Samstag, 24. September 2016

Die Buddha-Natur als isolierte Idee reicht nicht


 Die Buddha-Natur wird häufig nur idealistisch und theoretisch verstanden, kritisiert Dôgen. Als Beispiel für dieses falsche Verständnis führt er die Lehre des Brahmanen Senika an, der den altindischen Glauben des atman vertrat.[i] Das ist ein vorgestellter, ewiger, unveränderbarer und dinghafter Geist-Kern, der in den veränderlichen Körpern durch die verschiedenen Inkarnationen schließlich ins Nirvâna eingehen soll. Senika hat damit losgelöst von der Praxis und dem Alltag eine – wie ich meine – verführerische Theorie entwickelt, wie man allein durch philosophische Überlegungen ein schönes, störungsfreies Leben führen und das Leiden wegdividieren kann.

Ein solcher Glaube ist leider auch in der europäischen Philosophie immer wieder anzutreffen, er führt nicht selten zur naiven Einschätzung der Realität. Zum Beispiel hat die Mehrheit der deutschen Philosophen die Machtergreifung Hitlers und der Faschisten unterstützt und deren Gefahren völlig falsch eingeschätzt: Aus heutiger Sicht total unverständlich!

Auch wenn man annimmt, dass der vorgestellte Ich-Kern (atman) Senikas das erleuchtete Selbst sei, bleibt alles im denkenden Geist gefangen und hat damit nur eine geringe Relevanz für unser reales Leben. Ein denkender isolierter Geist allein kann die Probleme der Welt nicht lösen. Idealistisches Denken ist sicher ein erster wichtiger Schritt zur Wahrheit und kann die nötigen Anfangsimpulse und motivierende Kräfte erzeugen.

Die Buddha-Natur als Idee allein reicht jedoch bei Weitem nicht aus und führt zu unlösbaren theoretischen Paradoxien und Widersprüchen. Entscheidend ist ein ausdauernder und längerer Lernprozess von Körper-und-Geist; nur er kann die Umwandlung des eingeengten Ich zur Buddha-Natur verwirklichen.
Dôgen sagt über Menschen wie Senika, die falschen Vorstellungen anhängen:

„Dies ist so, weil sie dem Menschen nicht (wirklich) begegnen, weil sie sich nicht selbst begegnen und weil sie keinem (echten) Lehrer begegnen.“

Sie würden töricht und oberflächlich ihre engen Vorstellungen von Geist, Willen oder Bewusstsein mit der Buddha-Natur verwechseln. Begriffe und Vorstellungen wie „erleuchtetes Wissen und Verstehen“ reichten ebenfalls nicht aus, und man müsse über sie hinausgehen und praktizieren, denn „die Buddha-Natur ist jenseits von erleuchtetem Wissen und erleuchtetem Verstehen“. Beides ist auf das Denken beschränkt. Wir müssen jedoch einfach und bescheiden davon ausgehen, dass die Buddha-Natur für den denkenden Verstand unfassbar ist und dass es zu einer klaren erweiterten Intuition durch die Praxis und das Handeln kommen muss.

Dôgen erklärt, dass bei Menschen mit irrigen Vorstellungen das Streben nach der Wahrheit sogar immer weiter von der Buddha-Natur wegführt, und er sagt, dass sie „wegen dieses Irrtums schuldig“ sind.[ii] Uns als den nachfolgenden Generationen rät er daher dringend, von solchen oberflächlichen und nicht belastbaren Theorien Abstand zu nehmen. Es ist für mich einleuchtend, dass er gerade deswegen dieses sehr umfangreiche, umfassende und tiefgründige Kapitel über die Buddha-Natur geschrieben hat.




[i] Kap. 1, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 26 ff.: „Ein Gespräch über das Streben nach der Wahrheit (Bendōwa)“
[ii] Kap. 29, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 261 ff.: „Was ist das Etwas, das uns jäh begegnet, jenseits von Denken und Wahrnehmung? (Inmo)“

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