Dienstag, 17. September 2019

Ursache und Wirkung, Zen 5


(Von G. W. Nishijima, aus meinem Buch "Sternstunden des Buddhismus")




Das Gesetz von Ursache und Wirkung hat im Buddhismus eine zentrale Bedeutung für uns selbst und für andere. Und auch Zen-Meister Dōgen bekennt sich zu dieser Wahrheit. In dem Shōbōgenzō-Kapitel „Tiefes Vertrauen in das Gesetz von Ursache und Wirkung“ kommt dies in aller Klarheit zum Ausdruck.[i]

Diese fundamentale Gesetz legt den Schwerpunkt auf die Verantwortung für das eigene Handeln. Es betrifft zunächst die Lebensphilosophie des Materiellen und der Naturwissenschaft, die im Buddha-Dharma als Teilwirklichkeit geschätzt und anerkannt wird. Auch Meister Dōgen beschreibt in verschiedenen Kapiteln die physische Welt und, wie wir heute sagen würden, die Gesetze der Naturwissenschaft. Der große Wissenszuwachs der modernen Zeit ist ja nicht zuletzt in diesem Bereich entstanden und steht keinesfalls im Gegensatz zur buddhistischen Lehre.
 
Besonders deutlich wird dies in den Kapiteln des Shōbōgenzō „Das verwirklichte Leben und Universum“, „Das ganze Universum ist eine leuchtende Perle“[ii] und „Die Stimmen des Tales und die Form der Berge“[iii].

Das Gesetz von Ursache und Wirkung gilt im Buddha-Dharma jedoch auch für geistige und emotionale Zusammenhänge und nicht zuletzt für die Ethik und Moral des menschlichen Lebens. Es besagt, dass moralisch schlechte Taten unweigerlich auf den Urheber zurückschlagen, und zwar nach meiner festen Überzeugung noch in diesem Leben. Umgekehrt gilt dies auch für ethisch gutes Handeln, denn uns selbst kommt der „Nutzen“ daraus zugute und wir entkommen dem Leiden.

Das Gesetz von Ursache und Wirkung erklärt die Zusammenhänge im Zeitablauf oder, wie wir sagen, mit dem Verständnis der linearen Zeit. Dies wird auch von Meister Dōgen im Shōbōgenzō beschrieben. Aus dem Gesetz von Ursache und Wirkung gibt es keine Ausnahme. Es macht großen Sinn, wenn wir uns allem die positiven Wirkungen unserer guten Taten für andere Menschen klar zu machen und danach zu handeln. Und beim Handeln sind wir unmittelbar im Augenblick, hier und jetzt.




[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 4, S. 237ff.
[ii] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 62ff.
[iii] ebd., S. 108ff.

Montag, 9. September 2019

Der Schlüssel zu Dogens Meister-Werk Shobogenzo, ZEN 4


(Von G. W. Nishijima, aus "Sternstunden des Buddhismus")



"Wir haben einen Schlüssel, um Meister Dōgens Shōbōgenzō wirklich zu verstehen und nicht an scheinbaren Widersprüchen und Paradoxien zu verzweifeln. Dieser Schlüssel erschließt besser den großen Wert dieses Werkes. Ich habe ihn im Laufe meines langen Lebens entwickelt und immer mehr verfeinert. Es handelt sich dabei um die umfassende Lehre der sogenannten vier Sichtweisen oder Lebensphilosophien, die Meister Dōgen in dem Kapitel „Das verwirklichte Leben und Universum“ (Genjō-kōan) beschreibt.[i]

Die volle Wirklichkeit des Lebens und der Welt sind danach weder durch den intellektuellen Verstand noch durch die sinnliche Wahrnehmung allein ganz und vollständig zu erfassen. Denn beide ermöglichen nur Teilsichten und Teilwahrheiten, die durch ihre Einseitigkeit als umfassende Philosophien letztlich für das praktische Leben ungeeignet sind. Sie führen daher zwangsläufig zu verschiedenen Formen des Leidens führen.

Die beiden ersten Lebensphilosophien sind die im Westen vorherrschenden Lehren des Idealismus und Materialismus, des Denkens und der Materie. Gautama Buddha und Meister Dōgen zufolge muss als dritter Bereich das Handeln und Erfahren im gegenwärtigen Augenblick, also im Hier und Jetzt, hinzukommen. Dann können wir die enge Perspektive des Subjekts überschreiten und uns dadurch wesentlich befreien. Bei der Zazen-Praxis und im Alltag eröffnet sich durch das direkte Handeln im Hier und Jetzt eine neue Wirklichkeit, die zum Kern der buddhistischen Lehre gehört.

Die vierte umfassende Lebensphilosophie des Buddhismus ist das Erwachen oder die Erleuchtung, also die Befreiung. Sie enthält integrierend auch die drei ersten genannten Teilbereiche. Das Erwachen geht aber über diese Bereiche hinaus und bildet den „Schlussstein“ des buddhistischen Lehrgebäudes und der Praxis. Wenn die umfassende buddhistische Lehre im Einklang mit der Zazen-Praxis und dem täglichen Handeln steht, nenne ich das die zweite Erleuchtung. Meister Dōgen formuliert dies im Kapitel Genjō-kōan wie folgt:

„Selbst wenn dies alles so ist, fallen die Blüten, während sie geliebt werden, und wuchert das Unkraut, während es nicht geliebt wird.“[ii]



Damit will er sagen, dass wir über unsere kleinen Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Erwartungen, an die wir uns klammern, hinausgehen müssen. Wir müssen sie als solche erkennen und ihnen die einengende Kraft nehmen, um zur Wahrheit des Buddha-Dharma und des Lebens zu gelangen. Denn diese wirkliche Welt ist so, wie sie ist: rein, ohne Bedauern, kraftvoll und voller Dynamik. Warum sollten wir ihr entfliehen? Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit den vier Lebensphilosophien den Schlüssel für die Lehren Gautama Buddhas und Meister Dōgens in der Hand halten und das großartige Werk Shōbōgenzō damit erschließen können."





[i] Sternstunden des Buddhismus, S. 57ff.
[ii] ebd., S. 311ff.

Samstag, 17. August 2019

Die Erste Erleuchtung im ZEN (3)


(Von G. W. Nishijima)
Aus meinem Buch: "Stern-Stunden des Buddhismus"


"Durch das Sitzen werden Gleichgewicht und Harmonie ermöglicht, von denen wir heute wissen, dass sie die Balance des vegetativen Nervensystems ausmachen. Diese Zazen-Praxis bezeichne ich als die erste Erleuchtung, wenn sie sich verwirklicht.

