Donnerstag, 6. März 2008

Von der Wahrheit sprechen – auch ohne Worte

Wir alle wissen, dass man viel reden kann, ohne wirklich etwas Wesentliches zu sagen und dass Worte oft sogar die Wirklichkeit verdecken oder verzerren. Dies ist z. B. immer dann der Fall, wenn Interessen im Vordergrund stehen und die Menschen mit den Worten gesteuert, um nicht zu sagen, manipuliert werden sollen. Besonders häufig kommt dies im Bereich der Politik und Wirtschaft vor, weil dort meist ein angestrebter eigener Vorteil, der aber nicht ausgesprochen wird, wirksam ist und es nicht um eine ausgewogene Darstellung und sachgerechte Information handelt. Wie Jürgen Habermas formuliert hat, kann dies auch steuerndes Moment in der Wissenschaft und Philosophie sein, und er nennt es "Erkenntnis leitendes Interesse". Trotzdem ist die Sprache selbstverständlich ein außerordentlich wichtiges Mittel auf dem Weg des Buddha-Dharma, den Dôgen oft als Wahrheit oder Wirklichkeit bezeichnet.
In dem Kapitel "Das Sprechen von der Wahrheit" (Kap. 39 Dôtoku) behandelt Dôgen, dass es sehr wichtig ist, die buddhistische Lehre genau und überzeugend zu übermitteln. Er zeigt aber auch die Grenzen der Sprache auf und erklärt, wie man auch ohne Worte die große Wahrheit des Gautama Buddha ausdrücken kann.
Das japanische Wort Dôtoku besteht aus zwei Teilen, nämlich mit der Bedeutung „etwas ausdrücken“ und toku, das vor allem bedeutet, zur Wahrheit zu erwachen. Wenn wir erwacht sind, leben und handeln wir im Gleichgewicht. Dies wird vor allem in der Zazen-Praxis geübt, denn in jedem Augenblick, in dem wir beim Sitzen in unserer Mitte, also im Gleichgewicht, sind, ereignet sich die erste Erleuchtung.
Dôgen sagt am Anfang des Kapitels:

"Alle Buddhas und Vorfahren im Dharma sind das Sprechen von der Wahrheit. Weil sie jeweils ihre Nachfolger auswählen, fragen sie diese immer, ob sie die Wahrheit schon erlangt und ausgesprochen haben oder nicht." Und weiter: "Wer kein Buddha oder Vorfahre im Dharma ist, stellt eine solche Frage nicht und spricht nicht von der Wahrheit, weil er sie nicht hat."

Dôgen erläutert, dass Mitläufer und Ja-Sager die Wahrheit nicht ausdrücken können, weil sie kein eigenes Verständnis und keine eigene Erfahrung des Buddha-Dharma haben. Es dauert nämlich oft dreißig oder vierzig Jahre, bis jemand nach ausdauernder Zazen-Praxis und intensivem Studium der Lehre fähig ist, die Wahrheit zu sagen oder auf andere Weise, z. B. durch Gesten oder seinen Gesichtsausdruck, weiterzugeben. Das Reden muss immer im Einklang mit dem Handeln und dem ganzheitlichen Körper-Geist des Menschen sein. Sicher vertrauen wir oft zu leichtfertig auf die gesagten Worte und werden so in die Irre geführt oder sogar betrogen. Die Wahrheit ist identisch mit dem Gesetz des Universums und mit der Moral. Darin drückt sich das positive Weltbild des Buddhismus aus, das von einer Harmonie und Echtheit der Welt ausgeht, in der das Unrechte sozusagen künstlich erzeugt wird, indem falsch gehandelt wird. Im Buddhismus glauben wir daher nicht daran, dass der Mensch von Natur aus böse und gefährlich ist und durch Disziplin und Strafandrohung zum richtigen Denken und Handeln gezwungen werden muss.

Die Wirklichkeit der Welt zeigt uns natürlich, dass wir nicht im Paradies oder Nirwana leben und dass wir ins Unglück geraten müssen, wenn wir uns in paradiesische Fantasiewelten flüchten. In einem anderen Kapitel hat Dôgen übrigens ausgeführt, dass es Träume gibt, die diese Wahrheiten oft besser erfassen als das Tagesbewusstsein.

