Dienstag, 24. Oktober 2023

Yudo Jürgen Seggelke ist gestorben


Am 4. August, wenige Monate nach seinem 85. Geburtstag, ist Yudo Jürgen Seggelke gestorben. Zum Jahreswechsel war überraschend eine schwere Krankheit diagnostiziert worden. Diese Diagnose und sein Tod waren und sind für seine Familie, Freundinnen und Freunde, Schülerinnen und Schüler ein Schock. Denn er war ein kraftvoller Mensch und buddhistischer Lehrer, der sich nach dem Ausscheiden aus seinem Beruf intensiv der Aufgabe widmete, Zen in der Tradition von Meister Dogen im deutschen Sprachraum zu vermitteln. Er starb in seinem Berliner Zuhause, auch in den letzten Wochen begleitet von seiner Frau Barbara.

Eher ungewöhnlich in den Nachkriegsjahren, beschäftigte sich Yudo Jürgen Seggelke früh mit Buddhismus, zunächst über Bücher, schließlich fand er in Berlin eine Gruppe. Vor allem Zen und die damit verbundene Kultur begeisterten ihn. Während einer beruflichen Reise 1996 nach Tokio arrangierten seine Gastgeber deshalb ein Treffen mit Gudo Wafu Nishijima, der sein Lehrer werden sollte. Diese Begegnung, die anschließenden mehrfachen Aufenthalte in dessen Zendo in Tokio, die formale Ausbildung in der Dogen-Sangha, aber auch die persönliche Freundschaft und kurz sogar eine Wohngemeinschaft mit Nishijima prägten sein weiteres Leben. Die Übertragung des Dharma durch ihn sah Yudo Jürgen Seggelke immer als Auftrag, das Werk von Nishijima weiterzuführen.

Nishijima und Ritsunen Gabriele Linnebach planten um die Jahrtausendwende eine deutsche Ausgabe von Dogen Zenjis Shobogenzo. Da Yudo Jürgen Seggelke als Mitübersetzer von buddhistischen Texten einer koreanischen Meisterin bereits entsprechende Erfahrung hatte, konnte er an der Übertragung der ersten drei Bände der im Kristkeitz verlegten Ausgabe mitarbeiten. Diese intensive Beschäftigung mit Dogens Hauptwerk wurde zugleich zur Grundlage für viele seiner weiteren Bücher und Vorträge.

In den Folgejahren hat er zunächst einen Verlag gegründet. Dort erschienen neben seinen Kommentaren zu allen 95 Faszikeln des Shobogenzo auch von ihm übersetzte Texte, Radiovorträge und Aufsätze seines Lehrers Nishijima. In weiteren Büchern fasste er einzelne Kapitel des Shobogenzo thematisch zusammen, etwa zur Buddhanatur, zur buddhistischen Ethik oder zum Erwachen, und erläuterte ausführlich deren Bedeutung für die Gegenwart.

Als 2011 Nishijimas englische Ausgabe des Mulamadhyamakakarika, der Lehrstrophen über die grundlegenden Lehren des Mittleren Weges, erschien, dieses Hauptwerkes des buddhistischen Philosophen und Lehrers Nagarjuna, entschloss sich Yudo Jürgen Seggelke, den Text direkt aus dem Sanskrit neu zu übersetzen und ihn mit Bezug auf den Kommentar seines Lehrers sowie ausführlichen eigenen Erläuterungen für Interessierte vorzulegen. Unterstützt wurde er dabei von Elisabeth Steinbrückner. Die Arbeit an diesem Werk sollte sieben Jahre beanspruchen und drei Bände mit etwa 1 000 Seiten und abschließend eine für eine breitere Öffentlichkeit gedachte Zusammenfassung zum Ergebnis haben.

Seit etwa 15 Jahren nutzte Yudo Jürgen Seggelke die Möglichkeiten des Internets, beschrieb seine Erfahrungen beim Zazen und veröffentlichte Beiträge zum Bogenschießen (kyudo), zum Spiel der japanischen Bambusflöte (shakuhachi) sowie über Mystik in der christlichen Tradition, besonders zu Franz von Assisi.

Seine Energie reichte, dass er wenige Wochen vor seinem Tod noch sein nun letztes großes Projekt zu Ende bringen konnte: die Übersetzung und Kommentierung eines Lehrgedichtes von Vasubandhu, einer der einflussreichsten Persönlichkeiten des Mahayana. Es wird ein besonderes Vermächtnis sein.

Yudo Jürgen Seggelke war, bei allem Einsatz für ein verbessertes Verständnis von Zen aus der Tradition Dogen Zenjis, kein doktrinärer Eiferer. In den Beschreibungen seiner Begegnungen mit den für ihn wichtigen Menschen, Büchern und Traditionen schwingt die Offenheit mit, die ihn am Zen-Weg begeistert hat. Wer ihn kennenlernen durfte, hat auch ihn als begeisternd erlebt.


Eberhard Gensa Kügler

Sonntag, 21. Mai 2023

Die Wahrheit mit Körper und Geist erlernen

 

Der Buddhismus lehrt ohne Umschweife die Wahrheit und Befreiung, dass man sowohl den Geist als auch den Körper und die Psyche schult und entwickelt. Dadurch befreit man sich von doktrinären Denkmustern, die zu Täuschungen führen. Wir müssen uns immer im Klaren darüber sein, dass Körper, Geist und Psyche in der Wirklichkeit unauflösbar zusammengehören und eine lebendige und wirkungsvolle Wechselwirkung mit den angeblich unabhängigen Objekten der Welt bilden. Und es geht hier um nichts weniger als die Wahrheit und Wirklichkeit unseres Lebens! Dieses ist Kapitel von fundmentaler Bedeutung und großer Klarheit. Und viele reden um die Fragen von Wirklichkeit und Wahrheit wie um den heißen Brei herum und gleiten schnell in mystische und metaphysische Schein-Höhen ab. Dann hängt die Therapie vom Leiden zur Befreiung "in der Luft" und ist weitgehend wirkungslos.

Der Lehre vom ethischen Handeln und Tun, die immer Veränderungen beinhaltet, kommt dabei im Buddhismus eine sehr große Bedeutung zu, und zum Handeln gehören immer sowohl Geist, Psyche als auch der Körper.

