Samstag, 10. Januar 2015

Lernen: Befreiung aus dem Leiden der dreifachen Welt



Dōgen zitiert aus dem Lotos-Sūtra:

„Es gibt die Befreiung der dreifachen Welt, und es gibt die dreifache Welt, die hier und jetzt ist.“

Die dreifache Welt ist eine Einheit und wir müssen diese Wirklichkeit zu Grunde legen, um den buddhistischen Weg der Befreiung zu finden und zu gehen. Es gibt keine isolierten Geist, wie wir häufig umgangssprachlich sagen.

Nishijima und Cross[i] erläutern, dass Dōgen damit das Gleichnis des brennenden Hauses aus dem Lotos-Sūtra anspricht, das davon handelt, dass ein tatkräftiger Vater seinen Kindern, die in einem brennenden Haus spielen, dabei hilft, der großen Gefahr des Feuertodes entfliehen zu können. Die Kinder hatten sich im isolierten Geist ihres Spielens verloren und die gefährliche Wirklichkeit des Brandes gar nicht bemerkt. Dies ist das Gleichnis für die Befreiung aus dem Leiden der dreifachen Welt mithilfe von Gautama Buddha.[ii]

Wenn die Wirklichkeit der dreifachen Welt, in der Ideen, sinnliche Wahrnehmung und Handeln zu einer Einheit verschmolzen sind, nicht konkret erkannt und erfahren wird, können philosophische und theoretische Abstraktionen niemals die Befreiung von den Leiden der Welt ergeben. Unser bewusstes Denken ist nur ein sehr kleiner Teil unserer großen praktisch unbegrenzten Gehirnkapazität, dazu gehört z. B die intuitive Klugheit des Sehens, des Hörens, der Motorik, der Gefühle, der Ethik usw, wie uns auch die gesicherte moderne Gehirnforschung lehrt. Dies alles ist der einheitliche Geist.

Dōgen betont, dass das obige Zitat aus dem Lotos-Sūtra von ganz zentraler Bedeutung ist und einen fundamentalen Wahrheitsgehalt besitzt. Es beschreibt die unauflösbare Verknüpfung der drei Bereiche, die oft fälschlich getrennt werden, was dazu führt, dass es keinen einheitlichen Geist mehr gibt und alles zersplittert, verwirrend und ohne befreienden Ausgang ist. In der heutigen Zeit muss dabei die Fragmentierung des Geistes und das total falsche Ziel des Multitasking genannt werden: das führt nach M. Spitzer zur digitalen Demenz!

Wenn es bei Dōgen heißt, dass die dreifache Welt als Objekt gesehen wird, so bedeutet dies gleichzeitig, dass das handelnde Subjekt die „dreifache Welt“ als Objekt sieht. Beides ist aber eine Einheit, und durch das Sehen als Handeln wird die Welt realisiert.[iii] Eine Trennung von Subjekt und Objekt wird damit grundsätzlich ad absurdum geführt, weil eine wechselseitige, unauflösbare Verbindung besteht. Lernendes Handeln und Sehen können nicht sinnvoll getrennt werden. Und Lernen ist die zentrale Botschaft des Buddhismus.

Die dreifache Welt zu sehen, bedeutet sie zu verwirklichen, wie Dōgen im Kapitel „Das verwirklichte Leben und Universum“ tiefgründig darstellt. Das heißt, dass Sehen gleichzeitig wirkliches, unverstelltes Handeln ist und nicht in der materialistischen Lebensphilosophie hängen bleibt, in der es nur um die sinnliche Wahrnehmung der äußeren Form oder Materie geht. Ein Leben nach dieser Maxime höhlt sich selbst aus und verliert seinen Sinn.

„In der Lage zu sein, dass die dreifache Welt den Geist (zur Wahrheit) erweckt, Schulungen durchzuführen, die Bodhi-Wahrheit (zu verwirklichen) und Nirvāna (zu erfahren), ist genau der Zustand, in dem alles mein Besitz ist.“

In diesen hoch verdichteten Aussagen Dōgens über die dreifache Welt und den mit ihr identischen Geist geht es nicht um theoretisches Erkennen allein, sondern die Übungspraxis und die Verwirklichung der Bodhi-Wahrheit sind ebenso maßgeblich. Dann erfahren wir das Nirvāna des Hier und Jetzt genau in dieser dreifachen Welt. Dies ist der befreite und erwachte Zustand, in dem alles in der dreifachen Welt mein Besitz ist, also mit mir identisch ist. Wo gibt es da noch die Trennung von Subjekt und Objekt?




[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 3, S. 44, Fußnote 5
[ii] vgl. auch Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 44, Fußnote 6
[iii] Kap. 3, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 43 ff.: „Das verwirklichte Leben und Universum (Genjō-kōan) und mein Buch: ZEN ohne Mythos und Ideologie. Im Auge des Zen, Bd. 1, S. 15 ff.

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