Mittwoch, 23. Juli 2008

Fragen zur Wirklichkeit im Kapitel Genjo Koan

element hat gesagt…
Hallo Herr Seggelke,

Danke für ihre Antwort. Leider kann ich nicht zum nächsten Gesprächskreis nach Frankfurt kommen.

Ich habe mich vor Kurzem mit jemanden über die 4 Sichtweisen von Meister Nishijima unterhalten, die am Anfang des Genjo Koan stehen. Er interpretierte die Sätze anhand des Herz Sutras und meinte, dass der erste Satz die Sichtweise/Perspektive:

[1.Wenn alle Dharmas (, die Wirklichkeit) als der Buddha-Dharma ( also die Buddha-Lehre gesehen werden), dann gibt es Täuschung und Verwirklichung, gibt es Praxis, gibt es Leben und Tod, gibt es Buddhas und gewöhnliche Wesen.]für Shiki,

der zweite Satz: [2. Wenn die unendlich vielen Dharmas alle nicht von dem Selbst sind, gibt es keine Täuschung und keine Verwirklichung, keine Buddhas und keine gewöhnlichen Wesen, kein Leben und keinen Tod.]für Ku stehe (aufgrund des „nicht vom Selbst“ sein, „nicht Ich“ seins).

Mich würde interessieren was sie dazu sagen würden? Ku ist doch bei Meister Nishijima der 4 Satz?Die Sätze 3 und 4 konnte er auf die Schnelle nicht interpretieren, war aber überzeugt, dass das Herz Sutra als Interpretationsgrundlage am geeignetsten wäre.

[3. Buddhas Wahrheit überschreitet von Anfang an Überfluss und Mangel und daher gibt es Leben und Tod, Täuschung und Verwirklichung, gewöhnliche Wesen und Buddhas (als Wirklichkeit).

4. Und obgleich dies so ist, wie es ist, geschieht es nur, dass die Blumen fallen, während sie geliebt werden, und das Unkraut wuchert, während es gehasst wird.]

Dann noch eine Frage, wie ist Meister Nishijima bei der Interpretation des 3 Satzes auf das Handeln gekommen, wird doch das Handeln hier gar nicht ausdrücklich erwähnt?

Vielen Dank,
Markus


Lieber Markus,

vielen Dank für Ihre ausführliche Frage. Leider komme ich erst jetzt dazu, meine Interpretation zu übermitteln. Ich bitte dafür um Entschuldigung.
Ich möchte aus meiner Erfahrung mit Dogens Shobogenzo und auf Grund der vielen Gespräche mit Nishijima Roshi antworten, dabei erscheint mir die folgende Interpretation am treffendsten:

Aus meiner Sicht wird das Herz-Sutras meist zu theoretisch und verstandesmäßig interpretiert. Es ist auch nicht paradox oder unlogisch. Es überschreitet aber die Ebene des denkenden Verstandes und des Redens und ist aus dem Gleichgewicht des Zazen und der damit verbundenen unmittelbaren praktischen Erfahrung zu „erfassen“. Dogen sagt: „Zazen ist das Tor des Friedens und der Freude zum Dharma“. Dies ist der höchste Zustand, wo es keine Trennung von Subjekt und Objekt mehr gibt und sich ein Zustand ruhiger klarer Freude einstellt. Dies ist das „Anschlagen der Glocke, deren Ton dann durch den Tag geht“ und weiter wirkt. Es ist die Einheit mit der Wirklichkeit.

Zwischen dem Herz-Sutra und dem Shobogenzo kann es überhaupt keinen Unterschied geben, da beide m. E. den wahren Buddhismus lehren. Man kann also das eine für die Interpretation des anderen und umgekehrt heranziehen.

Für mich steht es außer Zweifel, dass diese wahre und umfassende Wirklichkeit, so gut es mit Worten halt geht, im Satz 3 von Dogen ausgedrückt wird. Diese Ebene ist nicht nur die Lehre und Theorie des Buddhismus, sondern die wunderbare Wirklichkeit und Freiheit selbst, die man im Handeln selbst erfährt. Dabei sind die Bewertungen von Überfluss und Mangel sinnlos und verschwunden und es gibt die Buddhas wirklich und sie sind nicht nur eine gut ausgedachte Lehre und Vorstellung. Damit ist Satz 3 aus meiner Sicht die zentrale Aussage dieses Kapitels.

Im Zen-Buddhismus ist die Klarheit des Unterschiedes von Vorstellungen, Denken und Lehre einerseits und der Wirklichkeit andererseits von größter Bedeutung. Dies ist der Unterschied von Satz 1 und Satz 3. Wenn man dies erkannt und erfahren hat, kann man auch den großen Wert der Lehre richtig einschätzen. Denn wie könnten wir heute den Buddhismus erlernen, wenn wir nicht die aufgeschriebene und gesprochene Lehre hätten, die Dogen z. B. an uns gegeben hat? Aber es ist zunächst nur eine großartige Lehre.

Im Satz 4 macht Dogen einen Link zum „normalen“ Menschen, und rät uns zum mittleren Weg. Dass wir also keine große Trauer empfinden, wenn die schönen Blüten verwelken und abfallen und das Unkraut gegen unseren Willen wächst. Wenn die Blüten da sind, können wir uns freuen. Dies meint er real für die äußere Umwelt, aber sicher auch für unsere psychische Wirklichkeit, und dies gelingt in der vierten Phase oder Lebensphilosophie.