Dōgen betont den klaren Entschluss, den Buddha-Weg zu gehen und fixierte Vorurteile und Doktrinen überwinden zu wollen. An andere Stelle heißt es, dass wir den Bodhi-Geist bei uns erwecken müssen, um in den Lernprozess des Buddhismus einzutreten. Auch bei den Vier Edlen Wahrheiten und dem Achtfachen Pfad steht am Anfang die klare eigene Entscheidung, den Buddha-Weg zu gehen, um das eigene Leiden und das der anderen zu überwinden. Dōgen sagt klipp und klar:

„Wenn ihr euch nicht entschließen könnt, die Wahrheit zu erlernen, entfernt sie sich immer mehr von euch.“

Der klare Entschluss zum ethischen Handeln ist also zunächst im Geist, der Psyche und Wollen angesiedelt. Dies ist dann der Beginn eines handelnden Lebens auf einem neuen Weg in eine neue Richtung.

„Ihr solltet deshalb fest darauf vertrauen und annehmen, dass dieser Geist sich auf natürliche Weise von selbst daran gewöhnt, die Wahrheit zu erlernen. Dies nennen wir das Erlernen der Wahrheit mit dem Geist.“

Aus diesen Worten spricht sein tiefes Vertrauen zum Leben im Buddhismus. Für ihn handelt es sich um einen natürlichen Lern- und Entwicklungsvorgang, wenn man auf dem Buddha-Weg das Erwachen oder die Erleuchtung und damit Befreiung erlebt. Er zitiert er einen Meister mit folgendem Gedicht:

„Das Leben ist die Verwirklichung der Dynamik des ganzen Universums. Der Tod ist die Verwirklichung der Dynamik des ganzen Universums.Sie erfüllen den ganzen Raum. Der reine Geist ist immer im Augenblick.“

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Mittwoch, 10. Mai 2023

Die natürliche mystische Kraft des Lebens und Universums


Bodhidharma

Meister Dōgen erklärt im, dass die Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens und der Welt selbst das Wunderbarste sind. Dagegen sind illusionäre Doktrinen meist unheilsam und sogar gefährlich. Dies kann jedoch durch die authentische buddhistische Lehre und Übungspraxis, also vor allem durch Zen-Meditation, richtig erkannt, erfahren und erlebt werden. Die Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens und der Welt sind in der Tat mystisch und nicht vollständig erfassbar, aber sie entstehen laut Nāgārjuna gleichwohl in Wechselwirkung ganz real und können daher als leer von unsinniger Metaphysik bezeichnet werden. Es handelt sich nach Dōgen gerade nicht um „übernatürliche“ Wunder, sondern um die „natürliche mystische Kraft“ des Lebens und Universums. Das gibt uns Selbstvertrauen, unsere Mitte und Gleichgewicht. Dann entwickeln sich in und mit uns ganz neuer Energien.

Er zitiert einen alten buddhistischen Meister, der auf die Frage, was die mystische Kraft der Buddhas sei, antwortet: „Wasser holen und Brennholz tragen.“ Dies ist in der Tat eine verblüffende Antwort, da beide Tätigkeiten nach dem "gesunden Menschenverstand" eher einfach, um nicht zu sagen banal sind und sicher vielen Menschen eher als lästig und unangenehm erscheinen. Wir verbinden sie im normalen Sprachgebrauch nicht mit natürlichen mystischen Kräften. Im Zen-Buddhismus werden die Wirklichkeit und Wahrheit des Handelns besonders bei den scheinbar einfachen Tätigkeiten außerordentlich hoch geschätzt. Darin offenbaren sich wahre buddhistische Handlungskraft und wahrer buddhistischer Geist, der ganz ohne doktrinäre Täuschungen und Doktrinen ist. Es kommt nicht so sehr darauf an, was man tut, sondern wie man es tut. Das Handeln und die Meditation sind die sicheren Grundlagen für die Erfahrung der Wirklichkeit

Diese alltäglichen Handlungen, wie Wasser schöpfen und Brennholz holen, gewinnen aus buddhistischer Sicht eine ganz neue Tiefenschärfe und verwirklichen neue, lebendige Verbindungen zu vielen anderen wesentlichen Lebensbereichen. Wenn man dieses wirklich erfährt, sind es nach Dōgen wirklich mystische Kräfte, die sich durch die buddhistische Lehre und Übungspraxis im Leben ganz real zeigen und entfalten.

 

Montag, 1. Mai 2023

Der Geist hier und jetzt ist Buddha

 

Unser Geist ist weit mehr als das Denken, denn er ist nach Dōgen auch die Wirklichkeit des "Bambus, der Berge, Flüsse, der Erde, der Sonne, des Mondes und der Sterne." Ist das ein Zen-Paradox?

Nein, das ist auch die bittere Ökologie der Gegenwart, und daraus entstehen die Klima-Katastrophen von heute. Denn was ist der Kern des Übels? Dass sich der menschliche Geist von der Ökologie aus Einfältigkeit oder Arroganz getrennt hat und das zum Drama werden musste. Gerade für den menschlichen Geist und die hoch gezüchtete Intelligenz gilt, dass die Trennung von der Natur, also von den Bergen Flüssen und der Sonne und deren Zusammen-Wirken den Herzschlag unsere Welt gefährdet. Buddha hat m. E. als erster klar erkannt, dass das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung die große Wahrheit des Universums und des Lebens ist.

Er arbeitet diese tiefe Weisheit in mehreren scharfsinnigen Dialogen mit dem alt-indischen Denker Senika heraus. Er beweist diesem die Unsinnigkeit, Widersprüchlichkeit und große Gefahr der Abspaltung des Geistes von der Natur. Der alte Denker kann der fundierten Weisheit und Praxis Buddhas über das lebendigen Zusammen-Wirken nichts entgegensetzen. Dadurch öffnet sich bis heute der Weg zur kraftvollen und heilsamen Befreiung und zum Erwachen. Senika erkennt aber nicht die lebenden Zusammenhänge von Geist und Ökologie. Und das ist eine fatale Sackgasse!

Dōgen lehnt diese kurzsichtige Lehre Senikas mit Nachdruck ab und erläutert dies anhand des berühmten Satzes „Der Geist hier und jetzt ist Buddha“. Es geht dabei nicht um Glauben, Wünsche, abstrakte Vorstellungen und eine unsichtbare Geist-Essenz, sondern um die reale Wirklichkeit hier und jetzt, ob wir sie nun mögen oder nicht. Und diese Wirklichkeit können wir entscheidend mit gestalten. Und eine Flucht aus der Wirklichkeit, in Dogmen, in schöne Wunschträume oder unbeherrschbare Ängste ist  eine wesentliche Ursache für das Leiden, und Schmerzen und ökologische Probleme.

