Samstag, 5. Juli 2008

Der heilige Arhat im Buddhismus

In diesem Kapitel 34 (Arakan) beschreibt Dogen die höchste buddhistische Stufe der sogenannten Hörer (shravaka) des Theravada-Buddhismus.
Im Mahayana-Buddhismus, der im nordöstlichen Asien, also China, Korea, Japan und im nördlichen Teil von Vietnam verbreitet ist, wurde und wird manchmal der Theravada-Buddhismus, der auch Hinayana genannt wird, kritisiert und abgewertet. Im Mahayana gibt es vor allem das Ideal der Verwirklichung als Bodhisattva, der für andere handelt, um sie zu retten bevor er selbst die höchste Form des Nirvana erreicht hat. Dogen hat den Bodhisattva eingehend im Kap. 33, „Der Bodhisattva des großen Mitgefühls und des Helfens“, das diesem vorangeht, beschrieben.

Für ihn gibt es nur einen einzigen ungeteilten Buddhismus, und er lehnt daher die Trennung von Mahayana und Hinayana grundsätzlich ab, so wie er auch andere sich isolierende Schulen im Buddhismus kritisiert. Nach Dogen gibt es nur eine einzige buddhistische Lehre und Praxis, die sich auf Gautama Buddha selbst zurückführt, sodass er gegenseitige Abgrenzungen oder gar Konkurrenzkämpfe und Feindschaften buddhistischer Schulen völlig abwegig findet.

Die höchste Stufe der Verwirklichung des Arhat ist nach Dogen dadurch gekennzeichnet, dass dieser ganz in der Wirklichkeit des Hier und Jetzt lebt und handelt. Er beschränkt sich nicht auf die buddhistische Theorie und deren intellektuelle Diskussion. Dogen sagt wörtlich:

"Ein großer Arhat ist die höchste Stufe eines Menschen, der Buddha erforscht und ergründet hat, weil er alles Überflüssige vollständig abgelegt und alle Hindernisse ganz beseitigt hat, weil er ein Mensch ist, der sich selbst ordnet und achtet, weil er sich von allen Fesseln der Existenz erlöst und seinen Geist befreit hat."

Wer alles Überflüssige hinter sich gelassen hat, konnte dies durch lange Übungspraxis verwirklichen und gleicht damit "einer alten Holzkelle", die vielfach und lange Jahre benutzt wurde und vielleicht nicht einmal mehr einen Stiel besitzt. Durch die lange Übungspraxis hat sich ein solcher Mensch von vorgefassten und einengenden Gedanken und Gefühlen vollständig befreit und lebt ganz im Augenblick der Gegenwart. Er ist durch sein Denken nicht programmiert, sondern setzt es so ein, wie er es für das tägliche Handeln benötigt. Er kann also

"mühelos aus dem Denken herauskommen und in das Nichtdenken hineingehen".

Dasselbe gilt für den umgekehrten Vorgang, um aus dem Nichtdenken bewusst und sinnvoll in das Denken zu gelangen. Damit erklärt Dogen ganz klar, dass man das Denken nicht verteufeln darf, wie dies zum Teil im Zen-Buddhismus geschieht, aber es auch nicht glorifiziert, wie es beim intellektuellen Idealismus anzutreffen ist. Dabei werde der Verstand weit überschätzt. Denn das Denken ist nach Dogen zwar ein sehr wichtiges Instrument unseres Lebens, aber nicht die Lösung für alle und gerade nicht für psychische Probleme und für die Überwindung des Leidens. Nach der buddhistischen Lehre ist es notwendig eine klare Intuition zu erlernen, indem die Trennung von Subjekt, Objekt und Welt aufgehoben wird.

Dies sei der natürliche Zustand der auf dem buddhistischen Weg für jeden erlernt werden kann und der durch die buddhistische Lehre, die Zazen-Praxis und einen guten Lehrer gefördert wird. In einem solchen Zustand des Gleichgewichts oder der Leere wird die Welt so gesehen und erfahren, wie sie wirklich ist. Dogen beschreibt dies, wenn er sagt:

"Ein hoher Ort ist auf natürliche Weise hoch und ein tiefer Ort auf natürliche Weise tief."

Dies ist nicht so banal, wie es vielleicht zunächst erscheint.
Es wird also nichts schön oder schlecht geredet, sondern alles wird so erfahren und gesehen, wie es wirklich ist. Dogen sagt hierzu:

"Ihr solltet die wunderbaren Kräfte, die Weisheit, das Gleichgewicht beim (Za)Zen der Dharma-Reden, die Unterweisungen und die strahlende Klarheit eines Arhats niemals den Fähigkeiten der Nicht-Buddhisten und der himmlischen Dämonen gleichsetzen."

Damit unterstreicht er seine hohe Wertschätzung für den Buddhismus und die höchste Stufe des Arhat im Theravada als Verwirklichung auf dem Buddhaweg.
Er wendet sich dann dagegen, dass ein Arhat nur theoretisiert und zuhört, sondern er sagt, dass dieser durch sein Handeln zum Kern des Buddhismus vorgedrungen ist:

"Deshalb ist (sein Handeln) der wunderbare Geist des Nirvanas."

Dies sieht Dogen bekanntlich nicht als etwas Jenseitiges an, das unserer Welt und unserem Leben gegenübersteht, sondern für ihn ist das Nirvana bereits in diesem Augenblick und hier in diesem Universum verwirklicht, wenn jemand erwacht ist und im Gleichgewicht lebt und handelt. Er zitiert einen alten Meister:

"Jetzt sind wir wahre Arhats und bewirken, dass alle (Menschen) die Stimme der Buddha-Wahrheit hören."

