Dienstag, 12. November 2019

Die Angst-Augen der Osterinsel: Ökologische Katastrophe und Zen-Buddhismus


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Die weit aufgerissene Augen der riesigen menschlichen Steinfiguren auf der einsamen Osterinsel sind Angst-Augen. Überall auf der Welt erzeugen die Augen Angst, wenn das Weiße rund um das Dunkle zu sehen ist. Wovor hatten die Einwohner dieser einst so blühenden Insel Angst und Panik? Die Figuren starren die Bewohner an und wenden Ihren Rücken der See zu, von der ihre Vorfahren vor etwa eintausend Jahren kamen. Was ist das furchtbare Geheimnis dieser Angst-Augen? ?

Neue Forschungen beweisen, dass die Insel durch See fahrende Polynesier besiedelt wurden. Wegen der guten Fruchtbarkeit der Böden, dem Fisch-Reichtum und der großen üppigen Wälder vermehrte sich die Bevölkerung in den folgenden Jahrhunderten auf fast zwanzig Tausend Einwohner.

Als Kapitän James Cook jedoch im Jahre 1774 dort landete, schrieb er in sein Logbuch, dass er noch nie so elende Menschen gesehen habe. Hier hatte sich eine furchtbare ökologische und menschliche Tragödie bis zur der Ankunft der Europäer ereignet. Cook schreibt:

"Die Natur hat diese Insel kaum mit irgendetwas ausgestattet, was für den Menschen zu essen oder zu trinken gut sein könnte". 

Die Wälder wurden abgeholzt und der Boden ausgebeutet. Der dauernde Wind erodierte den Boden immer mehr. Um überirdische Kräfte für die Hilfe der Menschen zu aktivieren, wurden in größter Not und mit gewaltigem Aufwand die riesigen Stein-Figuren erarbeitet und über viele Kilometer an die Küste transportiert. Für den weiten und schwierigen Transport der Tonnen-schweren Figuren wurde sehr viel Holz verbraucht. Aber geholfen hat es nicht. Durch grausame Bürgerkriege und den Zerfall der Gesellschaft wurde die Bevölkerung drastisch dezimiert, vermutlich etwa auf ein Zehntel in der Blütezeit der Insel. Die Nahrungsmittel waren viel zu knapp und ohne Holz gab es keine Kanus für den Fischfang. Es ist nachgewiesen, dass die Menschen sogar zu Kannibalen wurden.

Wie die Gehirnforschung nachgewiesen hat, vermindert andauernde Angst die menschliche Vernunft, Empathie, Planungs-Kapazität, Moral, soziale Intelligenz und Kreativität ganz erheblich. Das wird im Gehirn maßgeblich durch die Aktivierung des sog. Mandelkerns bewirkt. Die Menschen vegetieren dann meist in einem primitiven "Tier-Modus", den es nicht einmal bei Tieren gibt. Und genau das passt zu den Angst-Augen. Die ökologische Katastrophe und der Angst-Modus führten dann zum unaufhörlichen Niedergang der Gesellschaft.

Wie könnte nun der Zen-Buddhismus den Niedergang verhindern und den Menschen ein gutes Leben ermöglichen?

Die Zen-Meditation kann Stress und Angst signifikant vermindern. Das gemeinsame stressfreie Handeln im Hier und Jetzt, Flow, kann den Ertrag an Nahrungsmitteln nachhaltig verbessern. Besonders wichtig ist der sorgsame und schonende Umgang mit der Natur, hier also das Gleichgewicht von Wald, Anbaufläche und Düngung. Vor allem brauchen die Menschen in Notsituationen Klarheit, um die wirklichen Probleme zu erkennen und sie brauchen Kreativität, um die Probleme wirklich zu lösen und den Alltag gut zu gestalten. Außerdem geht es um das Gleichgewicht und die Wechselwirkung von spirituellem und praktischem Handeln

Buddha nannte das: "Gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung": daher geht es je nach der konkreten Situation um aktives Gestalten oder kluges Geschehen-Lassen bei guter sozialer Vernetzung. Also das Heilsame aktiv gestalten und das Unheilsame unterlassen. Dogmatische Extreme führen ins Unglück und Leiden, richtig ist dagegen der Mittlere Weg. Das Drama auf der Osterinsel hat sich besonders durch den Niedergang der Ethik und den Zerfall der menschlichen Ordnung immer mehr beschleunigt: bis zum Kannibalismus. Weder Angst, Dogmatismus, Leichtsinn noch Hass und Gier konnten von den Menschen gesteuert und kontrolliert werden.

Machen wir es besser mit unseren Planeten Erde! Von Außer-Irdischen werden wir keine Hilfe bekommen. Wir müssen selbst achtsam sein, vernünftig denken und planen, nachhaltig mit unseren begrenzten Ressourcen umgehen und tatkräftig gemeinsam handeln.


Freitag, 1. November 2019

Buddha und der Kampf-Modus auf den Straßen


Ein Mitarbeiter des "Gelber Engels" beklagt seit 2014 zunehmend bei Pannen und Unfällen: "Eine solche Härte habe ich noch nie erlebt". Wie kann man mit solcher menschlichen Härte und Unduldsamkeit gegenüber den wahren Helfern umgehen?

Der ADAC bietet daher bestimmte Kurse für Konflikte im Straßenverkehr an. Was wird dort gelernt? Aktives Zuhören, Empathie, De-Eskalations-Techniken in der Kommunikation und die Besänftigung verärgerter Mitglieder. Und offensichtlich besonders wichtig: Souveräner Umgang mit einem Senior, der meint alles bereits zu wissen. Oder muss man sagen "Alles besser zu wissen als die gelben Engel" und dadurch in Wirklichkeit die effiziente Hilfe massiv behindert?

Viele Autofahrer sind im "Kampfpilot-Modus" unterwegs, so der ADAC. Aber irgendwann kommt gegenüber den Helfern dann doch der Satz: "Wissen Sie, das geht gar nicht gegen Sie..."

Was ist nun der Kampf-Modus? Das sind Verhaltensweisen, bei denen das aufgebrachte Ich, also der aggressive Ego-Modus, die alleinige Herrschaft über den Menschen hat. Dann sind Vernunft und Ethik in unserem Geist und unsere Psyche tatsächlich abgeschaltet, die Vernunft ist tatsächlich offline. Dieses Abschalten kann nach der heutigen Gehirnforschung einfach erklärt werden: Die Gehirn-Module der Steuerung von Vernunft, Planung und Ethik werden abgeschaltet und es wird Adrenalin ins Blut ausgeschüttet. Es dauert übrigens mindestens 10 bis 15 Minuten, bis das Adrenalin abgebaut ist. Erst dann können unser Vernunfts-Module im Gehirn wieder normal arbeiten und sie sind online. Erst dann sind Freundlichkeit und Empathie wieder im neuronalen Netz online zugeschaltet und kommen zum Zuge. Solange sollte man also warten.