Was bedeutet nun der zitierte Satz, dass der Geist hier und jetzt Buddha ist? Ein berühmter Zen-Meister sagt dazu

„Der Geist hier und jetzt ist Buddha“ darf nicht nur das Bewusstsein kennzeichnen sondern auch den Körper" und den ganzen Menschen, also auch unsere Psyche.

Dies ist im Buddhismus das Symbol eines klaren Spiegels, der das Ganze reflektiert, was vor ihm erscheint, ohne etwas hinzuzufügen, wegzulassen oder zu verzerren. Die Flucht der Menschen vor der Wirklichkeit und der Wahrheit ist die Ursache der meisten geistigen und psychischen Leiden ist, die wir in der heutigen Zeit leider genauso kennen wie früher. Dadurch entstehen auch ökologische Katastrophen.

Dōgen sagt daher:

„Wenn wir den Willen (zur Wahrheit) niemals erweckt, das Praxis-Training niemals durchlaufen, den Bodhi-Geist niemals (verwirklicht) und Nirvāna niemals (erfahren) haben, dann gibt es keinen Geist, hier und jetzt ist Buddha‘.“


Link:  Vertiefung

Montag, 17. April 2023

Zazen ist Sitzen wie ein Berg

 

Meditatiion und sinnvolles Handeln sind die Eckpunkte zur Befreiung von Leiden und Schmerzen. Die Methode des Zazen ist besonders wirkungsvoll und wird in Ost-Asien zu Recht mit der Heilwirkung der Akkupunktur verglichen.

Man verwendete dafür geeignete Bambusnadeln. Der japansche Begriff für „Nadel“ lautet shin. Damit ist auch die Heilung von Körper-und-Geist gemeint und bezeichnet eine Praxis, die den Menschen von physischen, psychischen und mentalen Leiden und Unwohlsein befreit – im Zen-Buddhismus also die Meditationspraxis des Zazen.

Außerdem verwendet man diesen Begriff für kurze, markante Sätze. Vor allem für Verse der buddhistischen Lehre, die in der Lage sind, den Menschen direkt zu helfen und einen Wandel zum Heilsamen herbeizuführen. Das ist die markante typische Ausdrucksform fähiger Zen-Meister!

Dōgen zitiert und kommentiert im Kapitel Zazenshin ein berühmtes Kōan-Gespräch:

Der große Meister Yakusan Igen saß im Zazen, als ein Mönch ihn fragte:

„Was denken Sie im stillen, stillen Zustand?“

Die Bedeutung für diesen Zustand des Zazen lässt sich am besten mit „bewegungslos auf einem hohen Niveau“ wiedergeben. Der japanische Begriff bezeichnet ursprünglich einen majestätischen Tafelberg, der oben flach ist und Verbindung mit dem Himmel zu haben scheint. Damit wird der Zustand des Gleichgewichts und der Ruhe in der Zazen-Praxis beschrieben und gleichzeitig dessen starke Kraft und ruhige Ausstrahlung gekennzeichnet. Sitzen wie ein Tafelberg!

Der Meister antwortete dem Mönch mit einer der berühmtesten Aussagen des Zen-Buddhismus: „Den konkreten Zustand des Nicht-Denkens denken.

Das klingt zunächst paradox. Im Klartext heißt dies meines Erachtens: Der Mönch glaubt, dass der Meister etwas ganz Wunderbares im erleuchteten Zustand denkt, während der Meister sagt, dass er nicht intellektuell und nicht unterscheident und wie üblich denkt. Da der Mönch diese Antwort nicht verstand, fragte er weiter: „Wie kann der Zustand des Nicht-Denkens gedacht werden?“ Der Meister erwiderte darauf kurz und bündig: „Es ist Nicht-Denken.“

Die einengenden Grenzen des logischen Denkens werden aufgelöst und die Blockaden von Gefühlen und Dogmen lösen sich einfach auf. Wie es im Zen heißt:

"Körper und Geist fallen lassen"

Nishijima Roshi fügt hinzu, dass beim Zazen durchaus fließenden Gedanken im Bewusstsein auftauchen können, die jedoch wieder von alleine verschwinden, wenn wir uns nicht auf sie fixieren. Dōgen betont:

„Wir sollten in der Praxis das wahrhaft stille Sitzen lernen, und wir sollten die authentische Übertragung des wahrhaft stillen Sitzens empfangen.“

Sein Gedicht beginnt mit den Versen:

Zentrale Kraft eines jeden Buddhas.

Lebendiger Kern jedes wahren Meisters.

Jenseits des Denkens: Verwirklichung,

jenseits der Komplikation: Verwirklichung.

Jenseits des Denkens: Verwirklichung.

Die Verwirklichung ist natürlich und unmittelbar.


Zazen bringt Ruhe, Selbstvertrauen und Glanz in dein Leben



Link: Vertiefen und weiter lesen

Link: Authentische Beschreibung des Zazan

 

Dienstag, 4. April 2023

ZEN: Befreiung im Leben und Tod


In diesem Kapitel des Shōbōgenzō beschreibt Dōgen sein tiefes Verständnis für die großen Fragen von Leben und Tod in der Wirklichkeit des Buddhismus.[i] Wir erfahren, was der Zen zur Bewältigung von Leben, Altern und Tod für uns leisten kann. Wer regelmäßig Zazen praktiziert, entwickelt sich garantiert positiv und heilsam weiter, gerade im Alter und als Stärkung in der Krankheit.

Buddha wusste schon, dass unser Leiden zum großen Teil von selbst erzeugt wird und der von uns unabhängige Teil von außen meist nicht die eigentliche Verursachung ist. Er beschreibt in den Vier Edlen Wahrheiten die wichtigsten Ursachen unseres Leidens: Jammer und Verzweiflung Oder, dass man nicht genau das man bekommt, was man unbedingt haben will. Dabei ist klar: Wir erzeugen selbst manches Leiden und können es daher auch ändern. Das gilt gerade für Krankheit, Alter und Tod. Allerdings ist das leichter gesagt als getan. Welche Hilfen gibt uns Dōgen dabei?

Er bearbeitet dieses Thema auf der Grundlage seiner umfassenden buddhistischen Praxis und Lehre. Gerade im Hinblick auf die stark mit Emotionen und Ängsten besetzte Frage nach dem Tod und dem leidvollen Leben ist er überzeugt, dass ein intellektuelles, nur theoretisches Verstehen dessen, was Tod und Leben bedeuten, unzureichend ist. Besonders gefährlich seien weltfremde Doktrinen, die nicht wirklich weiterhelfen. Die Zen-Lehre der Erfahrungen der Wirklichkeit im Jetzt darf nicht mit hoch abstrakten Doktrinen verwechselt werden.