Sie kann aber nicht auftreten, wenn sich intellektuelle oder andere unruhige Gedanken im Gehirn festsetzen, wenn Gefühle vorherrschen, wenn verzerrte Wahrnehmung dominiert oder man gierig nach irgendetwas verlangt, zum Beispiel auch nach der großen eigenen Erleuchtung. Besonders schädlich sind die Gier nach Ruhm, Ansehen, eigener Wichtigkeit, Macht oder Profit und der damit verbundene Stolz.

Daher ist es so wesentlich, durch Shikantaza ("Nichts-als-Sitzen") nicht unbedingt irgendein „großartiges“ Ergebnis wie die Erleuchtung erlangen zu wollen und sich nicht auf irgendetwas Spezielles zu konzentrieren. Besonders starke Affekte verhindern das "Nichts-als-Sitzen". Vielmehr kommt es darauf an, die richtige körperliche Haltung einzunehmen und das Sitzen als Handeln zu verwirklichen. Nur dann wird sich die erste Erleuchtung bei der Zazen-Praxis wie von selbst ereignen.

Gautama Buddha hatte im damaligen Indien zunächst versucht, durch die bekannten Formen der Meditation und geistigen Konzentration sowie durch extreme Übungen der Askese die Befreiung und das Erwachen zu erlangen und war dabei gescheitert. Die damals in Indien gelehrte Philosophie des Idealismus, bei dem Gedanken, Ideen, Vorstellungen und Ideale vorherrschend waren, hatte nicht zum ersehnten Erwachen geführt. Aber auch die materielle Lebensphilosophie, die behauptet, allein die Wahrnehmung, Beobachtung und der sinnliche Genuss seien wirklich, hatte sich für ihn als Sackgasse erwiesen. Auch Skeptizismus und Nihilismus, die es schon damals als Denkrichtungen gab, führten nicht zum Erwachen.


Schließlich erkannte Gautama Buddha beim Zazen und dem Leuchten des Morgensterns, wie Meister Dōgen es ausdrückt:

Die ganze Erde und alle Lebewesen verwirklichen zusammen die Wahrheit.“

Ihm wurde plötzlich klar, dass er über das gewöhnliche unterscheidende Denken und die übliche vordergründige Wahrnehmung hinausgehen musste, um die Wahrheit und Wirklichkeit der Welt direkt zu erfahren und zu erleben. Dazu benutzte er die Praxis des Zazen in der seit Langem bekannten Yogahaltung des halben oder ganzen Lotossitzes.

Durch den einfachen Akt des Sitzens im Augenblick und im Hier und Jetzt verlassen wir das oft quälende dualistische Bewusstsein von Körper und Geist. Wir erfahren unser Leben im Einklang und in der Harmonie mit dem Universum ganzheitlich und unmittelbar intuitiv. In der wirklichen Erfahrung des Zazen können wir den Buddha-Dharma vollkommen verwirklichen, wenn wir, wie ich immer wieder betone, zweimal täglich diese Übung praktizieren."


Samstag, 10. August 2019

Erwachen , Zazen und das Wunder der Natur



In der Frühjahrs-Sesshin haben wir uns mit dem Erwachen und der Zazen-Meditation beschäftig, die mein Lehrer Nishijima Roshi die erste Erleuchtung nennt. Dieses Erwachen und diese Erleuchtung können wir jeden Tag praktizieren, wenn wir richtig meditieren.

Dann lassen wir "Körper und Geist" fallen, wie ein alter Zen-Meister sagte, und finden tiefe Ruhe und stabiles Gleichgewicht. Dann sind wir nicht an rotierende Gedanken und Gefühle gefesselt, sondern lassen sie wegfallen. Die Bilder des großen Zen-Meiters Kodo Sawaki zeigen das in aller Klarheit. So wird das Hemmnis der Hektik und Angst des modernen  Lebens außer Kraft gesetzt. Dann schaffen wir Energien, um aktiv zu leben und keine Trägheit in unserem Leben aufkommen zu lassen.

Eines der Sieben Faktoren der Erleuchtung ist die Genauigkeit gerade im Alltag, besonders mit anderen Menschen im sozialen Kontakt. Wir wissen aus der Gehirnforschung, das kurze gute Kontakte mit anderen Menschen eine hohe Bedeutung für unser Leben haben und soziale Freude bewirken. Das ist das gemeinsame Entstehen der Freude in Wechsel-Wirkung, die Buddha so außerordentlich wichtig einschätzt. Also genau hinsehen, genau einfühlen und möglichst genau verstehen, was der andere sagt und meint.

Die genaue Beobachtung und Erfahrung der Natur lässt uns den trennenden Dualismus von isolierten Objekten und oberflächlichem Multi-Tasking überwinden. Denn die Natur ist das größte Wunder. Und wir müssen sie nachhaltig bewahren und schützen. Das hat die junge Generation der Schülerinnen und Schüler klar erkannt und sie demonstrieren zu recht dafür.

Und bitte: Wir Ältere müssen aktiv gegen die Verödung und Verarmung der Natur angehen, und auch in den Kampf-Modus einsteigen, wenn es nötig ist. In der Ecke sitzen und empört sein, reicht nicht.

Ich staune immer wieder gerade über die ganz kleinen Lebewesen, wie sie es schaffen, in der Natur zu leben und zu handeln. Oder beobachten Sie unsere Vögel: Wie bewältigen sie das Wunder, allein und im Verbund fliegen zu können? So gab es manche Aussagen der alten Meister in China, dass ein arroganter Schüler sich an den Schwalben orientieren solle, bevor er schlaue Sprüche absondert und im Intellekt-Modus hängen bleibt. Recht hatten sie! Und unser Schwalben brauchen im Ökosystem Insekten und kein flächendeckendes Gift in einer jämmerlich verarmten Natur. Und wir brauchen unsere Bienen. 

Die Leerheit von Gier schafft die Fülle in unserem Leben.

Hier nun der link zum Video der Sesshin, Frühling in der Blockhütte: Anklicken


Freitag, 2. August 2019

Kernpunkte der Theorie und Praxis des wahren Buddhismus, (ZEN 2)

(Von Gudo Wafu Nishijima)
Aus meinem Buch Sternstunden des Buddhismus, Band 1


"Meine eigene Lehre stützt sich neben Gautama Buddha selbst auf die genialen Meister Nagārjuna, Bodhidharma und vor allem auf Meister Dōgen. Ich habe bei meinen zahlreichen Vorträgen und Gesprächen in Asien, Europa und Amerika festgestellt, dass sich die Kernpunkte der Theorie und Praxis des wahren Buddhismus in der heutigen Zeit immer klarer herauskristallisieren und besser verstanden werden. Dies betrachte ich als große Hoffnung. Es wäre von großem Wert für die gesamte Menschheit, wenn der Buddhismus im Westen neue Kraft und Klarheit erlangt.

