Dienstag, 8. September 2015

Die Fähigkeit und Kraft, den Geist der anderen zu kennen


Dieses Kapitel des Shōbōgenzō heißt im Japanischen Tashintsū. Ta bedeutet im Deutschen „die anderen“, shin heißt „Geist“, und tsū ist die Abkürzung von jinzū und lässt sich übersetzen mit dem Begriff „mystische Kraft“. Der Titel lautet also wörtlich: „Die (mystische) Kraft, den Geist der anderen zu kennen“.[i] Bereits in einem anderen Kapitel über diese mystischen, „übernatürlichen“ Kräfte des Lebens[ii] hat Dōgen klargestellt, dass sie für den wahren Buddhismus nicht von großer Bedeutung sind, obgleich sich manche Menschen solche Energien und Kräfte intensiv wünschen.

 Viele Märchen, Mythen und nicht zuletzt die modernen elektronischen Medien stellen solche großartigen Fähigkeiten und Leistungen bestimmter Helden oder Bösewichte in den Mittelpunkt und faszinieren damit ein großes Publikum immer wieder aufs Neue. Sicher möchte man manchmal gerne Gedanken lesen können, nicht zuletzt um herauszufinden, ob der andere die Wahrheit sagt oder etwas Wichtiges verbirgt. Aber sind solche wundersamen Fähigkeiten wesentlich für den buddhistischen Weg?

Dieses Kapitel ist eine wesentliche Klarstellung und Ergänzung zu Dōgens Ausführungen und Analysen über den Geist. Es beinhaltet eine Kōan-Geschichte über den Inder Sanzō, der nur vorgibt, den Geist eines Meisters zu kennen und erweitert damit die Analyse des Zen-Geistes um wesentliche Dimensionen. Das darin behandelte berühmte Kōan-Gespräch zwischen dem großen Meister Daisho und dem gelehrten indischen Mönch Sanzō wird auch an anderer Stelle des Shōbōgenzō untersucht Anhand dieses Gesprächs soll Dōgens hier ein umfassendes Verständnis des Zen-Geistes weiter herausgearbeitet werden.

Sanzō hielt sich am Hofe des chinesischen Kaisers auf und traf mit dem großen Meister Daisho zusammen, der für den Kaiser prüfen sollte, ob Sanzō den Geist anderer erkennen konnte, wie er selbst behauptet hatte. Daisho und Sanzō reden dabei aus meiner Sicht in grotesker Weise aneinander vorbei. Dadurch stellt Dōgen glasklar heraus, was das Besondere des umfassenden Zen-Geistes ist.

 Während der Inder Sanzō unter dem Geist bestenfalls nur die Fähigkeit begreift, die Gedanken oder Bilder im Gehirn eines anderen zu erkennen, besitzt Meister Daisho die umfassende Erfahrung und Praxis des Zen-Geistes, die Körper, Geist und die Welt einbeziehen und keinesfalls nur auf einzelne Gedanken und Bilder im Gehirn beschränkt sind.

In einigen esoterischen Gruppen besteht auch heute noch der verschwommene Glaube, dass durch intensive und ausdauernde Praxis die mystische Fähigkeit erlernt werden könnte, den Geist der anderen Menschen zu erkennen. Aber was ist der Geist, und ist er dasselbe wie Gedanken, Vorstellungen und Bilder? Sicher nicht.
Meister Daisho stellte Sanzō die scheinbar einfache Frage:

Sag mir, wo ich jetzt bin, (dieser) alte Mönch?“

Er geht hier gar nicht auf die behauptete Fähigkeit Sanzōs ein, zu erkennen, welche Gedanken, Vorstellungen oder Bilder sich im Geist Meister Daishos gerade befinden, sondern stellt eine scheinbar ganz allgemeine Frage. Es geht ihm zunächst offensichtlich nicht darum, die behauptete übernatürliche Fähigkeit zu prüfen, sondern er möchte die theoretischen und praktischen buddhistischen Grundlagen des Inders kennenlernen. Er möchte wissen, inwieweit bei Sanzō die Essenz des Buddhismus der eines wahren Zen-Meisters gleichkommt.

In Daishos scheinbar simplen Frage sind mehrere wichtige Teilfragen enthalten: Es geht um den Ort, wo sie sich beide befinden, um das Jetzt der Gegenwart und darum, was ein Mensch und Mönch wie Daisho wirklich ist. Dahinter verbirgt sich allerdings auch die Frage, inwieweit der Geist überhaupt erfasst werden und inwieweit dies in Worten ausgedrückt  werden kann.




[i] Shobogenzo, deutsche Fassung, Bd. 4, S. 127 ff. und englische Fassung, Bd. 4, S. 89 ff.
[ii] Kap. 25, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 221 ff.: „Die mystische Kraft des Lebens und Universums (Jinzū)“ 

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