Montag, 16. Juni 2008

Die wirkliche Form aller Dharmas (Teil 1)

Meister Dôgen baute seine buddhistische Lehre wesentlich auf dem Lotos-Sûtra auf, dem er im Gegensatz zum landläufigen Verständnis eine neue Bedeutung und Tiefenschärfe gab.

Bailin Si in China



In den beiden Kapiteln, „Die Dharma Blume dreht die Blume des Dharma“ (Hokke ten Hokke ) und in diesem Kapitel (Kap. 50, Shohô jissô) ist es ihm in großartiger Weise gelungen, die Wirklichkeit und das Universum selbst in Worte zu fassen, soweit dies überhaupt möglich ist. Zweifellos hatte er damit einen inneren Widerspruch zu bewältigen, weil die Wirklichkeit und Wahrheit selbst nicht erschöpfend mit Worten beschrieben werden kann, da sie über Beschreibungen hinausgehen. Aber der verbale Ausdruck ist andererseits unbedingt notwendig, um den Buddha Dharma lehren und übermitteln zu können.

In dem Kapitel Hokke ten Hokke wird vor allem die Großartigkeit und Schönheit des Universums beschrieben und gesagt, dass die Wirklichkeit dieser Welt einer wunderbaren Lotos-Blume gleicht. Diese dreht sich und ist in dauernder Bewegung, also keinesfalls statisch und festgelegt. In diesem Kapitel wird die Wirklichkeit umfassend in einem gewaltigen Wurf beschrieben und gleichzeitig heraus gearbeitet, was Dôgen unter Dharma versteht. Dieser Begriff ist für das westliche Denken nicht einfach zu fassen, denn der Dharma bedeutet sowohl die Wirklichkeit des Lebens und Universums selbst als auch die buddhistische Lehre. Damit wird die Identität beider hervorgehoben. In der westlichen Philosophie ist im Allgemeinen das Denken von der Wirklichkeit getrennt und beschreibt eine eigene Welt. Nishijima Roshi nennt eine solche theoretische Lehre Idealismus, deren bedeutendste Vertreter sicher Plato und Hegel sind.

Die Dharmas werden wie in diesem Kapitel auch in der Pluralform verwendet und bedeuten dann die einzelnen Dinge und Phänomene der Wirklichkeit. Dazu gehören materielle Dinge, äußere Formen aber auch Gedanken, Bilder und Ideen. Darüber hinaus bezeichnet der Begriff Dharma und Phänomen den Sinn, die Bedeutung und die Bewertung. Derartige Phänomene würden wir heute auch dem Bereich der Psyche oder der Seele zuordnen.

Der japanische Titel dieses Kapitels enthält das Wort Sho, das Vielfalt, Alles und Vielfältiges bedeutet. Der Begriff bedeutet die Dharmas, also sowohl physische Dinge als auch geistige Phänomene. Jitsu bedeutet wirklich und real und das Wort bedeutet die Form. Daher lautet die Übersetzung des Titels: „Alle Dinge und Phänomene sind wirkliche Formen.“

Diese Form geht über die Sichtweise der Materialisten hinaus, die nur das rein Materielle und die äußere Form als Wirklichkeit anerkennen und damit nur einen Teil der buddhistischen Realität erfassen können. Im Buddha-Dharma wird das Handeln, der Augenblick und der höchste Zustand des Erwachens, der alle Lebensdimensionen umfasst und gleichzeitig übersteigt als große Wirklichkeit in der Welt verstanden und gelebt. Dôgen beschreibt dies in einem anderen grundlegenden großartigen Kapitel über die Verwirklichung des Universums, der Welt und des Menschen (Kap. 3 Genjo koan ). In diesem Kapitel entwirft er eine groß angelegte Gesamtlehre des Buddhismus und der Wirklichkeit auf der Grundlage des neu von ihm gedeuteten Lotos-Sûtra.

Viele verstehen dieses Sûtra als die Beschreibung einer wunderbaren, idealen Welt, also z. B. des Nirwana, die aus Edelsteinen, Gold, Silber, Blumen, wunderbaren Düften, schöner Musik und prachtvollen Farben besteht. Man könnte daher glauben, dass es sich um eine idealisierte Welt ohne Hässlichkeit, Böses, ohne Abgründe, ohne Verbrechen und ohne Betrug handelt und dass diese der „bösen“ Realität gegenübergestellt wird. Dôgen versteht das Lotos-Sûtra grundlegend anders: Er sagt, dass die Wirklichkeit selbst von wunderbarer Schönheit und Ausgeglichenheit ist, und der höchste Zustand des Erwachens, also die Erleuchtung, ist jedem zugänglich.

