Montag, 12. November 2007

Das Singen der Drachen


In diesem Kapitel des Shobogenzo (Kap. 65, Ryugin) bezieht sich Meister Dôgen auf alte chinesische Geschichten, in denen die Drachen in einer öden Landschaft mit kahlen Bäumen singen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass Drachen im ostasiatischen Raum ausgesprochen positive und dem Menschen wohl gesonnene Fabelwesen sind, denn sie sind im Besitz der großen Weisheit und verbinden Himmel und Erde, da sie fliegen können. Wenn wir dies mit der Bedeutung der Drachen in den Mythen der westlichen Kulturen vergleichen, stellen wir einen tief greifenden Unterschied fest: Bei uns sind die Drachen bösartige, gefährliche Monster, die bekämpft und getötet werden müssen, da sie furchtbares Unheil anrichten. Eine solche Bedeutung wird z. B. in der Siegfried-Sage deutlich, in der der Held Siegfried den furchtbaren Drachen töten muss und auch tötet. Auch in den vielen Darstellungen des Erzengels Michael, der den bösen Drachen tötet liegt diese Bedeutung zu Grunde. Im Westen wird der Drachen auch häufig mit verbrecherischen und bösen Instinkten des Menschen gleichgesetzt, die im Unbewussten hausen und erkannt, angegangen, bekämpft und getötet werden müssen. Im Osten dagegen bringt der Drachen die Wahrheit und ist der Helfer des Menschen.

Nach Nishijima Roshi müssen wir uns die in diesem Kapitel angesprochene Landschaft verödet und auf den ersten Blick "lebensfeindlich" vorstellen. Derartige abgestorbene Wälder entstanden vor allem in stark vulkanischen Gebieten, wo durch die Hitze oder durch giftige Dämpfe die Bäume und Pflanzen abgestorben sind und als kahle Stämme von früherem Leben zeugen, das aber vergangen ist. In einer derartigen „Mondlandschaft“ entstehen beim Menschen leicht mystische Vorstellungen und nach den alten Sagen in China hört man dann dort die Drachen singen.

Dôgen bezieht sich auf alte buddhistische Geschichten, die dieses Thema aufgreifen, aber im Sinne des Buddha-Dharma deuten. Abgestorbene Bäume und Totenschädel mit leeren Augenhöhlen sind dann sozusagen Verbindungen und Erinnerungen zum Leben. Im erweiterten Sinne des Buddhismus gehören sie jedoch auch zur Natur, zum Universum und damit nach wie vor zum Leben. In vielen Kapiteln schildert Dôgen das buddhistische Verständnis, dass auch Steine, Berge, Wasser, Wolken, lebendig sind und nach buddhistischer Vorstellung, die Wirklichkeit, Wahrheit und den Buddha-Dharma lehren. Kahle Bäume und Totenschädel zeugen danach auch von der buddhistischen Wahrheit und sie bedeuten gleichzeitig mystische Erweiterungen der materiellen Wahrnehmung, die wir häufig als Wirklichkeit bezeichnen, die aber nur eingeengt und eindimensional als die Wahrheit im Buddha-Dharma bezeichnet werden kann. Eine "öde" Landschaft mit kahlen Bäumen lässt mystische Erfahrungen und Eindrücke anklingen und damit ist genau das Singen der Drachen gemeint. Ein ähnliches Erleben vermittelt das Hochgebirge, die Wüste und das offene Meer.
Dôgen zitiert einen Mönch, der einen alten großen Meister fragt:
"Gibt es das Singen der Drachen in den kahlen Bäumen oder nicht?“
Der Meister antwortet ihm darauf:
"Ich sage, dass es das Brüllen des Löwen in den Totenschädeln gibt.“

Dôgen betont in seiner eigenen Interpretation den Unterschied zu den alten vorbuddhistischen Deutungen der kahlen Bäume und dem Gesang der Drachen im Verhältnis zur buddhistischen Lehre. Danach werden träumerische, mystische und unwirkliche Bedeutungen umgewandelt in das umfassende und wirkliche Lebens- und Erfahrungsbild des Buddhismus. Das Brüllen des Löwen ist eine andere Bezeichnung für Buddhas Lehre und da sie hier auch aus den Totenschädeln spricht, umfasst sie das ganze Universum, die ganze Natur und auch das, was wir im Westen häufig als abgestorben und unbelebt bezeichnen. Dôgen sagt hierzu:

