Mittwoch, 25. Dezember 2019

Ohne spirituelles Leben geht nicht viel ! Und der Stall von Bethlehem?


Das Dharma-Rad der Spiritualität und der Erleuchtung

Durch die moderne Gehirnforschung kennen wir die Spiritualität als wahre Natur des Menschen. Und diese wahre Natur verwirklicht sich beim Erwachen oder wie wir im Westen sagen bei der Erleuchtung, das nennt der große Zen-Meister auch Buddha-Natur. Dabei gibt es eine große Bandbreite, was die Menschen als wirklich spirituell erleben und erleben können. Denn wenn jemand zum  Beispiel die Organisation der Kirche als menschlich und oft allzu menschlich ablehnt, bedeutet das nicht , dass er seine Natur-gegebene  Begabung zur Spiritualität und Erleuchtung abstreitet oder vernachlässigt. Also kurz gesagt: Die Spiritualität ist bei uns Menschen genetisch fest verankert. Wer sie leugnet, der verleugnet sich selbst und verirrt sich in ein sinnloses Leben. Und das eigene spirituelle Erleben wird durch Üben und Praktizieren vertieft und lässt zunehmend Freude entstehen. Ohne Spiritualität erstarrt der Mensch immer mehr, zum Beispiel wenn er älter wird.

Wusstest Du, dass materielles Glück durchschnittlich nur zehn Sekunden anhält. Und das meist nur, wenn man keinen materiellen Vorteil erwartet. Auch das wissen wir durch verlässliche Ergebnisse der Psychologie und Gehirnforschung. Wenn also die materielle Grundsicherung gegeben ist, wie bei den meisten von uns in Deutschland, geht es darum,  unsere Sinn-gebenden Bereiche des Lebens zu erkennen, zu entwickeln und zur Blüte zu bringen. Wenn wir anderen Menschen Freude geben, dann geben wir uns selbst in lebendiger Wechselwirkung Freude. Egoistische Nutzung materieller Ressourcen gibt nur mageres Glück, das schnell wieder vergeht und nicht andauert, was wir häufig aber nicht glauben wollen.

Dagegen sind spirituelle Erfahrungen wie Samen, die keimen, wachsen und blühen. Das hat vor allem der indische Meister Vasubandhu herausgearbeitet. Solche Freuden halten viel länger an, als das egoistische Zehn-Sekunden-Glück des Materialismus - mit dessen Tendenz zum nachfolgenden Leiden und der menschlicher Verödung. Welche Deiner vielen wunderbaren Samen kannst Du aber zum Keimen und Blühen bringen?

Diese Wahrheit gilt auch für Weihnachten: Die anwesenden Menschen im legendären Stall von Bethlehem treten in spirituelle Wechselwirkung mit den friedlichen Tieren und dem Universum. Sie wirken damit in die Zukunft: Die friedlichen Tiere, der wärmende Stall, die strahlenden Menschen und die große Welt sind die Buddha-Natur, wie Zen-Meister Dogen sagt. Was soll dabei eigentlich die unnatürliche theoretische Abgrenzung und Trennung von Menschen, Tieren, Universum und dem Stall? Oder gar deren sezierende Bewertung? Sie gehören zusammen und sind die wunderbare, umfassende, spirituelle und wechselwirkende Wahrheit. Dann kamen die Weisen aus dem Morgenland dazu und sicher war eine Weiser aus dem buddhistischen Land dabei. Wusstest Du übrigens, dass Franziskus von Assisi die Weihnachtskrippe für die Kinder erfunden hat?

Im Gegensatz dazu sind Wort-Hülsen und ideologische Vorstellungen nach Nagarjuna und auch nach Kant nur leere Begriffe. Sie sind spirituell leer und nichts als Unsinn. Was leer von Ideologien und Extremen ist, das ist wirklich.


Blick vom Franziskaner-Kloster Monte Casale in Umbrien

Reale Spiritualität ist also ohne leere Begriffe, sie ist leer von Vorurteilen und sie ist leer von Extremen und Ideologien. Solche Spiritualität ist die wunderbare Fülle des Lebens, das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung. Genau das ist die Bedeutung der Leerheit und des Mittleren Weges nach Meister Nagarjuna. Und solche Spiritualität  ist nicht an bestimmte Religionen gebunden, weil sie die wahre Natur des Menschen ist.

Sonntag, 15. Dezember 2019

Das Buddha-Momentum und wahres Ich




Der große Zen-Meister Dogen beschreibt im dritten Kapitel seines berühmten Werkes Shobogenzo, wie wir die Buddha-Wahrheit für unsere eigene Wahrheit entdecken, erlernen und entwickeln:[1]

Uns zu erlernen, ist Buddhas Wahrheit zu erlernen. Uns zu erlernen, bedeutet das falsche Ich zu vergessen. Um das falsche Ich zu vergessen, erfahren wir die vielen, vielen wahren Dharmas der Welt. Von den vielen Dharmas erfahren zu werden, bedeutet dass wir fallen lassen unseren Körper und (alten) Geist. Es bedeutet, dass wir den Körper und Geist der äußeren (alten) Welt fallen lassen.

Wir sollten uns also auf dem Buddha-Weg von vorgefassten und eingefahrenen Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen befreien, um offen für eine neue Entwicklungen der Wahrheit zu sein. Buddha bezeichnet diesen Befreiungsprozess von schädlichen und unnützen Prägungen als "Gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung", also besonders zusammen mit anderen Menschen und einer guten Gruppe.

Solche Prägungen sind vielfach unbewusst, aber auf dem Buddha-Weg trainieren wir, wie sie zur Ruhe kommen. Einengende Prägungen und negative Weltsichten können also durch buddhistische Praxis "wegtrainiert" werden und verschwinden damit. Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass gerade unser heilsamer Geist und unsere positiven Gefühle trainiert werden können. Dieses Training funktioniert ganz ähnlich, als wenn wir unserer Muskeln trainieren. Hast Du das gewusst? Und wir wissen ja: Ohne Training und Übung schrumpfen unsere Muskeln schneller als man denkt. Aber mit Training wachsen sie und werden kräftiger genau wie unser Geist und unsere Gefühle wachsen können.

