Samstag, 12. August 2017

Ungläubiges Staunen


Dôgen arbeitet die tiefere Bedeutung der Begriffe „konstant“ und „unveränderlich“ heraus, das ist der Gegensatz zum Prinzip Buddhas der Veränderung, Emanzipation Entwicklung und Innovation. Die Trennung von Subjekt und Objekt sei die Ursache der scheinbaren unveränderlichen Konstanz, bei welcher der Geist vom Augenblick und der Sein-Zeit der Menschen getrennt ist.

Dôgen formuliert dies in der Sprache des Zen-Buddhismus so:
„Zusammengefasst gilt: Dasjenige ohne Konstanz und Dauerhaftigkeit, wie das Veränderliche: das Gras, die Bäume und der Wald, ist genau die Buddha-Natur.“

Denn die Natur, in diesem Fall die nicht-empfindenden Wesen, ist Augenblick für Augenblick genau in ihrem natürlichen Zustand. Die nicht-empfindenden Wesen sind niemals erstarrt und unveränderlich und gleichen nicht einem menschlichen Geist, der von Ideologien, materieller Gier, innerem Zwang und Abhängigkeiten okkupiert ist. Auch Länder, Berge und Flüsse seien niemals konstant und starr, auch sie seien die Buddha-Natur. Wer das erkannt hat, ist auf dem Weg der Erleuchtung und Freude.

Dôgen ist sich bewusst, dass eine solche Aussage in manchen buddhistischen Gruppen ungläubiges Erstaunen hervorruft, weil sie den tradierten Meinungen widerspricht, die sich angeblich auf die Sûtras von Gautama Buddha beziehen. Er drückt sich in diesem Zusammenhang recht drastisch aus:

„Wenn (solche Menschen) erstaunt sind und zweifeln, sind sie Dämonen und keine Buddhisten.“

Der Begriff des bedingten Entstehens wird auch heute noch häufig ausschließlich als prozesshafter Verlauf entlang der linearen Zeit verstanden. Dieser theoretische Gedanke ist zwar nützlich, um zum Beispiel eine ökologisch heile Umwelt für zukünftige Generationen zu erhalten. Mit Recht werden Joanna Macy und andere engagierte buddhistische Umweltschützerinnen und Umweltschützer nicht müde, darauf mit Nachdruck hinzuweisen.[i]

Aber die existenzielle und spirituelle Wirklichkeit ist auch nach meiner festen Überzeugung genau mit dem Augenblick verknüpft. Der existenzielle Augenblick kennt aber keine Aspekte wie Konstanz oder Nicht-Konstanz. Er ist die Existenz-Zeit ohne zeitliche Dauer. Augenblicke entstehen unaufhörlich und vergehen wieder, und genau in diesen Augenblicken ist die Zeit gleichzeitig Wirklichkeit und Existenz.[ii]

Aber die Augenblicke sind absolut isoliert und getrennt voneinander, wie bei einigen Zen-Buddhisten zu hören ist. Das wäre eine metaphysische Doktrin, die in der Wirklichkeit nicht gefunden werden kann. Denn ohne Zweifel sind dies auch Aktivitäten des Gehirns, das keine absolutern Trennungen kennt und permanente Dynamik des neuronalen Netzes kennzeichnet.

Das Geheimnis der Buddha-Natur ist die lebendige Wechselwirkung des Entstehens und die klare überintellektuelle Kraft des Augenblicks. Das sind die Kernaussagen zur Überwindung des Dualismus und des Leidens.



[i] Macy, Joanna: Geliebte Erde, gereiftes Selbst. Mut zu Wandel und Erneuerung
[ii] vgl. Seggelke, Yudo J.: Strahlende Zeit zum Handeln. Im Auge des Zen, Bd. 2

Freitag, 4. August 2017

Die Ganzheit von Körper-und-Geist


Dôgen betont, dass alle wichtigen Meister – vor allem diejenigen, die eine Zen-Übertragungslinie begründet haben – den Zustand, ohne Dauerhaftigkeit zu sein, im Augenblick erfahren und gelebt haben.

Denn das Leben und die Wirklichkeit sind niemals konstant, starr und ohne Veränderung. Gerade die Überwindung des Leides erfordert Prozesse der Veränderung und Emanzipation. Wenn man diesen Zustand im Augenblick selbst lehrt, praktiziert und an sich erfährt, ist das die Buddha-Natur. Aber ohne den Körper ist ein solcher Zustand überhaupt nicht möglich, das macht Dôgen eindeutig klar, denn es geht immer um die Ganzheit von Körper-und-Geist. Nur dann verwirklicht sich die Buddha-Natur.[i]

Der Buddha-Zustand der Wahrheit ist unauflösbar mit dem Körper und Handeln verbunden. Der Buddha-Zustand und die menschlichen Funktionen als Buddha sind natürlich und frei von Illusionen, Täuschungen, Übertreibungen und Extremen.

Extremismus ist ohne die Buddha-Natur!

Natürlich heißt in diesem Zusammenhang keinesfalls simpel und untrainiert, sondern die Natürlichkeit ist der höchste Zustand der Praxis und des Trainings und erfordert jahrelange ausdauernde Übung. Das weiß jeder Sportler, jeder Künstler und kreativ Tätige aus eigener Erfahrung.

Ein solcher Zustand ohne Dauerhaftigkeit tritt selbstverständlich auch bei Laien auf. Er ist also nicht vom Priesterstand oder vom Leben als Nonne oder Mönch abhängig. Mit dieser Feststellung kritisiert Dôgen einige auch mir seltsam erscheinenden Ansichten von sogenannten Buddhisten, die glauben, dass allein Mönche in der Lage wären, Erleuchtung zu erlangen und die Buddha-Natur zu verwirklichen.

Daher müsse eine Frau zunächst als Mönch wiedergeboren werden, um dann Zugang zur Buddha-Natur zu bekommen – eine groteske Vorstellung, die dem Buddhismus geradezu ins Gesicht schlägt.

Dôgen distanziert sich mehrfach im Shôbôgenzô scharf von solchen Diskriminierungen der Frauen. Leider gibt es auch heute noch buddhistische Länder, in denen Nonnen keine vollwertige Ordination erhalten können.



[i] Kap. 17, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 152 ff.: „Die Dharma-Blume der Wahrheit dreht die Blume der Dharma-Welt (Hokke-ten-hokke)“; Kap. 33, ZEN Schatzkammer, Bd. 2, S. 80 ff.: „Der Bodhisattva des großen Mitgefühls und des Helfens (Kannon)

Montag, 17. Juli 2017

Angst und Lebenssicherheit im Buddhismus


Die scheinbare Lebenssicherheit, die man durch die Selbstüberhöhung gewinnt, kann die eigene Angst und die eigenen Minderwertigkeitsgefühle nicht wirklich besiegen, denn sie ist Selbstbetrug und daher eine Scheinlösung. Der Mensch ist im Sinne von Joanna Macy in diesem Fall fixiert und kein offenes System; er kann am „Tanz des Lebens“ nicht teilnehmen.[i]

Auch die amerikanische Zen-Meisterin Joko Beck beschäftigt sich vor allem mit Problemen der Angst, Selbstüberschätzung, des Ich-Bezuges und der überstarken Ich-Grenzen, die hauptsächlich die Funktion von psychischen Schutzwällen haben.[ii] Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung mit Teilnehmern ihrer Sesshins und Seminare hat sie festgestellt, dass damit jedoch nur ein höchst brüchiger Schutz erreicht wird.

Eines ihrer zentralen Anliegen ist es, sich dieser Grenzen und Angstbarrieren bewusst zu werden, um sie dann abbauen und neue Kräfte entwickeln zu können. Joko Beck rät, das Leben einfach anzunehmen und dadurch „heil zu sein für das Leben“. Sie empfiehlt Offenheit und gesunden Realismus, wenn man etwas tun will, also eine realistische Eigenbewertung in Bezug auf die Zukunft.