Wir kommen nun zu den Sätzen 1 und 2. Was könnten sie bedeuten?
Dogen ist immer sehr kompakt und logisch. Nach meiner Erfahrung entwickelt er seine Themen über verschiedene Stufen und Sichtweisen. Am Ende der Aussagen oder Kapitel beschreibt er dann meistens den höchsten Zustand des Erwachens und damit der vierten Lebensdimension. Daher glaube ich nicht, dass er schon im Satz 1 diesen höchsten Zustand meint, sondern dass er zunächst die buddhistische Lehre, also den Buddha-Dharma, anspricht. Denn dieser ist in der Tat von ganz großer Bedeutung und für uns alle meist der Anfang des Buddha-Weges.

Ich glaube auch nicht, dass er zwei Mal das selbe sagt, dies wäre eine schlichte Wiederholung des selben Inhalts. Nach der buddhistischen Lehre gibt es bekanntlich Täuschung und Verwirklichung und Buddhas, gewöhnliche Wesen und Dämonen. Dies ist nach Nishijima Roshi also die idealistische Sicht.

In vielen Koan-Geschichten versuchen die Meister ihre Schüler durch den Bezug zur konkreten physischen Wirklichkeit des Hier und Jetzt aus ihren „Denknestern“ und „schwarzen Höhlen“ des spekulativen Denkens zu befreien. Dies ist ein ganz wichtiger Schritt gerade für spirituell begabte Menschen, die leicht „abheben“ und in Fantasien wegträumen: „Don´t think far!“

Dies ist die Aussage des Satzes 2, der die nüchterne objektive Beobachtung beschreibt. Dabei geht es um die einfache unverstellte physische Außenwelt der Wahrnehmung, die unabhängig von uns selbst und unseren Interpretationen "objektiv" da ist. Z. B. sind die Mathematik und Gesetze der Naturwissenschaft unabhängig von uns selbst als Individuen immer richtig. Sie sind daher nicht vom Selbst. Dann kann es aber keine Buddhas und gewöhnliche Wesen geben. Da alles aus Molekülen und Atomen besteht, können dies auch nicht verschwinden, denn sie werden nur umgewandelt und bleiben in der Welt erhalten. Das ist die materialistische Sicht.

Wenn man diese Lebensdimension nicht verwirklicht, schafft man sich unvermeidlich Probleme im Alltag und kann den Buddha-Weg nicht weitergehen. Diese Dimension ist also die Voraussetzung für das Erwachen. Nach Nishijima Roshi bleiben leider viele Buddhisten auf der ersten idealistischen Stufe hängen und kommen nicht zur zweiten der physischen Wirklichkeit und der dritten des praktischen Handelns.

Dann kann die Wirklichkeit der vierten Stufe aber leider nicht erreicht werden und das Erwachen ist nicht wirklich sondern nur gedacht oder eingebildet. Ein solcher Buddhist verbleibt also in der idealistischen Phase 1, ohne dass er dies allerdings oft selbst zu merkt.

Das Handeln ist implizit in Satz 3 angesprochen, da es Voraussetzung für die Phase 4 ist. Im Kapitel Genjo Koan wird es in einem gesonderten folgenden Abschnitt vertieft behandelt.

Herzlich
Yudo

Kommentare:

element hat gesagt…

Hallo Herr Seggelke,

Danke für die nochmalige Erklärung der einzelnen Sätze. Ich glaube ich habe die Probleme, die ich beim zweiten Satz hatte, jetzt gelöst.

„Das Handeln ist implizit in Satz 3 angesprochen, da es Voraussetzung für die Phase 4 ist. ..."

Die Interpretation des 3 Satzes als Handeln wird wohl nur aus dem Gesamtverständnis und persönlicher Erfahrung erkennbar, Mangels dessen kam meine Frage.

"... Im Kapitel Genjo Koan wird es in einem gesonderten folgenden Abschnitt vertieft behandelt.“

Meinen sie damit den direkt folgenden Abschnitt: „Es ist Täuschung …“ oder einen anderen?

Vielen Dank,
Markus

Regina hat gesagt…

Hallo,

beim Lesen des vorigen Beitrages über Dharani ist mir die Erwähnung der Niederwerfung immer in Richtung Norden aufgefallen. Diese Himmelsrichtung wird auch in einem Koan erwähnt, in dem es heißt, es wäre so als wenn man nach Norden fahren möchte und den Wagen nach Süden steuert.

Ich habe mich immer gefragt, ob dies wohl mit irgendwelchen in China im Norden oder Süden des Landes anzutreffenden Schulen in Zusammenhang steht oder einfach nur irgendwelche Gegensätze ansprechen soll.

Beim Lesen des Bodhicaryavatara von Shantideva habe ich nun eine Erklärung gefunden, die vielleicht auch andere hier interessiert:

In Kapitel 10, in welchem das durch diesen Text angesammelte Verdienst dem Wohl aller Lebewesen zukommen soll, wird den Pretas (bemitleidenswerte Geschöpf oder hungrige Geister)gewünscht, sie mögen die Freude der Bewohner des nördlichen Kontinents teilen.

Als Erklärung wird erwähnt, dass Uttarakuru nach buddhistischer Kosmologie im Norden angesiedelt ist und auch als Kontinent des erfreulichen Klanges sowie als Kontinent der Harmonie und des Wohlstands bezeichnet wird. Unsere Welt der menschlichen Wesen ist der Kontinent im Süden (Jambudvipa).

Gruß Regina