Freitag, 13. Juni 2008

Die Übertragung des Buddha-Dharma von Angesicht zu Angesicht.

Der Buddha-Dharma wird in Ostasien immer von Angesicht zu Angesicht vom Meister auf den Schüler übertragen. Dies ist ein umfassender, ganzheitlicher Vorgang im Augenblick, der zwar durch eine Zeremonie gegliedert ist, aber durch die unmittelbare, intuitive Erfahrung und das Erleben gekennzeichnet ist.

Die Übertragung wird nicht dafür gegeben, weil bestimmtes Wissen und die Eckpunkte der Theorie des Buddhismus abgefragt und bestätigt wurden und ist nicht mit einem Examen wie in der westlichen Ausbildung zu vergleichen. Die Kenntnis der buddhistischen Lehre, zum Beispiel der wesentlichen Sûtras, ist zwar wichtig, aber nicht ausreichend für das buddhistische Vertrauen des Meisters in den Schüler, das Voraussetzung für die Dharma-Übertragung ist. Durch den engen unmittelbaren Kontakt zwischen Lehrer und Schüler wird die Wirklichkeit des Hier und Jetzt für den Schüler erlernbar. Diese Wirklichkeit des ganzen Menschen wird an die nachfolgende Generation übergeben.

In Ostasien spielt dabei das tägliche Verhalten und Arbeiten, der Umgang mit anderen Menschen und vor allem die Ernsthaftigkeit bei der Suche nach Wirklichkeit und Wahrheit eine entscheidende Rolle. Nach Dôgen ist eine Übertragung unmöglich, wenn der Schüler nicht die Zazen-Praxis gründlich erlernt hat und sie auch wirklich ausübt. Der erfahrene Meister kann z. B. schon durch die Sitzhaltung beim Zazen erkennen, wie authentisch und richtig diese Übung ausgeführt wird.
Daher sitzt er so, dass er die Übenden von hinten oder von der Seite sehen kann, während die Schüler ihr Gesicht der Wand zuwenden. Es gibt eine tiefe, aufrichtige Verbindung vom Lehrer zum Schüler und umgekehrt, die ein hohes Maß an Vertrauen auf beiden Seiten voraussetzt und die deutlich darüber hinausgeht, nur bestimmte Fertigkeiten oder bestimmtes Wissen zu übermitteln. Eine persönliche Begegnung und tiefe Verbindung zwischen beiden ist daher Grundvoraussetzung für eine authentische Übertragung des Dharma. Diese ist damit verbunden, dass der vorherige Schüler dann selbst zum Meister wird und die Autorisierung erhält, selbst den Buddha-Dharma zu lehren und an andere Schüler weiter zu geben.

Damit sind wesentliche Eckpunkte dieses Kapitels (Kap. 57, Menju) gekennzeichnet. Nach zenbuddhistischem Verständnis hat Gautama Buddha zum ersten Mal den Buddha-Dharma auf Mahâkâshyapa übertragen, er hielt dabei eine Udumbara-Blüte empor, drehte sie in den Händen und Mahâkâshyapa lächelte in innigem Verständnis dabei. Daraufhin sagte Shakyamuni Buddha:
"Ich besitze die Schatzkammer des wahren Dharmaauges und den wunderbaren Geist des Nirwanas, ich übertrage sie an Mahâkâshyapa."

Der authentische Buddha-Dharma wurde dann von einer Generation zur anderen übertragen, bis er durch Bodhidharma nach China kam und weiter über Daikan Enô in verschiedenen Linien weiter übertragen wurde. Dôgen selbst gehört der Linie über seinen eigenen Meister Tendô Nyojô an, brachte den Dharma nach Japan, wo er schließlich zu Kodo Sawaki, Renpo Niwa und Nishijima Roshi übermittelt wurde. Eine solche Übertragung erfolgte immer von Angesicht zu Angesicht, Meister und Schüler waren also im Hier und Jetzt der Gegenwart und damit in der Wirklichkeit anwesend. Damit realisiert sich je die Wahrheit des Buddhismus und bleibt dadurch lebendig, aussagekräftig und umfassend. Dôgen sagt hierzu:

