Mittwoch, 22. Oktober 2008

Die Wirklichkeit der zehn Richtungen des Universums (Teil 1)

Nach Nishijima Roshi wird in diesem Kapitel (Kap. 60, Juppo) die naturwissenschaftlich, konkrete Dimension der Welt und des Lebens untersucht, die sich vor allem in der vielfältigen Außenwelt der Dinge und Phänomene, also der unendlich vielen Dharmas widerspiegelt.

Der Buddhismus ist keine idealistische Religion, die eine ideale paradiesische Welt beschreibt und die konkrete hiesige Welt als Jammertal von untergeordneter Bedeutung abqualifiziert. Wie Nishijima Roshi in aller Klarheit ausdrückt, ist die buddhistische Lehre und Praxis ohne die konkrete Sicht und Erfahrungswelt unvollkommen, denn alle vier Lebensphilosophien des Idealismus, der naturwissenschaftlichen Materie und Energie, des Handelns im Augenblick und des höchsten Zustands des Erwachens bilden die Gesamtheit dieser großartigen buddhistischen Lehre und Praxis. Meister Dôgen arbeitet immer wieder die Begrenztheit nur einer einzigen der vier Lebensdimensionen heraus, sie sind aber alle erforderlich, um die Wirklichkeit zu beschreiben. Diese Realität, die es wirklich gibt, geht also über das Gedachte, Ideelle und das Materielle hinaus.
Im Buddhismus wird der Raum in unserem Universum mehrfach angesprochen und er kann verschiedene Bedeutungen haben. In diesem Kapitel ist es nicht der leere Raum, der auch mit dem Begriff Leerheit (shûnyatâ) bezeichnet wird, sondern es geht um die ganz konkrete Sicht und Erfahrungswelt des Raumes mit allen seinen Raum-Dimensionen. Dieser so verstandene Raum ist für die Analyse des Materiellen von großer Bedeutung und eines der indischen materiellen Elemente.

Nach ostasiatischer Lehre gibt es neben den vier Himmelsrichtungen, die wir kennen, also Norden, Osten, Süden, Westen auch die dazwischen liegenden Richtungen von Nordost, Südost, Südwest und Nordwest, sodass wir insgesamt acht waagerechte Himmelsrichtungen haben. Außerdem werden bei Dôgen die Himmelsrichtung Zenit, senkrecht nach oben, und Nadir, senkrecht nach unten, hinzu gezählt. Als Summe ergeben sich damit die zehn Himmelsrichtungen, die in diesem Kapitel untersucht werden.

In dieser konkreten Welt leben und handeln wir. Sie ist durch die moderne Naturwissenschaft und Technik in ganz hervorragender Weise analysiert worden und hat sehr nützliche Instrumente zur Erleichterung des Lebens hervorgebracht. Wir können hierbei z. B. die Medizintechnik und die modernen Kommunikations-Techniken wie Telefon und Internet anführen, die auch für die Brücke des Buddhismus zum Westen von großer Bedeutung sind. Diese Technologien dürfen nicht gering geschätzt werden, sondern sie sind im Gegenteil ganz wesentlicher Bestandteil unserer großartigen Welt, die zum Beispiel im Lotos-Sutra dichterisch und doch sehr real beschrieben wird. Bekanntlich schätzte Dôgen das Lotos-Sutra außerordentlich und hat gerade dessen Wirklichkeit betont. Er ist nicht in den Fehler mancher Kommentatoren verfallen, die darin eine märchenhafte idealistische und daher wirklichkeitsfremde Welt erkennen wollen.

Die konkrete Lebensphilosophie des Buddhismus beruht auch auf der sinnlichen Wahrnehmung, also dem Sehen, Hören, Tasten usw.. Es ist eine große Leistung des Zen-Buddhismus immer wieder auf den Unterschied von konkreter Wirklichkeit und idealistischen, abstrakten Vorstellungen hinzuweisen. Dies bedeutet nicht, dass Ideen, Gedanken, Vorstellungen und die buddhistische Lehre selbst als unwesentlich abgetan werden, sondern dass beide Dimensionen zum Leben und zum Buddha-Dharma gehören und auf keinen Fall vernachlässigt werden dürfen.

In der Naturwissenschaft und Technik werden die Fähigkeiten der menschlichen Sinnesorgane bekanntlich durch leistungsfähige Instrumente nachhaltig verbessert, sodass wir sehr kleine Dimensionen, zum Beispiel mit dem Mikroskop, genau betrachten können. Auch sehr große Zusammenhänge wie im Weltall können wir durch entsprechende Fernrohre und Teleskope, die sogar auf Satelliten montiert werden, untersuchen. Ein sorgfältiges an der Wirklichkeit orientiertes naturwissenschaftliches Beobachten wird daher im modernen Buddhismus sehr geschätzt. Es ist vor allem geeignet, spirituelle Träume auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen. Dies wäre für fehlgeleitete spirituelle Gruppen unter charismatischen aber unmoralischen „Meistern“ besonders wichtig.