Dieser Kampf-Modus war in den Frühzeiten der Menschheit (vor 1,5 Mill. Jahren !) bei sehr großen Gefahren und  bei Todesangst existentiell für das eigene Überleben. Er wird heute immer noch fälschlich als Helden-Modus besungen, aber das ist ein fast tragischer Irrtum. Vereinfacht gesagt: Wer im Kampf-Modus ist, handelt im aggressiven  Tier-Modus!

Also besonders wichtig: Gelassen bleiben und nicht selbst in den ungesteuerten Kampf-modus verfallen, auch nicht bei Beleidigungen und Aggressionen des anderen. Sie sagen sicher: Leichter gesagt als getan.

Dabei hat sich Buddhas zentrale Weisheit bewährt: Der Mittlere Weg und die Gelassenheit sind für das Zusammenleben und zum Wohlbefinden von zentraler Bedeutung. In den Grundlagen der Achtsamkeit sagt Buddha weiter: Ärger und Hass sind keine ewigen Phänomene, sie entstehen, dauern eine Weile an und vergehen dann wieder. Durch Meditation lernen wir, dass Ärger und Hass seltener entstehen und schneller wieder vergehen. Und den Kampfmodus braucht man in der heutigen Gesellschaft wirklich sehr selten. Dieser Modus ist im Straßenverkehr völlig sinnlos. Nutzen Sie den kontrollierten Kampfmodus lieber politisch für den Schutz unserer Natur und einer menschen-freundlichen Umwelt.

Der Kampfmodus ist nicht die wahre Natur des Menschen, sondern eine Konstruktion des Geistes und der Psyche, die heute auf der Straße gar nichts bringt und sogar gefährlich ist. Wie Buddha sagt: Er entspricht nicht der wahren Natur des Menschen. Denn der Mensch ist das sozialste aller Lebewesen auf diesem schönen Planeten.

Es fragt sich, welches Ich eigentlich verletzt und beleidigt wird? Ist es vielleicht ein Konstrukt ohne positive Wirksamkeit und nicht real? Ein solches absolutes Ich gibt es nach Buddha in der Wirklichkeit nicht. Die Beleidigungen und verbale Verletzungen des fiktiven Ichs, das nicht wirklich existiert, gehen also voll ins Leere. Die Aggressionen treffen in Wirklichkeit überhaupt Nichts, sie sind Schattenboxen und treffen Luftlöcher. Die Realität des Menschen besteht nach Buddha aus den fünf Komponenten des Menschen, den Skandhas, die in Wechselwirkung mit einander funktionieren. Aber es gibt keinen zentralen Ich-Kern, der Zielscheibe der Aggressionen und Beleidigungen sein könnte. Das ist die Leerheit des Ich-Kerns, nicht mehr und nicht weniger. Diese tiefe Wahrheit ist bei Aggressionen im Straßenverkehr besonders nützlich. Was ist der Kampfmodus? Ein Kampf gegen etwas, das es nicht existiert, das leer von der Fiktion einem solche Ich-Kerns ist.

Damit ergibt sich eine erstaunliche Tatsache: Ohne diesen Kampf-Modus ist unser Gehirn und unser Geist voll funktionsfähig. Dagegen ist ein ganz wichtiger Teil des Gehirns in diesem Kampf-Modus  abgeschaltet und  dadurch kann unser Geist gar nicht richtig funktionieren. In Buddhas Sprache heißt das: Wenn der Geist leer und ohne diesen Kampfmodus ist, handel der Mensch natürlich, im Gleichgewicht und mit voller Leistung. Damit ist die buddhistische Leerheit gut beschrieben. Oder vereinfacht: Ohne diesen Kampf-Modus kann sich wirklich die Erleuchtung des gesamten Körper-und-Geistes ereignen. Genau im Jetzt!

Wenn Sie also im Kampf-Modus angegriffen werden, reagieren Sie bitte nicht mit Ihrem eigenen Ich-Modus eines fiktiven Ego. Eine solches Ego und einen solchen Âtman gibt es gar nicht. So entgehen Sie der Ego-Falle. Denn der Ich-Âtman ist leer wie der Kampf-Modus: Sie können aber im Gleichgewicht und in Ihrer Mitte bleiben und ersparen sich dauernden Stress, viel Ärger und ungebremste Wut, die Ihnen selbst am meisten schaden. Wem denn sonst?

Dadurch stärken Sie gleichzeitig Ihr Immun-System, haben mehr Lebens-Power, Freude und sind weniger krank!


Freitag, 25. Oktober 2019

Meditation: Sei vertraut mit dir selbst!





Meister Deshimaru sagt zum Zazen:
“Zazen-Praxis ist der Prozess des mit sich selbst Vertraut-Werdens. Man schaut nicht außerhalb seiner selbst. Beim Zazen ist es notwendig, dass Sie sich auf Ihre Haltung konzentrieren; Sie müssen jedoch den Körper nicht vergessen.“

Der Zen-Buddhismus lehrt uns in Theorie und Praxis, wie wir zur Wirklichkeit und Wahrheit selbst gelangen und damit ein freies, friedliches Leben voller Klarheit und Freude führen können. Dabei ist die Zazen-Praxis oder, wie es im Indischen heißt, der Samadhi, der Kern der Übung. Beim Zazen werden Gedanken, Bilder und Emotionen zum Verschwinden gebracht, so dass der gewöhnliche meist hektische und gestresste Alltagsgeist überschritten wird. Wir befreien den wahren Körper-und-Geist vor allem von quälenden und einengenden Vorstellungen. Und wir erlernen dabei fast von selbst eine wirkungsvolle Selbst-Steuerung und Selbst-Kontrolle, die wir so dringend benötigen

Der große Zen-Meister der Neuzeit, Kodo Sawaki, sagt: „Alle klagen, so beschäftigt zu sein, dass sie keine Zeit mehr haben. Warum sind sie so beschäftigt? Es sind bloß ihre Illusionen, die sie beschäftigt halten. Wer Zazen übt, hat dagegen Zeit.“
Das wahre Selbst, das sich uns durch diese Übungspraxis intuitiv und ganzheitlich eröffnet, hat also den Bereich der kleinliche Unterscheidung von Ich und Du, von Ich und Welt, von Subjekt und Objekt verlassen und überwunden. Und er gewinnt buddhistische Automonie: "Wir haften an nichts in der Welt", wie Buddha sagt


