Sonntag, 1. Juni 2008

Der große Schatz von Buddhas Sûtras.

Dieses Kapitel Nr. 52 hat auf Japanisch denselben Titel Bukkyo wie Kapitel 24, in dem die Lehren Buddhas behandelt werden. Hier geht es vertieft um den Sinn und den Wert der Sûtras selbst, das heißt, die geschriebene buddhistische Lehre.

Dôgen verdeutlicht am Anfang, dass die Buchstaben, Worte und Theorien allein nicht ausreichen, sondern dass die Sûtras identisch mit dem Universum, den Dingen und Phänomenen sind. Dies alles verwirklicht sich beim Handeln in der Praxis des Alltags. Er wendet sich gegen einseitige Lehrmeinungen im damaligen China, welche die Lehren und Sûtras für überflüssig erklären und die sich nicht oder unzureichend mit ihnen beschäftigen. Es sei unsinnig zu behaupten, dass die Arbeit an den Sûtras verlorene Zeit sei oder Schaden anrichtet, wenn man auf dem Buddhaweg lernt. Er betont in diesem Kapitel ganz klar, dass es unbedingt notwendig ist, sich mit den überlieferten buddhistischen Schriften, also den Sûtras, eingehend und gründlich zu beschäftigen und hält dies für unabdingbar, um zum wahren Kern des Buddha-Dharma vorzudringen. Angebliche buddhistische Schulen, die nur die Praxis als wesentlich ansehen und Buddhas geschriebene Lehren verachten, sind aus seiner Sicht schädlich und gefährlich für den Weg des Erwachens. Die Sûtras sind für ihn

"die konkrete Offenbarung des ganzen Universums, das hier und jetzt die wahre Wirklichkeit ist."

Er sagt am Anfang des Kapitels:

"Alle Buddhas und Dharma-Vorfahren in Indien und China haben sich zweifellos einerseits auf einen guten Lehrer und andererseits auf die Sûtras gestützt.“
Es ist in der Tat nicht vorstellbar, dass die buddhistische Lehre, die keineswegs als einfach und eindimensional bezeichnet werden kann, ohne schriftliche Unterlagen studiert und erlernt werden kann. Wenn man sich das umfangreiche Schrifttum der Lehrreden des Gautama Buddha selbst oder die vielen Bände des Mahâyâna-Buddhismus vergegenwärtigt, kann eine derartige Fülle von Lehren, Anweisungen, Gleichnissen und philosophischen Untersuchungen kaum allein mündlich durch den Lehrer übermittelt werden. Es ist noch viel weniger möglich, dass ein Schüler diese Lehren ganz eigenständig erarbeiten kann. Dies wäre auch völlig unsinnig, da wertvolle unabdingbare überlieferte Informationen im Lernprozess notwendig sind und nicht weggelassen werden können. Sonst können Umwege und schmerzliche Sackgassen nicht vermieden werden.
Gerade die authentischen Schriften von Gautama Buddha und den großen Meistern wie Nagarjuna und Dôgen selbst sind von unschätzbarem Wert und für jeden ernsthaften Schüler auf dem Buddhaweg unerlässlich. Auf der anderen Seite warnt Dôgen häufig davor, sich in theoretischen Abstraktionen zu verlieren und die buddhistische Lehre nur als philosophischen Gedankenkomplex zu verstehen. Die Kommentatoren und theoretischen Lehrer des Buddhismus könnten nämlich nur einen Teil des lebenden Buddha-Dharma selbst verstehen, erfahren und an Schüler weitergeben.

Peter Gäng schätzt, dass die gesamten Schriften allein des Mahâyâna-Buddhismus etwa den zehnfachen Umfang der griechischen Philosophie haben, die etwa in der gleichen Zeit entstanden ist. Beides wurzelt in den indo-europäischen Sprachen, Denkwelten und den überwiegend unbewussten kulturellen Vorstellungen. Beide Weltanschauungen benutzen also die selben zugrunde liegenden Weltanschauungen und gefühlsmäßigen Strukturierungen des Menschen und der Welt.
Gautama Buddha geht jedoch darüber hinaus und hat die strikte Trennung von Philosophie einerseits und Handeln und praktischem Alltag andererseits abgelehnt und damit den Weg zur Überwindung des Leidens gewiesen. Ganz wesentlich sind dabei die Methoden der Meditation und Imagination und vor allem des Samadhi, also der Zazen-Praxis, bei der „Körper und Geist“, also das gewöhnliche Ich, fallen gelassen werden. Ähnliche Methoden sind aus der griechisch-europäischen Kultur nicht bekannt.