Die Verhärtungen und Erstarrungen von Körper und Geist müssen aufgelöst werden, damit Körper und Geist wieder „fließen“ können. Man muss beweglich und offen für die Umgebung und für sich selbst werden, dann kann die Dualität von Ich und Objekt überwunden werden, und neue Energien fließen einem zu. Aber das ist gewiss leichter gesagt als getan.

Was rät uns nun Dôgen, um diese Probleme zu lösen?
Die Bedeutung des Ausdrucks „Was ohne Dauerhaftigkeit ist“, geht weit über das hinaus, was Nicht-Buddhisten aber auch einige buddhistische Gruppen darunter verstehen. Nishijima und Cross erläutern hierzu, dass Dôgen damit auf das Sanskritwort anitya anspielt, das im Allgemeinen die prozesshaft gedachte Vergänglichkeit, Veränderlichkeit und Nicht-Ewigkeit bedeutet.[iii]

Häufig versteht man unter anitya im Buddhismus das bedingte Entstehen, also die vernetzten Veränderungen. Diese werden wiederum im Zusammenhang mit der Leerheit (shunyata) gesehen, die andauernd und unveränderlich sei. Dies ist nach Dôgen und Nishijima Roshi aber eine unzureichende Erklärung.

Es geht hier vielmehr um den ganz kurzen Augenblick, der ja von Natur aus niemals dauerhaft und konstant ist und sich als Zeitdauer nicht vernünftig darstellen lässt.
Da laut Dôgen die Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens, hier also die Buddha-Natur, genau im Augenblick mit uns identisch ist, handelt es sich um eine ganz neue Interpretation der Veränderlichkeit und der Buddha-Natur.




[i] vgl. Macy, Joanna: Geliebte Erde, gereiftes Selbst. Mut zu Wandel und Erneuerung
[ii] vgl. Beck, Charlotte Joko: Einfach Zen
[iii] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 13, Fußnote 61

Samstag, 8. Juli 2017

Die Buddha-Natur ist nicht statisch sondern dynamisch


Die Buddha-Natur ist das wahre Selbst des Menschen. Ist sie in der modernen Zeit erstarrt? Der Zen-Meister Meister Daikan Enô gibt die Antwort.

Nach Dôgen sagte er klipp und klar, und das gehört zum Kernbestand der buddhistischen Lehre:
„Das ohne Statik ist Entstehen und ist die Buddha-Natur. Das, was Statik und Dauerhaftigkeit hat, ist der ein-dimensionale Geist, der alle Dharmas entweder in gut oder in schlecht unterteilt.“

Der hier angesprochene erstarrte und dogmatisch bewertende Geist ist also gerade nicht die Buddha-Natur. Er ist z. B. typisch für gewalttätige Extremisten, die wie in Hamburg, Fensterscheiben einschlagen und Autos abfackeln oder die wie in Syrien im Namen "Gottes" bomben und sogar morden.

Dass sich die Wirklichkeit wandelt und verändert, ist im Buddhismus eine wichtige und weit verbreitete Lehre. Typisches Beispiel dafür ist das wechsel-wirkende Entstehen in der Welt, also vernetzte Prozesse, die sich gegenseitig beeinflussen und jeweils Voraussetzung für alles Wachsen sind, für die Veränderungen des Gesamten und der vernetzten Teilsysteme. So funktioniert auch unser Gehirn, das neuronale Netz.

Die Veränderungen sind von zentraler Bedeutung für unsere Befreiung und Emanzipation von erstarrten Ideologien, Materialismus  und unrealen Weltanschauungen. Sie werden häufig nur zeitlich linear und eindimensional verstanden, was eine Verengung bedeutet. Weil man nur im Augenblick wirklich existiert, gibt es in diesem Zeitpunkt das höchste Maß an Wahrheit und zugleich den Impuls zur Befreiung aus Statik und Erstarrung, das sind wahre Veränderungen.

Es geht um den Zeitpunkt der vernetzten Prozesse, und wir erleben ihn existenziell als die Wirklichkeit gemäß der Sein-Zeit. Das ist das große Jetzt. Erstarrte Vorstellungen im Zeitablauf sind maßgeblich von eindimensionalen Denkprozessen und Vorstellungen abhängig, bei der Existenz-Zeit des Augenblicks sind sie demnach bedeutungslos. Erstarrte Vorstellungen und Ideologien führen zu Hass, Zerstörungswut und Intoleranz. Wie sollten"ohne" sein, das ist die berühmte Leerheit des Buddhismus!

Daikan Enô (Hui neng) sagt ganz klar, dass die Buddha-Natur ohne statische Dauerhaftigkeit aber voller Lebendigkeit ist, und dass der gewöhnliche Geist des Menschen im krassen Gegensatz dazu in konstanten dauerhaften Vorstellungen gefangen ist. Dies gilt vor allem für dogmatische Bewertungen und Unterscheidungen, wie total gut und total schlecht, richtig und falsch, moralisch und unmoralisch. So Etwas gibt er in der Wirklichkeit nicht. Daher ist es wichtig, sich der Gefährlichkeit von dogmatischen Bewertungen bewusst zu werden, sie zu erkennen und zu vermeiden.

Vor allem selbstgerechte moralische Bewertungen der "Anderen" werden meist zum überdimensionalen Aufbau des eigenen Ego und zur Selbstüberhöhung genutzt, auch wenn dies weitgehend unbewusst geschehen mag. Das hat zur Folge, dass die Wirklichkeit verdeckt und vernebelt wird, die unmittelbare positive Kraft der Wirklichkeit also geschwächt ist. Das führt zu Leiden und Unfreiheit, aber es kann durch die buddhistische Praxis überwunden werden. Unsere Erleuchtung ist ohne Ideologien und sie ist kraftvolle Lebendigkeit.

Montag, 3. Juli 2017

Meditation: Zazen-Praxis von Meister Dôgen

(G. W. Nishijima und Yudo Seggelke)


Kodo Savaki

Meister Dôgen war zunächst von seiner China-Reise enttäuscht, aber er hoffte, einen wahren buddhistischen Meister zu finden, um das zu erlangen, was er so sehr anstrebte. Am 1. Mai 1225 traf er dann Meister Tendô Nyojô. Er erkannte in ihm schlagartig seinen wahren Meister und studierte und praktizierte Buddhismus unter seiner Leitung. Die Tatsache, dass er mit diesem Meister zusammentraf, ist von größtem Wert für den Buddhismus. Bevor Dôgen ihm begegnet war, praktizierte er Zazen mit der Vorstellung, dass man auf ein Ziel gerichtet und mit großer Anstrengung die Erleuchtung erringen müsste. Die buddhistischen Lehren Tendô Nyojôs unterschieden sich vollständig von dem, was Dôgen bis dahin kennengelernt, aber auch, was er in China erwartet hatte. Meister Tendô Nyojô sagte mit großer Bestimmtheit:

„Zazen zu praktizieren bedeutet nur, Körper und Geist fallen zu lassen. Es ist nicht notwendig, dass wir Räucherwerk anzünden, Buddhas Namen rezitieren, unsere Sünden bekennen oder überhaupt Sûtras lesen. Aber wenn wir richtig sitzen, ist alles schon von Anfang an erreicht worden.“

Diese Worte bedeuten, dass die Zazen-Praxis das vegetative Nervensystem ins Gleichgewicht bringt und dass wir das einengende und verzerrende Bewusstsein von Körper und Geist verlieren. Wenn wir nur Zazen praktizieren, verwirklicht sich schon von Anfang an einfach und direkt die Freiheit vom eingeengten Bewusstsein des Körpers und Geistes. Diese Erkenntnis ist einer der wichtigsten Kernpunkte der buddhistischen Lehre überhaupt. Die willensmäßige Konzentration auf das Ziel der Erleuchtung ist also völlig sinnlos und zerstört gerade die wahre Zazen-Praxis. Das hatte übrigens schon Buddha bei seine beiden ersten spirituellen Lehrern erfahren.