Damit wird der trennende Unterschied von Mahayana und Hinayana überwunden. Das Hören ist ein umfassendes ganzheitliches Handeln, das die Trennung von Mensch und Universum verlassen hat. Es geht dabei nicht um kluge Worte und die Theorie allein, sondern um das Gleichgewicht des Augenblicks im Hier und Jetzt. Dogen formuliert dies wie folgt: Die Aussage des alten Meisters bedeutete nicht,
"dass ihr die ganze Welt nur als etwas Gehörtes erfahrt und erforscht."
Letztlich kann nach Dogen nur ein Buddha, also ein Erwachter einen anderen Buddha erkennen und diese Form ist die Wirklichkeit selbst. Bodhisattva und Arhat werden auf die gleiche Stufe gestellt. Dogen sagt dazu:

"Wer sich selbst als einen Bodhisattva oder als einen Buddha sieht, muss auf der gleichen Stufe stehen wie jemand, der sich selbst Arhat oder Pratyekabuddha nennt.“

Dogen zitiert hierzu einen anderen Meister der sagte: "Arhat ist in den Sutras der Shravakas der Name für den Zustand eines Buddhas." Mit diesen Kernsätzen wendet sich Dogen entschieden gegen eine Abwertung des heiligen Arhat und überwindet alle trennenden Grenzen zwischen Mahayana und Theravada. Er sagt damit nichts anderes, als dass der Zustand des Buddhas gleichzeitig die Arhatschaft ist.

Dogen warnt davor, dass die Mönche und Nonnen sich nur einbilden, dass sie die Arhatschaft schon erlangt haben und "den letzten Körper und das höchste Nirvana" bereits erreicht haben. Wichtig sei es, volles Vertrauen in die buddhistische Lehre zu haben und das heißt, dass wir praktizieren. Dogen sagt dazu:

"Das höchste und vollkommene Erwachen zu suchen und zu wollen bedeutet, die buddhistische Sicht zu erlernen, vor einer Wand zu sitzen und das Auge (der Weisheit) vor einer Wand zu öffnen."

Damit wird auf die Zazen-Praxis verwiesen, die auch für den Arhat von zentraler Bedeutung auf dem Buddhaweg sei. Dann wird der Alltag angesprochen, in dem man mit einfacher Reisnahrung zufrieden ist. Er zitiert den Meister Engo Kokugon, der von der Bescheidenheit spricht, dass ein alter Mönch, der lange praktiziert hat und die Gebote einhält, auf natürliche Weise in Harmonie mit "dem Zustand ist, den (die Buddhas) erfahren haben“. Nachdem er dieses intensiv praktiziert habe, wolle er dann die anderen Menschen lehren, wenn ihm noch Kraft dazu bleibt. Er sagt:

"Aber wenn Frost und Tau das Reifen der Frucht vollendet haben und ich durch mein ständiges Bemühen doch in der Welt (als Meister eines Klosters) erscheinen und den Umständen entsprechend den Menschen und Göttern dienen werde, wird mein Geist trotzdem niemals nach Gewinn streben. "

Am Ende dieses längeren Zitats sagt Zenmeister Engo Kokugon:

"Dann bin ich ein Arhat, der über den Staub der Welt hinausgegangen ist." Damit hat dieser chinesische Zen-Meister, den man eigentlich dem Mahayana-Buddhismus zuordnet, ganz klar die Gleichheit mit dem Arhat des Theravada-Buddhismus ausgedrückt.

Dogen geht anhand eines weiteren Zitats eines alten Meisters darauf ein, dass es wichtig sei, keine materiellen Dinge oder geistige Phänomene zu begehren. Dies werde von den Augen, Ohren, der Nase, der Zunge, dem Körper und dem Bewusstsein eventuell hervorgerufen, denn das Begehren ist häufig mit der sinnlichen Wahrnehmung verbunden. Er betont, dass die Freiheit von Gier ein ganz natürlicher Zustand sei, dass also nicht mit aller Gewalt die Gier unterdrückt und bekämpft werden solle, sondern dass sich dies sozusagen automatisch beim Zustand des Arhat einstellt.

Auch Nishijima Roshi erklärt häufig, dass sich ein natürlicher Handlungsraum auf dem Buddhaweg durch eine nachhaltige Zazen-Praxis eröffnet und dass Entscheidungen und Handlungen im Einklang mit der Natur des Universums, dem Buddha-Dharma und nicht zuletzt der Moral sind. Dies sei die "vierte Wirkung", die in Buddhas Sutras beschrieben wird. Dogen sagt dazu:

"Ihr verwirklicht alles vom höchsten Gipfel bis zum tiefsten Grund, und es bleibt nichts Überflüssiges."

Wie kann man den Zustand eines Arhat letztlich ausdrücken? Dies ist zwar möglich, und wir könnten sagen:

"Wenn ein Arhat ein gewöhnlicher Mensch ist, wird er von allen Dingen und Phänomenen behindert. Wenn ein Arhat ein Heiliger ist, wird er durch alle Dinge und Phänomene befreit."

Am Ende des Kapitels betont Dogen ausdrücklich, dass die Praxis auch für den Arhat von entscheidender Bedeutung ist, dass also der Begriff „Hörer“ eigentlich irreführend sei. Das Hören beschränkt sich dabei keinesfalls nur auf die sinnliche Wahrnehmung sowie Wörter und Sätze, sondern es umfasst den ganzen Menschen, der zu seinem eigentlichen natürlichen Zustand gefunden hat.

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