Donnerstag, 2. Januar 2020

Was ist Erleuchtung?

(Von Nishijima Roshi, Übersetzung: Yudo Seggelke Roshi)

Erleuchtung ist die reale Erfahrung, dass wir genau hier und jetzt in der wirklichen
Welt leben, die sich grundsätzlich von unserem Denken und von der Sinneswahrnehmung unterscheidet und beides weit übersteigt.[1] Es ist eigentlich eine einfache Tatsache, dass wir genau in dieser Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks leben. Vor etwa 2.500 Jahren fand Gautama Buddha diese Tatsache und lehrte sie vielen Menschen, welche die Wahrheit ernsthaft studieren und erlangen wollten. Sie strengten sich sehr an, um diese Wahrheit direkt zu erfahren. Solche menschlichen Anstrengungen wurden in den vielen Jahrhunderten seit jener Zeit vielfach unternommen. Sie sind unauflösbar mit der Zazen-Praxis des Buddhismus verbunden, da diese eine enorme Leistungsfähigkeit und Wirksamkeit auszeichnet, die Menschen zur Wahrheit und zum Glück zu führen.

Die Arten der Erleuchtung
Seit jeher kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen um verschiedene Arten der Erleuchtung, nämlich einerseits um die plötzliche Erleuchtung, japanisch Ton-go, und andererseits die allmähliche Erleuchtung, japanisch Zen-go. Der Begriff Ton-go bedeutet, dass plötzlich eines Tages die Erleuchtung erscheint, wenn wir fortgesetzt und über eine ziemlich lange Zeit Zazen praktiziert haben. Ton heißt „schnell“ und go „Erleuchtung“. Im Gegensatz dazu bedeutet bei dem japanischen Wort Zen-go der Begriff Zen „allmählich“. Zen-go steht also für eine allmähliche Erleuchtung. Meister Dogen bestätigte sowohl Ton-go als auch Zen-go.

Verschmelzung der plötzlichen und allmählichen Erleuchtung
Nachdem ich diese Theorie der Erleuchtung gefunden hatte und sie sich immer wieder als richtig erwies, entwickelte sich bei mir durch die Praxis des Zazen Schritt für Schritt ein Verständnis der verschiedenen buddhistischen philosophischen Fragen und Probleme und schließlich erreichte ich das meines Erachtens vollständige Verständnis der buddhistischen Lehre. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass es für mich ohne die Einsicht in den klaren Zusammenhang von buddhistischer Erleuchtung und dem Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems nicht möglich gewesen wäre, die umfassende Bedeutung der buddhistischen Lehre und Philosophie als Gesamtsystem überhaupt zu verstehen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich sonst niemals die höchste Bedeutung des Buddhismus überhaupt erfahren hätte.
Der Kernpunkt der Kontroverse zwischen den Anhängern der plötzlichen Erleuchtung (Ton-go) und der allmählichen Erleuchtung (Zen-go) kann nun geklärt und damit dieses Problem gelöst werden. Wir bauen dabei auf der Theorie des Zazen auf, nach der die erste Erleuchtung genau und unmittelbar das Gleichgewicht im Zazen und des vegetativen Nervensystems ist.

Zazen und die Lebensphilosophie des Handelns
Wenn wir die theoretische Seite des Zazen erklären wollen, stoßen wir auf ein bestimmtes Problem, das wir zuerst angehen sollten. Zazen kann nämlich auf keinen Fall in den Bereich des Denkens und der gedanklichen Überlegungen eingeordnet und auch nicht der Sinneswahrnehmung zugerechnet werden. Zazen gehört tatsächlich in den Bereich des Handelns im Hier und Jetzt. Wir sollten bei der buddhistischen Theorie im Wesentlichen dem Grundsatz der vier Lebensphilosophien folgen: Idealismus, Materialismus, Handeln und die Wirklichkeit selbst. Diese vier Lebensphilosophien kann man wiederum in zwei Gruppen gliedern, sodass wir auf der einen Seite den Idealismus und Materialismus haben und auf der anderen Seite das Handeln und die Wirklichkeit selbst. Dabei sind Idealismus und Materialismus in der europäischen und amerikanischen Kultur weit verbreitet, denn beide philosophische Richtungen und Weltanschauungen sind seit der antiken griechisch-römischen Kultur im Westen immer weiterentwickelt worden.

Das wirkliche Handeln kann niemals in der Vergangenheit stattfinden und es kann auch niemals in der Zukunft liegen, sondern das wirkliche Handeln geschieht nur genau hier im jetzigen Augenblick. Dagegen ist die Vergangenheit nur Erinnerung und die Zukunft nur gedachte Erwartung. Eine solche wirkliche Zeit der Gegenwart ist Grundlage des Handelns im gegenwärtigen Augenblick.

Deshalb sagte einer alter Meister: "Erleuchtung ist Feuerholz tragen und Wasser schöpfen!"

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[1] Nishijima, G. W. : Aus meinem Leben. Wirklichkeit und Buddhismus


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