Sonntag, 14. September 2008

Das Empfangen der buddhistischen Gelöbnisse (Teil 1)

In diesem Kapitel, das an vorletzter Stelle des Gesamtwerkes des Shôbôgenzô steht (Kap. 94, Jukai) beschreibt Dôgen die sechzehn Gelöbnisse im Mahâyâna-Buddhismus, die auch als Bodhisattva-Gelöbnisse bekannt sind.
Kloster Tokei-In


Sie sind verhältnismäßig pragmatisch gestaltet, direkt formuliert und sollen eine klare Leitlinie in unser Leben bringen. Es geht nicht darum, bei Übertretungen oder Verletzungen der Gelöbnisse Strafen anzudrohen und zu vollziehen, sondern dass unser Leben eine klare Richtung auf dem Buddha-Weg findet, die uns stützt und eine gute Entwicklung verstärkt.

Im traditionellen Theravâda-Buddhismus hatte sich die Anzahl der Gelöbnisse in den ersten Jahrhunderten nach Gautama Buddha immer mehr erhöht, sodass es schließlich 250 Gelöbnisse für Mönche und 348 für Nonnen gab. Sie werden in diesen Traditionen auch heute noch so empfangen. Mit der Bewegung des Mahâyâna und der Entwicklung des buddhistischen Ideals des Bodhisattva, der sich im sozialen Handeln mit anderen Menschen verwirklicht und die eigene Erleuchtung grundsätzlich zurückstellt, bis alle anderen Lebewesen gerettet worden sind, ergab sich die Notwendigkeit einer Vereinfachung. Dies gilt umso mehr, da die sechzehn Gelöbnisse auch von Laien empfangen und abgelegt werden und nicht nur von Mönchen und Nonnen, wenn sie in ein Kloster eintreten.

Nishijima Roshi betont, dass es bei den Gelöbnissen überhaupt nicht um Bestrafung, Abwertung oder gar Stigmatisierung derjenigen geht, die angeblich oder wirklich die Gelöbnisse verletzt haben, sondern dass ein Moment der Kräftigung für die Schüler wirksam werden soll. Mit der klaren Entscheidung, den Buddha-Weg zu gehen, benötigt man auch ein deutliches Leitbild und bestimmte Ziele oder Vorgaben, um sich im eigenen Leben nicht zu verzetteln und nicht den verschiedensten Verführungen und Ablenkungen zu erliegen, die heute mehr denn je auf uns einwirken.

Gerade in der modernen Zeit mit den sehr leistungsfähigen Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten werden die vielfältigsten Leitbilder und Lebensphilosophien an uns herangetragen, sodass wir immer erneut verwirrt werden. Hinzu kommt, dass uns viele populistische und suggestive „Lehren“ für das richtige und erfolgreiche Leben erreichen, die von ganz bestimmten Interessen gesteuert werden. Z. B. stammen solche falschen Lehren häufig aus politischen Lagern und dienen in Wahrheit der eigenen Macht. Ähnliches gilt für die Unternehmen der Industrie und Wirtschaft, die durch die Werbeslogans und ästhetischen Formen versuchen, den eigenen Marktanteil und Gewinn zu vergrößern.

Dies wird aber natürlich nicht offen zugegeben, sondern in die Form "großartiger Lebensentwürfe" verpackt, die nicht zuletzt in attraktive Bilder gekleidet werden. In der Tat scheinen die in Werbespots und Werbebildern dargestellten Menschen das große Glück, um nicht zu sagen, die Erleuchtung, erlangt zu haben. Dies ereignet sich angeblich durch den Kauf der entsprechenden Produkte.

Eine Formel dafür könnte etwa lauten: "Erfolgreiche Menschen kaufen dieses Produkt und werden damit noch glücklicher."

Dass solche Menschen schön und attraktiv aussehen, versteht sich dabei von selbst. Auch in vielen Zeitschriften werden Leitbilder und Lebensphilosophien "verkauft", die so ersonnen sind, dass sie eine möglichst große Zahl von Lesern in entsprechenden Gruppen ansprechen und sicherstellen, dass diese Zeitschriften auch weiterhin gekauft werden. Selbst ernannte Psychologen und Heilsbringer verkünden dort die verschiedensten „Patentlösungen“, um glücklich zu werden. Sie erwecken den Eindruck, als ob man bereits durch das Lesen dieser Aufsätze den Schlüssel für das eigene Glück in Händen hält. Ähnliches gilt für die vielen Lock-Angebote des spirituellen Buchmarktes. Dies hat eine lange traurige Tradition, die bis auf die Zeit Gautama Buddhas zurückgeht.
Bei der gegenwärtigen komplexen und verwirrenden Gemengelage von Informationen und wegen des Verfalls der Bindungskraft der christlichen Gebote gewinnt der praktische Wert dieser klaren Gelöbnisse erheblich an Bedeutung.
Dôgen beschreibt in diesem Kapitel die buddhistischen Gelöbnis-Zeremonien, die vom jeweiligen Meister geleitet werden und übermittelt an uns deren wörtliche Formulierungen. Wer selbst eine solche Gelöbnis-Zeremonie mit einem bedeutenden Meister erlebt hat, wird sicher gern bestätigen, dass sie eine besondere spirituelle und psychische Kraft entwickelt und will sie keinesfalls auf dem Buddha-Weg vermissen.

