Donnerstag, 26. Juni 2008

Leben-und-Tod und die Befreiung im Buddhismus

In dem kurzen aber außerordentlich wichtigen Kapitel über Leben und den Tod in der Wirklichkeit des Buddhismus (Kap. 92, Shoji ) beschreibt Dogen sein Verständnis dieses wichtigen Themas. Der Tod wird bekanntlich in der modernen westlichen Welt wenig behandelt und ist weitgehend tabuisiert.


Er wird als große Katastrophe des Lebens gekennzeichnet und aus dem Leben weitgehend verbannt. Nur in der virtuellen Schein-Welt der Medien von Film, Fernsehen und Playstation werden Morden und Sterben verfremdet und sensationell hergerichtet zur alltäglichen Unterhaltung dargeboten. Die Gedanken von Alter und Tod sind in einer materialistischen auf die Jugend fixierten Lebenswelt in der Tat schwer zu ertragen und werden folgerichtig aus dem Alltag weitgehend ausgeblendet. Kann hier die Lehre Gautama Buddhas Lösungen anbieten, die das damit verbundenes psychische und physische Leiden überwinden oder zumindest erträglich machen? Dies war eine zentrale Schicksalsfrage des jungen Gautama, die ihn schließlich in die Hauslosigkeit gehen ließ, indem er sein angenehmes und wohlhabendes Leben beendete.

Dogen bearbeitet dieses Thema auf der Grundlage seiner umfassenden buddhistischen Praxis und Lehre, die in anderen wesentlichen Kapiteln seines vierbändigen Werkes Shobogenzo dargelegt werden. Gerade bei der stark mit Emotionen und Ängsten besetzten Frage des Todes und des leidvollen Lebens sagt er, dass ein intellektuelles nur theoretisches Verstehen dessen, was Tod und Leben ist, unzureichend sei. Leben und Tod seien im Hier und Jetzt eingebettet und die Wirklichkeit in unserem täglichen Leben und Handeln selbst. Vor allem geht es ihm darum, dass Leben und Tod in der ganzen Wirklichkeit nur im Augenblick der Gegenwart geschehen und dass Vorstellungen, Gefühle, Ängste und Worte nicht mit der Wirklichkeit verwechselt werden dürfen.

Das japanische Wort Shoji kann nicht wörtlich übersetzt werden, da wir im Westen in allen Sprachen zwei getrennte Worte, nämlich „Leben“ und „Tod“ haben, die immer als vollständig getrennt gedacht werden. Dies betont besonders R. Elberfeld in seiner Übersetzung dieses Kapitels. Im Einklang mit Nishijima Roshi wollen wir daher diese Einheit durch eine Schreibweise mit Bindestrich „Leben-und-Tod“ verdeutlichen. So lautet auch die englische Überschrift dieses Kapitels.
Da das Kapitel über Leben-und-Tod im Shobogenzo relativ kurz ist, aber eine zentrale Bedeutung hat, soll im Folgenden die englische Fassung von Nishijima/Cross vollständig ins Deutsche übersetzt und deren Verständlichkeit durch Klammer-Zusätze und Kommentare verbessert werden. Wenn Leben und Tod ohne Bindestrich geschrieben werden, ist damit die gewöhnliche Vorstellung und gedachte Realität gemeint, die Leiden verursacht und durch den Buddha-Dharma überwunden wird. Dogen betont im Folgenden, dass auch der Begriff und ein gedachter Buddha nicht ausreichen, denn sie sind keine Wirklichkeit im Augenblick des Hier und Jetzt. Dogen formuliert wie folgt:

„Weil es im Leben-und-Tod Buddha (als Wirklichkeit) gibt, gibt es nicht Leben und Tod (nur als Idee und Theorie, die keine Wirklichkeit sind). Wir können auch sagen: Weil in (einem solchen) Leben-und-Tod gerade nicht (die Idee und Theorie eines) "Buddha" vorhanden ist, sind wir nicht im (wirklichen) Leben-und-Tod verunreinigt.“

In diesem Absatz wird die buddhistische Wirklichkeit von Leben-und-Tod der gewöhnlichen Vorstellung des Lebens und des Todes gegenüber gestellt und unterschieden. Wenn Leben-und-Tod als Wirklichkeit im menschlichen Leben erfahren werden, so muss dies aber auch von der buddhistischen Lehre und dem Begriff “Buddha“ unterschieden werden.

„(Diese) Bedeutung wurde von (den Meistern) Kassan und Jozan ausgedrückt. (Dies) waren die Worte zweier Zen-Meister und es waren die Worte von Menschen, die die Wahrheit erlangt hatten. Daher ist entschieden festzustellen, dass sie nicht vergeblich niedergelegt (und an uns übermittelt) wurden.“

Meister Kassan ist bekannt dafür, dass er selbst viele Jahre damit gerungen hatte, Worte und buddhistische Wirklichkeit zu trennen. Als er später selbst Meister und Leiter eines Klosters geworden war, legte er darauf beim Buddha-Weg und dem höchsten Zustand des Erwachens den größten Wert. Sein Entwicklungsgang ist in einem sehr wichtigen Koan-Gespräch im Shinji Shobogenzo, Buch 1, Nr. 90 geschildert und wurde von Nishijima Roshi ausführlich kommentiert.

„Ein Mensch, der sich vom Leben und Tod befreien will, sollte genau diese Wahrheit erhellen. Wenn jemand nach Buddha außerhalb von Leben-und-Tod sucht, ist es dasselbe, als wenn ein Wagen mit seiner Deichsel nach Norden gerichtet ist, um in (das südliche Land) Etsu zu fahren. Dasselbe gilt, wenn man nach Süden schaut und hofft, den nördlichen Polarstern zu sehen.“

Dogen will damit bildhaft und eindeutig sagen, dass beides völlig unsinnig ist. Die Befreiung von Leben und Tod als Leiden könne nur durch die Wirklichkeit von Leben-und-Tod in der Wirklichkeit des Buddha-Dharma erreicht werden.

