächspraxis würde sich herausstellen, ob man damit etwas anfangen kann und warum diese Entwicklung so Bedeutsam in der westlichen Kultur war.

Yudo, was ich an deiner Arbeit besonders schätze ist deine ehrliche Auseinandersetzung mit solch alten Texten. Einerseits erhöhst du sie nicht unnötig, andererseits werden sie auch nicht als ein trockenes Stück Geschichte behandelt, sondern treten in ein Spannung mit unserer heutigen Welt, unser Praxis und kontemporärer Philosophie.

Kurzum: Ich bin gespannt wie es weiter geht!

Yudo J. Seggelke hat gesagt…

Vielen Dank Oliver,
ich hätte es nicht besser sagen können. Super, bleib dran !!
Yudo