Ein großer Unterschied ist darin zu sehen, dass Gautama Buddha sich nicht als Philosoph, sondern als Heiler verstand, der den Menschen einen Ausweg aus unnötigen und selbst erzeugten Leiden lehren konnte. Dabei sind psychische Krankheiten und die existenzielle Angst vor Alter, Krankheit und Tod von zentraler Bedeutung.

Dôgen lehrt im Shôbôgenzô zweifellos das ganze Spektrum und die ganze Bandbreite der buddhistischen Lehre und beschränkt sich nicht auf die theoretischen und philosophischen Aspekte. Aber er begeht auch nicht den Fehler, dass er diese Lehre abwertet und für unwesentlich oder sogar schädlich erklärt. Leider ist eine solche Theorie-Feindlichkeit bei einigen zenbuddhistischen Gruppen zu beobachten. Dies galt zu Dôgens Zeiten, trifft aber auch heute sowohl im Osten als auch im Westen zu. Sicher trägt dazu auch eine falsch verstandene Koan-Methodik bei, bei der die Vernunft und das Denken der Menschen oft lächerlich gemacht und geradezu als Merkmal der Nicht-Buddhisten angesehen werden. Dabei drängt sich nach Dôgen der Verdacht auf, dass es sich eher um die Trägheit des Denkens handelt.
Wie Nishijima Roshi herausgearbeitet hat, lassen sich die Koan-Geschichten mit intuitiver Vernunft entschlüsseln und ´erfassen´. Nach dem Verständnis von Meister Dôgen sollen die Koans zwar die Grenzen des diskursiven Denkens und der Sprache aufzeigen, aber sie haben nicht den Sinn, das Denken zu diffamieren oder allgemein als völlig überflüssig oder gar gefährlich zu brandmarken.
Dôgen sagt:

"Gute Lehrer haben alle ein tiefes Verständnis der Sûtras. Ein tiefes Verständnis zu haben bedeutet, dass sie die Sûtras als ihren Lebensbereich und ihren Körper und Geist ansehen. Sie entwickeln die Sûtras zu einem Werkzeug, um anderen Menschen die Lehre darzulegen."

In diesem Zitat kommt die unauflösbare Verbindung der Sûtras mit den jeweiligen Lehrern zum Ausdruck und verdeutlicht, dass es sich beim Schüler um einen ganzheitlichen Lernprozess auf dem Buddha-Weg handelt. Dôgen hebt in diesem Zusammenhang auch die Zazen-Praxis hervor und betont, dass die guten Lehrer die in den Sûtras enthaltenen Lehren und die Praxis selbst erforscht und praktiziert haben. Er erläutert:

"Das Gesicht zu waschen und Tee zu trinken ist das ewige Sûtra eines guten Lehrers."

Es ist bemerkenswert, dass er die Natur selbst als Sûtra versteht. Er verweist auf das große Erwachen von Gautama Buddha selbst, als dieser den Morgenstern am Himmel in der Natur erblickte. Es wird weiter auf die berühmten Geschichten des Erwachens alter Meister beim Anblick der Pfirsichblüten und dem besonderen Klang hingewiesen, der entstand, als ein kleiner Stein ein Bambusrohr traf.
Dôgen sagt im Folgenden:

"Was ich hier die Sûtras nenne, ist das ganze Universum der zehn Richtungen, denn wie könnte es irgendeine Zeit oder irgendeinen Ort geben, der nicht dasselbe wäre wie die Sûtras."

Schriften bestehen aus Worten und Sätzen, diese sind sozusagen die Einzelelemente der Texte. In gleicher Weise gibt es eine Vielzahl von Dingen und Phänomenen im Universum, die als Teile oder Elemente der Sûtras für den lernenden Buddhisten wirksam sind. Als Beispiele werden die "Grashalme und zehntausend Bäume" genannt. Dôgen zählt in diesem Zusammenhang die vielfältigen Formen, Farben, Gerüche usw. auf, welche unsere Lebenswelt und das Universum kennzeichnen. Alle diese Dinge und Phänomene gehören zu den Sûtras. Er erläutert, dass sie die Fähigkeit haben, das große Tor des Buddhismus zu öffnen,

"um die Menschen zu unterweisen, und sie schließen dabei keinen einzigen Menschen und keine einzige Familie auf der ganzen Erde aus."

