Freitag, 15. Juni 2018

ZEN: Magie des Augenblicks, Entwicklung und Ruhe



Gegenwärtig trainiere ich häufiger Bogenschießen: Ein großartiges Beispiel für die buddhistische Praxis, das Wunder des Augenblicks, das eigene Gleichgewicht, sowie Veränderung und Dynamik. Also Einüben in der Kunst des Zen als Weg des Bogens, des traditionell mit höchstem Können verleimte Bambus aus Japan. Es gibt dabei vier wichtige Zustände:

Man hat sich aufgestellt, hält den Bogen in einer Hand, hat den Pfeil in die Sehne eingenockt, schaut auf das Ziel und hält Bogen, Sehne und Pfeil in einer leichter Vorspannung.

Der Bogen ist angehoben, gespannt, in Spannung und Dehnung des Rückens und der Armen. Dies wird auch als Ankern bezeichnet

Das Wunder des Augenblicks, Gleichgewicht in höchster Spannung: Der Pfeil löst sich und schlägt in die Zielscheibe ein.

Man steht entspannt, bleibt ruhig und „hält nach“.

Das ist sicher eine Beschreibung wichtiger Zustände. Aber was fehlt? Haben wir mit diesen Zuständen den Prozess, den Flow, die Veränderung und Dynamik und das wahre eigene Erleben wirklich voll erfasst und beschrieben? Sicher nicht. Denn zwischen den Zuständen ereignen sich ja gerade Veränderungen und Wandlungen von Körper, Geist und Psyche. Diese darf man nicht verbergen und weggelassen. Die Magie des Augenblicks ist damit unlösbar verbunden!

Menschen sind keine Zustände von Gegenständen und Sachen. Von entscheidender Bedeutung sind gerade der Bewegungsablauf und fortlaufender Prozess. Sie bauen die für den Schuss notwendige Spannung auf, bei gleichzeitiger ruhiger Konzentration und Achtsamkeit. Es geht weiter zum entscheidenden Augenblick, zum Ereignis, auf den alles ankommt, der Schuss, die Magie des Augenblicks. Dann kommt das Loslassen des Pfeils, das Release: Wow, das ist es !

Die Bewegung zum Lösen des Pfeils muss im Augenblick der höchsten Spannung, ruhig und zügig erfolgen. Jede Verkrampfung sei es aus Angst, das Ziel zu verfehlen, oder sei es aus Überheblichkeit einer falschen Sicherheit und damit ohne klare Achtsamkeit, sind falsch und führen in der Wirkung gerade zu schlechten Schüssen.

Das Ziel kann mit einem verkrampften Geist nicht "wie von selbst" getroffen werden: Die Harmonie von Körper, Psyche und Geist im Augenblick kann sich nicht ereignen. Danach fliegt der Pfeil auf seiner Bahn zum Ziel. Man beobachtet diesen Flug, der umso besser zum Ziel führt, wenn bei ihm in klarer Aufmerksamkeit kein falscher Ehrgeiz zu Verkrampfungen führt. Dann würde das kleine Ich mächtig stören und sich bei jedem "Fehlschuss" ärgern!  Dann ist die Magie weg. Aber ganz im Gegenteil, gelungene Schüsse geben Freude, Lockerheit und geradezu eine spirituelle Klarheit des Hier und Jetzt. Genau darin liegt auch die Bedeutung des intuitiven und spirituellen Bogenschießens. Gute Augenblicke und Schüsse setzen sich durch den Tag als freudiges länger anhaltendes Ereignis weiter fort.

Den gesamten Ablauf des Bogenschießens können wir wie bei Buddha, Nagarjuna und Dogen als Prozess verstehen, der die drei Phasen hat: Entstehen, Andauern und Vergehen. Dabei hat Entstehen einen bestimmten Vorlauf und zur Ruhe-Kommen einen Nachlauf. Und alles hängt als lebender Prozess zusammen. Aber das Beste: Gelungene Schüsse, die Magie des Augenblicks, erzeugen eine fast unbegreifliche Freude, die noch länger anhält, manchmal einen halben oder ganzen Tag. Und sie lösen miese Stimmungen, Frustrationen und Enttäuschungen durch Dritte auf.

Es wird klar, dass der fortlaufende Prozess sich jeweils aus sich selbst entwickelt, sich mit der Übung immer mehr verfeinert und immer weniger willentlich gesteuert werden muss. Das trainiert die über den Verstand hinausgehende Intuition.

Bis es wie bei Herrigel heißt: „Es hat geschossen“. Das Entscheidende ist der Augenblick und der dynamische Ablauf, also der Prozess von Mensch, Bogen, Sehne, Pfeil, Ziel usw.. Nach dem Ablauf dieser Dreiheit Entstehen, Dasein und Vergehen, die beim japanischen Bogenschießen zwischen 6 und 20 Sekunden dauert, kann ein neuer Prozess für einen zweiten Schuss ablaufen.

Diesen Ablauf können wir als Dharma der Dynamik auffassen, da er die drei Phasen Entstehen, Andauern und Vergehen umfasst. Nagarjuna beschreibt dieses Phänomen im Mittleren Weg, MMK, in dem oft missverstanden siebten Kapitel. Beim Bogenschießen wird klar: Entstehen, Dasein, Augenblick und Vergehen können nicht getrennt werden, sie wirken aufeinander. Oder ganzheitlich: Gemeinsames vernetztes Entstehen in Wechselwirkung (pratitya samutpada).

Ich finde es erstaunlich, dass Buddha, Nagarjuna und Dogen jeder auf seine Weise diese grundlegenden Regeln des Lebens und seiner Entwicklungen so klar erkannt und präzise analysiert haben.

Philosophische Anmerkung: Heidegger hat sich in seinen späten Jahren wohl mit Zen beschäftigt. Für ihn ergibt sich das Ereignis als Zeit und Sein, also die Ganzheit von Sein-Ereignis-Zeit. Damit gibt es für ihn Sein in der Gegenwart (und damit im Augenblick) der Zeit. Die traditionelle Metaphysik des Seins, aus dem Seienden entwickelt, könne man auf sich beruhen lassen, (Vortrag 1962). Buddha und Nagarjuna könnten dem m. E. weitgehend zustimmen und Dogen würde zudem das Handeln im Augenblick betonen.

