Montag, 6. April 2009

Bedeutung der buddhistischen Essschale Patra (Hatsu-u, Teil 1)

Die von den Mönchen in China und Japan benutzten Essschalen haben eine große Symbolkraft für das buddhistische Leben und werden besonders im Zen-Buddhismus, der das praktische tägliche Leben und Handeln in den Mittelpunkt stellt, besonders hoch geschätzt.

Tempel in Kosho-ji, Japan



Auch heute noch werden mehrere, ineinander gestellte Schalen von den Mitgliedern der Klöster und den Teilnehmern der Sesshins in traditioneller Weise verwendet. Dôgen beschreibt in diesem Kapitel (Kap. 78, Hatsu-u) seine Erfahrung und sein Verständnis der Essschalen. Er selbst hatte einen alten Mönch getroffen, nachdem er auf der Suche nach dem wahren Buddhismus in China schon fast gescheitert war und nach Japan zurückkehren wollte, der die praktische Arbeit für die Küche einem Gespräch über die Theorie des Buddhismus vorzog.

Dies hat Dôgen nachhaltig beeinflusst. Er entschloss sich daraufhin, das Kloster dieses Mönchs zum zweiten Mal zu besuchen, dessen Leitung sich geändert hatte und dem der alte Mönch mit seiner überzeugenden praktischen Ausrichtung des Buddhismus angehörte. Dort lernte er dann seinen großen Meister Tendô Nyojô kennen, von dem er den wahren Buddhismus als Einheit von Lehre und Praxis erlernte und von dem er vor allem die Zazen-Praxis übernahm.

Die Zubereitung des Essens und die Einnahme der Mahlzeiten haben im Buddhismus eine sehr große Bedeutung und werden nicht nur als körperlich notwendig, sondern als ganzheitlich spirituell erfahren. So ist es auch kein Zufall, dass der Koch eines Klosters in dessen Rangordnung eine besonders hohe Stellung innehat. Das Essen wird bei den Mahlzeiten aus großen Holzbehältern in die individuellen Essschalen der einzelnen Mönche oder Teilnehmer der Sesshins verteilt.

Nach einem geregelten Ablauf werden die Mahlzeiten mit tiefer Anteilnahme und weitgehend schweigend eingenommen. Die regelmäßig im Kloster Tokei-in abgehaltenen Sesshins pflegen auch diese Form der traditionellen Mahlzeiten mit den Essschalen. Sie stehen jetzt unter der Leitung von Brad Warner, der Nachfolger in der Leitung der Dôgen-Sangha von Nishijima Roshi ist. Diese Sesshins werden meist im September durchgeführt.

Am Anfang dieses Kapitels weist Dôgen auf die ununterbrochene Kette der authentischen Meister zunächst in Indien und dann in China hin, die von Bodhidharma über Daikan Enô zu seinem eigenen Meister Tendô Nyojô führt. Er sagt:

"Die Gesamtheit der 51 Übertragungen (des Dharma), des Ostens und Westens, sind genau der Schatz des wahren Dharma-Auges und der feine Geist des Nirvana und das Kasa und Patra (Essschalen). Vergangene Buddhas haben alle die authentische Übertragung von den vergangenen Buddhas bewahrt."

Ein solcher authentisch übertragener Brauch mag in der modernen Zeit veraltet erscheinen. Er gibt jedoch Ruhe, Gelassenheit und ein gewisses Maß an Ordnung, wenn man sich einmal an die Vorgänge und Handgriffe gewöhnt hat. Wesentlich ist selbstverständlich, dass die handelnden Menschen eine solche Tradition wirklich ausfüllen und nicht nur oberflächlich und am Äußeren haftend absolvieren.

Die japanische Küche ist auch für uns Menschen des Westens ausgesprochen wohlschmeckend und bekömmlich und keinesfalls asketisch und roh. Es werden viele frische Zutaten verwendet. Die Mahlzeiten sind meist überwiegend oder ganz vegetarisch zubereitet. Sie belasten daher nur in geringem Maße den Magen und die gesamte Verdauung und sind somit eine gute Voraussetzung für die Zazen-Praxis, die Arbeitsaufgaben im Kloster, das meditative Kinhin-Gehen und die Dharma-Vorträge mit Diskussionen.

Dôgen zählt die Vielfalt von Aussagen der großen Meister und Vorfahren im Dharma auf, die sich auf den Sinn und die Praxis der Essschalen beziehen. Er benutzt dabei den Begriff "lernen in der Praxis", meint also immer das umfassende einheitliche Handeln im Augenblick, bei dem Körper und Geist nicht getrennt sind, sondern eine klare Einheit des Lebens bilden.

Die Essschalen dienen einmal zur Einnahme des Essens bei den Mahlzeiten selbst, sind aber darüber hinaus "die Augen der buddhistischen Vorfahren im Dharma".

Sie sind „Leuchten, wirkliche Substanz, Schatz des wahren Dharma-Auges, der feine Geist des Nirvana und der Ort, an dem die buddhistischen Meister sich selbst umwandeln. Dieser Ort sind der Rand und die Basis der Essschalen".

Damit schlägt Dôgen einen weiten Bogen von den konkreten Essschalen, deren Benutzung und buddhistische Bedeutung bis hin zum höchsten Zustand des Gleichgewichts, die Nishijima Roshi als die vierte und höchste Lebensphase bezeichnet.
Dôgen zitiert dann seinen eigenen Meister, der auf die Frage, was ein Wunder sei, folgendes antwortete:

"Ich würde ihnen (dem Fragenden) nur sagen, "welches Wunder könnte hier sein"? Das Wunder ist, dass die Essschale vom (Tempel) Joji, (in dem ich vorher lebte), zu (meinem jetzigen Kloster) Tendô gekommen sind. Ich esse Mahlzeiten."

Er will damit sagen, dass sein alltägliches Leben sich mit der Benutzung der Essschalen fortsetzte, als er von seinem vorherigen Kloster zu dem jetzigen auf dem Berg Tendô berufen wurde und dort hin umgezogen ist. Dies sei ein großes Wunder. Die Essschalen gehören damit neben den Kleidungsstücken, vor allen des Kesa, zu den persönlichen Gegenständen der Mönche, die beim Umzug von einem Kloster zum anderen mitgenommen wurden.

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