Freitag, 13. Februar 2009

Die Buddhas und Meister zusammen mit den Buddhas und Meistern verwirklichen die Form (Teil 2)

Dôgen erklärt hier, dass wir uns die Verwirklichung als höchster Zustand und Erwachen vorher überhaupt nicht ausdenken und vorstellen können.


Er fügt dann hinzu, dass es auch wenig sinnvoll sei, so etwas zu tun, weil wir die Gründe und Ursachen vorher gar nicht erkennen können, wie wir tatsächlich im Zustand der Verwirklichung sein würden. Er führt weiter aus, dass es sogar sehr problematisch und gefährlich ist, sich die Verwirklichung vorher auszumalen, weil uns dies blockieren und festlegen würde. Denn obgleich diese Überlegungen, Erwartungen und auch Hoffnungen falsch sind, entwickeln sie eventuell große Kräfte, die das Erwachen gerade verhindern. Die oft hochgeschraubten, euphorischen Erwartungen seien meist egoistisch, selbstverliebt und moralisch nicht einwandfrei.

Sogar die nur gedankliche Vorstellung der wahren „Sein-Zeit“, die er in einem anderen Kapitel eingehend behandelt, führt uns in die falsche Richtung, wenn sie nur Idee und Denken bleibt. Dôgen sagt wörtlich:

"Wenn die Verwirklichung (nur) durch die Kraft der Gedanken, die schon vor der Verwirklichung vorhanden waren, auftritt, ist es wahrscheinlich eine unzuverlässige (und falsche) Verwirklichung."

Er warnt uns also ausdrücklich, dass wir uns auf dem Buddha-Weg nicht vorher in irgendwelche Gedanken oder Vorstellungen verlieren, da diese uns dann hindern und in eine völlig falsche Richtung drängen. Jede Zwangskraft zum Erreichen des höchsten Zustandes, also der Erleuchtung, hält Dôgen für abträglich und gefährlich. Wir klammern uns dann schnell an die Begriffe "Verwirklichung" und "Täuschung", aber diese Worte sind nicht die Wirklichkeit selbst.
Er sagt weiter:

"Wenn der höchste Zustand des Bodhi ein Mensch ist, nennen wir ihn "Buddha." Wenn Buddha im höchsten Zustand von Bodhi ist, nennen wir dies "den höchsten Zustand des Bodhi (Erwachen)."

Damit sind der höchste Zustand, der sich genau im gegenwärtigen Augenblick der Sein-Zeit beim Menschen verwirklicht, und der Mensch selbst identisch und eine Einheit. Es geht also um das wesentliche Merkmal der Sein-Zeit im Hier und Jetzt, das nicht zuletzt durch moralische Reinheit ohne „Befleckung“ gekennzeichnet ist. Auch hier warnt Dôgen vor einer gewaltsamen gedanklichen Fixierung auf vorgestellte Ziele, z. B. dass wir ganz ohne Anhaftung sein wollen und es nicht auf ein schönes Ergebnis abgesehen hätten, da dies absichtsvoll und damit im Buddhismus verboten sei.

Zweifellos gibt es aber die von Dôgen beschriebene Wirklichkeit einer solchen Reinheit, die ohne Anhaftung und ohne eigensüchtige Gier nach Zielerreichung ist.
Er warnt dann davor, dass wir durch Vorstellungen und Begriffe die Wirklichkeit „einsperren“ und einengen und sagt:

"Wenn wir z. B. bestimmte Menschen treffen, fixieren wir (leider)in unserem Geist, welche Eigenschaften die Menschen haben. (Wenn wir) eine Blume oder den Mond (sehen), fügen wir gedachte besondere Ebenen von Licht und Farben hinzu, (die aber gar nicht wirklich vorhanden sind)."

