Freitag, 25. August 2017

Nagarjuna: Den Ich-Stolz beseitigen


Dôgen berichtet ausführlich von dem großen indischen Meister Nâgârjuna des Mittleren Weges und der Leerheit. Was sagt dieser große indische Meister zur zur Buddha-Natur?.[i] Er legt den Schwerpunkt auf die unauflösbare Verbindung der Buddha-Natur mit dem Körper und der Form. Eine getrennte Buddha-Natur von dem Handeln im Alltag und von anderen Menschen lehnt er ab!

Nâgârjuna stammte aus dem Westen Indiens[ii] und ging dann nach Südindien. Seine Lebensgeschichte ist von vielen zum Teil fantastischen Mythen umrankt, aber zweifellos ist er einer der wichtigsten Meister des Buddhismus insgesamt, und er gilt als bedeutendster Meister des Madhyamaka, Mahâyâna in Indien, Tibet, China Japan usw.. Als größte Leistung wird ihm die Formulierung der Leerheit und des Entstehens in Wechselwirkung – zwei Eckpunkte des Buddhismus – zugeschrieben. Es ist spannend, wie Dôgen die Lehre Nâgârjunas interpretiert.

Er schreibt, dass damals im Süden Indiens eine stark vereinfachte Lehre des Karma-Gesetzes vorherrschte. Es war das Ziel der meisten Buddhisten, als Gegenleistung für gute Taten ein gutes Karma zu erhalten, das ein glückliches Leben und vor allem eine gute Wiedergeburt garantierte. Ihr zentrales Anliegen war also ganz einfach das „Karma-Glück“. Aus ihrer Sicht war die Lehre von der Buddha-Natur unwichtig und sogar nutzlos, weil sie zum Karma-Glück nichts beitragen konnte.

Nâgârjuna sagt aber etwas ganz anderes:
„Wenn ihr die Buddha-Natur verwirklichen wollt, müsst ihr zuerst den Ich-Stolz überwinden und beseitigen.“

Er bezeichnet die egozentrierte Haltung des Ich-Stolzes als gravierende Hürde, die es den Menschen unmöglich macht, die Buddha-Natur zu verwirklichen. Das heißt, dass jeder egoistische Ich-Bezug und jede Konzentration allein auf sich selbst die Erfahrung dessen, was mit Buddha-Natur bezeichnet wird, verhindert. Das Streben nach dem eigenen Vorteil durch ein gutes Karma muss als spiritueller Egoismus gesehen werden.

Die meisten psychischen Störungen, die in der neueren Psychologie untersucht werden, sind gerade dadurch gekennzeichnet, dass sich die Menschen hinter einer oft unüberwindlichen Ich-Barriere verschanzen und aus diesem selbst gewählten und eingeübten Gefängnis nicht mehr herauskommen. Viele neuere Interpretationen der Achtsamkeit tappen ebenfalls in die Falle der Ich-Zentrierung, indem man die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit allein auf sich selbst bezieht und sich dabei auf sein Selbst fixiert anstatt sich zu öffnen und Empathie zu entwickeln.




[i] Kap. 15, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 141 ff.: „Die Buddhas und Vorfahren im Dharma (Busso)“
[ii] Das Leben Nâgârjunas ist von Legenden gekennzeichnet, vermutlich lebte er zwischen 150 und 250 nach der Zeitenwende.

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