Montag, 13. Oktober 2008

Die Wirkung des Karmas in den drei Zeiten (Teil 2)

Dôgen berichtet eine alte gleichnishafte Geschichte zum Karma-Gesetz, die die sofortige Wirkung des üblen Handelns beleuchtet: Ein Holzfäller hatte bei tiefem Schnee und heftigem Sturm in den Bergen vollständig seine Orientierung verloren und irrte mit zunehmender Angst und Panik umher.
Dichter Baumbestand beim Kloster Tokei-in

Der Schneesturm nahm immer noch an Stärke zu und der Mann wurde durch seine Unterkühlung immer schwächer. Als die Dämmerung hereinbrach, war er völlig verzweifelt und fühlte den Tod nahen. Da sah er plötzlich einen Furcht erregenden Bären, der tiefblaues Fell hatte und dessen Augen wie Fackeln leuchteten. Er erschrak zu Tode und war sicher, dass er nun sterben müsse. Dieser Bär war aber in Wirklichkeit ein Bodhisattva, der zu jener Zeit den Körper eines Bären angenommen hatte. Als er die Todesangst des Holzfällers sah, sagte er sanft und freundlich zu ihm, dass er sich nicht fürchten solle. Er wolle ihm im Gegenteil helfen, damit er aus der Lebensgefahr gerettet würde. Der Bär ging dann einige Schritte auf den Holzfäller zu, hob ihn hoch und trug ihn in eine Höhle, wo er ihn pflegte und versorgte.

Er brachte ihm als Nahrung süße Früchte und schmackhafte Wurzeln. Er wärmte ihn sogar mit seinem eigenen Körper, sodass der Mann bald seine Unterkühlung überwinden konnte. Nach etwa einer Woche war er so weit wieder genesen, dass er sich auf den Heimweg machen konnte. Inzwischen hatte sich der Schneesturm gelegt und der Kälteeinbruch war beendet, sodass für den Holzfäller keine Lebensgefahr mehr bestand. Der Bär begleitete ihn dann noch aus dem dichten Wald heraus, damit er sich nicht erneut verlaufen möge und sagte ihm freundlich auf Wiedersehen. Der Mann sank vor Dankbarkeit auf die Kniee und sagte:

"Wie kann ich deine Güte vergelten?"

Der Bär antwortete: "Jetzt möchte ich keinen weiteren Dank. Ich hoffe nur, dass du (später) in gleicher Weise, wie ich deinen Körper in den letzten Tagen beschützt habe, für mein Leben eintreten wirst."

Der Mann versicherte dies aus vollem Herzen und stieg ungefährdet aus den Bergen herab. Dort traf er dann zwei Jäger, die ihn fragten, ob es Tiere für die Jagd gäbe und ob er größeres Wild gesichtet habe. Der Holzfäller sagte, dass er nur einen Bären gesehen hatte. Die Jäger wollten den Bären natürlich aufspüren und töten und fragten daher nach dem Weg. Dieser antwortete:

"Wenn ihr mir zwei Drittel von der Beute gebt, werde ich euch den Weg zeigen."

Die Jäger waren damit einverstanden und sie machten sich gemeinsam auf den Weg. Die Jäger töteten dann den Bären, teilten sein Fleisch in drei Teile und gaben dem Holzfäller den versprochenen Anteil von zwei Dritteln. Dieser trat vor und wollte das Fleisch des Bären mit beiden Händen fassen und in Empfang nehmen, aber durch die Gewalt seines schlechten Karmas fielen seine beiden Arme plötzlich ab. In der Geschichte heißt es wörtlich, dass sie abfielen "wie die Perlen auf dem Faden, der durchgeschnitten wird, oder wie die Wurzeln des Lotus, die gekappt werden."

Die Jäger, deren normaler Beruf es nun einmal war, Tiere zu töten, waren durch diesen Vorfall allerdings tief beunruhigt und fragten den Mann, was es damit auf sich habe. Der Holzfäller erkannte plötzlich seine furchtbare Tat und erzählte den Jägern tief beschämt, wie er von dem Bären gerettet und gepflegt worden war. Die Jäger waren von diesem Verrat vollständig schockiert und konnten es nicht fassen, dass dieser Mann die selbstlosen Wohltaten des Bären so heimtückisch vergolten hatte.

Um dieses Unrecht wenigstens teilweise wieder gutzumachen beschlossen sie, das Fleisch einem Kloster zu spenden. Dort gab es einen älteren Mönch, der die Fähigkeit hatte, die Wünsche und Gedanken anderer zu erkennen und der sofort anfing, Zazen zu praktizieren, um zur Klarheit in diesem für ihn eigenartigen Fall zu kommen. Dabei erkannte er, was es mit dem Fleisch des Bären auf sich hatte. Mit intuitiver Weitsicht wusste er, dass dieser ein großer Bodhisattva war, der anderen mit Güte begegnete, ihnen half und ihnen viel Freude schenkte.