Nach Dogen ist es notwendig, sich für die Vielfalt der lebendigen Welt zu öffnen, sie zu erfahren und uns so zu "trainieren". Abgrenzungen führen in die Einsamkeit. Es ist möglich, sich von den einengenden Fixierungen auf den subjektiven Körper und von festgefahrenen altem Geist, also dem erstarrten Ich, zu befreien. Dogen sagt dazu: „Körper und den (unnütz denkenden) Geist fallen lassen“. Wir können uns dann selbst wirklich erkennen und unser altes Ich vergessen:

„Zen-Geist ist Anfänger-Geist“ nannte das Meister Shunryu Suzuki. Wir sollten die oberflächliche sogenannte objektive Welt des Äußeren, den erstarrten Körpers und den eigenen ruhelosen Geist „fallen lassen“. Im Sinne von Nishijima Roshi bedeutet dies nichts anderes, als sich von den Lebensphilosophien des einseitigen Materialismus und der Ideologien zu trennen. Dadurch befreien wir uns von den beengten Vorstellungen und Gedanken-Konstrukten. Wir sollten uns auch nicht in der einseitigen Welt der sinnlichen Wahrnehmungen und in deren vordergründigen Genüssen verlieren. Denn solche Genüsse sind keine wirklichen Genüsse.

Die meisten Menschen haben sicher eine mehr oder minder feste Vorstellung von einem unveränderlichen eigenen Ego. Das blockiert die wunderbaren Möglichkeiten der Entfaltung des wahren Selbst. Der unbegründete westliche Glaube an einen erstarrten Ich-Kern führt ins Leiden. Das wahre Ich ist viel mehr! Gautama Buddha hat in aller Klarheit darauf hingewiesen, dass ein solcher Ich-Kern ein fataler Irrtum und eine sinnlose Illusion ist. Also:  das alte erstarrten Ich abtrainieren und vergessen. 

Dann wird das Buddha-Momentum des wahren Selbst verwirklicht.



[1] Dogen: Shobogenzo, Genjo koan, deutsche Fassung Nishijima und Linnebach Band 1, Seite 58; englische Fassung Nishijima und Cross Band 1, Seite 34

Dienstag, 26. November 2019

Das Buddha-Momentum beim Bogenschießen

Meister Onuma: Das Momentum

Das japanische Bogenschießen, Kyudo, ist ein buddhistischer Weg, um zu sich selbst zu kommen, also zum wahren offenen Selbst. Dieses Selbst verbindet Klarheit im Augenblick mit erprobtem Vertrauen und Wissen vom eigenen Können. Das bringt Ruhe und Harmonie in unser Leben. Dieses wahre Selbst ist der Kern der Vier Edlen Wahrheiten Buddhas, mit denen das unwahre täuschende und egoistische Ich und der dogmatische Âtman, zur Ruhe kommen und verschwinden.

Was hat das mit Bogenschießen zu tun? Ist nicht der Bogen seit vielen Jahrtausenden eine Waffe zur Jagd und zum Kampf, wie wir dies von den amerikanischen Indianer wissen? Das mag sein, aber japanische Bogenschießen ist viel mehr. Denn als spirituelle buddhistische Praxis ist es genau der klare Weg zu sich selbst.

Und wann ereignet sich dieser Buddha-Augenblick beim Bogenschießen? Genau wenn unser Körper seine Aufgabe der richtigen Haltung, des Hebens und Spannens des Bogen usw. erledigt hat und wir Ruhe, Kraft und Gleichgewicht erlangt haben.

Dann geben wir "den Stab an das Göttliche weiter", so zitiert der große Kyudo-Meister Onuma[1]. Dann sind wir genau im spirituellen Flow des Jetzt. Nietzsche sagt dazu: Wir müssen den Pfeil über uns selbst hinaus werfen und unser kleines angepasstes Ich hinter uns lassen:

Wenn Körper und Geist ihre Aufgabe getan haben, geben wir hier und jetzt den Stab weiter an das Universum, das Göttliche: das Buddha-Momentum. Und das ist der berühmte ZEN-Augenblick des Bogenschießens: ES trifft mit direkter einfacher Klarheit von selbst. Und das eigene, oft verhärtete Ich stört wirklich nicht mehr.

Dann hat sich die Trennung von Körper, Geist, Bogenschießen und Buddha aufgelöst. Wo sind denn in diesem Momentum irgendwelche Unterschiede? Sie sind überhaupt nicht zu finden!

Eugen Herrigel zitiert seinen japanischen Lehrer in dem berühmten Buch, ZEN in der Kunst des Bogenschießen,: "Soeben hat ES geschossen". Und weiter, dass er dann seinen Bogen-Lehrer fassungslos anstarrte: "Als ich endlich begriffen hatte, was er meinte, konnte ich die jäh aufbrechende Freude darüber nicht unterdrücken". Warum sollte er denn auch die Freude und deren wunderbare Kraft unterdrücken?

Hättest Du gedacht, dass sich so etwas durch Bogenschießen ereignet? Man kann es wirklich erleben, auch sonst im Leben.




[1]Onuma, Hedeharu: Kyudo The Essence and Practice of Japanese Archery, S. 76 ff.

Mittwoch, 20. November 2019

Neues Buch: Sternstunden des Buddhismus Band 2


Liebe Freundinnen und Freunde des Buddhismus,

nun kann ich den zweiten Band meines Titels "Sternstunden des Buddhismus" vorlegen. Es geht um die zentralen Aussagen des frühen unverfälschten Buddhismus von Gautama selbst, um die genialen Meister Indiens Nagarjuna und des Zen-Buddhismus, Dogen. Viele Jahre konnte ich mit meinem hochverehrten Lehrer Nishijima Roshi zusammen daran arbeiten, sicher einer der größten Zen-Meister des zwanzigsten Jahrhunderts. Die ganz neue Übersetzung des Mittleren Weges (MMK) aus dem Sanskrit haben die Indologin Elisabeth Steinbrückner und ich erarbeitet.

Bei diesen äußerst wertvollen Texten habe ich mich um größtmögliche Verlässlichkeit und Verständlichkeit der Übersetzung ins Deutsche bemüht. Diese Basis-Werke sind weltweit unbestritten die maßgeblichen Fundamente für die weitere Verbreitung des Buddhismus.

Kurz zum Inhalt: Die Transformation des Menschen auf dem Buddha-Weg, die Dynamik des Handelns und der klaren Wahrnehmung sowie das Gleichnis vom Feuer und der Ablauf unseres Lebens. Und weiter: Wahre Überwindung des Leidens, unsere formenden Kräfte, die Leerheit, die wirkliche Wirklichkeit, Bindung und Befreiung des Menschen und schließlich Karma und Verantwortung in einem gelungenem Leben


Nun wünsche ich Ihnen viel Freude und tiefe buddhistische Weisheits-Erlebnisse, wenn Sie zu diesem Buch greifen. Die bewährte Lehre des Buddhismus ist wichtiger denn je in unserer Welt, in der Stress stark zugenommen hat. Und mit Buddhismus können wir den Stress effektiv abbauen: daher ist dieses Buch vielleicht auch ein Geschenk zu Weihnachten.