Zazen ist nur das ruhige Handeln des Sitzens im gegenwärtigen Augenblick selbst. Wir müssen daher in aller Klarheit sagen, dass beim Zazen das Ziel, die praktische Methode und das eigentliche Handeln beim Sitzen vollkommen zu einer Ganzheit verschmolzen und damit ein Ganzes sind. Es ist sehr wichtig, dass wir Zazen einfach und ohne Verspannung als die erste Erleuchtung praktizieren, und wir müssen uns überhaupt nicht darum sorgen, wann die zweite Erleuchtung kommen wird.

Die erste Erleuchtung ist, Zazen im gegenwärtigen Augenblick zu praktizieren, indem wir Körper und Geist fallen lassen. Die zweite Erleuchtung ist das vollständige Verständnis der buddhistischen Lehre auf der Grundlage des ehrlichen täglichen Lebens als Mensch, der den Buddhismus praktiziert. Dabei ist der wichtigste Kern die Zazen-Praxis selbst, wie sie hier beschrieben wird und die wir in dieserKlarheit Meister Dôgen verdanken.

Er sagt zur Ganzheit von Zazen-Meditation und Ergebnis der Freiheit:
"Wenn nur irgendeine kleinste Abweichung existiert, dann wird diese Lücke der Abweichung (zum Beispiel durch Gedanken) sehr viel breiter und übertrifft sogar den ungeheuren Abstand zwischen Himmel und Erde. Wenn sich daher der kleinste Unterschied irgendeiner Art (zwischen Praxis und Ergebnis beim Zazen) ereignet, müssen wir wegen der Abweichung unsere geistige und körperliche Ausgeglichenheit vollständig verlieren.

Obgleich wir stolz auf unser klares Verständnis und reich mit klugen Entscheidungen ausgestattet sind, obgleich wir noch zusätzliches ausgezeichnetes Denken und dessen Wahrheit erlangen, obgleich wir den Geist klären, den Willen ertüchtigen und den Himmel großartig durchstoßen und den Kopf in den Bereich des denkenden Handelns bringen, misslingt es uns vollkommen, unseren Körper tatsächlich in den Bereich des wahren Handelns selbst zu bringen."


Und weiter: "Wenn ihr beständig dieses Etwas des Unfassbaren praktiziert, wird sich das Schatzhaus der Juwelen auf natürliche Weise öffnen, und es wird für euch leicht möglich sein, sie zu empfangen und zu verwenden – genau so, wie ihr es wollt.“

Hier geht es zum erweiterten Text:
http://yudoblog-f.blogspot.de/



[i] Dieses Kapitel ist auch in dem Buch „Aus meinem Leben“ von G. W. Nishijima abgedruckt.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Die Frage der Buddha-Natur auf den Punkt bringen


Dôgen formuliert überraschend:

„Menschen werden Buddha, aber die Buddha-Natur kann nicht Buddha werden.“

Das klingt eigenartig. Was ist gemeint? Er fragt sogar weiter, ob der junge Daikan Enô sich dieser Tatsache bewusst war. Ich verstehe das so: Jeder Mensch kann erwachen und damit zur klaren Wirklichkeit gelangen. Genau diese Wirklichkeit und Wahrheit sind die Buddha-Natur. Es ist jedoch irrig zu glauben, dass die Buddha-Natur wie ein abgegrenzter Samen im Menschen vorhanden ist und sich dann verwirklicht. In diesem gedachten oder erträumten Fall wäre die Buddha-Natur vorher als eigene vom Menschen getrennte Entität da und würde dann irgendwie Buddha werden. Nach Nishijima Roshi wäre eine solche Vorstellung dem Idealismus zuzurechnen und damit irreal. Dieser gibt den nicht materiellen Ideen und Gedanken die höchste Bedeutung und behauptet sogar, dass sich Ideen materiell realisieren und so der Ursprung aller Form und Materie sind. Dôgen lehnt eine solche Irrlehre in diesem Kapitel kategorisch ab.

Er bezeichnet die Kraft, die Wirklichkeit und Wahrheit unverstellt und unverzerrt zu erkennen und zu erleben, als „die höchste Kraft der Sammlung“ auf die Wirklichkeit, genau so wie sie ist. Solche Formulierungen verwendet er häufiger im Shôbôgenzô, zum Beispiel: „Die Wirklichkeit ist durch die Wirklichkeit fokussiert“ und dadurch kraftvoll und nicht zerstreut. Das heißt, sie ist nichts als die Wirklichkeit selbst, ohne Zusätze, Verengung [i] und ohne überflüssige "Gehirnwellen" (ein Begriff aus dem Yoga).

Dôgen erklärt aber, dass er die Frage „Welches Konkrete ist die Buddha-Natur?“ für außerordentlich wichtig hält. Er überlegt, ob der junge Daikan Enô mit seinem damaligen Geist bei seiner Ankunft im Kloster diese Frage bereits gestellt hätte, und er bedauert, dass es nur wenige Menschen in seiner Zeit gab, die eine solch präzise Frage nach der Buddha-Natur stellen und untersuchen konnten. Spitzfindige Diskussionen der Theoretiker über die Existenz oder Nicht-Existenz einer "Entität der Buddha-Natur" hält er dagegen für überflüssig und bedeutungslos.

Bei dieser Frage geht es ihm weniger um ein Ergebnis oder eine scheinpräzise Definition, also eine behauptete abschließende Beantwortung, sondern darum, dass wir durch einen lebendigen Prozess der Analyse tiefer in die Bedeutung dessen, was mit Buddha-Natur bezeichnet wird, eindringen können. Denn Vorstellung und Bezeichnung sind nicht die Wirklichkeit, sondern deuten auf sie. Nicht mehr und nicht weniger.

Er empfiehlt uns, dass wir diese Frage
zweimal oder dreimal und für lange Zeitalter durchsieben“.

Dies ist ein sehr konkretes Gleichnis, das den Schwerpunkt auf das Handeln und Tun legt und nicht auf das erträumte Ergebnis. Es besagt, dass die eigentliche Kraft „genau im Sieb" und dem siebenden Menschen gegenwärtig ist. In seiner typischen Weise rät Dôgen uns, diese Frage aufzugreifen, zu behandeln und wieder loszulassen. Aber mit unsinnigen Fragen wie zum Beispiel, ob die Buddha-Natur ohne Materie, feinstofflich oder rein geistig sei, sollten wir uns nicht beschäftigen, sondern stattdessen sorgfältig praktizieren und sinnvoll handeln: Just do it, make yourself.






[i] vgl. Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 12, Fußnote 57

Montag, 5. Juni 2017

Wie werden wir im Augenblick Buddha?

Dôgen sagt:

Wir werden sofort genau in dem Augenblick Buddha, (wenn wir) ohne sind, (das ist) die Buddha-Natur. Wer diese Aussage niemals gehört und beherzigt hat, ist nicht Buddha geworden.“

Das klingt eigenartig, ist es aber nicht. Im Zen weisen scheinbare Paradoxien oft auf ganz zentrale Wahrheiten der alten Meister hin. Dôgen verstärkt:

"Wer die Wahrheit nicht kennt, dass „alle Lebewesen, die ohne sind, die Buddha-Natur sind“,

kann demnach laut Dôgen unmöglich den wahren Buddhismus erfahren und erlernt haben. Meister Konin hatte sofort intuitiv erkannt, dass Daikan Enô bei seiner Ankunft den festen Willen und die Fähigkeit hatte, den Buddhismus in Theorie und Praxis authentisch zu erlernen.

Damit zeichnete er den Weg und die Art und Weise des Lernprozesses für Daikan Enô präzise vor. Dieser sollte also die Wirklichkeit und nichts als die Wirklichkeit erlernen; dazu dienten sowohl die Zazen-Praxis als auch andere konkrete praktische Arbeiten im Kloster.

