Freitag, 8. September 2017

Freude oder unehrliche Doppelmoral


Die Umwelt, andere Menschen, die Aufgaben und soziale Verantwortung werden im Alltag häufig zurückgestellt. Bringt uns das wirklich Vorteile?

Die Achtsamkeit in Gautama Buddhas Lehre und der Achtfache Pfad sind aber etwas ganz anderes. Dort geht es im Gegenteil um die Öffnung nach außen, anderen Menschen gegenüber und eine klare Selbsterkenntnis. Dadurch kann er dem Gefängnis des Ich-Leidens entkommen. Dies ist sicher in Zeiten des Individualismus besonders schwierig, weil diese Lebensphilosophie ja gerade die Besonderheit und Einzigartigkeit des Individuums und des Ich betont. Egoismus, Ich-Zentrierung, Abschottung von anderen und der Umwelt treten dabei fast selbstverständlich als große Gefahren für den Menschen auf. Die erhoffte Freiheit durch die Emanzipation des Egos bleibt aber ein unrealistischer Traum, der Enttäuschung und sogar Gefühle des Misserfolgs nach sich zieht. Was bringt das Gegenteil? Es macht Spaß!

Der Ich-Stolz tritt psychologisch oft in Form der Opferrolle auf und ist dann nicht leicht zu erkennen. Was bringt das? Keine Freude! Der Betreffende fühlt sich permanent benachteiligt, in seinem Wert missachtet und ungerecht behandelt. Er sieht sich als Spielball anderer und böser Mächte. Dies geht meistens mit dem Gefühl der eigenen moralischen Überlegenheit einher: „Ich muss leiden, weil ich ein guter und idealistischer Mensch bin.“ Im Ergebnis kreist ein solcher Mensch dauernd um sich selbst und merkt nicht, dass er sich damit in einen eigenen, selbst gebauten Käfig einschließt. Auch die Opferrolle kann also starker Egoismus sein, der den Buddha-Weg blockiert.[i]

Der bekannte Fernsehjournalist Ulrich Wickert fasste dies in seinem Buch Der Ehrliche ist der Dumme zusammen. Wer immer ehrlich sei, werde Opfer der unmoralischen Welt. Ist das richtig? Nein, bestimmt nicht immer. Dies mag vielleicht für die Unterhaltungsbranche gelten, deren Sinn für die Realität bekanntlich besonders gering ist, die von Täuschungen und Illusionen lebt und in der rücksichtslose Karrieristen das Rennen machen und hohe Einkommen erzielen. Selbstverständlich gilt dies nicht für alle in der Medienbranche Tätigen, viele sind sich ihrer Verantwortung durchaus bewusst und handeln danach.

Der Stellenwert der Medien als kritische Begleiter der Mächtigen und Reichen ist völlig unbestritten und sollte auch keineswegs diskreditiert werden. Aber nicht selten kommt dabei eine unehrliche Doppelmoral zum Zuge: Die Kritik an anderen ist dann verbunden mit einer egoistischen Rücksichtslosigkeit von Populisten, die unbedingt im Rampenlicht stehen wollen.

Doch nun zu Nâgârjuna: Seine Zuhörer in Südindien fragten ihn etwas naiv: „Ist die Buddha-Natur groß, oder ist sie klein?“ Seine Antwort zeugt von dem tiefen Verständnis des Buddha-Dharma, das mit dem Dôgens übereinstimmt:

„Die Buddha-Natur ist nicht groß und nicht klein. Sie ist nicht weit und nicht schmal. Sie ist ohne Glück und ohne Belohnung. Sie stirbt nicht und wurde nicht geboren.“

Er argumentiert hier also im Wesentlichen mit der Negation von naiven Vorstellungen und Vorurteilen über die buddhistische Lehre zur Buddha-Natur. Angaben mit Maß, Zahl und Gewicht bezeichnet er als unwesentlich, und darüber hinaus erklärt er, dass es sich bei der Buddha-Natur nicht um seichte Glücksgefühle und vordergründige Belohnungen, zum Beispiel im Sinne der vereinfachten Karma-Lehre, handelt. Auch er lehnt jede dinghafte Vorstellung ab, etwa die Aussage, dass die Buddha-Natur geboren wird und stirbt.
Und was bringt die Buddha-Natur? Sie macht Freude!




[i] vgl. Freud, Anna: Das Ich und die Abwehrmechanismen

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