Dôgen sagt in der kräftigen Sprache eines Dichters zum Zazen:
„Mit einem Mal überschreiten Millionen Dinge und Phänomene der Welt die Grenzen der verengten Erfahrung und Erkenntnis. Wir sitzen aufrecht wie der König (Gautama Buddha) unter dem Bodhi-Baum und drehen in einem Augenblick das große Dharma-Rad, das in seiner vollkommenen Ausgewogenheit nicht Seinesgleichen hat. Die Menschen verströmen den höchsten, natürlichen und tiefgründig-einfachen Zustand des Prajñā (der umfassende Weisheit).“

Wer im Zazen sitzt, erfährt intuitiv und ganzheitlich, dass er den Körper und den denkenden Geist, fallen lässt und die festgefahrenen Ansichten, rotierende Gedanken und aufwühlende Gefühle jäh abschüttelt. Er schüttelt auch und gerade das kleine, ängstliche oder aggressive Ich ab. Dies ist nach Meister Nishijima die erste Erleuchtung und bereits die tatsächliche Erfahrung, ein Buddha zu sein. Die erste Erleuchtung ist kein willentliches Tun, nicht das Erreichen eines vorgestellten Ziels, denn gerade dadurch würde das wahre Handeln des Zazen unmöglich, es würde verhindert. Die erste Erleuchtung ereignet sich natürlich. Es ist wichtig, regelmäßig zu praktizieren, besonders wenn man nicht gut drauf ist, wenn es uns also schlecht geht! Das kann ich voll und ganz bestätige, aus langer Erfahrung in meinem Leben.

Was die erste Erleuchtung ist, können wir uns vorher nicht theoretisch ausdenken. Ganz einfach: Tut es einfach, just do it. Von zentraler  Bedeutung sind allerdings der feste und klare Wille zur Wahrheit und das tiefe Vertrauen darauf, dass die Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens und der Welt unser Leiden überwindet und auflöst. Und diese Vertrauen bewahrheitet sich wirklich. Es ist auch Teil des Achtfachen Pfades von Gautama Buddha. Wenn der Wille zur Wahrheit den Menschen auf den Buddha-Weg geführt hat und Zazen praktiziert, ereignet sich die erste Erleuchtung unmittelbar, und dann verschwinden die Gedanken des gewöhnlichen Verstandes und die von Gier gesteuerten Emotionen und Ängste. Damit verflüchtigen sich quälende Zwangsvorstellungen und Zwangsbilder und wir gelangen zur Freiheit.

Ich möchte es für unsere von medialen Informationen und Fake News schwer gezeichnete Welt radikaler ausdrücken: Ohne Meditation können wir heute kaum ausgeglichen und weitgehend stressfrei leben. Zazen ermöglicht gerade unser modernes natürliches Leben. Ohne Zazen wird es verdammt schwierig für uns.

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Meditation, die kosmische Energie des wahren Selbst



Zen-Meister Deshimaru sagt zur Zen-Meditation:[1]

"Das Ich verschwindet, wenn es dem Kosmos folgt, der Kosmos zerfällt wenn er dem Ich folgt. Wenn wir uns (beim Zazen) auf unsere Haltung und die Atmung konzentrieren, können wir unser Bewusstsein, das Bewusstsein unseres kleinen Ichs, aufgeben Das bringt uns in Übereinstimmung mit der kosmischen Ordnung. So vollzieht sich die Harmonisierung von Ich und Kosmos außerhalb des bewussten Willens" Ein kosmisches Zen sollte als Buddha-Zen bezeichnet werden."

Nach meiner Erfahrung aus vielen Jahrzehnte der Meditation mit der Methode des Zazen und deren positiver langfristiger Wirkung, kann ich Zazen nur als natürliches Wunder bezeichnen. Deshimaru spricht vom kosmischen Zen.

Und dieses natürliche Wunder ist tatsächlich Realität, also keine Selbst-Täuschung und keine Illusion. Es ist ein Wunder der Verwirklichung des wahren Selbst von Körper-Gefühlen-und-Geist. In einer Zeit zunehmender Aggression, zunehmenden Frust und dauerndem Stress kann man wirklich auf diese Meditation bauen. Zazen ist heute mehr de je wichtig zum Überleben!

Zen-Meister Dogen beschreibt die Eckpunkte des Zazen im ersten Kapitel der Suche nach der Wahrheit, Bendōwa, seines großen Werkes Shobogenzo und vertieft diese Thema im weiteren Teile seines Werkes[2]. Er hatte Zazen erst in China kennengelernt und geübt und dadurch das große Wunder der Erleuchtung selbst erfahren. Das wurde von seinem Meister offiziell bestätigt. Dieses erste Kapitel haben als mit "Suche nach der Wahrheit" bezeichnet, und zwar nicht nach einer abstrakten und abgehobenen intellektueller Wahrheit, sondern nach der Wahrheit unseres eigenen ganz konkreten Lebens

Dieses erste Kapitel beinhaltet ein Gespräch über die Praxis des Zazen, die ganz wesentlich für den Weg des Buddha-Dharma zur Befreiung von geistigen und körperlichen Verkrampfungen und zum Erwachen ist. Es steht am Anfang des vierbändigen Werkes Shōbōgenzō, das aus 95 Kapiteln besteht. Dôgen hat dieses Aussagen nicht zufällig an den Anfang seines umfassenden Werkes des Zen-Buddhismus gestellt

Die Praxis des Zazen ist nach Dōgen das „Tor des Friedens und der Freude zum Dharma“ und löst Hindernisse und Blockaden des Denkens und Fühlens auf. Körper und Geist sind in unserem normalen, ungeschulten Bewusstsein eng mit der Vorstellung und Fixierung auf ein Ich verbunden. Diese Ich fühlt sich mehr den je bedroht, es ist auf sich selbst konzentriert und will meist irgendetwas unbedingt haben oder abwehren. Das sind im Buddhismus Gier und Hass, zwei von den drei Giften des Lebens. Und heute gibt es die Epidemie der digitale Informations-Sucht, die den Menschen zum Zombie macht. Zazen kann uns zurück zum Gleichgewicht, zur Ruhe und zum Selbstvertrauen bringen. Es ist eine sehr wirkungsvolle Methode. Der Lehre Buddhas zufolge liegen in der Sucht und Gier viele Ursachen für das Leiden des Geistes der Psyche und  Körpers.