Dōgen erklärt:

„Weil es im Leben-und-Tod Buddha (als Wirklichkeit) gibt, gibt es nicht Leben und Tod (als übliche Vorstellung und Idee).

In dieser Aussage werden die buddhistische Wirklichkeit von Leben-und-Tod und die gewöhnliche Vorstellung des Lebens und des Todes einander gegenübergestellt und voneinander unterschieden. Dōgen betont hier, dass wir uns von zementierten Vorstellungen, Dogmen und Begriffen, nicht zuletzt der Angst, lösen können, um auch "das Alter zu genießen" und ein sinnvolles aktives Leben zu führen! Diese Wirklichkeit kann nur im Augenblick erfahren werden, sodass der Gedanke an den Tod im Augenblick des Lebens nicht der Wirklichkeit entspricht, sondern nur eine Aktivität und Konstruktion des Gehirns ist. Das ist auch eine Kern-Aussage des großen indischen Meisters Vasubandhu. Dōgen fährt fort:

„Ein Mensch, der sich vom Leben und Tod befreien will, sollte genau diese Wahrheit erhellen."

Dōgen will damit bildhaft und eindeutig ausdrücken, dass die Befreiung von Leben und Tod als Leiden nur durch das Erleben der Wirklichkeit von Leben-und-Tod. Dazu gehört die Verwirklichen des Buddha-Wahrheit und durch kraftvolles ethisches Handeln.

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[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 4, S. 277ff.
ZEN Schatzkammer, Kap. 92, Bd. 3, S. 293ff.: „Die Befreiung von Leben und Tod im Buddhismus (Shōji)

Donnerstag, 16. März 2023

Lotos Sutra: Die Blume der Buddhas transformiert Dich und die Welt

 


Die Lotos-Blume ist das Symbol der Schönheit und buddhistischen Wahrheit, also des Dharma und Erwachen . Sie wurzelt im Schlamm des Teiches, wächst nach oben zum Licht und entfaltet so ihre ganze Pracht 

Das Gleichnis bedeutet m. E. vereinfacht: Wenn Du die Buddha-Wahrheit in Dir entwickelst, verbessern sich gerade durch Dich die Welt und die anderen. Diese klare Wahrheit wird dann positiv auf Dich zurück gekoppelt. Das ist die lebende Wechselwirkung und Vernetzung in der Welt. Das Symbol für diese buddhistisch gute Entwicklung ist die drehende Lotos Blume

.Dōgen beschreibt die Dharma-Blume als zentrales Symbol des Lebens und damit der Welt und des Universums. So verwirklicht sich als: Gemeinsames Entstehen und Wachsen in Wechselwirkung. Dabei gibt es keine Verzerrungen durch Extreme.

Die Dharma-Blume dreht sich nach Dôgen durch die authentischen Praxis des Bodhisattva-Weges, vor allem bei der Zen-Meditation. Sie weicht nicht davon ab. Es ist die tiefe uns zugängliche Weisheit der Buddhas, die den verengten Intellekt und die kalte Logik hinter sich lässt. Sie ist im Buddha-Jetzt der Wirklichkeit gegründet. Damit hängt also die höchste Weisheit zusammen, die dem Menschen überhaupt erreichbar ist, wie Dôgen an anderer Stelle sagt. Diese umfassende Weisheit ereignet sich nach Dōgen vor allem in der Zen-Praxis. Die Buddhas sind darin zusammen mit den Buddhas lebendig und wirklich, weil sich die Dharma-Blume dreht.

Gleichzeitig offenbaren sich die konkreten Dinge und Phänomene dieser Welt in großer Klarheit und Wirklichkeit, vor allem im Handeln. Man verliert sich nicht in fantastischen Illusionen, denn so etwas endet oft in Enttäuschungen und Depressionen. Im Gegensatz dazu enthüllt, offenbart und verwirklicht sich die Dharma-Blume. Sie öffnet den Zugang und die Wechselwirkung zum großen Universum.

Die Buddhas zusammen mit den Buddhas können vollständig verwirklichen, dass alle Dharmas wirkliche Form sind.“

Das ist die Lotosblume. Diese Blume der Dharma-Wahrheit öffnet und dreht sich, wenn wir das brennende Haus die Welt von Gier, Hass und Verblendung verlassen und in die offene Ebene der Selbst-Findung und Entwicklung gelangen.

Mit der Blume des Dharma gibt es die Orte wirklich, gibt es den Raum, den großen Ozean und die große Erde, und diese sind für die Menschen das eigene vertraute Land. Wenn sich die Dharma-Blume dreht, ist sie dies Handeln, das lebendig, veränderlich und beweglich ist. Das ist das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung, das wir bisher in der Ökologie vergessen hatten und die große Gefahr der Klima-Katastrophe zur Folge hat.

Erst seit wenigen Jahren sind uns im Westen diese tiefen Weisheiten Buddhas zur Natur und Umwelt durch die Öko-Systemforschung wieder bekannt!

Und: Wer die Blume des Lotos dreht und bewegt, ist mit dem zufrieden, was er hat

Link: Vertiefung zum Lotos-Sutra

Link :Zum Film Buddha und Bogenschiessen, english

Donnerstag, 9. März 2023

Rettung aus dem brennenden Haus im Lotos-Sutra

 

Das Lotos-Sutra ist eines der wichtigsten Werke der Weltliteratur. Besonders große Wirkung erzeugt es durch Gleichnisse und einprägsame bildhafte Beschreibungen. Das großartige Bild und Symbol für die buddhistische Weisheit und den Frieden ist ein weißes Ochsengespann. Es steht für den buddhistischen Weg in die Freiheit und ins Glück.

Dieses wichtige Gleichnis beschreibt den sorgenden Vater, der seine Kinder aus dem brennenden Haus rettet. Die Kinder sind vollständig in ihr Spiel vertieft und bemerken nicht die lebensbedrohende Gefahr des lodernden Feuers. Damit ist auch unser Leben in dieser Welt gemeint. Der Vater verspricht ihnen, dass draußen wunderbare Gespanne auf sie warten, die viel schöner und auch nützlicher sind als ihr Spiel im Haus. So gelingt es ihm, die Kinder davon zu überzeugen, das Haus zu verlassen. Denn in in diesem zerstörerischen Feuer ist Buddha gerade nicht.