Mit herzlichen Grüßen
Yudo J. Seggelke


Dienstag, 12. November 2019

Die Angst-Augen der Osterinsel: Ökologische Katastrophe versus Zen


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Die weit aufgerissene Augen der riesigen menschlichen Steinfiguren auf der einsamen Osterinsel sind Angst-Augen. Überall auf der Welt erzeugen die Augen Angst, wenn das Weiße rund um das Dunkle zu sehen ist. Wovor hatten die Einwohner dieser einst so blühenden Insel Angst und Panik? Die Figuren starren die Bewohner an und wenden Ihren Rücken der See zu, von der ihre Vorfahren vor etwa eintausend Jahren kamen. Was ist das furchtbare Geheimnis dieser Angst-Augen? ?

Neue Forschungen beweisen, dass die Insel durch See fahrende Polynesier besiedelt wurden. Wegen der guten Fruchtbarkeit der Böden, dem Fisch-Reichtum und der großen üppigen Wälder vermehrte sich die Bevölkerung in den folgenden Jahrhunderten auf fast zwanzig Tausend Einwohner.

Als Kapitän James Cook jedoch im Jahre 1774 dort landete, schrieb er in sein Logbuch, dass er noch nie so elende Menschen gesehen habe. Hier hatte sich eine furchtbare ökologische und menschliche Tragödie bis zur der Ankunft der Europäer ereignet. Cook schreibt:

"Die Natur hat diese Insel kaum mit irgendetwas ausgestattet, was für den Menschen zu essen oder zu trinken gut sein könnte". 

Die Wälder wurden abgeholzt und der Boden ausgebeutet. Der dauernde Wind erodierte den Boden immer mehr. Um überirdische Kräfte für die Hilfe der Menschen zu aktivieren, wurden in größter Not und mit gewaltigem Aufwand die riesigen Stein-Figuren erarbeitet und über viele Kilometer an die Küste transportiert. Für den weiten und schwierigen Transport der Tonnen-schweren Figuren wurde sehr viel Holz verbraucht. Aber geholfen hat es nicht. Durch grausame Bürgerkriege und den Zerfall der Gesellschaft wurde die Bevölkerung drastisch dezimiert, vermutlich etwa auf ein Zehntel in der Blütezeit der Insel. Die Nahrungsmittel waren viel zu knapp und ohne Holz gab es keine Kanus für den Fischfang. Es ist nachgewiesen, dass die Menschen sogar zu Kannibalen wurden.

Wie die Gehirnforschung nachgewiesen hat, vermindert andauernde Angst die menschliche Vernunft, Empathie, Planungs-Kapazität, Moral, soziale Intelligenz und Kreativität ganz erheblich. Das wird im Gehirn maßgeblich durch die Aktivierung des sog. Mandelkerns bewirkt. Die Menschen vegetieren dann meist in einem primitiven "Tier-Modus", den es nicht einmal bei Tieren gibt. Und genau das passt zu den Angst-Augen. Die ökologische Katastrophe und der Angst-Modus führten dann zum unaufhörlichen Niedergang der Gesellschaft.

Wie könnte nun der Zen-Buddhismus den Niedergang verhindern und den Menschen ein gutes Leben ermöglichen?

Die Zen-Meditation vermindert Stress und Angst ganz wesentlich. Das gemeinsame stressfreie Handeln im Hier und Jetzt, Flow, verbessert den Ertrag an Nahrungsmitteln nachhaltig und zum Segen der Menschen. Besonders wichtig ist der sorgsame und schonende Umgang mit der Natur, hier also das Gleichgewicht von Wald, Anbaufläche und Düngung. Vor allem brauchen die Menschen in Notsituationen Klarheit, um die wirklichen Probleme klar zu erkennen und sie brauchen Kreativität, um diese Probleme wirklich längerfristig zu lösen und so den Alltag gut zu gestalten. Dabei sind besonders die Veränderungen und deren Verursachungen und Vernetzungen wichtig. Also: Welche negativen und dramatischen Veränderungen folgten aus dem Abholzen des Waldes für die Nahrungsmittel der Osterinsel? Außerdem geht es um das Gleichgewicht, die Wechselwirkung und Verstärkung von spirituellem und praktischem Handeln. Beides ist überhaupt kein Gegensatz.

Buddha nannte das: "Gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung": daher geht es je nach der konkreten Situation um aktives Gestalten oder kluges Geschehen-Lassen bei guter sozialer Vernetzung. Also das Heilsame aktiv gestalten und das Unheilsame unterlassen. Dogmatische Extreme führen ins Unglück und Leiden, richtig ist dagegen der Mittlere Weg. Das Drama auf der Osterinsel hat sich besonders durch den Niedergang der Ethik und den Zerfall der menschlichen Ordnung immer mehr beschleunigt: bis zum Kannibalismus. Weder Angst, Dogmatismus, Leichtsinn noch Hass und Gier konnten von den Menschen gesteuert und kontrolliert werden.

Machen wir es besser mit unseren Planeten Erde! Von Außer-Irdischen werden wir keine Hilfe bekommen. Wir müssen selbst achtsam sein, vernünftig denken und planen, nachhaltig mit unseren begrenzten Ressourcen umgehen und tatkräftig gemeinsam handeln.


Freitag, 1. November 2019

Buddha und der Kampf-Modus auf den Straßen


Ein Mitarbeiter des "Gelber Engels" beklagt seit 2014 zunehmend bei Pannen und Unfällen: "Eine solche Härte habe ich noch nie erlebt". Wie kann man mit solcher menschlichen Härte und Unduldsamkeit gegenüber den wahren Helfern umgehen?

Der ADAC bietet daher bestimmte Kurse für Konflikte im Straßenverkehr an. Was wird dort gelernt? Aktives Zuhören, Empathie, De-Eskalations-Techniken in der Kommunikation und die Besänftigung verärgerter Mitglieder. Und offensichtlich besonders wichtig: Souveräner Umgang mit einem Senior, der meint alles bereits zu wissen. Oder muss man sagen "Alles besser zu wissen als die gelben Engel" und dadurch in Wirklichkeit die effiziente Hilfe massiv behindert?

Viele Autofahrer sind im "Kampfpilot-Modus" unterwegs, so der ADAC. Aber irgendwann kommt gegenüber den Helfern dann doch der Satz: "Wissen Sie, das geht gar nicht gegen Sie..."