Welches sind nun die maßgeblichen Kernbereiche des Buddha-Dharma? Lassen Sie mich dabei zunächst kurz auf das Leben und die Erfahrungen von Meister Dōgen eingehen. Er wurde 1200 n. Chr. geboren und erlebte schon in früher Jugend schwere Schicksalsschläge, weil sein Vater und seine Mutter früh starben und er auf diese Weise bitter erfahren musste, dass das Leben endlich ist.

Dies mag der Grund dafür sein, dass er schon in jungen Jahren nach dem Sinn und der Wahrheit des Lebens und der menschlichen Wirklichkeit suchte. Er trat mit zwölf Jahren in ein buddhistisches Kloster ein und hatte sich nicht zuletzt wegen seiner überragenden Intelligenz und Beharrlichkeit schon bald die verschiedenen buddhistischen Lehren im damaligen Japan erarbeitet und sie durchdrungen.

Der junge Dōgen war nicht nur außergewöhnlich begabt, sondern auch überaus ehrlich sich selbst gegenüber, sodass ihn der damals in Japan gelehrte sehr theoretische und spekulative Buddhismus trotz besten Willens und großer Anstrengung nicht überzeugte.

Er entschied sich daher, nach China in das Ursprungsland des Zen-Buddhismus zu gehen. Auch dort erlebte er zunächst Enttäuschungen, bis er schließlich und fast am Ende der Reise seinem Meister Tendō Nyojō begegnete, der neben der fundierten Lehre des Buddhismus vor allem die Praxis des Zazen und das Handeln im Alltag in den Mittelpunkt des buddhistischen Lebens stellte. Tendō Nyojō hatte selbst viele Jahre lang einen wahren Meister gesucht, aber nicht gefunden. Solche großen Meister gab es zu jener Zeit nur noch wenige in China.

Zazen ist keine geistige Meditation, bei der die Konzentration auf ein Meditationsobjekt, zum Beispiel auf ein Thema oder ein Bild, auf den Atem, auf das Zählen oder auch auf die paradoxe Frage eines Kōans gerichtet ist. Zazen ist genau das Gegenteil, nämlich praktisches Handeln ohne diskursives Denken in Form des Sitzens in der richtigen Zazen-Haltung. Zazen ist gegenstandslose Meditation: einfach Sitzen.

Dabei stellt sich beim Menschen ein bestimmtes Gleichgewicht ein, und alle Gedanken, Gefühle und die normale Wahrnehmung verschwinden früher oder später. Dadurch befreit sich unser Geist von Grund auf. Nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen handelt es sich dabei vor allem um das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems, wenn die Aktivität und Spannung des einen Teilsystems – Sympathikus – und die Passivität und Entspannung des anderen – Parasympathikus – im Gleichgewicht sind.

Das japanische Wort „Shōbōgenzō“ bedeutet: der wesentliche Kern oder die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges, also des Buddhismus. Dieser kostbare Schatz der Lehre ist aus der Sicht von Meister Dōgen zusammen mit der Praxis des Zazen die umfassende Lehre des Gautama Buddha. Er beschreibt sie in seinen Lehrreden (Sūtras) sehr genau und hat sie, wie wir wissen und erfahren, an seine Schüler und an uns weitergegeben.

Was sind nun die Kennzeichen der Zazen-Praxis, die Meister Dōgen sehr umfassend lehrt?[i] Er führt die folgenden vier wesentlichen Bereiche auf:

(1) Das Überschreiten des üblichen unterscheidenden Denkens mit dem Verstand durch die besondere Art des „Nicht-Denkens“;

(2) Das regelmäßige Sitzen im Zazen in der richtigen Körperhaltung, die von Dōgen exakt beschrieben wird. Dieses Sitzen ist praktisches Tun, umfasst damit den ganzen Menschen und beschreibt wie im Yoga die körperliche Dimension als Grundlage des Handelns und des Geistes.

(3) Dōgen beschreibt das wirkliche Handeln und Erleben bei der Zazen-Praxis mit den Worten „das Fallenlassen von Körper und (denkendem) Geist“ und meint damit, dass wir uns von den Fesseln des Körpers und des gewöhnlichen Verstandes, die uns in unserem Leben so häufig einengen und quälen, befreien. Ich interpretiere diese von Dōgen formulierte Tatsache als das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems, das durch die Zazen-Praxis erreicht wird.

(4) Die Praxis des Zazen wird durch das japanische Wort Shikantaza beschrieben, das übersetzt etwa heißt „nichts anderes tun als sitzen“. Damit will Dōgen vor allem klarmachen, dass wir uns bei der Zazen-Praxis nicht auf ein vorgestelltes Objekt, also ein Thema, Ziel oder Kōan, konzentrieren sollen, sondern dass das richtige Sitzen selbst die wesentliche Übungspraxis ist."

Ergänzung: Zazen ist also direktes Handeln, das Körper, Geist und Psyche befreit von Ideologien, Vorurteilen und falschen Doktrinen. Das ist auch die Kern-Aussage von Nagarjunas großem Werk "Mittlerer Weg": Die Leerheit von irreführenden Doktrinen des Selbst sowie der Dinge und Phänomene, den Dharmas. 



[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 311ff.

Dienstag, 16. Juli 2019

Natürliches Gleichgewicht ohne Stress versus Unruhe und Angst, ZEN (1 )

(Von Gudo Wafu Nishijima [i])
Aus meinem Buch Sternstunden des Buddhismus, Band 1

"Meister Dōgens großes Werk Shōbōgenzō („Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges“)[ii] habe ich über 40 Jahre eingehend studiert. Ich bin der festen Überzeugung, dass die von mir bearbeiteten Quellentexte auch für den Westen von unschätzbarem Wert sind. Die deutsche Fassung des Shōbōgenzō und dessen Einführung „ZEN Schatzkammer“ habe ich ausdrücklich unterstützt, weil damit das Verständnis der nicht einfachen Aussagen Dōgens im deutschsprachigen Raum für viele Leser wesentlich verbessert werden kann. Denn Dōgens Zen-Buddhismus ist wirklich authentisch!

Manche meinen, der Buddhismus eigne sich als Religion nur für jene Menschen, die sich aus dem beruflichen Alltag und gesellschaftlichen Leben in die Nische eines Klosters zurückgezogen haben und versuchen, dort auf einer „Insel der Seligen“ ohne die Ungerechtigkeiten und Schwierigkeiten des normalen Alltags zu leben. Andere glauben, dass der Buddhismus ausgesprochen lebensfeindlich oder gar nihilistisch sei.

Vor allem der Zen-Buddhismus sei, so eine verbreitete Ansicht, von lebensfeindlicher Askese und dem schmerzhaften Ringen um die große Erleuchtung (Satori, Kensho) geprägt, diese sei aber für einen „normalen“ Menschen ohnehin nicht erreichbar. Eine solche Sichtweise kann ich jedoch aus meiner praktischen Erfahrung und der in langem Studium gewachsenen Kenntnis heraus nur als völlig falsch bezeichnen – das Gegenteil ist richtig.

