Sonntag, 19. Juni 2011

Ist die Einhaltung der Gelöbnisse Voraussetzung für Zazen?

Dazu die kritische Frage an Dōgen:

„Muss ein Mensch, der sich dem Zazen ganz verpflichtet hat, immer die Gelöbnisse makellos einhalten?“

Dōgen antwortet:
„Das Einhalten der Gelöbnisse und ein reines (ethisches) Verhalten sind der richtige Maßstab in den Zen-Linien und das natürliche Handeln der buddhistischen Vorfahren.“

Er mahnt mit diesen Worten, dass es beim Buddhismus nicht auf die Ideen der Ethik und Gelöbnisse ankommt, sondern auf das ethisch einwandfreie Handeln und Tun im Alltag. Darum geht es auch in dem aussagekräftigen Kapitel des Shōbōgenzō über das Leben nach der Erlangung der Erleuchtung.

Nishijima Roshi verwendet hierfür den Begriff der Selbststeuerung, also der Fähigkeit, wirklich entsprechend den moralischen Gelöbnissen täglich zu handeln:

„Der Grund, warum wir Buddhisten an jedem Tag Zazen praktizieren, liegt darin, dass wir an jedem Tag das vegetative Nervensystem im Gleichgewicht halten und wir selbst damit (gerade!) im Zustand der Selbststeuerung bleiben.“

Durch die Zazen-Praxis können wir verhindern, dass wir die Transparenz für uns selbst und unser Handeln verlieren und in Dogmen und Ideologien abgleiten, die dazu führen, dass Lehre und Handeln weit auseinanderklaffen. Nishijima Roshi erläutert dazu außerdem:

„In den spirituellen Religionen gibt es normalerweise die allgemeine Tendenz, dass das Wichtigste für die Menschen ist, an Gott zu glauben, und es nicht so wichtig für den Menschen ist, der Moral zu folgen.“

Aber mit dem Glauben an Gott ist nicht automatisch ethisch richtiges Handeln verbunden.
Nishijima Roshi versucht er eine Erklärung dafür zu geben, warum bei den Glaubensreligionen, zum Beispiel im Christentum und im Islam, nicht selten so grausame und inhumane Kriege und unmenschliche Verhaltensweisen zutage treten.

Solche Unmenschlichkeiten widersprechen in eklatanter Weise den Heiligen Büchern dieser Religionen, denn sowohl im Christentum als auch im Islam wird gelehrt, dass man andere Menschen achten und nicht gegen moralische Grundsätze verstoßen soll. Im Buddhismus glaubt man dagegen, dass Gott das Universum selbst ist und dass damit das Universum Gott ist – so die Formulierung von Nishijima Roshi. Gott und Menschen sind also nicht getrennt und unterliegen keinem Dualismus, sondern bilden eine Einheit, da der Mensch Teil des Universums ist. Im Buddhismus ist das ethische Gesetz gleichzeitig auch das Gesetz des Universums und damit die „Ordnung Gottes“.

Die ethische Weiterentwicklung und damit die Einhaltung der Gelöbnisse gehen also mit der Zazen-Praxis Hand in Hand. Sie sind nicht getrennt und das eine ist nicht die Voraussetzung für das andere.

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