Was ist nun der Kampf-Modus? Das sind Verhaltensweisen, bei denen das aufgebrachte Ich, also der aggressive Ego-Modus, die alleinige Herrschaft über den Menschen hat. Dann sind Vernunft und Ethik in unserem Geist und unsere Psyche tatsächlich abgeschaltet, die Vernunft ist tatsächlich offline. Dieses Abschalten kann nach der heutigen Gehirnforschung einfach erklärt werden: Die Gehirn-Module der Steuerung von Vernunft, Planung und Ethik werden abgeschaltet und es wird Adrenalin ins Blut ausgeschüttet. Es dauert übrigens mindestens 10 bis 15 Minuten, bis das Adrenalin abgebaut ist. Erst dann können unser Vernunfts-Module im Gehirn wieder normal arbeiten und sie sind online. Erst dann sind Freundlichkeit und Empathie wieder im neuronalen Netz online zugeschaltet und kommen zum Zuge. Solange sollte man also warten.

Dieser Kampf-Modus war in den Frühzeiten der Menschheit (vor 1,5 Mill. Jahren !) bei sehr großen Gefahren und  bei Todesangst existentiell für das eigene Überleben. Er wird heute immer noch fälschlich als Helden-Modus besungen, aber das ist ein fast tragischer Irrtum. Vereinfacht gesagt: Wer im Kampf-Modus ist, handelt im aggressiven  Tier-Modus!

Also besonders wichtig: Gelassen bleiben und nicht selbst in den ungesteuerten Kampf-modus verfallen, auch nicht bei Beleidigungen und Aggressionen des anderen. Sie sagen sicher: Leichter gesagt als getan.

Dabei hat sich Buddhas zentrale Weisheit bewährt: Der Mittlere Weg und die Gelassenheit sind für das Zusammenleben und zum Wohlbefinden von zentraler Bedeutung. In den Grundlagen der Achtsamkeit sagt Buddha weiter: Ärger und Hass sind keine ewigen Phänomene, sie entstehen, dauern eine Weile an und vergehen dann wieder. Durch Meditation lernen wir, dass Ärger und Hass seltener entstehen und schneller wieder vergehen. Und den Kampfmodus braucht man in der heutigen Gesellschaft wirklich sehr selten. Dieser Modus ist im Straßenverkehr völlig sinnlos. Nutzen Sie den kontrollierten Kampfmodus lieber politisch für den Schutz unserer Natur und einer menschen-freundlichen Umwelt.

Der Kampfmodus ist nicht die wahre Natur des Menschen, sondern eine Konstruktion des Geistes und der Psyche, die heute auf der Straße gar nichts bringt und sogar gefährlich ist. Wie Buddha sagt: Er entspricht nicht der wahren Natur des Menschen. Denn der Mensch ist das sozialste aller Lebewesen auf diesem schönen Planeten.

Es fragt sich, welches Ich eigentlich verletzt und beleidigt wird? Ist es vielleicht ein Konstrukt ohne positive Wirksamkeit und nicht real? Ein solches absolutes Ich gibt es nach Buddha in der Wirklichkeit nicht. Die Beleidigungen und verbale Verletzungen des fiktiven Ichs, das nicht wirklich existiert, gehen also voll ins Leere. Die Aggressionen treffen in Wirklichkeit überhaupt Nichts, sie sind Schattenboxen und treffen Luftlöcher. Die Realität des Menschen besteht nach Buddha aus den fünf Komponenten des Menschen, den Skandhas, die in Wechselwirkung mit einander funktionieren. Aber es gibt keinen zentralen Ich-Kern, der Zielscheibe der Aggressionen und Beleidigungen sein könnte. Das ist die Leerheit des Ich-Kerns, nicht mehr und nicht weniger. Diese tiefe Wahrheit ist bei Aggressionen im Straßenverkehr besonders nützlich. Was ist der Kampfmodus? Ein Kampf gegen etwas, das es nicht existiert, das leer von der Fiktion einem solche Ich-Kerns ist.

Damit ergibt sich eine erstaunliche Tatsache: Ohne diesen Kampf-Modus ist unser Gehirn und unser Geist voll funktionsfähig. Dagegen ist ein ganz wichtiger Teil des Gehirns in diesem Kampf-Modus  abgeschaltet und  dadurch kann unser Geist gar nicht richtig funktionieren. In Buddhas Sprache heißt das: Wenn der Geist leer und ohne diesen Kampfmodus ist, handel der Mensch natürlich, im Gleichgewicht und mit voller Leistung. Damit ist die buddhistische Leerheit gut beschrieben. Oder vereinfacht: Ohne diesen Kampf-Modus kann sich wirklich die Erleuchtung des gesamten Körper-und-Geistes ereignen. Genau im Jetzt!

Wenn Sie also im Kampf-Modus angegriffen werden, reagieren Sie bitte nicht mit Ihrem eigenen Ich-Modus eines fiktiven Ego. Eine solches Ego und einen solchen Âtman gibt es gar nicht. So entgehen Sie der Ego-Falle. Denn der Ich-Âtman ist leer wie der Kampf-Modus: Sie können aber im Gleichgewicht und in Ihrer Mitte bleiben und ersparen sich dauernden Stress, viel Ärger und ungebremste Wut, die Ihnen selbst am meisten schaden. Wem denn sonst?

Dadurch stärken Sie gleichzeitig Ihr Immun-System, haben mehr Lebens-Power, Freude und sind weniger krank!


Freitag, 25. Oktober 2019

Meditation: Sei vertraut mit dir selbst!





Meister Deshimaru sagt zum Zazen:
“Zazen-Praxis ist der Prozess des mit sich selbst Vertraut-Werdens. Man schaut nicht außerhalb seiner selbst. Beim Zazen ist es notwendig, dass Sie sich auf Ihre Haltung konzentrieren; Sie müssen jedoch den Körper nicht vergessen.“

Der Zen-Buddhismus lehrt uns in Theorie und Praxis, wie wir zur Wirklichkeit und Wahrheit selbst gelangen und damit ein freies, friedliches Leben voller Klarheit und Freude führen können. Dabei ist die Zazen-Praxis oder, wie es im Indischen heißt, der Samadhi, der Kern der Übung. Beim Zazen werden Gedanken, Bilder und Emotionen zum Verschwinden gebracht, so dass der gewöhnliche meist hektische und gestresste Alltagsgeist überschritten wird. Wir befreien den wahren Körper-und-Geist vor allem von quälenden und einengenden Vorstellungen. Und wir erlernen dabei fast von selbst eine wirkungsvolle Selbst-Steuerung und Selbst-Kontrolle, die wir so dringend benötigen