Wer sich aus der Wirklichkeit der Welt verabschiedet hat, gerät unweigerlich in einen ausweglosen Kreislauf von Illusionen, Leiden, Trugbildern, Ängsten und subjektiven Welten und kann von diesem Leiden nur dann befreit werden, wenn er zur Wirklichkeit des Lebens und der Welt und damit zur Wahrheit zurückfindet. Gautama Buddha hat dies erfahren und erkannt und uns die großartige Lehre des Buddha-Dharma geschenkt, die uns nicht zuletzt von Meister Dōgen authentisch übermittelt wurde. Sie gibt Stabilität, Ruhe und Gleichgewicht in unser Leben und wir können neue großartige Potentiale entwickeln.

Der Buddhismus lehrt nicht, dass das ganze Leben aus Leiden besteht, wie manchmal behauptet wird, sondern im Gegenteil: Er will uns praktisch gangbare Wege aufzeigen, wie wir das vorhandene oder zukünftige Leiden überwinden können. Dann können wir eindimensionale Weltanschauungen über Bord werfen, Ideologien und Verführungen schnell durchschauen und zu Gleichgewicht und Harmonie zurückfinden. Dies ist der Mittlere Weg und der natürliche Zustand des Menschen im Gleichgewicht. Mit Meister Dōgen bin ich der festen Überzeugung, dass die Meditationspraxis des Zazen in Verbindung mit der authentischen buddhistischen Lehre genau der richtige Weg ist, den wir beschreiten sollten."

Ergänzung:

Video: ZEN-Bogenschießen, natürlich treffen


Zum Bogenschießen: Meister Tosa hatte als einziger in der letzten Runde der internationalen Kyudo-Meisterschaft in Tokyo das Ziel getroffen. Er wurde gefragt:" Haben Sie bemerkt, dass die anderen gefehlt haben?" Antwort Tosas: " Ja, das habe ich. Selbst wenn die anderen daneben schießen, bleibt mein Job genau der selbe. Und ich bin dabei überhaupt nicht unruhig. Die einzige Frage ist, wie ich meinen eigenen Bogen selbst handhabe: Dass sich der Schuss des Pfeils natürlich löst (release), das ist es! Das ist die wahre Herausforderung. Dieses Ziel zu erreichen ist mein Ideal bis zu dem Tag, an dem ich sterbe." 

Wie der berühmte Autor Herrigel zum Bogenschießen schreibt: "Es hat geschossen." 
Oder auch: "Mach dein Ding!"




[i] Entnommen aus: Seggelke, Yudo J.: ZEN Schatzkammer. Einführung in Dogens Shobogenzo, 3 Bände
[ii] Dogen: Shobogenzo, deutsche und englische Fassung in vier Bänden

Dienstag, 2. Juli 2019

Freiheit, Glück und Unabhängigkeit des buddhistischen Menschen

Aktive Wechselwirkung statt Abhängigkeit

Eine wirklich zentrale Aussage Buddhas zum menschlichen Leben wird bisher meist als "abhängiges Entstehen" oder "bedingtes Entstehen" übersetzt. Aber kann das eine wirklich korrekte Wiedergabe seiner Lehre sein? Denn er lehrt gerade die Selbstbestimmung und zunehmende Freiheit des Menschen auf dem Buddha-Weg, um die Abhängigkeit und das Leiden von äußeren und inneren Fesseln zu verringern oder sogar zu überwinden. Denn starke Abhängigkeit macht depressiv, erzeugt Stress und macht Angst. Wer will schon abhängig sein? Abhängigkeit und Glück passen nicht zusammen. Dass der Mensch andererseits nicht total isoliert lebt und leben kann, ist dabei ohne Zweifel richtig und von sehr großer Bedeutung. Denn Einsamkeit ist heute die häufigste Todesursache. Es geht also um die Klärung der Bedeutung von Abhängigkeit!

Ich bin überzeugt, dass bei der bisherigen Übersetzung des abhängigen Entstehens etwas nicht stimmt, dass  sie zu begrenzt ist oder zumindest missverstanden werden kann. Übrigens sagt auch Hegel, dass bedingtes Leben Unfreiheit bedeutet und dass unbedingtes Leben, Denken und Handeln Freiheit des Individuums und der Gesellschaft bedeutet.

Um diese zentrale Frage anzugehen und gründlich zu klären, ist es ratsam, auf die verlässlichen Begriffe in Sanskrit zurückgehen. Was hat Buddha wirklich gesagt, um uns in unserem Leben zu helfen? Er formulierte pratitya samutpada und das bedeute in korrekter Übersetzung m. E.  gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung. Also weder Abhängigkeit noch Isolation. Das Wort prati wurde bisher offensichtlich zu eng als abhängig oder bedingt interpretiert und daher nicht wirklich korrekt übersetzt. In keinem Sanskrit-Lexikon habe ich diese unkorrekte Übersetzung gefunden, sie ist also in dieser Form nicht wirklich authentisch. Die wahre Bedeutung von prati ist hin und zurück, entgegen, zurück und wieder. Warum, wo und wie daraus die zu einseitige (unidirektional) Abhängigkeit als buddhistische Lehre wurde, ist sicher spannend. Die volle Wirklichkeit ist nicht so simpel wie die genannte einseitige Abhängigkeit. Was meinen Sie? Übrigens heißt abhängig korrekt auf Sanskrit paratantra oder samsakta aber nicht prati. Und wer wirklich abhängig ist, kann nicht frei und glücklich sein, er kann also sein Leiden nicht überwinden. Aber absolute Freiheit gibt es natürlich auch nicht, das wäre ein unrealistisches und idealisiertes Extrem und eine psychische Sackgasse.

Heute benutzen wir für diese realen Prozesse die Begriffe Vernetzung oder Rückkoppelung. Das sind zentrale und unverzichtbare Zusammenhänge der Ökologie, Psychologie und Gehirnforschung. Sie sind wissenschaftlich bereits gut untersucht und verlässlich. Daher haben die Indologin Elisabeth Steinbrückner und ich die Bezeichnung Wechselwirkung gewählt. Um auch Hegel zu nennen: Für ihn ist die wechselseitige Anerkennung der Menschen von zentraler Bedeutung für die moderne Welt und die nun mögliche Freiheit. Sein Denken hat also eine gewisse Übereinstimmung mit Buddha, wobei im Buddhismus die praktische Wirkung und das gemeinsame Handeln noch stärker betont werden. Das gilt besonders für den Zen-Buddhismus.

