Dōgen
erzählt zum Geist eine alte Geschichte aus dem chinesischen Buddhismus. Darin geht es um die Begegnung zwischen Meister Tokuzan, bevor er zum Meister wurde, und einer alten Frau, die
Reiskuchen verkaufte. Tokuzan wurde auch Shu
genannt – der König des Diamant-Sūtra – und war in China berühmt wegen seines
großen Wissens und seiner Qualitäten als Gelehrter.
Es
heißt sogar, dass er unter den damaligen 800 Gelehrten der Beste war und sich
insbesondere mit umfangreichen Kommentaren zum Diamant-Sūtra hervorgetan hatte.
Diese Kommentare sollen mehrere Kilo schwer gewesen sein, und es gab keinen
anderen Lehrer der Sūtras, der es mit ihm aufnehmen konnte. Deshalb war Tokuzan
von besonderem Stolz über sein Wissen und seine Berühmtheit erfüllt.
Als
er hörte, dass es im Süden Chinas in einem Kloster auf dem Berg Ryutan einen großen Meister und wahren
Kenner des Diamant-Sūtra gebe, wurde sein Ehrgeiz angestachelt, und er
entschloss sich, die aufwendige Reise dorthin auf sich zu nehmen, um sich mit
diesem Meister zu messen, von dem man sagte, dass er ein wahrer Nachfolger im
Dharma und authentischer Linienhalter sei.
Auf
seinem Weg traf Tokuzan eine alte Frau, als er einmal Rast machte, und fragte
sie: „Was für ein Mensch bist du?“
Die
Frau antwortete: „Ich bin eine alte Frau,
die Reiskuchen verkauft.“
Der
Gelehrte Tokuzan fragte weiter: „Willst
du mir einige Reiskuchen verkaufen?“
Die
Frau stellte jedoch die gar nicht schüchterne Gegenfrage, warum der Meister
denn die Reiskuchen kaufen wolle, und dieser erwiderte:
„Ich möchte
gern Reiskuchen kaufen, um meinen Geist zu stärken.“
Die
alte Frau fragte daraufhin neugierig, was Tokuzan mit sich herumtragen würde,
und dieser antwortete nicht ohne Stolz:
„Hast du
nicht gehört, ich bin Shu, der König des Diamant-Sūtra. Ich habe das
Diamant-Sūtra gemeistert. Es gibt keinen Teil (des Sūtra), den ich nicht
verstanden habe. Was ich mit mir trage, sind die Kommentare zum Diamant-Sūtra.“
Nachdem
die Frau den Meister aufmerksam gemustert hatte, sagte sie: „Diese alte Frau hat eine Frage, wird der
Meister mir erlauben, sie (an ihn zu richten) oder nicht?“
Tokuzan
antwortete gönnerhaft:
„Ich erlaube es, du magst fragen, was immer
du willst.“
Die
Frau war in der Tat nicht schüchtern und wollte den Gelehrten nun sogar auf die
Probe stellen, indem sie sagte:
„Ich habe
gehört, dass es im Diamant-Sūtra heißt, dass der vergangene Geist nicht erfasst
werden kann, dass der gegenwärtige Geist nicht erfasst werden kann und dass der
zukünftige Geist nicht erfasst werden kann. Welchen Geist beabsichtigst du mit
meinem Reiskuchen zu stärken?“ Und sie fügte sogar noch mutiger hinzu: „Wenn der Meister in der Lage ist, etwas zu
sagen, will ich ihm die Reiskuchen verkaufen. Wenn der Meister nicht in der
Lage ist, etwas zu sagen, will ich ihm nicht die Reiskuchen verkaufen.“
Dem berühmten „König des
Diamant-Sūtra“ verschlug es tatsächlich die Sprache, denn er konnte in der Tat
diese geschickte Frage der alten und scheinbar ungebildeten Frau nicht
beantworten. Diese weigerte sich dann auch prompt, ihm einen Reiskuchen zu
verkaufen, und schritt von dannen, indem sie die weiten Ärmel ihres Gewandes
bedeutungsvoll hin- und herschwenkte.