Donnerstag, 24. Januar 2008

Sich tief verbeugen und das Mark der Wahrheit erlangen

In diesem Kapitel (Kap. 8, Raihai tokuzui) geht es darum, gegenüber einem Menschen oder einem Symbol des Buddha-Dharma, z. B. einer Statue, eine hohe Wertschätzung und Achtung zu erweisen, indem man eine tiefe Verbeugung, oder wie es in diesem Fall auch heißt, eine Niederwerfung, macht.


Bailin in China, Dharma-Halle


Damit ist keine Unterwürfigkeit gegenüber einer äußeren Autorität oder einem Menschen mit Macht oder Geld gemeint, sondern die ehrliche Hochachtung gegenüber jemandem, der die Dharma-Übertragung erhalten hat. Meister Dôgen vertieft in diesem Kapitel die Bedeutung einer solchen Geste der Hochachtung völlig unabhängig davon, ob es sich um einen Mann, eine Frau oder sogar eine Kind handelt. Es sei allein wichtig, wie weit dieser Mensch auf dem Dharmaweg vorangeschritten ist und es sei von einer absoluten Gleichberechtigung von Männern und Frauen auszugehen. Dies ist für die ostasiatische Gesellschaft natürlich überhaupt nicht selbstverständlich und zeigt die "Modernität" von Meister Dôgen. Es hat übrigens große Ähnlichkeit mit Gautama Buddha selbst, der in seinem Sangha auf die Zugehörigkeit zur Kaste keine Rücksicht nahm und auch die von den Brahmanen herausgearbeiteten Merkmale ihrer Kaste nicht akzeptierte. Für ihn waren allein der Geist, das Handeln und die Lebensführung des Menschen maßgeblich.
Auch Ayya Khema und Traudel Reiß sagen in diesem Zusammenhang beim Buddha-Weg:

"Hingabe ist ein wesentlicher Bestandteil auf dem spirituellen Weg, denn ohne Hingabe gäbe es weder tiefe Meditation noch tiefe Erkenntnis. Hingabe ist nicht intellektuell zu bewerkstelligen."

Eine solche Hingabe kann nur auf der Grundlage des Vertrauens wirklich echt sein, denn nur dann kann es zum Beispiel zwischen Lehrer und Schüler einen tiefgehenden existenziellen Lernprozess geben, der nicht irgendwann in eine menschliche Sackgasse führt, sondern befreit und voranbringt. Dôgen sagt hierzu:

"Wenn ihr das höchste, vollkommene Erwachen (anuttara-samyak-sambodhi) übt, ist es das Schwierigste einen Lehrer zu finden, der euch auf den Weg führt. Es ist nicht wichtig, ob dieser Lehrer ein Mann oder eine Frau ist, aber er oder sie muss Meister von sich selbst sein und auch ein Mensch sein, der das Unfassbare ist. Ein solcher Mensch ist nicht durch seine Vergangenheit oder Gegenwart festgelegt, sondern er ist ein guter Lehrer, der den Geist eines wilden Fuchses hat."

In diesem Zitat wird die Bedeutung des Lehrers, ob Mann oder Frau, alt oder jung, schwarz oder weiß, Japaner, Inder oder Europäer usw. herausgestellt. Es muss jemand sein, der nicht von Ideologien und aufgeladenen Emotionen seiner Vergangenheit gesteuert wird und der nicht nach Ruhm und Profit strebt. Allein die Wahrheit des Buddha-Dharma muss Richtschnur und Maßstab seines Handelns, Denkens und Fühlens sein. Er muss also im Gleichgewicht leben. Vor einem solchen Menschen ist es sinnvoll, sich auch körperlich tief zu verbeugen oder sich niederzuwerfen, um ihm damit seine Wertschätzung zu offenbaren. Dies wirkt dann vor allem auf denjenigen selbst zurück, der dem anderen eine solche Ehrerbietung erweist, denn es baut den Egoismus und die Ichsucht ab und befreit damit aus den "Nestern" des Ich-bezogenen Denkens.
Dôgen verwendet dann die Formulierung, dass ein solcher Mensch und Lehrer das "Unfassbare" ist. Damit will er sagen, dass eine einfache Klassifizierung und Charakterisierung gar nicht möglich ist, dass man einen solchen Meister also nicht in irgendeine „Schublade stecken“ kann, sondern dass er ganz aus dem Augenblick in voller Freiheit und Freundlichkeit der jeweiligen Situation handelt und denkt. Dazu gehört auch, dass er nicht durch seine eigene Vergangenheit festgelegt und fixiert ist, denn dann wäre ein unmittelbares Handeln in der Gegenwart nicht möglich. Nishijima Roshi sagt hierzu:

"Der Lehrer muss ein starker und stabiler Mensch sein, der wirklich humanistisch ist und die Schülerinnen und Schüler gründlich und mit wirklichem Einfühlungsvermögen leitet."

