Montag, 5. Oktober 2015

Der Geist wandert gerade nicht in ferne Zeiten und Welten ab


Die Bilder im Geist des Menschen, die entstehen, wenn er im Gleichgewicht der Wirklichkeit ist,[i] werden je im Augenblick in der Einheit mit der wahrgenommenen Umwelt erzeugt. Sie sind also keine eingebildeten Illusionen oder Imaginationen, sondern die Wirklichkeit selbst ohne Dualität.

Sie sind dann real, weil der Geist nicht aus der Gegenwart und vom jeweiligen Ort in ferne Zeiten und Welten abwandert. Es sind keine ungenauen oder verzerrten Bilder der Erinnerung aus der Vergangenheit oder Vorstellungen von der Zukunft, die häufig mit der jetzigen Realität verwechselt werden und sich vor die Wahrnehmung der Bilder der jeweiligen Gegenwart schieben, indem sie diese verdecken oder verzerren.

Nishijima und Cross betonen, wie schwer es oft ist, diese beiden Typen von Bildern zu unterscheiden.[ii] Der gelehrte Inder Sanzō war sicher überhaupt nicht in der Lage, eine solche Unterscheidung zu treffen.

„Die Geist-Leser mögen die Bilder (zwar) verschwommen in den äußeren Umrissen mit der Wahrnehmung erkennen, die im Geist (der anderen) aufsteigen. Bei Abwesenheit (solcher) Bilder im Geist sind sie jedoch verblüfft (und hilflos), das muss lachhaft sein.“

Bekanntlich verschwinden Gedanken, Vorstellungen und Bilder gerade im Zustand des Zazen. Die bisweilen gepriesenen übernatürlichen Kräfte sollten daher aus Dōgens Sicht nicht weiter beachtet werden, und er erklärt zusammenfassend, „dass die Kraft, den Geist anderer zu lesen, nicht (einmal) die Außenbereiche der Weisheit Buddhas erreichen kann“. Deshalb sei der indische Gelehrte Sanzō ein gewöhnlicher Mann. Ein wirklicher Austausch, ein Dialog und eine wirkliche Begegnung mit dem Landesmeister seien daher unmöglich.

Mit Nachdruck erläutert Dōgen, dass Meister Daisho denselben Stand wie Gautama Buddha selbst erlangt habe; auch unter den Vorfahren im Dharma des alten China sei er ein ganz herausragender großer Meister. Eine mutige Aussage Dōgens, denn im Buddhismus wird Gautama Buddha häufig fast göttergleich und unerreichbar für alle anderen Menschen verehrt. Dies widerspricht allerdings der buddhistischen Grundlehre, dass jeder Mensch die Fähigkeit besitzt, die Wahrheit und Erleuchtung zu erlangen, also den Geist der Buddha-Natur verwirklichen kann.

Dōgen seine Überlegungen noch einmal zusammen: Die Kritik des nationalen Meisters Daisho an dem Gelehrten Sanzō sei vollkommen berechtigt, weil dieser niemals den Buddha-Dharma gesehen, gehört und gelernt habe. Er habe damit die große Chance vertan, selbst von Meister Daisho auf dem Weg des Buddha-Dharma zu lernen und sich auf seiner China-Reise von den dortigen Vertretern des Zen anregen zu lassen.
 Durch seine Anmaßung, selbst zu glauben und öffentlich zu verkünden, er könne den Geist des Landesmeisters erkennen, habe er sich vollständig ins Abseits gestellt. Es nütze ihm auch nichts, dass er aus Indien gekommen war, das im China der damaligen Zeit sehr geschätzt wurde, weil dort Buddha gelebt hatte und die Lehre von dort durch Bodhidharma in den Osten gebracht worden war.

„Wenn wir jetzt sagen, dass es die Kraft gibt, den Geist der anderen im Buddha-Dharma zu erkennen, muss es die Kraft geben, den Körper der anderen zu kennen, muss es die Kraft geben, die Faust (das Handeln) der anderen zu kennen, und es muss die Kraft geben, die Augen der anderen zu erkennen.“

Für Dōgen gibt es eine Einheit, welche die hoch entwickelten Zen-Meister, die zur Wahrheit gelangt sind, unauflösbar verbindet:

„Geist, Körper, Handeln und Erkennen mit den Augen müssen auf dem Buddha-Weg so weit entwickelt worden sein, dass (es möglich ist), einen anderen im Buddha-Dharma zu erkennen.“

Dies leuchtet auch unmittelbar ein: Wenn wir einem wahren Zen-Meister oder einer wahren Zen-Meisterin direkt begegnen, findet ein unmittelbares intuitives und klares Erkennen des Zustandes des anderen Menschen statt. Genau im Augenblick besteht dann eine Einheit zwischen den Menschen, also eine Verschmelzung des Geistes beider. Dadurch sind Dialoge möglich, die über die enge Bedeutung der Worte und Sätze hinausgehen. Der Dialog überschreitet dann die Grenzen der Worte und des üblichen Denkens. Der Austausch von Worten und Begriffen geht in einen Zustand einer höheren lebenden Einheit über, die durch Klarheit, Kreativität und hohe Relevanz für beide gekennzeichnet ist.

„(Weil) das so ist, muss es die Kraft geben, den eigenen Geist zu erkennen, und muss es die Kraft geben, den eigenen Körper zu erkennen. Wenn ein solcher Zustand schon besteht, mag die Selbststeuerung unseres eigenen Geistes nichts anderes als die Kraft sein, den eigenen Geist zu erkennen.“

Grundlage der Fähigkeit, den Geist anderer zu „erkennen“, ist die Fähigkeit, sich selbst klar zu erkennen, und zwar in der Ganzheit von Körper-und-Geist. Aber letztlich kann der Geist niemals vollständig erfasst werden.





[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 4, Seite 94, Fußnote 30
[ii] vgl. ZEN Schatzkammer, Bd. 3, Kap. 73, S. 111 ff.: „Die 37 Elemente des Erwachens (Sanjūshichi-bon bodai bunpō)

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