Als Nächstes zitiert Dôgen noch einmal Daikan Enô:

„Die Menschen haben Süden und Norden, aber die Buddha-Natur ist ohne Süden und Norden.“

Dôgen fordert uns auf, diese Aussage sehr genau zu untersuchen und dabei mit unverstelltem Geist vorzugehen – man könnte auch sagen mit Anfängergeist im Sinne von Shunryu Suzuki: ohne Vorbedingungen, ohne zu verurteilen und frei von ideologischen Verhärtungen.

Ich interpretiere Daikan Enôs Worte folgendermaßen: Die Bezeichnungen Norden und Süden sind auf eine materielle Ebene beschränkt, die nicht in der Lage ist, die höchste Ebene des Erwachens, der Wirklichkeit und damit der Buddha-Natur zu beschreiben. Außerdem schwingt darin die damals übliche Diskriminierung des Südens durch den Norden mit.


Derartige Bewertungen und Diskriminierungen haben im Zusammenhang mit der Buddha-Natur aber nicht die geringste Bedeutung. Im Gegenteil: Sie sind schädliche "likes" und dislikes". Die Buddha-Natur ist die wahre Natur des Menschen und der Welt; räumliche Zuordnungen sind daher nicht relevant. Zu dieser Natur kann sich nach Buddha jeder entwickeln und emanzipieren.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Zen-Meditation und Buddha-Natur



Meister Konin fragt den jungen Daikan Eno (Hui Neng)

Wie kannst du erwarten, ein Buddha zu werden?“
Das kann man wie folgt zu verstehen:

Welche Art von Buddha-Werden erwartest du?“
Also etwa: Welchen Weg der Verwirklichung möchtest Du einschlagen?

Es geht auch für uns nicht um die Frage, dass wir die Buddha-Natur verwirklichen können, sondern wie wir das machen. Nach Dôgens Überzeugung ist es nicht hilfreich zu sagen, man hat eine Buddha-Natur oder man hat sie nicht. Es geht nicht um eine Ding-Metaphorik des Habens oder nicht Habens oder des Besitzens oder nicht Besitzens. Es geht überhaupt nicht um philosophische Metaphysik sondern konkret darum, wie der Mensch erwacht und sich von unnötigem Ballast befreit. Wie kann er das machen? Er sollte sich aus den Fesseln von Dogmen, Ideologien und anderen Abhängigkeiten befreien. Sie sind gerade keine die Stütze, sondern Hemmnisse und nicht das Hier und Jetzt.

Das lehrte Gautama Buddha und die chinesischen großen Meister praktizierten es und gaben es an uns weiter. Im Achtfachen Pfad der Befreiung sind die ersten beiden Blöcke: "Rechte Sichtweise" und "Rechte Entscheidung" und der achte die "Rechte Meditation". Das ist jedem zugänglich.

Dôgen gibt eine Fülle von sehr genauen Antworten zu Fragen über die Buddha-Natur. Er macht eine ganz zentrale Aussage über die Ganzheit der Buddha-Natur mit dem Zustand und der Dynamik des Erwachens:

„Die Wahrheit der Buddha-Natur ist, dass wir nicht über die Buddha-Natur verfügen, bevor wir den Zustand des Erwachens und damit Buddhas verwirklichen. Wir sind mit ihr ausgestattet und folgen der Verwirklichung des Zustandes von Buddha.“

Das Erwachen und die Buddha-Natur sind also unlösbar miteinander verbunden. Das heißt, dass wir die wahre Natur des Menschen erfahren, wenn wir erwacht und erleuchtet sind. Ganz wichtig ist es laut Dôgen, nicht nur theoretisch die Einheit von Buddha-Natur und erwachtem Zustand zu denken, sondern diese in der Praxis und Wirklichkeit selbst zu erfahren. Und dabei geht es um die Beobachtung und Achtsamkeit unserer eigenen Veränderungen auf dem Weg der Befreiung

Nishijima Roshi sagt in seiner direkten Art, dass bei der Meditation der Zazen-Praxis sich genau die erste Erleuchtung ereignet. Und das heißt nichts anderes, als dass wir dann eine Ganzheit mit der Buddha-Natur sind. Dôgen hält fest:

„Die Buddha-Natur und die Verwirklichung von Buddha werden unausweichlich zusammen im selben Zustand erfahren.“

Die Einheit von Buddha-Natur und Erwachen ist nach Dôgen ganz genau und wahr. Alle Lehren, die etwas anderes verkünden oder behaupten, sind selbst weit von der Buddha-Natur entfernt, erklärt er. Es wäre unmöglich, dass die große Wahrheit der Buddha-Natur den heutigen Tag erreicht hätte, wenn sie nicht die Qualität der Ganzheit mit dem erwachten Zustand hätte. Nur so könne man die Buddhaschaft verwirklichen. Und nur so könne die Aussage von Meister Konin verstanden werden:

„Die Menschen südlich der Berggipfel sind ohne (das Unwirkliche), (sie sind) die Buddha-Natur.“

Nishijima und Cross[i] erläutern hierzu, dass wir Buddha werden, wenn wir uns frei von allem machen, was nicht wirklich zu uns gehört.

Einen solchen Zustand erfahren wir in der Zazen-Praxis.






[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 12, Fußnote 55

Sonntag, 7. Mai 2017

Unlösbar verbunden: das Erwachen und die Buddha-Natur


Solandra auf La Gomera

Das folgende Kôan-Gespräch zwischen dem fünften und sechsten Nachfolger in China, also dem überragenden Meister Daikan Enô (Hui Neng), eröffnet eine tiefgründige Dimension der Buddha-Natur. Dieses Gespräch hat laut der Überlieferung stattgefunden, als der junge Daikan Enô im Kloster seines Meisters Daiman Konin als „Anfänger“ ankam.
Daiman Konin fragte den Ankömmling:

„Woher kommst du?“ Und dieser antwortete:

„Ich bin ein Mann vom Süden der Berggipfel.“ Der Meister fragte weiter:

„Was möchtest du durch dein Herkommen erlangen?“  Daikan Enô erwiderte:

„Ich möchte Buddha werden.“ Daraufhin sagte Meister Konin scheinbar abweisend:

„Ein Mann aus dem Süden der Berggipfel ist ohne, (das ist) die Buddha-Natur. Wie kannst du erwarten, Buddha zu werden?“

Das klingt paradox, weil doch Daikan Enô als einer der größten und einflussreichsten Meister des Chan in China und des Zen in Japan gilt. Wie kann man dieses Kôan auflösen?

Meinte der alte Meister damit etwa, dass der Ankömmling aus dem Süden nicht Buddha werden kann? Das Gegenteil ist richtig. Hierzu muss man wissen, dass der Süden Chinas damals spirituell, kulturell und zivilisatorisch weniger entwickelt war als der Norden, in dem auch der Buddhismus einen deutlich höheren Entwicklungsstand hatte. Es geht hier um ein falsches Verständnis der Buddha-Natur und der Leerheit, das von Meister Konin richtig gestellt wird.

Das Kloster von Meister Konin lag im Norden Chinas, und man könnte seine Aussage daher so verstehen, dass ein Mann aus dem unterentwickelten Süden überhaupt keine Buddha-Natur habe und deshalb nicht Buddha werden könne.

Auf der Grundlage der in einem anderen Kôan-Gespräch zu dem Begriff „ohne“ wiedergegebenen Bedeutung ergibt sich jedoch eine zweite, viel wichtigere Bedeutungsebene: die Leerheit von Täuschungen und ethisch unheilvollen Doktrinen.

Diese Bedeutung wird bereits vom indischen Meister Nagarjuna in der tiefen Weisheit des Mittleren Weges herausgearbeitet. Damit sagt Meister Konin nichts anderes, als dass die wahre Bedeutung von Buddha-Natur und Leerheit gleich sind. Also ist die Leerheit kein Nichts sondern die höchste dem Menschen zugängliche Wahrheit! Und sie ist keine Idee und kein Ding sondern viel mehr: die reine Wirklichkeit ohne Störungen, Täuschungen, Verzerrungen, genau in der Wahrheit des Augenblicks.