[1] Shinjinmei, Meister Sôsan, übersetzt von Taisen Deshimaru-Rôshi, S. 101, Kristkeitz Verlag
[2] Shobogenzo, Die Schatzkammer des wahren Dharmaauges, deutsche Fassung, , Kristkeitz Verlag, S. 27 ff.

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Mit Achtsamkeit gegen Anhaftung



Achtsamkeit ist heute in aller Munde. Daher lohnt es sich, die authentischen Aussagen Buddhas zu befragen. Im Sutta "Grundlagen der Achtsamkeit" fasst er in erstaunlich kurzer Form ganz Fundamentales zusammen:

„Ein Körper ist da, so ist seine Achtsamkeit gegenwärtig. Soweit es eben dem Wissen dient, soweit es der Achtsamkeit dient. Unabhängig lebt er und haftet an nichts in der Welt.“[i]

Achtsamkeit ist die genaue unverstellte Selbstbeobachtung von Körper, Gefühlen, Geist und geistigen Gegebenheiten, also den Dingen und Phänomenen. Achtsamkeit ist wie ein Kompass zur eigenen Befreiung, denn die allgemeinen buddhistischen Wahrheiten sind Hilfen und ersetzen nicht den eigenen Weg der Befreiung. Das gilt für alles Gesagte und Geschriebene, also gerade wenn die Lehren von anderen übermittelt. werden. Wer nicht versucht, sich selbst unverzerrt genau zu beobachtet, kann seine eigene Befreiung nicht erkennen und schon gar nicht steuern. Achtsamkeit erfordert daher auch Mut, die eigener Baustellen und Unwahrheiten möglichst genau zu sehen. Und jeder hat ja solche eigenen Baustellen. Denn:

Reden ist Silber, Handeln ist Gold!

 Das gilt im Buddhismus für alle Lebensbereiche, denn Erbauung, Empörung oder Resignation reichen nicht. Das ist zu wenig. Wenn nach Buddha ein Mönch oder ein anderer Mensch die Achtsamkeit in der Gegenwart, also im Augenblick, übt und praktiziert, dient dies dem Wissen über seine eigene Wahrheit. Damit ist auch gemeint, dass scheinbar wunderbare Spekulationen und Illusionen für den Befreiungsweg wenig sinnvoll und hilfreich sind.

Beim Wissen geht es darum, wie wir Erleuchtung erlangen und unser eigenes individuelles Leiden überwinden und nicht um intellektuelles Wissen und auswendig Gelerntes.

Außerdem heißt es, dass alles der Achtsamkeit selbst dienen soll, indem wir uns klar machen, dass „ein Körper da ist“, wir also eine möglichst unverzerrte und direkte Verbindung zur Wirklichkeit des Körpers haben. Das gilt, ob wir diese Wirklichkeit nun absolut vollständig erfassen können, was ich persönlich nicht für möglich halte, oder nicht. Aber wir können so das Wissen der Wirklichkeit zur eigenen Befreiung und Weiterentwicklung verlässlich aufbauen und vervollständigen. Dabei hilft uns der Buddhismus.

Der zentrale Satz im Zitat lautet
„Unabhängig lebt er und haftet an nichts in der Welt.“

Damit ist unsere Entwicklung präzise charakterisiert: Wie nämlich jeder Mensch die Abhängigkeiten, und Fixierungen, das Übelwollen, Suchtverhalten, die Gier, den Hass und Neid erkennt und überwindet. Er kommt damit auf den Mittleren Weg zur Befreiung und zu einem zufriedenen Leben, in dem er seine nahezu unerschöpflichen Möglichkeiten erkennt und seine Potenziale entwickelt. Das beweist auch die moderne Gehirnforschung und Neuro-Wissenschaft. Also: ohne Achtsamkeit und Selbst-Beobachtung keine Lebensfreude und Entwicklung.




[i] Gäng, Peter: Medeitationstexte des Pali-Buddhismus, Bd. I

Samstag, 28. September 2019

Handeln im Jetzt: Klarheit, Power und Entscheidungskraft

(Von Zen-Meister G. W. Nishijima)


Große Erfahrungen und überhaupt das wahre Erleben im Hier und Jetzt finden genau im gegenwärtigen Augenblick statt. Dies hat im Buddha-Dharma eine sehr große Bedeutung, weil wir im gegenwärtigen Augenblick die Wirklichkeit und die Wahrheit selbst erleben und erfahren. Auch das Handeln findet im gegenwärtigen Augenblick statt. Wann denn sonst? Können Sie in der Vergangenheit oder in der Zukunft real handeln?? Sicher nicht. Und so ist es auch ganzheitlich in unserem Leben. Die Augenblicklichkeit des Lebens und des Universums stehen in der Lehre und in der Praxis des Buddhismus im Mittelpunkt. Das Handeln im Augenblick bei der Zazen-Praxis ist mit der ersten Erleuchtung identisch und bedeutet, dass wir den Bodhi-Geist[i] erwecken.

Dōgen sagt hierzu:
„Wer auf des Tathagatas (Buddhas) Schatzkammer des wahren Dharma-Auges und den wunderbaren Geist des Nirvana vertraut, glaubt auch an den Grundsatz der Augenblicklichkeit des Erscheinens und Vergehens aller Dinge.“

Eine solche intuitive Weisheit und Klarsicht übersteigt bei Weitem das übliche verstandesmäßige Denken und intellektuelle Ideen, seien sie auch noch so anspruchsvoll, komplex und scharfsinnig. Diese intuitive Weisheit und die volle Gegenwart und Freiheit des Handelns werden im Buddhismus gelehrt und praktiziert. Dann können wir sagen, dass es uns dann wie „Schuppen von den Augen fällt“ und wir im Einklang mit der Welt und dem Universum handeln und leben.

Wir können uns dann selbst erkennen, wie wir wirklich sind und werden. Dann handeln wir ohne Zögern und Hemmnisse unmittelbar, ethisch richtig und entschieden, so wie es die Situation gerade erfordert.

Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, ist die westliche europäische Philosophie am Endpunkt der alten Kontroverse von Idealismus und Materialismus angelangt und sucht nach neuen Wegen, die nach meinem Verständnis von den großen Meistern des Buddhismus bereits gegangen worden sind. Beispielhaft (für das westliche Verständnis) möchte ich  das Werk des deutschen Philosophen Martin Heidegger „Sein und Zeit“ nennen. Das Handeln im gegenwärtigen Augenblick ist demgegenüber zugleich die Wahrheit und Wirklichkeit, es vollzieht sich hier und jetzt. E

Handeln und Tun ereignen sich in der Ganzheit von Subjekt und Objekt sowie von Körper und Geist. Dadurch werden wir frei und haben ein erfülltes und freudiges Leben. Dies ist die Überwindung des Leidens.

