Montag, 16. April 2018

Bild der Buddha-Natur



Dôgen sagt zu einem Bild des großen indischen Meisters Nagarjuna im damaligen China:

„Wenn wir die Augen wirklich auf ein Bild der Buddha-Natur richten und es in Klarheit genau ansehen, sind wir direkt in der Gegenwart ankommen und zufrieden. Dann haben wir keinen (ungestillten) Hunger nach der (zusätzlichen) Wahrheit.“

Das Bild geht dann mit uns eine kraftvolle Wechselwirkung ein: genau im Jetzt. Wer nur flüchtig sieht, für den ist die Buddha-Natur verborgen. Es dürfte schwer und fast unmöglich sein, die Buddha-Natur überhaupt wahrzunehmen, wenn wir hektisch und wie gehetzt auf dem Smartphone herum wischen. Also das Ding einmal ausschalten und wirklich hinsehen: innerlich ruhig, im Gleichgewicht und offen für das Hier und Jetzt der Schönheit der Welt; nicht zuletzt für den anderen Menschen direkt gegenüber. Vielleicht sehen wir dann in ein Gesicht der Buddha-Natur

Da kommt Freude auf! Das ist die Wechselwirkung mit der eigenen Buddha-Natur, dann verwandeln genau diese Wechselwirkungen den Menschen im Augenblick: Wir werfen unseren Pfeil über uns selbst hinaus, wie Nietzsche sagt. Das kleine Ich ist zur Ruhe gekommen und verschwunden, das sich auf eine zementierte Vergangenheit oder die Angst der Zukunft verengt hat. Befreiung ist mehr als die Beseitigung bisheriger angeblicher oder wirklicher Flecken, Befreiung wirft unseren Pfeil über uns selbst hinaus und bewirkt Freude und Kreativität. Leerheit ist Kreativität!

Diese Wechselwirkung der lebendigen Welt ist das große Thema Nagarjunas in seinem Werk des Mittleren Weges. Sie ist leer von verwirrenden und unheilsamen Doktrinen. Daher bezeichnet der Begriff der Leerheit das gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung (pratitya samutpada):

Die Welt und ihre Prozesse, so wie sie wirklich sind, die Emanzipation zur Freiheit, wie sie wirklich ist. Nagarjuna de-konstruiert falsche Dogmen und Doktrinen auch im Buddhismus und gewinnt die Reinheit und Fülle des Buddhismus damit konstruktiv zurück.

Das ist die Kraft der Mitte und nicht die Krankheit der Extreme.

Nagarjuna sagt auch: Wer die Leerheit falsch versteht, dem ist nicht zu helfen. Und die falsch verstandenen Leerheit ist wie eine schlecht gegriffene giftige Schlange: Sie hat sie einen tödlichen Biss. Nagarjuna destruiert damit m. E. das Verständnis der Leerheit als Nihilismus, das totale Nichts und den Skeptizismus.

Beim Zazen geht es um die Sitzhaltung und die Art des Sitzens, also um das ganzheitliche Gleichgewicht von Körper-und-Geist im Frieden und in der Freude. Der Körper wird dann zur direkten Ausdrucksform der Buddha-Natur, er ist die Buddha-Natur. Der Körper ist gerade kein Hindernis auf dem Befreiungsweg. Deshalb müsse ein Bild von Nâgârjuna nicht zuletzt die körperliche Form markant und genau darstellen, so Dôgen.


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