Freitag, 4. September 2020

Erwachen, Erleuchtung und Leerheit. Wie passt das zusammen?

 

 


 Buddha sagt: Die wunderbare Fülle des Lebens, Erwachens und der Erleuchtung entstehen durch die Leerheit von schädlichen Ideologien, Vorurteilen und Ego-Stolz! Und vor allem durch die Befreiung von Gier, Hass und Verblendung. Dadurch kommt unser Leiden zur Ruhe. Durch diese Reduktion entsteht also die Fülle und Vielfalt des Lebens: Durch Einfachheit zu Glück und Vielfalt! Das ist auch das wahre Herz des Zen.
Sein Anliegen und der Sinn dieser Worte sind die Verbesserung genau unseres Lebens, unabhängig von Kultur und Land. Das heißt auch für Dich und mich, hier und jetzt. Er wollte seine tiefen praktischen und spirituellen Erfahrungen zur  Verbesserung des Lebens an uns weitergeben. Gerade durch die Entleerung von unheilsamen Denken und Fühlen entsteht bei uns also das volle Leben. Das ist es! Der Sinn der Leerheit ist also volles befreites Leben.  Buddha war kein intellektueller abgehobener Philosoph, das hatte er hinter sich. Er redete einfach und verständlich. Er war also ein Therapeut und Heiler für die Menschen. 

Die Behauptung ist daher unsinnig, Buddha habe gelehrt, dass alles Leiden sei. Er hat auch nicht gesagt, dass alles Leerheit sei. Sein Ziel war und ist die Befreiung vom jeweiligen Leiden. Eines seiner wichtigsten Faktoren auf dem Weg der Erleuchtung ist nämlich die Freude. Wie die Gehirnforscher heute wissen, macht Freude klug und kreativ und hilft uns auf dem Weg der Befreiung vom Leiden. Das ist der Weg zum großen Frieden und zum befreienden Flow. 

 Und welches sind die zentralen Faktoren auf dem Befreiungs-Weg, um unsere Buddha-Natur zu verwirklichen? Indem wir uns durch rechtes Handeln, Denken und Fühlen verändern und entwickeln. Das macht Sinn! Und umgekehrt: Wie blockieren wir eigentlich unsere gute Entwicklung? Wenn wir erstarrt daran festhalten, dass wir uns aus dem Leid nicht verändern können, weil ja andere die Schuld haben. Oder mit einem aufgeblasenen Ego. Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass unser Gehirn und Geist sich viel mehr verändern können, als bisher angenommen wurde. Das Gehirn hat eine große Plastizität. Buddha hatte also recht, wenn er auf unsere gute Veränderung setzt.

 Wie hängt nun die buddhistische Leerheit mit dem Befreiungs-Weg aus Leid, Depression, Verzweiflung und Gram zusammen? Warum entwickelten Buddha und der große Meister Nagarjuna den Begriff und die Wahrheit der Leerheit? Auch der Dalai Lama sagt bekanntlich, dass unser Lebensziel das Glück sei und betont in aller Klarheit die zentrale Bedeutung der Leerheit? Beides muss also zusammen gehören. Aber wie?

 Der Zen-Meister Dogen vermeidet allerdings meist den Begriff der Leerheit, weil damit so viel Verwirrung und geistiges Chaos erzeugt wurde. Und auch heute vagabundiert die falsch verstandene Leerheit in manchen buddhistischen Gruppen umher.

Meine Antwort dazu: Leerheit, shunyata, bezeichnet den Zustand unseres Geistes undunserer Psyche  wenn wir sind frei und leer von unheilsamen Gedanken, Gefühlen, Handlungen und extremen Ideologien. Und diese werden bewusst oder unbewusst vor allem durch Gier, Hass, Übelwollen und radikale Ideologien gesteuert. Das konnte man in Berlin bei der kürzlichen Demonstration von rechten Randgruppen der Gesellschaft sehen. Und durch dieses Leerheit von schädlichen Ideologien und Netzen von Fake-News eröffnet sich der Weg zum vollen Leben.

Der große Meister Nagarjuna sagt in seinem berühmten Werk, MMK, dass die Leerheit von unheilsamen Dogmen und Weltanschauungen der Statik und Extreme  uns den Zugang zum Mittleren Weg der Befreiung und des Glücks öffnet. Leerheit ist also ist kein abgehobener philosophischer Begriff, dessen Sinn kaum ein normaler Mensch versteht. Im Gegenteil: Der Sinn der Leerheit ist ein wichtiger Schlüssel für ein gutes, zufriedenes und erfülltes Leben.

 Vor nicht langer Zeit hörte ich einen Vortrag eines klugen Mönchs, der zur Leerheit befragt wurde. Er zitierte dazu Sutren des Buddhismus und wiederholte, was er in seiner Ausbildung gelernt hatte. Allerdings wurde die darauf folgende Diskussion immer verwirrter und unverständlicher. Ich meldete mich und sagte, dass ich die Leerheit am besten in der Zen-Meditation erfahren würde: "Einfach sitzen, Körper und Geist fallen lassen". Das sei eine direkte Erfahrung und eigentlich ziemlich einfach. Ganz ohne komplizierte Theorie und ohne die metaphysische Aussagen zu grübeln wie: "Alles ist Leerheit" oder "Alles ist Leiden". Diese Aussagen versteht ohnehin kaum ein normaler Mensch. Schließlich leben und handeln wir wirklich hier und jetzt.

 Vereinfacht sagt Nagarjuna: Durch den Begriff der Leerheit öffnet sich der Weg zu einem sinnvollen Leben. Man bekommt dann zunehmend Klarheit über die Natur des Lebens und der Welt. Sie ist ein großartiges vernetztes dynamisches System. Buddha charakterisiert diese wahre Natur daher als "Gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung".  Und als handelnder Teil dieser wunderbaren Dynamik können wir den Sinn unseres Lebens finden und verwirklichen. Der Sinn der Leerheit liegt also darin, dass wir unheilsame und falsche Ideologien der Statik, Starrheit und Unveränderlichkeit zur Ruhe kommen lassen. Das ist nicht die wahre Natur, sondern sie ist fiktiv und ausgedacht. Das stört uns und unsere Entwicklung und lenkt uns in falsche Richtungen.

 Wir sollten uns also von der Ideologie entleeren, dass wir statisch sind und uns nicht zu einem sinnvollen Leben umwandeln können. Solche "Geist-Jauche und Gefühls-Jauche" sollten wir entleeren. Das ist der Sinn des Herz-Sutras: Das rechte Verständnis der buddhistische Leerheit führt zur Wirklichkeit von Wahrnehmung, Körper, Denken, Fühlen und zu den Vier Edlen Wahrheiten. 

 Und wie können wir Klarheit dazu gewinnen? Indem wir uns selbst und unsere Veränderungen des Lebens beobachten. Das nennt Buddha die Achtsamkeit und sie ist der Kompass für ein sinnvolles Lebens. Es ist wirklich sinnvoll, die  Komfort-Zone des Lebens zu verlassen. Das ist auch der wahre Sinn der Leerheit.

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