Nach Dōgen steht das brennende Haus für die Täuschungen und Verblendungen durch Vorurteile und Doktrinen. Das ist auch Hauptthema im Mittleren Weg. Das offene Feld draußen vor dem Haus steht für die Rettung, Verwirklichung und Wahrheit. Das Tor des brennenden Hauses steht für den Klärungsprozess, der von der Täuschung zur Verwirklichung und zum Erwachen führt. Die Gespanne und Kutschen bedeuten die Methoden der bewährten buddhistischen Praxis, und besonders das weiße Gespann bedeutet laut Dōgen die Meditation der Zazen-Praxis : im höchsten Zustand der buddhistischen Weisheit.

Dōgen arbeitet heraus, dass diese symbolischen Darstellungen sehr wichtig sind, obgleich sie nicht die Wirklichkeit selbst sind. Sie sind deren Beschreibungen und Vorstellungen der Menschen. Sie sind der Finger, der auf den Mond zeigt, aber nicht der Mond selbst ist . Daher kann es vorkommen, dass ein Mensch selbst meint, er habe die offene Weite der Verwirklichung und Erleuchtung bereits erreicht, aber dass dies nur ein mentaler Irrtum seines Geistes ist, der mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt.

Dōgen betont aber auch: Wer klar erkennt, wann er an Illusionen, Ideologien und ausgedachten Geschichten haftet, lebt nicht in der totalen Täuschung, denn er erkennt den Unterschied zur Wirklichkeit. Denn das Erwachen geht darüber hinaus und ist direkte klare und tiefgreifende Erfahrung im Jetzt. Nishijima Roshi erläutert, dass Menschen im Zustand der buddhistischen Weisheit ihre Gedanken, Ideen, Vorstellungen und Gefühle eindeutig erkennen. Sie wissen, dass diese nicht die Wahrheit der Wirklichkeit des wahren Selbst selbst sind.

Dōgen sieht das brennende Haus als Symbol für die Wirklichkeit eines realen, nicht romantisierten Zustandes, in dem es auch Täuschungen und Leiden gibt. Aber in diesem Zustand gibt es die erreichbare Wirklichkeit der sich drehenden wunderbaren Lotos-Blume des Lebens. Es geht darum, die tiefe Weisheit des gemeinsamen lebenden Entstehens in Wechselwirkung der Wirklichkeit immer klarer zu erfahren.

Link: Vertiefung zum Lotos-Sutra

Link :Zum Film Buddha und Bogenschiessen, english



Dienstag, 28. Februar 2023

Buddha ist in der hellen Flamme

 


Der tiefgründige Dialog zweier berühmter Zen-Meister über das Feuer im Budhhismus gehört zu den bekanntesten und bedeutendsten Kōans des Zen-Buddhismus überhaupt. Er markiert zweifellos eine Blütezeit des Buddhismus überhaupt.[i]: Der Inalt ist eine dringende Bitte an uns, unnötige theoretische oder gar ideologisch verhärtete Reden zu vermeiden. Es geht um den wahren Buddhismus.

Meister Seppō sagte:

Die Buddhas der drei Zeiten sind in der Flamme des Feuers und drehen das große Rad der Dharma-Wahrheit.“

Meister Gensa betätigte und fügte hinzu:

„Die Flamme lehrt die Dharma-Wahrheit für die Buddhas der drei Zeiten, und die Buddhas stehen auf dem Grund, um zu hören.“

Die Flamme steht für die klare Wirklichkeit, die niemals statisch und unveränderlich ist: wie das Feuer und die Flammen . Sie ist überhaupt keine geglaubte Schein-Substanz. Die Flamme brennt in andauernder Wechselwirkung mit dem Brennholz, beides gehört zusammen. Die Flamme brennt nicht isoliert vom Brennholz oder getrennt von der Kerze.


Der spätere Meister Engo kommentierte diesen Dialog:

"Die lodernde Flamme erfasst das Universum."

Die Buddhas der drei Zeiten verwirklichen sich in allen zehn Himmelsrichtungen, also in der Wirklichkeit des ganzen Universums: durch das Handeln und die Meditation im Augenblick und an einem bestimmten Ort, also hier und jetzt. Das heißt, sie lehren keinen ideologischen „Buddhismus“ und keine platte Lebensphilosophie. Dōgen sagt zum Drehen des Dharma-Rades:

„Das große Dharma-Rad zu drehen, umfasst das Drehen des wahren Selbst und das Drehen des Augenblicks.“

Das wahre Selbst wird radikal vom Schein-Ich und Ego unterschieden. Dieses Selbst hat die Grenze zum anderen und zum Universum in Wechselwirkung überschritten. Es handelt genau und direkt im Augenblick.

„Es mag das Drehen des Dharma-Rades (als Prozess) und den sich drehenden Dharma umfassen.“

Dieses Zitat kommt im Shōbōgenzō auch in den Kapiteln über das Lotos-Sūtra[ii] sowie das Sūtra-Lesen[iii] vor. Dōgen untermauert, dass die Buddhas selbstverständlich im höchsten Maße verehrungswürdig sind. Deswegen stehen sie auf dem Boden der Wirklichkeit und hören die Dharma-Wahrheit..

Dienstag, 14. Februar 2023

Die buddhistischen Gelöbnisse bringen Klarheit in dein Leben

 

In diesem Kapitel beschreibt Dôgen die 16 Gelöbnisse im Mahâyâna-Buddhismus. Sie sind verhältnismäßig einfach gestaltet, direkt formuliert und sollen eine klare Leitlinie in unser Leben bringen, die uns auf dem Buddha-Weg stützt und unsere gute Entwicklung verstärkt. Sie sind besonders für Laien geeignet und benötigen keinen komplexen philosophisch Überbau. Dabei hat die positive Wechselwirkung mit dem vertrauten Lehrer und Meister eine zentrale Bedeutung. Dadurch füllen sich die Gelöbnisse mit Leben und bekommen gute und lang anhaltende Wirksamkeit.

Nishijima Roshi betont, dass es bei den Gelöbnissen überhaupt nicht um Bestrafung, Abwertung oder gar Stigmatisierung derjenigen geht, die angeblich oder wirklich die Gelöbnisse verletzt haben, sondern dass ein Moment der Kräftigung und Klarheit für die Schüler wirksam wird. Mit der bewussten Entscheidung, den Buddha-Weg zu gehen, bekommt man dadurch ein deutliches Leitbild und klare Lebensziele oder Vorgaben, um sich im eigenen Leben zu verwirklichen und nicht zu verzetteln


Wer selbst die Zeremonie der Gelöbnisse mit einem bedeutenden Meister erlebt hat, wird gern bestätigen, dass sie eine besondere spirituelle und psychische Kraft entwickelt, und will sie keinesfalls auf dem Buddha-Weg missen. Auch Dôgen schätzt die Bodhisattva-Gelöbnisse und die entsprechende Zeremonie sehr. In der Dôgen-Sangha von Nishijima Roshi werden nach wie vor Dôgens wörtliche Formulierungen der Gelöbnisse verwendet. Auch die Zeremonie wird nach seinen Vorgaben durchgeführt.