Der große Zen-Meister der Neuzeit, Kodo Sawaki, sagt: „Alle klagen, so beschäftigt zu sein, dass sie keine Zeit mehr haben. Warum sind sie so beschäftigt? Es sind bloß ihre Illusionen, die sie beschäftigt halten. Wer Zazen übt, hat dagegen Zeit.“
Das wahre Selbst, das sich uns durch diese Übungspraxis intuitiv und ganzheitlich eröffnet, hat also den Bereich der kleinliche Unterscheidung von Ich und Du, von Ich und Welt, von Subjekt und Objekt verlassen und überwunden. Und er gewinnt buddhistische Automonie: "Wir haften an nichts in der Welt", wie Buddha sagt


Dôgen sagt in der kräftigen Sprache eines Dichters zum Zazen:
„Mit einem Mal überschreiten Millionen Dinge und Phänomene der Welt die Grenzen der verengten Erfahrung und Erkenntnis. Wir sitzen aufrecht wie der König (Gautama Buddha) unter dem Bodhi-Baum und drehen in einem Augenblick das große Dharma-Rad, das in seiner vollkommenen Ausgewogenheit nicht Seinesgleichen hat. Die Menschen verströmen den höchsten, natürlichen und tiefgründig-einfachen Zustand des Prajñā (der umfassende Weisheit).“

Wer im Zazen sitzt, erfährt intuitiv und ganzheitlich, dass er den Körper und den denkenden Geist, fallen lässt und die festgefahrenen Ansichten, rotierende Gedanken und aufwühlende Gefühle jäh abschüttelt. Er schüttelt auch und gerade das kleine, ängstliche oder aggressive Ich ab. Dies ist nach Meister Nishijima die erste Erleuchtung und bereits die tatsächliche Erfahrung, ein Buddha zu sein. Die erste Erleuchtung ist kein willentliches Tun, nicht das Erreichen eines vorgestellten Ziels, denn gerade dadurch würde das wahre Handeln des Zazen unmöglich, es würde verhindert. Die erste Erleuchtung ereignet sich natürlich. Es ist wichtig, regelmäßig zu praktizieren, besonders wenn man nicht gut drauf ist, wenn es uns also schlecht geht! Das kann ich voll und ganz bestätige, aus langer Erfahrung in meinem Leben.

Was die erste Erleuchtung ist, können wir uns vorher nicht theoretisch ausdenken. Ganz einfach: Tut es einfach, just do it. Von zentraler  Bedeutung sind allerdings der feste und klare Wille zur Wahrheit und das tiefe Vertrauen darauf, dass die Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens und der Welt unser Leiden überwindet und auflöst. Und diese Vertrauen bewahrheitet sich wirklich. Es ist auch Teil des Achtfachen Pfades von Gautama Buddha. Wenn der Wille zur Wahrheit den Menschen auf den Buddha-Weg geführt hat und Zazen praktiziert, ereignet sich die erste Erleuchtung unmittelbar, und dann verschwinden die Gedanken des gewöhnlichen Verstandes und die von Gier gesteuerten Emotionen und Ängste. Damit verflüchtigen sich quälende Zwangsvorstellungen und Zwangsbilder und wir gelangen zur Freiheit.

Ich möchte es für unsere von medialen Informationen und Fake News schwer gezeichnete Welt radikaler ausdrücken: Ohne Meditation können wir heute kaum ausgeglichen und weitgehend stressfrei leben. Zazen ermöglicht gerade unser modernes natürliches Leben. Ohne Zazen wird es verdammt schwierig für uns.

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Meditation, die kosmische Energie des wahren Selbst



Zen-Meister Deshimaru sagt zur Zen-Meditation:[1]

"Das Ich verschwindet, wenn es dem Kosmos folgt, der Kosmos zerfällt wenn er dem Ich folgt. Wenn wir uns (beim Zazen) auf unsere Haltung und die Atmung konzentrieren, können wir unser Bewusstsein, das Bewusstsein unseres kleinen Ichs, aufgeben Das bringt uns in Übereinstimmung mit der kosmischen Ordnung. So vollzieht sich die Harmonisierung von Ich und Kosmos außerhalb des bewussten Willens" Ein kosmisches Zen sollte als Buddha-Zen bezeichnet werden."

Nach meiner Erfahrung aus vielen Jahrzehnte der Meditation mit der Methode des Zazen und deren positiver langfristiger Wirkung, kann ich Zazen nur als natürliches Wunder bezeichnen. Deshimaru spricht vom kosmischen Zen.

Und dieses natürliche Wunder ist tatsächlich Realität, also keine Selbst-Täuschung und keine Illusion. Es ist ein Wunder der Verwirklichung des wahren Selbst von Körper-Gefühlen-und-Geist. In einer Zeit zunehmender Aggression, zunehmenden Frust und dauerndem Stress kann man wirklich auf diese Meditation bauen. Zazen ist heute mehr de je wichtig zum Überleben!

Zen-Meister Dogen beschreibt die Eckpunkte des Zazen im ersten Kapitel der Suche nach der Wahrheit, Bendōwa, seines großen Werkes Shobogenzo und vertieft diese Thema im weiteren Teile seines Werkes[2]. Er hatte Zazen erst in China kennengelernt und geübt und dadurch das große Wunder der Erleuchtung selbst erfahren. Das wurde von seinem Meister offiziell bestätigt. Dieses erste Kapitel haben als mit "Suche nach der Wahrheit" bezeichnet, und zwar nicht nach einer abstrakten und abgehobenen intellektueller Wahrheit, sondern nach der Wahrheit unseres eigenen ganz konkreten Lebens

Dieses erste Kapitel beinhaltet ein Gespräch über die Praxis des Zazen, die ganz wesentlich für den Weg des Buddha-Dharma zur Befreiung von geistigen und körperlichen Verkrampfungen und zum Erwachen ist. Es steht am Anfang des vierbändigen Werkes Shōbōgenzō, das aus 95 Kapiteln besteht. Dôgen hat dieses Aussagen nicht zufällig an den Anfang seines umfassenden Werkes des Zen-Buddhismus gestellt

Die Praxis des Zazen ist nach Dōgen das „Tor des Friedens und der Freude zum Dharma“ und löst Hindernisse und Blockaden des Denkens und Fühlens auf. Körper und Geist sind in unserem normalen, ungeschulten Bewusstsein eng mit der Vorstellung und Fixierung auf ein Ich verbunden. Diese Ich fühlt sich mehr den je bedroht, es ist auf sich selbst konzentriert und will meist irgendetwas unbedingt haben oder abwehren. Das sind im Buddhismus Gier und Hass, zwei von den drei Giften des Lebens. Und heute gibt es die Epidemie der digitale Informations-Sucht, die den Menschen zum Zombie macht. Zazen kann uns zurück zum Gleichgewicht, zur Ruhe und zum Selbstvertrauen bringen. Es ist eine sehr wirkungsvolle Methode. Der Lehre Buddhas zufolge liegen in der Sucht und Gier viele Ursachen für das Leiden des Geistes der Psyche und  Körpers.