Zweifellos hat Meister Konin dieses im Sinn, denn die Bedeutung der Leerheit ist sein Hauptthema, wie aus anderen Ausführungen deutlich wird. Seine Aussage ist also keineswegs eine Diskriminierung des Schülers aus dem Süden, sondern bedeutet etwa Folgendes:

Unabhängig davon, ob du, Daikan Enô, aus dem Süden oder aus irgendeiner anderen Gegend kommst, bist du ohne, also frei von allem, was nicht die Wahrheit und Wirklichkeit ist, zum Beispiel frei von Täuschungen, Illusionen, Ängsten, affektiven Abhängigkeiten, Gier, Hass und Verblendung usw..

Du bist nur die Wahrheit und Wirklichkeit, sonst nichts. Wer aber wie du die wahre Natur – die Buddha-Natur – verwirklicht, der ist damit auch in der Wahrheit und ist Buddha. Es bedarf also keiner fundamental neuen Existenz, du bist bereits Buddha. Es kommt nur darauf an, das im Augenblick zu verwirklichen, das ist Dein Erwachen.

Mittwoch, 19. April 2017

Zen in der Kunst des Bogenschießens und des Lebens

:

Der große Bogenmeister Genshiro Inagaki

Der zentrale Satz "ES hat geschossen!"

aus Herrigels berühmten Buch "Zen in der Kunst des Bogenschießens" hat mich ein Leben lang begleitet, aber erst seit wenigen Jahren schieße ich nun selbst. Was fasziniert an diesem Satz so sehr ? Oder sollten wir besser sagen: Welche Wahrheit gibt uns das Bogenschießen für die Kunst unseres eigenen Lebens?

Nachdem der bis dahin verkopfte deutsche Philosoph Herrigel in Japan Zen-Philosophie studieren wollte, machten ihm seine japanischen Freunde klar, dass er mit magerer Theorie nicht erfahren könne, was Zen wirklich ist. Er müsse eine Zen-Kunst erlernen, dann werde er selbst ohne fremde Einflussnahme seine eigenen existentiellen Erfahrungen machen. Seine erste Zeit mit dem Bogen-Meister waren vor allem durch Enttäuschungen, Missverständnisse und Rückschläge gekennzeichnet.

Aber dann eines Tages: Als der erste wahre Schuss gelungen war, verbeugte sich sein Meister und sagte "ES hat geschossen". Und er fügte hinzu, dass er sich nicht vor dem Menschen Herrigel verbeugen würde, weil es um mehr ginge. Das Es ist das gelungene Zusammen-Wirken von Mensch, Bogen, Sehne, Pfeil, Luft, Ziel usw. , aber auch und gerade ist es die Wechsel-Wirkung von Energie, Bewegung, Ruhe, Achtsamkeit, Körper-und-Geist, Kreativität und nicht zuletzt unserer eigenen Klarheit und Freiheit. Das ist der Augenblick: Entspannt in der höchsten Spannung, der Pfeil fliegt seinen wunderbaren Flug.

Es geht um das ganze Leben und es geht um das heutige Leben im Umfeld von Stress, digitaler Fragmentierung, Überforderung und drohenden Katastrophen. Aber ein solcher Schuss ist Emanzipation und Impuls für das weitere freie Leben zugleich: Welt und Menschen öffnen sich, Neuland des Lebens lädt ein, Ganzheit und Konzentration des Augenblicks sind da, das ist ZEN.

Übungsgruppe der Altbäckersmühle

Mein Freund, der Zen- und Bogenmeister KyuSei (Kurt Österle), drückt das in seinem neuen Buch "Zen im Weg des Bogens: Über die Kraft, aus der wir leben" (S. 39) treffend aus:

"Nimm den Bogen in die Hand und begegne dem ´Alltäglichen´ bzw. das ´Alltägliche´ wird dir begegnen. Damit habe ich eine Möglichkeit gefunden, die Herauforderungen des Lebens als eine Kunst zu begreifen" Und weiter: "...in jedem Augenblick die Sehne zu spannen, sodass der Pfeil fliegen kann."

Hier der link

Er hat den Zen-Weg des Bogens für den Westen mit westlichen Bögen gestaltet und in unsere Kultur integriert, ohne die Wahrheit des Zen-Bogens zu verlassen.

Wann und wo erfahren Sie selbst: "Es hat geschossen?"

***

Sonntag, 16. April 2017

Buddha-Natur und die Leerheit des Herz-Sutra


Im Herz-Sûtra heißt es

 „Form - Leere. Leere - Form“. 

Keineswegs ist damit nach Dôgen gemeint, dass es überhaupt keine Form und keine materielle Welt gibt und dass nur die isolierte Leere die Wirklichkeit ist [i]
Dies wäre eine irreführende philosophische Vorstellung, die sicher nicht der Inhalt des ursprünglichen buddhistischen Textes ist und schon gar nicht mit dem Verständnis und der Praxis des Zen-Buddhismus übereinstimmt. Zentrale Aussage des Herz-Sûtra ist demgegenüber, dass die Leerheit als Freiheit von falschen Doktrinen, wie des âtman, die immaterielle Seite der Wahrheit ist, die mit der materiellen Seite der Form in Übereinstimmung sein muss. Die Welt hat also immer eine materielle Seite der konkreten Einzelheiten und die nicht-materielle Seite, die ebenso real ist. Aber wir dürfen nicht auf die äußere Form fixiert sein.

Dôgen kritisiert massiv, dass manche behaupten, Materie könne absichtlich und mithilfe des Willens in Leerheit umgewandelt werden und umgekehrt könne die Leerheit aufgeteilt werden, um Materie zu erzeugen. Tatsächlich gibt es auch in einigen neueren buddhistischen Texten ein Erklärungsmodell, das versucht, die Leerheit materiell zu beweisen: Wenn man die Materie immer weiter aufteilt, bliebe schließlich nichts mehr übrig, daher sei die Materie leer. Als Begründung wird die moderne Physik herangezogen, die besagt, dass es keine Atome als kleinste unteilbare Einheiten gibt, wie uns von den Griechen übermittelt wurde, sondern dass man Materie immer weiter unterteilen kann, bis man zu den subatomaren Elementarteilchen gelangt. Diese seien aber immer weiter teilbar, beziehungsweise als kleine Energieprozesse existieren.

Dieser Argumentation liegt eine materielle, naturwissenschaftliche Lebensphilosophie zugrunde. Sie ist methodisch zweifelhaft, weil sie eine Schlussfolgerung aufbaut, die die Leerheit gerade materialistisch beweisen soll.

Genau diese materielle Scheinlogik lehnt Dôgen ab, denn die Leerheit ist eine Erfahrung der Freiheit vom Ideologien und Doktrinen der vierten und höchsten Dimension des Lebens nach dem Erwachen. Materielle Argumente können nur unvollständige Teilwahrheiten erfassen. Genauso unsinnig ist es, immaterielle Ideen oder unkörperliche Wesen als Ursprung anzunehmen, aus denen sich das Materielle und Formgebundene entwickeln würde oder ableiten ließe. Dôgen drückt das ganz einfach so aus:

„Leerheit, in der die Leerheit genau Leerheit ist.“

Die Erfahrung der Leerheit kann nur in der Leerheit selbst gemacht werden. Dazu zitiert er Meister Seikiso Keisho, der auf die Frage eines Mönchs

Was war die Absicht des alten Meisters (Bodhidharma), als er aus dem Westen kam?“ antwortete: „Ein Stein im Raum.[ii]

Das klingt nach einem der angeblich unverständlichen und paradoxen Zen-Zitate, ist es aber nicht. Nach meiner Ansicht will der Meister damit jedoch sagen, dass der konkrete Stein als Realität wichtig ist und wir uns nicht in spekulativen Welten des Denkens verlieren sollten. Denn woher soll der Meister die wirkliche Absicht von Bodhidharma kennen, ohne zu behaupten, dass er selbst allwissend ist? Das ist einem Zen-Meister total fremd. Der Raum zählt im Buddhismus bekanntlich zu den materiellen Elementen, also hier den Dharmas. Die spekulative Frage des Mönchs beantwortet der Meister indirekt, indem er sinngemäß sagt, dass der Mönch zu seinen Ideen und schönen spirituellen Fantasien die konkrete Form hinzufügen muss, um zur Wirklichkeit zu gelangen.