Es ist sicher unbestritten, dass Ethik und Moral im Buddhismus von fundamentaler Bedeutung sind und dass vor allem die Übereinstimmung von Reden, Denken und Handeln gelehrt und erlernt wird.[ii] Hierbei ist die Praxis des Zazen genauso wichtig wie das alltägliche Handeln (Flow) auf dem Buddha-Weg. Aber auch die buddhistische Lehre, die im Shōbōgenzō von Meister Dōgen formuliert wurde, ist unverzichtbar.

Zazen ist die reinste Form des Handelns, und indem wir physisch im halben oder ganzen Lotossitz mit aufrechter Wirbelsäule sitzen, kommt das vegetative Nervensystem automatisch ins Gleichgewicht und zur Ruhe. Dieses geistige und körperliche Gleichgewicht gibt uns Kraft und Gelassenheit, es macht uns handlungsfähig und gesund. Es übersteigt das verstandesmäßige Denken oder die irritierenden Gefühle sowie die Genusssucht. Dieses Gleichgewicht ermöglicht intuitive Klarheit, Weisheit und Entscheidungskraft. Der Buddhismus ist die Verbindung von Lehre und Praxis, und er umfasst das ganze menschliche Leben und Universum




[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 3, S. 312ff.
[ii] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 121ff.

Dienstag, 17. September 2019

Ursachen auf unserem Weg zum Glück und Klima geht uns alle an


(Von G. W. Nishijima, aus meinem Buch "Sternstunden des Buddhismus")




Das Gesetz von Ursache und Wirkung hat im Buddhismus eine zentrale Bedeutung für uns selbst und für andere. Und auch Zen-Meister Dōgen bekennt sich zu dieser Wahrheit. In dem Shōbōgenzō-Kapitel „Tiefes Vertrauen in das Gesetz von Ursache und Wirkung“ kommt dies in aller Klarheit zum Ausdruck.[i]

Diese fundamentale Gesetz legt den Schwerpunkt auf die Verantwortung für das eigene Handeln. Es betrifft zunächst die Lebensphilosophie des Materiellen und der Naturwissenschaft, die im Buddha-Dharma als Teilwirklichkeit geschätzt und anerkannt wird. Auch Meister Dōgen beschreibt in verschiedenen Kapiteln die physische Welt und, wie wir heute sagen würden, die Gesetze der Naturwissenschaft. Der große Wissenszuwachs der modernen Zeit ist ja nicht zuletzt in diesem Bereich entstanden und steht keinesfalls im Gegensatz zur buddhistischen Lehre.
Besonders deutlich wird dies in den Kapiteln des Shōbōgenzō „Das verwirklichte Leben und Universum“, „Das ganze Universum ist eine leuchtende Perle“[ii] und „Die Stimmen des Tales und die Form der Berge“[iii].



Das Gesetz von Ursache und Wirkung gilt im Buddha-Dharma jedoch auch für geistige und emotionale Zusammenhänge und nicht zuletzt für die Ethik und Moral des menschlichen Lebens. Es besagt, dass moralisch schlechte Taten unweigerlich auf den Urheber zurückschlagen, und zwar nach meiner festen Überzeugung noch in diesem Leben. Umgekehrt gilt dies auch für ethisch gutes Handeln, denn uns selbst kommt der „Nutzen“ daraus zugute und wir entkommen dem Leiden.

Das Gesetz von Ursache und Wirkung erklärt die Zusammenhänge im Zeitablauf oder, wie wir sagen, mit dem Verständnis der linearen Zeit. Dies wird auch von Meister Dōgen im Shōbōgenzō beschrieben. Aus dem Gesetz von Ursache und Wirkung gibt es keine Ausnahme. Es macht großen Sinn, wenn wir uns allem die positiven Wirkungen unserer guten Taten für andere Menschen klar zu machen und danach zu handeln. Und beim Handeln sind wir unmittelbar im Augenblick, hier und jetzt.

Yudos Kommentar: "Unser Glück und ein sinnvolles Leben haben wir zu großen Teilen in der Hand. Probleme wird es im immer wieder Leben geben. Aber wie wir unnötiges Leiden vermeiden, das können wir selbst steuern. Und dann verschwinden viele Probleme und deren Leiden. Buddha lehrt heilsames Denken, Handeln und Fühlen zu entwickeln und unheilsames zu vermindern oder besser ganz zu vermeiden. Damit wir das können, brauchen wir Klarheit und Erfahrungen, um das Heilsame entstehen zu lassen und das Unheilsame auszuschalten. Wir dürfen uns nicht von Gier steuern lassen. Deshalb sind die Ursachen für unser Handeln, Denken und Fühlen so außerordentlich wichtig!

Und weiter zur fatalen Schädigung der natürlichen Umwelt-Systeme und der verantwortungslosen Umwelt-Kriminalität: Wichtig ist die Vermeidung. Das Verursacher-Prinzip muss außerdem die Grundlage der Umweltpolitik sein. Die Jugend hat recht: Wer die Umwelt schädigt, muss zur Verantwortung gezogen werden, muss die Schädigung beenden und den Schaden wieder gut machen. Zum Beispiel der unglaubliche  Abgas-Betrug der Autoindustrie, alle haben dabei verloren. Für solche Ziele des Umweltschutzes habe ich fast 30 Jahre gearbeitet. Klima geht uns alle an und Mut zum Umweltschutz: machen Sie mit!"







[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 4, S. 237ff.
[ii] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 62ff.
[iii] ebd., S. 108ff.

Montag, 9. September 2019

Der Schlüssel zu Dogens Meister-Werk Shobogenzo


(Von G. W. Nishijima, aus "Sternstunden des Buddhismus")



"Wir haben einen Schlüssel, um Meister Dōgens Shōbōgenzō wirklich zu verstehen und nicht an scheinbaren Widersprüchen und Paradoxien zu verzweifeln. Dieser Schlüssel erschließt besser den großen Wert dieses Werkes. Ich habe ihn im Laufe meines langen Lebens entwickelt und immer mehr verfeinert. Es handelt sich dabei um die umfassende Lehre der sogenannten vier Sichtweisen oder Lebensphilosophien, die Meister Dōgen in dem Kapitel „Das verwirklichte Leben und Universum“ (Genjō-kōan) beschreibt.[i]

Die volle Wirklichkeit des Lebens und der Welt sind danach weder durch den intellektuellen Verstand noch durch die sinnliche Wahrnehmung allein ganz und vollständig zu erfassen. Denn beide ermöglichen nur Teilsichten und Teilwahrheiten, die durch ihre Einseitigkeit als umfassende Philosophien letztlich für das praktische Leben ungeeignet sind. Sie führen daher zwangsläufig zu verschiedenen Formen des Leidens führen.