Sonntag, 27. Mai 2018

Der wahre und der vergiftete Pfeil

Buddha antwortete einem verunsicherten Schüler, der absolute und ewige Wahrheiten über das Ich und die Welt ganz genau wissen wollte, dass er so etwas gerade nicht lehren würde. Buddha fragte, ob er denn überhaupt versprochen habe, absolut zu erklären, ob die Welt ewig sei oder nicht ewig. Der Schüler gab zu, dass Buddha ein solches Versprechen nicht gegeben hatte. Buddha fragte ihn weiter, worüber er sich eigentlich beklagen würde und fügte hinzu:

„Wenn jemand sagte, er wolle so lange nicht den reinen Wandel (Meditation, Geistesschulung und Handeln) beim Erhabenen praktizieren, bis dieser ihn absolut über solche  Fragen belehrte, dann würde dieser nämlich sterben. Und zwar bevor der Erhabene ihn so etwas überhaupt lehren könnte.“

Buddha erzählte dem Schüler das berühmte Gleichnis vom vergifteten Pfeil und dessen eindringliche Pragmatik und große Wirksamkeit. Dies sei genau die von ihm entwickelte Lehre:

„Nimm an, ein Mensch ist von einem vergifteten Pfeil getroffen worden und seine Freunde und Verwandten holen einen tüchtigen Wundarzt. Der Verwundete sagt aber: ´Nicht eher will ich den Pfeil herausziehen lassen, als bis ich (ganz genau) weiß, ob der Mensch, der mich verwundet hat, ein Adliger oder ein Brahmane oder ein Bürger oder ein Schudra ist. Ich will vorher wissen,  wie er mit Vornamen und Familiennamen heißt, ob er groß oder klein oder von mittlerer Größe ist, ob seine Haut schwarz oder braun oder hell ist. Ich muss wissen,  aus welchem Dorf oder aus welcher Stadt er stammt, welchen Bogen er benutzt hat, woraus die Bogensehne besteht, welche Art der Pfeil ist‘ (...).“

Es gäbe noch viele weitere fundamentale Fragen, die er unbedingt wissen wolle. Dabei wurde  er immer schwächer, krümmte sich vor Schmerzen  und konnte kaum noch reden. Er röchelte: "Die Federn des Pfeils, die Sehne, Pfeilspitze...muss ich wissen. Schließlich sagte Buddha:
 
„Dieser Mensch würde sterben, bevor er alles dies erfahren hätte. Ebenso würde jemand, der mit dem wahren Wandel warten wollte, bis er über solche Fragen belehrt worden wäre, sterben, bevor man ihn darüber belehren kann.“

Spekulative und abstrakte philosophische Fragen über die Welt, zur Wiedergeburt, zum vorherigen oder zukünftigen Leben usw. sind demnach ähnlich einzuschätzen wie die Fragen zum vergifteten Pfeil. Sie tragen meist nichts zur  Lösung der konkreten Problemen bei: Altern, Krankheit und Sterben, Einsamkeit, Angst, Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung. Buddha lehrt aber gerade „deren wirkliche Überwindung schon in diesem Leben“. Spekulative Fragen würden bei der Überwindung des Leidens nur schaden und ablenken. Buddha fuhr fort:

Nicht erklärt habe ich, ob die Welt ewig oder nicht ewig, begrenzt oder unbegrenzt ist, ob Seele und Leib dasselbe oder verschieden sind, ob ein Vollendeter nach dem Tod lebt oder nicht lebt. Ich habe es deshalb nicht erklärt, weil dies nicht zum Heil und zur Befreiung beiträgt.“

Die meisten dieser Fragen können überhaupt nicht beantwortet werden und das Leiden und die eigene Unklarheit hätten damit nichts zu tun, betonte Buddha. Erleuchtung, die Abwendung vom Übel und das Nirvāna seien so nicht zu erreichen. Denn wichtig ist stattdessen, das Übel des wirklichen  Lebens zu erklären, woraus es entsteht und entspringt, aber vor allem, wie das Übel aufhört! Auf welchem Weg kann man es ausschalten und zur Ruhe bringen? Dies ist genau das wichtige Wissen, um das Erwachen zu erlangen, und dies ist es, was er lehrt.

Viele täuschende Fragen werden von vergifteten Dogmen, Vorurteilen, Aberglauben und Doktrinen erzeugt! Das beweist Nagarjuna in seinem Meisterwerk des Mittleren Weges.

Buddha antwortete nicht bei solchen abstrakten und wegführenden Fragen. Wenn also jemand darauf bestehe, dass die Welt ewig sei oder umgekehrt abrupt endet, ist dies schlicht unwichtig für die Schmerzen, Leiden und Übel in diesem Leben. Es geht um deren Überwindung und den eigenen konkreten Weg der Befreiung und Emanzipation:

Spekulative Gedankenspiele sind eben Spiele und nichts weiter. Luftspiegelungen vom Wasser sind eben Spiegelung ohne Wasser für den Verdurstenden. Das wirkliche Wasser ist vielleicht nahe, wir sollten hier und jetzt danach graben. Und: nicht an vielen Stellen ein bisschen graben, sondern an einer Stelle in die Tiefe zum Wasser!

Grübeln hilft nicht. Wirf deinen wahren Pfeil über dein jetziges kleines Ego hinaus: Frisches Wasser, der fliegender Pfeil und die Sicherheit der Buddha-Natur sind das wirkliche Leben.


Montag, 7. Mai 2018

Das Meisterwerk des Mittleren Weges, neue Bearbeitung in Deutsch, Teil 1



Neue Übersetzung des MMK mit ausführlichen Kommentaren   


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Hiermit stelle ich dieses epochale Werk zum Mittleren Weg (MMK) von Nâgârjuna neu in Deutsch als PDF vor. Daran habe ich fast 18 Jahre gearbeitet und mich dabei um möglichst gute Verständlichkeit bemüht. Deswegen werden ausführlichen Erläuterungen eingefügt, dies ist bei der Schwierigkeit des Textes von großer Bedeutung. Der Sinn und die tiefgründige Bedeutung sollen aber nicht verflacht oder verändert werden. 

Jedes Kapitel ist wie folgt gegliedert: Hinführung zum Thema, Übersetzung mit Erläuterungen und Kommentaren der jeweiligen Verse und Ergebnis als Zusammenfassung der Bedeutung. Auf diese Weise wird auch zum weiteren Gang der Untersuchungen im MMK übergeleitet.

Das MMK ist in der Fachwelt völlig unbestritten und ein Höhepunkt des Buddhismus, aber m. E. bisher zu wenig beachtet und benutzt. Das liegt sicher auch an der kompakten und für uns ungewohnten Form der Verse und an der Schwierigkeit des Inhalts. Daher hat es immer wieder gravierende Missverständnisse nicht zuletzt im vorherigen Jahrhundert gegeben. Zur Klärung dessen, was Nagarjuna wirklich sagen wollte, möchten wir unseren Beitrag leisten.