Der einseitige Idealismus ist genauso wenig wie der einseitige Materialismus in der Lage, die Wahrheit der Leerheit und der Buddha-Natur zu verwirklichen. Häufig wird  sogar behauptet, dass nur die Leere wie das Nichts die wahre Wirklichkeit ist. Dies wäre eine irreführende philosophische Vorstellung, die sicher nicht der Inhalt des ursprünglichen buddhistischen Textes ist und schon gar nicht mit dem Verständnis und der Praxis des Zen-Buddhismus übereinstimmt.

Häufig wird bei der den Begriffen „Form - Leere. Leere - Form“ beides durch ein "ist" verbunden, also "Form ist Leere". Das "ist" gibt es im Original des Sanskrit aber  nicht. Dann kann es allerdings zu Missverständnissen führen. Es geht m. E. gerade nicht um die Identität von Form und Leerheit, denn nach dem Mittleren Weg Nagarjunas gibt es in unserer Wirklichkeit weder die totale Identität noch die totale Differenz. Eine solche behauptete totale Identität wäre ja auch paradox und schwer nachvollziehbar.






[i] Kap. 2, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 36 ff.: „Die große intuitive Weisheit, die das Denken überschreitet (Makahannya haramitsu)“
[ii] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 10, Fußnote 49

Montag, 10. April 2017

Einfach so: Erleuchtung und Absichtslosigkeit im ZEN



 In buddhistischen Gruppen hört man  richtiger Weise für die eigene Lebensgestaltung den Ausdruck „einfach so“. Das gilt gerade im Zen für ein Leben im Gleichgewicht von Körper-und-Geist oder nach Dôgen für die höchste dem Menschen mögliche Weisheit. Dann ist unser Leben wirklich einfach! Er wird aber von manchen etwas leichtfertig dafür benutzt, dass man keine Ziele, Pläne und Absichten haben solle und sich nicht für die Gemeinschaft engagieren müsse. Kann man schon dadurch Erleuchtung erlangen? Dies ist nach meiner Kenntnis und Erfahrung leider ein Missverständnis, denn die im Buddhismus oft zitierte Absichtslosigkeit bedeutet vor allem, keine egoistischen, rücksichtslosen und völlig unrealistischen Absichten zu verfolgen, also ethisch zu denken und zu handeln und sich nicht von Dogmatik, eingefahrenen Grenzen und Schein-Zielen dominieren zu lassen. Das könnte unversehens zu der von Buddha genannten Hemmnis "Erstarren und Trägsein" führen, wäre also gerade kein wahrer ZEN.

Was sagt nun Buddha selbst dazu? Dazu ein kurzer Rückblick zur wahren Erfahrung seiner Erleuchtung: Am Anfang seines großen Übungsweges meditierte er unter zwei weit bekannten Lehrern der damaligen vedischen Tradition. Nachdem er das von ihnen Lernbare erlernt hatte, war er letztlich enttäuscht: Erleuchtung hatte er nicht erlangt. Warum?

Er erläuterte später, dass die Yogis falsche Ziele und eine falsche unerreichbare Absicht hatten: Sie wollten die Allwissenheit Brahmans erlangen. Aber das kann kein Mensch und wegen der falschen Absicht blockierten, begrenzten sie sich selbst und untergruben die Wirksamkeit ihre eigenen Meditation. Sie konnten daher spirituell nicht auf Neuland vorstoßen, sondern hingen fest an der überkommenden Religion. Erst als Buddha dieses Ziel als unerreichbar erkannte und aufgab, konnte er richtig meditieren und erlangte so die Erleuchtung: Ganz im Hier und Jetzt: Meditieren als Meditieren und sonst nichts. Das war etwas völlig Neues in der menschlichen Kultur und brachte ihm innere und äußere Ruhe, Klarheit, Glück und Heiterkeit. Eben Erleuchtung!

Meister Dôgen arbeitet in mehreren Kapiteln heraus, dass es darauf ankommt, sich von der Fixierung auf Ziele zu lösen und sich ganz dem Handeln und Tun im Augenblick zu öffnen.[i] Das heißt im Klartext, dass Absicht und Handeln im Augenblick eine unlösbare Ganzheit sein sollen. Absicht und Ziel dürfen wie beim Zazen nicht getrennt werden, das um so mehr, wenn es unrealistische und unerreichbare Ziele sind. Ich erinnere mich, dass Nishijima Roshi diese fundamentale Wahrheit häufig betonte.

Wenn die verbissene Ausrichtung auf Ziele und Ergebnisse unseren Geist dominiert, werden wir von der Gegenwart in eine ferne Zukunft weggezogen und verlieren den Kontakt zur Wirklichkeit des Hier und Jetzt. Dann lebt ein Mensch nicht mehr in der Realität, sondern im Denken, in der Hoffnung und in Angst; meist wird er darüber hinaus von Affekten oder Illusionen gebeutelt, sodass sogar seine Vernunft leidet.

Dôgen grenzt in diesem Zusammenhang sein Verständnis der Leerheit von verschiedenen anderen nicht immer klaren Begriffen ab und interpretiert seine Worte „ohne sein“ im Zen folgendermaßen: Die Leerheit ist ohne alles das, was nicht die Wirklichkeit ist, also künstlich hinzugesetzt wurde. Das gilt vor allem für die Abhängigkeit von Ideologien und extremen Doktrinen. Ich verstehe das so, dass er uns durch seine ungewöhnliche Formulierung dazu auffordert, den Begriff und die Bedeutung der Leerheit selbst ganz genau zu untersuchen und mit der Praxis, nicht zuletzt des Zazen, zu verbinden: 

Was wäre in unserem Leben OHNE besser? Und gerade dadurch gelangen wir auf Neuland.

Im Europa des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wurde der indische Begriff der Leerheit meist falsch verstanden und hat zu falschen Schlussfolgerungen geführt. Manche Schwärmer und Idealisten, die mit der westlichen Kultur unzufrieden waren, haben darunter die Auflösung der Wirklichkeit und das Verlöschen der unerfreulichen Realität verstanden. Im Zen gibt es solche Tendenzen des Rückzugs nicht, es sei denn für eine bestimmte Zeit der Praxis, Befreiung und der Weiter-Entwicklung.

Mein Eindruck ist, dass zum Beispiel auch der Philosoph Schopenhauer diesem Irrtum zumindest teilweise unterlag. Allerdings gab es damals noch keine wirklich verlässliche Übersetzungen der buddhistischen Sûtras und schon gar keine belastbaren Dokumente aus dem Zen-Buddhismus. Das Shôbôgenzô von Meister Dôgen war praktisch unbekannt und selbst in Japan kaum erschlossen. Es war nur einem kleinen Zirkel von Mönchen zugänglich. Außerdem wurde damals in Europa häufig zwischen Buddhismus und Hinduismus nicht klar genug unterschieden.

Der Buddhismus gehört im Sinne von Nishijima Roshi zu den realistischen Religionen, während er den Hinduismus als idealistisch bezeichnet, da dieser geistige, spirituelle und metaphysische Bereiche unabhängig vom Körperlichen und Formgebundenen für wahr hält. Im Zen gibt es demgegenüber immer die Ganzheit von Körper-und-Geist.