Alpenrose in Südtirol
Buddha hat also vermutlich als erster klar erkannt, dass wir grundsätzlich in einer vernetzten Welt leben. Diese Wissens ist dann wohl zum Teil verloren gegangen und hat die praktische Wirksamkeit seiner Lehre verringert. Es kommt nun nämlich darauf an, die vorhandenen zu starken Abhängigkeiten zu erkennen, zu vermindern und zu überwinden. Wodurch? Durch Selbststeuerung und auch durch Selbstkontrolle können wir den eigenen Freiheitsraum nutzen und vergrößern. Dazu hat Buddha wirksame Übungen  entwickelt, z. B. Meditation, Achtsamkeit und die Fokussierung im Augenblick. Dann finden wir und gehen wir in unserer vernetzen Welt den eigenen besseren Weg. Dieser eröffnet Befreiung und Selbstbestimmung, er lässt unser Leiden und unsere Schmerzen zur Ruhe kommen. Das ist genau das Anliegen Buddhas und der großen Meister. Resümèe: Die Übersetzung "abhängiges Entstehen" ist nicht ganz falsch aber zu begrenzt. Sie bezeichnet eine bestimmte abhängige Beziehung und ist richtiger Weise gegen das isolierte Entstehen gerichtet. Aber sie erschwert das Verständnis der Wirklichkeit und damit auch das Verständnis des MMK. Ist das ein Grund für die bisherigen vielen Missverständnisse und Fehlinterpretationen des MMK?

Dabei sind eigene und direkte Erfahrungen im Hier und Jetzt und die Unabhängigkeit von den Medien sowie fake News wesentlich. Fatalistische Abhängigkeiten führen immer in die Sackgasse. Selbst erleben, selbst denken und handeln, ohne in eine Falle zu starker Abhängigkeit zu geraten, macht glücklich und gibt Freiheit. Das ist m. E. die zentrale Botschaft Buddhas und der großen Meister Nagarjuna und Dôgen. Wegen dieser Wahrheit hat der Buddhismus eine weltweite positive Bedeutung erlangt und heilende Wirkung erfahren: auch und gerade für unsere heutige westliche Welt. Machen Sie mit der buddhistischen Weisheit und Praxis Ihr Ding! Was sagt Buddha in den Grundlagen der Achtsamkeit über den buddhistischen Menschen?  "Unabhängig lebt er und haftet an nichts in der Welt"

Mittwoch, 12. Juni 2019

Mit Umwelt-Zen gegen Bienen-Sterben

(Aus meinem Buch "Umwelt-Zen")



Jungen Menschen sorgen sich heute mehr den je um die um eine gesunde Natur für ihre eigene Zukunft. Denn: wenn die die Bienen durch Gift und Kunstdünger sterben, stirbt die Natur und stirbt die Buddha-Natur.

Und kann man die wahre Natur des Menschen von der wahren Natur um uns herum trennen und isolieren? Sicher nicht! Nach Buddha ist unsere wahre Natur genau die Buddha-Natur: Sie lebt und entwickelt sich im dynamischen Gleichgewicht des Lebens, das wir nicht zerstören dürfen. Die Buddha-Natur entsteht gemeinsam in Wechselwirkung, der Mensch ist also nicht isoliert. Wir benötigen zum Leben eine Natur ohne Gifte und mit einen Geist, der im Gleichgewicht und frei von unkontrollierter Gier ist. Wir brauchen nicht die Profit-Gier weniger Konzerne und einer verantwortungslosen Landwirtschaft. Gier und Verblendung lassen so die Menschen und die Natur leiden. Dabei verkrüppeln oder töten sie die wahre Natur und unsere Öko-Systeme. Ich weiß wo von ich rede, denn ich habe 28 Jahre im Umweltschutz gearbeitet.

Was sagt Zen-Meister Dogen dazu?

Im Buddhismus sind Berge und Wasser die großartige Buddha-Welt, und in dieser Natur hat sich Buddha selbst verwirklicht. Berge und Wasser sind Teil der belebten und der sogenannten unbelebten Natur und des Universums. Aber was ist eigentlich unbelebt? Es sind Wirklichkeiten, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. Nach dem Buddha-Dharma gehen sie über die vordergründige Wahrnehmung und äußere Form hinaus und vermitteln die Reinheit und Schönheit der Buddha-Welt. Heute wie damals suchen die Menschen die wunderbaren Augenblicke der Naturerlebnisse in den Bergen und auf den Gewässern.

Wenn wir uns in den Bergen aufhalten, uns dort bewegen, wandern und dort praktizieren, ist dies nach Dôgen, als würden sich die Blüten öffnen, es ist die Wirklichkeit des Buddha-Dharma. Wir müssen uns natürlich ganz für den Augenblick in den Bergen öffnen und „klare Augen“ haben, um die Berge wirklich zu sehen, zu erkennen, zu hören und zu erfahren.

Wenn wir in den Bergen wandern und das angelernte Wissen vergessen, dass sie unbeweglich, isoliert und statisch sein sollen, können wir wirklich beobachten, dass die Berge mit unseren eigenen Schritten und mit unserer eigenen Bewegung wandern. Ich habe dies selbst mehrfach ausprobiert und war überrascht, dass es stimmt. Versuchen Sie es doch auch einmal, wenn Sie in den Bergen wandern!

Dabei kann sich ein intuitives Gefühl der Beweglichkeit, Klarheit und Leichtigkeit bei uns selbst einstellen, die wir mit einem unerwarteten Staunen erfahren. Indem wir Berge, Bäume und alles um uns herum in ihren Bewegungen zu uns selbst als tanzend erleben, scheinen sich auch bei uns alte Verfestigungen in unserem Herz-Geist zu lösen, und dadurch kommen wir in den Zustand einer beschwingten Leichtigkeit und Klarheit.

Ich möchte annehmen, dass Dôgen Ähnliches in den Bergen empfunden hat und uns genau dies durch seine exakten Beobachtungen mitteilen will.

Ein ewiger Buddha sagt: ‚Berge sind Berge, Wasser ist Wasser.‘ Diese Worte sagen nicht, dass (die Begriffe) der ‚Berge‘ die Wirklichkeit der Berge sind. Sie sagen, dass Berge (genau wirkliche) Berge sind.“

Nishijima Roshi unterstreicht: „Diese Worte sagen nicht, dass die wirklichen Berge dasselbe wie die Worte der Berge sind, aber die wirklichen Berge sind genau die wirklichen Berge. Begriffe,  Abbildungen und Wirklichkeit sind nicht das selbe.“

Dôgen rät uns dringend, die Berge in der Praxis zu erfahren. Dies können wir nur in den Bergen selbst, wenn wir dort handeln und uns nicht von ihnen abgrenzen:

„Solche Berge und Wasser erzeugen auf natürliche Art Erleuchtete und erzeugen weise Menschen.“

Donnerstag, 6. Juni 2019

Buddha-Natur: Das ganze Leben im Gleichgewicht und in Wechselwirkung


(Aus meinem Buch: "Geheimnis der Buddha-Natur)


Im Buddhismus geht es geht um die Ganzheit und das Zusammen-Wirken unseres Lebens und des ganzen Universums, die Dôgen als „Schiene aus Eisen“ bezeichnet. Das ist das spirituelle unauflösbare Ganze und gerade keine Dualität von Subjekt und Objekt. Dasselbe japanische Wort verwendet er dafür, dass bei der Zazen-Praxis Körper und Geist fallen gelassen werden: Die theoretische Bedeutung, ob wir die Buddha-Natur wie ein Objekt „haben“ also „besitzen“ muss man also ganz fallen lassen, um zur umfassenden Gesamtheit des wahren Lebens zu kommen.