Damit sind die Beschreibungen im Lotos-Sûtra keine verklärten Bilder eines jenseitigen Paradieses und einer anderen idealen gedachten und erträumten Welt, sondern sie sind die in Worte gefassten Gleichnisse unsere Wirklichkeit, unseres Universums und eigenen Lebens im Hier und Jetzt. In einer solchen Realität wird der Gegensatz von äußerer Form und innerem Sinn aufgehoben, denn dieser besteht nur im Denken und bei theoretischen Überlegungen. Dôgen setzt die wirkliche Form mit den Dharmas, also der Vielfalt der Welt gleich. Er beschreibt alle Dharmas als Form, Natur, Körper, Geist, Welt, Wolken und Regen und sagt dazu:

“so wie sie sind“. Diese sind gleichzeitig auch Handeln: Gehen, Stehen, Sitzen und sich Niederlegen, so wie dieses Handeln ist. Auch Sorge und Freude, Bewegung und Ruhe sind die wirklichen Dharmas, wie sie sind. Weiterhin gehören dazu die Gegenstände der buddhistischen Zeremonien, nämlich der Zen-Stab und der Fliegenwedel und zwar genauso, wie sie sind. Dôgen zählt auch die sich drehenden Blume, das lächelnde Gesicht, die Weitergabe des Dharma, sowie dessen Bestätigung zu den Dharmas, so wie sie sind. Er erwähnt weiterhin das Lernen in der Praxis und das Streben nach der Wahrheit, genauso wie sie sind. Schließlich fügt er die Dauerhaftigkeit der Pinien und die Reinheit des Bambus, so wie sie sind, hinzu.

Er beschreibt also als die Wirklichkeit der Dharmas sowohl Dinge und materielle Gegebenheiten, Handlungen, psychische Bereiche wie Sorgen und Freude, Gegenstände der buddhistischen täglichen Zeremonien, aber auch die übermittelten Wahrheiten des Buddha Dharma wie das Drehen der Dharmablume und das Lächeln im Gesicht der Menschen. Das Streben und die Suche nach der Wahrheit, sowie das praktische Lernen und Studieren der buddhistischen Lehre sind genauso enthalten, wie die wunderbare Natur der Pinien und des Bambus. Psychische Phänomene und der Sinn des Lebens haben bei Dôgen die unbestrittene Qualität der Wirklichkeit und dies unterscheidet sich fundamental von dem Lebensverständnis der Materialisten.
Dôgen zitiert dann Shakyamuni Buddha aus dem Lotos-Sûtra:

„ Die Buddhas allein zusammen mit den Buddhas können direkt vollkommen verwirklichen, dass alle Dharmas wirkliche Formen sind. Was „alle Dharmas“ genannt wird, sind Formen wie sie sind, die Natur wie sie ist, der Körper wie er ist, die Energie wie sie ist, das Handeln wie es ist, die Ursachen wie sie sind, die Bedingungen wie sie sind, die Wirkungen wie sie sind, die Ergebnisse wie sie sind und der höchste Zustand des Gleichgewichts, des Wesentlichen und der Einzelheit wie sie sind.“

Die Formulierung: „Wie es ist“ oder „Wie sie sind“ soll den direkten Bezug zur Wirklichkeit herstellen und geht über Worte und Denken der Lehre hinaus. Dogen zeigt mit seinen Worten also direkt auf diese Wirklichkeit. Nach seinem Verständnis und seiner Erfahrung handelt das Lotos-Sûtra nicht von Theorie und idealisierten Welten, sondern von der Wirklichkeit selbst, die von unglaublicher Schönheit und Vielfalt ist, wenn man sie sehen kann, wie sie ist.

Nach Dôgen äußert sich der höchste Zustand des Erwachens und des Gleichgewichts als Offenbarung und Ausdruck der wahren Natur der Dharmas. Sie sind dann ohne Verzerrungen und Verkürzungen als wirkliche Form klar intuitiv erfassbar. Dabei wird nichts weggelassen oder nichts hinzugefügt. Alles geschieht darüber hinaus im vollständigen Gleichgewicht und dem Lernen in der Praxis.