Es gibt zehn speziellen Bodhisattva-Gelöbnisse: Der Meister fragt den Schüler zu jedem Gelöbnis dreimal, ob er dieses einhalten kann, und der Schüler antwortet jedes Mal: „Ich kann es.“

Die Gelöbnisse lauten z. B.: Nicht zu töten. Nicht zu stehlen. Sich nicht der Gier hinzugeben. Nicht zu lügen. Keinen Alkohol zu verkaufen. Sich selbst nicht zu loben. Nicht wütend zu werden und schließlich die drei Juwelen des Buddhismus nicht zu beleidigen.

Link: Vertiefung

Link: Film Buddha und Gomera, english

Sonntag, 1. Januar 2023

Die leuchtende Perle

Dieses Kapitel hat einen starken Bezug zum Konkreten unseres Lebens und der Welt. Was will Dogen uns mit der Perle sagen, obwohl es soviel Elend und Unglück in der Welt gibt: Ungerechte Kriege, Natur-Katastrophen durch Verschulden der unersättlichen Menschen und allgemein Gier, Hass und Verblendung? Aber wie zu erwarten geht Dōgen weit über unsere oft enge westliche Vorstellung des Leidens, Materialismus und der Genusssucht hinaus. Denn das sind nur Teilrealitäten, von denen wir uns durch den Buddhismus wesentlich befreien können.[i]

Er zitiert den großen Meister Gensa, den er wegen dessen umfassender buddhistischen Praxis und klaren Weitsicht sehr schätzte:

„Das Universum in den zehn Himmelsrichtungen ist eine leuchtende Perle.“

Dieser Satz ist nach Dōgen das Herz des Buddha-Dharma. Das Leben und die Wirklichkeit des Universums werden als leuchtende Perle erlebt. Darin kommt etwas sehr Wichtiges zum Ausdruck, denn über das Schlechte und Negative wird zwar von negativen Menschen viel geklagt, und die materielle Gier ist gerade heute kaum zu steuern. Aber sie kann selbstverständlich grundsätzlich durch Buddhas Weisheit und Praxis gesteuert werden!

Dōgen schätzte das Gleichnis der leuchtenden Perle außerordentlich. Denn die Schönheit und der wunderbare Glanz der Welt, der Natur, der Pflanzen und Tiere und des menschlichen Lebens stehen gerade im Zen im Mittelpunkt als die wahre Wirklichkeit. Wir können aktive daran mit gestalten. Dann wird m. E. auch der Glücksstoff Dopamin ausgeschüttet und bringt Klarheit und Freude im unseren Geist

Die runde Form ist im Buddha-Dharma ein Symbol eines harmonischen und ausgeglichenen Lebens für Mensch, Natur  und Universum. Diese Rundheit wird wegen ihrer Schönheit von Dogen gerühmt. Ecken und Kanten oder gar Stacheln und Borsten werden im Buddhismus wenig geschätzt. Das Runde des Vollmondes ist der Inbegriff der Schönheit und Harmonie, und so ist auch eine runde Perle Ausdruck für ein schönes und waches Leben. Sie spiegelt die große Wahrheit wider, und ist damit ein Spiegel der reflektiert, was vor ihm erscheint: der Spiegel der Wirklichkeit.

Eine Perle hat die Eigenschaft zu rollen und sich zu bewegen und symbolisiert damit die ganz lebendige Erfahrung des Buddhismus: die Bewegung, den Wandel und das Handeln. Das Universum und alles in der Natur und im Leben bewegt sich fortwährend, nicht nur in geistiger und psychischer Hinsicht, sondern ganz konkret. Und wir können dabei bewusst steuern. Gensa sagte schließlich auf die Frage von Meister Seppo zur verzerrten Wirklichkeit:

„Letztlich kann ich mich nicht von anderen täuschen lassen.“

1. Link: Weiter Lesen, Perle

2. Link: Yudo´s Zen-Film, English,  8 awards (!)


[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 62ff.

Freitag, 9. Dezember 2022

Die Schönheit der Wasser und Berge müssen wir schützen

Der Buddhismus besonders der Zen hat eine tiefe untrennbare Verbindung zur Natur. Wir müssen Klima und Natur schützen und bewahren. Wir dürfen uns durch die moderne Technik und die Gier nach Vorteil von der Natur nicht entfremden. Dann entfremden wir uns von uns selbst!

Berge sind etwas Festes wie die Erde, und Wasser ist das Element des Flüssigen. Auf poetische Weise beschreibt Dōgen die Wirklichkeit der Berge und Wasser, der Wolken und des Himmels: „

Die Wasser werden am Fuß der Berge verwirklicht; darauf reiten Berge die Wolken und wandern durch den Himmel. Die Kronen der Wasser sind die Berge, deren Wandern aufwärts und abwärts immer auf dem Wasser ist.“[i]

Das ist das Wunder der Natur: Die Wasser sind die Füße der Berge. Wasser steigt als Dampf in die Wolken, und es ist wieder Wasser, wenn es auf der Erde angekommen ist. Indem Dōgen die Berge auch als Kronen der Wasser bezeichnet, bringt er die untrennbare  Beziehung zwischen beiden zum Ausdruck.

Nun zitiert Dōgen Meister Nangaku:

„Weil die Zehen der Berge über das Wasser wandern und die Wasser zum Tanzen bringen, ist das Wandern frei in allen Richtungen, und die Praxis-und-Erfahrung" gibt es wirklich.

Lasst uns also frei wandern wie das Wasser: Gerade in Krisen und schwierigen Zeiten: Jammern bringt nichts und verstärkt das Leiden. Taten und Machen bringen uns weiter.

Dogen bittet uns, bei der genauen Untersuchung der äußeren Welt kraftvoll voranzuschreiten, sie „auszuschöpfen“ und dabei in die Freiheit zu springen. Denn sie war niemals von uns getrennt. Das wäre eine isolierte Schein-Wirklichkeit. Er sieht für uns die große Hoffnung, dass wir in der heilsamen Verbindung mit der Natur, wie des Wassers, unsere Vorurteile, Täuschungen und Doktrinen und falsches Emotionen über Bord werfen und auf dem Weg in die Freiheit vorankommen. Erwachte Menschen sehen das Wasser wirklich als Wasser, mit Freude und im Gleichgewicht. Er sagt;

„Wo immer große buddhistische Meister gehen, geht das Wasser. Und wo immer Wasser geht, verwirklichen sich die großen buddhistischen Meister" Und weiter: „Es ist Erleuchtung, im Alltag Wasser zu schöpfen.“

1. Link: Vertiefen und weiter lesen

2. Link: Neuer Film, English, mit acht awards



[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 194ff.