„Dies bedeutet, dass man so mehr und mehr (bindende) Ursachen von Leben und Tod (als Leiden) anhäuft und vollständig den Weg der Befreiung verloren hat. Wenn wir verstehen, dass nur Leben-und-Tod (als Buddha-Dharma) selbst das Nirvana sind, trifft es nicht mehr zu, dass man das Leben und den Tod hasst und das Nirvana erstrebt. Dann existieren zum ersten Mal die (wahren) Hilfsmittel, um sich von Leben und Tod zu befreien.“

Durch die falschen Vorstellungen von Leben und Tod verhärten sich diese nach Dogen immer mehr in einem selbst verstärkenden Prozess des Lebens. Er versteht Nirvana nicht als Hoffnung auf ein jenseitiges Paradies nach dem Tod, sondern als Teil des wirklichen Lebens im gegenwärtigen Augenblick. Ein solcher höchster Zustand ist das Erwachen zur Gegenwart.

„Es ist ein Fehler, wenn wir dies so verstehen, dass wir uns von der Geburt als dem Anfang zum Tod (als dem Ende) bewegen. Geburt ist ein Zustand in einem Augenblick und dieser hat für sich eine Vergangenheit und wird eine Zukunft haben. Aus diesem Grund wird im Buddha-Dharma gesagt, dass (im gegenwärtigen Augenblick) das Erscheinen genau das Nicht-Erscheinen ist (, denn sie fallen im Augenblick zusammen). Auslöschen (und Tod) sind ein Zustand in einem Augenblick, der auch eine Vergangenheit und Zukunft hat.“

Wie im Kapitel „Sein-Zeit“ (Uji) erklärt wird, gibt es im Augenblick kein Erscheinen und auch nicht die Vorstellung des Nicht-Erscheinens. Die gegenwärtigen Augenblicke des Lebens sind damit unabhängig und stehen für sich selbst. Es ist unsinnig zu sagen, dass sie entstehen, da dies nur gedacht ist.

„Dies ist der Grund, warum gesagt wird, dass Verschwinden genau das Nicht-Verschwinden ist.“
Was für das Erscheinen gilt, trifft genau so für das Verschwinden und Vergehen zu, deren Vorstellung im Augenblick ebenfalls keinen Sinn macht.

„In der Zeit, die Leben genannt wird, gibt es nichts außerhalb des Lebens. In der Zeit, die Tod genannt wird, gibt es nichts außerhalb des Todes. Wenn daher das Leben kommt, ist es genau das Leben und wenn der Tod kommt, ist es genau der Tod. Sagt nicht, wenn ihr dem gegenübersteht, dass ihr Sklave von (Leben und Tod) seid und werdet nicht durch Wünsche an sie gefesselt.“

Damit wird gesagt, dass das Leben sich im Augenblick voll und ganz verwirklicht. Wir sollen uns weder gedanklich noch emotional an Leben oder Tod klammern.

„Dieses Leben-und-Tod ist genau das heilige Leben des Buddhas. Wenn wir es hassen und es loswerden wollen, ist es dasselbe, als wenn wir das heilige Leben Buddhas verlieren wollen. Wenn wir darauf fixiert sind und wenn wir an Leben-und-Tod anhaften, ist dies auch dasselbe, als wenn wir das heilige Leben Buddhas verlieren.“

Wir sollen uns auch nicht auf die Theorie und Lehre von Leben-und-Tod fixieren und damit die Wirklichkeit verdecken. Darauf hat nicht zuletzt Meister Kassan hingewiesen.

„Wir konzentrieren uns ganz auf die Bedingung von Buddha. Wenn wir ohne Abneigung und ohne Sehnsucht sind, dann treten wir zum ersten Mal in den (wahren) Geist Buddhas ein. Aber bedenkt dies nicht (nur) mit dem (verstandesmäßigen) Geist und sagt es nicht in Worten!
Wenn wir genau unseren eigenen Körper und unseren eigenen Geist loslassen und sie in das Haus Buddhas werfen, werden sie von der Seite Buddhas in Handeln umgesetzt. Wenn wir dies dann fortlaufend befolgen, ohne irgendeine Gewalt auszuüben und ohne unseren Geist (intellektuell) zu benutzen, werden wir frei von Leben und Tod und wir werden Buddha. Wer würde (dabei nur) im (denkenden) Geist verweilen?

Es gibt einen sehr einfachen Weg Buddha zu werden:

Kein Unrecht zu erzeugen, ohne Anhaftung an Leben-und-Tod zu sein, tiefes Mitgefühl für alle Lebewesen zu haben, die über uns Stehenden zu ehren und Mitleid für die unter uns Stehenden zu empfinden. Wir sollten frei vom einem Geist sein, der Abneigung gegenüber den tausend Dingen (dieser Welt) hegt und frei sein von dem Geist, der sie begehrt. Der Geist, der ohne Denken und ohne Gram ist: dieser wird Buddha genannt. Suche nichts anderes.“

In dieser Aufzählung wird zuerst auf das moralische Handeln verwiesen und das Mitgefühl angesprochen. Dann wird der Zustand des Gleichgewichts und des Mittleren Weges betont, der frei von Hass und Abhängigkeit ist und nicht in träumerische Romantik abgleitet. Dabei wird die buddhistische klare Intuition von dem gewöhnlichen unterscheidendes Denken abgegrenzt. Auch emotionaler Gram widerspricht der positiven buddhistischen Wirklichkeit, die nicht zuletzt im Lotos-Sutra großartig beschrieben wird.

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