Montag, 19. Oktober 2015

Das ES begegnet uns unvermittelt



Durch die Worte von Herrigels Meister, „Es hat geschossen“, können wir besser nachvollziehen, wie sich das

ES bei der Zazen-Praxis ereignet, das über Worte und Denken hinausgeht,

aber gerade der umfassende Zen-Geist ist. Dieses ES wird vielleicht intellektuell als vage und nicht konkret fassbar empfunden, aber es ist genau die Wahrheit der buddhistischen Lehre,

denn das ES existiert in der Wirklichkeit.

Wenn man es erlebt, ist man locker, frei und klar, ohne lasch oder träge zu sein, und erlebt einen Zustand des Friedens und der Freude, wie Dōgen dies für die Zazen-Praxis und den Zen-Geist formuliert. Dieses ES oder die Wahrheit jenseits von Denken und Wahrnehmen oder von Worten und Sätzen geschieht je im gegenwärtigen Augenblick, hebt die Trennung von Subjekt und Objekt auf und löst damit auch die Grenzen des isolierten Ich auf, sodass sich die umfassende Einheit mit dem Universum verwirklicht, das große Mysterium unseres Lebens:

„Das Selbst empfängt das (wahre) Selbst.“

Ich möchte noch hinzufügen, dass wir auch in den westlichen Sprachen bestimmte Formulierungen haben, die für Situationen verwendet werden, in denen man nicht einfach ein Subjekt oder Objekt bezeichnen kann. Beispiele hierfür sind: es regnet, es schneit, es stürmt, es ereignet sich usw. Grammatikalisch gesehen gehören diese Formulierungen weder zum Aktiv, bei dem jemand etwas tut, noch zum Passiv, bei dem jemand etwas erleidet, sondern sie liegen in der Mitte.

 In einem solchen Augenblick gibt es kein Subjekt mehr, das handelt, und kein Objekt, mit dem etwas getan wird, denn eine solche Unterscheidung kann das Wesentliche dieser Wirklichkeit, die uns oft unvermittelt und unerwartet begegnet, nicht sinnvoll beschreiben. Die tiefe Wirklichkeit ist mehr als Subjekt und Objekt!

Der Augenblick des Abschießens eines Pfeils ist viel kürzer als ein Gedanke. Er entwickelt eine unmittelbare wirkliche Energie für Körper-und-Geist, die der Mensch direkt erfährt. Ist das ein kosmische Energie? Genau in diesem gegenwärtigen Augenblick offenbart und verwirklicht sich nach meinem Verständnis der Zen-Geist. Ein solcher Augenblick der Wirklichkeit, wenn uns der wunderbare und zugleich reale Geist begegnet und erfasst, besitzt eine direkte Klarheit, fast möchte ich sagen Selbstverständlichkeit:

Das ist es!“

Im nächsten Beitrag möchte ich die bisherigen Überlegungen zum Zen-Geist und zur unfassbaren Wirklichkeit des ES vertiefen und von einer Kōan-Geschichte über Daikan Enō, den wohl größten Zen-Meister vor Dōgen, berichten.


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