"Obwohl die Menschen außerhalb des Buddhaweges über kahle Bäume reden, wissen sie nicht, was kahle Bäume wirklich sind. Wie viel weniger können sie das Singen der Drachen hören? Solche Menschen denken, kahle Bäume seien völlig ausgetrocknet und würden im Frühling niemals mehr grünen. Das Singen der Drachen kann man nicht mit den körperlichen Ohren, also mit der sinnlichen Wahrnehmung hören, sondern es geht darüber hinaus und es bezeichnet gleichzeitig die Ruhe der Natur, das Universum und die Wirklichkeit selbst.“
Dôgen fährt dann fort:

"Demgegenüber sind die kahlen Bäume, von denen die Buddhas und Vorfahren im Dharma sprechen, die Erfahrung und das Erforschen des Ozeans, der trocken ist".

Das Gleichnis des trockenen Ozeans ist zunächst für uns kaum verständlich. Gemeint ist damit, dass sich die gesamte Situation des Menschen vollständig ändert, so wie sich der Anblick des Ozeans natürlich völlig verkehrt, wenn er ausgetrocknet ist und der Grund zum Vorschein kommt. Bei dem Austrocknen schwingt im Zen-Buddhismus auch immer mit, dass störende Emotionen durch die Praxis des Zazen und durch den Weg auf dem Buddha-Dharma verschwinden und der wirkliche Boden zum Vorschein kommt, so wie er ist. Dieses Bild des Ozeans darf man nicht damit verwechseln, dass er auch häufig in seiner Ruhe und Unendlichkeit als Symbol für die Ausgeglichenheit und Ruhe verwendet wird. Häufig wird bei dem ausgetrockneten Ozean noch hinzugefügt, dass der Boden kein Ende und keine Begrenzung hat und damit ist gemeint, dass der Zustand des Gleichgewichts oder der Erleuchtung sich räumlich oder gedanklich nicht begrenzen lässt, sich sozusagen ohne Grenze ins Universum ausdehnt und sich auch nicht an vorgefassten Meinungen oder Gedankenfixierungen festklammert. Dies wäre auch nur eine Scheinsicherheit und eine Scheinwahrheit, die durch das Denken oder die Wahrnehmung erzeugt wird, aber nicht wirklich ist und keinen Bestand hat.
Dôgen sagt weiter:

"Wenn es keine kahlen Bäume gäbe, so gäbe es auch kein Singen der Drachen und wenn ihr nicht (wie) die kahlen Bäume sein würdet, könntet ihr euch niemals von (der Idee und Illusion) des Drachengesangs befreien. Das Singen der Drachen, das die vollständige Kahlheit ist, ist wie der Geist eines kahlen Baums, der unverändert bleibt, ganz gleich wie viele Male er dem Frühling begegnet".
Die nüchterne Kahlheit der Bäume wird hier also verwendet um auszudrücken, dass das wirkliche Singen der Drachen keine Illusion ist, weil durch die Kahlheit eben keine romantischen Fantasien Platz haben, die vom Eigentlichen und Wesentlichen ablenken, wie dies im gewöhnlichen Leben der Menschen oft der Fall ist. Der kahle Baum begegnet nach Dôgens Aussage dem Frühling, aber da er selbst nicht grünt und blüht, bleibt er unverändert, hat also Ausgeglichenheit und Ruhe in sich. Dies ist auch das Symbol für praktizierende Buddhisten, ohne dass natürlich die Schönheit und Kraft der Frühlingsblüten in diesem Gleichnis abgewertet werden sollen, wie Dôgen im Einklang mit seinem eigenen Meister Tendo Nyogo z. B. in dem Kapitel „Pflaumenblüten“ beschreibt.
Dôgen sagt weiter:
"Dieses Singen gehört nicht in den Bereich der fünf Töne und doch sind die fünf Töne die zwei oder drei Nachkommen vor und nach dem Singen der Drachen".