Die intensive Zusammenarbeit am fulminanten Meister-Werk des Mittleren Weges von  Nâgârjuna begann zusammen mit Nishijima Roshi  im Jahre 2000. Es war uns klar, dass nur eine direkte Übersetzung aus dem Sanskrit diesem Werk gerecht werden konnte. Daher nahm ich zunächst Sanskrit-Unterricht bei Peter Gäng und übersetzte zusammen mit ihm etwa ein Drittel des Textes. Parallel dazu war ich mehrmals in Japan für die gemeinsame Arbeit mit Nishijima Roschi. Eine erste deutsche Fassung war Ende 2005 fertig gestellt.

Allerdings war ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Der schwierigen Text und die oft verwirrenden bereits vorhandenen Übersetzungen forderten mich bis an die Grenzen meiner damaligen Möglichkeiten. Die tägliche Zazen-Meditation hat mir dabei sicher geholfen, im Gleichgewicht zu bleiben. Und ich wusste: Das Gehirn ist ein selbst-lernendes System, aber man muss dran bleiben und darf nicht aufgeben.

So beschloss ich zunächst den Zen-Buddhismus mit Nishijima Roshi vertieft anzugehen. Daraus entstanden mehrere Bücher: Übersetzungen und neue Texte. Parallel dazu liefen die Arbeiten am MMK weiter. Neun Jahre nach der ersten Fassung und nach den Zen-Texten intensivierten sich diese Arbeiten, vor allem durch die enge und fruchtbare Kooperation mit der Indologin Elisabeth Steinbrückner. Wir verwendeten einen dreistufigen Prozess, der transparent von ihrer exakten Wort-für-Wort Übersetzung ausgeht. Darauf aufbauend habe ich meine Übersetzung sowie deren Bedeutungen, Erläuterungen und Kommentare erarbeitet. Dafür bin ich selbstverständlich verantwortlich, einschließlich möglicher Fehler.

Nâgârjuna wollte aus meiner Sicht mit dem MMK keine neue buddhistische Lehre entwickeln, wie einige behaupten, sondern vielmehr den zentralen Kern der authentischen Lehre Buddhas herausarbeiten, entschlacken und ihm neue Impulse geben, z. B. durch den Begriff der Leerheit. Er formuliert in der Präambel:

"Buddha, der vollkommen Erwachte, zeigte das wechselwirkende gemeinsame Entstehen,
das beglückende Aufhören der wegführenden Fehlentwicklungen und Verwirrungen.
Ihn, den besten der Sprechenden und Lehrenden, verehre ich"

Ein Beispiel aus Buddhas sutta der Achtsamkeit [1] der sieben Gliedern des Erwachens
"Er erkennt, wenn in ihm das unentstandene Glied des Erwachens (der) ´Freude´ entsteht".

Das Entstehen des Erwachens als Prozess der Emanzipation und Befreiung des Menschen aus dem Leiden ist das zentrale Anliegen Buddhas und seine Philosophie: Alles verändert sich, es entsteht und kommt zu Ruhe: Freude entsteht, Leiden und Verwirrungen (prapanca) hören auf. Diese Klarheit stellt Nagarjuna wieder her.

Die Verehrung Buddhas ist dabei sicher nicht nur eine devote Floskel !
Übrigens kann man den zentralen Sanskrit-Begriff der ersten Zeile, pratitya samutpada, auch als "ganzheitliches Entstehen in Wechselwirkung"  übersetzen. Das ist m. E. der Schlüssel zum Verständnis und zur Gestaltung unseres Lebens und zu den Vorgängen in der Welt. Dogmatischen Extreme sind dazu völlig unbrauchbar und führen zum Leiden.

Die authentische Lehre war in Indien im Verlauf von etwa 600 Jahren nach Buddha durch verschiedene, zum Teil hoch komplexe Philosophien verfremdet und durch dogmatische Sekten und Ideologien verzerrt worden. Zudem hatte die vorbuddhistische Philosophie des Brahmanismus wohl unbemerkt neue Kraft und Verbreitung im Buddhismus erlangt. 

Viele Kapitel des MMK dienen dem Ziel der Destruktion irreführender philosophischer Meinungen, Ideologien, falscher Lehrtraditionen und der Doktrin einer illusionären, angeblich ewigen und unveränderlichen Substanz (svabhâva) in der Welt. Dies ist mit der dynamischen Wechselwirkung z. B. in Öko-Systemen und beim Befreiungsprozess des Menschen überhaupt nicht vereinbar. Beides hatte Buddha m. E. klar erkannt.

Es ist spannend zu beobachten, dass alte Doktrinen und Vorstellungen aus der vorbuddhistischen Zeit unter dem Deckmantel buddhistischer Begriffe unbemerkt wieder auftauchten. Diese doktrinäre Verwendung von Begriffen hatte Buddha aber gerade als unheilsam abgelehnt. Daher bedurfte der Buddhismus insofern einer gründlichen Erneuerung.

Und genau diese Fehlentwicklungen destruiert Nagarjuna im MMK konsequent und mit brillanter Präzision. Aber er bleibt nicht dabei stehen, sondern gibt der Entwicklung des Buddhismus große neue Kraft: Ein neuer kräftiger Schub und nachhaltiger Impuls, bis zu uns in den Westen.




[1] Gäng, Peter, Hrsg: Meditationstexte des Pâli-Buddhismus Bd. I, S. 49

Donnerstag, 3. Mai 2018

Das Meisterwerk des Mittleren Weges, neue wörtliche Übersetzung aus dem Sanskrit

Neue Wort-für-Wort  Übersetzung





Dieses epochale Werk zum Mittleren Weg (MMK) von Nâgârjuna gilt in der Fachwelt unbestritten als ein Höhepunkt des Buddhismus. Es ist beinhaltet zentrale Grundlagen zum buddhistischen Befreiungsweg der Mitte und der Leerheit. Es entschlackt den Buddhismus von diversen fehlerhaften Doktrinen, nicht zuletzt des Volks-Buddhismus, und gab und gibt vitale Impulse. Das MMK hat die gesamte folgende Entwicklung des Buddhismus maßgeblich beeinflusst, vor allem in Indien, China, Japan, Tibet und jetzt im Westen.

Wegen dieser großen Bedeutung und erheblicher gravierender Widersprüche der bisherigen Übersetzungen und Interpretationen haben die Indologin Elisabeth Steinbrückner und ich beschlossen, einen radikalen Neuanfang zu wagen: In einem dreistufigen Verfahren gehen wir vom authentischen Text in Sanskrit aus. Sie hat dabei in zwei Stufen eine exakte Wort-für-Wort-Übersetzung aus dem Sanskrit und eine teilweise vor-formulierte Fassung erarbeitet, die hiermit vorgelegt werden.