"Der ehrwürdige Mahâkâshyapa erhielt die Übertragung von Angesicht zu Angesicht durch den Geist, den Körper und die Augen (seines Meisters). Er verehrte Shakyamuni Buddha, brachte ihm Gaben dar, warf sich vor ihm nieder und diente ihm. Er machte unendlich viele und enorme Anstrengungen und niemand weiß, durch wie viele Tausende und Zehntausende Veränderungen er ging. Sein Gesicht und seine Augen waren nicht (mehr) sein (früheres) Gesicht und seine (früheren) Augen, denn der Tathagata übertrug ihm unmittelbar sein Gesicht und seine Augen."

Gesicht und Augen werden dabei von Dôgen als Gleichnis verwendet, die die Identität zwischen Schüler und Meister bezeichnen und vor allem das umfassende Verständnis und die ganzheitliche Sichtweise des Lebens und der Welt durch den Begriff der Augen wiedergeben. Der Dharma wird also immer unter vier Augen übergeben und dies wird in einem authentischen Dokument verbrieft. In der Linie von Dôgen und Nishijima Roshi werden die Namen aller Meister der Übertragungslinie auf weiße Seide geschrieben. Dabei wird ein Kreis gebildet, der mit Gautama Buddha seinen Anfang hat und mit den Namen der letzten Dharma-Übertragung endet. Alle diese Namen werden dann durch eine rote Linie miteinander verbunden, sodass ein Kreis der verbundenen Namen aller vorangegangener Meister entsteht.

Dôgen betont, dass man im Augenblick der Übertragung erfährt, dass Gautama Buddha selbst und alle Meister im Augenblick hier und jetzt anwesend sind und dass man sich die Übertragungslinie nicht als abstrakten Vorgang der Geschichte vorstellen soll. Er sagt:

"Wenn das Angesicht übertragen wird, wird es immer an dem Ort des Angesichts empfangen und weitergegeben. (Die Buddhas) benutzen den Geist und sie geben und empfangen die Übertragung von Geist zu Geist durch den Geist. Sie verwirklichen den Körper und sie geben und empfangen die Übertragung von Körper zu Körper durch den Körper“

Auf diese Weise werde die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges übermittelt. Er betont den ganzheitlichen Aspekt der Übertragung, die schneller und unmittelbarer vor sich gehe, als dies gedacht oder gesagt werden könne. Er sagt weiterhin, dass bevor der Schüler ein einziges Wort erfasst oder den halben Satz verstanden habe, die authentische Übertragung von Angesicht zu Angesicht gegenwärtig sei. Dabei ist die tiefe Verehrung des Schülers gegenüber dem Meister selbstverständlich, denn der lange gründliche Lernprozess des Schülers ist nur durch umfassendes Vertrauen zum Lehrer möglich.
Wie Dôgen an anderer Stelle betont, ist es sehr schwierig, den Buddha-Dharma zu finden, zu erlernen und zu praktizieren, wenn man nicht einem wahren Lehrer begegnet ist und umfassend die intuitive Weisheit der buddhistischen Lehre erlernt habe. Die Suche nach einem wahren Lehrer ist daher von größter Bedeutung und Dôgen ist selbst ein Beispiel dafür, dass man eventuell unter erheblichen Schwierigkeiten in ein fremdes Land reisen muss, bis man endlich den richtigen Lehrer gefunden hat.
Dôgen sagt, die Übertragung des Buddha Dharma
„ist das Geben und Empfangen eines Gesichts, dem nichts fehlt und dem nichts hinzugefügt wird. Ihr solltet euch glücklich schätzen, dieser Übertragung von Angesicht zu Angesicht begegnet zu sein. Ihr solltet an sie glauben, sie annehmen und ihr ehrerbietig dienen, auch wenn es euer eigenes Gesicht ist.“