Damit spricht er den wichtigen Gedanken an, dass auch die Menschen, denen leider der Zugang zu einem guten Lehrer verwehrt ist, die Sûtras lesen und erfahren können. Sie sind also wirklich jedem Menschen zugänglich, wenn er den Bodhi-Geist erweckt hat und auf der Suche nach der Wahrheit ist. Gerade im Westen sind die Bücher und Sûtras zur buddhistischen Lehre oft der ´Tür-Öffner´ zum Buddha-Dharma und markieren die ersten wichtigen Schritte auf dem Buddha-Weg. Dies ist umso wichtiger, da es sicher im Westen noch nicht viele gute und verlässliche Lehrer und Meister gibt.

Nach Dôgen ist die Buddha-Weisheit keine künstlich erdachte Theorie, sondern beschreibt die wahre Natur des Menschen und des Universums. Es ist also kein Glasperlenspiel der Fantasie und keine utopische Welt von Idealisten, sondern die Wirklichkeit in ihrer Farbigkeit und Vielfalt selbst, in der wir täglich leben, arbeiten und lieben. Für alle diese vielfältigen Formen der Sûtras gilt, dass man sie ganzheitlich empfängt, bewahrt, liest und auch rezitiert und "dass sie uns ganz in sich aufnehmen und völlig verzehren."

Dôgen weist auf die Praxis des Handelns und Arbeitens gerade im Zusammenhang mit den Sûtras hin. Er erinnert daran, dass zum Beispiel der große Meister Daikan Enô ´nur´ ein Arbeiter im Kloster war und durch sein Handeln und durch seine Arbeit die große Lehre des Dharma und der Sûtras im Einflussbereich eines Meisters erlernte. Die Begegnung mit seinem eigenen Meister und die Dharma-Übertragung wurden weitgehend ohne Worte und im Handeln selbst vollzogen. Dôgen sagt weiter:

"Sich mit anderen Praktizierenden um die Wahrheit zu bemühen und sich beim Zazen anzustrengen, war seit alten Zeiten das Sûtra, das am Anfang und am Ende Recht ist. Es ist das Sûtra, das auf die Blätter des Bodhi-Baums und in den leeren Raum geschrieben wird."

Es gibt viele Geschichten, wie die Sûtras von großen Meistern gelehrt werden, ohne dass viele Worte benutzt und Texte rezitiert werden. Dies wird im ersten Kapitel von "Buddhas Lehren" im Einzelnen wiedergegeben.

Er zitiert seinen eigenen Meister Tendô Nyojô, der großen Wert darauf gelegt hatte, dass das Sûtra-Lesen nicht ein formaler äußerlicher Vorgang bleibt, sondern den ganzen Menschen erfasst. Die Zazen-Praxis sei daher bei vielen Mönchen das wahre Sûtra-Lesen, während das Studium der Schriften bei vielen leider zu oberflächlich und losgelöst von der eigenen Erfahrung sei.

"Da die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges, die sich jetzt verwirklicht, nichts anderes als Buddhas Sûtra ist, ist alles was jetzt als Buddhas Sûtra existiert, die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges."

Er warnt uns allerdings davor, dass wir zu schnell und zu selbstgerecht glauben, dass wir die Sûtras allein mit dem Denken völlig ergründen können. Hier wird die von ihm aufgezeigte Grenze der Lehre, des Schrifttums und der Texte der Sûtras deutlich.

Im Folgenden kritisiert Dôgen in aller Deutlichkeit, dass selbst damals in China nur wenige Meister lebten, die die ganze Wahrheit des Sûtra-Lesens verstanden und praktiziert hätten. Er gibt dafür einen Zeitraum von etwa zweihundert Jahren vor seiner Ankunft an und macht damit deutlich, dass der Buddhismus in China etwa um Eintausend nach unserer Zeitrechnung bereits im Niedergang begriffen war. Diese Einschätzung wird auch von seinem eigenen Lehrer Tendô Nyojô geteilt und ist uns von ihm überliefert. Dôgen sagt:

"Solche nicht vertrauenswürdigen Menschen gibt es (so zahlreich) wie Reis, Flachs, Bambus und Schilf. Dennoch steigen sie auf den Löwensitz (des Meisters), gründen Klöster im ganzen Land und werden die Lehrer der Menschen und Götter“.

Er sieht es als schwerwiegendes Problem an, dass die Schüler dieser Lehrer nicht den wahren Dharma erlernen können und nicht wissen, was die Sûtras wirklich bedeuten. Derartige Meister könnten zwar imponierende Gesten erzeugen und schöne Sätze formulieren, die sie zum Beispiel der Geschichte des Zen-Buddhismus entnehmen. Die wahre Bedeutung der Sûtras bleibt ihnen aber verborgen, da sie den Sinn und die Wahrheit dieser Gesten und Sätze überhaupt nicht erfahren haben und daher auch nicht übermitteln können.