Wer jetzt in diesem Augenblick die Wahrheit spricht, vereint sein Reden von früher mit dem jetzigen. Damit kommt Dôgen auf den Augenblick des Hier und Jetzt zu sprechen, weil die umfassende Wahrheit von Körper und Geist genau in der Gegenwart da ist und gesagt werden kann. Er ermahnt uns, dass wir uns selbst sehr genau beobachten, ob die jetzige Rede von früheren Worten abweicht oder nicht. Er sagt, dass man durch ausdauerndes Üben schließlich alle Anstrengungen abstreifen kann, sodass "die Haut, das Fleisch, die Knochen und das Mark der Befreiung "erkannt und gesagt werden. Dann sind Wille und Bemühen identisch mit dem Handeln und Sprechen und die Gier nach Vorteil, Ruhm und Profit hat sich aufgelöst. Dies ereignet sich manchmal auch entgegen der eigenen Erwartung, die als dumpfe Absicht den Buddhaweg hemmen und blockieren kann. Dôgen sagt:

"Wenn ihr diese höchste Ebene jenseits der Worte noch nicht selbst erfahren habt, habt ihr nicht das wahre Gesicht der Buddhas und Vorfahren im Dharma und nicht ihre Knochen und ihr Mark. Selbst wenn ihr erkennen könnt, dass das Sprechen von der Wahrheit wirklich das Sprechen von der Wahrheit ist."

Er führt dann mehrere Beispiele aus der buddhistischen Geschichte an, wo das Wesentliche ohne Worte ausgedrückt wurde, z. B. als der Nachfolger von Bodhidharma, Taiso Eka, drei Niederwerfungen machte und keine Worte sagte. Bei ihm gäbe es trotzdem das Sprechen von der Wahrheit. So gibt es nicht zuletzt den wesentlichen Bereich der Wahrheit, der über das Sprechen hinausgeht.
Dôgen zitiert dann den großen Meister Joshu:

"Wenn ihr ein Leben lang das Kloster nicht verlasst und fünf oder zehn Jahre lang unbeweglich sitzt und kein Wort redet, wird euch niemand als stumm bezeichnen."

Er will damit sagen, dass dem kundigen Betrachter sofort klar ist, ob jemand überhaupt nicht reden kann, also stumm ist oder ob er ohne Worte mehr sagt, als manche geschwätzige Menschen leisten können. In dem obigen Zitat wird der große Wert der Zazen-Praxis des Sitzens betont, in der man egozentrische Gedanken und Gefühle abschüttelt und "Körper und Geist fallen lässt." Ähnlich wie in einem Traum, aber bei klarem Bewusstsein, wird die begrenzte Ebene des Redens und Denkens dabei verlassen. Das Kloster wird so zum "strahlenden Verbindungsweg", zum Buddha-Dharma und zum Erwachen, ohne dass geografisch große Strecken zu anderen Orten zurückgelegt werden müssen. Beim stummen Sitzen lenkt man das Licht nach innen, durchstößt seine Ich-Grenzen und damit öffnet sich "das Tor des Friedens und der Freude zum Dharma." Dôgen sagt in diesem Zusammenhang:

"Nicht zu reden bedeutet, dass ihr von Anfang bis Ende richtig von der Wahrheit sprecht."
Er schätzt die Zazen-Praxis außerordentlich und sagt, dass man sie mit den Augen der üblichen Wahrnehmung überhaupt nicht erkennen kann:
"In Wirklichkeit können selbst Buddha-Augen dieses unbewegliche Sitzen, bei dem man nicht spricht, nicht erblicken."


Wenn man sich voll und ganz auf den Buddhaweg begeben hat und im Kloster dem Alltag und seinen Übungen nachgeht, sei dies dasselbe als wenn man ohne zu reden niemals die Wahrheit verlässt. Auf diese Weise drückt man die Wahrheit durch das Nicht-Sprechen aus. Wie begegnet man aber Menschen, die die Wahrheit ohne Worte ausdrücken, also stumm sind? Dôgen rät uns, dass wir uns mit solchen Fragen beschäftigen, sie zu durchdringen und sie dann wieder loszulassen.

Er zitiert dann ein bekanntes Koan des großen Meisters Seppô, das auch im Shinji-Shôbôgenzô (Buch 2, Nr. 83) wiedergegeben und kommentiert wird. Es handelt von einem Mönch, der einsam in der Nähe des Klosters lebte und sich eine Hütte aus Stroh und Binsen erbaut hatte. Obgleich er ein Mönch war, rasierte er sich niemals den Kopf. Er hatte sich eine Holzkelle mit einem besonders langen Stiel geschnitzt, weil er das Wasser zum Trinken aus einer tiefen Schlucht schöpfen musste und ohne einen solchen Stiel überhaupt nicht das Wasser erreichen konnte. Wir können sicher annehmen, dass das Schöpfen des klaren Trinkwassers ein Gleichnis für das Erlangen der Wahrheit bedeuten kann und dass der Mönch sich in den Bergen sein einfaches Leben gut eingerichtet hatte.
Meister Seppô hatte von diesem Mönch gehört und wollte wissen, was es mit diesem auf sich hätte. Er schickte daher einen seiner eigenen Mönche als Bote zu ihm und dieser stellte die bekannte Frage:
"Was war die Absicht des alten Vorfahren im Dharma, der vom Westen kam?"
Der Meister der einsamen Hütte antwortete im typischen Stil des Zen:
"Die Schlucht ist tief und der Stiel meiner Kelle lang."