Er erzählte den anderen Mönchen des Klosters die furchtbaren Hintergründe und Zusammenhänge des Geschehens. Diese waren tief erschüttert und beschlossen, das Fleisch und die Knochen des Bodhisattva nach dem richtigen Ritus zu verbrennen und eine würdige Stupa zu bauen. Sie machten Niederwerfungen und spendeten Opfergaben für den Bodhisattva. Schlechtes Karma erzeugt entsprechendes tiefes Leid und dies tritt früher oder später mit absoluter Sicherheit ein.

Dies ist in der Tat eine furchtbare Geschichte. Wie kann es sein, dass der Holzfäller nach so kurzer Zeit, und nachdem er so viel selbstlose Hilfe und Unterstützung von dem Bären erfahren hatte, sich beim Zusammentreffen mit den Jägern vollkommen veränderte und sein Geist von der Gier nach dem Fleisch beherrschte wurde? Dôgen erläutert, dass die Gier einen Menschen in kurzer Zeit völlig „umdrehen“ kann, sodass er die Unterstützung und das Wohlwollen anderer total vergisst und mit brutaler Rücksichtslosigkeit zum eigenen Vorteil gegen sie handelt. Diese Geschichte mag zunächst übertrieben erscheinen, aber solche abrupten Sinnesänderungen können wir in der Tat bei manchen Menschen auch in der Gegenwart erleben.

In anderen Kapiteln des Shôbôgenzô arbeitet Dôgen heraus, was falsches und richtiges Handeln im Buddhismus bedeutet, z. B. in den Kapiteln über das Vermeiden von Unrecht, über das Bodhisattva-Handeln und das soziale Verhalten der Menschen. In den Kapiteln zum Gesetz von Ursache, Wirkung und Karma knüpft er an die indische Tradition an, dass gutes und schlechtes Handeln auf den Handelnden selbst immer und ohne jede Ausnahme zurückkommt. Selbst wenn zwischen dem Zeitpunkt des Handelns und der Wirkung eine größere Zeitspanne liegt, gilt dieses Gesetz mit absoluter Genauigkeit. Wer also die Philosophie des Handelns im Augenblick missbraucht, um sich aus der Verantwortung für moralisch falsches Handeln zu stehlen, handelt nicht nach dem Buddha-Dharma.

Dôgen führt dann weitere Geschichten zum Karma an, z. B., dass ein Eunuch eine fremde Herde von Bullen vor der Kastration rettete und selbst wieder seine natürliche Männlichkeit zurückerhielt. Er schildert auch das im Buddhismus bekannte Vergehen des Devadatta, der ein Vetter von Buddha war, der den Sangha spaltete und mehrere Anschläge auf das Leben Buddhas verübte. Diese schlugen aber zum Glück fehl, sodass Buddha weitgehend unverletzt überlebte. Es besteht kein Zweifel, dass diese schlimmen Taten auf Devadatta selbst zurückschlugen. Es wird berichtet, dass ihn schließlich alle seine Schüler verließen und er vereinsamt, alt, krank und tief derprimiert zu Buddha zurückkehrte.
Dôgen zitiert am Ende dieses Kapitels Gautama Buddha:

"Selbst wenn Hunderte von Zeitaltern verstreichen, geht das Karma, das wir machen, nicht unter. Wenn die Ursachen und Bedingungen zusammenkommen, werden die Wirkungen und Ergebnisse auf natürliche Weise empfangen."

Nach Nishijima Roshi geht es Dôgen hier nicht um die Frage der Wiedergeburt in späteren Leben, die im alten Indien überaus wichtig war und auch in einigen buddhistischen Linien bedeutsam ist, sondern um das Gesetz von Ursache und Wirkung. Im Mahâyâna sei dies in Japan z. T. leider wenig beachtet worden. Vor allem seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die neue Zeit sei dieser wichtige Teil der buddhistischen Lehre sehr vernachlässigt worden. Nach Dôgen trifft das Karma-Gesetz ohne jede Abweichung zu, das heißt, gute Taten wirken auf den Handelnden genauso wie schlechte Taten zurück.

Das Karma-Gesetz ist im Buddhismus der materiellen, naturwissenschaftlichen zweiten Lebensphilosophie oder Phase zuzuordnen und daher unabdingbarer Teil der Wirklichkeit. Dôgen hat dies in mehreren Kapiteln im Shôbôgenzô mehrfach behandelt und keinen Zweifel an seiner Richtigkeit gelassen. Es wirkt auch unabhängig davon, ob man daran glaubt oder nicht und ob man durch die unrichtige buddhistische Lehre auf einem irrtümlichen Wege geht.

Damit ergibt sich der genannte enge Bezug zu den Kapiteln über das Vermeiden von Unrecht, das Handeln der Bodhisattva und das richtige soziale Handeln. Wenn also in buddhistischen Gruppen Streit und Hass grassieren, mit welcher Begründung auch immer, so kommt das schlechte Karma auf die Handelnden ohne jede Ausnahme zurück. Missgunst und Neid sind bekanntlich oft in bestimmte Ideologien verpackt und "maskieren" sich auf diese Weise, aber auch hierfür gilt das Karma-Gesetz von Ursache und Wirkung. Hass erfülltes Denken und Handeln erzeugen bei dem Handelnden selbst die von Hass erfüllten Wirkungen, die ihn selbst treffen, vergiften und leiden lassen.

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