Für Dôgen ist die Weitergabe des Buddha-Dharma von Angesicht zu Angesicht in einem lebendigen Augenblick zwischen Lehrer und Schüler von zentraler Bedeutung. Dadurch entsteht ein ganzheitlicher wahrer Zustand, den es nur im Augenblick der Anwesenheit und wie er sagt, im „Angesicht der beiden Menschen“ geben kann. In vielen Zen-Geschichten wird zum Beispiel von dem tiefen Verständnis gesprochen, wenn sich Meister und Schüler in die Augen sehen und sich mit intuitiver Klarheit ´erkennen´. Er betont, dass die Weitergabe von Angesicht zu Angesicht notwendig war, um den wahren Buddha-Dharma in den authentischen Übertragungslinien weiterzugeben.
Er hebt hervor, dass sonst die wahre buddhistische Lehre, also die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges, überhaupt nicht bis in seine Zeit gelangt wäre. Für falsche Lehrer sei es unmöglich, "die Wirklichkeit des ganzen Universums auf der Grundlage der Grenzenlosigkeit des gegenwärtigen Augenblicks zu klären".
Dies sei die großartige Kraft der buddhistischen Lehre und unterscheide sich von den Philosophien des Konfuzius und Laotse, die von solchen Lehrern fälschlich als gleichwertig angesehen würden. Dôgen berichtet in diesem Zusammenhang von einem selbst ernannten Meister, der sich sogar als Nachfolger eines längst verstorbenen Meisters fühlte und auch so auftrat.
Dôgen sagt gegen Ende dieses Kapitels:

"Jenen nicht vertrauenswürdigen Menschen möchte ich folgendes sagen: Wenn es so ist, wie ihr sagt, dass man Buddhas Sûtras ablehnen müsse, muss man auch Buddhas Geist und Körper ablehnen. Wenn man Buddhas Körper und Geist verwirft, muss man auch Buddhas Schüler verwerfen. Buddhas Schüler zu verwerfen bedeutet, Buddhas Wahrheit zu verwerfen."

Schließlich warnt er davor, falschen Lehrern unbedingt zu glauben, die aus fremden Ländern kommen und von sich behaupten, dass sie den wahren Buddha-Dharma lehren und die Sûtras tiefgründig verstanden hätten. Er spricht dabei sicher Reisende aus Indien und China an, die nicht einer authentischen Übertragungslinie angehören und daher keine wahren Lehrer sind. Er erinnert daran, dass Daikan Enô Arbeiter in einem Kloster war und ihm der wahre Dharma übertragen wurde, weil er die wahren lebenden Sûtras ergründet hatte und nicht nur schriftliche Texte studierte. Dôgen sagt am Ende des Kapitels:

"Ihr solltet die großen und weiten Buchstaben des Sûtras und ihren tiefen Sinn wie die Berge und Ozeane erfahren und erforschen und sie als Richtlinien für euer Bemühen um die Wahrheit ansehen."

Kommentare:

element hat gesagt…

Hallo Herr Seggelke,

Erstmal möchte ich mich für ihren Vortrag und das Gespräch in Frankfurt bedanken.

Ich würde ihnen gerne einige Fragen stellen.

Im Kapitel Uji gibt es den Satz auf S. 137:

Weil die Kontinuität voneinander getrennter Augenblicke eine Eigenschaft der Zeit ist, können vergangene und gegenwärtige Augenblicke nicht aufeinander aufbauen und auch nicht miteinander verbunden werden ...

In der Übersetzung von Elberfeld und Ohashi heißt es:

... weil das ereignishafte Verlaufen das Vermögen der Zeit ist, liegen die Zeiten von gestern und heute weder übereinander noch nebeneinander ...

Ich denke diese Aufassung gehört der zweiten, materialistischen Sichtweise an?

Bedeutet das, dass in dieser Perspektive der buddhistischen Zeitauffassung jeder Moment für sich existiert, ohne irgendetwas mit dem Moment vorher zu tun zu haben?
Dass meine Vergangenheit abgeschnitten wird, und ich in jedem Moment ein neuer Mensch bin?