Durch die exakte Wort-für-Wort-Übersetzung ist es möglich, dem genauen Gedankengang und damit dem Geist des großen Meisters Nâgârjunas direkt zu folgen. Aber zugegeben: Den Leser erwarten einige Schwierigkeiten, der Text hat es in sich, eine echte Herauforderung!

M.W. ist ein solches dreistufiges und vor allem transparentes Vorgehen bisher nicht verwirklicht worden. Ich bin aber überzeugt, dass man damit diesem epochalen Werk wirklich gerecht werden kann. Wahrscheinlich hätten diverse Fehlinterpretationen vermieden werden können, die oft für längere Zeit die Aussagen des MMK verwässert, verzerrt oder sogar ins Gegenteil verkehrt haben. Wichtig ist es m. E., den Originaltext in Sanskrit zu verwenden und nicht Übersetzungen aus dem Tibetisch, Chinesisch, Englisch oder Französisch, so gut sie auch sein mögen.

Auf der verlässlichen wörtlichen Übersetzung baue ich dann meine sinngleiche Übersetzung, Interpretation und Erläuterung auf. Damit hoffe ich eine bestmögliche Verständlichkeit mit ausführlichen Erläuterungen bei wissenschaftlich fundierter Texttreue zu erreichen. Fehler habe ich selbstverständlich zu verantworten. Der Leser kann für jeden Vers auf die wörtliche Übersetzung direkt zurückgehen und eventuell seine eigene Interpretation erarbeiten. Das wäre besonders spannend. Meine Fassung soll dann in drei Teilen nacheinander im Netz und in Buchform veröffentlich werden.

Als ich 1996 Nishijima Roshi das erste Mal in Tokio traf, arbeitet er intensiv an seinem Buch zum Mittleren Weg dieses großen indischen Meisters Nâgârjuna. Er war mit den bisherigen Fassungen nicht zufrieden: Ein fundamentales Werk von hoher Qualität und erheblicher Schwierigkeit. M.W. als erster stellte er eine spannende und tiefgründige Verbindung zum großen  Zen-Meister Dôgen und dem Werk Shobogenzo her. Im Jahre 2000 vereinbarten wir dann beim Buddhistischen Kongress in Hannover, dass ich eine deutsche Fassung in Kooperation mit ihm vorlegen würde. Diese Kooperation mit ihm für Dôgens und Nagarjunas Werke hat meine gesamte Arbeit außerordentlich gefördert und vorangebracht.

Seine zusammen mit Brad Warner erarbeitete englische Fassung des MMK wurde 2011 veröffentlich.

Weil ich nicht die für dieses Werk ausreichenden Kenntnisse in Sanskrit habe, war es ein großes Glück, dass ich Ende 2014 die Indologin Elisabeth Steinbrückner kennen lernte und die Arbeiten am MMK dann intensiviert mit ihr fortsetzen konnte.


Nun ist es so weit:
Mūlamadhyamakakārikā (MMK) von Nāgārjuna
(Elisabeth Steinbrückner)
Bei der vorliegenden Arbeit zu den Mūlamadhyamakakārikā (MMK) von Nāgārjuna handelt es sich um ein persönliches Experiment und als solches bedarf es vielleicht einer Art kurzer Gebrauchsanweisung.

            Obwohl der Text sprachlich nicht besonders schwierig ist, ist ein vollständiges Verständnis nicht leicht zu erreichen. Trotzdem sollte der Text selbst alles bieten, was man zu seiner Durchdringung benötigt.

            Zusammen mit Jürgen Yudo Seggelke entstand vor einigen Jahren die Idee zum vorliegenden Experiment. Es handelt sich um so etwas wie die Vorstufe einer Übersetzung, die sich in zwei Schritten vollzieht. Im ersten Schritt sind lediglich die einzelnen Worte in ihrer grammatikalisch dem Sanskrit entsprechenden Form wiedergegeben. Der zweite Schritt ist eine Annäherung an eine Übersetzung, der aber mechanisch erfolgte und die aus meiner Sicht wahrscheinlichste Verbindung der einzelnen Satzglieder darstellt. Die wenigen Zusätze sind konsequent in Klammern gesetzt worden und als solche für den Leser noch zu erkennen.

            Auf diese Weise entstand ein Dokument, das weniger ein fertiges Verständnis liefert als vielmehr meinen und unseren Versuch, den Text auf unvoreingenommene Weise selber sprechen zu lassen. Dabei wurde streng auf Präzision geachtet. Jedes Wort wurde bis auf seine im Sanskrit so wichtige Wurzel zurückgeführt und die Verbindungen der Worte, die von ein und derselben Wurzel abstammen, sind, wo immer möglich, auch im Deutschen wiedergegeben.

            Der Leser hat also mit der vorliegenden Vor-Übersetzung gewissermaßen eine Art Baukasten an der Hand, mit dem er auch ohne Sanskritkenntnisse seine eigene Übersetzung erstellen könnte. Natürlich würde der Text erst durch die sprachlichen Finessen des Deutschen zu einer echten und schön zu lesenden Übersetzung heranreifen. Diesen Schritt soll aber jeder für sich selbst gehen können. Dies war jedenfalls die Idee.

            Ob diese Art der Herangehensweise funktionieren kann, wird sich wohl erst in der Zukunft zeigen. Für Rückmeldungen jeglicher Art sind wir deswegen sehr dankbar.


Montag, 16. April 2018

Bild der Buddha-Natur



Dôgen sagt zu einem Bild des großen indischen Meisters Nagarjuna im damaligen China:

„Wenn wir die Augen wirklich auf ein Bild der Buddha-Natur richten und es in Klarheit genau ansehen, sind wir direkt in der Gegenwart ankommen und zufrieden. Dann haben wir keinen (ungestillten) Hunger nach der (zusätzlichen) Wahrheit.“

Das Bild geht dann mit uns eine kraftvolle Wechselwirkung ein: genau im Jetzt. Wer nur flüchtig sieht, für den ist die Buddha-Natur verborgen. Es dürfte schwer und fast unmöglich sein, die Buddha-Natur überhaupt wahrzunehmen, wenn wir hektisch und wie gehetzt auf dem Smartphone herum wischen. Also das Ding einmal ausschalten und wirklich hinsehen: innerlich ruhig, im Gleichgewicht und offen für das Hier und Jetzt der Schönheit der Welt; nicht zuletzt für den anderen Menschen direkt gegenüber. Vielleicht sehen wir dann in ein Gesicht der Buddha-Natur

Da kommt Freude auf! Das ist die Wechselwirkung mit der eigenen Buddha-Natur, dann verwandeln genau diese Wechselwirkungen den Menschen im Augenblick: Wir werfen unseren Pfeil über uns selbst hinaus, wie Nietzsche sagt. Das kleine Ich ist zur Ruhe gekommen und verschwunden, das sich auf eine zementierte Vergangenheit oder die Angst der Zukunft verengt hat. Befreiung ist mehr als die Beseitigung bisheriger angeblicher oder wirklicher Flecken, Befreiung wirft unseren Pfeil über uns selbst hinaus und bewirkt Freude und Kreativität. Leerheit ist Kreativität!

