Freitag, 8. Januar 2016

Die Affen tragen den ewigen Spiegel


In einem anderen bekannten Kōan begegnen die beiden großen Meister Seppō und Sanshō E-nen einer Herde Affen, und der eine Meister sagt:

„Auch die Affen tragen den ewigen Spiegel auf dem Rücken.“

Was soll denn dass heißen? Das bedeutet laut Dōgen, dass auch die Tiere, also nicht nur der Mensch, den Geist der intuitiven Weisheit besitzen, auch wenn sie nicht sprechen und schreiben können und nicht, wie wir Menschen, über einen hoch entwickelten Verstand verfügen.

In der Äußerung über die Affen wird die hohe Wertschätzung deutlich, die im Buddhismus allen Lebewesen ohne Unterschied erwiesen wird: Alle sind „Buddha hier und jetzt“. Haben wir nicht oft bei Tieren den Eindruck, dass sie an einer höheren intuitiven Weisheit teilhaben als wir selbst?

Diese Geschichte besagt also gerade nicht, dass der menschliche Geist in jeder Hinsicht einzigartig und allem überlegen und der Mensch daher grundsätzlich wertvoller als die Tiere ist, sondern im Gegenteil: Die intuitiven Fähigkeiten der Affen werden mit dem ewigen Spiegel und dem intuitiven Geist in Verbindung gebracht. In gleicher Weise bezieht Dōgen in diesem Kapitel über die intuitive Weisheit andere Lebewesen ein, zum Beispiel: "Hat auch ein Hund die Buddha-Natur?"

Er verdeutlicht durch seine Gleichnisse, dass sowohl ein Kind, das nicht lesen und schreiben kann, als auch Tiere den Geist des ewigen Spiegels besitzen. Damit will er sagen, dass erlerntes Wissen und die Schärfe des Verstandes nicht allein das Wesentliche des intuitiven Geistes sind. Er warnt davor, voreilig und unbedarft „schöne“ Begriffe zu verwenden und diese mit der intuitiven Weisheit selbst gleichzusetzen.

Es besteht immer die Gefahr, dass Worte und Begriffe sich verselbstständigen und ein gefährliches Eigenleben in der Kommunikation entwickeln. Dies bringt uns nicht der Wirklichkeit und Wahrheit näher, sondern führt uns weiter oft von ihr fort. Gerade psychische Probleme dürfen nicht durch falsche oder ungenaue Begriffe, die vielleicht sogar durch Scheinmoral legitimiert werden, verdeckt werden. Nur wenn es gelingt, die problematische psychische Wirklichkeit so klar wie möglich zu erkennen und zu benennen, kann ein Lösungsweg gefunden werden.

Gleichwohl hält Dōgen Fragen und Antworten zum Buddha-Dharma für außerordentlich wichtig, vorausgesetzt man ist sich darüber im Klaren, welche Grenzen und Möglichkeiten dabei bestehen. Denn wenn man sich wichtigen Fragen nicht stellt und keine Antworten sucht, bleibt vieles ungeklärt und beliebig: Der Körper-und-Geist bleibt unklar und verschwommen.

Dabei schätzt Dōgen das gütige und zugewandte Verhalten der buddhistischen Meister auch bei törichten oder sogar unverschämten Fragen, denn die Meister lassen sich nicht provozieren, und es liegt ihnen fern, den Fragenden wegen seines eventuell ungebührlichen Verhaltens zu erniedrigen und abzustrafen. Das bringt wirklich niemanden etwas.

Es zeigt wohl eher, dass der sog. Meister selbst narzistische Probleme hat. Ist er dann überhaupt eine Meister? Aus meiner Sicht gerade nicht!


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