Für viele westliche Menschen mag es befremdlich sein, die in Ostasien übliche Form einer Niederwerfung zu vollziehen, weil sie dies als Erniedrigung und Unterwerfung empfinden. Aber es handelt sich nicht um den "Kadavergehorsam", der ja gerade in Deutschland eine sehr unselige Bedeutung in der Geschichte gehabt hat. Blinder Gehorsam unter bornierten Vorgesetzten und Machthabern ist ganz etwas anderes. Auch Nishijima Roshi betont, wie schwer es ist, einen wahren und wirklichen Lehrer zu finden. Meister Dôgen hatte bekanntlich sehr lange gesucht, bis er in China seinen eigenen Meister fand, nachdem er die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte. Wenn man aber einem solchen Lehrer begegnet, gibt dies wirklich einen Schub auf dem Weg des Buddha-Dharma nach vorn, sodass man, wie es hier heißt, "das Mark der Wahrheit erlangen " kann. Dôgen sagt weiter:

"Auf diese Weise sollten wir lernen (achtsam wie) auf Zehenspitzen zu gehen und das Feuer auf unserem Kopf zu löschen."

Die Formulierung auf "Zehenspitzen zu gehen" wurde in China dafür verwendet, dass man sorgfältig und genau handelt und sich vorsichtig in unserer kostbaren Umwelt bewegt. Sie wird auf Gautama Buddha selbst zurückgeführt. Die Formulierung "ein Feuer auf dem Kopf zu löschen" wird ebenfalls häufiger im Shôbôgenzô verwendet und bedeutet vor allem, dass man tatkräftig und ohne Zögern handelt, wenn Gefahr droht oder man bereits in einer gefährlichen Lage ist. Wenn wir so ausdauernd und sorgsam in unserem Leben vorangehen und handeln, sagt Dôgen, können wir wie die alten großen Meister und sogar wie Gautama Buddha selbst werden. Dann wird der Schüler auch zum Meister und in der Dharma-Übertragung wird dies zur lebendigen Wirklichkeit.
Wir können aber nicht nur durch die großen Meister und Lehrer lernen, denn auch "die Natur lehrt uns den Buddha-Dharma", also auch die Blumen, Bäume und Steine, die Felder und Dörfer und unsere ganze Umgebung "spricht" dann zu uns, und auch dieser Natur gilt unsere hohe Wertschätzung und Achtung. Nishijima Roshi sagt dazu:

"Die wirkliche Welt oder das Universum ist selbst genau die Wahrheit und daher lehren die Bäume und Steine immer die Wahrheit des Universums."

An anderer Stelle spricht Dôgen von der Schönheit der Natur und von der großen Kraft, die zum Beispiel von den Pflaumenblüten, den Bergen und den Flüssen ausgeht, wenn wir uns ganz öffnen und deren Wirklichkeit uns erfüllt und bewegt. Es wird dann der große Meister Joshu zitiert, der sagte:

"Ich werde jeden fragen, der mehr weiß als ich, also auch ein Kind von sieben Jahren, und ich werde jeden lehren, der weniger weiß als ich, also auch einen Menschen von hundert Jahren."