Diese Wechselwirkung der lebendigen Welt ist das große Thema Nagarjunas in seinem Werk des Mittleren Weges. Sie ist leer von verwirrenden und unheilsamen Doktrinen. Daher bezeichnet der Begriff der Leerheit das gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung (pratitya samutpada):

Die Welt und ihre Prozesse, so wie sie wirklich sind, die Emanzipation zur Freiheit, wie sie wirklich ist. Nagarjuna de-konstruiert falsche Dogmen und Doktrinen auch im Buddhismus und gewinnt die Reinheit und Fülle des Buddhismus damit konstruktiv zurück.

Das ist die Kraft der Mitte und nicht die Krankheit der Extreme.

Nagarjuna sagt auch: Wer die Leerheit falsch versteht, dem ist nicht zu helfen. Und die falsch verstandenen Leerheit ist wie eine schlecht gegriffene giftige Schlange: Sie hat sie einen tödlichen Biss. Nagarjuna destruiert damit m. E. das Verständnis der Leerheit als Nihilismus, das totale Nichts und den Skeptizismus.

Beim Zazen geht es um die Sitzhaltung und die Art des Sitzens, also um das ganzheitliche Gleichgewicht von Körper-und-Geist im Frieden und in der Freude. Der Körper wird dann zur direkten Ausdrucksform der Buddha-Natur, er ist die Buddha-Natur. Der Körper ist gerade kein Hindernis auf dem Befreiungsweg. Deshalb müsse ein Bild von Nâgârjuna nicht zuletzt die körperliche Form markant und genau darstellen, so Dôgen.


Freitag, 23. März 2018

Weltweite Nutzung des Buddha Blog Berlin

(Eberhard-Gensa Kügler)

Lieber Yudo Seggelke Roshi, der großartige weltweite Erfolg des Zen Blog Berlin (über 155 000 Zugriffe!) zeigt, dass der Buddhismus gerade heute spannend, wirkungsmächtig und aktuell ist wie eh und je.

Es besteht kein Zweifel: Buddhas praktische und wirkungsvolle Lehre einer tiefen Weisheit zur Befreiung der Menschen und zum Lebensglück ist im Westen angekommen. Dazu hast Du einen erkennbaren Beitrag geleistet und so die Arbeiten von Kodo Sawaki und Nishijima Roshi fortgeführt. Dafür danken wir Dir!


Nishijima Roshi und Yudo Roshi nach der Dharma-Übertragung 2003

Auch Dein Blog mit Beiträgen zur buddhistischen Forschung und Philosophie hat mit der beachtlichen Zahl von bisher 12 500 Zugriffen eine erstaunliche Resonanz gefunden.

Dieses große Interesse liegt sicherlich in den Themen, vor allem aber in deren fundierter Aufbereitung begründet. Die konsequente Ausrichtung am ZEN von Meister Dogen und seit einiger Zeit auch am Mittleren Weg Nagarjunas, entspricht offensichtlich dem starken Bedürfnis, fundierte und vertiefende Informationen zu den großen Meistern und ihren Werken zu bekommen.

Denn Vertrauen zum Buddhismus wird vor allem auf der Grundlage des soliden Verständnisses der authentischen Basistexte gewonnen. Das unterstützt erneut die Erfahrung, dass Menschen, die sich mit Zen und Buddhismus auseinandersetzten, auf Dauer nicht immer die gleichen Floskeln und Phrasen hören wollen, sondern wirklich Handfestes.

Und das gelingt mit Deinen Blogs, Büchern und Videos in Youtube. Durch anschauliche Beispiele und eine klare Sprache kannst Du auch komplexe Zusammenhänge in den Texten von Nagarjuna und Dogen (und diese Beiden sind wahrlich keine leicht zugänglichen geistigen Leichtgewichte) in die Gegenwart übersetzen.

Ganz nebenbei gibt es auch noch etwas über Systemtheorie und den aktuellen Stand der Psychologie und Gehirnforschung zu erfahren. Denn hier besteht die wichtige Anschlussfähigkeit für die Gegenwart: Wechselwirkung, Vernetzung und Verantwortung in sich weiter entwickelnden lebenden Systemen. Und manche überlieferte Aussage lässt sich so ganz neu und manchmal erst richtig verstehen.

Du hast damit die tiefgründigen Lehren von Buddha, Nagarjuna und Dogen aus den Fängen einer teilweise verschwurbelt-esoterischen Verflachung befreit. Dass die Interessierten dem zustimmen, das sieht man an der nun von Deinen Blogs erreichten Lesergemeinde!

Donnerstag, 15. März 2018

ZEN im Film von La Gomera




Der bekannte Filmemacher Ronald Urbanczyk macht mit seinem Team eine sorgfältige und vielschichtige Dokumentation von La Gomera. Er geht den Fragen nach: Warum zieht es viele Menschen aus Deutschland und anderen Ländern dorthin? Was suchen sie dort? Sind sie den Stress und die Beton-Wüsten der Städte leid? Und Stress gibt es in den Städten, wo die eigene Freiheit und die Gestaltung des Lebens den Menschen zusammenschnürt und wo wir fremd gesteuert werden.

Ich bin sicher, dass die unberührte Natur von oft Atem-beraubende Schönheit, das ausgeglichene sonnige Klima von La Gomera und die große Chance der Selbst-Befreiung durchschlagend sind. Vor zwei Tagen bin ich wegen der Bauarbeiten am kleinen ZEN-Zentrum von dort zurückgekommen: Jetzt blüht die Insel.

Ronald hat mit mir dort gedreht: Ihn hat die Wechselwirkung der Insel mit dem ZEN fasziniert. Zuerst wurden die laufenden Bauarbeiten gefilmt. Denn Zen ist Handeln.