Dôgen kritisiert gegen Ende dieses Kapitels einen angeblichen Meister (Shoko), der schon selbst zum Meister ernannt worden war und dann die Schriften des großen Meisters Unmon intensiv studierte. Er war dann der Meinung, dass er die buddhistische Lehre dieses Meisters vollständig verstanden habe, obgleich er nur dessen Schriften studiert hatte. Er behauptete von da an, dass er der Nachfolger von Meister Unmon sei, ohne dass er diesen persönlich gekannt hatte und ihm nicht von Angesicht zu Angesicht begegnet war. Für Dôgen ist daher der Dharma nicht authentisch übertragen worden, denn die Schriften allein können die tiefe Verbindung von Angesicht zu Angesicht auf keinen Fall ersetzen. Dôgen sagt:
„Du (Shoko) hast keinen Meister gesehen und keinen Dharma Vorfahren gekannt. Du kennst und siehst nicht einmal Dich selbst. Es gibt keinen Meister, der Dich gesehen hätte, Du hast nicht erfahren, dass der Meister sein Auge öffnet. In Wahrheit ist es Deine Sichtweise die nicht vollkommen und Deine Dharma Nachfolge, die nicht reif ist.“

Es ist bekannt, dass Meister Unmon bereits vor 100 Jahren gestorben war, als Shoko die Behauptung der Dharma - Nachfolge aufstellte und sich entsprechend verhielt. Er fügt hinzu, dass ein Erwachen, das sich auf geschriebene Texte stützt, immer von einem lebenden Meister bestätigt werden muss und eine solche Dharma-Übertragung im anderen Fall überhaupt nicht gültig ist. Er sagt:
„Shoko sollte sich immer wieder neue Strohsandalen kaufen, einen wahren Lehrer suchen und den Dharma empfangen.“

1 Kommentar:

element hat gesagt…

Hallo Herr Seggelke,

Danke für ihre Antwort. Leider kann ich nicht zum nächsten Gesprächskreis nach Frankfurt kommen.

Ich habe mich vor Kurzem mit jemanden über die 4 Sichtweisen von Meister Nishijima unterhalten, die am Anfang des Genjo Koan stehen.
Er interpretierte die Sätze anhand des Herz Sutras und meinte, dass der erste Satz die Sichtweise/Perspektive:

[1.Wenn alle Dharmas (, die Wirklichkeit) als der Buddha-Dharma ( also die Buddha-Lehre gesehen werden), dann gibt es Täuschung und Verwirklichung, gibt es Praxis, gibt es Leben und Tod, gibt es Buddhas und gewöhnliche Wesen.]

für Shiki,

der zweite Satz:

[2. Wenn die unendlich vielen Dharmas alle nicht von dem Selbst sind, gibt es keine Täuschung und keine Verwirklichung, keine Buddhas und keine gewöhnlichen Wesen, kein Leben und keinen Tod.]

für Ku stehe (aufgrund des „nicht vom Selbst“ sein, „nicht Ich“ seins).

Mich würde interessieren was sie dazu sagen würden? Ku ist doch bei Meister Nishijima der 4 Satz?

Die Sätze 3 und 4 konnte er auf die Schnelle nicht interpretieren, war aber überzeugt, dass das Herz Sutra als Interpretationsgrundlage am geeignetsten wäre.

[3. Buddhas Wahrheit überschreitet von Anfang an Überfluss und Mangel und daher gibt es Leben und Tod, Täuschung und Verwirklichung, gewöhnliche Wesen und Buddhas (als Wirklichkeit).

4. Und obgleich dies so ist, wie es ist, geschieht es nur, dass die Blumen fallen, während sie geliebt werden, und das Unkraut wuchert, während es gehasst wird.]

Dann noch eine Frage, wie ist Meister Nishijima bei der Interpretation des 3 Satzes auf das Handeln gekommen, wird doch das Handeln hier gar nicht ausdrücklich erwähnt?

Vielen Dank,
Markus