Montag, 14. September 2015

Spielt der große Meister Daisho mit einem Affen?



Der indische Gelehrte Sanzō, der angeblich den Geist Anderer lesen konnte, fragte Daisho:

„Meister, ihr seid der Lehrer des ganzen Landes. Warum seid ihr zum Westfluss gegangen, um ein Bootsrennen anzusehen?“

Dabei unterstellt er, dass der Meister einem Bootswettbewerb zuschauen möchte und erweckt den Eindruck, dass er dies im Geist des Meisters „gelesen“ habe.
In dieser Kōan-Geschichte wird nicht erwähnt, wo sich die beiden gerade befinden und ob vor ihren Augen überhaupt ein Bootsrennen stattfindet.

Offensichtlich spielt dies für das Wesentliche des Kōans keine Rolle. Ich gehe allerdings davon aus, dass beide nicht direkt am Wasser standen, sondern dass Sanzō meinte, dies im Geist Daishos erkannt zu haben. Er antwortet also nur in einer konkretistischen und wie mir scheint hoch spekulativen Weise auf die umfassend gemeinte buddhistische Frage Daishos:

"Sage mir, wo ich jetzt bin, (dieser) alte Mönch?“

Diese Frage bezieht sich direkt auf die Kernpunkte des Zen – nämlich dass das Jetzt die Sein-Zeit und damit die Wirklichkeit ist, und dass die Frage, was ein Mensch wirklich ist, und vor allem der Geist des Meisters nicht intellektuell zu erfassen sind.

Bei wohlwollender Interpretation des Kōan-Gesprächs kann man sagen, dass Daisho zunächst die Grundlagen mit dem Inder Sanzō abklären wollte, um dann die eigentliche Frage anzugehen, was ein anderer Mensch im Geist des Meisters oder eines normalen Menschen erkennen könne. Aber Daisho kann mit dieser Antwort des Inders überhaupt nicht zufrieden sein und wiederholt daher seine Frage. Er erhält darauf eine ähnliche und daher genauso inhaltsleere Antwort:

„Meister, ihr seid der Lehrer des ganzen Landes. Warum seid ihr auf der Tientsin-Brücke, um (jemanden) zu beobachten, der mit einem Affen spielt?“

Damit wird der Dialog noch skurriler. Wir können sicher davon ausgehen, dass der Meister in diesem Augenblick, in dem er mit seinem Gesprächspartner aus Indien die Kernpunkte des Buddhismus klären wollte, nicht an einen Affen denkt. Was Sanzō mit seiner Frage ansprechen oder gar bewirken wollte, bleibt weitgehend unklar und wird im Kōan-Gespräch auch nicht erläutert.

Daisho wiederholt seine Frage noch ein weiteres Mal und erhält dann aber nach einer längeren Pause überhaupt keine Antwort mehr. Der indische Gelehrte ist offensichtlich total verwirrt. Daraufhin kritisiert Daisho ihn scharf und spricht ihm die Fähigkeit ab, den Geist anderer zu erkennen. Sanzō konnte noch kein tiefgehendes Gespräch über die buddhistische Lehre und den Geist im Sinne des Buddha-Dharma führen. Was ist die Bedeutung dieses Kōans?

Dōgen beginnt seine Analyse des Gesprächs mit der grundsätzlichen Absicht Daishos bei der Prüfung des indischen Gelehrten:

„Beim ersten Mal sagt der nationale Meister: ‚Sage mir, wo (dieser) alte Mönch genau jetzt ist.‘
(Dies) ist seine fundamentale Absicht zu fragen, ob Sanzō Augen hat, den Buddha-Dharma zu sehen und zu hören.“

Der Zen-Meister sucht also eine gemeinsame Basis des Verständnisses der buddhistischen Lehre und Praxis und prüft im gleichen Zug, ob der Inder diese Grundlagen überhaupt zur Verfügung hat, um die schwierige Aufgabe realistisch anzugehen, wie der umfassende Geist eines Zen-Meisters erkannt werden kann.


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