Was sagt nun Meister Dogen zur Kraft der Natur?
Eine bekannte Geschichte beschreibt den buddhistischen Weg eines alten Meisters, der bereits über dreißig Jahre seines Lebens praktiziert hatte, aber wohl zu sehr durch Theorie gebunden war. Eines Tages blickte er bei einer Wanderung in den Bergen von einer Anhöhe hinab in ein anmutiges Tal. Die Pfirsichbäume waren im Frühling voll erblüht: Da verwirklichte er plötzlich die große Wahrheit des Lebens und der Welt und verfasste ein Gedicht:

„Dreißig Jahre lang ein Wanderer auf der Suche nach dem Schwert (der Wirklichkeit).
Wie viele Male fielen die Blätter und sprossen die Knospen?
In diesem Augenblick, als ich die Pfirsichblüten sah,
Bin ich direkt angekommen im Jetzt und habe keine Zweifel mehr.“

Das Schwert ist Symbol der Klarheit von Körper-und-Geist. Es durchschlägt die Verwirrungen, Knoten und angehäuften unnützen Muster des Lebens. Die Wirklichkeit öffnet sich so im unmittelbaren Erleben ! Das Schwert hat ähnliche Bedeutung wie der Diamant, der auch durch seine Schärfe das Dickicht aus vorgefassten Meinungen, Bewertungen und angelernten Gedanken zerschneidet. Dann sind wir offen für die Schönheit und Kraft der Natur.

Dies habe ich dort beim Interview klar machen wollen.
Dazu passt die Meditationsflöte Shakuhachi besonders gut, die ich so gern spiele.

Den Sonnenuntergang im Westen der Insel haben wir mit Bogenschießen am Meer verbracht. Das Selfie des Teams wurde übrigens von einer Drohne aus gemacht. Anfang nächsten Jahres soll der Film fertig sein.



Mittwoch, 28. Februar 2018

Gemeinschaft und ZEN


Lebendige Weisheit und Gemeinschaft des Zen kontra Einsamkeit


"Buddhas Wahrheit zu erlernen bedeutet, uns selbst zu erlernen", sagt Meister Dogen. Dann können wir den andauernden Stress der Moderne durchschauen, abschütteln und wirklich zur Ruhe kommen.

Chronischer Stress und Depressionen sind vermutlich die häufigsten Krankheiten der heutigen Industriegesellschaft. Kurzfristiger Stress kann zwar bei großer Gefahr das Leben retten, aber Dauerstress ist viel gefährlicher als die meisten meinen und wissen:

Dauerstress und Angst erzeugen Konzentrationsstörungen, Entschlusslosigkeit, Grübeln, Wiederkäuen von negativen Gedanken, Pessimismus, sich sündig fühlen, Selbstvorwürfe und Todesgedanken. Stress speziell bei Buddhisten: Angst vor einer miserablen Wiedergeburt und die schwere Last eines ergrübelten schlechten Karmas: Vielleicht sogar im Zusammenhang mit Macht-Missbrauch. Aber das ist nicht der wahre Buddhismus!

Stress entsteht vor allem, wenn wir die Kontrolle über wichtige Lebensbereiche verlieren und Dauerstress ist selbst erzeugt. Er ist nicht maßgeblich durch äußere angebliche Fakten der Umgebung bestimmt. Daher können wir selbst den Stress und seine Folge zur Ruhe kommen lassen und steuern.

Und wie? Durch Meditation, Relaxen und sinnvolles aktives soziales Handeln, durch Bodhisattva-Handeln: "Erleuchtung im Alltag ist Zazen-Meditation, Feuerholz tragen und Wasser schöpfen". Zur Ruhe-Kommen durch die Zen-Künste Bogenschießen, Meditations-Flöte, Tee-Zeremonie, Blume-Stecken usw. Genau so Yoga, Tai chi, asiatische Praxis. Ganz besonders: Gemeinsame Erlebnisse in der  Natur, beim Sport und in der Musik.

Also sollten wir unser Leben umstellen, unseren Körper-und-Geist umwandeln und die Kraft der Mitte entwickeln. Nicht hektisch, übereilt und idealistisch-überzogen, sondern Schritt für Schritt: mit Achtsamkeit und klarer werdender Selbstbeobachtung. Das ist dann die neue Freiheit und der natürliche Flow.

Meister Dogen sagt in dem berühmten Kapitel "Das verwirklichte Leben und Universum (Genjō-kōan)"[1]:

„Buddhas Wahrheit zu erlernen bedeutet, uns selbst zu erlernen. Uns selbst zu erlernen bedeutet, uns zu vergessen. Uns zu vergessen bedeutet, von den vielen, vielen Dharmas (der Wirklichkeit  und anderer Menschen ) erfahren zu werden. Von den vielen, vielen Dharmas erfahren zu werden bedeutet, unseren eigenen (eingezwängten) Körper und Geist und den Körper und Geist der äußeren Welt fallen zu lassen.“

Wir sollten uns auf dem Buddha-Weg von vorgefassten und eingefahrenen Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen, Doktrinen und vor allem von Stress und Angst befreien, um offen für neue Entwicklungen und Wahrheiten zu werden. Dabei ist es befreiend, sich für die lebendigen Vielfalt der Welt zu öffnen und sie wirklich zu erfahren: Nicht nur oberflächlich, gerade kein multitasking und übertriebener Aktionismus in "sozialen" Netzen. Das ist zu wenig! Wir brauchen verlässliche gute Freunde. Besser ist es, wenn der Geist genau beobachtet und handelt, im Hier und Jetzt. Und in der Gemeinschaft zur Ruhe kommt.

Es ist von fundamentaler Bedeutung, sich von der Fixierung auf den subjektiven Körper und den intellektuell-denkenden Geist, also dem kleinen verkrampften Ich, zu befreien und, wie Dōgen sagt, „Körper und (intellektualisierten) Geist fallen zu lassen“. Wir können uns selbst wirklich erkennen, wenn wir unser altes verengtes und gestresstes Ich vergessen: „Zen-Geist ist Anfänger-Geist“, nannte das Meister Shunryu Suzuki. Wir sollten dabei die Extreme der scheinbar objektiven Welt des Äußeren und des Körpers sowie den subjektiven eigenen ruhelosen Geist „fallen lassen“.