Der depressive Kulturpessimismus des Westens wollte sich damals offensichtlich aus der oft harten Realität verabschieden und in einen fast suizidalen Nihilismus flüchten. Das ist aber kein wahrer Buddhismus, denn dieser ist gerade durch eine optimistische Weltsicht des Konkreten und Ganzen gekennzeichnet. 

   Und mit Weltflucht hat Zen schon gar nichts zu tun: Das Gegenteil ist richtig.






[i] vgl. Seggelke, Yudo J.: Strahlende Zeit zum Handeln. Im Auge des Zen, Bd. 2

Samstag, 1. April 2017

Hier und Jetzt des Zen: Das Berg-Kloster in Südtirol

(Niko Schulmeister)


 Der Raum hinter dem Altar des Bergklosters schien uns der geeignete Ort für unsere Sitz-Perioden zu sein. So dachten wir. Voller Vorfreude und Neugier, auch mit Bewunderung für den alten, kühlen Kalk-Stein, aus dem das Kloster erbaut worden war, machte ich mich auf, um die Räumlichkeiten zu entdecken.

Von dem sonnigen Innenhof führen eine niedrige Tür und ein paar ausgetretene Stufen hinunter in den gesonderten Bereich hinter dem Altar. Die ganze Kapelle ist so in zwei Bereiche unterteilt: Das ist die überlieferte Form der Franziskaner-Klöster. Der eine ist von außen durch den Eingang zugänglich, der andere für die kleine Schar der Mönche und jetzt für unsere Zen-Gruppe.
Mich erinnerte die hölzerne Trennung zwischen Gebetsraum der Kapelle und Aufenthaltsraum für die Mönche an einen Januskopf. Zu beiden Seiten des hölzernen Altars waren Bildnisse und Schnitzereien Jesu’ und dessen Kreuzigung zu sehen. Dankbar, an solch einem Ort meine Meditation praktizieren zu dürfen, legte ich mir wie die anderen mein Kissen für das Zazen zurecht.

Obwohl wir uns in knapp 1000 m Höhe befanden, waren es im Südtiroler Hochsommer im geschützten Innenhof des Klosters angenehme 25 Grad. Nachdem wir aber die paar Stufen hinabgestiegen war, merkten wir die alten kühlen Steine, die Wärme blieb draußen: doch etwas befremdlich. Eine neue Kälte von unten wurde immer spürbarer und drang auch durch die sorgfältig zurechtgelegten Decken und Kissen. Meine eine innere Unruhe nahm noch weiter zu.

Die ersten Sitzperioden unter dem überlebensgroßen Gekreuzigten waren mühsam. Ein Unbehagen und ein irgendwie rastloser Geist waren nicht zu unterdrücken. Zunächst dachte ich während des Sitzens und auch danach, dass dies die wahrscheinlich üblichen Schwierigkeiten der Eingewöhnung seien. Trotz des Versuchs solche fast drückenden Gedanken ins innere Gleichgewicht zu bringen, war ich immer froh, nach jeder Sitz-Periode wieder ans Tageslicht und ins Freie zurückzukehren.: Welch wunderbare Umgebung und Aussicht auf das weite sommerliche Etsch-Tal.

Zwischenzeitlich graute es mir davor, dies eine Woche durchhalten zu müssen. Abends bei Tisch entwickelte sich zwischen uns ein Gespräch, das sich langsam vortastend, zumeist, auf die Übel in der Welt bezog und mich selbst in eine bleierne Schwere versetzte. Eine letzte Sitzperiode ließ mich dann müde und abgekämpft in meine Mönchs-Kammer gehen.

Am nächsten Morgen in der Frühe erschien Yudo nicht, der nebenan wohnte. Wir warteten nach dem Frühstück auf ihn, um mit unserem Programm zu beginnen. Kurzerhand entschloss sich Eberhard-Gensa, Yudo aufzusuchen. Nach einiger Zeit kamen Gensa und Yudo dann gemeinsam zu uns ins Kloster. Er war übrigens gesundheitlich nach zwei schweren Operationen noch etwas angeschlagen. Er teilte uns seine Eindrücke des Vortages mit und bat um gemeinsame Unterstützung, wie wir die Klarheit, positive Kraft und tiefe Meditation des Zen hier verwirklichen können. Er sagte uns ohne Umschweife, dass wir etwas Tiefgreifendes, den Geist des Ganzen, ändern müssten, damit wir uns frei der Meditation hingeben und dem Buddha-Dharma öffnen könnten.

Das Zusammenkommen an diesem Ort hätte bisher keine Wirkung der Befreiung und Freude bewirkt, sondern wirkte eher hemmend und beengt. Wir untersuchten, ob und inwiefern uns das Jahrhunderte alte klösterliche Gemäuer, und insbesondere der Raum hinter dem Altar, in eine bedrückenden Stimmung brachten, belasteten und sowohl unser Befinden als auch unseren Geist trübten. Yudo erzählte, dass er seit Jahren nach Assisi, der Stadt des Franziskus fährt und dort die Spiritualität der Klarheit, Heiterkeit und tiefen Lebensfreude mit seinem Gedicht "Der Sonnengesang" kennengelernt habe: so wie er den Zen-Buddhismus versteht. Wo sei denn der Unterschied zwischen einem solchen Christentum und dem Buddhismus?
So beschlossen wir, die gegebene Situation zu verändern. Ein wichtige Veränderung war die volle Integration der wunderbaren uns umgebenden Natur in den Tagesablauf. Das war es doch, warum wir uns vor einiger Zeit entschlossen hatten, an diesem besonderen  Ort zusammenzukommen. Schon Buddha hatte empfohlen, in der Natur und Stille zu meditieren.

Von nun an saßen wir im Freien, im offenen einfachen und geradezu urigen Innenhof, der viel von den Mönchen benutzt und geprägt worden war. Nach zügigen gemeinsamen Umräumarbeiten hatten wir dort unter einem kleinen Vordach genügend Fläche geschaffen, um dort sitzen und meditieren zu können. Der ohnehin schon reich mit Pflanzen und Blumen geschmückte Hof und das Leben und Atmen im Hauch der Luftströmungen und in südlicher Sonne waren einladend und uns bald vertraut. Als das Wetter umschlug saßen wir bei Regenschauern und Gewittern dort enger beisammen, und waren wirklich froh, draußen zu sein.



Das Meditations-Gehen des KinHin zwischen den Sitzperioden praktizierten wir im Garten des Klosters: barfuß auf Gras und Erde. Eine große alte Linde war unser Freund. Das vormittägliche Studium führte uns in die Berge, da wir der Natur so nah wie möglich sein wollten.
Was es genau war, kann ich nicht sagen, aber das Überwinden des ersten deutlichen Widerstandes durch gemeinsames Handeln und das sich Öffnen für neue Möglichkeiten und Perspektiven verwandelten das anfänglich empfundene Unbehagen in großes Glück. 

Ich konnte nicht mehr sagen, ob die offene und grenzenlose Schönheit der uns umgebenden Natur nun außen oder innen war. Was wollen die Menschen überhaupt mit außen und innen ausdrücken? Wir hatten den Sinn dafür verloren. Das Erkennen des eigenen Widerstandes, die bewusste Entscheidung für eine Veränderung und das gemeinsame Handeln waren im Moment wie ein Samen, der sofort Wurzeln schlägt und weiter in die eigene Entfaltung führt.


Gemeinsam tief atmend auf einem Berg zu sitzen und dem Windspiel bei Gewitter zu begegnen war für mich größtes Glück an diesem Ort.

Montag, 27. März 2017

Buddha-Natur und Leerheit: Einfach und wunderbar


Die Buddha-Natur ist kein Ding, keine Entität wie ein Atom oder ein Wort, sondern die wahre Natur des ganzen Menschen in dieser Welt. Sie überschreitet die Grenzen der verbalen Formulierungen, der Intellektualität und hat keine metaphysischen Extreme wie absolute Substanz oder unsichtbare übernatürliche Essenz. "Natürlich" heißt auch, dass die wahre Natur keine intellektuelle absolute Wahrheit ist, die von manchen verkopften Philosophen behauptet aber nie gefunden oder beobachtet wurde. Nicht umsonst unterstreicht Dôgen in diesem Zusammenhang, wie wichtig die Zazen-Praxis ist, denn sie ist Verwirklichung der Buddha-Natur jäh im Augenblick oder, wie Nishijima Roshi es ausdrückt: das ist die erste Erleuchtung.