Die beiden ersten Lebensphilosophien sind die im Westen vorherrschenden Lehren des Idealismus und Materialismus, des Denkens und der Materie. Gautama Buddha und Meister Dōgen zufolge muss als dritter Bereich das Handeln und Erfahren im gegenwärtigen Augenblick, also im Hier und Jetzt, hinzukommen. Dann können wir die enge Perspektive des Subjekts überschreiten und uns dadurch wesentlich befreien. Bei der Zazen-Praxis und im Alltag eröffnet sich durch das direkte Handeln im Hier und Jetzt eine neue Wirklichkeit, die zum Kern der buddhistischen Lehre gehört.

Die vierte umfassende Lebensphilosophie des Buddhismus ist das Erwachen oder die Erleuchtung, also die Befreiung. Sie enthält integrierend auch die drei ersten genannten Teilbereiche. Das Erwachen geht aber über diese Bereiche hinaus und bildet den „Schlussstein“ des buddhistischen Lehrgebäudes und der Praxis. Wenn die umfassende buddhistische Lehre im Einklang mit der Zazen-Praxis und dem täglichen Handeln steht, nenne ich das die zweite Erleuchtung. Meister Dōgen formuliert dies im Kapitel Genjō-kōan wie folgt:

„Selbst wenn dies alles so ist, fallen die Blüten, während sie geliebt werden, und wuchert das Unkraut, während es nicht geliebt wird.“[ii]


Siehst Du die dritte Katze? Anklicken: Was sie wohl meint.

Damit will er sagen, dass wir über unsere kleinen Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Erwartungen, an die wir uns klammern, hinausgehen müssen. Wir müssen sie als solche erkennen und ihnen die einengende Kraft nehmen, um zur Wahrheit des Buddha-Dharma und des Lebens zu gelangen. Denn diese wirkliche Welt ist so, wie sie ist: rein, ohne Bedauern, kraftvoll und voller Dynamik. Warum sollten wir ihr entfliehen? Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit den vier Lebensphilosophien den Schlüssel für die Lehren Gautama Buddhas und Meister Dōgens in der Hand halten und das großartige Werk Shōbōgenzō damit erschließen können."





[i] Sternstunden des Buddhismus, S. 57ff.
[ii] ebd., S. 311ff.

Samstag, 17. August 2019

Die Erste Erleuchtung im ZEN


(Von G. W. Nishijima)
Aus meinem Buch: "Stern-Stunden des Buddhismus"


"Durch das Sitzen werden Gleichgewicht und Harmonie ermöglicht, von denen wir heute wissen, dass sie die Balance des vegetativen Nervensystems ausmachen. Diese Zazen-Praxis bezeichne ich als die erste Erleuchtung, wenn sie sich verwirklicht.

Sie kann aber nicht auftreten, wenn sich intellektuelle oder andere unruhige Gedanken im Gehirn festsetzen, wenn Gefühle vorherrschen, wenn verzerrte Wahrnehmung dominiert oder man gierig nach irgendetwas verlangt, zum Beispiel auch nach der großen eigenen Erleuchtung. Besonders schädlich sind die Gier nach Ruhm, Ansehen, eigener Wichtigkeit, Macht oder Profit und der damit verbundene Stolz.

Daher ist es so wesentlich, durch Shikantaza ("Nichts-als-Sitzen") nicht unbedingt irgendein „großartiges“ Ergebnis wie die Erleuchtung erlangen zu wollen und sich nicht auf irgendetwas Spezielles zu konzentrieren. Besonders starke Affekte verhindern das "Nichts-als-Sitzen". Vielmehr kommt es darauf an, die richtige körperliche Haltung einzunehmen und das Sitzen als Handeln zu verwirklichen. Nur dann wird sich die erste Erleuchtung bei der Zazen-Praxis wie von selbst ereignen.

Gautama Buddha hatte im damaligen Indien zunächst versucht, durch die bekannten Formen der Meditation und geistigen Konzentration sowie durch extreme Übungen der Askese die Befreiung und das Erwachen zu erlangen und war dabei gescheitert. Die damals in Indien gelehrte Philosophie des Idealismus, bei dem Gedanken, Ideen, Vorstellungen und Ideale vorherrschend waren, hatte nicht zum ersehnten Erwachen geführt. Aber auch die materielle Lebensphilosophie, die behauptet, allein die Wahrnehmung, Beobachtung und der sinnliche Genuss seien wirklich, hatte sich für ihn als Sackgasse erwiesen. Auch Skeptizismus und Nihilismus, die es schon damals als Denkrichtungen gab, führten nicht zum Erwachen.


Schließlich erkannte Gautama Buddha beim Zazen und dem Leuchten des Morgensterns, wie Meister Dōgen es ausdrückt:

Die ganze Erde und alle Lebewesen verwirklichen zusammen die Wahrheit.“

Ihm wurde plötzlich klar, dass er über das gewöhnliche unterscheidende Denken und die übliche vordergründige Wahrnehmung hinausgehen musste, um die Wahrheit und Wirklichkeit der Welt direkt zu erfahren und zu erleben. Dazu benutzte er die Praxis des Zazen in der seit Langem bekannten Yogahaltung des halben oder ganzen Lotossitzes.

Durch den einfachen Akt des Sitzens im Augenblick und im Hier und Jetzt verlassen wir das oft quälende dualistische Bewusstsein von Körper und Geist. Wir erfahren unser Leben im Einklang und in der Harmonie mit dem Universum ganzheitlich und unmittelbar intuitiv. In der wirklichen Erfahrung des Zazen können wir den Buddha-Dharma vollkommen verwirklichen, wenn wir, wie ich immer wieder betone, zweimal täglich diese Übung praktizieren."


Samstag, 10. August 2019

Erwachen , Zazen und das Wunder der Natur



In der Frühjahrs-Sesshin haben wir uns mit dem Erwachen und der Zazen-Meditation beschäftig, die mein Lehrer Nishijima Roshi die erste Erleuchtung nennt. Dieses Erwachen und diese Erleuchtung können wir jeden Tag praktizieren, wenn wir richtig meditieren.

