Freitag, 3. August 2018

Edle Leerheit und die Vier Edlen Wahrheiten


Es ist an der Zeit, Klarheit zu Begriff und Bedeutung der Leerheit im Buddhismus zu schaffen. Hier mein kurzer Vorschlag.

Worum geht es dem Buddha eigentlich wirklich? Antwort: Um eine zuverlässige Philosophie und einen praktikablen Weg der eigenen Befreiung und Emanzipation, also des menschlichen Glücks. Dabei geht er kritisch und nicht gerade zimperlich gegen die damalige Religion des Brahmanismus vor. Diese hatte die zutiefst unmoralische Kasten-Diskriminierung religiös abgesegnet und verewigt. Buddha war also eine große und nicht überhörbare Stimme der damaligen Moderne. Das ist m. E. mindestens vergleichbar mit der heutigen Moderne der Philosophen Nietzsche, Husserl, Sartre, Wittgenstein usw..

Nach über 600 Jahren gab es dann aber wieder gravierende Fehlentwicklungen, sodass bereits ein überwundener Fake-Glaube sein Unwesen trieb und sich im Buddhismus eigenartige Doktrinen verbreiteten, die ihn z. T. ins Gegenteil verkehrte. Dagegen setzte Nagarjuna den Begriff und die wahre Bedeutung der Leerheit.
Die gründlichste Beschreibung der Leerheit finden wir m. E. daher in dem Lehrgedicht des Mittleren Weges des großen indischen Meisters Nagarjuna, das etwa um 150 n. Chr. entstanden ist. Besonders ist das Kapitel 24 zu nennen. Das MMK ist vor allem eine philosophische sehr präzise Abhandlung über Fehlentwicklungen, Missverständnisse und sogar Perversionen der ursprünglichen Lehre Buddhas.
 
Die kraftvollen Vier Edlen Wahrheiten Buddhas verkamen in manchen Doktrinen zu den kraftlosen vier unedlen Nicht-Wahrheiten. Vermutlich war das den Akteuren nicht immer bewusst.

Dagegen setzte nach meiner festen Auffassung Nagarjuna das Prinzip der Edlen Leerheit. Denn er brauchte einen neuen Begriff. Und der Begriff der Leerheit verblüfft in der Tat damals und auch heute. Das ist sicher bewusst so gewollt. Was ist gemeint? Diese Leerheit bedeutet Bereinigung von verschwommenen und in sich widersprechenden Doktrinen und Glaubensdogmen, die zwar schnelles Glück und schnelle Freiheit versprechen, aber das Gegenteil bewirken. Kurz zusammengefasst: Pragmatische Realisierung des Achtfaches Pfades anstatt wuchernde und unverständliche Metaphysik
Edle Leerheit heißt demnach:

Befreiung durch den pragmatischen Buddhismus der Wirklichkeit und Überwindung des absolutistischen Fake-Glaubens.

Aber Nagarjuna verharrt gerade nicht in der Destruktion und nicht im Nihilismus, wie manche Autoren behaupten, sondern setzt auf die Wechselwirkung des gemeinsamen Entstehens im Leben und in der Welt. Es macht auch keinen Sinn, die Leerheit zu mystifizieren, z. B. als unsagbare Ein-Einheit des Nichts, als das Große Eine, in der alle Unterschiede und Gegensätze dieser bösen Welt jäh verschwinden. Und dies sei zugleich die unwandelbare absolute Wirklichkeit und absolute Wahrheit. Wer kann das verstehen? Solche Fantasien destruiert Nagarjuna ohne Zögern als metaphysischen Unsinn und als weltfremde Traum-Gebilde. Und ich folge ihm dabei. Wie sollen solche Fantasien und Träume unser Leiden konkret beenden und zur Freiheit im Hier und Jetzt führen? Das kann nicht gelingen. Buddhismus erfordert wie das MMK  kritische Fragen und eigene solide Erfahrung, gestützt durch mutige Selbstbeobachtung und Achtsamkeit.

Was sagt Bodhidharma noch zum chinesischen Kaiser Wu auf die aufgeplusterte Frage nach der ewigen absoluten heiligen Essenz der Buddhismus? "Nichts von heilig, leere Weite!" Nichts als leere Weite.

Also weg mit Fantastereien, Gerede, romantischen und esoterischen Selbstlügen, Populismus, weg mit unterwürfigem naivem Glauben, den Verdeckungen, überflüssigen Verzierungen und störenden Ornamenten. Sie verhindern die klare Selbstanalyse der Achtsamkeit und den Befreiungsweg, und führen zu Abhängigkeit und zum Leiden. Dann haben unechte Lehrer, unechte Gurus und angebliche Meister leichtes Spiel. Und das sind auch die Begriffe der Moderne (vgl. den Philosophen Figal) zum Beispiel der Philosophie, Kunst und Architektur vor und nach der Katastrophe des ersten Weltkriegs: Zurück zur Einfachheit und Klarheit. Oder wie Shunryu Suzuki sagt: "Zen-Geist ist Anfänger-Geist".

Diese Edle Leerheit ereignet sich besonders in der Zazen-Meditation: Körper und Geist fallen lassen. Nichts als sitzen, Shikantaza!

Das "Nichts-Als" und "Ohne" sind das Einfache, sind die Edle Leerheit, das Wirkliche, sind ohne Fake. So leitet Nagarjuna m. E. die zweite Epoche der buddhistischen Moderne ein, die China, Tibet und Japan außerordentlich dynamisiert hat und jetzt zu uns in den Westen gekommen ist.

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