Dienstag, 8. Juni 2010

Die Augenblicklichkeit der Dinge und Phänomene


Dogen sagt: „Feuerholz wird Asche, es kann niemals zurückgehen, (und wieder) Feuerholz sein.“

Dies ist eine einfache, materielle und logisch leicht überprüfbare Feststellung, denn die Wärmeenergie ist beim Brennen aus dem Holz entwichen und an die umgebende Luft abgegeben worden. Die Asche enthält keine Wärmeenergie mehr. Auch strukturell ist es unmöglich, dass ein Häufchen Asche wieder zu dem Brennholz wird, das es einmal war.

Damit will Dôgen verschiedene materielle und dingliche Gegebenheiten in dieser Welt aufzeigen und vor allem die zeitliche Unterschiedlichkeit und Unabhängigkeit von Brennholz und Asche darlegen. Wir sollten also Brennholz genau als Brennholz und Asche genau als Asche wahrnehmen, so wie die Fakten eben sind. Jeweils in einem Augenblick gibt es die Wirklichkeit des Holzes und in einem anderen Augenblick die Wirklichkeit der Asche.

Er fährt fort: „Trotzdem sollten wir nicht die Sicht einnehmen, dass Asche die Zukunft und Feuerholz Vergangenheit ist.“
Dôgen bekräftigt mit diesen Worten die Selbstständigkeit von Asche und Feuerholz in der Wirklichkeit, also im Dharma und im Augenblick. Wenn wir uns vorstellen, dass das Holz im Zeitablauf zu Asche verbrannt wird, ist dies eine gedankliche Verbindung, aber nicht eine einfache Tatsache jeweils im Augenblick. Damit will Dôgen uns darauf hinweisen, dass wir genau die Fakten jeweils für sich beobachten und nicht unsere gedanklichen Verbindungen oder Erwartungen mit den Fakten vermischen sollen.

Asche und Feuerholz nehmen jeweils ihren eigenen Platz im Dharma, also in der Wirklichkeit, ein, wie es bei Dôgen heißt. Wenn wir mit den Vorstellungen der linearen Zeit diesen Zusammenhang betrachten, erscheint es so, dass beide jeweils ihre Vergangenheit und ihre Zukunft haben und verbunden sind. Aber die Wirklichkeit je im Hier und Jetzt „schneidet“ diese Verbindung ab, die wir nur denken und zu wissen meinen. Damit greift Dôgen wesentliche Aspekte der Sein-Zeit im Augenblick auf, die in einem gesonderten Kapitel genauer untersucht wird.

„Denkt daran, dass das Brennholz im Dharma seinen eigenen Platz als Brennholz einnimmt. Es hat ein Vorher und ein Nachher, aber trotzdem existiert das Vorher unabhängig vom Nachher.“

Was soll das bedeuten? Ist das ein Widerspruch zu dem vorher Gesagten? Nein, keineswegs!

Das Feuerholz hat seinen eigenen Platz als Feuerholz im gegenwärtigen Augenblick, und obgleich es eine Vergangenheit und eine Zukunft hat, sind die Vergangenheit und die Zukunft vollständig getrennt vom gegenwärtigen Augenblick. Nishijima Roshi erläutert hierzu:

Diese Lehre ist eng mit der Augenblicklichkeit aller Dinge und Phänomene im Buddhismus verbunden. (In der buddhistischen Lehre) gehen wir normalerweise davon aus, dass wir immer genau im gegenwärtigen Augenblick leben und daher erscheinen alle Dinge und Phänomene ebenfalls genau im gegenwärtigen Augenblick.“

Die Augenblicklichkeit, um die es hier geht, bedeutet, dass die Dinge und Phänomene nur im gegenwärtigen Jetzt die volle Wirklichkeit sind und dann wieder verschwinden. Die Vorstellung einer permanenten, zeitunabhängigen Welt ist demnach gedachte Spekulation, die zwar eine gewisse Plausibilität hat, aber eine Vorstellung und Annahme bleibt.

Erst in der Wirklichkeit des Augenblicks eröffnet sich die Freiheit und die Einheit von Form und Leere!

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