Der Buddhismus ist keine materialistische Religion, die allein das Materielle und die äußere Form anbetet und für die Wirklichkeit hält. Die zweite Lebensphilosophie des Materialismus hat demnach zwar im Buddha-Dharma einen eigenen Stellenwert von großer Bedeutung, ist aber nicht die ganze umfassende buddhistische Religion.
Dôgen sagt am Anfang dieses wichtigen Kapitels:

"Ein Handeln ist genau dasselbe wie diese konkreten zehn Richtungen. Ein Augenblick des reinen Geistes ist dasselbe wie die hell glänzenden zehn Richtungen. (Mit diesen Worten) ist das Mark der Wahrheit (gesagt)."

Die materiell und räumlich verstandenen zehn Richtungen des Universums werden in diesem ersten Absatz mit dem Handeln und dem Augenblick und vor allem auch der moralischen Reinheit zu einer Einheit der Wirklichkeit verschmolzen. Durch die Formulierung "hell glänzend" wird das lebensbejahende und positive Weltbild des Buddhismus angesprochen, der keineswegs eine lebensfeindliche oder gar nihilistische Religion ist. Mit dem obigen Zitat wird ein nur materialistisches Weltbild klar überschritten.

Dôgen zitiert dann Gautama Buddha, dass es im ganzen Universum nur eine einzige Buddha-Lehre und Praxis gibt. Damit wird die Aufsplitterung in verschiedene Schulen, die sich leider teilweise sogar bekämpfen, total abgelehnt. Insbesondere werden die Hauptströmungen des Mahâyâna und Theravâda nicht getrennt, sondern als authentische buddhistische Lehre verstanden. Das Gleiche gilt u. E. in der heutigen Zeit für die Übertragungslinien des Sôtô, Rinzai und Sanbô Kyôdan. Die Lehre des Shôbôgenzo von Meister Dôgen ist in jedem Fall eine verlässliche Grundlage des Buddhismus.
Bekanntlich gab und gibt es im Zen-Buddhismus, der sich als Mahâyâna versteht, immer wieder Strömungen, die den Theravâda als veraltet ablehnen oder sogar als falsch bezeichnen. Dôgen hat auch an anderer Stelle im Shôbôgenzo klar Stellung bezogen und betont, dass es nur einen einzigen Buddhismus gibt, der authentisch auf Gautama Buddha zurückgeführt werden muss.
Im Folgenden betont Dôgen die konkrete und reale Seite der buddhistischen Lehre und formuliert dies z. B. wie folgt:

"Deshalb gibt es niemals die zehn Richtungen, wenn wir die Buddha-Länder nicht ergreifen und hier herbringen."

Durch die Worte "ergreifen" und "hier herbringen" soll besonders betont werden, dass es nicht um abstrakte ausgedachte Theorien geht, sondern um das wirkliche Hier und Jetzt in seiner räumlichen Dimension und Konkretheit der Form, Materie und Energie. Er sagt weiter:

"(Das Buddha-Land) zu ergreifen und zu benutzen bedeutet klar zu erkennen, dass das Gewicht von acht Ryo ein halbes Kin ist und es bedeutet zu erfahren und zu erforschen, dass dieses Buddha-Land der zehn Richtungen (so konkret und wirklich wie) sieben oder acht Fuß (Länge) ist."

Diese Formulierungen mögen vielleicht für uns im Westen etwas ungewöhnlich sein, betonen aber ganz eindeutig den konkreten Bezug und die konkrete Erfahrung der buddhistischen Lehre. Sie unterstreichen, dass wir in der realen Welt mit ihren räumlichen Dimensionen und Maß- und Gewichtseinheiten leben und handeln. Eine Flucht aus dieser Realität wird im Zen-Buddhismus als sinnlos und gefährlich angesehen und muss zum Leiden führen.Wie der bekannte Physiker H. P. Dürr betont, ergibt sich für die moderne Welt das Ziel einer Harmonie von der Naturwissenschaft und Technik mit der spirituellen Wirklichkeit.
Die rückwärts gewendete romantische Idealisierung früherer primitiverer und angeblich besserer Lebensformen, die ein magisches oder mythisches Weltbild (vgl. Ken Wilber) haben, führt zwangsläufig in die Irre. Von dort gibt es überhaupt keinen Weg zum höchsten Zustand des Erwachens oder der Erleuchtung, wie manche selbsternannten Lehrer leider behaupten! Wir möchten an Nishijima Roshis positiver Darstellung der modernen Instrumente der Kommunikationstechnik wie Telefon und Internet erinnern.
Z. B. können auch in abgelegenen Gebieten unseres Globus seine Interpretationen der buddhistischen Lehre durch seinen Internet-Blog der Dôgen-Sangha gelesen und verstanden werden. Eine solche weltweite buddhistische Kommunikation war in der Tat in der Zeit Dôgens unmöglich. Seine Reise von Japan nach China war zeitaufwendig und gefährlich, als er den wahren Buddhismus suchte und ihn bei seinem späteren Lehrer Tendô Nyôjo erlernen und praktizieren konnte.

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