Anschließend betont Dôgen, dass die wirkliche Form aller Dharmas identisch ist mit der Bedeutung der Formulierung „die Buddhas allein, zusammen mit den Buddhas“ können dies vollständig erfahren. Das heißt, dass die Buddhas und die Vorfahren im Dharma, also die großen Meister in Indien und China für sich und zusammen dies alles vollständig erkennen und verwirklichen. Dôgen betont, dass wir dies alles nicht nur als eine Beschreibung verstehen sollen, sondern als die Wirklichkeit selbst. Die Form soll dabei nicht so gesehen werden, als ob sie ohne Sinn und Bedeutung sei, aber es ginge auch nicht allein um das „Wesen und die Essenz“, die formlos und unabhängig von der Materie sei. Er sagt wörtlich:

Wir bezeichnen den Zustand in dem alle Dharmas wirklich alle Dharmas sind als die Buddhas allein zusammen mit den Buddhas, und nennen dies den Zustand, in dem alle Dharmas genau wirkliche Formen sind“.

Damit wird die Identität der Wirklichkeit, des Universums, der Welt und des Lebens mit den Buddhas ausgedrückt. Dann sei die wirkliche Form nur die wirkliche Form selbst. Wenn die Buddhas in dieser Welt allein und zusammen mit Buddhas erscheinen, ereignet sich das Lehren, die Praxis und die Erfahrung, dass alle Dharmas die wirklichen Formen sind.
Dôgen betont, dass dabei der Augenblick je im Hier und Jetzt die Wirklichkeit ist und dies sei die vollkommene Verwirklichung.

Er zählt im Folgenden die Bereiche und Begriffe, die schon am Anfang dieses Kapitels genannt wurden auf und verbindet sie mit der Augenblicklichkeit, in der allein die Wirklichkeit vorhanden ist und sich offenbart. Dies gilt also für die Form, die Natur, den Körper, die Energie, das Handeln, die Ursachen, die Bedingungen, die Wirkungen und Ergebnisse.
Dôgen distanziert sich damit von der Vorstellung, dass Ursache, Bedingungen und Wirkungen immer nur ein gedachter Zusammenhang sind. Dabei muss allerdings gesagt werden, dass häufig die wirklichen Ursachen gerade bei psychischen Phänomenen weitgehend unklar sind und scheinrationale Ursachen in unserem Bewusstsein sind.

Hier gibt es in der Tat wichtige Zusammenhänge zur Lehre von Sigmund Freud, der die Heilung der Psyche dadurch in Gang bringt, dass sich der Patient der ungeschminkten Wirklichkeit stellt, seine Verdrängungen auflöst und zusammen mit dem Therapeuten eine falsche Verursachung oder Verdrängung überwindet. Die tatsächlichen Zusammenhänge von Ursachen und Wirkungen weichen oft grundsätzlich von den Vorstellungen und subjektiven psychischen Wahrheiten der Menschen ab. Dies sichert zwar nach Freud ein kurzfristiges Überleben im Alltag, bleibt aber als psychische Krankheit schädigend erhalten und muss in einem schmerzhaften Lernprozess zusammen mit dem Therapeuten angegangen und neu bewältigt werden. Dadurch wird die Grundlage zur Heilung angelegt.

Dôgen arbeitet so den Unterschied zwischen einem vorgestellten und ausgedachten Zusammenhang von Ursache und Wirkung und der Wirklichkeit von Ursache und Wirkung selbst heraus. In einem anderen Kapitel erklärt er, dass das Wirklichkeitsgesetz von Ursache und Wirkung mit der buddhistischen Theorie des Handelns im Augenblick keinesfalls im Widerspruch steht. Dies wurde und wird in der Tat von manchen Zen-Buddhisten und sogar von Lehrern fälschlich vertreten und sogar gelehrt.

Weil diese Wirkungen, Formen, die Natur, der Körper und die Energie direkt miteinander verbunden sind, ist dies die wirkliche Form. Weil diese Wirkungen die Formen, die Natur, den Körper und die Energie nicht beschränken, sind sie wirkliche Formen. Wenn man die Verbindung miteinander so belässt, sagt dies 80 oder 90% der Wirklichkeit aus. Wenn man es so belässt, dass es keine gegenseitige Beschränkung gibt, ist das ein Ausdruck der vollständigen Verwirklichung. Die Aussage: „Formen wie sie sind“, bedeutet nicht eine einzelne Form und auch keine Verallgemeinerung, sondern dies ist nicht zählbar, ohne Grenzen nicht vollständig in Worten auszudrücken und die Wirklichkeit selbst, die nicht mit dem Verstand ausgelotet werden kann. Maßeinheiten wie hundert oder tausend sind ebenfalls nicht brauchbar. Dôgen sagt hierzu wörtlich:

“Wir sollten als Maß (nur) das Maß aller Dharmas verwenden und wir sollten als Maß (nur) das Maß der wirklichen Form gebrauchen. Der Grund ist, dass die Buddhas allein zusammen mit den Buddhas vollständig verwirklichen können, dass alle Dharma wirkliche Formen sind.“

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