Sonntag, 7. Mai 2017

Unlösbar verbunden: das Erwachen und die Buddha-Natur


Solandra auf La Gomera

Das folgende Kôan-Gespräch zwischen dem fünften und sechsten Nachfolger in China, also dem überragenden Meister Daikan Enô (Hui Neng), eröffnet eine tiefgründige Dimension der Buddha-Natur. Dieses Gespräch hat laut der Überlieferung stattgefunden, als der junge Daikan Enô im Kloster seines Meisters Daiman Konin als „Anfänger“ ankam.
Daiman Konin fragte den Ankömmling:

„Woher kommst du?“ Und dieser antwortete:

„Ich bin ein Mann vom Süden der Berggipfel.“ Der Meister fragte weiter:

„Was möchtest du durch dein Herkommen erlangen?“  Daikan Enô erwiderte:

„Ich möchte Buddha werden.“ Daraufhin sagte Meister Konin scheinbar abweisend:

„Ein Mann aus dem Süden der Berggipfel ist ohne, (das ist) die Buddha-Natur. Wie kannst du erwarten, Buddha zu werden?“

Das klingt paradox, weil doch Daikan Enô als einer der größten und einflussreichsten Meister des Chan in China und des Zen in Japan gilt. Wie kann man dieses Kôan auflösen?

Meinte der alte Meister damit etwa, dass der Ankömmling aus dem Süden nicht Buddha werden kann? Das Gegenteil ist richtig. Hierzu muss man wissen, dass der Süden Chinas damals spirituell, kulturell und zivilisatorisch weniger entwickelt war als der Norden, in dem auch der Buddhismus einen deutlich höheren Entwicklungsstand hatte. Es geht hier um ein falsches Verständnis der Buddha-Natur und der Leerheit, das von Meister Konin richtig gestellt wird.

Das Kloster von Meister Konin lag im Norden Chinas, und man könnte seine Aussage daher so verstehen, dass ein Mann aus dem unterentwickelten Süden überhaupt keine Buddha-Natur habe und deshalb nicht Buddha werden könne.

Auf der Grundlage der in einem anderen Kôan-Gespräch zu dem Begriff „ohne“ wiedergegebenen Bedeutung ergibt sich jedoch eine zweite, viel wichtigere Bedeutungsebene: die Leerheit von Täuschungen und ethisch unheilvollen Doktrinen.

Diese Bedeutung wird bereits vom indischen Meister Nagarjuna in der tiefen Weisheit des Mittleren Weges herausgearbeitet. Damit sagt Meister Konin nichts anderes, als dass die wahre Bedeutung von Buddha-Natur und Leerheit gleich sind. Also ist die Leerheit kein Nichts sondern die höchste dem Menschen zugängliche Wahrheit! Und sie ist keine Idee und kein Ding sondern viel mehr: die reine Wirklichkeit ohne Störungen, Täuschungen, Verzerrungen, genau in der Wahrheit des Augenblicks.

Zweifellos hat Meister Konin dieses im Sinn, denn die Bedeutung der Leerheit ist sein Hauptthema, wie aus anderen Ausführungen deutlich wird. Seine Aussage ist also keineswegs eine Diskriminierung des Schülers aus dem Süden, sondern bedeutet etwa Folgendes:

Unabhängig davon, ob du, Daikan Enô, aus dem Süden oder aus irgendeiner anderen Gegend kommst, bist du ohne, also frei von allem, was nicht die Wahrheit und Wirklichkeit ist, zum Beispiel frei von Täuschungen, Illusionen, Ängsten, affektiven Abhängigkeiten, Gier, Hass und Verblendung usw..

Du bist nur die Wahrheit und Wirklichkeit, sonst nichts. Wer aber wie du die wahre Natur – die Buddha-Natur – verwirklicht, der ist damit auch in der Wahrheit und ist Buddha. Es bedarf also keiner fundamental neuen Existenz, du bist bereits Buddha. Es kommt nur darauf an, das im Augenblick zu verwirklichen, das ist Dein Erwachen.

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