Sonntag, 13. März 2011

Wie wichtig sind Sūtra-Lesen und das Rezitieren?


Jemand fragt Dōgen kritisch:


„Das Lesen der Sūtras und Rezitieren der Namen der Buddhas mögen anders als (beim Zazen) auf natürliche Weise die Ursachen und Bedingungen der Erleuchtung werden. Aber wenn man nur nutzlos herumsitzt und nichts tut: Wie kann das ein (wirksames) Mittel dafür sein, Erleuchtung zu erlangen?“



Bevor die Zazen-Praxis durch Meister Dōgen nach Japan kam, bestand die Übung der Mönche wesentlich aus dem Lesen der Sūtras und dem Rezitieren der Namen der Buddhas. Dies ist auch heute noch in abgeschwächter Form in buddhistischen Tempeln üblich. Dōgen kannte diese Praxis selbst aus den Klöstern, in denen er vor seiner China-Reise gelernt hatte, und er stellte fest, dass auf diese Weise das Gleichgewicht und die Erleuchtung nicht dauerhaft zu erlangen waren. Aber manche Kritiker sahen die Zazen-Praxis dennoch als nutzlose Zeitverschwendung an, zumal sie von außen beim stummen Sitzen der Praktizierenden nicht viel erkennen konnten. Dōgens Antwort lautet:



„Wenn du jetzt denkst, dass der Samādhi der Buddhas, (also) der höchste und größte Dharma, nur nutzloses Sitzen sei, ohne dass man dabei irgendetwas tut, bist du ein Mensch, der das große Fahrzeug empfindlich herabsetzt.“



Für Dōgen ist die Zazen-Praxis der zentrale Kern des Mahāyāna-Buddhismus oder – wie er auch genannt wird – des großen Fahrzeugs. Wer dies nicht anerkennt, entwertet aus seiner Sicht den Mahāyāna-Buddhismus unwiderbringlich, denn Zazen ist keinesfalls nur sinnloses und untätiges Herumsitzen auf dem Sitzkissen. Ein solch grundlegender Irrtum macht es nach Dōgens Überzeugung unmöglich, dass der wahre Buddhismus verwirklicht werden kann. In diesem Sinne fährt er mit seiner Antwort fort:



„(Eine solche) Täuschung ist so tiefgehend, dass es dem gleichkommt zu sagen, dass es kein Wasser gibt, wenn man sich (mitten) im Ozean aufhält. (Im Zazen) sitzen wir schon stabil und dankbar im Samādhi der Buddhas und empfangen und nutzen unser Selbst. Ist dies nicht (wahrhaftig) die Vollendung der weiten und großen Tugend?“



Er hält die Aussage, Zazen sei nutzloses Herumsitzen, also geradezu für unsinnig und grotesk. Seine Antwort enthält wieder eine ganz zentrale Feststellung zur Zazen-Praxis: „Im Samādhi empfangen und nutzen wir unser (wahres) Selbst“. Auch hier ist nicht das abgegrenzte Ich gemeint, sondern das Selbst, das unser wahres Leben ist. Durch die Einheit mit dem Universum und seinen Energien empfangen wir unser wahres Selbst, das wir in unserem täglichen Leben dann benutzen können, indem wir im Hier und Jetzt im Gleichgewicht und in Klarheit handeln und unsere Aufgaben erledigen. Dies bedeutet gleichzeitig ethisches Handeln und Tun, denn der Buddhismus ist niemals isoliert von Ethik und Moral, sondern unauflösbar mit ihr verbunden. Er ist keine von der Praxis abgelöste theoretische Philosophie, sondern identisch mit der Praxis selbst und dem moralischen Handeln. Nishijima Roshi formuliert hierzu ein wichtiges Grundprinzip:


„Denken und Wahrnehmung sind nicht so wichtig wie Handeln (im Zazen).“


Und er ergänzt, dass wir es meist gewohnt sind, das Handeln geringer zu schätzen als Denken, und dass dies insbesondere auf die intellektuelle Kultur im Zeitalter des alten Griechenlands zurückzuführen sei. Meister Dōgen baut natürlich nicht auf der griechischen Philosophie auf, sondern hat seine Wurzeln im indischen Buddhismus Gautama Buddhas.

1 Kommentar:

Peter Lin hat gesagt…

Ein guter Freund, der schon einiges über Buddhismus gelesen hatte fragte mich letzten Sommer: "Und, vertust Du immer noch Deine Zeit auf dem Kissen ?", auf mein Zafu zeigend.
In der Tat sieht es für den Außenstehenden leicht so aus als würde es sich um Müßiggang, Vertun, oder zumindest selbstbezogene Entspannungsübungen handeln. Und selbst dieser Freund, obwohl thematisch mit Zen etwas vertraut, empfand Zazen als zeit-vertun.

Danke für die Darlegung, ich hab mir das Kapitel Bendowa vorgenommen um es zu vertiefen und gute Antworten bereitzuhaben, wenn ich das nächste mal gefragt werde.