Um die rigide Bedeutung von „haben“ und "Objekt" aufzulösen, bezeichnet Dôgen die Buddha-Natur auch als "Weg der Vögel". Das klingt eigenartig. Was meint er damit? Im chinesischen Buddhismus steht bei diesem Beispiel im Mittelpunkt, dass die Vögel beim Fliegen in der Luft keine dinglichen oder gar unethischer Spuren hinterlassen. Dies ist ein Gleichnis dafür, dass bei unserem Handeln und überhaupt im Leben kein schlechtes Karma und kein Schaden bei anderen Menschen zurückbleibt. Der Himmel ist außerdem ein Symbol für den Raum, der kein Ende hat, also eine Raum-Unendlichkeit darstellt, und er ist ein Gleichnis für den höchsten Zustand des Menschen.[i] Dabei ergibt sich ein wichtiger Zusammenhang mit der Vierten Vertiefung (Jhana) der Meditation und des Samâdhi im frühen Buddhismus. Diese Vertiefung wird mit verschiedenen Begriffen der Unendlichkeit, zum Beispiel der Raum-Unendlichkeit, beschrieben.[ii]
 
Dôgen fasst mit folgendem Satz zusammen, der gleichzeitig eine aufschlussreiche Umkehrung ist: „Deshalb besitzt die Natur aller Buddhas die vielen Lebewesen.“

Das heißt, die Buddha-Natur besitzt alle Lebewesen und uns Menschen, wir sind nichts anderes als die wahre Natur, die Buddha-Natur. Diese Umkehrung bedeutet das direkte Zusammenwirken und keine Unterteilung in Subjekt und Objekt. Dôgen ergänzt, dass diese Aussage in besonderer Weise die Lebewesen und gleichzeitig die Buddha-Natur erhellt, also das Wesentliche unseres Lebens bezeichnet. Ein dingliches simples und unzureichendes Verständnis der Buddha-Natur als Ding, Objekt oder Substanz wird damit aufgelöst

Wir vergessen laut Dôgen manchmal, dass wir selbst die Wahrheit sind, und gleichzeitig ist die Wirklichkeit im Augenblick der Gegenwart immer anwesend und lebendig. Dazu gehören die vier Elemente und die fünf Komponenten der Welt (Skandas), also die einzelnen Dharmas der Wahrheit.

Es ist von zentraler Bedeutung, dass verbale Aussagen zur Buddha-Natur durch unser ganzes ganzes Leben erfasst werden und dass alle einzelnen Augenblicke unseres Lebens mit solchen fundamentalen Wahrheiten direkt und unmittelbar verknüpft sind.


[i] vgl. Kap 2, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 36 ff.: „Die große intuitive Weisheit, die das Denken überschreitet (Makahannya haramitsu)“
[ii] vgl. Gäng, Peter: Buddhismus, S. 94 ff.


Freitag, 24. Mai 2019

Das neue Buch: "Sternstunden des Buddhismus" auf der Bestseller-Liste

(Niko Schulmeister)

Yudos neues Buch zu den Sternstunden des Buddhismus kommt überraschend in die Bestseller-Liste von Amazon.
An dieser Stelle möchte ich als Leser des Buddha-Blogs auf Yudo’s neues Buch „Sternstunden des Buddhismus“ hinweisen: Das wissenschaftlich präzise und realistisch-optimistische Werk führt den Leser an die grundlegenden und spannenden Schriften von Gautama Buddha, des großen Meisters Nagarjuna und des ZEN-Meisters Dôgen heran. Zum einen durch eine ganz neue Übersetzung des authentischen Sanskrit-Textes und zum anderen durch die Erläuterungen und zeitnahen Interpretationen. Als Leser profitiert man ungemein von der effizienten Wechselwirkung zwischen Originaltext und den angebotenen modernen Interpretationen. Damit setzt er die m. E. bahnbrechenden Arbeiten seines Lehrers Nishijima-Roshi fort, der meines Wissens als einer der ersten die tiefe Verbindung der Philosophie des Mittleren Weges mit dem ZEN-Buddhismus herausarbeitet hat. Dadurch bekommt der Text Nagarjunas eine erstaunliche Frische und Lebendigkeit.
 
Dieser wertvolle Beitrag für den Buddhismus zeigt sich auch beim Internetriesen Amazon: Auf der Seite des Onlinehändlers platzierte sich „Sternstunden des Buddhismus“ Anfang April unter den Top 100 der entsprechenden Bestseller Liste. Auch der Blog profitiert von den jüngst veröffentlichten Auszügen aus „Sternstunden des Buddhismus“, da dieser mit über 180.000 Zugriffen einer der am stärksten nachgefragten buddhistischen Blogs überhaupt ist.

Ich freue mich, dass Yudo’s Beiträge zum Buddhismus sowohl auf dem Weg von Buchdruck und E-Book, als auch über die neuen Netz-Kanäle des Blog und YouTube regen Anklang finden und sich so weit in der Welt verbreiten. Im Blog sind täglich viele Benutzer aus mehr als 10 Ländern aktiv, u.a. aus Amerika/USA, Frankreich, Spanien, Russland, Japan usw..

Ich wünsche Yudo und seinen Arbeiten von Herzen weiterhin viel Erfolg! Zu unser aller Nutzen.

Montag, 13. Mai 2019

Meilensteine des Buddhismus

(Aus meinem neuen Buch: Sternstunden des Buddhismus)

Als ich meinen späteren Lehrer Nishijima Roshi 1996 in seinem Zentrum in Tokyo kennenlernte, arbeitete er intensiv an einer eigenen Übersetzung eines großen buddhistischen Werkes des berühmten indischen Meisters Nāgārjuna. Es handelte sich um dessen Lehrgedicht in Versen über den Mittleren Weg (abgekürzt MMK – abgeleitet von Mūlamadhyamakakārikā, wie es in der indischen Sprache Sanskrit heißt).
Nishijima Roshi war vom MMK so fasziniert, dass er mit über 60 Jahren noch Sanskrit lernte, um es in der Originalsprache verstehen und interpretieren zu können. Wie er mehrfach betonte, hatte er erhebliche Übereinstimmungen mit dem berühmten fundamentalen Werk Shōbōgenzō von Zen-Meister Dōgen festgestellt, und er wollte herausfinden, ob dieser Ansatz einer vertieften Analyse standhalten würde. Er fragte sich: Haben diese großen Meister den authentischen und wahren Buddhismus verwirklicht und in die Sprache gebracht? Zweifellos waren sie selbst buddhistische Meister und keine Wissenschaftler und hatten daher eigene tiefe Erfahrungen. Denn wer nicht selbst praktiziert und meditiert, kann nicht authentisch vom Buddhismus durch eigene Wirklichkeit berichten.