Montag, 28. November 2022

Der offene Raum ist offenes Leben, die wahre Meditation

 

Der große indische Meister Vasumitra war der siebten authentische Nachfolger Buddhas. Er lehrte: Der Geist ist die wirkliche Welt des Raumes. Der offene Raum ist die Vierte Vertiefung der Meditation,  im Zen. Das war für Meister Dogen die offene Tür zur vollständigen Erleuchtung. Der im menschlichen Gehirn „eingesperrte“ primitiv- unterscheidende Geist ist leider durch die Schädel-Decke begrenzt. Aber im Erwachen öffnet sich der Geist und wird groß und weit wie der Raum, ohne Grenzen. Er verlässt dann den viel zu engen Schädel des Ego, befreit sich und durchdringt das Universum. Das erleben wir in der wahren Meditation.

Raum und Zeit haben seit dem Beginn der menschlichen Kultur immer wieder Philosophen und große Denker angeregt. Es wurden komplizierte Theorien und schwer verständliche Erklärungen hierfür entwickelt. Aber meist kamen die Philosophen nicht über nachträgliches Denken über den Raum hinaus, sie lebten nicht in der Fülle des Augenblicks. Was sagt dazu der  Zen?

Über den Raum theoretisch nachzudenken, reicht nicht. Der Raum muss erlebt werden: Wunderbar, wenn die Begrenzungen sich auflösen. Das habt ihr sicher schon erlebt. Die Wahrnehmung der Form und des Räumlichen haben eine sehr große Bedeutung für unser Leben hier und jetzt. Denn was ist das Hier anderes als der Raum? Zeit, Raum und Leben im Augenblick lassen sich nicht wirklich trennen, weil man dann verarmt, leider.

In diesem Kapitel geht es um den höchsten dem Menschen zugänglichen Zustand der umfassenden Wirklichkeit des Buddhismus. Das ist das Erwachen, die Erleuchtung und die Lebensfreude: die ganze umfassende Wahrheit. Und das Erwachen und die Lebensfreude kann jeder Mensch nach Buddha verwirklichen, es hängt nicht allein von intellektueller Geistes-Schärfe ab. Oft verhindert die Intellektualität sogar die Befreiung und Öffnung zum Erlebnis des Raumes. Im Westen glauben viele bekanntlich an einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Materiellem und Ideellem. Aber das führt wirklich nicht weiter und ist eigentlich schon längst Geschichte.

Dōgen berichtet von einer Kōan-Geschichte zwischen Meister Rinzai und Meister Fuke. Rinzai neigte in jungen Jahren eher zu einem theoretischen und zum Teil spekulativen Verständnis des Buddhismus, während Fuke oft radikal die Wirklichkeit des Hier und Jetzt ins Zentrum rückte. Rinzai fragte:

„In den Sūtras heißt es, dass ein Haar den großen Ozean verschlingt und ein Mohn-Korn den Berg Sumeru umfasst. Sind dies auch Beispiele übernatürlicher Fähigkeiten glänzender Leistungen oder sind sie nur wirkliche Tatsachen, wie sie sind?“

Wie reagierte der Nicht-Theoretiker Fuke? Er stieß daraufhin mit einem kraftvollen Ruck den ganzen festlich gedeckten Tisch um, an dem er und Rinzai als Gäste mit den vornehmen Gastgebern der Oberschicht saßen. Er sagte laut und deutlich:

Dies ist ein Ort, wo etwas Unfassbares da ist.“

Fuke wollte klarstellen, dass Rinzais Überlegungen viel zu theoretisch und spekulativ waren. Er handelte glasklar im Hier und Jetzt, also im Raum und im Augenblick, allerdings nicht gerade höflich, als er den Tisch umwarf. Wo soll man den sonst handeln als im Raum? Offensichtlich fand er Rinzais abstrakte Gedankengänge zu überspannt und wollte die Gruppe ohne gelehrte Worte durch direktes Handeln in der Gegenwart von den theoretischen „Denknestern“ befreien. Seine Feststellung „Dies ist ein Ort, wo etwas Unfassbares da ist“ ist dann in die Geschichte des Zen eingegangen.

Dōgen zitiert eine Zeile aus einem Gedicht seines eigenen großen Meisters:

„Der ganze Körper ist wie ein Mund, der im Raum hängt.“

Diese Aussage erscheint zunächst eigenartig, Was ist gemeint? Die Windglocke, die im Raum hängt, wird mit dem Mund gleich gesetzt und ist viel mehr als ein physischer Ton oder ein unmelodisches Geräusch. Ich denke dabei an unsere Sesshin in Südtirol, wo wir im Hof eines alten Kapuzinerklosters Zazen praktizierten und die Windglocke uns bei jedem Windhauch ihre Melodie sang: Wir konnten so die Ganzheit von Raum, Zeit und Windglocke selbst erleben.

1. LinkGanz neuer Film, English,  8 awards (!) Zen

2. Link: Vertiefen: Raum und Leben

 

Freitag, 11. November 2022

Unser neuer Buddha-Film ist online, er gewann acht internationale awards (!)


Unser neuer Film zum Zen und Buddhismus ist nun im Netz. Es geht um die authentische Lehre Buddhas und Bogenschießen. Der Film wurde in Berlin und auf Gomera gedreht. Unser Ziel war gute Verständlichkeit und Einfachheit. Englische Fassung mit Untertiteln. Zum Vertiefen habe ich links angefügt.

Viel Freude und Klarheit!

