Montag, 6. Februar 2012

Menschliche Hautsäcke erkennen nicht die Sein-Zeit

Nishijima Roshi betont, dass man durch Denken und den buddhistischen Idealismus allein niemals das Erwachen wirklich erreichen kann, weil solches Denken weitgehend Illusion und Einbildung bleibt. Dōgen dazu:


„(Menschliche) Hautsäcke erkennen (Zeit nur) als Weggehen und Kommen (!). Niemand hat sie als Sein-Zeit durchdrungen, die an ihrem Ort weilt: Wie viel weniger könnte irgend(jemand) erfahren, dass die Zeit durch das Tor (des Dualismus bereits) hindurchgegangen ist?“

Die für unsere Ohren etwas drastische Bezeichnung „menschlicher Hautsack“ verwendet Dōgen für die gewöhnlichen Menschen, die den Buddha-Dharma nicht suchen und sich nicht auf den Weg der Befreiung gemacht haben. Für solche Menschen sei es leider unmöglich, die Zeit als Sein-Zeit zu erfahren und die Zeit sowohl als eine Folge von Augenblicken als auch als Augenblick selbst zu erfahren. Damit verharren sie bei der linearen Zeit in der Unterscheidung von Subjekt und Objekt, also im Dualismus. Dieser Dualismus markiert gleichzeitig die Trennung vom Subjekt und Objekt sowohl beim Idealismus als auch bei dessen Negation, dem Materialismus.


Dōgen weist im Folgenden darauf hin, dass es von zentraler Bedeutung sei, das „Unfassbare“, man kann auch sagen das Göttliche, in der Sein-Zeit zu erlangen, was allerdings vielen Menschen verwehrt sei, selbst wenn sie ihren Ort im Dharma gefunden hätten. Die Wirklichkeit von Bodhi und Nirvāna ist nach Dōgen die Sein-Zeit, also wirkliche Existenz, unabhängig davon, wie gewöhnliche Menschen dies interpretieren oder verstehen mögen.


Dieser Ansatz ähnelt dem Inhalt eines Gedichtes von Daikan Enō, das im Shōbōgenzō im Kapitel über das Lotos-Sūtra vorkommt. Daikan Enō sagt darin, dass die Wirklichkeit des Universums, die er als Dharma-Blume bezeichnet, sich ganz unabhängig davon dreht, ob wir an dieser wunderbaren Wirklichkeit teilhaben oder nicht. Das heißt, selbst wenn wir uns durch unsere festgefahrenen Meinungen und Bewertungen von der Wirklichkeit entfernt haben, dreht sich die Dharma-Blume der großen Wahrheit weiter. Dies ist auch gleichzeitig eine tröstliche Aussage: Wenn wir aus unseren Illusionen und Täuschungen erwacht sind, finden wir direkt den Zugang zu dieser wunderbaren Wirklichkeit der Dharma-Blume, die immer da war.


Dōgen führt seinen Gedanken fort:
Kurz gesagt verwirklicht sich die Sein-Zeit, ohne dass die (üblichen) Begrenzungen und Behinderungen beendet sind.“


Wir alle leben in sozialen und gesellschaftlichen Strukturen und Prozessen, die einerseits als Begrenzungen empfunden werden, aber andererseits unser Leben überhaupt erst ermöglichen. Die Wirklichkeit der Sein-Zeit ist jedoch trotz dieser Bedingungen vorhanden, die durch Grenzen, Restriktionen sowie „Käfige und Netze“ in der Lebenswelt gegeben sind. Viele Zwänge gibt es nur in unserem Gehirn! Sie können aufgelöst werden.

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