Dienstag, 26. Januar 2016

Dogens existentielle Frage: Unsere Buddha-Natur





Was ist die Buddha-Natur? Und warum müssen wir überhaupt intensiv und ausdauernd praktizieren, wenn die Buddha-Natur unser wahres Wesen ist? Das behaupteten damals namhaft Buddhisten. Diese Fragen waren für Meister Dôgen von existenzieller Bedeutung und wurden zum zentralen Bezugspunkt in seinem Leben.

Er hatte ein schweres persönliches Schicksal, denn als er erst zwei Jahre alt war, starb sein Vater; er konnte sich nicht mehr an ihn erinnern. Leider starb auch seine Mutter, als er erst sieben war. Mit ihr war er sehr eng verbunden – nicht zuletzt, weil sie wohl nicht mit Dôgens Vater verheiratet gewesen war und er deshalb nicht als eheliches Kind angesehen wurde. Seine Mutter förderte ihn sehr, er scheint ein ungewöhnlich intelligentes und sensibles Kind gewesen zu sein

Es heißt, dass er bereits in sehr jungen Jahren fließend Chinesisch lesen und schreiben konnte und in dieser Sprache sogar Gedichte verfasste. Ich vermute, dass er durch den Tod seiner Mutter unausweichlich mit den existenziellen Fragen des Lebens konfrontiert wurde. Daraus muss sich auch die eindringliche Suche nach der Erkenntnis über die Buddha-Natur ergeben haben.

Schon mit zwölf Jahren trat Dôgen in ein Kloster ein, in dem das Lotos-Sûtra die wesentliche Grundlage des Buddha-Weges bildete. Man könnte annehmen, dass sich in dieser Umgebung jemand gefunden hätte, der ihm seine Fragen nach der Buddha-Natur umfassend und zufriedenstellend beantworten konnte. Dies war aber wohl nicht der Fall.

Als Mönch befragte er laut Überlieferung die berühmtesten buddhistischen Äbte und Meister seiner Zeit, er studierte zudem die vorhandene buddhistische Literatur mit aller Gründlichkeit, aber auf seine Frage nach der Wahrheit der Buddha-Natur erhielt er damals in Japan keine Antwort.

Zu dieser Zeit kehrte der erste Japaner als Zen-Meister aus China zurück, denn bis dahin waren der Zen-Buddhismus und vor allem die Zen-Praxis und die einfache direkte buddhistische Lebensweise des Zen in Japan noch unbekannt gewesen. Dôgen hoffte nun, die Wahrheit der Buddha-Natur mithilfe des Zen-Buddhismus zu finden.

Er beschäftigte sich intensiv mit den neu in Japan gelehrten Kôans des Zen. Schließlich reifte bei ihm der Plan, selbst nach China zu reisen, um dort bei den großen Meistern zu erfahren, was die Buddha-Natur sei. Sein damaliger Meister Myozen, der der Rinzai-Linie des Zen angehörte, entschloss sich, mit ihm zusammen die damals nicht ungefährliche Schiffsreise nach China zu unternehmen, um dort nach der Wahrheit des Buddha-Weges zu suchen. Leider starb Meister Myozen während des Aufenthalts in China.

Dôgen war 25 Jahre alt, als er in China ankam und sich auf die Suche nach einem Kloster und einem Meister machte, um den Zen-Buddhismus sorgfältig zu erlernen und das Wesen der Buddha-Natur zu ergründen. Bald musste er jedoch enttäuscht feststellen, dass in vielen Klöstern in China der Buddhismus bereits im Niedergang begriffen war. So schwand seine Hoffnung, hier die Antwort auf seine Fragen zu finden.

Er war bereits wieder auf dem Heimweg nach Japan – so wird berichtet –, als er ein Kloster zum zweiten Mal besuchte, das er schon kurz nach seiner Ankunft kennengelernt hatte. Dort fand er endlich für sich den Meister Tendô Nyojô, der auf ganz überraschende und verblüffende Weise das mit dem Intellekt nicht zu lösende Geheimnis der Buddha-Natur klärte.

Allein durch das Studium der buddhistischen Texte, durch Überlegungen und tiefgründige Dialoge mit anderen Meistern ist die ureigene Erfahrung des Mysteriums der Buddha-Natur nämlich nicht zu verstehen, sondern nur in der Einheit von Körper-und-Geist im lebendigen Strom des Lebens und der Praxis – und nicht zuletzt durch

die Zazen-Meditation, bei der man Körper und Geist gleichsam „fallen lässt“, das Bewusstsein also von Denken und Emotionen entleert wird.


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