Dies bezieht sich auf die Formulierung der Wirklichkeit und Soheit im Lotus-Sutra: "wie es ist". Damit ist gemeint, dass nichts hinzugedacht und hinzufantasiert wird und dass auch nichts weggelassen und übersehen wird. Das ist die reine Wirklichkeit. Die Buddhas und Vorfahren im Dharma leben mit den anderen Buddhas und Vorfahren im Dharma unverfälscht in dieser Wirklichkeit, so wie sie ist.
Wir müssen in der Tat lernen und erfahren, dass wir nur das sind, was wir selbst sind und dass wir uns von Emotionen und "Denknestern" befreien. Dies Selbst ist jedoch nicht mit einem abgegrenzten Ego zu verwechseln.

Das Ego stellen wir uns nach Dogen vielleicht so vor, dass es aus den materiellen Elementen oder den fünf Komponenten des Menschen (skanda) aufgebaut ist. Das von ihm beschriebene Selbst kann nicht mit dem unterscheidenden Verstand gedacht werden. Im reinen, höchsten Zustand des Gleichgewichts werden Farben weder als attraktiv oder noch abstoßend empfunden, denn es gibt dabei keine verzerrenden emotional gefärbten Bewertungen.

"Dann ist das Handeln, das (wirklich) Ursprüngliche, das nicht verborgen ist. Es existiert in der Wahrheit auf natürliche Weise."

Ein Begriff wie der "Dharma-Körper" kann uns stark behindern und unserem Leben die geistige, spirituelle Frische und körperliche Beweglichkeit nehmen. Solche Vorstellungen über den Körpers müssen wir überschreiten. Wem dies nicht gelingt, für den "endet das Leben des Dharma-Körpers sofort und er ist seit langem im Meer des Leidens versunken." In einem solchen Augenblick sollten wir dies wie folgt ausdrücken:

"Die ganze Erde ist unser eigener Dharma-Körper."

Die Wahrheit dieses Ausdrucks übersteigt nach Dôgen die Ebene der Worte und ist die Wirklichkeit selbst. Dann können wir klar erkennen, dass die Wirklichkeit tatsächlich ohne Worte und Sätze ausgedrückt werden kann. Dies gilt besonders für den Tod, in dem es gerade wirkliches Leben geben kann, weil die Grenzerfahrung des Todes uns zum wahren Leben führt. Im Leben kann umgekehrt bereits der Tod eingetreten sein, weil es gar kein richtiges Leben ist, wir sind dann eigentlich scheintot und ohne Freude und Kreativität.

Dôgen spricht damit die Möglichkeit an, dass wir in der Todesnähe und in einer großen Gefahr alle Nebensächlichkeiten des Lebens abschütteln und damit erst zum wirklichen Leben erwachen. Dies kann zum Beispiel in der Lebensgefahr des Krieges in einer Schlacht sein. Umgekehrt führen viele Menschen ein erstarrtes Leben. Sie sind im wahren Sinne des Buddha-Dharma bereits gestorben, weil sie verödet und festgelegt sind, also an der großen Wahrheit des Universums nicht mehr teilnehmen. Dabei sei das Bodhisattva-Handeln für die Befreiung von zentraler Bedeutung, dass wir also Lebewesen retten und deren Körper und unseren eigenen genau dadurch retten.
Dôgen zitiert dann einen ewigen Buddha und alten Meister:

"Die ganze Erde ist der wirkliche menschliche Körper,
die ganze Erde ist das Tor der Befreiung,
die ganze Erde ist das Eine Auge von Vairocana,
die ganze Erde ist unser eigener Dharma-Körper."


Vairocana ist der Sonnen-Buddha, der symbolisch für das Licht des Universums steht.
Dôgen erläutert und interpretiert dann tiefgründig die einzelnen Zeilen dieses Gedichtes. Dabei geht es vor allem um die Überwindung des Dualismus von Subjekt und Objekt, also des Ich und der anderen.

Dôgen bezeichnet die großen Meister häufig als „Buddhas“ oder auch als „ewige Buddhas“, sodass dieser Begriff nicht auf Gautama Buddha allein beschränkt ist. Wann kann nun ein Meister die Dharma-Übertragung an den Schüler geben? Dieser müsse eine umfassende Kenntnis der buddhistischen Lehre, also des Buddha-Dharma besitzen und durch die regelmäßige Zazen-Praxis das Gleichgewicht erlangen, das nach Nishijima Roshi auf der Balance des vegetativen Nervensystems beruht.