[1] Shinjinmei, Meister Sôsan, übersetzt von Taisen Deshimaru-Rôshi, S. 101, Kristkeitz Verlag
[2] Shobogenzo, Die Schatzkammer des wahren Dharmaauges, deutsche Fassung, , Kristkeitz Verlag, S. 27 ff.

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Mit Achtsamkeit gegen Anhaftung



Achtsamkeit ist heute in aller Munde. Daher lohnt es sich, die authentischen Aussagen Buddhas zu befragen. Im Sutta "Grundlagen der Achtsamkeit" fasst er in erstaunlich kurzer Form ganz Fundamentales zusammen:

„Ein Körper ist da, so ist seine Achtsamkeit gegenwärtig. Soweit es eben dem Wissen dient, soweit es der Achtsamkeit dient. Unabhängig lebt er und haftet an nichts in der Welt.“[i]

Achtsamkeit ist die genaue unverstellte Selbstbeobachtung von Körper, Gefühlen, Geist und geistigen Gegebenheiten, also den Dingen und Phänomenen. Achtsamkeit ist wie ein Kompass zur eigenen Befreiung, denn die allgemeinen buddhistischen Wahrheiten sind Hilfen und ersetzen nicht den eigenen Weg der Befreiung. Das gilt für alles Gesagte und Geschriebene, also gerade wenn die Lehren von anderen übermittelt. werden. Wer nicht versucht, sich selbst unverzerrt genau zu beobachtet, kann seine eigene Befreiung nicht erkennen und schon gar nicht steuern. Achtsamkeit erfordert daher auch Mut, die eigener Baustellen und Unwahrheiten möglichst genau zu sehen. Und jeder hat ja solche eigenen Baustellen. Denn:

Reden ist Silber, Handeln ist Gold!

 Das gilt im Buddhismus für alle Lebensbereiche, denn Erbauung, Empörung oder Resignation reichen nicht. Das ist zu wenig. Wenn nach Buddha ein Mönch oder ein anderer Mensch die Achtsamkeit in der Gegenwart, also im Augenblick, übt und praktiziert, dient dies dem Wissen über seine eigene Wahrheit. Damit ist auch gemeint, dass scheinbar wunderbare Spekulationen und Illusionen für den Befreiungsweg wenig sinnvoll und hilfreich sind.

Beim Wissen geht es darum, wie wir Erleuchtung erlangen und unser eigenes individuelles Leiden überwinden und nicht um intellektuelles Wissen und auswendig Gelerntes.

Außerdem heißt es, dass alles der Achtsamkeit selbst dienen soll, indem wir uns klar machen, dass „ein Körper da ist“, wir also eine möglichst unverzerrte und direkte Verbindung zur Wirklichkeit des Körpers haben. Das gilt, ob wir diese Wirklichkeit nun absolut vollständig erfassen können, was ich persönlich nicht für möglich halte, oder nicht. Aber wir können so das Wissen der Wirklichkeit zur eigenen Befreiung und Weiterentwicklung verlässlich aufbauen und vervollständigen. Dabei hilft uns der Buddhismus.

Der zentrale Satz im Zitat lautet
„Unabhängig lebt er und haftet an nichts in der Welt.“

Damit ist unsere Entwicklung präzise charakterisiert: Wie nämlich jeder Mensch die Abhängigkeiten, und Fixierungen, das Übelwollen, Suchtverhalten, die Gier, den Hass und Neid erkennt und überwindet. Er kommt damit auf den Mittleren Weg zur Befreiung und zu einem zufriedenen Leben, in dem er seine nahezu unerschöpflichen Möglichkeiten erkennt und seine Potenziale entwickelt. Das beweist auch die moderne Gehirnforschung und Neuro-Wissenschaft. Also: ohne Achtsamkeit und Selbst-Beobachtung keine Lebensfreude und Entwicklung.




[i] Gäng, Peter: Medeitationstexte des Pali-Buddhismus, Bd. I

Samstag, 28. September 2019

Handeln im Jetzt: Klarheit, Power und Entscheidungskraft

(Von Zen-Meister G. W. Nishijima)


Große Erfahrungen und überhaupt das wahre Erleben im Hier und Jetzt finden genau im gegenwärtigen Augenblick statt. Dies hat im Buddha-Dharma eine sehr große Bedeutung, weil wir im gegenwärtigen Augenblick die Wirklichkeit und die Wahrheit selbst erleben und erfahren. Auch das Handeln findet im gegenwärtigen Augenblick statt. Wann denn sonst? Können Sie in der Vergangenheit oder in der Zukunft real handeln?? Sicher nicht. Und so ist es auch ganzheitlich in unserem Leben. Die Augenblicklichkeit des Lebens und des Universums stehen in der Lehre und in der Praxis des Buddhismus im Mittelpunkt. Das Handeln im Augenblick bei der Zazen-Praxis ist mit der ersten Erleuchtung identisch und bedeutet, dass wir den Bodhi-Geist[i] erwecken.

Dōgen sagt hierzu:
„Wer auf des Tathagatas (Buddhas) Schatzkammer des wahren Dharma-Auges und den wunderbaren Geist des Nirvana vertraut, glaubt auch an den Grundsatz der Augenblicklichkeit des Erscheinens und Vergehens aller Dinge.“

Eine solche intuitive Weisheit und Klarsicht übersteigt bei Weitem das übliche verstandesmäßige Denken und intellektuelle Ideen, seien sie auch noch so anspruchsvoll, komplex und scharfsinnig. Diese intuitive Weisheit und die volle Gegenwart und Freiheit des Handelns werden im Buddhismus gelehrt und praktiziert. Dann können wir sagen, dass es uns dann wie „Schuppen von den Augen fällt“ und wir im Einklang mit der Welt und dem Universum handeln und leben.

Wir können uns dann selbst erkennen, wie wir wirklich sind und werden. Dann handeln wir ohne Zögern und Hemmnisse unmittelbar, ethisch richtig und entschieden, so wie es die Situation gerade erfordert.

Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, ist die westliche europäische Philosophie am Endpunkt der alten Kontroverse von Idealismus und Materialismus angelangt und sucht nach neuen Wegen, die nach meinem Verständnis von den großen Meistern des Buddhismus bereits gegangen worden sind. Beispielhaft (für das westliche Verständnis) möchte ich  das Werk des deutschen Philosophen Martin Heidegger „Sein und Zeit“ nennen. Das Handeln im gegenwärtigen Augenblick ist demgegenüber zugleich die Wahrheit und Wirklichkeit, es vollzieht sich hier und jetzt. E

Handeln und Tun ereignen sich in der Ganzheit von Subjekt und Objekt sowie von Körper und Geist. Dadurch werden wir frei und haben ein erfülltes und freudiges Leben. Dies ist die Überwindung des Leidens.

Es ist sicher unbestritten, dass Ethik und Moral im Buddhismus von fundamentaler Bedeutung sind und dass vor allem die Übereinstimmung von Reden, Denken und Handeln gelehrt und erlernt wird.[ii] Hierbei ist die Praxis des Zazen genauso wichtig wie das alltägliche Handeln (Flow) auf dem Buddha-Weg. Aber auch die buddhistische Lehre, die im Shōbōgenzō von Meister Dōgen formuliert wurde, ist unverzichtbar.

Zazen ist die reinste Form des Handelns, und indem wir physisch im halben oder ganzen Lotossitz mit aufrechter Wirbelsäule sitzen, kommt das vegetative Nervensystem automatisch ins Gleichgewicht und zur Ruhe. Dieses geistige und körperliche Gleichgewicht gibt uns Kraft und Gelassenheit, es macht uns handlungsfähig und gesund. Es übersteigt das verstandesmäßige Denken oder die irritierenden Gefühle sowie die Genusssucht. Dieses Gleichgewicht ermöglicht intuitive Klarheit, Weisheit und Entscheidungskraft. Der Buddhismus ist die Verbindung von Lehre und Praxis, und er umfasst das ganze menschliche Leben und Universum




[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 3, S. 312ff.
[ii] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 121ff.

Dienstag, 17. September 2019

Ursachen auf unserem Weg zum Glück und Klima geht uns alle an


(Von G. W. Nishijima, aus meinem Buch "Sternstunden des Buddhismus")




Das Gesetz von Ursache und Wirkung hat im Buddhismus eine zentrale Bedeutung für uns selbst und für andere. Und auch Zen-Meister Dōgen bekennt sich zu dieser Wahrheit. In dem Shōbōgenzō-Kapitel „Tiefes Vertrauen in das Gesetz von Ursache und Wirkung“ kommt dies in aller Klarheit zum Ausdruck.[i]

Diese fundamentale Gesetz legt den Schwerpunkt auf die Verantwortung für das eigene Handeln. Es betrifft zunächst die Lebensphilosophie des Materiellen und der Naturwissenschaft, die im Buddha-Dharma als Teilwirklichkeit geschätzt und anerkannt wird. Auch Meister Dōgen beschreibt in verschiedenen Kapiteln die physische Welt und, wie wir heute sagen würden, die Gesetze der Naturwissenschaft. Der große Wissenszuwachs der modernen Zeit ist ja nicht zuletzt in diesem Bereich entstanden und steht keinesfalls im Gegensatz zur buddhistischen Lehre.
Besonders deutlich wird dies in den Kapiteln des Shōbōgenzō „Das verwirklichte Leben und Universum“, „Das ganze Universum ist eine leuchtende Perle“[ii] und „Die Stimmen des Tales und die Form der Berge“[iii].



Das Gesetz von Ursache und Wirkung gilt im Buddha-Dharma jedoch auch für geistige und emotionale Zusammenhänge und nicht zuletzt für die Ethik und Moral des menschlichen Lebens. Es besagt, dass moralisch schlechte Taten unweigerlich auf den Urheber zurückschlagen, und zwar nach meiner festen Überzeugung noch in diesem Leben. Umgekehrt gilt dies auch für ethisch gutes Handeln, denn uns selbst kommt der „Nutzen“ daraus zugute und wir entkommen dem Leiden.

Das Gesetz von Ursache und Wirkung erklärt die Zusammenhänge im Zeitablauf oder, wie wir sagen, mit dem Verständnis der linearen Zeit. Dies wird auch von Meister Dōgen im Shōbōgenzō beschrieben. Aus dem Gesetz von Ursache und Wirkung gibt es keine Ausnahme. Es macht großen Sinn, wenn wir uns allem die positiven Wirkungen unserer guten Taten für andere Menschen klar zu machen und danach zu handeln. Und beim Handeln sind wir unmittelbar im Augenblick, hier und jetzt.

Yudos Kommentar: "Unser Glück und ein sinnvolles Leben haben wir zu großen Teilen in der Hand. Probleme wird es im immer wieder Leben geben. Aber wie wir unnötiges Leiden vermeiden, das können wir selbst steuern. Und dann verschwinden viele Probleme und deren Leiden. Buddha lehrt heilsames Denken, Handeln und Fühlen zu entwickeln und unheilsames zu vermindern oder besser ganz zu vermeiden. Damit wir das können, brauchen wir Klarheit und Erfahrungen, um das Heilsame entstehen zu lassen und das Unheilsame auszuschalten. Wir dürfen uns nicht von Gier steuern lassen. Deshalb sind die Ursachen für unser Handeln, Denken und Fühlen so außerordentlich wichtig!

Und weiter zur fatalen Schädigung der natürlichen Umwelt-Systeme und der verantwortungslosen Umwelt-Kriminalität: Wichtig ist die Vermeidung. Das Verursacher-Prinzip muss außerdem die Grundlage der Umweltpolitik sein. Die Jugend hat recht: Wer die Umwelt schädigt, muss zur Verantwortung gezogen werden, muss die Schädigung beenden und den Schaden wieder gut machen. Zum Beispiel der unglaubliche  Abgas-Betrug der Autoindustrie, alle haben dabei verloren. Für solche Ziele des Umweltschutzes habe ich fast 30 Jahre gearbeitet. Klima geht uns alle an und Mut zum Umweltschutz: machen Sie mit!"







[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 4, S. 237ff.
[ii] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 62ff.
[iii] ebd., S. 108ff.