Dôgen schätzt die Bodhisattva-Gelöbnisse und die entsprechende Zeremonie außerordentlich. In der Dôgen-Sangha von Nishijima Roshi werden nach wie vor Dôgens wörtliche Formulierungen der Gelöbnisse verwendet. Auch die Zeremonie wird nach seinen Vorgaben durchgeführt. Dôgen zitiert einen alten Meister, der sagte:

"Daher geht es vor allem um die Gelöbnisse, wenn wir (Za)zen praktizieren und (den Weg) zur Wahrheit suchen. Wenn wir uns nicht von Ausschweifungen fernhalten und gegen das Falsche schützen: Wie ist es dann möglich, den Zustand des Buddhas zu verwirklichen und ein Nachfolger im Dharma zu werden?"

Wir sollten die Gelöbnisse keines Falls als nebensächlich ansehen und sie nicht auf die leichte Schulter nehmen. Dazu ist es nach Dôgen sinnvoll, neue und saubere Kleidung anziehen, damit wir ganzheitlich die Erfahrung eines neuen Beginns von Körper-und-Geist in unserem Leben erfahren. Wir sollten die Gelöbnisse gewissermaßen in unser Herz eingravieren, damit sie eine große andauernde Kraft und Energie in unser Leben bringen und sich immer klarer und richtungsweisender entwickeln.

Dôgen sagt, dass die so verstandenen Gelöbnisse bereits der Schatz des wahren Dharma-Auges sind. Er betont die authentische Weitergabe von einem Meister zum anderen, die sich gerade bei den Gelöbnissen konkret verwirklichen würde und sagt:

"Es kann kein buddhistischer Meister sein, der die buddhistischen Gelöbnisse nicht empfangen und bewahrt hat. Einige haben sie (direkt) unter dem Tathagata empfangen und bewahrt. Das bedeutet in jedem Augenblick das wahre Lebens-Blut empfangen zu haben."

Er nennt dann beispielhaft die großen Vorfahren im Dharma: Nagarjuna, Bodhidharma, Daikan Enô, Seigen, Nangaku usw. und bedauert sehr, dass es leider auch unverlässliche angebliche Meister gäbe, die dies überhaupt nicht wissen. Durch die Gelöbnisse bekommen wir nach Dôgen einen direkten Zugang zum "inneren Heiligtum" der Meister. Dies gelte aber nicht für nachlässige und träge Menschen.

Einige Zeit vor der Zeremonie fragt der Schüler den Meister, ob er die Gelöbnisse erhalten und empfangen darf. Nach dessen Zustimmung beginnt die eigentliche Vorbereitung damit, dass der Schüler die neue Kleidung kauft oder selbst anfertigt. Zu Beginn der Zeremonie werden Niederwerfungen vor den Statuen und Bildern des Zentrums oder Tempels, vor den drei Juwelen des Buddhismus und vor den großen Vorfahren im Dharma gemacht. Dadurch werfen wir die bisherigen vielfältigen Behinderungen und Blockaden ab und sind in der Lage, unseren Körper-und-Geist zu reinigen. Der Schüler wird entsprechend der authentischen Überlieferung am Anfang gebeten, die Worte zu sprechen, dass er zu Buddha, zum Dharma und zum Sangha Zuflucht nimmt.

Der Begriff "Zuflucht" hat sich im buddhistischen Sprachgebrauch durchgesetzt und wird deswegen auch hier verwendet. Er trifft allerdings nicht genau die Bedeutung dieses wesentlichen Schrittes, sich zu Buddha, Dharma und Sangha zu bekennen. Denn es handelt sich nach Dôgen nicht um eine Flucht und schon gar nicht um eine Flucht aus der oft schwierigen Welt, sondern um einen ersten positiven Schritt zur Befreiung und zum Erwachen durch den Buddha-Dharma. Dieser erste Schritt auf dem buddhistischen Weg hat in der Tat eine große Bedeutung und eröffnet neue Möglichkeiten, um beengende und lästige Behinderungen abzuschütteln und den Weg zur befreienden Wirklichkeit anzutreten und voranzugehen. Auch die Zazen-Praxis entwickelt dann neue nachhaltige Wirkungen.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

was ich suchte, danke