Mittwoch, 18. August 2010

Die Freiheit des Lebens bei Dōgen

Im Folgenden kommt Dōgen beispielhaft auf die Fische und Vögel zu sprechen, die in ihren jeweiligen Elementen leben – also im Wasser beziehungsweise in der Luft – und so ihren Lebensraum und Platz auf der Erde einnehmen. Für den Fisch ist es ganz natürlich, im Wasser zu leben, deshalb gibt es für ihn keine Einschränkung seines Lebens und seiner Beweglichkeit, solange er tatsächlich im Wasser schwimmt. Der Fisch hat im Wasser die vollständige Freiheit. Das Gleiche gilt für die Vögel und ihren Lebensraum, die Luft:

„Wenn die Fische sich durch das Wasser bewegen, gibt es (für sie) kein Ende des Wassers, wie auch immer sie sich bewegen. Wenn die Vögel durch den Himmel fliegen, gibt es (für sie) kein Ende des Himmels, wie auch immer sie fliegen.“

Diese Beispiele, die den natürlichen Lebensraum der Tiere schildern, waren im alten China und Japan direkt nachvollziehbar und jedem bekannt. Die Fische bleiben im Wasser, die Vögel fliegen in der Luft.

So ist es! Dōgens Verständnis der Freiheit beinhaltet also nicht den Absolutheitsanspruch, der in idealistischen Diskussionen der Gegenwart im Westen häufiger anzutreffen ist. Dabei wird Freiheit so verstanden, dass es überhaupt keine Begrenzungen und Bedingungen geben darf, dass sich also jeder ohne jede Einschränkung durch die Umgebung oder andere Menschen total frei ausleben können soll. Ein solcher absoluter Freiheitsbegriff wird von manchen Idealisten vielleicht unbewusst postuliert, um über die böse „Wirklichkeit“ klagen zu können, die diesem Freiheitsanspruch natürlich niemals genügen kann.

Dōgen bezieht sich dagegen auf die natürlichen Lebensbedingungen verschiedener Lebewesen – und implizit der Menschen –, die jeweils durchaus unterschiedlich sind. Innerhalb dieser natürlichen Umgebung existiert jeweils die Freiheit, so wie der Fisch im Wasser frei ist.

Gleichzeitig haben Fische und Vögel seit alten Zeiten niemals das Wasser oder den Himmel verlassen.“

Diese Tiere leben in ihrem eigenen Element auf natürliche Weise. Sie verwirklichen sich so in ihrer Lebensart, also in ihrem Lebensraum und in dessen „Grenzen“, die sie aber nicht als einengend erfahren, sondern im Gegenteil als Raum für ihre Freiheit und als Grundlage ihrer Existenz. Wenn wir unsere wahren Lebensraum im Hier und Jetzt gefunden haben, sind wir frei.

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