So hat sich Nishijima Roshi über 25 Jahre lang gründlich mit dem MMK beschäftigt, bis ins hohe Alter daran gearbeitet und dabei seine Fassungen immer wieder verfeinert. Zusammen mit seinem Schüler, dem bekannten buddhistischen Lehrer und seinem Nachfolger Brad Warner, hat Nishijima ein umfassendes Werk zu Nāgārjuna herausgegeben.[i] Das war aus meiner Sicht ein Meilenstein in eine neue Ära das Buddhismus. Dabei ist er ganz neue Wege des Verständnisses und der Auslegung gegangen. Auf der Grundlage seiner tiefen praktischen und theoretischen Erfahrungen im Zen-Buddhismus und, wie er selbst sagt, durchaus mit diesem Raster des tiefen Verstehens im Buddhismus ist er meines Erachtens in ganz neue Bereiche der Bedeutung des MMK vorgestoßen. Die Reaktionen in der Fachwelt reichten von begeisterter Zustimmung bis zur deutlichen Ablehnung. Das war nicht anders zu erwarten. Nishijimas Roshis Arbeitsbasis möchte ich nun weiter ausbauen. Ich habe mehr als 17 Jahe mit ihm zusammen gearbeitet.
 
Vor seiner Übersetzung des MMK hatte Nishijima Roshi bereits in über 40-jähriger sorgfältiger Arbeit das fundamentale japanische Werk Shōbōgenzō („Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges“) des großen Zen-Meisters Dōgen völlig neu bearbeitet und zusammen mit seinem Schüler Chodo Cross ins Englische übertragen. Diese vierbändige Fassung hat sich in Fachkreisen weltweit durchgesetzt und bildet heute eine zentrale Grundlage der Arbeiten zum Zen-Buddhismus und insbesondere zu Meister Dōgen.[ii]

Einige Jahre nach der englischen Übersetzung des Shōbōgenzō durch Nishijima und Cross legte Ritsunen Linnebach eine deutsche Fassung vor, an der ich etwa acht Jahre lang mitgearbeitet habe.[iii] Ein wichtiger Band des Shobogenzo ist zudem in Spanisch erschienen (Luis Diaz).

Tanahashi: Kraftvolle Mitte
In der Zwischenzeit wurde eine zweite m. E. ausgezeichnete englische Ausgabe des Shōbōgenzō unter der Leitung von Kazuaki Tanahashi [iv] herausgegeben, sodass uns im Westen nun drei wirklich verlässliche Fassungen dieses Grundlagenwerks des Zen-Buddhismus zur Verfügung stehen. Dadurch erlebte die Dōgen-Forschung einen nachhaltigen Aufschwung, und viele irritierende und ungenaue Darstellungen des Zen-Buddhismus sind hinfällig geworden. Insbesondere muss der Irrglaube ausgeräumt werden, dass paradoxe unverständliche Aussagen das Wichtigste des Zen seien, denn gerade das Gegenteil ist der Fall. Allerdings ist der Zen trans-intellektuell und von weit ausholender und tiefgründiger Vernunft, die umfassend die Dynamik von Geist-Psyche-Körper untersucht. Philosophisch möchte ich diese Methode als Phänomenologie bezeichnen, im Buddhismus übrigens weit früher entwickelt als in der westlichen Philosophie. So hat Buddha m. E. schon vor 2500 Jahren die Vernetzung der Natur und des Menschen erkannt. Im Westen haben wir etwas länger gebraucht! Der Zen geht seine Themen, Fragen und Probleme aus unterschiedlichen Sichtweisen an. Das mag manchen westlichen Leser verwirren, da die einfache Logik von Ja-oder-Nein-Aussagen verlassen wird. Auf diese Weise werden jedoch die zentralen Bereiche des sich entwickelnden und emanzipierenden Menschen erst in der nötigen Klarheit und Tiefe sichtbar und können gefördert werden. Der Mensch ist keine Maschine, die entweder funktioniert oder kaputt ist.

Die beiden Werke von Nāgārjuna und Dōgen markieren für mich Sternstunden des buddhistischen Lebens und Geistes. Auf ihnen möchte ich meine weitere Arbeit aufbauen. Dabei folge ich grundsätzlich der Zielsetzung Nishijima Roshis, beide Denker und großen buddhistische Meister in Beziehung zueinander zu setzen, zur fruchtbaren Wechselwirkung zu bringen und für den Westen verfügbar zu machen.

Link: English Version


[i] Nagarjuna: Fundamental Wisdom of the Middle Way. Nagarjuna’s Mulamadhyamakakarika. Translation by Gudo Wafu Nishijima, Commentary by Gudo Wafu Nishijima and Brad Warner
[ii] Dogen: Shobogenzo (translated by Gudo Nishijima and Chodo Cross), englisch
[iii] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges, deutsch
[iv] Dogen; Tanahashi, Kazuaki (Editor): Shobogenzo. Treasury of the True Dharma Eye

Sonntag, 21. April 2019

Vorwort zu meinem Buch: Sternstunden des Buddhismus

Von Doris Zölls
(Zen-Meisterin und spirituelle Leiterin des Benediktushofes)

Das vor Ihnen liegende Buch, liebe Leserinnen und Leser, macht die Lehren Shākyamuni Buddhas mit seinen Kernaussagen, dem „bedingten Entstehen“ oder genauer dem „gemeinsamen Entstehen in Wechselwirkung“ und der „Leerheit“, zu seinem zentralen Thema.

Im Lauf der Geschichte und auch heute noch schleichen sich immer wieder Fehlinterpretationen dieser Lehren Buddhas ein. Seine Aussagen sind für viele von uns ja auch schwer zu verstehen und stehen zu den „üblichen“ Vorstellungen in großem Widerspruch. Wir Menschen sehnen uns nach dem Unveränderlichen, nach einem festen unveränderlichen Wesenskern, einem beständigen Absoluten, das in unserer Existenz wirksam ist und uns hält. Doch wir brauchen nicht tief zu schürfen, um zu erkennen, dass diese Sehnsucht nicht erfüllt werden kann. Das Leben ist, wie Heraklit es ausdrückte, immer im Fließen. Halten wir Menschen dennoch an einer absoluten unverrückbaren Wahrheit fest, sind Glaubenskämpfe unvermeidlich, denn jeder meint, die wahre Wirklichkeit erkannt zu haben, in Händen zu halten und sie dann auch noch gegenüber anderen verteidigen zu müssen. Die Komplexität des Lebens, sein unentwegter Wandel und seine Weiterentwicklung jedoch gehen nicht in einem Konzept auf. Ein statisches Welt- und Lebensbild ist nur eine Scheinsicherheit für uns Menschen. Halten wir an ihm fest, stürzt uns diese Haltung unweigerlich ins Leiden.