Was sagt nun die Gehirnforschung dazu: Dauerstress erzeugt letztlich Zellsterben im Gehirn (Hipocampus), ein Areal das für Klugheit, Planen, Kombinieren, Kreativität, Lernen, Raum-Intelligenz und für die Bewältigung des Alltags zuständig ist und mit unserem gesamten Körper-und-Geist wechselwirkt. Dieses Areal wirkt wie ein Kurzzeitspeicher für das Gehirn und hat eine sehr wichtige Funktion, weil die Informationen von dort in den Langzeitspeicher übernommen wird. Ein Beispiel: Bei Soldaten, die drei Jahre im Stress der Kriegsfront waren und ihn nicht steuern konnten, ist die Hälfte dieses Areals, abgestorben: Sie konnten ihren Alltag danach nicht mehr bewältigen.[2] Aber leben wir wirklich in der realen Kriegsfronten? Sicher nicht. Wir müssen unsere virtuelle Kriegsfronten fallen lassen, die wir uns selbst durch unbegründete Angst, Gier, Hass, falschen Wettbewerb usw. erzeugen.

Also: Die Gedanken des Scheiterns abstellen, sich selbst steuern (Selbstwirksamkeit) und nicht passiv abhängig sein, auch nicht von dem Stress und der Negativität anderer.
Mehr Steuerung und Kontrolle: Das Leben selbst in die Hand nehmen. Dann wachsen sogar die Nervenzellen dort nach, wo sie kaputt gehen.
Dann vermeiden wir den neuronaler Zelltod, eine gehemmte Verdauung, Magengeschwüre, Impotenz, Libidoverlust usw. Durch Stress wird das Immunsystem insgesamt bedeutend gehemmt und das Krankeitsrisiko dauerhaft erhöht
Stress ist das, was wir dafür halten, aber nicht die objektive Realität. Wir können uns daher selbst ändern, relaxen und den Stress zur Ruhe kommen lassen. Dauerstress ist kein Schicksal, das wir passiv erleiden müssen, sondern wir ihn aktiv runterfahren

Man kann in die Natur nach La Gomera fahren. Und Buddha rät, in Ruhe unter einem schützenden Baum und in der Natur zu meditieren. Er sagt im Sutra der Achtsamkeit bei den sieben Gliedern des Erwachens und beim Achtfachen Pfad?[3]:

"Unabhängig lebt er und er haftet an nichts in der Welt"



[1] Dogen: Shobogenzo deutsche Fassung Bd.1, S. 58
[2] Manfred Spitzer: Gehirnforschung
[3]Peter Gäng: Meditationstexte des Pali-Buddhismus Bd. I, S.51

Freitag, 9. Februar 2018

Gomera-ZEN



Gerade bin ich von La Gomera zurückgekommen: Dort wollen wir ein kleines Zen-Zentrum für Winter-Sesshins bauen und einrichten, denn dort ist in unserem Winter ja der Frühling. Das wussten schon die alten Griechen.
Wie auf den Bildern zu sehen ist, grünt es jetzt dort, nachdem einiger Regen gefallen ist. Also ein Wetter etwa wie bei uns im Mai oder Juni. Die Fotos habe ich vor ein paar Tagen aufgenommen. 

Noch eine spannende Info zur Lage: La Gomera liegt ziemlich genau auf dem selben Breitengrad wie Buddhas Wirkungsstätten in Nord-Indien. In dieser Gegend ist ja der Buddhismus entstanden: Sonne, Mond, Gestirne, Klima usw. sind sehr ähnlich. Diese Landschaft und Lage ist wohl besonders gut für uns Menschen. 

Der Dojo liegt in einem halb verlassenen Dorf und war bisher ein Stall, der etwa 100 Jahre alt ist. Also kein Luxus sondern Natur und klare Energie pur.

Nachdem wir bei einer ähnlichen Sesshin in Südtirol in einem kleinen einfachen Kloster praktiziert hatten und wirklich ganz neu durchatmen konnten, konkretisierte sich der Plan, auch für das Winter-Halbjahr ein kleines Meditations-Zentrum einzurichten.

Man muss erst einmal ca. 100 Meter zu Fuß und einige Stufen hinauf gehen, um dort zu sein. Es gibt auch keine Durchgangsstraße, dort ist für Autos Schluss.
Wir wollen wie in Südtirol hauptsächlich im Freien praktizieren: Dazu die Holzterrasse.

Nun wünsche ich allen einen baldigen Frühling auch hier!

Yudo





Dienstag, 16. Januar 2018

Worte des Erwachten


Die überlieferten authentischen Lehrreden Buddhas bilden ohne Zweifel die Grundlage für alle späteren buddhistischen Texte. Sie wurden zunächst mündlich weitergegeben und später aufgeschrieben, sie sind die Quellentexte in den verschiedenen Übertragungslinien in Asien und heute im Westen.

Um eine Beziehung zu Nagarjunas Mittleren Weg, an der ich gerade arbeite, zu stützen, möchte ich eine aussagekräftige Auswahl zu treffen, um die Kernpunkte der Befreiungslehre Buddhas für gründliche Untersuchung bereitzustellen.

Folgende Die Quellentexte seiner Befreiungslehre sind aus meiner Sicht von zentraler Bedeutung:

– Die Sieben Glieder des Erwachens
– Die Vier Edlen Wahrheiten zur Überwindung des Leidens
– Der Achtfache Pfad zur Aufhebung des Leidens
– Die Himmlischen Verweilungen (zur Ethik im frühen Buddhismus) 
– Der Mittlere Weg und die Vermeidung von Extremen
– Wichtige authentische Gleichnisse Buddhas
– Die Fünf Hemmnisse der Befreiung

Nicht zuletzt geht es Buddha und auch Nâgârjuna um das Vermeiden von unheilsamen unvereinbaren Extremen, also um die praktikable und fruchtbare Weiterentwicklung des Menschen auf dem Mittleren Weg, indem er im Lebensprozess seine eigene Mitte findet und damit Glück und Zufriedenheit in dieser Welt und im Zusammenleben mit anderen Menschen erlangt.

Der Buddhismus ist eine positive und lebensbejahende Lehre und Praxis, die uns Menschen kurz gesagt in zwei großen Entwicklungsschritten aus überflüssigen oder oft selbst verursachten Problemen, Leiden und Schmerzen herausführen kann um heitere Befreiung zu erlangen. Im ersten Schritt geht es darum, ein „normales“ Leben zu führen. Dazu müssen wir natürlich unser Leiden möglichst klar erkennen und die Ursachen und Wechselwirkungen mit verschiedenen Faktoren und Einflüssen gründlich und möglichst ohne Tabus analysieren: Das ist die zentrale Aussage der Vier Edlen Wahrheiten Buddhas für Körper, Psyche und Geist.[1]

Von besonderer Bedeutung sind dabei die Achtsamkeit und die rechte Sichtweise. Es bringt uns zum Beispiel nicht weiter, entweder einseitig immer bei anderen die Schuld für das eigene Leiden zu suchen oder umgekehrt sich immer nur selbst anzuklagen und sich alle Schuld zu geben, da beide Extreme der psychischen und sozialen Wirklichkeit nicht entsprechen.