 1. Link: Zum Film, English

2. Link: Vertiefen und Zen

3. Link: Verwirklichtes Universum

4. Link: Sein-und-Zeit im Augenblick

5. Link: Das große Erwachen

Montag, 7. November 2022

Die wahre Form hilft uns auch in der Krise

 

Die Wirklichkeit und deren erkennbare klare Formen im Hier und Jetzt haben im Zen eine sehr große Bedeutung für den Weg der Befreiung.[i]

Meister Dōgen baute seine buddhistische Lehre auch auf dem Lotos-Sūtra auf, dem er im Gegensatz zum landläufigen Verständnis eine neue Bedeutung und Tiefenschärfe gab. Er interpretierte es nicht als wundergläubigen Volksbuddhismus, sondern auf der Grundlage des Zen. Im Kapitel „Die Dharma-Blume der Wahrheit dreht die Blume der Dharma-Welt“ und in diesem Kapitel über die Form ist es ihm in großartiger Weise gelungen, die Wirklichkeit und das Wunder unseres Lebens und des Universums selbst in Worte zu fassen. Soweit dies überhaupt möglich ist. Dōgen zitiert Buddha aus dem Lotos-Sūtra:

„Die Buddhas allein zusammen mit den Buddhas können direkt vollkommen verwirklichen, dass alle Dharmas wirkliche Formen sind. Was ‚alle Dharmas’ genannt wird, sind Formen wie sie sind, die Natur wie sie ist, der Körper wie er ist, die Energie wie sie ist, das Handeln wie es ist. Sie sind der höchste Zustand des Gleichgewichts und des Wesentlichen.“ Genau so, wie sie sind!

Dōgen zitiert ein weiteres Gedicht seines eigenen Meisters Tendō Nyojō, des „ewigen Buddha“ wie er sagt:

„Es gibt (sanfte) Kälber heute Nacht auf dem Berg Tendō.

Gautamas goldenes Antlitz offenbart wirkliche Form.
Wie könnten wir dessen unermesslichen Wert begleichen, wenn wir es erwerben wollten?
Der Ruf des Kuckucks, darüber eine einzelne Wolke.“

Der Ausdruck „sanfte Kälber“ wurde für die friedlichen Mönche verwendet, die sich im Kloster von Tendō Nyojō in der wunderbaren Sommernacht versammelt hatten. Der Kuckuck ruft unmittelbar und wird von allen direkt als Wirklichkeit wahrgenommen. Er ist Teil der wirklichen Form, die nicht auf die Ohren beschränkt ist.

Schließlich fasst er Dōgen zusammen:

„Denkt daran, die wirkliche Form ist das wahre Lebensblut, das vom wahren Nachfolger empfangen und an den authentischen Nachfolger weitergegeben wurde. Alle Dinge und Phänomene sind der vollständig verwirklichte Zustand der Buddhas allein, zusammen mit den Buddhas. Das ist die Schönheit der Form, wie sie ist.“

 Link:Vertiefung: Wahre Form


[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 3, S. 116ff.

Donnerstag, 27. Oktober 2022

Erwachen: Der Dichter Toba hört die wahren Stimmen des Tales


Toba war ein berühmter Dichter im alten China und war dem Buddhismus stark verbunden. Er hatte die umfangreiche Literatur des Buddhismus intensiv studiert und sich dabei vor allem auf die wirklich großen Meister konzentriert. Sie werden in China auch als „Drachen und Elefanten“ bezeichnet. Es wird berichtet, dass Toba die Landschaft von Lushan besuchte, die wegen ihrer Schönheit berühmt war. Er war von der großartigen Natur tief berührt. Sein Herz hatte sich dort geöffnet und er hörte den Bergstrom, der durch die Nacht floss, wie nie zuvor. Dabei verwirklichte er die große Wahrheit des Lebens und verfasste das Gedicht:

„Die Stimmen des Tales sind (Buddhas) weite und lange Zunge.

Die Form des Berges nichts anderes als sein reiner Leib.

Durch die Nacht gehen die vierundachtzigtausend Verse.

Dōgen vermutet beim Erwachens des Dichters Toba, dass er am Vortag tiefgehende Gespräche mit seinem Meister hatte und diese in das Erlebnis des Erwachens eingegangen sind.[i] Aber dieses Naturerlebnis der Wirklichkeit entstand nicht nur als Folge des Gesprächs, sondern geschah eigenständig und direkt. Denn es war sein eigenes tiefes Erleben.

Dōgen berichtet auch in anderen Kapiteln des Shōbōgenzō von Erleuchtungserlebnissen in der Natur, die durch scheinbar ganz unwichtige Ereignisse und oft durch die Wahrnehmung ausgelöst wurden. Die unmittelbare Erfahrung der Wirklichkeit stellt sich wie zufällig ein, wenn man viele Jahre die Übungspraxis des Zazen und das Verschwinden des Ich-Stolzes geübt hat. Aber sie ist natürlich nicht rein zufällig, sondern die Folge der Übungspraxis, vor allem Zen-Meditation.

 So beschreibt Dôgen das wahre Sehen und Hören zunächst mit der eigenartigen Formulierung, dass wir lernen sollen, dass die Berge fließen und das Wasser nicht fließt. Was meint er damit? Eine ähnliche Aussage findet sich übrigens in seinem Kapitel über das Sûtra der Berge und Wasser[ii]. Damit will Dôgen uns m. E.  sagen, dass wir nicht an gewohnten, scheinbar selbstverständlichen Vorstellungen haften sollten und dass die Natur ein „Tor zum Eintritt in den Buddhismus“[iii] ist. Unsere subjektiven Wahrnehmungen sind oft zu schematisch und verlieren damit die direkte Kraft der Natur. Wenn wir das fließende Wasser wirklich sehen wie es ist, gehören die Berge dazu. Sie bewegen sich gewissermaßen zusammen mit dem fließenden Wasser. Das ist das Geheimnis der vielfältigen sich bewegenden Natur zusammen mit dem Menschen. Das ist die wunderbare Ganzheit des Lebens! Das ist das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung wie es bei Buddha und Meister Nagarjuna heißt. Dôgen sagt:

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„In den früheren Zeiten des Frühlings und Herbstes hat Toba die Berge und Wasser nicht wirklich gesehen und gehört. Aber in jenen Augenblicken hat er sich in der Nacht ganz geöffnet. Er konnte die Berge und Wasser direkt und unverstellt sehen und hören.“

Menschen auf dem Buddha-Weg und die Bodhisattvas sollten Tobas Erwachen zum Anlass nehmen, selbst zu lernen, die Berge und Flüsse wahrhaft zu sehen und zu hören. Und Dōgen fügt hinzu: "Wer in der Natur erwacht, fällt nicht zurück!Buddha erwachte in der reinen Natur in Indien, als der Morgenstern aufging. Vorher konnte er durch die damalige Philosophie, Meditation und seine harte Askese trotz größter Anstrengung gerade nicht erwachen. Wir sollten unsere Natur daher schonen, pflegen und lieben. Sie ist ein Wunder.

Link: Tobas Erwachen


[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 109

[ii]         Kap. 14, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 129 ff.: „Das Sûtra der wirklichen Berge und Wasser (Sansui gyô)

[iii]         Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 1, Fußnote 16, S. 87