Oder geht es noch tiefer, indem es gar kein Ich gibt, das jeden Moment separat existiert, sondern nur die 5 Skandhas ihre Arbeit leisten. In diesem Fall könnte man ja gar keine Zeit mehr wahrnehmen, nicht mal das jetzt?

Dies zu leben würde doch erfordern jegliche Beobachtung und jedes Verstehen wollen auszuschalten. Sozusagen unbewusst zu leben.

Deswegen wohl auch die Abneigung Nishijimas und Brad Warners gegen Achtsamkeit.

Im Endeffekt wird dabei doch schon verlangt, dass das Ich, welches es ja nicht gibt, stirbt.

Ich glaube nicht, dass sich dieser Zustand lange aufrechterhalten lässt (Erwachen Buddhas, Dogens, ...). Oder geht es darum mit Zazen immer wieder diese Nicht-Erfahrung zu machen, um im Alltag sein illusorisches Ich zu durchschauen?

Eigentlich etwas, was dem Menschen völlig gegen den Strich geht, es wird einem das Selbstverständlichste genommen. Ganz schön hart.

Grüße
Markus

Yudo J. Seggelke hat gesagt…

Lieber Markus,

leider hatte ich Probleme mit dem Internet, jetzt funktioniert es wieder.
Vielen Dank für Deine Frage, die schon auf unser nächstes Thema zielt.
Nach Dogen und Nishijima kann man nur im gegenwärtigen Augenblick ganz in der Wirklichkeit sein. Vergangenheit und Zukunft spielen sich im Gehirn ab und sind nicht die umfassende Wirklichkeit. Daraus ergibt sich, dass die Wirklichkeit jeweils aus Augenblicken besteht, die von einander unabhängig sind („nicht miteinander verbunden sind“). Sie geben gleichzeitig die Möglichkeit, im nächsten Augenblick frei zu sein und alte Fehler zu vermeiden, wenn das Denken uns nicht künstlich festlegt. Diesen Zustand erleben wir im Zazen.
Das „ereignishafte Verlaufen“ ist bei Elberfeld m. E. eine neue philosophische Formulierung, die sowohl die gedachte lineare Zeit als auch das Ereignis/den Augenblick erfasst. Herr Elberfeld ist Philosoph und behandelt diese denkerische Dimension bei Dogen, die in der Tat auch großartig ist.
Nach buddhistischer Lehre ist das Ich ein Konstrukt des Denkens und der Psyche, das beim Handeln in der Wirklichkeit nicht erforderlich ist und oft nur stört. Die Skandas sind näher an der Wirklichkeit, sind aber ebenfalls Teil der Theorie und beim Handeln nicht nötig.
Das Leitbild der Achtsamkeit verführt häufig zum übertriebenen Ich-Bezug und wird dann zur Aufwertung der eigenen psychischen Bedeutsamkeit benutzt. Dann verdeckt es die unmittelbare Wirklichkeit und damit das Erwachen. Oft ist es auch im Gegensatz zu dem Bodhisattva-Handeln für andere.
Die Vorstellung eines Ich ist oft mit der Achtsamkeit verknüpft und blockiert das direkte Erleben “ohne etwas weg zu nehmen oder hinzu zu fügen“, das m. E. sehr genau beim Zazen erfahrbar ist und daher wirkungsvoller als die Achtsamkeit allein ist. Die Vorstellung des Ich löst sich so von allein auf und macht uns frei und flexibel. „Das Bessere ist des Guten Feind“
Das Modell des Ich hat in den beiden ersten Phasen der menschlichen Entwicklung (Lebensphilosophien) des Idealismus und Materialismus durchaus seine begrenzte Berechtigung und bestimmte Nützlichkeit. Es ermöglichte psychologisch die erste notwendige Schutzgrenze zur Umwelt. Aber in der dritten Phase der Entwicklung des Menschen, dem Handeln wird es zunehmend hinderlich und bewirkt unnötige Fixierungen und Verkrampfungen, die zwangsläufig Leiden erzeugen müssen. In der vierten Phase des Erwachens ist es weitgehend überflüssig und noch viel hinderlicher. Im Gleichgewicht braucht man es kaum.
Du kennst doch sicher Buddhas Gleichnis vom Floß: Wenn man den Fluss damit überquert hat, sollte man es an Land am neuen Ufer nicht weiterschleppen, weil es zu schwer ist. Also lässt man es am Ufer liegen und geht befreit weiter.
Sehen wir uns wieder am 21.6.08 beim Dogen-Gesprächskreis in Frankfurt? Dann können wir unser Gespräch gut fortsetzen.

Herzlich
Yudo