Sonntag, 15. Dezember 2019

Das Buddha-Momentum und wahres Ich




Der große Zen-Meister Dogen beschreibt im dritten Kapitel seines berühmten Werkes Shobogenzo, wie wir die Buddha-Wahrheit für unsere eigene Wahrheit entdecken, erlernen und entwickeln:[1]

Uns zu erlernen, ist Buddhas Wahrheit zu erlernen. Uns zu erlernen, bedeutet das falsche Ich zu vergessen. Um das falsche Ich zu vergessen, erfahren wir die vielen, vielen wahren Dharmas der Welt. Von den vielen Dharmas erfahren zu werden, bedeutet dass wir fallen lassen unseren Körper und (alten) Geist. Es bedeutet, dass wir den Körper und Geist der äußeren (alten) Welt fallen lassen.

Wir sollten uns also auf dem Buddha-Weg von vorgefassten und eingefahrenen Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen befreien, um offen für eine neue Entwicklungen der Wahrheit zu sein. Buddha bezeichnet diesen Befreiungsprozess von schädlichen und unnützen Prägungen als "Gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung", also besonders zusammen mit anderen Menschen und einer guten Gruppe.

Solche Prägungen sind vielfach unbewusst, aber auf dem Buddha-Weg trainieren wir, wie sie zur Ruhe kommen. Einengende Prägungen und negative Weltsichten können also durch buddhistische Praxis "wegtrainiert" werden und verschwinden damit. Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass gerade unser heilsamer Geist und unsere positiven Gefühle trainiert werden können. Dieses Training funktioniert ganz ähnlich, als wenn wir unserer Muskeln trainieren. Hast Du das gewusst? Und wir wissen ja: Ohne Training und Übung schrumpfen unsere Muskeln schneller als man denkt. Aber mit Training wachsen sie und werden kräftiger genau wie unser Geist und unsere Gefühle wachsen können.

Nach Dogen ist es notwendig, sich für die Vielfalt der lebendigen Welt zu öffnen, sie zu erfahren und uns so zu "trainieren". Abgrenzungen führen in die Einsamkeit. Es ist möglich, sich von den einengenden Fixierungen auf den subjektiven Körper und von festgefahrenen altem Geist, also dem erstarrten Ich, zu befreien. Dogen sagt dazu: „Körper und den (unnütz denkenden) Geist fallen lassen“. Wir können uns dann selbst wirklich erkennen und unser altes Ich vergessen:

„Zen-Geist ist Anfänger-Geist“ nannte das Meister Shunryu Suzuki. Wir sollten die oberflächliche sogenannte objektive Welt des Äußeren, den erstarrten Körpers und den eigenen ruhelosen Geist „fallen lassen“. Im Sinne von Nishijima Roshi bedeutet dies nichts anderes, als sich von den Lebensphilosophien des einseitigen Materialismus und der Ideologien zu trennen. Dadurch befreien wir uns von den beengten Vorstellungen und Gedanken-Konstrukten. Wir sollten uns auch nicht in der einseitigen Welt der sinnlichen Wahrnehmungen und in deren vordergründigen Genüssen verlieren. Denn solche Genüsse sind keine wirklichen Genüsse.

Die meisten Menschen haben sicher eine mehr oder minder feste Vorstellung von einem unveränderlichen eigenen Ego. Das blockiert die wunderbaren Möglichkeiten der Entfaltung des wahren Selbst. Der unbegründete westliche Glaube an einen erstarrten Ich-Kern führt ins Leiden. Das wahre Ich ist viel mehr! Gautama Buddha hat in aller Klarheit darauf hingewiesen, dass ein solcher Ich-Kern ein fataler Irrtum und eine sinnlose Illusion ist. Also:  das alte erstarrten Ich abtrainieren und vergessen. 

Dann wird das Buddha-Momentum des wahren Selbst verwirklicht.



[1] Dogen: Shobogenzo, Genjo koan, deutsche Fassung Nishijima und Linnebach Band 1, Seite 58; englische Fassung Nishijima und Cross Band 1, Seite 34

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