Zum Glück gab es auch immer wieder weise Menschen, die es sich zur Aufgabe machten, diesen irrigen Vorstellungen entgegenzutreten und sich für Buddhas Weisheit einzusetzen. Sie machten sich selbst auf den Weg, die Wirklichkeit genau wahrzunehmen und hinzusehen auf das, was Buddha mit seinen Aussagen zum gemeinsamen Entstehen in Wechselwirkung und zur Leerheit wirklich ausgedrückt hat. Sie versuchten, die Irrlehren aus ihrer Verengung wieder herauszuführen. Einer der ganz großen Interpreten, der Buddhas Lehre durch seine präzisen Ausführungen wieder ins rechte Licht rückte, war Nāgārjuna mit seinem Mittleren Weg. Dieses Werk ist für fast alle buddhistischen Linien des späteren Mahāyāna in Indien, des Chan in China, des Zen in Japan und des tibetischen Buddhismus von entscheidender Bedeutung.

Yudo Seggelke greift es in seinem Buch auf und vertieft mit Nāgārjunas Ausführungen die Lehren Buddhas. Aber er bleibt hier nicht stehen, er geht noch weiter und bereichert Nāgārjunas Aussagen mit denen von Dōgen aus dem Shōbōgenzō. Aber dies macht er nicht, um die Texte nur in einen neuen Zusammenhang zu setzen. Er stellt sie nicht um ihrer selbst willen dar. Ihm ist wichtig darzulegen, dass es Nāgārjuna und Dōgen wie Buddha nicht um intelligente philosophische Ideen als solche ging, sondern dass für sie die Befreiung und die Entwicklung der Menschen im Mittelpunkt standen. Der Autor sieht damit diese großen Interpretationen nicht nur innerhalb des Buddhismus als wertvoll an. Er gibt den Schriften eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung des Menschen auch bei uns im Westen.

Wir sind heute oft festgefahren in unseren Meinungen, kämpfen für unsere Überzeugungen und geraten immer tiefer in kriegerische Auseinandersetzungen. Die Schriften dieser alten Meister können uns wachrütteln. Sie verweisen auf eine Weisheit, die sich jenseits von Meinungen und Begriffen entfaltet.

Yudo Seggelke zeigt mit seinem Buch auf: Wir brauchen ein neues Verstehen, das über die Begrifflichkeiten hinausgeht. Die Begriffe müssen für uns lebendig werden, uns erfassen und in uns wirksam werden. Dieses Verstehen fordert von uns, dass wir unser Verstehen mit dem bewertenden und unterscheidenden Denken zurücknehmen und in ein „Nicht-Denken“ kommen. Dies hat mit Unwissenheit oder Dumpfheit nichts zu tun, im Gegenteil. Bei dem „Nicht-Denken“ geht es um ein aktives, ganz waches Wahrnehmen dessen, was ist, ohne es mit unseren Benennungen einzuengen. Um die Weisheiten, die Buddha und in seiner Nachfolge Nāgārjuna und Dōgen lehrten, zu durchdringen und wirklich zu verstehen, brauchen wir einen Paradigmenwechsel. Verstehen muss aus dem eigenen Erleben heraus entwickelt werden.

Bereits Buddha und ebenso Nāgārjuna und Dōgen wollten schon damals nicht nur als Philosophen verstanden werden, sondern ihre Lehren sollten lebendig sein und den Menschen die Basis geben, sich zu entwickeln. Die Entfaltung des Mittleren Weges sollte die Menschen aus den unheilsamen Extremen herausführen. Das Verharren bei einem „entweder – oder“ sollte vermieden werden, stattdessen sollte alles in seiner wechselseitigen Abhängigkeit und seiner Leerheit erkannt werden. Es ist das Nicht-Wissen, das am Anfang der Kette des Leidens steht, die Unkenntnis der Zusammenhänge des Lebens, die uns in die Gier und den Hass treibt.

Aus ihnen herauszufinden bedarf es daher der tiefen Einsicht in die Leerheit und die wechselseitige Abhängigkeit allen Seins und Werdens. Diese zu erkennen, dafür bedarf es der Achtsamkeit. Dieses Wort ist heute in jedermanns Munde, und doch wird oft nicht wirklich verstanden, worum es dabei geht. Die Achtsamkeit besteht aus zwei Aspekten: Einerseits geht es bei ihr um die Aufmerksamkeit, das heißt, den Ablenkungen des Geistes nicht zu folgen, und gleichzeitig um das Gewahrwerden dessen, was ist, ohne die eigenen Vorstellungen und Bewertungen auf die Dinge zu legen. In dieser Geisteshaltung entfaltet sich ein Verstehen der Zusammenhänge des Lebens.

Diese Achtsamkeit zu praktizieren, dafür steht die Zazen-Praxis. Sie zeigt sich als das direkte Handeln im Hier und Jetzt, und darin offenbart sich eine neue Wirklichkeit. Dieses unmittelbare, ganz natürliche Handeln ist absichtslos und frei von unheilsamen Vorstellungen und Erwartungen.

Yudo Seggelke beginnt mit Buddhas Kernaussagen, sie untermauert er mit Nāgārjunas Mittlerem Weg und setzt sie zu Dōgens Shōbōgenzō in Beziehung. Durch seine Akzentuierung und seine Erläuterungen werden seine Ausführungen zu einem Impuls für unseren Weg im Westen. Die wechselseitige Abhängigkeit, die Leerheit, die Kausalität geben uns die Aufgabe auf, genau hinzusehen, wie sehr wir doch an festen Vorstellungen von eigenständigen Entitäten haften und uns damit den Weg der Offenheit und Freiheit versperren. Gleichzeitig sollten wir erkennen, wie sehr alles miteinander in der ganzheitlichen Wechselwirkung verbunden ist und wir dadurch das Gesetz von Ursache und Wirkung nicht verdunkeln dürfen.

Yudo Seggelke greift die großen Fragen der heutigen Zeit auf und bezieht sie auf die großen Erkenntnisse Buddhas und seiner genialen Nachfolger Nāgārjuna und Dōgen. Ich gratuliere ihm zu diesem Buch, das uns einen wunderbaren Einblick in den Mittleren Weg schenkt und dabei unsere Fragen nicht außer Acht lässt.
Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich beim Lesen dieses Buches inspirierende Sternstunden.