Für den Buddha-Dharma sind vor allem vier Lebensphilosophien maßgeblich: die Theorie und Lehre selbst (Idealismus), die genaue Wahrnehmung der Vielfalt der Dinge und Phänomene der Welt (Materialismus), das Tun und Handeln im Augenblick und der höchste Zustand des Erwachens oder des Gleichgewichts. Außerdem ist das Gesetz von Ursache und Wirkung sowohl im naturwissenschaftlichen Sinne des Materialismus, als auch im Sinne der Moral, wesentlich.
Die erste Zeile des obigen Gedichtes interpretiert Dôgen, wie folgt:

"Das Wesentliche ist hier, dass das Wirkliche der wirkliche Körper ist. Wir sollten erkennen, dass die ganze Erde nicht unsere Einbildung ist, (sondern) sie ist der ganze Körper, der wirklich ist."
Wenn jemand dieses grundsätzlich bezweifelt, sagt Dôgen: "Gib mir meine Worte zurück, dass die ganze Erde der wirkliche menschliche Körper ist."

Damit will er sagen, dass bei einem derartigen Zweifel seine Mühe die Wahrheit zu lehren vergeblich ist und dass man es bedauern muss, überhaupt die Worte der Wirklichkeit und des Körpers in ein Gedicht eingefügt zu haben. Die Worte wären dann völlig unnütz verschwendet. Dies drückt er so aus, dass er „seine Worte zurückhaben möchte“.

In der nächsten Zeile wird gesagt, dass die ganze Erde das Tor der Befreiung ist. Das heißt, dass es auf der ganzen Erde eigentlich keine Behinderungen, kein Aneinanderkleben, keine Fixierungen und keine emotionalisierten Umklammerungen gibt. Dôgen bemerkt an dieser Stelle, dass es eine ganz enge Beziehung zur wahren Zeit gibt und knüpft damit an das grundlegende Kapitel "Sein-Zeit, (Uji)" an. Er sagt darüber hinaus zum Räumlichen: "Wir sollten etwas, das endlos und ohne Grenzen ist, die ganze Erde nennen." Er warnt uns jedoch, das Tor der Befreiung zu konkretistisch zu verstehen und zu sehr an Worten und Vorstellungen zu kleben.

In der nächsten Zeile wird die Erde mit dem Auge des Buddha Vairocana gleichgesetzt. Dieses Buddha-Auge solle man nicht mit den gewöhnlichen Augen der Menschen verwechseln, denn er bezeichnet es auch als "Dharma-Auge" und als „mystisches Auge“. In dem Kapitel des Shôbôgenzô über die mystischen Kräfte, die oft fälschlich als übernatürlich bezeichnet werden, betont Dôgen, dass diese genau in der Wirklichkeit wunderbar-natürlich sind und warnt uns vor fantastischen, legendären Wundergeschichten. Er sagt weiter:

"Es mag tausend Augen oder zehntausend Augen geben, aber mit der ganzen Erde zu beginnen ist eines von ihnen."

Er spricht dabei die vielen oder unendlich vielen Augen des Bodhisattva an, der das Leiden überall in der Welt sieht und unverzüglich hilft. In der vierten Zeile heißt es: "Die ganze Erde ist unser eigener Dharma-Körper." Dôgen erläutert, dass es unser natürliches Interesse und der selbstverständliche Wille der Lebewesen ist, auf der Erde zu leben. Aber es gäbe nur wenige, die mit dem Großen Auge sich selbst sehen, denn: " Nur die Buddhas kennen diesen Zustand." Er sagt weiter:

"Was die Buddhas ihr Selbst nennen, ist genau die ganze Erde."

Es gibt damit keinen Unterschied zwischen uns, unserem Selbst und der ganzen Erde. Die Dualität von Subjekt und Objekt ist überwunden, und dadurch wird es auch selbstverständlich, anderen Menschen zu helfen, die Probleme haben und unsere Hilfe benötigen. Dieser zentrale Grundsatz wird in dem Kapitel über die Bodhisattvas in beeindruckender Weise untersucht.

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