Samstag, 21. März 2015

Mittlerer Weg: Sinnvoll auch bei finanziellen Geschäften


 Dōgen betont, dass es wesentlich sei, im Gleichgewicht aus der Mitte zu leben, also die Extreme des Geistes und der Emotionen überwunden zu haben. Diese natürliche Selbst-Steuerung erfordert keine gewaltsame Disziplin allein durch Willensstärke, sondern sie hat den ausgeglichenen Mittleren Weg verwirklicht. Dieser buddhistische Weg wurde von allen Meistern realisiert.

Nun schildert Dōgen, was über Meister Sozan berichtet wurde: Dieser fragte einen Mönch, was er einem Handwerker für den Bau eines Monuments bezahlen wolle: eine, zwei oder drei Münzen.[i] Die Frage nach dem angemessenen Preis war für die Mönche in den damaligen Klöstern, die wenig Erfahrung in allen finanziellen Angelegenheiten hatten, nicht leicht zu beantworten. Der Mönch machte sich also mit dieser Frage auf den Weg zu einem anderen Zen-Meister, der auf einem Berg in einer Hütte lebte und dort praktizierte. Der Meister antwortete,

wenn man dem Handwerker zu viel, also drei Münzen, bezahlen würde, sei es sehr wahrscheinlich, dass dieser sich auf und davon macht und das Geld verloren sei. Wenn man jedoch nur eine Münze, also zu wenig, zahlen würde, so würde das die Arbeit verschleppen, weil der Handwerker dann mit wenig Engagement arbeite. Daher sei es das Richtige, den mittleren Weg zu wählen und zwei Münzen zu bezahlen.

Als der Mönch zu seinem Meister Sozan zurückkam und von dem Gespräch berichtete, war Sozan so beeindruckt, dass er sagte:

„Auf dem Gipfel des Daiyu-rei-Berges[ii] ist ein ewiger Buddha gegenwärtig, und er sendet helle Strahlen, die an diesem Ort scheinen.“

Diese Geschichte erscheint auf den ersten Blick banal. Sie ist jedoch bei finanziellen Geschäften alles andere als unwichtig und in unseren Zeiten ausufernder Spekulation hoch aktuell. Weder ein zu hoher noch ein zu niedriger Preis führen zu einem guten Ergebnis und ergeben vor allen Dingen keine gute Zusammenarbeit.

Denn ohne gute Team-Arbeit ist kein gutes Ergebnis zu erreichen: Die ungezügelte Gier nach maximalem Gewinn ist lebensfremd und führt in die Isolation. Der mittlere Weg ist also auch in materiellen Dingen sinnvoll, da er fachliche und menschliche Ausgewogenheit beinhaltet und die Vertragspartner zu einer fruchtbaren und sinnvollen Zusammenarbeit bringt.

Meister Sozan hatte erkannt, dass es sich bei dem befragten Meister auf dem Berg um einen klaren, tief erleuchteten Meister handelte, der einen guten Ratschlag für die Praxis geben konnte. Dōgen erklärt hierzu:

„Wer den konkreten Ort kennt, wo ein ewiger Buddha existiert, mag (sicher selbst) ein ewiger Buddha sein.“




[i] Vgl. Nishijima, Gudo Wafu: Master Dogen’s Shinji Shobogenzo, Bd. 1, Nr. 97
[ii] Daiyu-rei ist der Name des Berges, auf dem der Meister lebte.

1 Kommentar:

Peter Myoku hat gesagt…

Vielen Dank, Yudo,
nicht nur für diesen Beitrag, sondern auch dafür das Du immer wieder den Dharma für ganz konkrete Situationen der heutigen Zeit und unserer Gesellschaft darlegst. Gassho
Myoku