Dienstag, 22. Juni 2010

Verbindung zum Leben und Tod im Augenblick


Dôgen sagt: „Asche nimmt im Dharma ihren eigenen Platz als Asche ein, sie hat ein Vorher und ein Nachher. Ebenso wie das Brennholz, das einmal zu Asche geworden ist, nicht wieder zu Brennholz werden kann, können auch die Menschen nach dem Tod nicht mehr leben.“

Dieses Dôgen-Zitat kommentiert Nishijima Roshi folgendermaßen: „Es ist möglich, dass die Asche im Universum jeweils als solche existiert und insofern eine Vergangenheit und eine Zukunft hat.“
Diese Aussagen erscheinen uns westlichen Menschen zunächst recht eigenartig und schwer nachvollziehbar. Wesentlich dabei ist, dass wir beim Erleben im Augenblick die erinnerte Vergangenheit und erwartete Zukunft weglassen und uns ganz der Gegenwart öffnen und hingeben. Auf diese Weise erleben wir die Fakten der Gegenwart direkt, können realistischer beobachten und die Welt unverstellt erfahren.
Aus psychologischer Sicht muss hinzugefügt werden, dass sowohl Erinnerungen als auch Erwartungen niemals reines Denken darstellen, sondern immer mit manchmal sehr starken Emotionen gekoppelt sind, die das Denken ganz wesentlich beeinflussen und steuern. Dadurch wird die Erfahrung aber verzerrt, vergrößert oder verkleinert. Die Emotionen steuern also in unserem üblichen Alltag sehr häufig unser Denken und unsere Vernunft. Der Buddhismus setzt genau an dieser Stelle an und will uns von derartigen Täuschungen und Illusionen befreien, damit wir zur Wirklichkeit selbst gelangen.

Die Aufforderung, Leben und Tod jeweils für sich als Wirklichkeit zu erkennen und zu verwirklichen, verstärkt Dôgen, indem er sie zu einer zentralen Aussage erhebt und dem sich drehenden Dharma-Rad des Buddhismus gleichsetzt. In dieser nicht-dualistischen Sicht gibt es daher im Augenblick kein Erscheinen und Vergehen, sondern nur die Wirklichkeit selbst, so wie sie ist: jetzt, jetzt, jetzt!
Dôgen fährt fort: „Gleichzeitig ist es im Buddha-Dharma eine gesicherte Tradition, nicht zu sagen, dass Leben sich zum Tod verwandelt. Deshalb sprechen wir vom ‚Nicht-Erscheinen’.“
Dies bedeutet, dass wir im Hier und Jetzt leben. Der Tod wird meist gedacht und gefürchtet oder eventuell als Befreiung erhofft, während wir leben. Fast immer sind die Gedanken an den Tod mit sehr starken Emotionen und Ängsten verbunden. Gautama Buddha hat den Tod zu einer der zentralen Ursachen des Leidens gezählt. Aus den oben stehenden Worten spricht dagegen die Nüchternheit und Exaktheit der Wirklichkeit, die nach Dôgen für den Zen-Buddhismus typisch sind. Wenn man auf der Grundlage der Sein-Zeit des Augenblicks und damit in der Wirklichkeit lebt, sei es nicht sinnvoll, davon zu sprechen, dass sich das Leben nicht in den Tod umwandelt. Derartige Veränderungsprozesse laufen auf der Ebene des Denkens und der Überlegung ab und nicht in der Erfahrung der Wirklichkeit.
Im Herz-Sûtra, welches Dôgen auch im Shôbôgenzô tiefgründig erläutert, wird ebenfalls die Augenblicklichkeit des Universums ausgedrückt. Die Veränderungsprozesse des Entstehens und Vergehens stellen im Buddhismus nur eine bestimmte Sicht der Wirklichkeit dar und dürfen nicht verallgemeinert werden, weil sonst die Augenblicklichkeit verloren ginge. Veränderungsprozesse sind vor allem gedachte und oft emotional geprägte Zusammenhänge, die wir selbst durch Verknüpfungen verschiedener Zustände über der linearen Zeit herstellen. Dieser Ansatz mag in bestimmten Bereichen, zum Beispiel bei Organisationsaufgaben, durchaus nützlich sein, verbleibt aber auf der Ebene des dualistischen Denkens und Fühlens.

Nishijima Roshi stellt fest: „Im Buddhismus sind sowohl Leben als auch Tod je einfache Tatsachen im gegenwärtigen Augenblick und wir sagen daher nicht, dass es irgendetwas (im Augenblick) gibt, das erscheint.“
Mit dem Ausdruck „einfache Tatsachen“ betont er die Unabhängigkeit von verzerrenden Ideen und Emotionen, die vor allem die Ursache dafür sind, dass man das Leben als sinnlos empfindet und sich wie gelähmt fühlt. Die Tabuisierung und Verdrängung des Alterns und Todes kann sich auch in dem bekannten Phänomen des Jugendwahns der modernen Konsum- und Spaßgesellschaft äußern.

1 Kommentar:

MaTri2061 hat gesagt…

Lieber Yudo,

ich erlaube mir an dieser Stelle mal einen öffentlichen Kommentar.

Auch wenn wir das Absolute als absolut erkennen, bleibt dennoch das Relative was wir als relativ erkennen. Sowohl das Eine als auch das Andere entspricht der Wirklichkeit.

Eine einseitige Sicht auf DEN Augenblick - Jetzt, Jetzt, Jetzt, ... würde die Sicht auf die natürlichen Ereignisse, z.B. dass Frühling auf Winter folgt, Dunkelheit und Helligkeit einander abwechseln usw. völlig ignorieren.

Aus diesem Grund erscheint mir der Hinweis wichtig, dass wir sowohl das Absolute als auch das Relative im Augenblick sehen müssen.

Gasshô
Mario