Samstag, 17. Juli 2010

Verwirklichung oder Täuschung?


Dogen sagt: „Wenn der Dharma den Körper und Geist noch nicht zufriedengestellt hat, fühlen wir uns schon mit dem Dharma reichlich ausgestattet. Wenn der Dharma den Körper-und-Geist (ganz) erfüllt, fühlen wir, dass noch eine Seite fehlt.“
Im ersten Teil des Zitats kommt Dōgen noch einmal auf die subjektive Sichtweise zu sprechen, dass wir den Buddha-Dharma schon mit Körper und Geist verwirklicht hätten, während dies aber tatsächlich nur eine Selbsttäuschung ist. Umgekehrt ist die Verwirklichung dadurch gekennzeichnet, dass wir zwar im Gleichgewicht leben, aber immer auch unsere Unvollkommenheit im Bewusstsein haben, denn die Entwicklung des Menschen ist auch nach dem Erwachen nicht abgeschlossen, sondern geht immer weiter.
Dies hat Dōgen eindrucksvoll im Kapitel „Leben und Handeln jenseits von Buddha und Erleuchtung“ beschrieben. Spirituelle Selbstüberschätzung bringt den buddhistischen Entwicklungsprozess jedoch zum Stillstand und das besonders, wenn der Betreffende in der sozialen Rückkopplung, beispielsweise durch seine Mitmenschen oder besonders durch Schüler, noch in seiner Selbsttäuschung gestärkt wird.
Der Kommentar von Nishijima Roshi dazu lautet:
„Wenn wir nicht ausgeglichen sind, wenn wir also subjektive Gedanken (und Gefühle) haben, neigen wir zu einer Vorstellung, dass wir schon in den Zustand des Gleichgewichts (und der Erleuchtung) eingetreten sind.“
Diesem euphorischen Gefühl komme allerdings keine wirkliche Realität zu und unser Leben sei infolgedessen in mentaler Hinsicht stark verengt. Wenn wir uns dagegen tatsächlich und nicht nur eingebildet im Gleichgewicht befinden, hätten wir die Fähigkeit, genau zu erfassen und zu hinterfragen, ob wir im Gleichgewicht sind oder nicht.
Diesen Gedanken vertieft Dōgen anhand des Beispiels, dass wir mit einem Schiff auf den Ozean hinausfahren und das feste Land und die Berge der Klöster verlassen.
„(Vom Schiff) aus gesehen, erscheint der Ozean immer rund, wenn wir in alle vier Himmelsrichtungen sehen. Es erscheint nicht so, dass er überhaupt eine andere Form hat.“

Nun stellt sich die Frage, ob der Ozean wirklich rund ist oder welche andere Form er vielleicht hat? Anhand von konkreten Situationen aus dem damaligen Leben in Japan und China erläutert Dōgen seine tiefgründige buddhistische Lehre. Als Inselland ist in Japan das Meer überall leicht erreichbar und die meisten Bewohner verfügen über die Erfahrung, mit dem Boot oder Schiff auf das Meer hinauszufahren. Wir wissen heute, dass uns der Ozean aufgrund der Krümmung der Erde rund erscheint, wenn wir kein Land mehr sehen können.
Diese Beobachtung an sich wurde aber natürlich schon zu allen Zeiten der Menschheit angestellt. Das Erklärungsmodell der runden Erdkugel ist bei der direkten Beobachtung ja auch gar nicht erforderlich. Einen rechteckigen Ozean kann man niemals sehen. Der Ozean ist also in seiner Form rund und gilt als tiefgründiges Symbol für die Menschen und das Universum.

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