Dann lassen wir "Körper und Geist" fallen, wie ein alter Zen-Meister sagte, und finden tiefe Ruhe und stabiles Gleichgewicht. Dann sind wir nicht an rotierende Gedanken und Gefühle gefesselt, sondern lassen sie wegfallen. Die Bilder des großen Zen-Meiters Kodo Sawaki zeigen das in aller Klarheit. So wird das Hemmnis der Hektik und Angst des modernen  Lebens außer Kraft gesetzt. Dann schaffen wir Energien, um aktiv zu leben und keine Trägheit in unserem Leben aufkommen zu lassen.

Eines der Sieben Faktoren der Erleuchtung ist die Genauigkeit gerade im Alltag, besonders mit anderen Menschen im sozialen Kontakt. Wir wissen aus der Gehirnforschung, das kurze gute Kontakte mit anderen Menschen eine hohe Bedeutung für unser Leben haben und soziale Freude bewirken. Das ist das gemeinsame Entstehen der Freude in Wechsel-Wirkung, die Buddha so außerordentlich wichtig einschätzt. Also genau hinsehen, genau einfühlen und möglichst genau verstehen, was der andere sagt und meint.

Die genaue Beobachtung und Erfahrung der Natur lässt uns den trennenden Dualismus von isolierten Objekten und oberflächlichem Multi-Tasking überwinden. Denn die Natur ist das größte Wunder. Und wir müssen sie nachhaltig bewahren und schützen. Das hat die junge Generation der Schülerinnen und Schüler klar erkannt und sie demonstrieren zu recht dafür.

Und bitte: Wir Ältere müssen aktiv gegen die Verödung und Verarmung der Natur angehen, und auch in den Kampf-Modus einsteigen, wenn es nötig ist. In der Ecke sitzen und empört sein, reicht nicht.

Ich staune immer wieder gerade über die ganz kleinen Lebewesen, wie sie es schaffen, in der Natur zu leben und zu handeln. Oder beobachten Sie unsere Vögel: Wie bewältigen sie das Wunder, allein und im Verbund fliegen zu können? So gab es manche Aussagen der alten Meister in China, dass ein arroganter Schüler sich an den Schwalben orientieren solle, bevor er schlaue Sprüche absondert und im Intellekt-Modus hängen bleibt. Recht hatten sie! Und unser Schwalben brauchen im Ökosystem Insekten und kein flächendeckendes Gift in einer jämmerlich verarmten Natur. Und wir brauchen unsere Bienen. 

Die Leerheit von Gier schafft die Fülle in unserem Leben.

Hier nun der link zum Video der Sesshin, Frühling in der Blockhütte: Anklicken


Freitag, 2. August 2019

Kernpunkte der Theorie und Praxis des wahren Buddhismus

(Von Gudo Wafu Nishijima)
Aus meinem Buch Sternstunden des Buddhismus, Band 1


"Meine eigene Lehre stützt sich neben Gautama Buddha selbst auf die genialen Meister Nagārjuna, Bodhidharma und vor allem auf Meister Dōgen. Ich habe bei meinen zahlreichen Vorträgen und Gesprächen in Asien, Europa und Amerika festgestellt, dass sich die Kernpunkte der Theorie und Praxis des wahren Buddhismus in der heutigen Zeit immer klarer herauskristallisieren und besser verstanden werden. Dies betrachte ich als große Hoffnung. Es wäre von großem Wert für die gesamte Menschheit, wenn der Buddhismus im Westen neue Kraft und Klarheit erlangt.

Welches sind nun die maßgeblichen Kernbereiche des Buddha-Dharma? Lassen Sie mich dabei zunächst kurz auf das Leben und die Erfahrungen von Meister Dōgen eingehen. Er wurde 1200 n. Chr. geboren und erlebte schon in früher Jugend schwere Schicksalsschläge, weil sein Vater und seine Mutter früh starben und er auf diese Weise bitter erfahren musste, dass das Leben endlich ist.

Dies mag der Grund dafür sein, dass er schon in jungen Jahren nach dem Sinn und der Wahrheit des Lebens und der menschlichen Wirklichkeit suchte. Er trat mit zwölf Jahren in ein buddhistisches Kloster ein und hatte sich nicht zuletzt wegen seiner überragenden Intelligenz und Beharrlichkeit schon bald die verschiedenen buddhistischen Lehren im damaligen Japan erarbeitet und sie durchdrungen.

Der junge Dōgen war nicht nur außergewöhnlich begabt, sondern auch überaus ehrlich sich selbst gegenüber, sodass ihn der damals in Japan gelehrte sehr theoretische und spekulative Buddhismus trotz besten Willens und großer Anstrengung nicht überzeugte.

Er entschied sich daher, nach China in das Ursprungsland des Zen-Buddhismus zu gehen. Auch dort erlebte er zunächst Enttäuschungen, bis er schließlich und fast am Ende der Reise seinem Meister Tendō Nyojō begegnete, der neben der fundierten Lehre des Buddhismus vor allem die Praxis des Zazen und das Handeln im Alltag in den Mittelpunkt des buddhistischen Lebens stellte. Tendō Nyojō hatte selbst viele Jahre lang einen wahren Meister gesucht, aber nicht gefunden. Solche großen Meister gab es zu jener Zeit nur noch wenige in China.

Zazen ist keine geistige Meditation, bei der die Konzentration auf ein Meditationsobjekt, zum Beispiel auf ein Thema oder ein Bild, auf den Atem, auf das Zählen oder auch auf die paradoxe Frage eines Kōans gerichtet ist. Zazen ist genau das Gegenteil, nämlich praktisches Handeln ohne diskursives Denken in Form des Sitzens in der richtigen Zazen-Haltung. Zazen ist gegenstandslose Meditation: einfach Sitzen.

Dabei stellt sich beim Menschen ein bestimmtes Gleichgewicht ein, und alle Gedanken, Gefühle und die normale Wahrnehmung verschwinden früher oder später. Dadurch befreit sich unser Geist von Grund auf. Nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen handelt es sich dabei vor allem um das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems, wenn die Aktivität und Spannung des einen Teilsystems – Sympathikus – und die Passivität und Entspannung des anderen – Parasympathikus – im Gleichgewicht sind.

Das japanische Wort „Shōbōgenzō“ bedeutet: der wesentliche Kern oder die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges, also des Buddhismus. Dieser kostbare Schatz der Lehre ist aus der Sicht von Meister Dōgen zusammen mit der Praxis des Zazen die umfassende Lehre des Gautama Buddha. Er beschreibt sie in seinen Lehrreden (Sūtras) sehr genau und hat sie, wie wir wissen und erfahren, an seine Schüler und an uns weitergegeben.