Er hatte dem Boten Meister Seppôs damit unmissverständlich erklärt, dass es keinen Sinn habe, spekulative Fragen über Meister Bodhidharma zu stellen und Antworten zu geben und die Zeit mit Rede und Gegenrede zu verschwenden. Es ginge darum, einfach und direkt im Hier und Jetzt zu handeln und dadurch den Buddha-Dharma zu praktizieren.
Als der Bote zu Meister Seppô zurück gekehrt war und von dem Hütten-Meister berichtete, war er sehr beeindruckt und wollte diesen unbedingt selbst kennenlernen um festzustellen, ob er zur Wahrheit erwacht war oder nicht. Wegen der unrasierten Haare des Hütten-Meisters nahm er ein Rasiermesser mit und machte sich auf den Weg.

Vor der Hütte begegneten sich dann die beiden ungleichen Meister. Seppô leitete ein im ganzen Lande berühmtes Kloster, hatte viele Mönche und Schüler und Dôgen bezeichnet ihn häufig als ewigen Buddha. Seine Koan-Gespräche z. B. mit Meister Gensa sind in die Zen-Geschichte eingegangen und haben bis heute nichts von ihrer Kraft und ihrem tiefgründigen Zauber verloren. Auf der anderen Seite gab es den Hütten-Meister, ein einsamer Sucher nach der Wahrheit, der keine Schüler hatte und unter einfachsten Bedingungen in der Natur lebte. Der Rhythmus des Jahres und der große Akkord des Universums hatten sich mit ihm dort verbunden und sicher legte er auf sein Äußeres keinen großen Wert. Er war wegen seiner unrasierten Haare nicht einmal als buddhistischer Mönch zu erkennen. Seppô war gekommen um ihn zu testen und fragte:

"Sag was du erlangt hast und ich werde dir den Kopf nicht rasieren."

Bei dieser Begegnung hatten sich die beiden Männer bereits klar in die Augen gesehen und erkannt, dass es keine Trennung von ich und du gab. Seppô wusste sicher intuitiv, dass der Hütten-Meister in der Wahrheit angekommen war, sodass seine Frage eigentlich schon beantwortet war. In diesem Fall wollte er nämlich den einsamen Meister nicht rasieren und auch sein Äußeres so lassen, wie es war. Der Hütten-Meister erkannte im selben Augenblick mit intuitiver Klarheit, dass hier Worte Fehl am Platze waren und sagte daher nichts. Dieser Augenblick ging in der Tat über alle Worte hinaus.
In tiefem Einverständnis mit Seppô verschwand er in seiner Hütte, wusch sich die Haare und ließ sich den Kopf rasieren. So wurde der Dharma ohne weitere Worte von Seppô auf den Hütten-Meister übertragen und wir können sicher annehmen, dass diese beiden großen Meister sich der Einzigartigkeit des Augenblicks bewusst waren, der wie die Zazen-Praxis "den Himmel durchstieß". Dôgen kommentiert Meister Seppôs Frage wie folgt:

"Wenn die Menschen, die niemals die Wahrheit ausgesprochen haben, dies hören, werden die Kraftvollen sich wundern und die Kraftlosen werden sprachlos sein. Seppô fragte nicht nach Buddha, sprach nicht vom Weg und fragte nicht nach dem Samadhi oder den Dharanis. Seine Frage ist zwar einer Frage ähnlich, aber sie ist eher eine Wahrheit."

Dôgen lobt im Folgenden diese großartige Begegnung zweier Meister und sagt, dass sich hier ein Körper offenbart hat, der Dharma verkündet wurde und alle Lebewesen gerettet würden. Ein Kopf wurde gewaschen und dies kann als Gleichnis verstanden werden, dass der Geist gereinigt wurde und dass der Schädel nicht mehr die Grenze des subjektiven Denkens war. In dieser Begegnung werden von dem einen Meister Worte verwendet, die durch ihre „Worthülsen“ hindurch dem anderen Meister direkt begegnen. Dieser antwortet aber nicht mit Worten, sondern durch unmittelbares Handeln, und dies ermöglicht und vollendet die Begegnung der beiden großen Meister.
Dôgen sagt am Ende dieses Kapitels:

"Unter Freunden, welche die Wahrheit nicht (mit Worten) sagen, ist es möglich sich selbst zu erkennen, auch wenn sie dies nicht erwarten. Wenn ihr euch selbst erkennt, indem ihr euch erfahrt und erforscht, verwirklicht sich das Sprechen von der Wahrheit."

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