Freitag, 6. August 2010

Die Vielfalt der Dinge und Phänomene (Dharmas) in unserem Leben


Dōgen sagt:


„Wenn wir hören wollen, wie die unzähligen Dharmas (Dinge und Phänomene) in ihrem natürlichen (Zustand) sind, sollten wir uns daran erinnern, dass die Qualitäten der Ozeane und der Berge zahllos und grenzenlos sind, unabhängig von ihrer runden oder eckigen Erscheinung, und dass es (andere) Welten in den vier Himmelsrichtungen gibt.“


Neben der (materiellen) Eigenschaft von Eckigkeit und Rundheit gibt es laut Dōgen unzählige weitere Merkmale und Qualitäten des Ozeans und der Berge. Damit wird deutlich, dass die eigenen Interessen und Gefühle leider meist einen erheblichen Einfluss auf unsere Wahrnehmung haben und verhindern, dass wir die Wirklichkeit hören oder sehen. Deshalb können wir den natürlichen Zustand der Realität nicht erfassen.


Außerdem weist Dōgen darauf hin, dass die Wirklichkeit eine unendliche Komplexität besitzt, die auch in der modernen Sozialwissenschaft von Niklas Luhmann betont wird. Wer sich über diese Komplexität nicht klar bewusst ist, wird zu voreiligen Schlüssen und vermeintlich logischen Erklärungen neigen, die jedoch meistens nur Scheinlösungen darstellen. Zudem beinhaltet das obige Zitat, dass wir selbst mit der nötigen Bescheidenheit und Redlichkeit vorgehen sollten, anstatt banale „Stammtischweisheiten“ zu verkünden oder ihnen zu glauben. Wichtig ist die eigene Einschätzung, ob eine gründliche Analyse stattgefunden hat oder ob wir aufgrund sehr magerer Ausgangsinformationen ein schnelles, meist emotionsgesteuertes Urteil fällen und uns damit zufriedengeben.


Nishijima Roshi ergänzt: „Wir sollten daher daran denken, dass das ganze Universum außerordentlich viele Merkmale hat, und sollten uns auch daran erinnern, dass es ähnliche Welten gibt, die sich unendlich in den vier Himmelsrichtungen ausdehnen.“


Anschließend hebt Dōgen hervor, dass diese Aussagen nicht nur für einen Menschen gelten, der an der ´Peripherie des Buddhismus´ lebt und handelt, also in den Buddha-Dharma noch nicht tiefer eingedrungen ist. Die dargestellte Vielfalt der Dinge und Phänomene ist kein Zeichen für den Zustand vor dem Erwachen oder Nicht-Erwachen, sondern gilt ganz allgemein. Er betont dabei den gegenwärtigen Augenblick der Wirklichkeit und „einen einzigen Tropfen (Wassers)“, für welche die obige Feststellung ebenfalls zutrifft.


Der gegenwärtige Augenblick hat für die Erfahrung der Wirklichkeit eine zentrale Bedeutung. Der Tropfen Wasser kann einmal materiell verstanden werden und gehört damit zur Welt der Dinge und Phänomene, die hier als Dharmas bezeichnet werden. Darüber hinaus kommt ihm jedoch symbolische und spirituelle Bedeutung für die Schönheit der Natur zu und er ermöglicht dem Mond, sich darin zu spiegeln. Dies ist im Zen das Symbol des Erwachens und Gleichgewichts.

1 Kommentar:

Renate hat gesagt…

So ein wunderschöner Artikel! ich mag so sehr über die gute und schöne Dinge im Leben lesen. Heute erinnert man sich an sie immer seltener.