Dôgen zitiert den fünften Nachfolger im Dharma in China:

„Die Buddha-Natur ist Leerheit.[i] Daher nennen wir sie ‚ohne sein‘"

Sie ist ganz ohne metaphysische Spekulationen, ohne irgendetwas außer der Soheit: einfach, direkt, unverstellt und wunderbar.

Der Begriff „Leerheit“ wird häufig missverstanden und mystifiziert. Auf keinen Fall bedeutet Leerheit, dass es keine Wirklichkeit gibt, und einen isolierten Geist gibt es auch nicht: Geist und Form treten nicht getrennt auf. Leerheit meint auch nicht das Nichts, denn das wäre Nihilismus, der m. E. meist unecht oder sogar verlogen daher kommt. Das Gegenteil ist richtig: Sie bedeutet die nicht auslotbare Wirklichkeit selbst, die einfach so erfahren und gesehen wird, wie sie ist.[ii] Im Japanischen wird dafür häufig das Wort ku verwendet. Man kann es mit „Himmel“, „Raum“, „Luft“ und „Leerheit“ übersetzen; ku hat auch eine materielle Bedeutung der Form. Denn wie gesagt Form und Geist können nicht getrennt werden.

Der Begriff „Leerheit“ stammt ursprünglich aus dem Sanskrit und lautet dort shunyata. Aufgrund einer eingeengten philosophischen Semantik wurde dieser Begriff mit „Nichts“, „Nicht-Existenz“, „Nicht-Wirklichkeit“ und „illusorische Natur aller weltlichen Phänomene“ wiedergegeben. Eine solche Erklärung geht jedoch völlig in die Irre und an der Zen-buddhistischen Bedeutung vorbei.

Shunyata steht nämlich für „nackt“, „rein“ oder „transparent“ und heißt aus meiner Sicht vor allem, frei zu sein von Täuschungen, Illusionen, affektiven Verzerrungen, Selbstsucht usw., und vor Allem frei sein von extremen Ideologien der Extremisten. Buddha große Leistung ist es nicht zuletzt, dass er sich von den damaligen Ideologien im Gewande der Religion des Brahmamismus frei machte, nämlich dass die Menschen-verachtende totale Trennung in Kasten und sogar Kastelose von Gott gewollt, bestimmt und ewige Wahrheit sei, die nicht zerstört werden kann. Aber genau diese Zerstörung leistete Buddha.

Von Etwas leer zu sein bedeutet, frei von davon zu sein. Der Begriff „Freiheit“ wird im Westen überwiegend nur politisch verstanden und meint in diesem Sinne, frei zu sein von Repressionen, Unterdrückung, Ausbeutung oder politischer Entmündigung. Das ist sicher nicht ganz falsch. Die psychischen und spirituellen Aspekte dürfen jedoch nicht außer Acht gelassen werden. Solche Freiheit ist zum Beispiel die Unabhängigkeit von psychischen Fesseln, Fixierungen, Verdrängungen, Affektsteuerungen oder Suchtabhängigkeiten und andere vielfältige Unterdrückungen. Das ist mit Leerheit ausgedrückt.

Psychische und politische Freiheit bedeutet aber auf keinen Fall, verantwortungslos und auf Kosten anderer in der Gemeinschaft zu leben und seine Aufgaben im Beruf, in der Familie usw. zu vernachlässigen:

"Erleuchtung ist Feuerholz tragen und Wasser schöpfen",

einfach und unkompliziert. Freiheit bedeutet auch nicht, sich wichtigen Lernprozessen zu verschließen und zu behaupten, ein bestimmter psychisch-sozialer Zustand sei Ausdruck der eigenen großartigen Persönlichkeit oder sogar Gott-gewollt. Das glauben vor Allem Narzisten. Aber sie irren gründlich!




[i] Kap. 2, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 36 ff.: „Die große intuitive Weisheit, die das Denken überschreitet (Makahannya haramitsu)“; Kap. 43, ZEN Schatzkammer, Bd. 2, S. 154 ff.: „Die wahre Bedeutung der Blumen im Raum (Kûge)
[ii] vgl. Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 10, Fußnote 44

Freitag, 17. März 2017

Was fragt uns die die Buddha-Natur?


Was fragt Dôgen, um den zentralen Punkt der Buddha-Natur – des Zustandes und Handelns ohne Täuschungen – vertieft zu klären: In welchem Augenblick sind wir ohne Täuschungen? Haben wir bereits am Anfang unseres buddhistischen Lebens den Zustand ohne Täuschungen, Übertreibungen und ohne einengende Fixierungen, oder ist dies der Zustand nach dem Erlangen der Wahrheit, also nach der Erleuchtung?

Dieser im Zen-Buddhismus häufig mithilfe des Wortes „ohne“ beschriebene Zustand verwirklicht sich nach Dôgen im Augenblick des Samâdhi, also des Zazen. Wenn die Buddha-Natur Mensch wird, zum Beispiel Gautama Buddha, hat dieser den Zustand ohne Täuschungen, Anhaftungen und Fixierungen. Gleichzeitig ist er frei vom Begriff und der Vorstellung von der Buddha-Natur, denn sie haben ihre isolierte Bedeutung in der Wirklichkeit des Augenblicks verloren.

Die Wirklichkeit der Buddha-Natur sei identisch mit den Pfeilern der Tempel, und
„wir sollten uns von diesen äußeren Pfeilern nach der (Buddha-Natur) fragen lassen, und wir sollten die äußeren Pfeiler fragen“,
sagt Dôgen. Ich interpretiere dies so, dass wir uns ganz für die Dinge und Phänomene der Umgebung – in diesem Fall die einzelnen Teile der Klöster – öffnen und sie auf uns einwirken lassen sollen, indem wir die Grenzen von Subjekt und Objekt fallen lassen. In diesem Sinne bringen wir dann zum Beispiel die Pfeiler der Tempel dazu, dass sie uns nach unserer wahren Natur fragen.

„Wir sollten bewirken, dass die Buddha-Natur diese Frage stellt“,

fügt Dôgen hinzu. Das heißt, dass die Wirklichkeit selbst uns befragt und wir uns zum Beispiel unserer Täuschungen und Fixierungen bewusst werden.

Dôgen unterstreicht die große Bedeutung des Dialoges zwischen den Meistern Dai-i und Daiman zur Buddha-Natur, die den Zen-Buddhismus in China und damit bis heute wesentlich geprägt und gestaltet haben. Die großen Meister von Obai, vom Joshu-Distrikt und Dai-i-Berg haben später auf diesen fundamentalen Aussagen zur Buddha-Natur aufgebaut.

Die Buddha-Natur zielt zentral auf die Frage nach dem Was eines Menschen und nach der Unfassbarkeit des Körper-und-Geistes. Mit dem Dies liegt der Fokus auf dem Hier und Jetzt des Augenblicks. Ohne diese Eckpunkte geht jedes Verständnis der Buddha-Natur in die Irre. Sie wird auch mit dem berühmten japanischen Wort mu beschrieben, das keineswegs das Nichts der Nihilisten bedeutet, sondern dass wir Täuschungen „nicht haben“ oder „ohne“ sie sind.


Solche Formulierungen sind für uns Menschen des Westens zunächst schwer verständlich. Aber sie sind für das wahre Verständnis der Buddha-Natur von großer Bedeutung und erfordern einen radikalen Paradigmenwechsel in unserer westlichen Vorstellung, die im Allgemeinen sehr dinghaft, Idee-orientiert und durch unterscheidendes trennendes Denken geprägt ist.