Buddhismus ist der Mittlere Weg in der Wechselwirkung – gerade bei der Überwindung des Leidens und der Gewinnung möglichst großer Freiheit und Selbstbestimmung. Extreme sind meist hohle Ideologien, die uns verhärten, aber sie führen nicht zur freudigen psychischen, geistigen und spirituellen Bewegung und Befreiung. Der Mittlere Weg markiert Bewegung, Entwicklungen und die Überwindung eines erstarrten Ich-Kerns.

Aber der Buddhismus bleibt nicht beim ersten Schritt stehen, sondern er lehrt vielfältig und überzeugend den zweiten Schritt zum Erwachen und zur Erleuchtung. Laut Buddha kann jeder Erleuchtung erlangen, wenn er tatkräftig und fortlaufend wirkungsvoll praktiziert und seinen Geist schult.

Es geht darum, aus einem schwierigen dunklen, durch Angst, Kummer, Jammer, Gram und Verzweiflung bestimmten Leben herauszukommen, das Leiden zu überwinden und zur Freiheit und Leichtigkeit des Lebens zu gelangen, um an der Kraft und Wahrheit des Kosmos und des Lebens mit seinen fast unbegrenzten Möglichkeiten teilnehmen zu können.







[1] Gäng, Peter: Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 53ff.

Mittwoch, 3. Januar 2018

Zen und Bogenschießen: Spannung oder Loslassen?



In Herrigels weltbekannten Buch: "ZEN in der Kunst des Bogenschießens" heißt die berühmte Stelle:

"Da, eines Tages, nach einem Schuss, verbeugte sich der Meister tief und brach den Unterricht ab. ´Soeben hat Es geschossen´ rief er aus , als ich ihn fassungslos anstarrte". Und weiter: Dann "konnte ich die jäh aufbrechende Freude nicht unterdrücken".[1]

Der Autor, Philosoph von Beruf, beschreibt hier seine Erlebnisse von einem Japan-Aufenthalt, als er die Philosophie des Zen studieren wollte. Seine japanischen Freunde überredeten ihn zum Glück, eine praktische Zen-Kunst zu erlernen. Denn mit einseitigem noch so klugen Denken käme man beim Zen nicht wirklich weiter, ohne Praxis und Üben ginge es nicht. Das ist zweifellos richtig. Ich bin fest überzeugt, dass die geschulte Körper-Klugheit einer Zen-Kunst und das unglaubliche Potential des befreiten Unbewussten unser Leben gewaltig aktivieren, befreien und emanzipieren können. So eröffnen sich ganz überraschende neue Wirklichkeiten:

Das Es hätte dann auch in deinem Leben geschossen. Das Es, das ist "die jäh aufbrechende Freude". Warum sollte man diese Lebensfreude des Es denn auch unterdrücken?

Das Es ist kein Ding und keine Idee, nicht Subjekt und nicht Objekt und schon gar nicht die dualistische Trennung vom sogenannten Ich, dem Bogen, dem Pfeil, der Luft, dem Ziel usw.. Das Es ist die dynamische Wechselwirkung des gemeinsamen Entstehens (pratitya samutpada) und der gemeinsamen Entwicklung, wie Buddha sagte: Das ist die zentrale Kraft auf dem Achtfachen Pfad der Befreiung.

Meister Dogen hat dem Es oder Etwas ein eigenes Kapitel in seinem fulminanten Werk Shobogenzo gewidmet: "Was ist das Etwas, das uns jäh begegnet, jenseits von Denken und Wahrnehmung?" [2]Dieses Es oder Etwas sei die Wahrheit und Wirklichkeit selbst und nach der buddhistischen Lehre etwas ganz Selbstverständliches und Natürliches. Dogen sagt dazu:

"Deshalb mag das Etwas die Soheit der Klänge und Formen sein. Die Soheit von Körper-und-Geist mag das Etwas sein. Und die Soheit des Buddha mag das Etwas (oder Es) sein". Denn diese Soheit sei frei und leer von Ideologien, Doktrinen, Vorurteilen, Absolutismen, Extremen usw..

Wir wissen aus der modernen Gehirnforschung, dass Freude der beste "Lern-Turbo"[3] ist und nicht Tragik, Krise und Drama, wie manche uns vielleicht im Westen glauben machen wollen. Das wäre das falsche Erbe der griechischen Kultur und Philosophie. Und Herrigel war ja ein westlicher Philosoph, der sicher im festen Wissen der Überlegenheit westlichen Denkens nach Japan reiste aber dort etwas fundamental Neues lernte: Die aufbrechende Freude des klaren Augenblicks der größten Spannung und zugleich der Entspannung des Loslassens: Und dann fliegt der Pfeil auf seiner Bahn, genau mit deiner Energie und Genauigkeit des Augenblicks von Spannung-und-Loslassen.

In einem Video zum japanischen Bogenschießen Kyudo wird die Gehirnspannung eines alten Bogen-Meisters und eines amerikanischen guten Bogenschützens gezeigt: Genau im Moment des  Schusses sinkt die Gehirn-Spannung beim Japaner deutlich ab und steigt markant beim Amerikaner. Der Meister hat sicher dabei die tiefe Freude des wahren Bogenschusses, über den Amerikaner wird nichts berichtet.

Und was sagt Nietzsches Zarathustra dazu: "Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinauswirft, und die Sehne seines Bogen verlernt hat, zu schwirren"! Lassen wir also die Sehne schwirren und den Pfeil fliegen.

Das japanische Bogenschießen Kyudo zu erlernen, ist ein sehr langwieriger und komplexer Prozess. Daher versuchen wir gerade das meditative und dynamische Zen-Bogenschießen auch mit westlichen Bögen zu verwirklichen. Die Handhabung dieser Bögen lässt sich für uns im Westen viel zügiger erlernen.[4] Der umfassende ganzheitliche Zen-Körper-und-Geist kann sich dabei natürlich auch verwirklichen.
Dann gilt: "Es hat geschossen"!





[1] Herrigel, Eugen: Zen in der Kunst des Bogenschießens, Fischer Taschenbuch Verlag 2005, S.51
[2] Seggelke, Yudo J.: ZEN Schatzkammer, Einführung in Dogens Shobogenzo, Kap. 29, DONA-Verlag Berlin, Bd. 1, S. 261 ff.
[3] So der Gehirnforscher Manfred Spitzer
[4] Vgl. :Österle, Kurt: Zen im Weg des Bogens, Verlag Via Nova, 2016