Sonntag, 24. April 2011

Zazen ist mehr als der Fingerzeig auf den Mond

Dōgen arbeitet im Shôbôgenzô eindrucksvoll heraus, dass es auf dem Weg um die Wirklichkeit selbst geht, und fordert, dass man den Boden, die Steine, den Sand und die Kieselsteine wahrhaft und ganzheitlich erfassen muss. Selbst die berühmten Worte „Der Geist hier und jetzt ist Buddha“ zeigen nur auf die Wirklichkeit, sind also sozusagen nur


der Finger, der auf den Mond oder hier auf die Buddha-Wahrheit zeigt, nicht aber die Wirklichkeit selbst.


Gleiches gilt für die Aussage zum Zazen: „nur zu sitzen, bedeutet Buddha zu werden“. Damit sollen auf keinen Fall die buddhistische Lehre und die genannten berühmten Zen-Zitate abgewertet werden – ganz im Gegenteil. Aber sie sind der Wegweiser auf dem Buddha-Weg und nicht die Verwirklichung und das Erwachen selbst. So aussagekräftig und prägnant Worte auch sein mögen, wir sollten uns von ihnen nicht einfangen und von der Wirklichkeit des wahren Selbst, der anderen Menschen, der Umwelt und des Universums trennen lassen.


Für diesen ganz wichtigen Lernschritt empfiehlt Dōgen ohne jede Einschränkung die Zazen-Praxis. Wir müssen uns durch Handeln verwirklichen, das Vertrauen auf die wahre buddhistische Lehre ist dabei eine ganz wichtige Hilfe!


Um es noch einmal zusammenzufassen: Gedanken und Ideen sind etwas anderes als die buddhistische Wahrheit selbst, die wir selbst erfahren und erleben. Dōgen bezeichnet die Ideen gern als „Blumen im Raum“ und meint damit wundervolle Vorstellungen und Imaginationen, die wir – verbunden mit schönen Gefühlen – selbst in unserem Gehirn erzeugen. Dies erläutert er detailliert im Kapitel „Die wahre Bedeutung der Blumen im Raum“. In diesem Zusammenhang ist auch das Kapitel „Die Wirklichkeit des Mondes“ wichtig.


Die anderen bedeutenden theoretischen Inhalte der buddhistischen Lehre, zum Beispiel die Kette der zwölf Glieder von Ursache und Wirkung, stellen in diesem Sinne ebenfalls einen „Fingerzeig auf den Mond“ der Wirklichkeit dar, aber sie sind noch nicht die Wirklichkeit selbst. Wir können sogar endlos über theoretische Konzepte diskutieren und beispielsweise erörtern, ob es eine Buddha-Natur gibt oder nicht. Indem wir diese theoretischen Bereiche des Buddha-Dharma erlernen oder gar auswendig lernen, können wir uns die Wirklichkeit oder Wahrheit zwar vorstellen, aber nicht realisieren. Dazu ist vor allem die Praxis des Zazen und das großartige eigene Erleben erforderlich.


„Wenn wir auf der anderen Seite allein im Zazen sitzen, das hier und jetzt vollständig auf der authentischen Haltung des Buddhas beruht, und die unzähligen Dinge loslassen, dann überschreiten wir die Bereiche von Täuschung, Verwirklichung, Emotion und Denken. Wir werden nicht von den (Fragen und) Wegen des Gewöhnlichen und des Heiligen beunruhigt. Wir wandern sofort außerhalb der (engen gedanklichen) Grenzen und empfangen und nutzen den großartigen Zustand der Bodhi-Wahrheit. Wie könnte man das mit denjenigen Menschen vergleichen, die in der Falle der Worte gefangen sind?“

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