Die konkreten fünf Töne entsprechen der Tonleiter der Pentatonik, die in China und Japan benutzt wurde und sich von unserer Tonleiter unterscheidet. Auch die Bambusflöte zur Meditation (Shakuhachi) besitzt fünf Löcher, wie es in der alten traditionellen Musik Ostasiens und übrigens auch in anderen Teilen der Erde üblich ist. Dôgen bezieht sich mit diesem Zitat auf die konkreten Töne, die wir hören und auf die konkrete Musik, die als physikalische Schwingungen an unser Ohr gelangen und dann in Töne und Tonempfindungen umgesetzt werden. Das Singen der Drachen übersteigt diese konkreten physikalischen Töne, ohne sie allerdings auszuschließen. Der Gesang der Fabelwesen ist damit der Gesang der Wahrheit und umfassenden Wirklichkeit, die das materielle Empfinden der Töne zu ganz neuen Dimensionen ausweitet.
Dôgen zitiert dann verschiedene Gespräche zwischen Mönchen und Meistern zu dem Thema der singenden Drachen. Ich möchte hierzu noch folgendes Koan-Gespräch anfügen: Ein Mönch fragte einen alten Meister:

"Was ist das Singen der Drachen in den kahlen Bäumen?“

Der Meister antwortete:
"Das Lebensblut ist nicht unterbrochen."

Der Mönch fragte dann weiter:
"Was bedeuten die Augen in einem Totenschädel?“ ,
und der Meister antwortete darauf:

"Die grenzenlose Trockenheit".

Mit dem Lebensblut ist die Lehre des Gautama Buddha gemeint, die niemals in der direkten Übertragung vom Meister auf den Schüler und durch die Sutra, aber vor allem auch durch die buddhistische Übungspraxis nicht unterbrochen wurde. So versiegt dieses Blut des Buddha-Dharma nicht und das Singen der Drachen wird als Gleichnis hierfür verwendet. Die Totenschädel wurden bereits erwähnt, sie lassen an das gewöhnliche Leben mit der Wahrnehmung durch die Augen erinnern, sind aber nicht identisch damit. Die Trockenheit symbolisiert wiederum das Gleichgewicht und das Fehlen überschießender und wilder Emotionen und gleichzeitig das Fehlen von ungehemmten und galoppierenden Gedanken und Fantasien. Dôgen erklärt hierzu:

"Die Aussage des alten Meisters, dass das Lebensblut nicht unterbrochen ist, bedeutet, dass die Wahrheit Buddhas nicht menschenfeindlich ist und dass sich der Körper im Puls der Ströme verändert.“

Mit den Worten ist sicher die Lehre des Dharma gemeint, die auf die Menschen einwirkt und sie verändert. Je weiter sie auf dem Buddhaweg vorangekommen sind, desto weniger halten sie an vorgefassten Meinungen und Bewertungen fest, desto offener sind sie also für die Inhalte des Sutra. Sie können dann diese Lehren ohne Blockaden und Verzögerungen aufnehmen und in ihr eigenes Handeln umsetzen. Schließlich sagt Dôgen:

"Das Singen der Drachen, das sich jetzt durch (die Aussagen der) Meister verwirklicht hat, ist das (natürliche) Wirken der Wolken und des Wassers. Die tausend oder zehntausend Melodien, die der Drache singt, bedeuten mehr als nur über (die Begriffe) ´die Wahrheit´ oder ´die Augen in einem Totenschädel´ zu reden".

Das wirkliche Leben und Handeln orientiert sich also zwar an den Worten und Begriffen einer wahren Lehre wie dem Buddha-Dharma, aber es geht darüber hinaus und ist die Wirklichkeit selbst.

Kommentare:

Zushi hat gesagt…

Lieber Yudo Jürgen,

das muss wirklich ein ganz besonderer Ort sein, an dem Dogen in China unter seinem Meister Tendo Nyojo studiert hat und einen so großartigen Eindruck der Naturverbundenheit gewonnen hat. Mir geht eine Zeile aus einem Vers von Wanshi (Buch des Gleichmuts, 2.Fall) nicht aus dem Kopf:

In the clean pure autumn the moon rotates its frosty wheel, in the pale Milky Way the Dipper's handle hangs low in the dark.

Als ich über Wanshi Shogaku nachlas, stellte ich fest, dass auch er Abt diese Klosters auf dem Tiantongshan war; er starb 50 Jahre bevor Dogen dort eintraf.

Und überhaupt ist dieser Berg nur 350 km von Shanghai entfernt. Vielleicht mache ich einen Abstecher dorthin, wenn ich das nächste Mal nach Japan fliege. Ich habe vor, das Sesshin nächsten September im Tokei-in mitzumachen.

Liebe Grüße
Regina

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