Mittwoch, 11. Mai 2016

Das Denken ist weniger leistungsfähig als wir glauben

(Nishijima Roshi)

In der Schule lernen wir nur die Philosophie einer Kultur kennen, die auf dem Denken und auf Ideen basiert. Dieser Standpunkt beruht auf dem Glauben, dass es möglich ist, alle Dinge zu verstehen und alle Probleme mit dem Verstand zu lösen. Mit einem solchen Ansatz können wir die Buddha-Natur jedoch niemals verwirklichen.

Viele Menschen reagieren allerdings sehr ablehnend angesichts der Behauptung, dass Probleme nicht allein durch Denken gelöst werden können, sondern dass wir praktisch handeln müssen. Aber ist das Denken wirklich so leistungsfähig für die Lösung unserer existenziellen und alltäglichen Probleme?

Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass die Menschen die denkerisch begabtesten Lebewesen sind, denn das menschliche Gehirn ist wesentlich größer als das Gehirn eines Affen. Wir haben mehr Gehirnzellen und Verschaltungen als alle unsere tierischen Verwandten. Dieser Umstand hat es der menschlichen Rasse erlaubt, sich selbst wegen der intellektuellen Fähigkeiten in die Nähe von Göttern zu positionieren. Tatsächlich ist dies auch die Position, in die die westliche Kultur den Menschen in der Abfolge der Entwicklungen auf der Erde einordnet. Für eine solche Perspektive ist es ganz natürlich, den Schluss zu ziehen, dass wir die Kraft haben, alles durch Denken zu verstehen.

Die Wissenschaft ist ein Kind der menschlichen Intelligenz, und die vielen innovativen Entwicklungen im Bereich der Wissenschaft haben uns große Vorteile gebracht, die in der Menschheitsentwicklung ohne Parallelen sind. Unser materieller Fortschritt ist so erstaunlich, dass wir fast selbstverständlich meinen und fühlen, es gebe nichts, was im Laufe der Zeit nicht intellektuell und wissenschaftlich verstanden werden könnte. Der Intellekt wird deshalb von vielen als das Höchste angesehen. Wenn wir allerdings unser tägliches Leben betrachten, können wir ganz klar sehen, dass wir uns darin selbst fundamental täuschen.

Das Leben funktioniert nicht auf diese Weise. Wir können in eine Buchhandlung gehen und werden mit Hunderten und Tausenden von Büchern zu allen möglichen Themen konfrontiert. Wenn wir eines kaufen, es mit nach Hause nehmen und lesen, wird aber schnell klar, dass es uns keine wirklich fundierten Antworten auf unsere Lebensprobleme geben kann.

Selbst wenn wir große Mengen von Informationen und Wissen ansammeln, sind wir überhaupt nicht in der Lage, dieses Wissen einfach oder gar vollständig in die Praxis unseres wirklichen Lebens umzusetzen. Es ist zu schwierig, ein Thema erschöpfend zu verstehen und ein Problem allein mit dem Verstand zu lösen.

Unsere Anstrengungen können sogar dazu führen, Dinge zu tun, die wir gerade vermeiden wollten. Wenn wir nur mit der Perfektion einer Idee leben und versuchen, unser Leben darauf aufzubauen, werden wir immer über die Ergebnisse unserer Anstrengungen enttäuscht sein. Dies ist die wirkliche Situation in der Welt.

Andere Menschen denken im Gegensatz dazu, dass es klüger wäre, sich mit einem Leben ohne jede Anstrengung zu arrangieren. Sie werfen Ideen, Ideale und Ziele weg, indem sie sich ohne eigenes Streben einfach der Situation anpassen und sich treiben lassen. Aber als Folge davon finden sie keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Auch das Vergnügen daran, zum Beispiel etwas Gutes zu essen und Geld für schöne Kleidung auszugeben, gibt uns nur vorübergehend ein gutes Gefühl. Selbst wenn wir reich werden und in großartigen Häusern leben, ist es sehr zweifelhaft, ob wir tatsächlich mit unserem Leben zufrieden sind.

Weder der Idealismus noch der Materialismus kann uns also wirklich befriedigen, die Buddha-Natur bleibt uns verschlossen.


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