Montag, 9. September 2019

Der Schlüssel zu Dogens Meister-Werk Shobogenzo


(Von G. W. Nishijima, aus "Sternstunden des Buddhismus")



"Wir haben einen Schlüssel, um Meister Dōgens Shōbōgenzō wirklich zu verstehen und nicht an scheinbaren Widersprüchen und Paradoxien zu verzweifeln. Dieser Schlüssel erschließt besser den großen Wert dieses Werkes. Ich habe ihn im Laufe meines langen Lebens entwickelt und immer mehr verfeinert. Es handelt sich dabei um die umfassende Lehre der sogenannten vier Sichtweisen oder Lebensphilosophien, die Meister Dōgen in dem Kapitel „Das verwirklichte Leben und Universum“ (Genjō-kōan) beschreibt.[i]

Die volle Wirklichkeit des Lebens und der Welt sind danach weder durch den intellektuellen Verstand noch durch die sinnliche Wahrnehmung allein ganz und vollständig zu erfassen. Denn beide ermöglichen nur Teilsichten und Teilwahrheiten, die durch ihre Einseitigkeit als umfassende Philosophien letztlich für das praktische Leben ungeeignet sind. Sie führen daher zwangsläufig zu verschiedenen Formen des Leidens führen.

Die beiden ersten Lebensphilosophien sind die im Westen vorherrschenden Lehren des Idealismus und Materialismus, des Denkens und der Materie. Gautama Buddha und Meister Dōgen zufolge muss als dritter Bereich das Handeln und Erfahren im gegenwärtigen Augenblick, also im Hier und Jetzt, hinzukommen. Dann können wir die enge Perspektive des Subjekts überschreiten und uns dadurch wesentlich befreien. Bei der Zazen-Praxis und im Alltag eröffnet sich durch das direkte Handeln im Hier und Jetzt eine neue Wirklichkeit, die zum Kern der buddhistischen Lehre gehört.

Die vierte umfassende Lebensphilosophie des Buddhismus ist das Erwachen oder die Erleuchtung, also die Befreiung. Sie enthält integrierend auch die drei ersten genannten Teilbereiche. Das Erwachen geht aber über diese Bereiche hinaus und bildet den „Schlussstein“ des buddhistischen Lehrgebäudes und der Praxis. Wenn die umfassende buddhistische Lehre im Einklang mit der Zazen-Praxis und dem täglichen Handeln steht, nenne ich das die zweite Erleuchtung. Meister Dōgen formuliert dies im Kapitel Genjō-kōan wie folgt:

„Selbst wenn dies alles so ist, fallen die Blüten, während sie geliebt werden, und wuchert das Unkraut, während es nicht geliebt wird.“[ii]


Siehst Du die dritte Katze? Anklicken: Was sie wohl meint.

Damit will er sagen, dass wir über unsere kleinen Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Erwartungen, an die wir uns klammern, hinausgehen müssen. Wir müssen sie als solche erkennen und ihnen die einengende Kraft nehmen, um zur Wahrheit des Buddha-Dharma und des Lebens zu gelangen. Denn diese wirkliche Welt ist so, wie sie ist: rein, ohne Bedauern, kraftvoll und voller Dynamik. Warum sollten wir ihr entfliehen? Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit den vier Lebensphilosophien den Schlüssel für die Lehren Gautama Buddhas und Meister Dōgens in der Hand halten und das großartige Werk Shōbōgenzō damit erschließen können."





[i] Sternstunden des Buddhismus, S. 57ff.
[ii] ebd., S. 311ff.

Samstag, 17. August 2019

Die Erste Erleuchtung im ZEN


(Von G. W. Nishijima)
Aus meinem Buch: "Stern-Stunden des Buddhismus"


"Durch das Sitzen werden Gleichgewicht und Harmonie ermöglicht, von denen wir heute wissen, dass sie die Balance des vegetativen Nervensystems ausmachen. Diese Zazen-Praxis bezeichne ich als die erste Erleuchtung, wenn sie sich verwirklicht.

Sie kann aber nicht auftreten, wenn sich intellektuelle oder andere unruhige Gedanken im Gehirn festsetzen, wenn Gefühle vorherrschen, wenn verzerrte Wahrnehmung dominiert oder man gierig nach irgendetwas verlangt, zum Beispiel auch nach der großen eigenen Erleuchtung. Besonders schädlich sind die Gier nach Ruhm, Ansehen, eigener Wichtigkeit, Macht oder Profit und der damit verbundene Stolz.

Daher ist es so wesentlich, durch Shikantaza ("Nichts-als-Sitzen") nicht unbedingt irgendein „großartiges“ Ergebnis wie die Erleuchtung erlangen zu wollen und sich nicht auf irgendetwas Spezielles zu konzentrieren. Besonders starke Affekte verhindern das "Nichts-als-Sitzen". Vielmehr kommt es darauf an, die richtige körperliche Haltung einzunehmen und das Sitzen als Handeln zu verwirklichen. Nur dann wird sich die erste Erleuchtung bei der Zazen-Praxis wie von selbst ereignen.

Gautama Buddha hatte im damaligen Indien zunächst versucht, durch die bekannten Formen der Meditation und geistigen Konzentration sowie durch extreme Übungen der Askese die Befreiung und das Erwachen zu erlangen und war dabei gescheitert. Die damals in Indien gelehrte Philosophie des Idealismus, bei dem Gedanken, Ideen, Vorstellungen und Ideale vorherrschend waren, hatte nicht zum ersehnten Erwachen geführt. Aber auch die materielle Lebensphilosophie, die behauptet, allein die Wahrnehmung, Beobachtung und der sinnliche Genuss seien wirklich, hatte sich für ihn als Sackgasse erwiesen. Auch Skeptizismus und Nihilismus, die es schon damals als Denkrichtungen gab, führten nicht zum Erwachen.


Schließlich erkannte Gautama Buddha beim Zazen und dem Leuchten des Morgensterns, wie Meister Dōgen es ausdrückt:

Die ganze Erde und alle Lebewesen verwirklichen zusammen die Wahrheit.“

Ihm wurde plötzlich klar, dass er über das gewöhnliche unterscheidende Denken und die übliche vordergründige Wahrnehmung hinausgehen musste, um die Wahrheit und Wirklichkeit der Welt direkt zu erfahren und zu erleben. Dazu benutzte er die Praxis des Zazen in der seit Langem bekannten Yogahaltung des halben oder ganzen Lotossitzes.

Durch den einfachen Akt des Sitzens im Augenblick und im Hier und Jetzt verlassen wir das oft quälende dualistische Bewusstsein von Körper und Geist. Wir erfahren unser Leben im Einklang und in der Harmonie mit dem Universum ganzheitlich und unmittelbar intuitiv. In der wirklichen Erfahrung des Zazen können wir den Buddha-Dharma vollkommen verwirklichen, wenn wir, wie ich immer wieder betone, zweimal täglich diese Übung praktizieren."