Dienstag, 8. März 2016

Die Wirklichkeit der Buddha-Natur

(Nishijima Roshi)


Nach Dôgens Lehre gibt es vier Phasen oder Sichtweisen auf dem Buddha-Weg: Idealismus, Materialismus, Lehre des Handelns und die Erleuchtung. Die höchste Phase der Erleuchtung ist unauflöslich mit der Wirklichkeit der Welt, der Buddha-Natur und unseres Lebens verknüpft.
Die Sichtweisen des Idealismus und Materialismus sind für das Verständnis der Buddha-Natur zwar wichtig, aber sie decken nur einen Teilbereich ab. Als polare Lebensphilosophien, die sich fundamental widersprechen, sind sie für ein Leben im Gleichgewicht auf dem lebendigen Mittleren Weg wenig geeignet. Deshalb werden diese beiden entgegengesetzten Gesichtspunkte im Buddhismus in einer dritten, realistischen Sichtweise zusammengeführt: der Lebensphilosophie des wahren Handelns, die eine praktikable Synthese schafft. Nach meiner festen Überzeugung schließen diese drei grundlegenden philosophischen Standpunkte alle existierenden philosophischen Systeme der Welt ein. Jedes System kann daher einer dieser drei Kategorien zugeordnet werden.
Gautama Buddha war der erste Mensch, der eine sehr einfache, aber wichtige Tatsache herausarbeitete und auf dieser festen Grundlage seine Lehre und Praxis aufbaute. Er bestand darauf, dass wir nicht entsprechend einem philosophischen System des Denkens und der Theorie leben, sondern in der wirklichen Welt selbst. Obgleich dies eigentlich eine offensichtliche und selbstverständliche Schlussfolgerung ist, glauben dennoch viele Menschen, dass die wirkliche Welt, in der wir leben, dieselbe sei, die wir in unserem Kopf aufbauen. So haben sie vielleicht eine feste Vorstellung von einer ganz wunderbaren Buddha-Natur und verfehlen aber damit gerade das existenziell Wesentliche. Andere vertrauen auf die materielle Welt, die wir direkt mit unseren Sinnen wahrnehmen, und halten sie für die ganze Wirklichkeit. Die überwiegende Mehrheit der Menschen nimmt entweder die eine oder andere dieser Positionen und Weltanschauungen ein. Das bedeutet, dass sie bewusst oder unbewusst entweder an den Idealismus oder an den Materialismus glauben.
Eine vergleichbare Situation existierte im alten Indien. In der Auseinandersetzung damit erkannte Gautama Buddha, dass alle Menschen tatsächlich in der realen Welt leben. Große Wahrheiten sind oft ganz einfach! Und er sah, dass die Menschen dazu neigen, fälschlich die Repräsentation der Welt, die sie in ihrem Gehirn gebildet haben, als die wirkliche Welt selbst zu nehmen, oder zu denken, dass die Welt, die ihre Sinne wahrnehmen, die gesamte existierende Welt sei. Beide Ansichten sind jedoch nur Theorien im Gehirn und nicht die Wirklichkeit.
Gautama Buddha wurde nicht müde, darauf zu drängen, genau diese wirkliche Welt, in der wir leben, zu sehen und zu erfahren. Sein ganzes Leben widmete er der Aufgabe, die Menschen dies zu lehren. Er erklärte, dass es für uns notwendig ist, die intellektuellen Gedanken zu überschreiten, um zu erkennen, dass wir in der Wirklichkeit leben.
Und diese Wirklichkeit ist das eigentlich Wunderbare, sie ist die Buddha-Natur.


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