Damit wird ganz klar ausgedrückt, dass es nicht um das Alter geht, sondern um die Klarheit des Geistes im Buddha-Dharma selbst und dass keiner seine Würde verliert, wenn er einem Jüngeren gegenüber seine Wertschätzung und Achtung zeigt und dies zum Beispiel durch eine Verbeugung oder eine Niederwerfung zum Ausdruck bringt. Man muss wissen, dass Meister Joshu bereits sechzig Jahre alt war, als er den Entschluss fasste, den Buddha-Weg zu gehen, er war also selbst schon ein älterer Mann, als er den obigen Ausspruch tat. Aber darin kommt auch zum Ausdruck, dass man selbst ohne Zögern die Buddha-Wahrheit weitergibt, wenn man merkt, dass man dem anderen damit helfen kann und er weniger von der Lehre weiß als man selbst.
Dôgen bringt dann einige Beispiele, in denen eine Nonne Meisterin war und sich die Mönche und Laien vor ihr niedergeworfen und um ihre Lehren gebeten haben. Dies mag für westliche Menschen nichts Besonderes sein, weil wir viele Lehrerinnen und Meisterinnen im Westen haben, aber für die damalige Zeit in Ostasien kann das schon fast als revolutionär bezeichnet werden. Es zeigt die kompromisslose Haltung Dôgens in der Frage der buddhistischen Wahrheit und seine Klarheit und Entschiedenheit, allein auf die Kraft des Buddha-Dharma zu bauen, denn er wollte nicht irgendwelche gesellschaftliche Positionen oder Rangordnungen anerkennen. Dasselbe gilt für die Besetzung der Leitung eines Klosters, bei der nicht automatisch der älteste Mönch eine solche Führungsaufgabe erhalten soll, sondern derjenige, der die Dharma-Übertragung erhalten hat und im Besitz der Wirklichkeit und Wahrheit ist. So kann auch ein Mädchen von sieben Jahren andere lehren und eine "wohlwollende Mutter" aller Lebewesen sein.
Dôgen führt zur Bedeutung der Frauen im Buddhismus auch die weltlichen Herrscherinnen, also Kaiserinnen in China und Japan an. Auch dabei wird von dem dort üblichen Wertschema, dass Männer höherwertig als Frauen seien, abgewichen, sodass für Dôgen die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Buddha-Dharma selbstverständlich ist, die es sogar in weltlichen Funktionen gäbe.

Schließlich geht Dôgen auf die sexistischen Rollen in der Gesellschaft ein und verurteilt, dass Frauen allzu häufig auf ihre sexuelle Funktion reduziert werden und dass diese sexuellen Begierden ja vor allem die Männer selbst prägen. Er hält es für völlig unsinnig, dass in einer solchen patriarchalischen Gesellschaft die Frauen deswegen verteufelt werden, weil sie sexuelle Begierden erwecken und dass auf diese Weise das Problem der Männer einfach auf die Frauen abgewälzt wird. Denn auch der umgekehrte Fall ist ja durchaus häufig, dass sich sexuelles Verlangen auf einen Mann bezieht und dass man diesen deswegen ja auch nicht verteufelt. Weiterhin kann sich die Gier sogar auch auf Ideen, Bilder und sogar Gegebenheiten der Natur beziehen. Es wird in einer Geschichte davon berichtet, dass eine Frau durch die Strahlen der Sonne in sexuelle Erregung versetzt wurde. Weiterhin können Träume, Fantasien und Truggebilde alle Objekte sexueller Gier sein. Es geht also hierbei mehr um den Geist des "Subjekts" als um Eigenschaften des "Objekts". Ganz unsinnig wäre es auch, einen buddhistischen Orden zu kritisieren, in dem Frauen leben, und zwar mit der Behauptung, dass dieser dadurch „verunreinigt“ würde. Wir können sicher annehmen, dass es solche Vorurteile im alten China und Japan gab, denn sonst hätte Dôgen dieses Beispiel wohl kaum angeführt.

Am Ende dieses Kapitels kritisiert Dôgen in aller Entschidenheit gewisse dogmatische Traditionalisten im alten Japan, die den Frauen grundsätzlich verbieten, wichtige Heiligtümer überhaupt zu betreten. Eine solche äußere Diskriminierung der Frauen löst sich nämlich vollständig von der Bedeutung der Wirklichkeit und Wahrheit der Menschen ab, denn nicht einmal erleuchtete Frauen dürften dann den heiligen Ort betreten. Das kann doch wohl wirklich nicht richtig sein. Dôgen sagt am Ende des Kapitels:

"Wir aber sollten uns ehrfürchtig vor der Tugend niederwerfen, durch welche (die Buddhas) alle Lebewesen erlösen, sie annehmen und mit ihrem wohltuenden Einfluss bedecken. (Wenn ihr euch so niederwerft), wer könnte daran zweifeln, dass ihr das Mark der Wahrheit erlangt habt."

Weiter Informationen von Nishijima Roshi

1 Kommentar:

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