Was sind nun die Kennzeichen der Zazen-Praxis, die Meister Dōgen sehr umfassend lehrt?[i] Er führt die folgenden vier wesentlichen Bereiche auf:

(1) Das Überschreiten des üblichen unterscheidenden Denkens mit dem Verstand durch die besondere Art des „Nicht-Denkens“;

(2) Das regelmäßige Sitzen im Zazen in der richtigen Körperhaltung, die von Dōgen exakt beschrieben wird. Dieses Sitzen ist praktisches Tun, umfasst damit den ganzen Menschen und beschreibt wie im Yoga die körperliche Dimension als Grundlage des Handelns und des Geistes.

(3) Dōgen beschreibt das wirkliche Handeln und Erleben bei der Zazen-Praxis mit den Worten „das Fallenlassen von Körper und (denkendem) Geist“ und meint damit, dass wir uns von den Fesseln des Körpers und des gewöhnlichen Verstandes, die uns in unserem Leben so häufig einengen und quälen, befreien. Ich interpretiere diese von Dōgen formulierte Tatsache als das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems, das durch die Zazen-Praxis erreicht wird.

(4) Die Praxis des Zazen wird durch das japanische Wort Shikantaza beschrieben, das übersetzt etwa heißt „nichts anderes tun als sitzen“. Damit will Dōgen vor allem klarmachen, dass wir uns bei der Zazen-Praxis nicht auf ein vorgestelltes Objekt, also ein Thema, Ziel oder Kōan, konzentrieren sollen, sondern dass das richtige Sitzen selbst die wesentliche Übungspraxis ist."

Ergänzung: Zazen ist also direktes Handeln, das Körper, Geist und Psyche befreit von Ideologien, Vorurteilen und falschen Doktrinen. Das ist auch die Kern-Aussage von Nagarjunas großem Werk "Mittlerer Weg": Die Leerheit von irreführenden Doktrinen des Selbst sowie der Dinge und Phänomene, den Dharmas. 



[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 311ff.

Dienstag, 16. Juli 2019

Natürliches Gleichgewicht ohne Stress versus Unruhe und Angst

(Von Gudo Wafu Nishijima [i])
Aus meinem Buch Sternstunden des Buddhismus, Band 1

"Meister Dōgens großes Werk Shōbōgenzō („Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges“)[ii] habe ich über 40 Jahre eingehend studiert. Ich bin der festen Überzeugung, dass die von mir bearbeiteten Quellentexte auch für den Westen von unschätzbarem Wert sind. Die deutsche Fassung des Shōbōgenzō und dessen Einführung „ZEN Schatzkammer“ habe ich ausdrücklich unterstützt, weil damit das Verständnis der nicht einfachen Aussagen Dōgens im deutschsprachigen Raum für viele Leser wesentlich verbessert werden kann. Denn Dōgens Zen-Buddhismus ist wirklich authentisch!

Manche meinen, der Buddhismus eigne sich als Religion nur für jene Menschen, die sich aus dem beruflichen Alltag und gesellschaftlichen Leben in die Nische eines Klosters zurückgezogen haben und versuchen, dort auf einer „Insel der Seligen“ ohne die Ungerechtigkeiten und Schwierigkeiten des normalen Alltags zu leben. Andere glauben, dass der Buddhismus ausgesprochen lebensfeindlich oder gar nihilistisch sei.

Vor allem der Zen-Buddhismus sei, so eine verbreitete Ansicht, von lebensfeindlicher Askese und dem schmerzhaften Ringen um die große Erleuchtung (Satori, Kensho) geprägt, diese sei aber für einen „normalen“ Menschen ohnehin nicht erreichbar. Eine solche Sichtweise kann ich jedoch aus meiner praktischen Erfahrung und der in langem Studium gewachsenen Kenntnis heraus nur als völlig falsch bezeichnen – das Gegenteil ist richtig.

Wer sich aus der Wirklichkeit der Welt verabschiedet hat, gerät unweigerlich in einen ausweglosen Kreislauf von Illusionen, Leiden, Trugbildern, Ängsten und subjektiven Welten und kann von diesem Leiden nur dann befreit werden, wenn er zur Wirklichkeit des Lebens und der Welt und damit zur Wahrheit zurückfindet. Gautama Buddha hat dies erfahren und erkannt und uns die großartige Lehre des Buddha-Dharma geschenkt, die uns nicht zuletzt von Meister Dōgen authentisch übermittelt wurde. Sie gibt Stabilität, Ruhe und Gleichgewicht in unser Leben und wir können neue großartige Potentiale entwickeln.

Der Buddhismus lehrt nicht, dass das ganze Leben aus Leiden besteht, wie manchmal behauptet wird, sondern im Gegenteil: Er will uns praktisch gangbare Wege aufzeigen, wie wir das vorhandene oder zukünftige Leiden überwinden können. Dann können wir eindimensionale Weltanschauungen über Bord werfen, Ideologien und Verführungen schnell durchschauen und zu Gleichgewicht und Harmonie zurückfinden. Dies ist der Mittlere Weg und der natürliche Zustand des Menschen im Gleichgewicht. Mit Meister Dōgen bin ich der festen Überzeugung, dass die Meditationspraxis des Zazen in Verbindung mit der authentischen buddhistischen Lehre genau der richtige Weg ist, den wir beschreiten sollten."

Ergänzung:

Video: ZEN-Bogenschießen, natürlich treffen


Zum Bogenschießen: Meister Tosa hatte als einziger in der letzten Runde der internationalen Kyudo-Meisterschaft in Tokyo das Ziel getroffen. Er wurde gefragt:" Haben Sie bemerkt, dass die anderen gefehlt haben?" Antwort Tosas: " Ja, das habe ich. Selbst wenn die anderen daneben schießen, bleibt mein Job genau der selbe. Und ich bin dabei überhaupt nicht unruhig. Die einzige Frage ist, wie ich meinen eigenen Bogen selbst handhabe: Dass sich der Schuss des Pfeils natürlich löst (release), das ist es! Das ist die wahre Herausforderung. Dieses Ziel zu erreichen ist mein Ideal bis zu dem Tag, an dem ich sterbe." 

Wie der berühmte Autor Herrigel zum Bogenschießen schreibt: "Es hat geschossen." 
Oder auch: "Mach dein Ding!"




[i] Entnommen aus: Seggelke, Yudo J.: ZEN Schatzkammer. Einführung in Dogens Shobogenzo, 3 Bände
[ii] Dogen: Shobogenzo, deutsche und englische Fassung in vier Bänden